Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Von Jesus zu Christus
GA 131

14 Oktober 1911, Karlsruhe

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Gestern haben wir versucht, den Weg zu charakterisieren, der heute noch gegangen werden kann und der namentlich in früheren Zeiten von dem exoterischen Bewußtsein des Menschen aus zu dem Christus gegangen werden konnte. Wir wollen nun auch den esoterischen Weg mit einigen Worten berühren, das heißt, den Weg, der so zu dem Christus führen kann, daß der Christus innerhalb der übersinnlichen Welten gefunden wird.

[ 2 ] Zunächst soll bemerkt werden, daß dieser esoterische Weg zu dem Christus Jesus im Grunde genommen auch der Weg der Evangelisten war, derjenigen, welche die Evangelien geschrieben haben. Denn trotzdem der Schreiber des Johannes-Evangeliums einen großen Teil dessen, was in seinem Evangelium dargestellt ist — wie Sie aus der Darstellung des Johannes-Evangeliums in dem entsprechenden Zyklus ersehen können — selbst gesehen hat, so müssen wir doch auch von ihm sagen, daß es nicht die Hauptsache für ihn war, bloß dasjenige darzustellen, woran er sich erinnerte; denn das gab eigentlich nur jene kleinen, genauen Züge, von denen wir ja gerade, wie wir gesehen haben, im Johannes-Evangelium überrascht sind. Aber die großen, die majestätisch überragenden Züge des Erlöserwerkes, des Mysteriums von Golgatha, hat auch dieser Evangelienschreiber seinem hellsehenden Bewußtsein entnommen. Daher können wir sagen: ebenso wie die Evangelien eigentlich aufgefrischte Einweihungsritualien sind — das geht auch aus dem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» hervor — so sind sie auf der anderen Seite gerade deshalb so geworden, weil die Evangelienschreiber auf ihrem esoterischen Wege sich aus der übersinnlichen Welt ein Bild dessen verschaffen konnten, was in Palästina vorgegangen ist und zu dem Mysterium von Golgatha geführt hat. Wer nun, seit dem Mysterium von Golgatha bis in unsere 'Tage herein, zu einer übersinnlichen Erfahrung von dem Christus-Ereignis kommen wollte, mußte dasjenige auf sich wirken lassen, was Sie in den entsprechenden Vortragszyklen, die jetzt eigentlich schon zu dem Elementaren unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit gehören, geschildert finden als die sieben Stufen unserer christlichen Einweihung: Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, mystischer Tod, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Heute wollen wir uns einmal klarmachen, was der Schüler erreichen kann, wenn er diese christliche Einweihung auf sich wirken läßt.

[ 3 ] Machen wir uns den Prozeß der christlichen Einweihung klar; sehen wir gleich auf das allererste, um was es sich da handelt. Es wird nicht so gemacht — wie Sie sich überzeugen können, wenn Sie die entsprechenden Zyklen durchnehmen — wie in jener nicht richtigen Einweihung, von der in dem ersten Vortrage dieses Zyklus gesprochen worden ist; sondern so, daß zunächst die allgemein menschlichen Gefühle wirken sollen, die dann zur Imagination der Fußwaschung selber führen. Nicht also wird zuerst das Bild des Johannes-Evangeliums imaginiert, sondern es wird von dem, der die christliche Einweihung anstrebt, zunächst versucht, mit gewissen Gefühlen und Empfindungen eine längere Zeit zu leben. Ich habe es oft dadurch charakterisiert, daß ich sagte, der Betreffende sollte hinschauen auf die Pflanze, die sich erhebt aus dem mineralischen Boden, die aufnimmt die Stoffe des Mineralreiches und sich dennoch erhebt über dieses Mineralreich als ein höheres Wesen, als es das Mineral ist. Wenn nun diese Pflanze sprechen und fühlen könnte, so müßte sie sich herunterneigen zu dem Mineralreich und sagen: Zwar bin ich bestimmt worden innerhalb der Weltengesetzlichkeit zu einer höheren Stufe als du, Mineral, aber du gibst mir die Möglichkeit des Daseins. Du bist zwar in der Ordnung der Wesen zunächst ein niedrigeres Wesen als ich, aber ich verdanke dir niedrigerem Wesen mein Dasein, und ich neige mich in Demut vor dir. — In derselben Weise müßte sich das Tier herunterneigen zur Pflanze, trotzdem diese ein niedrigeres Wesen ist als das Tier und müßte sagen: Dir verdanke ich mein Dasein; ich erkenne es in Demut an und neige mich vor dir. — Und so müßte jedes Wesen, das hinaufsteigt, sich herunterneigen zu den anderen, unter ihm stehenden; und auch wer auf einer geistigen Stufenleiter hinaufgestiegen ist zu einer höheren Stufe, müßte sich herunterneigen zu den Wesen, die ihm das allein möglich gemacht haben. Wer sich nun ganz durchdringt mit dem Gefühl der Demut gegenüber dem Niedrigeren, wer dieses Gefühl ganz und gar einverleibt in seine Wesenheit und es monatelang, ja vielleicht Jahre hindurch in seiner Wesenheit leben läßt, der wird sehen, daß es sich ausbreitet in seiner Organisation und ihn so durchzieht, daß er die Verwandelung dieses Gefühls zu einer Imagination erlebt. Und diese Imagination besteht genau in der Szene, die im Johannes-Evangelium geschildert ist als die Fußwaschung, da der Christus Jesus, der das Haupt der Zwölf ist, sich herunterneigt zu denen, die unter ihm stehen in der Ordnung der physischen Welt hier, und in Demut anerkennt, daß er die Möglichkeit des Aufstieges denjenigen verdankt, die unter ihm sind, und anerkennt vor den Zwölfen: Wie das Tier der Pflanze, so verdanke ich euch, was ich werden konnte in der physischen Welt. — Wer sich mit dieser Empfindung durchdringt, kommt nun wieder nicht nur zu jener Imagination der Fußwaschung, sondern auch zu einem ganz bestimmten Gefühl, zu dem Gefühl, wie wenn Wasser seine Füße umspülen würde. Das kann der Betreffende wochenlang dann fühlen, und das wäre ein äußeres Zeichen dafür, wie tief sich in unser Wesen eine solche allgemein menschliche und doch den Menschen über sich selbst hinaushebende Empfindungswelt einprägt.

[ 4 ] Weiter haben wir gesehen, daß man durchmachen kann, was zur Imagination der Geißelung führt, wenn wir uns recht lebendig vorstellen: Es werden mich noch viele Leiden und Schmerzen in der Welt treffen; ja, von allen Seiten können die Leiden und Schmerzen kommen; keinem bleiben sie im Grunde genommen erspart. Ich aber will meinen Willen so stählen, daß von allen Seiten die Leiden und Schmerzen, die Geißelschläge, die von der Welt kommen, auf mich eindringen mögen; ich will aufrechtstehen und mein Schicksal ertragen, wie es sich ergeben wird; denn hätte es sich bisher nicht so ergeben, wie ich es durchlebt habe, so hätte ich mich nicht so zu der Höhe entwickeln können, zu der ich gekommen bin. — Wenn der Betreffende dies zu seiner Empfindung macht und damit lebt, dann fühlt er tatsächlich etwas wie Stiche und Verwundungen, wie Geißelschläge gegen die eigene Haut, und die Imagination tritt auf: wie wenn der Betreffende außer sich wäre und sich selbst nach dem Vorbilde des Christus Jesus gegeißelt sähe. So kann man nach diesem Vorbilde die Dornenkrönung, den mystischen Tod und so weiter erleben. Das ist öfter geschildert worden.

[ 5 ] Was wird von demjenigen erreicht, der so in sich selber versucht, zunächst die vier Stufen und, wenn das Karma günstig ist, auch die übrigen, also alle sieben Stufen der christlichen Einweihung zu erleben? Aus den entsprechenden Schilderungen selbst können Sie es entnehmen, daß die ganze Stufenleiter der Empfindungen, die wir da durchmachen, auf der einen Seite uns stärken und kräftigen sollen und uns zu einer ganz anderen Natur machen sollen, so daß wir fühlen, daß wir stark, kräftig und frei dastehen in der Welt, aber auch fähig sind zu einer jeden Tat hingebungsvoller Liebe. Aber das soll in einem tiefen Sinne uns zur anderen Natur werden in der christlichen Einweihung. Denn was soll da geschehen?

[ 6 ] Vielleicht ist es noch nicht allen von Ihnen, welche die früheren elementaren Zyklen gelesen haben und dadurch der christlichen Einweihung mit ihren sieben Stufen begegnet sind, aufgegangen, daß durch die Intensität der Empfindungen, welche dabei durchgemacht werden sollen, wirklich hineingewirkt wird bis in die physischen Leiber. Denn durch die Stärke und die Gewalt, mit der wir diese Empfindungen durchmachen, spüren wir, wie wenn Wasser zunächst unsere Füße umspülte, wie wenn Wunden uns versetzt würden, spüren wirklich so etwas, wie wenn die Dornen in unser Haupt hineingestoßen würden, spüren wirklich alle Schmerzen und Leiden der Kreuzigung. Wir müssen das spüren, bevor wir die Erlebnisse des mystischen Todes, der Grablegung und der Auferstehung spüren können, wie sie ja auch geschildert worden sind. Wenn man nicht genügend intensiv diese Empfindungen durchmacht, haben sie freilich auch die Wirkung, daß wir kräftig und liebevoll werden im rechten Sinne des Wortes, aber was uns da einverleibt wird, das kann nur bis zum Ätherleibe gehen. Wenn wir aber anfangen, es bis in unseren physischen Leib zu spüren — die Füße wie von Wasser umspült, den Leib wie von Wunden bedeckt —, dann haben wir diese Empfindungen stärker in unsere Natur hineingetrieben und haben erreicht, daß sie vorgedrungen sind bis zum physischen Leib. Sie dringen ja auch wirklich bis zum physischen Leib vor; denn es kommen die Stigmata, die von Blut durchtränkten Stellen der Wundmale des Christus Jesus hervor; das heißt also: bis in den physischen Leib treiben wir die Empfindungen hinein und wissen, dafß selbst bis in den physischen Leib die Empfindungen ihre Stärke entfalten, wissen also, daß wir uns von unserer Wesenheit mehr ergriffen fühlen als etwa bloß Astralleib und Ätherleib. Es ist also im wesentlichen so zu charakterisieren, daß wir durch einen solchen Vorgang mystischer Empfindungen bis in unseren physischen Leib hinein wirken. Wenn wir das tun, machen wir nichts Geringeres, als daß wir uns bereit machen in unserem physischen Leibe, das Phantom nach und nach zu empfangen, das ausgeht von dem Grabe auf Golgatha. Wir arbeiten deshalb in unseren physischen Leib hinein, um denselben so lebendig zu machen, daß er eine Verwandtschaft, eine Anziehungskraft fühlt zu dem Phantom, das sich auf Golgatha aus dem Grabe erhoben hat.

[ 7 ] Ich möchte dazu eine Zwischenbemerkung machen. Man muß sich tatsächlich in der Geisteswissenschaft daran gewöhnen, daß man nach und nach mit den Weltengeheimnissen und Weltenwahrheiten bekannt gemacht wird. Und wer sich nicht Zeit lassen will in dem Sinne, wie es im Laufe dieser Vorträge charakterisiert worden ist, daß wir warten sollen auf die entsprechenden Wahrheiten, der wird nicht gut vorwärtskommen. Freilich möchten die Menschen alles Geisteswissenschaftliche auf einmal, am liebsten in einem Buche oder in einem Zyklus haben. Aber es geht nicht so. Und hier haben Sie ein Beispiel, daß es nicht so geht. Wie lange ist es her, daß in einem älteren Vortragszyklus zum ersten Male die christliche Einweihung geschildert worden ist, daß gezeigt worden ist: soundso verläuft sie, und der Mensch arbeitet tatsächlich durch die Empfindungen, welche in seiner Seele wirken, bis hinein in seinen physischen Leib. Heute zum ersten Male ist es möglich, weil alles, was in den vorangegangenen Zyklen gesagt worden ist, Elemente waren zum Verständnisse des Mysteriums von Golgatha, daß wir darüber sprechen können, wie sich der Mensch durch die entsprechenden Gefühlserlebnisse der christlichen Einweihung reif macht, um das Phantom zu empfangen, das aus dem Grabe von Golgatha auferstanden ist. Es mußte so lange gewartet werden, bis der Zusammenschluß des Subjektiven mit dem Objektiven gefunden werden konnte, wozu eben viele Vorträge vorangehen mußten. So kann manches auch heute nur als die halbe Wahrheit angedeutet werden. Wer Geduld hat, um mit uns zu gehen, sei es in dieser oder in einer anderen Inkarnation, je nach seinem Karma, wer gesehen hat, wie aufgestiegen werden konnte von der Beschreibung des mystischen Weges im christlichen Sinne bis zur Beschreibung der objektiven Tatsache dessen, was eigentlich der Sinn dieser christlichen Einweihung ist, der wird auch sehen, daß noch viel höhere Wahrheiten aus der Geisteswissenschaft heraus im Verlaufe der nächsten Jahre oder des nächsten Weltalters werden zutage gefördert werden.

[ 8 ] So sehen wir den Zweck und das Ziel der christlichen Einweihung. Durch das, was als rosenkreuzerische Einweihung charakterisiert worden ist, und durch das, was überhaupt heute ein Mensch als Einweihung haben kann, wird nun auch in einer gewissen Weise, nur mit etwas anderen Mitteln, dasselbe erlangt: daß ein Anziehungsband geschaffen wird zwischen dem Menschen, insofern er in einem physischen Leibe verkörpert ist, und dem, was als das eigentliche Urbild des physischen Leibes auferstanden ist aus dem Grabe von Golgatha. Nun aber wissen wir aus dem Beginne dieses Vortragszyklus, daß wir an dem Ausgangspunkte einer Weltepoche stehen, in welcher ein Ereignis erwartet werden muß, das sich nun nicht abspielt wie das Ereignis von Golgatha auf dem physischen Plan, sondern das sich in der höheren Welt, in der übersinnlichen Welt abspielen wird, das aber in einem genauen und richtigen Zusammenhange steht mit dem Ereignis von Golgatha. Während das letztere dazu bestimmt war, den eigentlichen physischen Kräfteleib des Menschen, das Phantom, das seit Beginn der Erdentwickelung degeneriert ist, dem Menschen wiederzugeben, wozu eben im Beginne unserer Zeitrechnung eine Reihe von Ereignissen notwendig waren, die sich wirklich auf dem physischen Plane abgespielt haben, so ist zu dem, was jetzt geschehen muß, nicht ein Ereignis auf dem physischen Plan notwendig. Eine Inkarnation der Christus-Wesenheit in einem fleischlichen menschlichen Leib konnte nur einmal im Laufe der Erdentwickelung geschehen. Und es heißt einfach, das Christus-Wesen nicht verstehen, wenn man eine Wiederhoiung der Inkarnation dieser Wesenheit behaupten kann. Das aber, was eintritt und einer übersinnlichen Welt angehört, nur in einer übersinnlichen Welt beobachtet werden kann, das wurde mit den Worten charakterisiert: Der Christus wird der Herr des Karma für die Menschen. Das heißt: die Ordnung der karmischen Angelegenheiten wird in der Zukunft geschehen durch den Christus; immer mehr und mehr werden die Menschen der Zukunft empfinden: Ich gehe durch die Pforte des Todes mit meinem karmischen Konto. Auf der einen Seite stehen meine guten, gescheiten und schönen "Taten, meine gescheiten, schönen, guten und verständigen Gedanken — auf der anderen Seite steht alles Böse, Schlechte, Dumme, Törichte und Häßliche. Der aber, der in der Zukunft für die Inkarnationen, die nun folgen werden in der menschheitlichen Entwickelung, das Richteramt haben wird, um Ordnung in dieses karmische Konto der Menschen hineinzubringen, das ist der Christus! — Und zwar haben wir uns das in folgender Weise vorzustellen:

[ 9 ] Nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, werden wir in einer späteren Zeit wieder inkarniert. Es müssen nun für uns Freignisse eintreten, durch die unser Karma ausgeglichen werden kann; denn jeder Mensch muß ernten, was er gesät hat. Karma bleibt ein gerechtes Gesetz. Aber was das karmische Gesetz erfüllen soll, ist nicht nur für den einzelnen Menschen da. Karma gleicht nicht nur die Egoismen aus, sondern es soll der Ausgleich bei jedem Menschen so geschehen, daß sich die karmische Ausgleichung in der bestmöglichen Weise in die allgemeinen Weltangelegenheiten hineinfügt. Wir müssen unser Karma so ausgleichen, daß wir in der bestmöglichen Weise den Fortschritt des ganzen Menschengeschlechtes auf der Erde fördern können. Dazu brauchen wir eine Erleuchtung; dazu bedarf es nicht nur des allgemeinen Wissens, daß für unsere Taten die karmische Erfüllung eintreten muß, weil für eine Tat diese oder jene karmische Erfüllung eintreten könnte, die ein Ausgleich sein kann, Weil aber die eine nützlicher, die andere weniger nützlich sein könnte für den allgemeinen Fortschritt der Menschheit, so sollen diejenigen Gedanken, Gefühle oder Empfindungen gewählt werden, die unser Karma abtragen und zugleich dem Gesamtfortschritte der Menschheit nützlich werden. Einzureihen unseren karmischen Ausgleich dem allgemeinen Erdenkarma, dem allgemeinen Fortschritt der Menschheit, das fällt in Zukunft dem Christus zu. Und es geschieht im wesentlichen in der Zeit, in welcher wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben; aber es wird sich auch in der Zeitepoche, der wir entgegengehen, vor deren Toren wir stehen, so vorbereiten, daß in der Tat die Menschen immer mehr die Fähigkeit erlangen werden, ein bestimmtes Erlebnis zu haben. Heute haben es höchst wenige Menschen. Aber immer mehr und mehr Menschen werden von der jetzigen Zeit, von der Mitte dieses Jahrhunderts an durch die nächsten Jahrtausende folgendes Erlebnis haben:

[ 10 ] Der Mensch wird dieses oder jenes getan haben. Er wird sich besinnen, wird aufschauen müssen von dem, was er da getan hat — und es wird etwas wie eine Art Traumbild vor dem Menschen erstehen. Das wird einen ganz merkwürdigen Eindruck auf den Menschen machen. Er wird sich sagen: Ich kann mich nicht besinnen, daß es eine Erinnerung wäre an etwas, was ich getan habe; dennoch aber ist es so, wie wenn es mein Erlebnis wäre. — Wie ein Traumbild wird es dastehen vor dem Menschen, ihn recht angehend, aber er kann sich nicht erinnern, daß er es in der Vergangenheit erlebt oder getan hat. Dann wird nun der Mensch entweder Anthroposoph sein und die Sache verstehen, oder er wird warten müssen, bis er an die Anthroposophie herankommt und es verstehen lernt. Der Anthroposoph aber wird wissen: Was du da siehst wie eine Folge deiner Taten, das ist ein Bild, das sich in der Zukunft mit dir vollziehen wird; vorauserscheint dir der Ausgleich deiner Taten! — Die Epoche fängt an, in welcher die Menschen in dem Augenblick, wo sie eine Tat getan haben, eine Ahnung, vielleicht sogar ein deutliches Bild, eine Empfindung haben werden, wie der karmische Ausgleich dieser "Iat sein wird.

[ 11 ] So in engster Verbindung mit den menschlichen Erlebnissen werden erhöhte Fähigkeiten in der folgenden Epoche der Menschheit auftreten. Das werden gewaltige Antriebe zur Moralität des Menschen sein, und diese Antriebe werden noch etwas ganz anderes bedeuten als das, was die Vorbereitung zu diesen Antrieben gewesen ist: die Stimme des Gewissens. Der Mensch wird nicht mehr glauben: Was du getan hast, das ist etwas, was mit dir sterben kann — sondern er wird ganz genau wissen: Die Tat wird nicht mit dir sterben; sie wird als Tat eine Folge haben, die mit dir weiterleben wird. — Und manches andere wird der Mensch wissen. Die Zeit, in welcher für die Menschen die Tore zu der geistigen Welt abgeschlossen waren, nähert sich ihrem Ablauf. Die Menschen müssen wieder hinaufsteigen zur geistigen Welt. Die Fähigkeiten werden so erwachen, daß die Menschen Teilnehmer der geistigen Welt sein werden. Hellsehen wird noch immer etwas anderes sein als diese Teilnehmerschaft. Aber wie es ein altes Hellsehen gegeben hat, das traumhaft war, so wird es ein zukünftiges Hellsehen geben, das nicht traumhaft ist, und wo die Menschen wissen werden, was sie getan haben, und was es bedeutet.

[ 12 ] Aber noch etwas anderes wird eintreten. Die Menschen werden wissen: Ich bin nicht allein; überall leben geistige Wesenheiten, die in Beziehung stehen mit mir. — Und der Mensch wird lernen, einen Verkehr zu haben mit diesen Wesenheiten, mit ihnen zu leben. Und in den nächsten drei Jahrtausenden wird einer genügend großen Anzahl von Menschen das als eine Wahrheit erscheinen, was wir nennen können: das karmische Richteramt des Christus. Den Christus selbst werden die Menschen als eine ätherische Gestalt erleben. Und sie werden ihn so erleben, daß sie dann, wie Paulus vor Damaskus, ganz genau wissen, daß der Christus lebt und der Quell ist für die Wiedererweckung desjenigen physischen Urbildes, das wir mitbekommen haben im Beginne unserer Erdentwickelung, und das wir brauchen, wenn das Ich seine völlige Entfaltung erlangen soll.

[ 13 ] Wenn auf der einen Seite mit dem Mysterium von Golgatha etwas eingetreten ist, was der menschlichen Erdentwickelung den größten Anstoß gegeben hat, so fällt auf der anderen Seite dieses Mysterium von Golgatha doch wieder in jene Zeit der Menschheitsentwickelung hinein, in welcher sozusagen das menschliche Gemüt, die menschliche Seele am meisten verfinstert war. Es hat allerdings alte Zeiten der Menschheitsentwickelung gegeben, in welchen die Menschen ganz gewiß wissen konnten, weil sie eine Rückerinnerung hatten, daß die menschliche Individualität durch wiederholte Erdenleben geht. Im Evangelium erscheint uns nur, wenn wir es verstehen, wenn wir sie spüren, die Lehre von den wiederholten Erdenleben, weil die Menschen damals in der Zeit waren, wo sie am wenigsten imstande waren, diese Lehre zu verstehen. Dann folgten die Zeiten herauf bis in die Gegenwart. In den Zeiten, als die Menschen zunächst den Christus auf dem Wege suchten, wie es gestern angedeutet worden ist, mußte alles wie eine kindliche Vorbereitung geschehen. Daher konnte die Menschheit nicht bekannt gemacht werden mit dem, was sie nur hätte beirren können, wozu sie noch nicht reif war: mit den Erfahrungen über die wiederholten Erdenleben. So sehen wir das Christentum fast zwei Jahrtausende sich entwickeln, ohne daß hingewiesen werden konnte auf die Lehre von der Wiederverkörperung. Und wir haben in diesen Vorträgen dargestellt, wie anders als es im Buddhismus der Fall war, wie selbstverständlich aus dem abendländischen Bewußtsein heraus der Gedanke der wiederholten Erdenleben auftaucht. Zwar so, daß noch viele Mißverständnisse walten. Aber selbst wenn wir diese Idee bei Lessing oder bei dem Psychologen Droßbach nehmen, so werden wir doch gewahr, daß für das europäische Bewußtsein die Lehre von den wiederholten Erdenleben eine Angelegenheit der ganzen Menschheit ist, während im Buddhismus der Mensch sie nur als die innere Angelegenheit seines Lebens betrachtet, wie er von Leben zu Leben geht und sich befreien kann von dem Durst nach Dasein. Während der Orientale das, was ihm als Lehre von den wiederholten Erdenleben gegeben wird, zu einer Wahrheit der individuellen Erlösung macht, war für Lessing zum Beispiel das Wesentliche: Wie kann die ganze Menschheit vorwärts kommen? Und er sagte sich: Innerhalb der zeitlichen Vorwärtsentwickelung der Menschheit müssen wir aufeinanderfolgende Zeiträume unterscheiden. In jeder einzelnen Epoche wird der Menschheit Neues gegeben. Wenn wir die Geschichte verfolgen, sehen wir, wie immer neue Kulturtaten eintreten in den Gang der Menschheitsentwickelung. Wie könnte man von einer Entwickelung der ganzen Menschheit sprechen, sagt Lessing, wenn eine Seele nur in der einen oder nur in der anderen dieser Epochen leben könnte? Woher könnten aber die Früchte der Kultur kommen, wenn nicht die Menschen wiedergeboren würden und das, was sie in der einen Epoche gelernt haben, hinübertragen würden in die nächste, dann wiederum in die folgende und so fort?

[ 14 ] So wird für Lessing die Idee der wiederholten Erdenleben eine Angelegenheit der ganzen Menschheit. Er macht sie nicht nur zu einer Angelegenheit der einzelnen Seele, sondern zu einer Angelegenheit des ganzen Kulturlaufes der Erde. Und damit die vorgeschrittene Kultur entsteht, muß die Seele, die im neunzehnten Jahrhundert lebt, herübertragen in ihr jetziges Dasein das, was sie sich früher erworben hat. Um der Erde und ihrer Kultur willen müssen die Menschen wiedergeboren werden! Das ist Lessings Gedanke.

[ 15 ] Da taucht der Gedanke der Wiederverkörperung auf als etwas, was eine Menschheitsangelegenheit ist. Da hat aber auch schon der Christus-Impuls gewirkt. Da ist er hineingeworfen worden. Denn eine Menschheitsangelegenheit machte der Christus-Impuls aus allem, was der Mensch tut oder tun kann; nicht eine Angelegenheit, die uns nur individuell berührt. Nur der kann ja sein Jünger sein, der da sagt: Ich tue es dem geringsten der Brüder, weil ich weiß, Du empfindest es selber so, wie wenn ich es Dir getan hätte! — Wie mit dem Christus die ganze Menschheit verbunden ist, so fühlt sich der, welcher sich zu dem Christus bekennt, der ganzen Menschheit angehörig. Dieser Gedanke hat hineingewirkt in das Denken und Fühlen und Empfinden der ganzen Menschheit. Und als die Idee der Wiederverkörperung im achtzehnten Jahrhundert wieder auftritt, da tritt sie als ein christlicher Gedanke auf. Und wenn wir sehen, wie zum Beispiel Widenmann die Wiederverkörperung behandelt, obwohl er sie embryonal, stümperhaft behandelt, so müssen wir doch sagen, daß in seiner gekrönten Preisschrift aus dem Jahre 1851 sein Gedanke der Wiederverkörperung durchdrungen ist von dem christlichen Impuls; und ein besonderes Kapitel gibt es in dieser Schrift, wo die Auseinandersetzung stattfindet zwischen dem Christentum und der Wiederverkörperungslehre. Das aber war notwendig in der Menschheitsentwickelung, daß erst die anderen christlichen Impulse von den Seelen aufgenommen wurden, damit der Wiederverkörperungsgedanke in einer reifen Form in unser Bewußtsein eintreten kann. Und dieser Wiederverkörperungsgedanke wird tatsächlich so mit dem Christentum sich verbinden, daß man es empfinden wird wie etwas, was sich durch die einzelnen Inkarnationen hindurchzieht; daß man verstehen wird, wie die Individualität, die sich für eine buddhistische Anschauung vollständig verliert — wie wir gesehen haben aus dem Gespräche des Königs Milinda mit dem Weisen Nagasena —, erst dadurch ihren rechten Inhalt erhält, daß sie sich durchchristet. Und jetzt können wir verstehen: warum verliert die buddhistische Anschauung ein halbes Jahrtausend vor dem Erscheinen des Christus das menschliche Ich, während sie beibehält die aufeinanderfolgenden Inkarnationen? Weil der Christus-Impuls noch nicht geschehen ist, der erst hineinfüllt, was immer mehr und mehr bewußt von einer Inkarnation zur anderen gehen kann! Jetzt ist aber die Zeit gekommen, in welcher für die menschliche Organisation die Notwendigkeit eintritt, den Wiederverkörperungsgedanken aufzunehmen, zu verstehen, sich mit ihm zu durchdringen. Denn der Fortschritt der menschheitlichen Entwickelung hängt nicht davon ab, welche Lehren verbreitet werden, welche Lehren neu Platz greifen; sondern da kommen noch andere Gesetze in Betracht, die gar nicht von uns abhängen.

[ 16 ] Gewisse Kräfte werden in der Menschennatur entwickelt werden gegen die Zukunft hin, die so wirken, daß der Mensch, sobald er nur ein gewisses Lebensalter erreicht hat und seiner selbst recht bewußt wird, in sich die Empfindung haben wird: Da ist etwas in mir, was ich verstehen muß. — Das wird die Menschen immer mehr und mehr ergreifen. In den verflossenen Zeiten, auch wenn sich die Menschen noch so sehr bewußt wurden, war dieses Bewußtsein, das jetzt kommen wird, nicht vorhanden. Es wird etwa so sich äußern: Da fühle ich etwas in mir, das hängt zusammen mit meinem eigentlichen Ich. Merkwürdig, es will aber nicht hereinpassen in alles, was ich wissen kann seit meiner jetzigen Geburt! — Dann wird man das, was da wirkt, verstehen können oder wird es nicht verstehen. Verstehen wird man es können, wenn man die Lehren der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu seinem Lebensinhalt gemacht hat. Man wird dann wissen: Was ich fühle, das fühle ich jetzt deshalb fremd, weil es das Ich ist, das aus früheren Leben herübergekommen ist, — Beklemmend, Furcht und Angst erzeugend wird diese Empfindung sein für diejenigen Menschen, welche sie sich nicht aus den wiederholten Erdenleben heraus erklären können. Dagegen lösen werden sich diese Gefühle, die jetzt nicht theoretische Zweifel, sondern Lebensbeklemmungen, Lebenszusammenschnürungen sein werden, durch jene Empfindungen, die uns aus der Geisterkenntnis gegeben werden können und die uns besagen, Du mußt dein Leben ausgedehnt denken über frühere Erdenleben hin. — Da werden die Menschen schon sehen, was es für sie bedeuten wird, den Zusammenhang zu empfinden mit dem Christus-Impuls. Denn der Christus-Impuls wird es sein, der beleben wird den ganzen Blick nach rückwärts, die ganze Perspektive nach rückwärts. Man wird empfinden: da war diese Inkarnation, da jene. Dann wird eine Zeit kommen, über die wird man nicht hinüberkönnen, ohne daß man sich klar wird: Da war der Christus-Impuls auf der Erde! Und weiter werden die Inkarnationen folgen, wo das Christus-Ereignis noch nicht da war. Diese Aufhellung des Blickes nach rückwärts durch den Christus-Impuls werden die Menschen brauchen zur Zuversicht in die Zukunft, als eine Notwendigkeit und eine Hilfe, die sich hineingießen kann in die folgenden Inkarnationen.

[ 17 ] Diese Umänderung der menschlichen Seelenorganisation wird kommen. Und sie wird ausgehen von dem Ereignis, das im zwanzigsten Jahrhundert beginnt, und das wir nennen können eine Art von zweitem Christus-Ereignis, so daß diejenigen Menschen, denen die höheren Fähigkeiten erwachten, den Herrn des Karma schauen werden. Die Menschen aber, die dies erleben werden, werden es nicht bloß in der physischen Welt erleben. Es könnte mancher von Ihnen sagen, daß dann, wenn gerade die Hauptsache im Christus-Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts sich abspielen wird, viele von den jetzt Lebenden zu den Entschlafenen gehören werden und in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sein werden. Aber ob eine Seele in einem physischen Körper oder in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt leben wird: wenn sie sich vorbereitet haben wird auf das Christus-Ereignis, wird sie das Christus-Ereignis erleben. Nicht das Schauen des Christus-Ereignisses hängt davon ab, ob wir in einem physischen Leibe verkörpert sind, wohl aber die Vorbereitung dazu. Gerade so wie es notwendig war, daß das erste ChristusEreignis auf dem physischen Plan sich abgespielt hat, damit es dem Menschen zum Heile gereichen konnte, so muß die Vorbereitung, um das Christus-Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts zu schauen, um es verständnisvoll, lichtvoll zu schauen, hier in der physischen Welt gemacht werden. Denn der Mensch, der es unvorbereitet schaut, wenn seine Kräfte erwacht sind, wird es nicht verstehen können. Da wird ihm der Herr des Karma erscheinen wie eine furchtbare Strafe. Um dieses Ereignis lichtvoll zu verstehen, muß der Mensch vorbereiter sein. Dazu aber geschieht die Ausbreitung der anthroposophischen Weltanschauung in unserer Zeit, daß der Mensch vorbereitet sein kann auf dem physischen Plan, um entweder auf dem physischen Plan oder auf höheren Planen das Christus-Ereignis wahrnehmen zu können. Die Menschen, die nicht genug vorbereitet sind auf dem physischen Plan und dann unvorbereitet das Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchleben, müssen warten, bis sie in einer nächsten Inkarnation weiter zum Verständnis des Christus durch die anthroposophische Weltanschauung vorbereitet werden können. Aber die nächsten drei Jahrtausende werden den Menschen die Gelegenheit geben, diese Vorbereitung durchzumachen. Und alle anthroposophische Entwickelung wird darauf abzielen, die Menschen immer fähiger und fähiger zu machen, um sich hineinzuleben in das, was da kommen soll.

[ 18 ] So verstehen wir, wie die Vergangenheit in die Zukunft übergeht. Und wenn wir uns erinnern, wie in den Astralleib des nathanischen Jesusknaben der Buddha hineinwirkte, nachdem er sich nicht selbst wieder auf der Erde verkörpern konnte, so sehen wir auf diese Weise auch die Buddhakräfte fortwirken. Und wenn wir uns erinnern, wie das, was nicht unmittelbar mit dem Buddha zusammenhängt, gerade im Abendlande gewirkt hat, so sehen wir darin das Hereinwirken der geistigen Welt in die physische Welt. Aber alles, was zur Vorbereitung geschehen soll, hängt in einer gewissen Weise wieder damit zusammen, daß sich die Menschen immer mehr einem Ideale nähern, das im Grunde genommen schon im alten Griechenlande aufdämmerte, jenem Ideal, das Sokrates aufgestellt hat: daß der Mensch, wenn er einsieht die Idee des Guten, des Moralischen, des Ethischen, diese als einen so magischen Impuls empfindet, daß er fähig wird, nach dieser Idee auch zu leben. Heute sind wir noch nicht so weit, daß dieses Ideal verwirklicht werden könnte; heute sind wir erst so weit, daß der Mensch sich unter Umständen das Gute sehr wohl denken kann, daß er ein sehr gescheiter und weiser Mensch sein kann — und doch kein moralisch guter zu sein braucht. Das aber wird der Sinn der inneren Entwickelung sein, daß die Ideen, die wir fassen von dem Guten, unmittelbar auch moralische Antriebe sind. Das wird zu der Entwickelung gehören, die wir in den nächsten Zeiten erleben. Und die Lehren auf der Erde werden immer mehr so werden, daß in die folgenden Jahrhunderte und Jahrtausende herein die menschliche Sprache noch eine ungeahnt größere Wirkung bekommen wird, als sie in verflossenen Zeiten hatte oder in der Gegenwart hat. Heute könnte jemand in den höheren Welten klar sehen, welches der Zusammenhang zwischen Intellekt und Moralität ist; aber es gibt heute noch keine menschliche Sprache, die so magisch wirkt, daß, wenn man ein moralisches Prinzip ausspricht, es sich so hineinsenkt in einen fremden Menschen, daß dieser es unmittelbar moralisch empfindet und daß er gar nicht anders kann, als es als einen moralischen Impuls auszuführen. Nach dem Ablauf der nächsten drei Jahrtausende wird es möglich sein, in einer solchen Sprache zu Menschen zu sprechen, wie sie heute noch gar nicht unserem Kopfe anvertraut werden kann; so daß alles Intellektuelle zugleich Moralität sein wird, und das Moralische in die Herzen der Menschen eindringen wird. Wie durchtränkt mit magischer Moralität muß das Menschengeschlecht in den nächsten drei Jahrtausenden werden; sonst könnte es eine solche Entwickelung nicht ertragen, sonst würde es sie nur mißbrauchen. Zur besonderen Vorbereitung einer solchen Entwickelung ist diejenige Individualität da, welche etwa ein Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung viel verleumdet wurde, und die in der hebräischen Literatur — allerdings in einer entstellten Gestalt — als Jeshu ben Pandira vorhanden ist; Jesus, der Sohn des Pandira. Aus Vorträgen, die einmal in Bern gehalten worden sind, wissen einige von Ihnen, wie dieser Jeshu ben Pandira schon für das Christus-Ereignis vorbereitend gewirkt hat, indem er Schüler herangezogen hat, unter denen auch zum Beispiel dann der Lehrer des Schreibers des Matthäus-Evangeliums war. Ein Jahrhundert ist dem Jesus von Nazareth vorangegangen Jeshu ben Pandira, eine edle Essäergestalt. Während Jesus von Nazareth selber den Essäern nur nahe gekommen ist, haben wir in Jeshu ben Pandira eine Essäergestalt vor uns.

[ 19 ] Wer war Jeshu ben Pandira?

[ 20 ] In dem fleischlichen Leibe dieses Jeshu ben Pandira war verkörpert der Nachfolger jenes Bodhisattva, welcher in seiner letzten Erdeninkarnation in seinem neunundzwanzigsteen Jahre zum Gotama Buddha aufgestiegen ist. Jeder Bodhisattva, der zu einem Buddha aufsteigt, hat einen Nachfolger. Diese orientalische Tradition ist durchaus auch entsprechend den okkulten Forschungen. Und jener Bodhisattva, der damals gewirkt hat für die Vorbereitung des Christus-Ereignisses, war immer wieder und wieder verkörpert. Eine dieser Verkörperungen ist auch für das zwanzigste Jahrhundert anzusetzen. Es ist nicht möglich, in dieser Stunde Genaueres über die Wiederverkörperung dieses Bodhisattva zu sagen; es kann aber einiges gesagt werden über die Art, wie man einen solchen Bodhisattva in seiner Wiederverkörperung erkennen kann.

[ 21 ] Durch ein Gesetz, welches auch in künftigen Vorträgen bewiesen und auseinandergesetzt werden wird, ist es eine Eigentümlichkeit dieses Bodhisattva, daß er, wenn er wiederverkörpert erscheint — und er erscheint immer wieder verkörpert im Laufe der Jahrhunderte —, seinem späteren Wirken in seiner Jugend recht unähnlich ist, und daß immer in einem ganz bestimmten Lebenszeitpunkt dieses wiederverkörperten Bodhisattva etwas wie ein großer Umschwung, eine große Verwandlung eintritt. Oder real ausgedrückt: die Menschen werden erleben, daß da oder dort ein mehr oder weniger begabtes Kind lebt, dem man es nicht anmerkt, daß es zur Vorbereitung der künftigen Menschheitsentwickelung Besonderes zu leisten hat. Niemand zeigt in seiner Jugend, in seinen ersten Kindheitsjahren so wenig das, was er eigentlich ist — so sagt die okkulte Forschung — als gerade der, welcher sich als ein Bodhisattva verkörperen soll. Denn für einen sich verkörpernden Bodhisattva tritt ein großer Umschwung ein in einem ganz bestimmten Zeitpunkt seines Lebens.

[ 22 ] Verkörpert sich eine Individualität der grauen Vorzeit, zum Beispiel Moses, so ist es nicht so, wie es bei der Christus-Individualität war, wo die andere Individualität des Jesus von Nazareth die Hüllen verlassen hat. Bei dem Bodhisattva wird es so sein, daß zwar auch so etwas wie eine Auswechslung eintritt, aber die Individualität bleibt in einer gewissen Weise; und die Individualität, die dann eintritt aus grauer Vorzeit — als Patriarch und so weiter — und neue Kräfte für die Entwickelung der Menschheit bringen soll, die taucht unter; und ein solcher Mensch erlebt dadurch eine gewaltige Umwandelung. Diese Umwandelung tritt besonders zwischen dem dreißigsten und dreiunddreißigsten Jahre ein. Und immer ist es so, daß man niemals wissen kann, bevor diese Verwandlung eintritt, daß gerade dieser Leib ergriffen werden wird von dem Bodhisattva. Niemals zeigt es sich in den Jugendjahren; sondern daß gerade die späteren Jahre so unähnlich sind den Jugendjahren, das ist das Kennzeichen.

[ 23 ] Der, welcher in Jeshu ben Pandira verkörpert war, und der immer wieder verkörpert war, der Bodhisattva, der auf den Gotama Buddha gefolgt ist, er hat sich vorbereitet auf seine Bodhisattva-Inkarnation, daß er erscheinen kann — und zwar stimmt hier auch wieder die okkulte Forschung mit den orientalischen Traditionen überein — und zur Buddha-Würde aufsteigen kann genau fünftausend Jahre nach der Erleuchtung des Gotama Buddha unter dem Bodhibaum. Dann, dreitausend Jahre nach unserer Zeit wird jener Bodhisattva, zurückblickend auf alles, was in der neuen Epoche geschehen ist, und zurückblickend auf den Christus-Impuls und alles, was damit zusammenhängt, so sprechen, daß eine Sprache von seinen Lippen kommen wird, welche das verwirklichen wird, was eben charakterisiert worden ist: daß Intellektualität unmittelbar ein Moralisches ist. Ein Bringer des Guten durch das Wort, durch den Logos, wird der künftige Bodhisattva sein, der alles, was er hat, in den Dienst des Christus-Impulses stellen wird, und der in einer Sprache sprechen wird, die heute noch keinem Menschen eigen, die aber so heilig ist, daß er genannt werden kann ein Bringer des Guten. Bei ihm wird sich dies auch nicht in der Jugend zeigen; sondern ebenfalls in der Zeit seines dreiunddreißigsten Jahres ungefähr wird er wie ein neuer Mensch erscheinen und sich als derjenige geben, welcher sich erfüllen kann mit einer höheren Individualität. Das Ereignis, daß eine einmalige Inkarnation im Fleische eintritt, gilt nur für den ChristusJesus. Alle Bodhisattvas machen verschiedene aufeinanderfolgende Inkarnationen auf dem physischen Plane durch. So wird dieser Bodhisattva dreitausend Jahre nach unserer Zeit so weit sein, daß er ein Bringer des Guten, ein Maitreya-Buddha sein wird, der seine Worte des Guten in den Dienst des Christus-Impulses stellen wird, in den bis dahin eine genügende Anzahl von Menschen sich eingelebt haben wird. So sagt es uns heute die Perspektive für die künftige Entwickelung der Menschheit.

[ 24 ] Was war notwendig, damit die Menschen zu dieser Entwickelungsepoche nach und nach haben kommen können? Das können wir uns in folgender Weise klarmachen.

AltName

[ 25 ] Wenn wir uns ein graphisches Bild von dem machen wollen, was in der alten lemurischen Zeit für die Erdentwickelung des Menschen geschehen ist, so können wir sagen: Der Mensch ist dazumal heruntergestiegen von göttlichen Höhen; es war ihm bestimmt in einer gewissen Weise sich weiter zu entwickeln; aber durch den luziferischen Einfluß wurde der Mensch tiefer in die Materie hineingeworfen, als es ohne denselben der Fall gewesen wäre. Dadurch wurde sein Fortgang in der Entwickelung nun ein anderer.

AltName

[ 26 ] Als der Mensch auf tiefster Stufe nach abwärts gekommen war, brauchte es eines mächtigen Impulses nach aufwärts. Das konnte nur dadurch geschehen, daß jene Wesenheit aus den höheren Hierarchien, die wir als die Christus-Wesenheit bezeichnen, einen Entschluß faßte in den höheren Welten, den sie zu ihrer eigenen Entwickelung nicht zu fassen gebraucht hätte. Denn die Christus-Wesenheit hätte ihre Entwickelung auch erreicht, wenn sie einen Weg eingeschlagen hätte, der weit, weit über alledem gelegen hätte, wo die Menschen waren auf ihrem Weg. Und die Christus-Wesenheit hätte sozusagen vorbeigehen können, oben vorbeigehen können an der Entwickelung der Menschheit. Dann aber wäre die Entwickelung der Menschheit so geschehen, daß, wenn der Impuls nach oben nicht gegeben wäre, der Weg nach unten hätte fortgesetzt werden müssen. Dann hätte die Christus-Wesenheit einen Aufstieg gehabt und die Menschheit nur einen Abfall. Nur dadurch, daß die Christus-Wesenheit den Entschluß gefaßt hat, sich in dem Zeitpunkt der Ereignisse von Palästina mit einem Menschen zu vereinigen, in einem Menschen sich zu verkörpern und der Menschheit den Weg nach aufwärts möglich zu machen, nur dadurch wurde jene Entwickelung der Menschheit herbeigeführt, die wir jetzt nennen können eine Erlösung der Menschheit von jenem Impuls, der von den luziferischen Kräften gekommen ist, und der in der Bibel bildlich als die Erbsünde bezeichnet wird, als die Verführung durch die Schlange und Herbeiführung der Erbsünde. Etwas, was für den Christus selbst nicht notwendig war, das hat der Christus vollzogen.

[ 27 ] Was war das für eine Tat?

[ 28 ] Das war eine Tat der göttlichen Liebe! Dessen müssen wir uns klar sein, daß keine menschliche Empfindung zunächst in der Lage ist, jene Intensität der Liebe zu empfinden, die notwendig war, um den Entschluß zu fassen für einen Gott, der dessen nicht bedurfte, in einem menschlichen Leib auf Erden zu wirken. Dadurch wurde — als durch eine Tat der Liebe — dasjenige Ereignis hervorgebracht, welches das wichtigste ist in der Menschheitsentwickelung. Und wenn die Menschen die Liebestat des Gottes fassen, wenn sie versuchen, diese Liebestat als ein großes Ideal zu empfinden, dem gegenüber alle menschliche Liebestat nur klein sein kann, dann nähern sich die Menschen durch dieses Gefühl der Unangemessenheit der menschlichen Liebe gegenüber jener göttlichen Liebe, die zu dem Mysterium von Golgatha notwendig war, auch der Herausbildung, dem Geborenwerden jener Imaginationen, die uns dieses wichtigste Ereignis von Golgatha vor den geistigen Blick hinstellen. Ja, wahrhaftig, es ist möglich, zu der Imagination von dem Berge zu gelangen, auf dem das Kreuz erhöht war, jenes Kreuz, an dem ein Gott im Menschenleibe hing, ein Gott, der die Tat aus freiem Willen — das heißt aus Liebe — vollbracht hat, damit die Erde und die Menschheit an ihr Ziel kommen können. Hätte der Gott, der mit dem Namen des Vatergottes bezeichnet wird, es einst nicht zugelassen, daß die luziferischen Einflüsse an den Menschen herankommen konnten, so hätte der Mensch nicht die freie Ich-Anlage entwickelt. Mit dem luziferischen Einfluß wurde die Anlage zum freien Ich entwickelt. Das mußte zugelassen werden vom Vatergott. Nachdem aber das Ich — um der Freiheit willen — in die Materie verstrickt werden mußte, mußte nun, um von dem Verstricktsein in die Materie wieder befreit zu werden, die ganze Liebe des Sohnes zu der Tat von Golgatha führen. Dadurch allein ist Freiheit des Menschen, vollständige menschliche Würde erst möglich geworden. Daß wir freie Wesen sein können, das verdanken wir einer göttlichen Liebestat. So dürfen wir uns als Menschen fühlen wie freie Wesen, dürfen aber nie vergessen, daß wir diese Freiheit verdanken der Liebestat des Gottes. Wenn wir so denken, wird schon der Gedanke in die Mitte unseres Fühlens rücken: Du kannst zur menschlichen Würde kommen; nur eines darfst du nicht vergessen, daß du das, was du bist, dem verdankst, der dir wieder zurückgebracht hat dein menschliches Urbild durch die Erlösung auf Golgatha! — Den Freiheitsgedanken sollten die Menschen nicht ergreifen können ohne den Erlösungsgedanken des Christus. Dann allein ist der Freiheitsgedanke ein berechtigter. Wenn wir frei sein wollen, müssen wir das Opfer bringen, unsere Freiheit dem Christus zu verdanken! Dann erst können wir sie wirklich wahrnehmen. Und die Menschen, die ihre Menschenwürde beschränkt glauben, wenn sie sie dem Christus verdanken, die sollten erkennen, daß menschliche Meinungen gegenüber Weltentatsachen nichts bedeuten, und daß sie einmal recht gern ihre Freiheit als von dem Christus erworben anerkennen werden.

AltName

[ 29 ] Es ist doch nicht viel, was in diesem Vortragszyklus wieder getan werden konnte, um ein genaueres Verständnis des Christus-Impulses und des ganzen Entwickelungsganges der Menschheit auf der Erde vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus herbeizuführen. Wir können nur immer einzelne Bausteine herbeitragen. Wenn diese aber so in unsere Seele hineinwirken, daß wir wiederum etwas fühlen wie einen Ansporn zu weiterem Streben, zur weiteren Entwickelung auf der Bahn der Erkenntnis, dann haben diese Bausteine zum großen geistigen Tempel der Menschheit ihre Wirkung getan. Und das beste, was wir aus einer solchen geisteswissenschaftlichen Betrachtung davontragen können, ist, daß wir zu einem gewissen Ziele wieder etwas gelernt haben; daß wir unser Wissen wieder um einiges bereichert haben. Zu was für einem hohen Ziele? Zu dem Ziele, daß wir um so genauer wissen, wieviel wir noch brauchen, um mehr zu wissen; damit wir immer gründlicher durchdrungen werden von der Wahrheit des alten sokratischen Wortes: Je mehr man lernt, desto mehr weiß man, wie wenig man weiß! Aber erst, wenn dies nicht ein Bekenntnis ist einer tat- und strebenslosen Resignation, sondern ein Bekenntnis des lebendigen Wollens und Strebens nach immer erweiterteren Erkenntnissen, dann erst ist es gut. Nicht bekennen sollen wir, wie wenig wir wissen, indem wir sagen: Wir können nun doch nicht alles wissen; also lernen wir lieber gar nichts, legen wir die Hände in den Schoß! Das wäre ein falsches Ergebnis geisteswissenschaftlicher Betrachtungen. Das richtige kann nur sein, daß wir immer mehr und mehr befeuert werden zu einem Weiterstreben und jedes neu Gelernte als eine Stufe betrachten; aber immer wieder die Schritte ansetzen, um immer höhere Stufen zu erreichen.

[ 30 ] Wir haben vielleicht gerade in diesem Vortragszyklus viel von dem Erlösungsgedanken sprechen müssen, ohne daß wir dieses Wort oftmals gebraucht haben. Dieser Erlösungsgedanke sollte von dem Geistsucher so empfunden werden, wie ihn ein großer Vorläufer unserer abendländischen Geisteswissenschaft empfunden hat: daß er im Grunde genommen uns nur verwandt und vertraut wird in unserer Seele als eine Folge unseres Strebens nach den höchsten Zielen des Erkennens, des Fühlens und des Wollens. Und wie der große Vorläufer unserer abendländischen Anthroposophie den Gedanken, der da verbindet das Wort des Erlösens mit dem Worte des Strebens, ausgesprochen hat in der Form: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen»! so sollte der Anthroposoph immer empfinden: Nur der kann die wahre Erlösung begreifen und fühlen und innerhalb ihrer Sphäre wollen, der immer strebend sich bemüht!

[ 31 ] So sei auch dieser Vortragszyklus — das ist mir besonders am Herzen gelegen, weil so viel von dem Erlösungsgedanken darin gesprochen worden ist — ein Ansporn zu unserem weiteren Streben: daß wir uns im Streben immer mehr und mehr zusammenfinden mögen in dieser und in den folgenden Inkarnationen. Das seien die Früchte, die uns aus solchen Betrachtungen hervorgehen. Damit wollen wir den Zyklus beschließen und mitnehmen die Aneiferung, uns immer strebend zu bemühen, die uns dahin bringen kann, daß wir auf der einen Seite sehen, was der Christus ist, um dann auch dem näher zu kommen, was die andere Seite ist: die Erlösung, die nicht bloß die Befreiung sein soll von dem niederen Erdenwege und Erdenschicksal, sondern die auch die Befreiung sein soll von alledem, was Hemmnis bildet dem Menschen, damit er seine Menschenwürde erreicht. Das sind aber Dinge, die nur in den Annalen des Geistigen in ihrer Wahrheit niedergeschrieben sind. Denn nur die Schrift, die im Geisterlande gelesen werden kann, ist die wahre. Bemühen wir uns daher, das Kapitel über Menschenwürde und Menschenmission in der Schrift zu lesen, in der von diesen Dingen geschrieben steht in den geistigen Welten!