Von Jesus zu Christus
GA 131
5 Oktober 1911, Karlsruhe
Erster Vortrag
[ 1 ] Diese Vorträge sollen dazu bestimmt sein, eine Vorstellung zu schaffen von dem Christus-Ereignis, insofern als es zusammenhängt mit seiner geschichtlichen Erscheinung: mit der Offenbarung des Christus in der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth. Mit dieser Frage sind so viele Fragen des geistigen Lebens verbunden, daß wir gerade dadurch, daß diesmal das Thema so gewählt worden ist, weite Ausblicke werden machen können in das Gebiet der Geisteswissenschaft und in ihre Mission; und die Bedeutung gerade der anthroposophischen Bewegung für das gegenwärtige Geistesleben werden wir an der Hand dieses Themas erörtern können. Auf der anderen Seite werden wir dabei Gelegenheit haben, das, was Inhalt der Religion ist und als solcher Inhalt für die menschliche Allgemeinheit bestimmt sein muß, erkennen zu lernen in seinem Verhältnis zu dem, was tiefere Quellen des geistigen Lebens, was die okkulten Quellen, die Quellen der Geheimwissenschaft uns zu sagen wissen über das, was allem religiösen und Weltanschauungs-Streben zugrunde liegen muß. Es wird manches von dem, was wir werden zu besprechen haben, scheinbar recht weit abliegen von dem 'Thema selbst; doch wird uns alles wieder hinführen zu unserer Hauptaufgabe.
[ 2 ] Was eben angedeutet worden ist, kann aber gleich von Anfang an in einer genaueren Weise auseinandergesetzt werden, indem wir zum Verständnis unseres gegenwärtigen religiösen Lebens auf der einen Seite und der geisteswissenschaftlichen Vertiefung des gesamten Seelenlebens auf der anderen Seite, einen Blick werfen auf die Herkunft sowohl dieses religiösen wie auch des okkulten, geistigen Lebens in den letzten Jahrhunderten. Denn wir haben in den letzten Jahrhunderten gerade der europäischen Geistesentwickelung zwei Richtungen, die in allerextremster Weise ausgebildet haben auf der einen Seite die Überspannung des Jesus-Prinzips und auf der anderen Seite jetzt nicht mehr die Überspannung, sondern die sorgfältigste, gewissenhafteste Einhaltung des Christus-Prinzips. Wir haben, indem wir diese beiden Strömungen der letzten Jahrhunderte vor unsere Seelen hinstellen, in der Überspannung des Jesus-Prinzips eine große Verirrung, eine gefährliche Verirrung im Geistesleben der letzten Jahrhunderte — und auf der anderen Seite eine tief bedeutsame, überall die rechten Wege suchende und Irrwege sorgfältig vermeidende Bewegung. Also schon in bezug auf diese Beurteilung zweier voneinander ganz verschiedener Geistesbewegungen haben wir die eine zu den schweren Irrtümern, die andere zu den ernstlichsten Bestrebungen nach der Wahrheit zu zählen. Die eine Bewegung, die uns doch auch im Zusammenhang einer geisteswissenschaftlich christlichen Betrachtung interessieren muß, und von der wir als einer in gewisser Weise außerordentlich gefährlichen Verirrung sprechen dürfen, ist die, welche im äußeren exoterischen Leben genannt wird der Jesuitismus, und wir haben im Jesuitismus gegeben eine gefährliche Überspannung des Jesus-Prinzips. Und in demjenigen, was seit Jahrhunderten innerhalb Europas als Rosenkreuzertum besteht, haben wir eine intime, überall sorgfältig die Wege der Wahrheit suchende Christus-Bewegung. Es ist viel im exoterischen Leben zu allen Zeiten, seit es eine jesuitische Strömung innerhalb Europas gibt, über den Jesuitismus gesprochen worden, und deshalb soll es schon auch denjenigen, der das Geistesleben aus seinen tieferen Quellen studieren will, interessieren, inwiefern der Jesuitismus eine gefährliche Überspannung des Jesus-Prinzips bedeutet. Da müssen wir allerdings, wenn wir auf eine wahre Charakteristik des Jesuitismus eingehen wollen, uns von einer gewissen Seite her damit bekanntmachen, wie die drei Hauptprinzipien aller Weltentwickelung, die in der verschiedensten Weise in den verschiedenen Weltanschauungen angedeutet werden, sich praktisch innerhalb unseres Lebens auch schon exoterisch ausleben. Wir wollen heute zuerst einmal ganz absehen von der tieferen Bedeutung und der tieferen Charakterisierung der drei Grundströmungen alles Lebens und aller Entwickelung und wollen sie so, wie sie dem äußerlichen Blicke auffallen, einmal vor unsere Seele führen.
[ 3 ] Da haben wir zunächst das eine, was wir nennen können: unser Seelenleben, insofern es ein Erkenntnisleben ist. Was auch der Mensch sonst sagen mag gegen das Abstrakte einer einseitigen Erkenntnis, eines einseitigen Wahrheitsstrebens, was er sagen mag gegen das Lebensfremde mancher wissenschaftlichen, philosophischen, theosophischen Bestrebungen — der Mensch, der sich wahrhaft in seiner Seele klar wird über das, was er will und wollen kann, weiß doch, daß das, was man mit dem Worte Erkenntnis umspannen kann, zu den tiefst eingewurzelten Bestrebungen unseres Seelenlebens gehört. Denn ob wir Erkenntnis suchen durch das Denken oder mehr durch die Empfindung, durch das Fühlen — immer bedeutet Erkenntnis eine Orientierung über alles das, was uns in der Welt umgibt, und auch über uns selbst. So daß wir uns sagen müssen, ob wir nun zufrieden sein wollen mit den allereinfachsten Erlebnissen der Seele, oder ob wir uns einlassen wollen auf die kompliziertesten Auseinandersetzungen über die Geheimnisse des Daseins: Erkenntnis bedeutet für uns doch zunächst die allerbedeutsamste Lebensfrage. Denn wir machen uns durch die Erkenntnis im Grunde genommen das Bild des Welteninhaltes, von dem wir doch leben, von dem all unser Seelenwesen genährt ist. Schon den allerersten Sinneseindruck und überhaupt alles Sinnesleben müssen wir in das Gebiet der Erkenntnis rechnen und ebenso auch die höchsten Abstraktionen von Begriffen und Ideen. Zur Erkenntnis müssen wir aber auch rechnen, was uns in der Seele antreibt, sagen wir, schön und häßlich zu unterscheiden. Denn wenn es auch in einem gewissen Sinne richtig ist, daß sich über den Geschmack nicht streiten läßt, so bedeutet es doch eine Erkenntnis, wenn man sich ein Geschmacksurteil angeeignet hat und entscheiden kann über schön und häßlich. Und auch unsere sittlichen Impulse, was uns dazu antreibt, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen, müssen wir empfinden als sittliche Ideen, als Erkenntnis oder als gefühlsmäßige Antriebe, das eine zu tun, das andere zu lassen. Ja, auch was wir unser Gewissen nennen, mag es noch so unbestimmte Impulse auslösen, es gehört auch zu dem, was mit dem Worte Erkenntnis zu umspannen ist. Kurz, was uns zunächst bewußt ist: die Welt, ob sie eine Welt der Maja oder der Wirklichkeit ist, die Welt, in der wir bewußt leben, alles, was uns bewußt ist, können wir mit dem Worte «Erkenntnisleben» im Geistigen umspannen.
[ 4 ] Aber ein jeder Mensch wird auch zugeben müssen, daß gleichsam unter der Oberfläche dieses Geisteslebens, das wir mit der Erkenntnis umspannen, noch etwas anderes liegt; daß unser Seelenleben uns Mannigfaltiges schon für das alltägliche Dasein zeigt, was nicht zu unserem bewußten Leben gehört. Wir können da zunächst darauf hinweisen, wie wir unser Seelenleben des Morgens, wenn wir aufwachen, gestärkt und erfrischt aus dem Schlafe immer neu gebären lassen, und wie wir uns sagen müssen, daß wir für unser Seelenleben im Schlafzustande, also im Unbewußten, etwas gewonnen haben, was nicht in das Gebiet unserer Erkenntnis, unseres Bewußtseinslebens fallen kann, wo unsere Seele vielmehr unter dem Plan des Bewußten arbeitet. Aber auch in bezug auf das wache Tagesleben müssen wir zugeben, daß uns Triebe, Instinkte, Kräfte treiben, die zwar ihre Wellen heraufwerfen in das Feld des Bewußten, die aber unter dem Bewußsten arbeiten und ihr Wesen haben. Wir werden gewahr, daß sie unter dem Bewußten arbeiten, dann, wenn sie heraufkommen über die Oberfläche, durch die unser bewußtes Leben von dem unterbewußten getrennt wird. Und im Grunde genommen zeigt uns auch das sittliche Leben das Dasein eines solchen unterbewußten Seelenlebens, denn wir sehen in diesem sittlichen Leben in uns geboren werden diese oder jene Ideale. Man braucht nur ein wenig Selbsterkenntnis zu haben, um sich zu sagen, daß solche Ideale wohl in unserem Seelenleben aufsteigen, daß wir aber keineswegs immer wissen, wie unsere großen sittlichen Ideale nun zusammenhängen mit den allertiefsten Fragen des Daseins, sagen wir, wie sie im Willen Gottes, in dem sie ja doch schließlich wurzeln müssen, vorhanden sind. Es ist so, wie wenn wirklich unser gesamtes Seelenleben mit dem verglichen werden könnte, was in der Tiefe eines Meeres vorgeht. Diese Tiefen des Seelen-Meeres-Lebens werfen ihre Wellen herauf an die Oberfläche, und was in den Luftraum, mit dem wir das normal bewußte Seelenleben vergleichen können, heraufgeworfen wird, das wird dann zum Bewußtsein, zur Erkenntnis gebracht. Aber alles bewußte Leben wurzelt in einem unterbewußten Seelenleben.
[ 5 ] Im Grunde genommen ist ja die ganze Entwickelung der Menschheit nur dann zu verstehen, wenn man ein solches unterbewußtes Seelenleben zugibt. Denn was bedeuten alle Fortschritte des Geisteslebens anderes, als daß aus dem Unterbewußten des Seelenlebens heraufgeholt wird, was lange schon unter der Oberfläche lebt, aber erst dann, wenn es heraufgeholt wird, in die Gestalt eintritt. So zum Beispiel wenn eine erfinderische Idee in die Gestalt des Impulses einer Entdeckung aufgeht. Unterbewußtes Seelenleben, das in uns ebenso ist wie das bewußte, muß man als ein zweites Element unseres Seelenlebens zugeben.
[ 6 ] Wenn wir dieses unterbewußte Seelenleben in einer gewissen Weise in das zunächst Unerkannte — nicht Unerkennbare — verlegen, müssen wir ihm noch ein Drittes gegenüberstellen. Dieses Dritte ergibt sich ohne weiteres auch für eine äußere, exoterische Beobachtung, wenn man sich sagt: Richtet man den Blick der Sinne oder des Verstandes oder auch des sonstigen Geisteslebens nach außen, so lernt man Verschiedenes erkennen. Aber man wird bei einer genaueren Besinnung über alles Erkennen doch zugeben müssen, daß hinter dem, was man über die gesamte Welt erkennt, ein anderes verborgen liegt, zwar nicht ein Unerkennbares, aber etwas, was man in jedem Zeitabschnitt ein Noch-nicht-Erkanntes nennen muß. Und dieses Nochnicht-Erkannte, das unter der Oberfläche des Erkannten liegt — wie im Mineralreich, wie im Pflanzen- und Tierreich —, das gehört sowohl der Natur draußen an, wie auch uns selbst. Es gehört uns selbst an, insofern wir in unsere physische Organisation die Stoffe und Kräfte der Außenwelt in uns aufnehmen und verarbeiten; und insofern wir darin ein Stück der Natur haben, haben wir darin auch ein Stück des Unbekannten der Natur. So müssen wir in der Welt, in der wir leben, ein Dreifaches unterscheiden: unser bewußtes Geistesleben, das heißt, das was eintritt in das Bewußtsein; dann das, was unter der Schwelle des Bewußtseins als unser unterbewußtes Seelenleben liegt, und dasjenige, was als unerkanntes Naturleben und zu gleicher Zeit unerkanntes Menschenleben selber, als ein Stück der großen unerkannten Natur in uns lebt.
[ 7 ] Diese Dreiheit ergibt sich unmittelbar aus einer sinnvollen Beobachtung der Welt. Und wenn man absieht von allen dogmatischen Feststellungen, absieht von allen philosophischen oder theosophischen Überlieferungen, insofern diese sich in Begriffsdefinitionen kleiden oder in Schemen ausgedrückt werden, wenn man sagt: Wie drückte es der Menschengeist immer aus, daß die eben charakterisierte Dreiheit nicht bloß in seiner Umgebung, sondern in aller Welt vorhanden ist, zu der er selbst gehört, dann muß man sagen: der Mensch drückte es aus, indem er das, was sich auf dem Horizont des Bewußten zu erkennen gibt, den Geist nannte; das aber, was im unterbewußten Seelenleben wirkt und nur seine Wellen heraufwirft aus diesem unterbewußten Seelenleben, als den Sohn oder den Logos bezeichnete. Und das, was sowohl der Natur, insofern sie zunächst unerkannt ist, und dem Stück unseres Eigenwesens, das mit der Natur gleichartig ist, angehört, das bezeichnete der Menschengeist immer, weil er fühlte, daß damit das Dritte gegenüber den zwei anderen gegeben ist, als das Vater-Prinzip. Neben dem, was jetzt gesagt ist mit dem Geist-, Sohn- und Vater-Prinzip, gelten auch selbstverständlich die anderen Unterscheidungen, die wir von jeher gemacht haben, und ebenso haben die Unterscheidungen, die in dieser oder jener Weltanschauung gemacht worden sind, ihre Berechtigung. Aber man könnte sagen, der populärste Begriff dieser Unterscheidung ergibt sich, wenn wir das vor uns hinstellen, was jetzt charakterisiert worden ist.
[ 8 ] Nun fragen wir uns: Wie können wir am besten den Übergang charakterisieren zwischen dem, was dem Geiste angehört, also unmittelbar in das bewußte Seelenleben hereinspielt, und dem unterbewußten Seelenleben, das dem Sohnes-Prinzip angehört? Diesen Übergang können wir am besten ins Auge fassen, wenn wir uns klar sind, daß eben in das gewöhnliche Geistesleben des Menschen, in das Bewußtsein, klar und deutlich aus dem Unterbewußtsein herauf diejenigen Elemente spielen, die wir gegenüber dem Vorstellungs- und Gefühlselemente als die Willenselemente bezeichnen müssen. Man braucht dazu nur das biblische Wort in der richtigen Weise zu interpretieren: «Der Geist ist willig», weil damit angedeutet ist, daß in das Geistgebiet alles gehört, was mit Bewußtsein erfaßt wird, — «aber das Fleisch ist schwach», womit man alles dasjenige meint, was mehr im Unterbewußtsein liegt. In bezug auf die Natur des Willens braucht sich der Mensch nur auf das zu besinnen, was aus dem Unterbewußten heraufspielt, und was nur dann in unser bewußtes Seelenleben hereinfällt, wenn wir uns — nach dem Heraufspielen der Wellen aus dem unteren Meere des Seelenlebens — darüber bewußte Begriffe bilden. Erst wenn wir das, was als dunkel treibende Seelenmächte in den Elementen des Seelenlebens wurzelt, zu Begriffen und Ideen umwandeln, wird es zum Inhalt des Geistes; sonst bleibt es in dem Gebiet des Prinzips des Sohnes. Und indem der Wille durch das Gefühl in das Vorstellungsleben heraufspielt, sehen wir ganz deutlich vor uns das Aufschlagen der Wellen aus dem Meere des Unterbewußten in das Bewußte. Daher können wir uns sagen: In der Dreiheit des Seelenlebens haben wir in den beiden Elementen Vorstellung und Gefühl etwas, was dem bewußten Seelenleben angehört; aber das Gefühl steigt schon herunter in das Gebiet des Willens; und je weiter wir an die Willensimpulse, an das Willensleben herankommen, desto mehr steigen wir in das Unterbewußte hinab, in jene dunklen Gebiete, in die wir vollends hinabsteigen, wenn das Bewußtsein ganz erlischt im tiefen, traumlosen Schlafesleben.
[ 9 ] Der Sprachgenius ist oftmals viel weiter als der bewußte menschliche Geist und bezeichnet daher Dinge in einer richtigen Art, die wahrscheinlich recht falsch bezeichnet werden würden, wenn der Mensch mit dem Bewußtsein die Sprache ganz meistern könnte. So werden zum Beispiel gewisse Gefühle in der Sprache so ausgedrückt, daß schon im Worte die Verwandtschaft des Gefühles mit dem Willen zum Ausdruck gebracht wird, so daß wir gar nicht einen Willensimpuls meinen, sondern nur einen Gefühlsinhalt, und dennoch das Wort “Wille in der Sprache gebrauchen; eben weil der Sprachgenius bei gewissen tieferliegenden Gefühlen, über die man sich nicht mehr genau Rechenschaft gibt, das Wort “Wille anwendet. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn wir von “Widerwillen’ sprechen. Da braucht man gar nicht den Antrieb zu haben, dies oder jenes zu tun; es ist gar nicht nötig, daß der Übergang zum Willen gemacht werde. Es drückt sich dann die Verwandtschaft tieferliegender Gefühle, über die man sich nicht mehr Rechenschaft gibt, mit dem Gebiete des Willens in dem unterbewußten Seelenleben aus. Weil dies so ist, daß das Willenselement in das Gebiet des unterbewußten Seelenlebens hinabsteigt, so müssen wir einsehen, daß dieses Willensgebiet in einem ganz anderen Verhältnisse zum Menschen und seiner individuellen persönlichen Wesenheit stehen muß, als das Erkenntnisgebiet, als das Gebiet des Geistes. Und wenn wir dann unsere unterscheidenden Worte vom Geiste und vom Sohn gebrauchen, dann können wir sagen: Wir können die Ahnung in uns erwecken, daß der Mensch zum Geiste anders stehen muß als zum Sohn. Wie ist das zu verstehen?
[ 10 ] Es ist leicht auch schon im exoterischen Leben zu verstehen. Gewiß, es wird über das Gebiet des Erkennens in der mannigfaltigsten Weise diskutiert, aber man muß doch sagen, daß, wenn sich die Menschen nur verständigen über die Begriffe und Ideen, die sie sich auf dem Gebiet der Erkenntnis formulieren, der Streit in bezug auf Erkenntnisfragen immer mehr und mehr aufhören wird. Es ist schon öfter von mir betont worden, daß wir über die Dinge der Mathematik nicht mehr streiten, weil wir sie ganz ins Bewußtsein heraufgehoben haben, und daß wir bei denjenigen Dingen, über die wir uns streiten, diese noch nicht ins Bewußtsein heraufgehoben haben, sondern noch unsere unterbewußten Triebe, Instinkte und Leidenschaften hereinspielen lassen. Damit ist schon angedeutet, daß mit dem Gebiet der Erkenntnis etwas mehr allgemein Menschliches gegeben ist als mit dem Unterbewußten. Wenn wir einem anderen Menschen gegenübertreten, ihm in den verschiedensten Verhältnissen gegenüberstehen, so müssen wir sagen: das Gebiet des bewußten Geisteslebens ist etwas, worüber Verständigung zwischen Mensch und Mensch möglich sein muß. Und ein gesundes Seelenleben drückt sich darin aus, daß es die Sehnsucht, die Hoffnung hat, sich mit dem anderen über die Dinge des geistigen Lebens, des bewußten Seelenlebens verständigen zu können. Es müßte Ungesundheit das Seelenleben ergreifen, wenn einem die Hoffnung schwinden sollte, sich über die Dinge der Erkenntnis, des bewußten Geisteslebens mit dem anderen verständigen zu können. Dagegen gibt sich das Willenselement und alles, was im Unterbewußten ist, als etwas zu erkennen, in das wir, wenn es uns bei der anderen Persönlichkeit entgegentritt, im Grunde genommen gar nicht hineingreifen sollen, sondern es als das innerste Heiligtum des anderen Menschen betrachten sollen. Man fasse nur einmal ins Auge, wie unbehaglich einem gesunden Seelenleben das Gefühl ist, wenn der Wille des anderen niedergezwungen wird. Man mache sich klar, daß es doch nicht nur ein unästhetischer, sondern ein moralisch unbehaglicher Anblick ist, wenn bei einem anderen durch Hypnose oder auf andere gewaltsame Weise das bewußte Seelenleben ausgeschaltet wird; wenn man durch den Willen der einen Persönlichkeit eine Wirkung auf den Willen der anderen direkt ausgeübt sieht. Das einzig Gesunde ist doch, allen Einfluß auf den Willen des anderen Menschen nur durch Erkenntnis hindurch zu bekommen. Erkenntnis soll etwas sein, wodurch sich die eine Seele mit der anderen verständigt. Was der eine will, soll sich zunächst in die Erkenntnis umsetzen, dann in die Erkenntnis des anderen hineinwirken und erst auf dem Umwege der Erkenntnis den Willen des anderen berühren. Nur das kann im höchsten, idealsten Sinne im gesunden Seelenleben befriedigend erscheinen, und alle Art des gewaltsamen Einwirkens von Wille auf Wille muß einen unbehaglichen Eindruck hervorrufen.
[ 11 ] Mit anderen Worten: es strebt die Menschennatur, insofern sie gesund ist, dahin, auf dem Gebiete des Geistes das Gemeinschaftsleben zu entwickeln und das Gebiet des Unterbewußten, insofern es sich in der menschlichen Organisation ausdrückt, zu schätzen und zu achten als ein unantastbares Heiligtum, das in der Persönlichkeit, in der Individualität des einzelnen Menschen ruhen soll, und dem man sich nicht anders nähern soll als durch das Tor der bewußten Erkenntnis. So wenigstens muß ein modernes, ein unserem Zeitalter angehörendes Bewußtsein empfinden, wenn es sich gesund weiß. Wir werden in den späteren Vorträgen noch sehen, ob es für alle Zeiten der Menschheitsentwickelung so der Fall war. Was aber jetzt gesagt worden ist, kann uns ein unmittelbares Besinnen über das, was außer uns, und das, was in uns ist, wenigstens für unsere Gegenwart klar erkennen lassen. Das hängt damit zusammen, daß im Grunde genommen das Gebiet des Sohnes — alles dessen, was wir mit dem Sohn oder Logos bezeichnen — in einem jeden einzelnen von uns als eine individuelle Angelegenheit, als eine ganz persönliche Angelegenheit erweckt werden muß; und daß das gemeinsame Gebiet, auf dem von Mensch zu Mensch gearbeitet werden kann, das Gebiet des Geistes ist.
[ 12 ] Wir sehen das, was eben jetzt gesagt worden ist, in der bedeutsamsten, grandiosesten Weise ausgedrückt in all den Erzählungen, die uns das Neue Testament um die Gestalt des Christus Jesus und seiner ersten Jünger und Anhänger herum bietet. Wir sehen — das können wir durchaus aus alledem entnehmen, was wir über das ChristusEreignis zeigen können — wie im Grunde genommen die Anhänger, die dem Christus Jesus zur Zeit seines Lebens zugeeilt waren, irre wurden, als er mit dem Kreuzestode endete; mit jenem Tode, den man in dem Lande, in welchem das Christus-Ereignis sich abspielte, ansah als die einzig mögliche Sühne für größte Verbrechen innerhalb des Menschenlebens. Und wenn auch nicht auf alle dieser Kreuzestod so wirkte wie auf Saulus, der dann der Paulus geworden ist — der als Saulus zunächst die Konsequenz gezogen hatte: der kann nicht der Messias oder der Christus sein, der eines solchen Todes stirbt! — wenn auch auf die anderen Jünger der Kreuzestod einen, man möchte sagen, milderen Eindruck gemacht hat: das eine ist doch mit Händen zu greifen, daß die Evangelienschreiber diesen Eindruck sogar hervorrufen wollen, daß der Christus Jesus alle Wirkung, die er auf die Herzen seiner Umgebung gehabt hat, in einer gewissen Weise verloren hatte dadurch, daß er dem schmählichen Kreuzestode verfallen mußte.
[ 13 ] Aber wir sehen mit dieser Nachricht verbunden etwas anderes: daß der Einfluß, den der Christus Jesus verloren hatte — was wir auch in diesen Vorträgen noch genauer charakterisieren müssen — nach der Auferstehung wieder zurückkehrte. Mögen wir heute noch über die Auferstehung denken, wie wir wollen; wir werden sie im Sinne der okkulten Wissenschaft in den nächsten Tagen zu besprechen haben, und dann wird eines klar sein, wenn wir bloß die Evangelienberichte auf uns wirken lassen: daß der Christus für diejenigen, von denen erzählt wird, daß er ihnen nach der Auferstehung erschienen ist, in einer ganz besonderen, einer ganz anderen Art noch ein Gegenwärtiger geworden ist, als dies vorher der Fall war. Ich habe schon bei Besprechung des Johannes-Evangeliums angedeutet, wie es unmöglich wäre, daß nach drei Tagen eine Bekannte des Jesus von Nazareth diesen nicht wiedererkannt hätte, und ihn mit einer anderen Persönlichkeit hätte verwechseln können, wenn er nicht in einer verwandelten Gestalt erschienen wäre. Diesen Eindruck wollen die Evangelien durchaus hervorrufen, daß der Christus in einer anderen Gestalt erschienen ist. Aber auch das andere wollen die Evangelien andeuten: daß etwas notwendig war in dem Innern der Menschenseelen, um den verwandelten Christus auf die Menschenseelen wirken zu lassen, nämlich eine gewisse Empfänglichkeit. Um auf diese Empfänglichkeit zu wirken, durfte nicht bloß dasjenige wirken, was etwa dem Gebiete des Geistes angehört; sondern es mußte wirken der unmittelbare Anblick des Daseins der Christus-Wesenheit. Wenn wir uns fragen, was dabei in Betracht kommt, so müssen wir sagen: wenn ein Mensch uns gegenübersteht, so ist das, was auf uns wirkt, noch weit mehr, als was wir in unser Bewußtsein aufnehmen. Es wirken in jedem Augenblick, wenn ein Mensch oder eine andere Wesenheit auf uns wirkt, unterbewußte Elemente auf unser Seelenleben; solche unterbewußte Elemente, welche die andere Wesenheit auf dem Umwege durch das Bewußtsein erzeugt, die sie aber nur dadurch erzeugen kann, daß sie als Wesenheit uns in ihrer Realität gegenübertritt. Was der Christus von Wesen zu Wesen zunächst gewirkt hat nach der sogenannten Auferstehung, das war etwas, was aus den unbewußten Seelenkräften der Jünger heraufwirkte in ihr Seelenleben: eine Bekanntschaft mit dem Sohne. Daher auch der Unterschied in der Schilderung des auferstandenen Christus; daher auch das Verschiedene der Charakteristiken, wie der Christus auf den einen oder den anderen gewirkt hat, wie er diesem oder jenem erschienen ist, je nachdem der eine oder der andere geartet war. Sie sind Wirkungen der Christus-Wesenheit auf das Unterbewußte seiner Jünger-Seelen; daher auch sind sie ein ganz Individuelles, und wir dürfen uns nicht daran stoßen, daß uns diese Erscheinungen nicht gleichförmig, sondern mannigfaltig geschildert werden.
[ 14 ] Wenn aber das, was der Christus der Welt werden sollte, allen Menschen ein Gemeinsames bringen sollte, so mußte nicht nur diese individuelle Wirkung, diese Sohnes-Wirkung von dem Christus ausgehen, sondern es mußte von dem Christus erneuert werden das Element des Geistes, was die Gemeinsamkeit im Menschenleben bilden kann. Das wird dadurch charakterisiert, daß der Christus, nachdem er auf die Logos-Natur der Menschen gewirkt hat, den Geist in der Form des erneuerten oder ‘heiligen’ Geistes sendet. Damit wird das Gemeinsamkeits-Element geschaffen, was dadurch charakterisiert ist, daß gesagt wird: die Jünger fingen an, in den verschiedensten Sprachen zu reden, als sie den Geist empfangen hatten. Damit ist hingedeutet auf das Gemeinsame, das in der Ausgießßung des heiligen Geistes liegt. Und noch durch ein anderes wird angedeutet, wie es verschieden ist von der bloßen Mitteilung der Sohnes-Kraft; denn es wird in der Apostelgeschichte erzählt, wie gewisse Leute, zu denen die Apostel gekommen sind, schon die Taufe nach Johannes hatten — und dennoch — wie es in der Apostelgeschichte symbolisch angedeutet wird, indem auf das Händeauflegen hingewiesen wird — erst empfangen mußten den Geist. Daher müssen wir sagen: Es wird gerade bei der Charakteristik des Christus-Ereignisses in scharfer Weise aufmerksam gemacht auf den Unterschied zwischen jener Wirkung, die wir als die eigentliche Christus-Wirkung zu bezeichnen haben, die auf die unterbewußten Seelenmomente einwirkt und deshalb einen persönlichen, innerlichen Charakter haben muß, und zwischen den Geist-Elementen, die etwas Gemeinschaftliches darstellen.
[ 15 ] Dieses Moment der christlichen Entwickelung haben in der sorgfältigsten Weise, so gut es sich bei der menschlichen Schwachheit überhaupt durchführen läßt, diejenigen einhalten wollen, die sich auf den Namen der Rosenkreuzer getauft haben. Sorgfältig haben sie überall das einhalten wollen, daß selbst in den höchsten Regionen der Initiation auf nichts anderes gewirkt werden sollte als auf das, was bei Mensch und Mensch gemeinsam in der Menschheitsentwickelung zur Verfügung steht; daß nur eingewirkt werden durfte auf den Geist. Eine Geist-Initiation war die Initiation der Rosenkreuzer. Sie wurde daher niemals eine Willens-Initiation; denn der Wille des Menschen war etwas, was als ein Heiligtum im Innersten der Seele geachtet wurde. Der Mensch wurde daher zu jenen Initiationen hinaufgeführt, die ihn führen sollten über die Stufe der Imagination, Inspiration und Intuition — aber nur so weit, daß er in seinem Innern erkennen sollte dasjenige, was durch die Entwickelung des Geist-Elementes hervorgerufen werden sollte. Nicht eine Einwirkung auf das Willenselement sollte geschehen. Verwechseln wir das nicht mit einem Gleichgültigsein gegenüber dem Willen. Es handelte sich gerade darum, daß durch das Ausschließen der unmittelbaren Wirkung auf den Willen die reinste geistige Wirkung mittelbar, auf dem Umwege durch den Geist, gegeben wurde. Indem wir uns mit dem anderen Menschen verständigen über das Hineingehen in den Erkenntnispfad des Geistes, wird aus dem Geistespfade heraus das Licht und die Wärme entsendet, die dann auch den Willen anfachen können; aber immer auf dem Umwege durch den Geist, niemals anders. Daher finden wir im eminentesten Sinne jenes Moment der christlichen Wesenheit im Rosenkreuzertum beobachtet, das ausgedrückt ist in einem Zweifachen: auf der einen Seite in dem SohnesElement, in der Christus-Wirkung, die tief ins menschliche Unterbewußtsein hineingeht; und dann in der Geist-Wirkung, die sich auf alles erstreckt, was in den Horizont unseres Bewußtseins hereinfallen soll. Den Christus müssen wir allerdings in unserem Willen tragen; aber die Art, wie sich die Menschen im Leben über den Christus verständigen sollen, kann im Rosenkreuzersinne nur in der immer weiter- und weitergehenden, in das Okkulte hineinbohrenden Art des bewußten Seelenlebens liegen.
[ 16 ] Den entgegengesetzten Weg gingen durch eine Reaktion auf manche andere Geistesströmungen innerhalb Europas diejenigen, die gewöhnlich mit dem Namen Jesuiten bezeichnet werden. Das ist der radikale, der Grundunterschied zwischen dem berechtigt christlich zu nennenden Geistesweg und dem jesuitischen Geistesweg, der das JesusPrinzip einseitig überspannt: daß der jesuitische Weg überall auf den Willen direkt zu wirken beabsichtigt, überall den Willen direkt, unmittelbar ergreifen will. Das drückt sich schon bedeutsam aus in der Art und Weise, wie der Zögling des Jesuitismus herangebildet wird. Der Jesuitismus ist deshalb nicht leicht zu nehmen, nicht bloß exoterisch, sondern auch esoterisch, weil er im Esoterischen wurzelt. Aber er wurzelt nicht im Geistesleben, das ausgegossen ist durch das Symbol der Pfingstfeier, sondern er will unmittelbar wurzeln in dem Jesus-Element des Sohnes, das heißt in dem Willen; und dadurch überspannt er das Jesus-Element des Willens. Das wird sich ergeben, wenn wir auf das eingehen, was das Esoterische im Jesuitismus genannt werden muß: auf die verschiedenen geistigen Übungen. Wie sind dieselben eingerichtet? Das ist ja das Bedeutsame, daß jeder einzelne Zögling des Jesuitismus Übungen durchmacht, die in das okkulte Leben, aber in den Willen hineinführen, und den Willen innerhalb des okkulten Feldes in eine strenge Zucht, man könnte sagen Dressur nehmen. Und das ist das Bedeutsame, daß diese Zucht des Willens nicht nur aus der Oberfläche des Lebens hervorquillt, sondern aus einem Tieferen, weil der Zögling in das Okkulte — aber eben in der angedeuteten Richtung — hineingeführt wird.
[ 17 ] Wenn wir jetzt absehen von den Gebetsübungen, die vorbereitend sind für alle jesuitischen esoterischen Übungen, und auf diese okkulten Übungen, wenigstens in ihren Hauptsachen, selbst eingehen, so müssen wir sagen: Da hatte sich der Zögling zunächst eine lebendige Imagination hervorzurufen von dem Christus Jesus als dem Weltenkönig — wohl gemerkt: eine Imagination! Und keiner wurde zugelassen zu den eigentlichen Graden des Jesuitismus, der nicht solche Übungen durchgemacht hatte und der nicht in seiner Seele erfahren hatte die Umwandlung, die solche Seelenübungen für den ganzen Menschen bedeuten. Aber diesen imaginativen Vorstellungen des Christus Jesus als Weltenkönig mußte noch etwas anderes vorhergehen. Da hat sich der Mensch vorzustellen — und zwar in tiefer Einsamkeit und Abgeschlossenheit — das Bild des Menschen, wie er in die Welt hereingeschaffen ist und der Sünde verfällt und damit der Möglichkeit der furchtbarsten Strafen. Und streng wird vorgeschrieben, wie das Bild eines solchen Menschen, wenn er sich selbst überlassen ist, den Qualen aller möglichen Strafen verfallen muß. Die Vorschriften sind außerordentlich streng; und ohne daß andere Begriffe und Ideen in seine Seele einziehen, muß fortwährend in der Seele des kommenden Jesuiten das Bild des gottverlassenen, den furchtbarsten Strafen ausgesetzten Menschen leben, und das Gefühl: Das bin ich, indem ich in die Welt hineingetreten bin und Gott verlassen habe und mich der Möglichkeit der furchtbarsten Strafen ausgesetzt habe! — Das muß hervorrufen Furcht vor dem Gorttverlassensein, Abscheu vor dem Menschen, wie er seiner bloßen Natur nach ist. Dann soll in einer weiteren Imagination dem Bilde des verworfenen, gottverlassenen Menschen gegenübertreten das Bild des erbarmungsvollen Gottes, der dann zum Christus wird, und durch seine Taten auf der Erde dasjenige sühnt, was der Mensch durch das Verlassen des göttlichen Pfades angerichtet hat. Entgegentreten soll der Imagination des gottverlassenen Menschen all das Erbarmende, das Liebende der Christus-Jesus-Wesenheit, der einzig und allein es zuzuschreiben ist, daß der Mensch nicht allen auf die Seele wirkenden Strafmöglichkeiten ausgesetzt ist. Und ebenso lebendig, wie sich vorher das Gefühl der Verachtung gegenüber dem Verlassen des göttlichen Pfades in der Seele des Jesuitenzöglings festsetzen muß, so muß jetzt in ihm Platz greifen das Gefühl der Demut und Zerknirschung gegenüber dem Christus. Wenn diese zwei Empfindungsqualitäten in dem Zögling hervorgerufen sind, dann muß die Seele mehrere Wochen hindurch in strengen Exerzitien leben, indem sie sich alle Einzelheiten der Bilder des Jesuslebens — von der Geburt bis zum Kreuzestode und bis zur Auferstehung — in der Imagination vormalt. Und alles das entsteht dann in der Seele, was entstehen kann, wenn der Zögling so, mit Ausnahme der notwendigen Essenszeit, in strenger Abgeschlossenheit lebt und nichts auf die Seele wirken läßt als die Bilder, die das Evangelium von dem erbarmenden Jesusleben schildert. Das aber wird nicht bloß in Gedanken und Begriffen vorgestellt, sondern muß in lebendigen, vollsaftigen Imaginationen auf die Seele wirken.
[ 18 ] Nur der, der eben weiß, wie die menschliche Seele umgewandelt wird durch die Imaginationen, die in aller Lebendigkeit wirken, der weiß auch, daß in der Tat unter solchen Bedingungen aus der Seele etwas anderes gemacht wird. Und zwar wird durch solche Imaginationen, weil sie in der intensivsten Weise einseitig, erstens auf den sündigen Menschen, zweitens auf den nur erbarmenden Gott und dann nur auf die Bilder des Neuen Testamentes sich erstrecken, durch das Gesetz der Polarität gerade ein gestärkter Wille hervorgerufen. So daß unmittelbar durch diese Bilder gewirkt wird; denn jedes Nachdenken und so weiter über diese Bilder muß pflichtgemäß ausgeschlossen sein. Da gibt es nur ein Sichvorhalten der Imaginationen, wie sie eben charakterisiert worden sind.
[ 19 ] Was dann folgt, ist dies: In den weiteren Exerzitien wird der Christus Jesus — und jetzt kann man sagen, nicht mehr der Christus, sondern ausschließlich Jesus — als der Welten allgemeiner König vorgestellt, und damit wird das Jesus-Element überspannt. Der Jesus ist nur ein Element dieser Welt. Denn dadurch, daß der Christus in einem menschlichen Leibe inkarniert sein mußte, hat zwar das rein Geistige Anteil genommen an der physischen Welt, aber diesem Anteilnehmen an der physischen Welt stehen monumental und bedeutungsvoll die Worte gegenüber: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt!» Man kann das Jesus-Element überspannen, indem man den Jesus zu einem König dieser Welt macht, indem man ihn zu dem macht, was er geworden wäre, wenn er dem Versucher nicht widerstanden hätte, der ihm geben wollte «alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten». Dann hätte der Jesus von Nazareth ein König werden müssen, der zum Unterschiede von den anderen Königen, die alle nur ein Stück der Erde besitzen, die ganze Erde zu seinem Wirkensbereich gehabt hätte. Man denke sich also diesen König so vorgestellt, die Königskraft so erhöht, daß die ganze Erde zu seinem Reiche gehört: dann hätte man ihn in der Tat in jenem Bilde vorgestellt, das nun folgen muß auf die anderen Exerzitien, die schon den Willen der eigenen Persönlichkeit des Jesuitenzöglings genug gestärkt haben. Und um vorzubereiten dieses Bild des ‘Königs Jesus’, dieses Herrschers über alle Reiche der Erde, muß vorgestellt werden in einer Imagination: Babylon und die Ebene rings um Babylon, als lebendiges Bild, und thronend auf dem babylonischen Feld Luzifer, mit der Fahne des Luzifer. Dieses Bild muß ganz genau vorgestellt werden, denn es ist eine mächtige Imagination: der König Luzifer mit seiner Fahne und seinen Scharen von luziferischen Engeln, sitzend in Feuer und Rauchqualm, wie er aussendet seine Engel, um zu erobern die Reiche der Erde. Und die ganze Gefahr, die von der «Fahne des Luzifer» ausgeht, muß zunächst für sich allein imaginiert werden, ohne einen Blick zu werfen auf den Christus Jesus. Ganz muß die Seele aufgehen in die Imagination der Gefahr, die von der Fahne des Luzifer ausgeht. Die Seele muß empfinden lernen als die größte Gefahr des Weltendaseins die, welche heraufbeschworen würde, wenn die Fahne des Luzifer siegen würde. Und wenn dieses Bild gewirkt hat, dann muß die andere Imagination, die «Fahne des Christus», an ihre Stelle treten. Dazu muß der Zögling sich vorstellen: Jerusalem und die Ebene um Jerusalem, den König Jesus, seine Scharen um ihn, und das Bild, wie er seine Scharen aussendet, wie er überwindet und vertreibt die Scharen des Luzifer und sich zum König der ganzen Erde macht — der Sieg der Fahne Christi über die Fahne des Luzifer!
[ 20 ] Das sind die stärkenden Imaginationen für den Willen, die vor die Seele des Jesuitenzöglings geführt werden. Das ist das, was seinen Willen ganz und gar verwandelt, was ihn so macht, daß in der Tat in diesem Willen — weil er auf okkulte Weise heranerzogen ist — ein Absehen von allem Übrigen ist, und ein Hingegebensein an die Idee: Der König Jesus muß zum Herrscher auf der Erde werden! Und wir, die wir zu seinem Heere gehören, wir haben alles anzuwenden, was ihn zum Herrscher auf Erden macht. Das geloben wir, die wir zu dem Heere gehören, das auf der Ebene von Jerusalem versammelt ist, gegenüber dem Heere des Luzifer auf der Ebene von Babylon. Und die größte Schande für einen Soldaten des Königs Jesus ist es, die Fahne zu verlassen!
[ 21 ] Das in einen einzigen Willensentschluß zusammengefaßt, ist etwas, was allerdings dem Willen eine gewaltige Stärke geben kann. Wenn wir es uns charakterisieren wollen, müssen wir fragen: Was ist denn in dem Seelenleben unmittelbar angegriffen worden? Das Element, das als das unmittelbar heilige gelten soll, wo man nicht hineingreifen soll: das Willenselement! Insofern bei dieser Schulung des Jesuitismus in das Willenselement eingegriffen wird, indem der Jesus ganz eingreift in das Willenselement, insofern ist der Begriff des Jesustums in der gefährlichsten Weise überspannt, — gefährlich deshalb, weil dadurch der Wille so stark wird, daß er auch unmittelbar auf den Willen des anderen wirken kann. Denn wo der Wille so stark wird durch die Imaginationen, das heißt durch okkulte Mittel, da erwirbt er auch die Fähigkeit, unmittelbar auf den anderen hinüberzuwirken. Daher auch alle die übrigen okkulten Wege, zu denen ein solcher Wille seine Zuflucht nehmen kann.
[ 22 ] So sehen wir, wie zwei Strömungen in den letzten Jahrhunderten unter den vielen anderen uns entgegentreten: Die eine, die das JesusElement überspannt hat und nur in dem König Jesus das einzige Ideal des Christentums sieht — und die andere, die einzig und allein auf das Christus-Element sieht und sorgfältig unterscheidet, was darüber hinausgehen könnte; die deshalb auch vielfach verleumdet worden ist, weil sie sich daran hält, daß der Christus den Geist gesandt hat, damit der Christus auf dem Umwege durch den Geist seinen Einzug in die Herzen und Gemüter der Menschen halten kann. Es gibt wohl kaum einen größeren Gegensatz in der Kulturentwickelung der letzten Jahrhunderte, als den zwischen dem Jesuitismus und dem Rosenkreuzertum, weil in dem Jesuitismus nichts von dem enthalten ist, was das Rosenkreuzertum als das höchste Ideal der Beurteilung von Menschenwert und Menschenwürde ansieht; und weil sich das Rosenkreuzertum immer hat bewahren wollen vor einem jeglichen Einfließen dessen, was auch nur im schwachen Sinne als ein jesuitisches Element bezeichnet werden kann.
[ 23 ] Damit wollte ich zeigen, wie selbst ein so hohes Element wie das Jesus-Prinzip überspannt werden kann und dann gefährlich wird; und wie es notwendig ist, sich in die Tiefen der Christus-Wesenheit zu versenken, wenn man verstehen will, wie die Stärke des Christentums gerade darin bestehen muß, daß die menschliche Würde, der menschliche Wert aufs allerhöchste geschätzt wird; daß nirgends mit plumpen Schritten hineingetappt wird in das, was der Mensch als sein innerstes Heiligtum betrachten muß. Deshalb wird auch christliche Mystik von dem jesuitischen Element so angefochten — und erst das Rosenkreuzertum im höchsten Maße — weil gefühlt wird, daß wahres Christentum doch anders gesucht wird als dort, wo bloß der König Jesus [eine Rolle] spielt. Aber durch die angedeuteten Imaginationen ist der Wille so stark geworden, daß selbst die gegenteiligen Einsprüche des Geistes durch diesen Willen, der durch die beschriebenen Exerzitien erreicht ist, besiegt werden können.
