From Jesus to Christ
GA 131
5 October 1911, Karlsruhe
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From Jesus to Christ, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Diese Vorträge sollen dazu bestimmt sein, eine Vorstellung zu schaffen von dem Christus-Ereignis, insofern als es zusammenhängt mit seiner geschichtlichen Erscheinung: mit der Offenbarung des Christus in der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth. Mit dieser Frage sind so viele Fragen des geistigen Lebens verbunden, daß wir gerade dadurch, daß diesmal das Thema so gewählt worden ist, weite Ausblicke werden machen können in das Gebiet der Geisteswissenschaft und in ihre Mission; und die Bedeutung gerade der anthroposophischen Bewegung für das gegenwärtige Geistesleben werden wir an der Hand dieses Themas erörtern können. Auf der anderen Seite werden wir dabei Gelegenheit haben, das, was Inhalt der Religion ist und als solcher Inhalt für die menschliche Allgemeinheit bestimmt sein muß, erkennen zu lernen in seinem Verhältnis zu dem, was tiefere Quellen des geistigen Lebens, was die okkulten Quellen, die Quellen der Geheimwissenschaft uns zu sagen wissen über das, was allem religiösen und Weltanschauungs-Streben zugrunde liegen muß. Es wird manches von dem, was wir werden zu besprechen haben, scheinbar recht weit abliegen von dem 'Thema selbst; doch wird uns alles wieder hinführen zu unserer Hauptaufgabe.
[ 1 ] These lectures are intended to provide an understanding of the Christ event insofar as it is connected with his historical appearance: with the revelation of the Christ in the person of Jesus of Nazareth. So many questions of spiritual life are connected with this issue that, precisely because this topic has been chosen this time, we will be able to gain broad insights into the field of spiritual science and its mission; and we will be able to discuss the significance of the anthroposophical movement in particular for contemporary spiritual life on the basis of this topic. On the other hand, we will have the opportunity to learn to recognize what constitutes the content of religion—and as such must be intended for the general human community—in its relationship to what the deeper sources of spiritual life, the occult sources, the sources of esoteric science, tell us about what must underlie all religious and worldview endeavors. Much of what we will discuss will seem quite far removed from the ‘theme’ itself; yet everything will lead us back to our main task.
[ 2 ] Was eben angedeutet worden ist, kann aber gleich von Anfang an in einer genaueren Weise auseinandergesetzt werden, indem wir zum Verständnis unseres gegenwärtigen religiösen Lebens auf der einen Seite und der geisteswissenschaftlichen Vertiefung des gesamten Seelenlebens auf der anderen Seite, einen Blick werfen auf die Herkunft sowohl dieses religiösen wie auch des okkulten, geistigen Lebens in den letzten Jahrhunderten. Denn wir haben in den letzten Jahrhunderten gerade der europäischen Geistesentwickelung zwei Richtungen, die in allerextremster Weise ausgebildet haben auf der einen Seite die Überspannung des Jesus-Prinzips und auf der anderen Seite jetzt nicht mehr die Überspannung, sondern die sorgfältigste, gewissenhafteste Einhaltung des Christus-Prinzips. Wir haben, indem wir diese beiden Strömungen der letzten Jahrhunderte vor unsere Seelen hinstellen, in der Überspannung des Jesus-Prinzips eine große Verirrung, eine gefährliche Verirrung im Geistesleben der letzten Jahrhunderte — und auf der anderen Seite eine tief bedeutsame, überall die rechten Wege suchende und Irrwege sorgfältig vermeidende Bewegung. Also schon in bezug auf diese Beurteilung zweier voneinander ganz verschiedener Geistesbewegungen haben wir die eine zu den schweren Irrtümern, die andere zu den ernstlichsten Bestrebungen nach der Wahrheit zu zählen. Die eine Bewegung, die uns doch auch im Zusammenhang einer geisteswissenschaftlich christlichen Betrachtung interessieren muß, und von der wir als einer in gewisser Weise außerordentlich gefährlichen Verirrung sprechen dürfen, ist die, welche im äußeren exoterischen Leben genannt wird der Jesuitismus, und wir haben im Jesuitismus gegeben eine gefährliche Überspannung des Jesus-Prinzips. Und in demjenigen, was seit Jahrhunderten innerhalb Europas als Rosenkreuzertum besteht, haben wir eine intime, überall sorgfältig die Wege der Wahrheit suchende Christus-Bewegung. Es ist viel im exoterischen Leben zu allen Zeiten, seit es eine jesuitische Strömung innerhalb Europas gibt, über den Jesuitismus gesprochen worden, und deshalb soll es schon auch denjenigen, der das Geistesleben aus seinen tieferen Quellen studieren will, interessieren, inwiefern der Jesuitismus eine gefährliche Überspannung des Jesus-Prinzips bedeutet. Da müssen wir allerdings, wenn wir auf eine wahre Charakteristik des Jesuitismus eingehen wollen, uns von einer gewissen Seite her damit bekanntmachen, wie die drei Hauptprinzipien aller Weltentwickelung, die in der verschiedensten Weise in den verschiedenen Weltanschauungen angedeutet werden, sich praktisch innerhalb unseres Lebens auch schon exoterisch ausleben. Wir wollen heute zuerst einmal ganz absehen von der tieferen Bedeutung und der tieferen Charakterisierung der drei Grundströmungen alles Lebens und aller Entwickelung und wollen sie so, wie sie dem äußerlichen Blicke auffallen, einmal vor unsere Seele führen.
[ 2 ] What has just been hinted at can, however, be examined in greater detail right from the start by taking a look at the origins of both religious and occult, spiritual life in recent centuries—on the one hand to understand our present religious life, and on the other hand to deepen our spiritual scientific understanding of the entire life of the soul. For in the past few centuries, we have seen two directions in European spiritual development that have developed in the most extreme ways: on the one hand, the overstretching of the Jesus principle, and on the other hand, no longer an overstretching, but the most careful, conscientious adherence to the Christ principle. When we set these two currents of the past centuries before our souls, we see in the overemphasis of the Jesus principle a great aberration, a dangerous aberration in the spiritual life of the past centuries—and on the other hand, a profoundly significant movement that seeks the right paths everywhere and carefully avoids wrong paths. Thus, even in regard to this assessment of two spiritual movements that are entirely different from one another, we must count one among the grave errors and the other among the most earnest endeavors toward the truth. The one movement, which must also interest us in the context of a Christian spiritual-scientific perspective, and of which we may speak as an in some ways extraordinarily dangerous aberration, is that which in the outer exoteric life is called Jesuitism; and in Jesuitism we have a dangerous exaggeration of the Jesus principle. And in what has existed for centuries within Europe as Rosicrucianism, we have an intimate Christ movement that carefully seeks the paths of truth everywhere. Much has been said about Jesuitism in exoteric life at all times, ever since a Jesuit current has existed within Europe, and therefore it should also be of interest to those who wish to study spiritual life from its deeper sources, to what extent Jesuitism constitutes a dangerous overstretching of the Jesus principle. However, if we wish to address a true characterization of Jesuitism, we must first familiarize ourselves from a certain perspective with how the three main principles of all world development—which are hinted at in the most varied ways in different worldviews—are already played out practically within our lives, even in an exoteric sense. Today, let us first set aside the deeper meaning and characterization of the three fundamental currents of all life and development, and simply bring them before our soul as they appear to the outer eye.
[ 3 ] Da haben wir zunächst das eine, was wir nennen können: unser Seelenleben, insofern es ein Erkenntnisleben ist. Was auch der Mensch sonst sagen mag gegen das Abstrakte einer einseitigen Erkenntnis, eines einseitigen Wahrheitsstrebens, was er sagen mag gegen das Lebensfremde mancher wissenschaftlichen, philosophischen, theosophischen Bestrebungen — der Mensch, der sich wahrhaft in seiner Seele klar wird über das, was er will und wollen kann, weiß doch, daß das, was man mit dem Worte Erkenntnis umspannen kann, zu den tiefst eingewurzelten Bestrebungen unseres Seelenlebens gehört. Denn ob wir Erkenntnis suchen durch das Denken oder mehr durch die Empfindung, durch das Fühlen — immer bedeutet Erkenntnis eine Orientierung über alles das, was uns in der Welt umgibt, und auch über uns selbst. So daß wir uns sagen müssen, ob wir nun zufrieden sein wollen mit den allereinfachsten Erlebnissen der Seele, oder ob wir uns einlassen wollen auf die kompliziertesten Auseinandersetzungen über die Geheimnisse des Daseins: Erkenntnis bedeutet für uns doch zunächst die allerbedeutsamste Lebensfrage. Denn wir machen uns durch die Erkenntnis im Grunde genommen das Bild des Welteninhaltes, von dem wir doch leben, von dem all unser Seelenwesen genährt ist. Schon den allerersten Sinneseindruck und überhaupt alles Sinnesleben müssen wir in das Gebiet der Erkenntnis rechnen und ebenso auch die höchsten Abstraktionen von Begriffen und Ideen. Zur Erkenntnis müssen wir aber auch rechnen, was uns in der Seele antreibt, sagen wir, schön und häßlich zu unterscheiden. Denn wenn es auch in einem gewissen Sinne richtig ist, daß sich über den Geschmack nicht streiten läßt, so bedeutet es doch eine Erkenntnis, wenn man sich ein Geschmacksurteil angeeignet hat und entscheiden kann über schön und häßlich. Und auch unsere sittlichen Impulse, was uns dazu antreibt, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen, müssen wir empfinden als sittliche Ideen, als Erkenntnis oder als gefühlsmäßige Antriebe, das eine zu tun, das andere zu lassen. Ja, auch was wir unser Gewissen nennen, mag es noch so unbestimmte Impulse auslösen, es gehört auch zu dem, was mit dem Worte Erkenntnis zu umspannen ist. Kurz, was uns zunächst bewußt ist: die Welt, ob sie eine Welt der Maja oder der Wirklichkeit ist, die Welt, in der wir bewußt leben, alles, was uns bewußt ist, können wir mit dem Worte «Erkenntnisleben» im Geistigen umspannen.
[ 3 ] First, there is that which we may call our inner life, insofar as it is a life of knowledge. Whatever else a person may say against the abstract nature of one-sided knowledge or a one-sided pursuit of truth, whatever they may say against the alienation from life found in certain scientific, philosophical, or theosophical endeavors — the person who truly becomes clear in their soul about what they want and are capable of wanting knows, nevertheless, that what can be encompassed by the word “knowledge” belongs to the most deeply rooted aspirations of our inner life. For whether we seek knowledge through thinking or more through sensation, through feeling—knowledge always signifies an orientation toward everything that surrounds us in the world, and also toward ourselves. So that we must ask ourselves whether we wish to be content with the simplest experiences of the soul, or whether we wish to engage in the most complex inquiries into the mysteries of existence: For us, knowledge does indeed signify, first and foremost, the most significant question of life. For through knowledge we essentially form the image of the content of the world from which we live, from which our entire soul is nourished. We must include even the very first sensory impression and indeed all sensory life within the realm of knowledge, as well as the highest abstractions of concepts and ideas. But we must also count among knowledge what drives us in our souls to distinguish, let us say, between the beautiful and the ugly. For even if it is true in a certain sense that there is no accounting for taste, it nevertheless constitutes knowledge when one has acquired a judgment of taste and can decide between the beautiful and the ugly. And we must also perceive our moral impulses—what drives us to do good and refrain from evil—as moral ideas, as knowledge, or as emotional drives to do one thing and refrain from the other. Indeed, even what we call our conscience, however vague the impulses it may trigger, also belongs to what is encompassed by the word “knowledge.” In short, what is initially conscious to us—the world, whether it is a world of Maya or of reality, the world in which we live consciously, everything that is conscious to us—we can encompass in the spiritual realm with the term “life of knowledge.”
[ 4 ] Aber ein jeder Mensch wird auch zugeben müssen, daß gleichsam unter der Oberfläche dieses Geisteslebens, das wir mit der Erkenntnis umspannen, noch etwas anderes liegt; daß unser Seelenleben uns Mannigfaltiges schon für das alltägliche Dasein zeigt, was nicht zu unserem bewußten Leben gehört. Wir können da zunächst darauf hinweisen, wie wir unser Seelenleben des Morgens, wenn wir aufwachen, gestärkt und erfrischt aus dem Schlafe immer neu gebären lassen, und wie wir uns sagen müssen, daß wir für unser Seelenleben im Schlafzustande, also im Unbewußten, etwas gewonnen haben, was nicht in das Gebiet unserer Erkenntnis, unseres Bewußtseinslebens fallen kann, wo unsere Seele vielmehr unter dem Plan des Bewußten arbeitet. Aber auch in bezug auf das wache Tagesleben müssen wir zugeben, daß uns Triebe, Instinkte, Kräfte treiben, die zwar ihre Wellen heraufwerfen in das Feld des Bewußten, die aber unter dem Bewußsten arbeiten und ihr Wesen haben. Wir werden gewahr, daß sie unter dem Bewußten arbeiten, dann, wenn sie heraufkommen über die Oberfläche, durch die unser bewußtes Leben von dem unterbewußten getrennt wird. Und im Grunde genommen zeigt uns auch das sittliche Leben das Dasein eines solchen unterbewußten Seelenlebens, denn wir sehen in diesem sittlichen Leben in uns geboren werden diese oder jene Ideale. Man braucht nur ein wenig Selbsterkenntnis zu haben, um sich zu sagen, daß solche Ideale wohl in unserem Seelenleben aufsteigen, daß wir aber keineswegs immer wissen, wie unsere großen sittlichen Ideale nun zusammenhängen mit den allertiefsten Fragen des Daseins, sagen wir, wie sie im Willen Gottes, in dem sie ja doch schließlich wurzeln müssen, vorhanden sind. Es ist so, wie wenn wirklich unser gesamtes Seelenleben mit dem verglichen werden könnte, was in der Tiefe eines Meeres vorgeht. Diese Tiefen des Seelen-Meeres-Lebens werfen ihre Wellen herauf an die Oberfläche, und was in den Luftraum, mit dem wir das normal bewußte Seelenleben vergleichen können, heraufgeworfen wird, das wird dann zum Bewußtsein, zur Erkenntnis gebracht. Aber alles bewußte Leben wurzelt in einem unterbewußten Seelenleben.
[ 4 ] But every person must also admit that, as it were, beneath the surface of this spiritual life that we encompass with our understanding, there lies something else; that our inner life reveals to us, even in our everyday existence, a multitude of things that do not belong to our conscious life. We can first point out how we allow our soul life to be reborn anew each morning when we wake up, strengthened and refreshed from sleep, and how we must acknowledge that during sleep, that is, in the unconscious, we have gained something for our soul life that cannot fall within the realm of our cognition or our conscious life, where our soul operates rather under the guidance of the conscious. But even with regard to our waking daily life, we must admit that we are driven by drives, instincts, and forces that, while they do send their ripples into the realm of the conscious, operate beneath the conscious and have their essence there. We become aware that they operate beneath the conscious realm when they rise to the surface that separates our conscious life from the subconscious. And fundamentally, moral life also reveals to us the existence of such a subconscious soul life, for we see this or that ideal being born within us in this moral life. One need only have a little self-knowledge to realize that such ideals do indeed arise in our soul life, but that we by no means always know how our great moral ideals are connected with the deepest questions of existence—that is to say, how they are present in the will of God, in which they must ultimately be rooted. It is as if our entire inner life could truly be compared to what takes place in the depths of the sea. These depths of the sea of the soul cast their waves up to the surface, and what is cast up into the airspace—to which we can compare our normal conscious inner life—is then brought to consciousness, to knowledge. But all conscious life is rooted in a subconscious soul life.
[ 5 ] Im Grunde genommen ist ja die ganze Entwickelung der Menschheit nur dann zu verstehen, wenn man ein solches unterbewußtes Seelenleben zugibt. Denn was bedeuten alle Fortschritte des Geisteslebens anderes, als daß aus dem Unterbewußten des Seelenlebens heraufgeholt wird, was lange schon unter der Oberfläche lebt, aber erst dann, wenn es heraufgeholt wird, in die Gestalt eintritt. So zum Beispiel wenn eine erfinderische Idee in die Gestalt des Impulses einer Entdeckung aufgeht. Unterbewußtes Seelenleben, das in uns ebenso ist wie das bewußte, muß man als ein zweites Element unseres Seelenlebens zugeben.
[ 5 ] Fundamentally, the entire development of humanity can only be understood if one acknowledges the existence of such a subconscious inner life. For what do all the advances in spiritual life mean other than that what has long been living beneath the surface is brought up from the subconscious of the soul life, but only takes shape once it is brought up. For example, when an inventive idea takes the form of the impulse for a discovery. We must acknowledge the subconscious life of the soul, which exists within us just as much as the conscious, as a second element of our soul life.
[ 6 ] Wenn wir dieses unterbewußte Seelenleben in einer gewissen Weise in das zunächst Unerkannte — nicht Unerkennbare — verlegen, müssen wir ihm noch ein Drittes gegenüberstellen. Dieses Dritte ergibt sich ohne weiteres auch für eine äußere, exoterische Beobachtung, wenn man sich sagt: Richtet man den Blick der Sinne oder des Verstandes oder auch des sonstigen Geisteslebens nach außen, so lernt man Verschiedenes erkennen. Aber man wird bei einer genaueren Besinnung über alles Erkennen doch zugeben müssen, daß hinter dem, was man über die gesamte Welt erkennt, ein anderes verborgen liegt, zwar nicht ein Unerkennbares, aber etwas, was man in jedem Zeitabschnitt ein Noch-nicht-Erkanntes nennen muß. Und dieses Nochnicht-Erkannte, das unter der Oberfläche des Erkannten liegt — wie im Mineralreich, wie im Pflanzen- und Tierreich —, das gehört sowohl der Natur draußen an, wie auch uns selbst. Es gehört uns selbst an, insofern wir in unsere physische Organisation die Stoffe und Kräfte der Außenwelt in uns aufnehmen und verarbeiten; und insofern wir darin ein Stück der Natur haben, haben wir darin auch ein Stück des Unbekannten der Natur. So müssen wir in der Welt, in der wir leben, ein Dreifaches unterscheiden: unser bewußtes Geistesleben, das heißt, das was eintritt in das Bewußtsein; dann das, was unter der Schwelle des Bewußtseins als unser unterbewußtes Seelenleben liegt, und dasjenige, was als unerkanntes Naturleben und zu gleicher Zeit unerkanntes Menschenleben selber, als ein Stück der großen unerkannten Natur in uns lebt.
[ 6 ] If we, in a certain sense, place this subconscious life of the soul within what is initially unknown—not unknowable—we must set a third element against it. This third element becomes readily apparent even through external, exoteric observation, when one considers: If one directs the gaze of the senses, or of the intellect, or even of the rest of the spiritual life outward, one learns to recognize various things. But upon closer reflection on all cognition, one must nevertheless admit that behind what one recognizes about the entire world, something else lies hidden—not something unknowable, but something that, in every period of time, must be called the not-yet-known. And this not-yet-known, which lies beneath the surface of the known—as in the mineral kingdom, as in the plant and animal kingdoms—belongs both to nature outside and to ourselves. It belongs to us insofar as we take in and process the substances and forces of the external world within our physical organization; and insofar as we have a part of nature within us, we also have a part of nature’s unknown within us. Thus, in the world in which we live, we must distinguish a threefold division: our conscious spiritual life, that is, what enters into consciousness; then that which lies beneath the threshold of consciousness as our subconscious soul life; and that which lives within us as an unrecognized natural life and, at the same time, as an unrecognized human life itself—as a part of the great, unrecognized nature.
[ 7 ] Diese Dreiheit ergibt sich unmittelbar aus einer sinnvollen Beobachtung der Welt. Und wenn man absieht von allen dogmatischen Feststellungen, absieht von allen philosophischen oder theosophischen Überlieferungen, insofern diese sich in Begriffsdefinitionen kleiden oder in Schemen ausgedrückt werden, wenn man sagt: Wie drückte es der Menschengeist immer aus, daß die eben charakterisierte Dreiheit nicht bloß in seiner Umgebung, sondern in aller Welt vorhanden ist, zu der er selbst gehört, dann muß man sagen: der Mensch drückte es aus, indem er das, was sich auf dem Horizont des Bewußten zu erkennen gibt, den Geist nannte; das aber, was im unterbewußten Seelenleben wirkt und nur seine Wellen heraufwirft aus diesem unterbewußten Seelenleben, als den Sohn oder den Logos bezeichnete. Und das, was sowohl der Natur, insofern sie zunächst unerkannt ist, und dem Stück unseres Eigenwesens, das mit der Natur gleichartig ist, angehört, das bezeichnete der Menschengeist immer, weil er fühlte, daß damit das Dritte gegenüber den zwei anderen gegeben ist, als das Vater-Prinzip. Neben dem, was jetzt gesagt ist mit dem Geist-, Sohn- und Vater-Prinzip, gelten auch selbstverständlich die anderen Unterscheidungen, die wir von jeher gemacht haben, und ebenso haben die Unterscheidungen, die in dieser oder jener Weltanschauung gemacht worden sind, ihre Berechtigung. Aber man könnte sagen, der populärste Begriff dieser Unterscheidung ergibt sich, wenn wir das vor uns hinstellen, was jetzt charakterisiert worden ist.
[ 7 ] This triad arises directly from a meaningful observation of the world. And if one sets aside all dogmatic assertions, sets aside all philosophical or theosophical traditions—insofar as these are clothed in conceptual definitions or expressed in schemes—and asks: How has the human spirit always expressed the fact that the triad just described is present not merely in its surroundings, but in the entire world to which it itself belongs? Then one must say: humanity expressed it by calling that which reveals itself on the horizon of consciousness the “spirit”; but that which acts in the subconscious life of the soul and only casts up its waves from this subconscious life of the soul, he designated as the Son or the Logos. And that which belongs both to nature, insofar as it is initially unrecognized, and to that part of our own being which is of the same nature as nature, the human spirit has always designated—because it sensed that this constitutes the third in relation to the other two—as the Father-principle. Alongside what has now been said regarding the Spirit, Son, and Father principles, the other distinctions we have always made naturally apply as well, and likewise, the distinctions made in this or that worldview have their justification. But one could say that the most popular concept of this distinction arises when we set before us what has now been characterized.
[ 8 ] Nun fragen wir uns: Wie können wir am besten den Übergang charakterisieren zwischen dem, was dem Geiste angehört, also unmittelbar in das bewußte Seelenleben hereinspielt, und dem unterbewußten Seelenleben, das dem Sohnes-Prinzip angehört? Diesen Übergang können wir am besten ins Auge fassen, wenn wir uns klar sind, daß eben in das gewöhnliche Geistesleben des Menschen, in das Bewußtsein, klar und deutlich aus dem Unterbewußtsein herauf diejenigen Elemente spielen, die wir gegenüber dem Vorstellungs- und Gefühlselemente als die Willenselemente bezeichnen müssen. Man braucht dazu nur das biblische Wort in der richtigen Weise zu interpretieren: «Der Geist ist willig», weil damit angedeutet ist, daß in das Geistgebiet alles gehört, was mit Bewußtsein erfaßt wird, — «aber das Fleisch ist schwach», womit man alles dasjenige meint, was mehr im Unterbewußtsein liegt. In bezug auf die Natur des Willens braucht sich der Mensch nur auf das zu besinnen, was aus dem Unterbewußten heraufspielt, und was nur dann in unser bewußtes Seelenleben hereinfällt, wenn wir uns — nach dem Heraufspielen der Wellen aus dem unteren Meere des Seelenlebens — darüber bewußte Begriffe bilden. Erst wenn wir das, was als dunkel treibende Seelenmächte in den Elementen des Seelenlebens wurzelt, zu Begriffen und Ideen umwandeln, wird es zum Inhalt des Geistes; sonst bleibt es in dem Gebiet des Prinzips des Sohnes. Und indem der Wille durch das Gefühl in das Vorstellungsleben heraufspielt, sehen wir ganz deutlich vor uns das Aufschlagen der Wellen aus dem Meere des Unterbewußten in das Bewußte. Daher können wir uns sagen: In der Dreiheit des Seelenlebens haben wir in den beiden Elementen Vorstellung und Gefühl etwas, was dem bewußten Seelenleben angehört; aber das Gefühl steigt schon herunter in das Gebiet des Willens; und je weiter wir an die Willensimpulse, an das Willensleben herankommen, desto mehr steigen wir in das Unterbewußte hinab, in jene dunklen Gebiete, in die wir vollends hinabsteigen, wenn das Bewußtsein ganz erlischt im tiefen, traumlosen Schlafesleben.
[ 8 ] Now let us ask ourselves: How can we best characterize the transition between that which belongs to the spirit—that is, what directly influences conscious soul life—and the subconscious soul life, which belongs to the Son-principle? We can best grasp this transition when we realize that it is precisely into the ordinary spiritual life of the human being—into consciousness—that those elements rise clearly and distinctly from the subconscious which we must designate as the elements of the will, in contrast to the elements of imagination and feeling. One need only interpret the biblical saying correctly: “The spirit is willing,” because this implies that everything grasped by consciousness belongs to the spiritual realm— “but the flesh is weak,” by which is meant everything that lies more in the subconscious. With regard to the nature of the will, a person need only reflect on what rises up from the subconscious and what enters our conscious soul life only when we—after the waves have risen from the lower sea of soul life—form conscious concepts about it. Only when we transform what is rooted in the elements of soul life as dark, driving soul forces into concepts and ideas does it become the content of the spirit; otherwise, it remains within the realm of the principle of the Son. And as the will surges up into the life of imagination through feeling, we see quite clearly before us the breaking of the waves from the sea of the subconscious into the conscious. Therefore, we can say to ourselves: In the triad of soul life, we have in the two elements of imagination and feeling something that belongs to conscious soul life; but feeling already descends into the realm of the will; and the closer we come to the impulses of the will, to the life of the will, the further we descend into the subconscious, into those dark realms into which we descend completely when consciousness is entirely extinguished in the deep, dreamless life of sleep.
[ 9 ] Der Sprachgenius ist oftmals viel weiter als der bewußte menschliche Geist und bezeichnet daher Dinge in einer richtigen Art, die wahrscheinlich recht falsch bezeichnet werden würden, wenn der Mensch mit dem Bewußtsein die Sprache ganz meistern könnte. So werden zum Beispiel gewisse Gefühle in der Sprache so ausgedrückt, daß schon im Worte die Verwandtschaft des Gefühles mit dem Willen zum Ausdruck gebracht wird, so daß wir gar nicht einen Willensimpuls meinen, sondern nur einen Gefühlsinhalt, und dennoch das Wort “Wille in der Sprache gebrauchen; eben weil der Sprachgenius bei gewissen tieferliegenden Gefühlen, über die man sich nicht mehr genau Rechenschaft gibt, das Wort “Wille anwendet. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn wir von “Widerwillen’ sprechen. Da braucht man gar nicht den Antrieb zu haben, dies oder jenes zu tun; es ist gar nicht nötig, daß der Übergang zum Willen gemacht werde. Es drückt sich dann die Verwandtschaft tieferliegender Gefühle, über die man sich nicht mehr Rechenschaft gibt, mit dem Gebiete des Willens in dem unterbewußten Seelenleben aus. Weil dies so ist, daß das Willenselement in das Gebiet des unterbewußten Seelenlebens hinabsteigt, so müssen wir einsehen, daß dieses Willensgebiet in einem ganz anderen Verhältnisse zum Menschen und seiner individuellen persönlichen Wesenheit stehen muß, als das Erkenntnisgebiet, als das Gebiet des Geistes. Und wenn wir dann unsere unterscheidenden Worte vom Geiste und vom Sohn gebrauchen, dann können wir sagen: Wir können die Ahnung in uns erwecken, daß der Mensch zum Geiste anders stehen muß als zum Sohn. Wie ist das zu verstehen?
[ 9 ] The genius of language is often far more advanced than the conscious human mind and therefore describes things in a way that would likely be described quite incorrectly if humans could fully master language through consciousness. For example, certain feelings are expressed in language in such a way that the relationship between the feeling and the will is already expressed in the word itself, so that we do not mean an impulse of the will at all, but only an emotional content, and yet we use the word “will” in language; precisely because the genius of language applies the word “will” to certain deeper feelings of which one is no longer fully aware. This is the case, for example, when we speak of “reluctance.” There is no need to have the impulse to do this or that; it is not at all necessary for the transition to the will to be made. It is then expressed in the connection between deeper feelings, of which one is no longer fully aware, and the realm of the will in the subconscious life of the soul. Because the element of the will descends into the realm of the subconscious life of the soul, we must recognize that this realm of the will must stand in a completely different relationship to the human being and his individual personal being than the realm of cognition, than the realm of the spirit. And when we then use our distinguishing terms “Spirit” and “Son,” we can say: We can awaken within ourselves the intuition that the human being must relate to the Spirit differently than to the Son. How is this to be understood?
[ 10 ] Es ist leicht auch schon im exoterischen Leben zu verstehen. Gewiß, es wird über das Gebiet des Erkennens in der mannigfaltigsten Weise diskutiert, aber man muß doch sagen, daß, wenn sich die Menschen nur verständigen über die Begriffe und Ideen, die sie sich auf dem Gebiet der Erkenntnis formulieren, der Streit in bezug auf Erkenntnisfragen immer mehr und mehr aufhören wird. Es ist schon öfter von mir betont worden, daß wir über die Dinge der Mathematik nicht mehr streiten, weil wir sie ganz ins Bewußtsein heraufgehoben haben, und daß wir bei denjenigen Dingen, über die wir uns streiten, diese noch nicht ins Bewußtsein heraufgehoben haben, sondern noch unsere unterbewußten Triebe, Instinkte und Leidenschaften hereinspielen lassen. Damit ist schon angedeutet, daß mit dem Gebiet der Erkenntnis etwas mehr allgemein Menschliches gegeben ist als mit dem Unterbewußten. Wenn wir einem anderen Menschen gegenübertreten, ihm in den verschiedensten Verhältnissen gegenüberstehen, so müssen wir sagen: das Gebiet des bewußten Geisteslebens ist etwas, worüber Verständigung zwischen Mensch und Mensch möglich sein muß. Und ein gesundes Seelenleben drückt sich darin aus, daß es die Sehnsucht, die Hoffnung hat, sich mit dem anderen über die Dinge des geistigen Lebens, des bewußten Seelenlebens verständigen zu können. Es müßte Ungesundheit das Seelenleben ergreifen, wenn einem die Hoffnung schwinden sollte, sich über die Dinge der Erkenntnis, des bewußten Geisteslebens mit dem anderen verständigen zu können. Dagegen gibt sich das Willenselement und alles, was im Unterbewußten ist, als etwas zu erkennen, in das wir, wenn es uns bei der anderen Persönlichkeit entgegentritt, im Grunde genommen gar nicht hineingreifen sollen, sondern es als das innerste Heiligtum des anderen Menschen betrachten sollen. Man fasse nur einmal ins Auge, wie unbehaglich einem gesunden Seelenleben das Gefühl ist, wenn der Wille des anderen niedergezwungen wird. Man mache sich klar, daß es doch nicht nur ein unästhetischer, sondern ein moralisch unbehaglicher Anblick ist, wenn bei einem anderen durch Hypnose oder auf andere gewaltsame Weise das bewußte Seelenleben ausgeschaltet wird; wenn man durch den Willen der einen Persönlichkeit eine Wirkung auf den Willen der anderen direkt ausgeübt sieht. Das einzig Gesunde ist doch, allen Einfluß auf den Willen des anderen Menschen nur durch Erkenntnis hindurch zu bekommen. Erkenntnis soll etwas sein, wodurch sich die eine Seele mit der anderen verständigt. Was der eine will, soll sich zunächst in die Erkenntnis umsetzen, dann in die Erkenntnis des anderen hineinwirken und erst auf dem Umwege der Erkenntnis den Willen des anderen berühren. Nur das kann im höchsten, idealsten Sinne im gesunden Seelenleben befriedigend erscheinen, und alle Art des gewaltsamen Einwirkens von Wille auf Wille muß einen unbehaglichen Eindruck hervorrufen.
[ 10 ] It is easy to understand even in exoteric life. Certainly, the realm of knowledge is discussed in the most varied ways, but one must say that if people can only agree on the concepts and ideas they formulate in the realm of knowledge, disputes regarding questions of knowledge will cease more and more. I have often emphasized that we no longer argue about matters of mathematics because we have fully brought them into consciousness, and that in the matters about which we do argue, we have not yet brought them into consciousness, but still allow our subconscious drives, instincts, and passions to come into play. This already suggests that the realm of knowledge involves something more generally human than the subconscious. When we encounter another person, facing them in the most varied circumstances, we must say: the realm of conscious spiritual life is something through which understanding between human beings must be possible. And a healthy soul life expresses itself in the longing and hope of being able to communicate with the other person about the matters of spiritual life, of conscious soul life. It would be a sign of unhealthiness in the soul life if one were to lose hope of being able to communicate with the other person about the matters of knowledge, of conscious spiritual life. In contrast, the element of will and everything in the subconscious reveals itself as something into which, when it confronts us in another person, we should not, in essence, interfere at all, but rather regard it as the innermost sanctuary of the other human being. One need only consider how uncomfortable it is for a healthy soul life to witness the will of another being suppressed. One must realize that it is not merely an unaesthetic but a morally uncomfortable sight when another person’s conscious soul life is shut down through hypnosis or other violent means; when one sees the will of one personality directly exerting an effect on the will of another. The only healthy approach is to exert any influence on another person’s will solely through understanding. Understanding should be the means by which one soul communicates with another. What one person wills should first be translated into understanding, then work its way into the other’s understanding, and only then, through the circuitous path of understanding, touch the other’s will. Only this can appear satisfying in the highest, most ideal sense of a healthy spiritual life, and any kind of forceful influence of will upon will must evoke an uncomfortable impression.
[ 11 ] Mit anderen Worten: es strebt die Menschennatur, insofern sie gesund ist, dahin, auf dem Gebiete des Geistes das Gemeinschaftsleben zu entwickeln und das Gebiet des Unterbewußten, insofern es sich in der menschlichen Organisation ausdrückt, zu schätzen und zu achten als ein unantastbares Heiligtum, das in der Persönlichkeit, in der Individualität des einzelnen Menschen ruhen soll, und dem man sich nicht anders nähern soll als durch das Tor der bewußten Erkenntnis. So wenigstens muß ein modernes, ein unserem Zeitalter angehörendes Bewußtsein empfinden, wenn es sich gesund weiß. Wir werden in den späteren Vorträgen noch sehen, ob es für alle Zeiten der Menschheitsentwickelung so der Fall war. Was aber jetzt gesagt worden ist, kann uns ein unmittelbares Besinnen über das, was außer uns, und das, was in uns ist, wenigstens für unsere Gegenwart klar erkennen lassen. Das hängt damit zusammen, daß im Grunde genommen das Gebiet des Sohnes — alles dessen, was wir mit dem Sohn oder Logos bezeichnen — in einem jeden einzelnen von uns als eine individuelle Angelegenheit, als eine ganz persönliche Angelegenheit erweckt werden muß; und daß das gemeinsame Gebiet, auf dem von Mensch zu Mensch gearbeitet werden kann, das Gebiet des Geistes ist.
[ 11 ] In other words: human nature, insofar as it is healthy, to develop community life in the realm of the spirit and to value and respect the realm of the subconscious—insofar as it expresses itself in the human organism—as an inviolable sanctuary that is to rest within the personality, within the individuality of each person, and which is to be approached only through the gateway of conscious knowledge. At least this is how a modern consciousness, one belonging to our age, must feel if it knows itself to be healthy. We shall see in later lectures whether this has been the case throughout all periods of human development. But what has now been said can enable us to clearly recognize, at least for our present time, what lies outside us and what lies within us. This is connected to the fact that, fundamentally, the realm of the Son—all that we designate as the Son or Logos—must be awakened in each and every one of us as an individual matter, as a wholly personal matter; and that the common realm in which work can be done from person to person is the realm of the Spirit.
[ 12 ] Wir sehen das, was eben jetzt gesagt worden ist, in der bedeutsamsten, grandiosesten Weise ausgedrückt in all den Erzählungen, die uns das Neue Testament um die Gestalt des Christus Jesus und seiner ersten Jünger und Anhänger herum bietet. Wir sehen — das können wir durchaus aus alledem entnehmen, was wir über das ChristusEreignis zeigen können — wie im Grunde genommen die Anhänger, die dem Christus Jesus zur Zeit seines Lebens zugeeilt waren, irre wurden, als er mit dem Kreuzestode endete; mit jenem Tode, den man in dem Lande, in welchem das Christus-Ereignis sich abspielte, ansah als die einzig mögliche Sühne für größte Verbrechen innerhalb des Menschenlebens. Und wenn auch nicht auf alle dieser Kreuzestod so wirkte wie auf Saulus, der dann der Paulus geworden ist — der als Saulus zunächst die Konsequenz gezogen hatte: der kann nicht der Messias oder der Christus sein, der eines solchen Todes stirbt! — wenn auch auf die anderen Jünger der Kreuzestod einen, man möchte sagen, milderen Eindruck gemacht hat: das eine ist doch mit Händen zu greifen, daß die Evangelienschreiber diesen Eindruck sogar hervorrufen wollen, daß der Christus Jesus alle Wirkung, die er auf die Herzen seiner Umgebung gehabt hat, in einer gewissen Weise verloren hatte dadurch, daß er dem schmählichen Kreuzestode verfallen mußte.
[ 12 ] We see what has just been said expressed in the most significant and magnificent way in all the accounts that the New Testament offers us concerning the figure of Christ Jesus and his first disciples and followers. We see—and we can certainly infer this from everything we can demonstrate about the Christ event—how, in essence, the followers who had flocked to Christ Jesus during his lifetime were led astray when he met his end on the cross; with that death which, in the land where the Christ event took place, was regarded as the only possible atonement for the gravest crimes within human life. And even if the death on the cross did not affect everyone in the same way as it did Saul, who later became Paul—who, as Saul, had initially concluded: he cannot be the Messiah or the Christ who dies such a death! — even if the death on the cross made, one might say, a milder impression on the other disciples: it is nevertheless plain to see that the Gospel writers even intended to evoke this impression, that Jesus Christ had, in a certain sense, lost all the effect he had had on the hearts of those around him by having to suffer a shameful death on the cross.
[ 13 ] Aber wir sehen mit dieser Nachricht verbunden etwas anderes: daß der Einfluß, den der Christus Jesus verloren hatte — was wir auch in diesen Vorträgen noch genauer charakterisieren müssen — nach der Auferstehung wieder zurückkehrte. Mögen wir heute noch über die Auferstehung denken, wie wir wollen; wir werden sie im Sinne der okkulten Wissenschaft in den nächsten Tagen zu besprechen haben, und dann wird eines klar sein, wenn wir bloß die Evangelienberichte auf uns wirken lassen: daß der Christus für diejenigen, von denen erzählt wird, daß er ihnen nach der Auferstehung erschienen ist, in einer ganz besonderen, einer ganz anderen Art noch ein Gegenwärtiger geworden ist, als dies vorher der Fall war. Ich habe schon bei Besprechung des Johannes-Evangeliums angedeutet, wie es unmöglich wäre, daß nach drei Tagen eine Bekannte des Jesus von Nazareth diesen nicht wiedererkannt hätte, und ihn mit einer anderen Persönlichkeit hätte verwechseln können, wenn er nicht in einer verwandelten Gestalt erschienen wäre. Diesen Eindruck wollen die Evangelien durchaus hervorrufen, daß der Christus in einer anderen Gestalt erschienen ist. Aber auch das andere wollen die Evangelien andeuten: daß etwas notwendig war in dem Innern der Menschenseelen, um den verwandelten Christus auf die Menschenseelen wirken zu lassen, nämlich eine gewisse Empfänglichkeit. Um auf diese Empfänglichkeit zu wirken, durfte nicht bloß dasjenige wirken, was etwa dem Gebiete des Geistes angehört; sondern es mußte wirken der unmittelbare Anblick des Daseins der Christus-Wesenheit. Wenn wir uns fragen, was dabei in Betracht kommt, so müssen wir sagen: wenn ein Mensch uns gegenübersteht, so ist das, was auf uns wirkt, noch weit mehr, als was wir in unser Bewußtsein aufnehmen. Es wirken in jedem Augenblick, wenn ein Mensch oder eine andere Wesenheit auf uns wirkt, unterbewußte Elemente auf unser Seelenleben; solche unterbewußte Elemente, welche die andere Wesenheit auf dem Umwege durch das Bewußtsein erzeugt, die sie aber nur dadurch erzeugen kann, daß sie als Wesenheit uns in ihrer Realität gegenübertritt. Was der Christus von Wesen zu Wesen zunächst gewirkt hat nach der sogenannten Auferstehung, das war etwas, was aus den unbewußten Seelenkräften der Jünger heraufwirkte in ihr Seelenleben: eine Bekanntschaft mit dem Sohne. Daher auch der Unterschied in der Schilderung des auferstandenen Christus; daher auch das Verschiedene der Charakteristiken, wie der Christus auf den einen oder den anderen gewirkt hat, wie er diesem oder jenem erschienen ist, je nachdem der eine oder der andere geartet war. Sie sind Wirkungen der Christus-Wesenheit auf das Unterbewußte seiner Jünger-Seelen; daher auch sind sie ein ganz Individuelles, und wir dürfen uns nicht daran stoßen, daß uns diese Erscheinungen nicht gleichförmig, sondern mannigfaltig geschildert werden.
[ 13 ] But we see something else connected with this news: that the influence which Christ Jesus had lost—something we will need to characterize in greater detail in these lectures—returned after the Resurrection. Whatever we may think of the Resurrection today, we will have to discuss it in the context of occult science in the coming days, and then one thing will become clear if we simply allow the Gospel accounts to take effect upon us: that for those of whom it is said that he appeared to them after the Resurrection, the Christ became present in a very special, entirely different way than had previously been the case. I have already indicated, in my discussion of the Gospel of John, how it would be impossible for an acquaintance of Jesus of Nazareth not to have recognized him after three days, and to have mistaken him for another person, if he had not appeared in a transformed form. The Gospels certainly intend to evoke this impression: that Christ appeared in a different form. But the Gospels also wish to suggest something else: that something was necessary within the human soul to allow the transformed Christ to take effect upon the human soul, namely, a certain receptivity. To act upon this receptivity, it was not enough for something belonging merely to the realm of the spirit to act; rather, the direct sight of the presence of the Christ Being had to act. If we ask ourselves what is involved here, we must say: when a human being stands before us, what acts upon us is far more than what we take into our consciousness. At every moment when a human being or another being influences us, subconscious elements act upon our soul life; such subconscious elements that the other being generates indirectly through consciousness, but which it can generate only by standing before us in its reality as a being. What Christ initially brought about from being to being after the so-called Resurrection was something that arose from the disciples’ unconscious soul forces into their inner life: an acquaintance with the Son. Hence also the difference in the descriptions of the risen Christ; hence also the variety of characteristics regarding how Christ worked upon one person or another, how he appeared to this or that individual, depending on the nature of one or the other. They are effects of the Christ-being upon the subconscious of his disciples’ souls; hence, too, they are entirely individual, and we must not take offense at the fact that these apparitions are described to us not uniformly, but in manifold ways.
[ 14 ] Wenn aber das, was der Christus der Welt werden sollte, allen Menschen ein Gemeinsames bringen sollte, so mußte nicht nur diese individuelle Wirkung, diese Sohnes-Wirkung von dem Christus ausgehen, sondern es mußte von dem Christus erneuert werden das Element des Geistes, was die Gemeinsamkeit im Menschenleben bilden kann. Das wird dadurch charakterisiert, daß der Christus, nachdem er auf die Logos-Natur der Menschen gewirkt hat, den Geist in der Form des erneuerten oder ‘heiligen’ Geistes sendet. Damit wird das Gemeinsamkeits-Element geschaffen, was dadurch charakterisiert ist, daß gesagt wird: die Jünger fingen an, in den verschiedensten Sprachen zu reden, als sie den Geist empfangen hatten. Damit ist hingedeutet auf das Gemeinsame, das in der Ausgießßung des heiligen Geistes liegt. Und noch durch ein anderes wird angedeutet, wie es verschieden ist von der bloßen Mitteilung der Sohnes-Kraft; denn es wird in der Apostelgeschichte erzählt, wie gewisse Leute, zu denen die Apostel gekommen sind, schon die Taufe nach Johannes hatten — und dennoch — wie es in der Apostelgeschichte symbolisch angedeutet wird, indem auf das Händeauflegen hingewiesen wird — erst empfangen mußten den Geist. Daher müssen wir sagen: Es wird gerade bei der Charakteristik des Christus-Ereignisses in scharfer Weise aufmerksam gemacht auf den Unterschied zwischen jener Wirkung, die wir als die eigentliche Christus-Wirkung zu bezeichnen haben, die auf die unterbewußten Seelenmomente einwirkt und deshalb einen persönlichen, innerlichen Charakter haben muß, und zwischen den Geist-Elementen, die etwas Gemeinschaftliches darstellen.
[ 14 ] But if what Christ was to become for the world was to bring something in common to all people, then not only did this individual effect—this effect of the Son—have to emanate from Christ, but the element of the Spirit that can form the commonality in human life also had to be renewed by Christ. This is characterized by the fact that Christ, after having worked upon the Logos nature of human beings, sends the Spirit in the form of the renewed or ‘Holy’ Spirit. This creates the element of commonality, which is characterized by the statement: the disciples began to speak in various languages when they had received the Spirit. This points to the commonality that lies in the outpouring of the Holy Spirit. And another aspect indicates how this differs from the mere imparting of the Son’s power; for the Acts of the Apostles recounts how certain people, to whom the apostles had come, had already received John’s baptism—and yet—as symbolically indicated in the Acts of the Apostles by the reference to the laying on of hands—they first had to receive the Spirit. Therefore, we must say: It is precisely in the characterization of the Christ event that attention is sharply drawn to the difference between that effect which we must designate as the actual Christ effect—which acts upon the subconscious aspects of the soul and must therefore have a personal, inner character—and the spiritual elements that represent something communal.
[ 15 ] Dieses Moment der christlichen Entwickelung haben in der sorgfältigsten Weise, so gut es sich bei der menschlichen Schwachheit überhaupt durchführen läßt, diejenigen einhalten wollen, die sich auf den Namen der Rosenkreuzer getauft haben. Sorgfältig haben sie überall das einhalten wollen, daß selbst in den höchsten Regionen der Initiation auf nichts anderes gewirkt werden sollte als auf das, was bei Mensch und Mensch gemeinsam in der Menschheitsentwickelung zur Verfügung steht; daß nur eingewirkt werden durfte auf den Geist. Eine Geist-Initiation war die Initiation der Rosenkreuzer. Sie wurde daher niemals eine Willens-Initiation; denn der Wille des Menschen war etwas, was als ein Heiligtum im Innersten der Seele geachtet wurde. Der Mensch wurde daher zu jenen Initiationen hinaufgeführt, die ihn führen sollten über die Stufe der Imagination, Inspiration und Intuition — aber nur so weit, daß er in seinem Innern erkennen sollte dasjenige, was durch die Entwickelung des Geist-Elementes hervorgerufen werden sollte. Nicht eine Einwirkung auf das Willenselement sollte geschehen. Verwechseln wir das nicht mit einem Gleichgültigsein gegenüber dem Willen. Es handelte sich gerade darum, daß durch das Ausschließen der unmittelbaren Wirkung auf den Willen die reinste geistige Wirkung mittelbar, auf dem Umwege durch den Geist, gegeben wurde. Indem wir uns mit dem anderen Menschen verständigen über das Hineingehen in den Erkenntnispfad des Geistes, wird aus dem Geistespfade heraus das Licht und die Wärme entsendet, die dann auch den Willen anfachen können; aber immer auf dem Umwege durch den Geist, niemals anders. Daher finden wir im eminentesten Sinne jenes Moment der christlichen Wesenheit im Rosenkreuzertum beobachtet, das ausgedrückt ist in einem Zweifachen: auf der einen Seite in dem SohnesElement, in der Christus-Wirkung, die tief ins menschliche Unterbewußtsein hineingeht; und dann in der Geist-Wirkung, die sich auf alles erstreckt, was in den Horizont unseres Bewußtseins hereinfallen soll. Den Christus müssen wir allerdings in unserem Willen tragen; aber die Art, wie sich die Menschen im Leben über den Christus verständigen sollen, kann im Rosenkreuzersinne nur in der immer weiter- und weitergehenden, in das Okkulte hineinbohrenden Art des bewußten Seelenlebens liegen.
[ 15 ] Those who have adopted the name of the Rosicrucians have sought to observe this phase of Christian development with the utmost care, as far as human frailty allows. They have sought to observe everywhere, with the utmost care, that even in the highest regions of initiation, nothing should be worked upon other than what is available to all human beings in the course of human evolution; that only the spirit was to be worked upon. The initiation of the Rosicrucians was a spiritual initiation. It therefore never became a will-initiation; for the human will was something regarded as a sanctuary in the innermost depths of the soul. The human being was therefore led up to those initiations that were to guide him through the stages of imagination, inspiration, and intuition—but only to the extent that he might recognize within himself that which was to be brought about through the development of the spiritual element. There was to be no direct influence on the element of will. Let us not confuse this with indifference toward the will. The point was precisely that, by excluding the direct influence on the will, the purest spiritual influence was imparted indirectly, through the spirit. As we communicate with another human being about entering the path of spiritual knowledge, light and warmth are sent forth from the spiritual path, which can then also kindle the will; but always indirectly through the spirit, never otherwise. Thus, we find that aspect of Christian essence observed in Rosicrucianism in the most eminent sense, which is expressed in twofold terms: on the one hand, in the Son-element, in the Christ-effect that penetrates deeply into the human subconscious; and then in the spiritual influence that extends to everything that is to fall within the horizon of our consciousness. We must, of course, carry the Christ within our will; but the way in which people are to understand the Christ in life can, in the Rosicrucian sense, lie only in the ever-expanding, ever-deepening manner of conscious soul life that penetrates into the occult.
[ 16 ] Den entgegengesetzten Weg gingen durch eine Reaktion auf manche andere Geistesströmungen innerhalb Europas diejenigen, die gewöhnlich mit dem Namen Jesuiten bezeichnet werden. Das ist der radikale, der Grundunterschied zwischen dem berechtigt christlich zu nennenden Geistesweg und dem jesuitischen Geistesweg, der das JesusPrinzip einseitig überspannt: daß der jesuitische Weg überall auf den Willen direkt zu wirken beabsichtigt, überall den Willen direkt, unmittelbar ergreifen will. Das drückt sich schon bedeutsam aus in der Art und Weise, wie der Zögling des Jesuitismus herangebildet wird. Der Jesuitismus ist deshalb nicht leicht zu nehmen, nicht bloß exoterisch, sondern auch esoterisch, weil er im Esoterischen wurzelt. Aber er wurzelt nicht im Geistesleben, das ausgegossen ist durch das Symbol der Pfingstfeier, sondern er will unmittelbar wurzeln in dem Jesus-Element des Sohnes, das heißt in dem Willen; und dadurch überspannt er das Jesus-Element des Willens. Das wird sich ergeben, wenn wir auf das eingehen, was das Esoterische im Jesuitismus genannt werden muß: auf die verschiedenen geistigen Übungen. Wie sind dieselben eingerichtet? Das ist ja das Bedeutsame, daß jeder einzelne Zögling des Jesuitismus Übungen durchmacht, die in das okkulte Leben, aber in den Willen hineinführen, und den Willen innerhalb des okkulten Feldes in eine strenge Zucht, man könnte sagen Dressur nehmen. Und das ist das Bedeutsame, daß diese Zucht des Willens nicht nur aus der Oberfläche des Lebens hervorquillt, sondern aus einem Tieferen, weil der Zögling in das Okkulte — aber eben in der angedeuteten Richtung — hineingeführt wird.
[ 16 ] Those commonly referred to as Jesuits took the opposite path in response to certain other intellectual currents within Europe. This is the radical, fundamental difference between the spiritual path that can rightly be called Christian and the Jesuit spiritual path, which one-sidedly overstretches the Jesus principle: that the Jesuit path intends to act directly upon the will everywhere, seeking to grasp the will directly and immediately everywhere. This is already significantly expressed in the way in which the disciple of Jesuitism is trained. Jesuitism is therefore not to be taken lightly; it is not merely exoteric but also esoteric, because it is rooted in the esoteric. But it is not rooted in the spiritual life poured out through the symbol of the Pentecost celebration; rather, it seeks to take root directly in the Jesus-element of the Son—that is, in the will—and thereby it overstretches the Jesus-element of the will. This will become clear when we examine what must be called the esoteric aspect of Jesuitism: the various spiritual exercises. How are these structured? The significant point is that every single student of Jesuitism undergoes exercises that lead into the occult life, but into the will, and subject the will within the occult realm to strict discipline—one might say training. And this is the significant point: that this discipline of the will springs not merely from the surface of life, but from a deeper level, because the initiate is led into the occult—but precisely in the direction indicated.
[ 17 ] Wenn wir jetzt absehen von den Gebetsübungen, die vorbereitend sind für alle jesuitischen esoterischen Übungen, und auf diese okkulten Übungen, wenigstens in ihren Hauptsachen, selbst eingehen, so müssen wir sagen: Da hatte sich der Zögling zunächst eine lebendige Imagination hervorzurufen von dem Christus Jesus als dem Weltenkönig — wohl gemerkt: eine Imagination! Und keiner wurde zugelassen zu den eigentlichen Graden des Jesuitismus, der nicht solche Übungen durchgemacht hatte und der nicht in seiner Seele erfahren hatte die Umwandlung, die solche Seelenübungen für den ganzen Menschen bedeuten. Aber diesen imaginativen Vorstellungen des Christus Jesus als Weltenkönig mußte noch etwas anderes vorhergehen. Da hat sich der Mensch vorzustellen — und zwar in tiefer Einsamkeit und Abgeschlossenheit — das Bild des Menschen, wie er in die Welt hereingeschaffen ist und der Sünde verfällt und damit der Möglichkeit der furchtbarsten Strafen. Und streng wird vorgeschrieben, wie das Bild eines solchen Menschen, wenn er sich selbst überlassen ist, den Qualen aller möglichen Strafen verfallen muß. Die Vorschriften sind außerordentlich streng; und ohne daß andere Begriffe und Ideen in seine Seele einziehen, muß fortwährend in der Seele des kommenden Jesuiten das Bild des gottverlassenen, den furchtbarsten Strafen ausgesetzten Menschen leben, und das Gefühl: Das bin ich, indem ich in die Welt hineingetreten bin und Gott verlassen habe und mich der Möglichkeit der furchtbarsten Strafen ausgesetzt habe! — Das muß hervorrufen Furcht vor dem Gorttverlassensein, Abscheu vor dem Menschen, wie er seiner bloßen Natur nach ist. Dann soll in einer weiteren Imagination dem Bilde des verworfenen, gottverlassenen Menschen gegenübertreten das Bild des erbarmungsvollen Gottes, der dann zum Christus wird, und durch seine Taten auf der Erde dasjenige sühnt, was der Mensch durch das Verlassen des göttlichen Pfades angerichtet hat. Entgegentreten soll der Imagination des gottverlassenen Menschen all das Erbarmende, das Liebende der Christus-Jesus-Wesenheit, der einzig und allein es zuzuschreiben ist, daß der Mensch nicht allen auf die Seele wirkenden Strafmöglichkeiten ausgesetzt ist. Und ebenso lebendig, wie sich vorher das Gefühl der Verachtung gegenüber dem Verlassen des göttlichen Pfades in der Seele des Jesuitenzöglings festsetzen muß, so muß jetzt in ihm Platz greifen das Gefühl der Demut und Zerknirschung gegenüber dem Christus. Wenn diese zwei Empfindungsqualitäten in dem Zögling hervorgerufen sind, dann muß die Seele mehrere Wochen hindurch in strengen Exerzitien leben, indem sie sich alle Einzelheiten der Bilder des Jesuslebens — von der Geburt bis zum Kreuzestode und bis zur Auferstehung — in der Imagination vormalt. Und alles das entsteht dann in der Seele, was entstehen kann, wenn der Zögling so, mit Ausnahme der notwendigen Essenszeit, in strenger Abgeschlossenheit lebt und nichts auf die Seele wirken läßt als die Bilder, die das Evangelium von dem erbarmenden Jesusleben schildert. Das aber wird nicht bloß in Gedanken und Begriffen vorgestellt, sondern muß in lebendigen, vollsaftigen Imaginationen auf die Seele wirken.
[ 17 ] If we now set aside the prayer exercises that serve as preparation for all Jesuit esoteric practices and turn our attention to these occult exercises themselves—at least in their main aspects—we must say: First, the initiate had to evoke a vivid image of Christ Jesus as the King of the World—note well: an image! And no one was admitted to the actual degrees of Jesuitism who had not undergone such exercises and who had not experienced in his soul the transformation that such spiritual exercises signify for the whole human being. But these imaginative visions of Christ Jesus as the King of the World had to be preceded by something else. There the person must imagine—and indeed in deep solitude and seclusion—the image of humanity as it is created into the world and falls into sin, and thus into the possibility of the most terrible punishments. And it is strictly prescribed how the image of such a human being, when left to himself, must fall prey to the torments of every possible punishment. The prescriptions are extraordinarily strict; and without other concepts and ideas entering his soul, the image of the human being forsaken by God and exposed to the most terrible punishments must live continually in the soul of the future Jesuit, along with the feeling: That is me, in that I have entered the world and forsaken God and exposed myself to the possibility of the most terrible punishments! — This must evoke fear of being forsaken by God, revulsion toward humanity as it is by its very nature. Then, in a further act of imagination, the image of the rejected, God-forsaken human being is to be confronted by the image of the merciful God, who then becomes Christ, and through his deeds on earth atones for what humanity has wrought by abandoning the divine path. The imagination of the God-forsaken human being is to be countered by all that is merciful and loving in the essence of Christ Jesus, to whom alone it is attributable that humanity is not exposed to all the possibilities of punishment that affect the soul. And just as vividly as the feeling of contempt for straying from the divine path must first take root in the soul of the Jesuit student, so must the feeling of humility and contrition toward Christ now take hold within him. Once these two emotional states have been evoked in the pupil, the soul must then live for several weeks in strict spiritual exercises, picturing in the imagination all the details of the scenes from the life of Jesus—from birth to death on the cross and on to the Resurrection. And everything that can arise in the soul will then arise when the student lives in such strict seclusion—with the exception of necessary mealtimes—and allows nothing to affect the soul except the images that the Gospel depicts of the merciful life of Jesus. But this is not merely presented in thoughts and concepts; rather, it must act upon the soul through vivid, rich imaginings.
[ 18 ] Nur der, der eben weiß, wie die menschliche Seele umgewandelt wird durch die Imaginationen, die in aller Lebendigkeit wirken, der weiß auch, daß in der Tat unter solchen Bedingungen aus der Seele etwas anderes gemacht wird. Und zwar wird durch solche Imaginationen, weil sie in der intensivsten Weise einseitig, erstens auf den sündigen Menschen, zweitens auf den nur erbarmenden Gott und dann nur auf die Bilder des Neuen Testamentes sich erstrecken, durch das Gesetz der Polarität gerade ein gestärkter Wille hervorgerufen. So daß unmittelbar durch diese Bilder gewirkt wird; denn jedes Nachdenken und so weiter über diese Bilder muß pflichtgemäß ausgeschlossen sein. Da gibt es nur ein Sichvorhalten der Imaginationen, wie sie eben charakterisiert worden sind.
[ 18 ] Only those who understand how the human soul is transformed by the imaginations that are at work with such vitality also know that, under such conditions, the soul is indeed transformed into something else. And indeed, because such imaginations are one-sided in the most intense way—extending first to sinful human beings, second to the solely merciful God, and then only to the images of the New Testament—they, through the law of polarity, actually give rise to a strengthened will. Thus, these images have an immediate effect; for any reflection and so on regarding these images must necessarily be excluded. There is only a holding fast to the imaginations as they have just been characterized.
[ 19 ] Was dann folgt, ist dies: In den weiteren Exerzitien wird der Christus Jesus — und jetzt kann man sagen, nicht mehr der Christus, sondern ausschließlich Jesus — als der Welten allgemeiner König vorgestellt, und damit wird das Jesus-Element überspannt. Der Jesus ist nur ein Element dieser Welt. Denn dadurch, daß der Christus in einem menschlichen Leibe inkarniert sein mußte, hat zwar das rein Geistige Anteil genommen an der physischen Welt, aber diesem Anteilnehmen an der physischen Welt stehen monumental und bedeutungsvoll die Worte gegenüber: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt!» Man kann das Jesus-Element überspannen, indem man den Jesus zu einem König dieser Welt macht, indem man ihn zu dem macht, was er geworden wäre, wenn er dem Versucher nicht widerstanden hätte, der ihm geben wollte «alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten». Dann hätte der Jesus von Nazareth ein König werden müssen, der zum Unterschiede von den anderen Königen, die alle nur ein Stück der Erde besitzen, die ganze Erde zu seinem Wirkensbereich gehabt hätte. Man denke sich also diesen König so vorgestellt, die Königskraft so erhöht, daß die ganze Erde zu seinem Reiche gehört: dann hätte man ihn in der Tat in jenem Bilde vorgestellt, das nun folgen muß auf die anderen Exerzitien, die schon den Willen der eigenen Persönlichkeit des Jesuitenzöglings genug gestärkt haben. Und um vorzubereiten dieses Bild des ‘Königs Jesus’, dieses Herrschers über alle Reiche der Erde, muß vorgestellt werden in einer Imagination: Babylon und die Ebene rings um Babylon, als lebendiges Bild, und thronend auf dem babylonischen Feld Luzifer, mit der Fahne des Luzifer. Dieses Bild muß ganz genau vorgestellt werden, denn es ist eine mächtige Imagination: der König Luzifer mit seiner Fahne und seinen Scharen von luziferischen Engeln, sitzend in Feuer und Rauchqualm, wie er aussendet seine Engel, um zu erobern die Reiche der Erde. Und die ganze Gefahr, die von der «Fahne des Luzifer» ausgeht, muß zunächst für sich allein imaginiert werden, ohne einen Blick zu werfen auf den Christus Jesus. Ganz muß die Seele aufgehen in die Imagination der Gefahr, die von der Fahne des Luzifer ausgeht. Die Seele muß empfinden lernen als die größte Gefahr des Weltendaseins die, welche heraufbeschworen würde, wenn die Fahne des Luzifer siegen würde. Und wenn dieses Bild gewirkt hat, dann muß die andere Imagination, die «Fahne des Christus», an ihre Stelle treten. Dazu muß der Zögling sich vorstellen: Jerusalem und die Ebene um Jerusalem, den König Jesus, seine Scharen um ihn, und das Bild, wie er seine Scharen aussendet, wie er überwindet und vertreibt die Scharen des Luzifer und sich zum König der ganzen Erde macht — der Sieg der Fahne Christi über die Fahne des Luzifer!
[ 19 ] What follows is this: In the subsequent exercises, Christ Jesus—and now one can say, no longer the Christ, but exclusively Jesus—is presented as the universal King of the worlds, and in this way the Jesus element is overshadowed. Jesus is merely an element of this world. For in that the Christ had to be incarnated in a human body, the purely spiritual did indeed take part in the physical world; but this participation in the physical world is counterbalanced by the monumental and significant words: “My kingdom is not of this world!” One can overstep the Jesus element by making Jesus a king of this world, by making him what he would have become had he not resisted the tempter who wanted to give him “all the kingdoms of the world and their splendors.” Then Jesus of Nazareth would have had to become a king who, unlike the other kings, who all possess only a part of the earth, would have had the whole earth as his domain. So imagine this king portrayed in such a way, his kingly power so exalted that the whole earth belongs to his kingdom: then one would indeed have presented him in that image which must now follow the other spiritual exercises, which have already sufficiently strengthened the will of the Jesuit student’s own personality. And to prepare this image of ‘King Jesus,’ this ruler over all the kingdoms of the earth, one must visualize in one’s imagination: Babylon and the plain surrounding Babylon, as a living image, and enthroned on the Babylonian field, Lucifer, with the banner of Lucifer. This image must be visualized with great precision, for it is a powerful vision: King Lucifer with his banner and his hosts of Luciferian angels, seated amid fire and billowing smoke, as he sends out his angels to conquer the kingdoms of the earth. And the entire danger emanating from the “banner of Lucifer” must first be visualized on its own, without casting a glance toward Christ Jesus. The soul must be completely absorbed in the visualization of the danger emanating from the banner of Lucifer. The soul must learn to perceive as the greatest danger of earthly existence that which would be conjured up if the banner of Lucifer were to triumph. And once this image has taken effect, the other image, the “Banner of Christ,” must take its place. To this end, the student must imagine: Jerusalem and the plain around Jerusalem, King Jesus, his hosts around him, and the image of how he sends out his hosts, how he overcomes and drives away the hosts of Lucifer and makes himself King of the whole earth—the victory of the banner of Christ over the banner of Lucifer!
[ 20 ] Das sind die stärkenden Imaginationen für den Willen, die vor die Seele des Jesuitenzöglings geführt werden. Das ist das, was seinen Willen ganz und gar verwandelt, was ihn so macht, daß in der Tat in diesem Willen — weil er auf okkulte Weise heranerzogen ist — ein Absehen von allem Übrigen ist, und ein Hingegebensein an die Idee: Der König Jesus muß zum Herrscher auf der Erde werden! Und wir, die wir zu seinem Heere gehören, wir haben alles anzuwenden, was ihn zum Herrscher auf Erden macht. Das geloben wir, die wir zu dem Heere gehören, das auf der Ebene von Jerusalem versammelt ist, gegenüber dem Heere des Luzifer auf der Ebene von Babylon. Und die größte Schande für einen Soldaten des Königs Jesus ist es, die Fahne zu verlassen!
[ 20 ] These are the strengthening imaginations for the will that are presented to the soul of the Jesuit pupil. This is what completely transforms his will, making him such that, in fact, within this will—because he has been raised in an occult manner—there is a renunciation of all else, and a devotion to the idea: King Jesus must become the ruler of the earth! And we, who belong to his army, must employ everything that makes him the ruler on earth. This we vow, we who belong to the army gathered on the plain of Jerusalem, facing the army of Lucifer on the plain of Babylon. And the greatest shame for a soldier of King Jesus is to desert the flag!
[ 21 ] Das in einen einzigen Willensentschluß zusammengefaßt, ist etwas, was allerdings dem Willen eine gewaltige Stärke geben kann. Wenn wir es uns charakterisieren wollen, müssen wir fragen: Was ist denn in dem Seelenleben unmittelbar angegriffen worden? Das Element, das als das unmittelbar heilige gelten soll, wo man nicht hineingreifen soll: das Willenselement! Insofern bei dieser Schulung des Jesuitismus in das Willenselement eingegriffen wird, indem der Jesus ganz eingreift in das Willenselement, insofern ist der Begriff des Jesustums in der gefährlichsten Weise überspannt, — gefährlich deshalb, weil dadurch der Wille so stark wird, daß er auch unmittelbar auf den Willen des anderen wirken kann. Denn wo der Wille so stark wird durch die Imaginationen, das heißt durch okkulte Mittel, da erwirbt er auch die Fähigkeit, unmittelbar auf den anderen hinüberzuwirken. Daher auch alle die übrigen okkulten Wege, zu denen ein solcher Wille seine Zuflucht nehmen kann.
[ 21 ] When condensed into a single act of will, this is something that can indeed give the will tremendous strength. If we wish to characterize it, we must ask: What, exactly, has been directly affected in the life of the soul? The element that is to be regarded as the directly sacred, into which one must not interfere: the element of the will! To the extent that this training in Jesuitism intervenes in the element of the will—by Jesus intervening fully in the element of the will—to that extent the concept of “Jesuitism” is stretched to the most dangerous degree—dangerous because it makes the will so strong that it can also act directly upon the will of another. For where the will becomes so strong through imaginations—that is, through occult means—it also acquires the ability to act directly upon others. Hence, too, all the other occult paths to which such a will may resort.
[ 22 ] So sehen wir, wie zwei Strömungen in den letzten Jahrhunderten unter den vielen anderen uns entgegentreten: Die eine, die das JesusElement überspannt hat und nur in dem König Jesus das einzige Ideal des Christentums sieht — und die andere, die einzig und allein auf das Christus-Element sieht und sorgfältig unterscheidet, was darüber hinausgehen könnte; die deshalb auch vielfach verleumdet worden ist, weil sie sich daran hält, daß der Christus den Geist gesandt hat, damit der Christus auf dem Umwege durch den Geist seinen Einzug in die Herzen und Gemüter der Menschen halten kann. Es gibt wohl kaum einen größeren Gegensatz in der Kulturentwickelung der letzten Jahrhunderte, als den zwischen dem Jesuitismus und dem Rosenkreuzertum, weil in dem Jesuitismus nichts von dem enthalten ist, was das Rosenkreuzertum als das höchste Ideal der Beurteilung von Menschenwert und Menschenwürde ansieht; und weil sich das Rosenkreuzertum immer hat bewahren wollen vor einem jeglichen Einfließen dessen, was auch nur im schwachen Sinne als ein jesuitisches Element bezeichnet werden kann.
[ 22 ] Thus we see two currents, among many others, emerging in recent centuries: one that has overshadowed the Jesus element and sees only in King Jesus the sole ideal of Christianity—and the other that focuses solely on the Christ element and carefully distinguishes what might go beyond it; which has therefore been slandered in many ways because it holds fast to the belief that Christ sent the Spirit so that Christ might, through the Spirit, make his way into the hearts and minds of human beings. There is scarcely a greater contrast in the cultural development of the past centuries than that between Jesuitism and Rosicrucianism, because Jesuitism contains nothing of what Rosicrucianism regards as the highest ideal for judging human worth and human dignity; and because Rosicrucianism has always sought to guard itself against any influx of what can even in the weakest sense be described as a Jesuit element.
[ 23 ] Damit wollte ich zeigen, wie selbst ein so hohes Element wie das Jesus-Prinzip überspannt werden kann und dann gefährlich wird; und wie es notwendig ist, sich in die Tiefen der Christus-Wesenheit zu versenken, wenn man verstehen will, wie die Stärke des Christentums gerade darin bestehen muß, daß die menschliche Würde, der menschliche Wert aufs allerhöchste geschätzt wird; daß nirgends mit plumpen Schritten hineingetappt wird in das, was der Mensch als sein innerstes Heiligtum betrachten muß. Deshalb wird auch christliche Mystik von dem jesuitischen Element so angefochten — und erst das Rosenkreuzertum im höchsten Maße — weil gefühlt wird, daß wahres Christentum doch anders gesucht wird als dort, wo bloß der König Jesus [eine Rolle] spielt. Aber durch die angedeuteten Imaginationen ist der Wille so stark geworden, daß selbst die gegenteiligen Einsprüche des Geistes durch diesen Willen, der durch die beschriebenen Exerzitien erreicht ist, besiegt werden können.
[ 23 ] By this I wanted to show how even such a lofty element as the Jesus principle can be overstretched and thus become dangerous; and how it is necessary to immerse oneself in the depths of the Christ essence if one wishes to understand how the strength of Christianity must lie precisely in the fact that human dignity and human worth are held in the highest esteem; that nowhere is one allowed to stumble in with clumsy steps into what the human being must regard as his innermost sanctuary. That is why Christian mysticism is so challenged by the Jesuit element—and Rosicrucianism to the highest degree—because it is felt that true Christianity is sought elsewhere than where merely the King Jesus plays a role. But through the imaginations hinted at, the will has become so strong that even the opposing objections of the spirit can be overcome by this will, which is attained through the spiritual exercises described.
