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Von Jesus zu Christus
GA 131

7 Oktober 1911, Karlsruhe

Dritter Vortrag

[ 1 ] Was uns zunächst beschäftigen muß, ist das Verhältnis des allgemeinen religiösen Bewußtseins zu jenem Wissen, zu jener Erkenntnis, welche sich der Mensch verschaffen kann von den höheren Welten im allgemeinen und — für unser Thema kommt ja das besonders in Betracht — zu jener Erkenntnis, von der Beziehung des Christus Jesus zu diesen höheren Welten, die zu erlangen ist durch höhere hellseherische Kräfte. Denn Ihnen allen ist ja klar, daß weitaus für die meisten Menschen die Entwickelung des Christentums bisher so war, daß diese Menschen nicht durch eigene hellsichtige Erkenntnis zu den Geheimnissen des christlichen Geschehens kommen konnten. Oder mit anderen Worten: Es muß zugegeben werden, daß das Christentum in unzählige Menschenherzen eingezogen ist, bis zu einem gewissen Grade in seiner Wesenheit auch von unzähligen Seelen erkannt worden ist, ohne daß diese Herzen und Seelen imstande gewesen wären hinaufzublicken zu den höheren Welten, um aus der Erkenntnis der höheren Welten eine hellseherische Anschauung von dem zu bekommen, was eigentlich mit dem Mysterium von Golgatha und alledem, was damit zusammenhängt, für die Menschheitsentwickelung vorgegangen ist. Wir werden deshalb von der Hinneigung der Religionen und der Erkenntnishinneigung desjenigen Menschen, der noch nichts weiß von übersinnlicher Forschung, zum Christus, genau unterscheiden müssen das, was nur gewußt werden kann entweder durch das hellsichtige Bewußtsein selber oder dadurch, daß man aus irgendwelchem Grunde die Mitteilung der hellseherischen Forscher über die Geheimnisse des Christentums empfängt.

[ 2 ] Nun werden Sie alle zugeben, daß im Verlaufe der Jahrhunderte, die vergangen sind seit dem Mysterium von Golgatha, in inniger, tiefer Weise Menschen aller Grade von Geistesbildung sich zu den Geheimnissen des Christentums bekennend gefunden haben. Und Sie werden aus dem, was in den verschiedenen Vorträgen gerade der letzten Zeit gesagt worden ist, den Eindruck erhalten haben, daß dies im Grunde genommen eine ganz natürliche Tatsache ist; denn erst im zwanzigsten Jahrhundert — das ist ja immer wieder betont worden — wird in einer gewissen Weise eine Erneuerung des Christus-Ereignisses stattfinden, indem eine gewisse höhere Entwickelung der allgemeinen menschlichen Erkenntniskräfte beginnt, und dadurch die Möglichkeit herbeigeführt wird, daß im Laufe der nächsten drei Jahrtausende, auch ohne eine besondere hellseherische Vorbereitung, immer mehr und mehr Menschen eine unmittelbare Anschauung von dem Christus Jesus werden erlangen können. Aber das war eben bis jetzt nicht der Fall. Bis jetzt gab es sozusagen nur zwei — oder wir werden vielleicht gerade heute herausbringen — drei Erkenntnisquellen für die christlichen Geheimnisse bei denjenigen Menschen, die nicht zu hellsichtigen Betrachtungen künstlich aufstiegen.

[ 3 ] Die eine Quelle waren die Evangelien und alles, was aus den Mitteilungen der Evangelien oder der sich daran anschließenden 'Tradition kommt. Die andere Erkenntnisquelle erfloß dadurch, daß eben immer hellseherische Menschen da waren, die hineinschauen konnten in die höheren Welten und durch ihre eigene Erkenntnis die Tatsachen des Christus-Ereignisses heruntertrugen und daß sich ihnen Menschen anschlossen, gleichsam auf ein immerwährendes Evangelium hin, das durch die hellseherischen Menschen immerdar in die Welt kommen konnte. Das scheinen zunächst die zwei einzigen Quellen zu sein in der bisherigen Entwickelung der christlichen Menschheit.

[ 4 ] Und jetzt vom zwanzigsten Jahrhundert ab beginnt eine weitere. Sie tritt dadurch auf, daß bei immer mehr und mehr Menschen eine Erweiterung, eine Erhöhung der nicht durch Meditationen, Konzentrationen und sonstige Übungen herbeigeführten Erkenntniskräfte stattfindet. Immer mehr und mehr Menschen werden für sich selber erneuern können — wie wir öfter gesagt haben — das PaulusEreignis vor Damaskus. Dadurch wird ein Zeitalter beginnen, von dem wir sagen können: es liefert eine direkte Anschauungsweise von der Bedeutung und der Wesenheit des Christus Jesus.

[ 5 ] Nun wird natürlich zunächst bei Ihnen die Frage entstehen: Welches ist denn nun eigentlich der Unterschied zwischen dem, was immer schon möglich war für das hellseherische Bewußtsein, zwischen der Anschauung des Christus Jesus, wie sie gestern als eine Folge der esoterischen Entwickelung geschildert worden ist, und dem, was ohne diese esoterische Entwickelung die Menschen sehen werden in den nächsten drei Jahrtausenden, von unserm zwanzigsten Jahrhundert angefangen?

[ 6 ] Da ist allerdings ein beträchtlicher Unterschied. Und es würde falsch sein, zu glauben, daß das, was der Hellseher heute durch seine hellseherische Entwickelung in den höheren Welten über das ChristusEreignis erschaut, und das was die Hellseher seit dem Mysterium von Golgatha über dieses Christus-Ereignis gesehen haben, etwa ganz genau dasselbe sei wie das, was da kommen wird als anschaulich für eine immer größere und größere Anzahl von Menschen. Das sind zwei ganz voneinander verschiedene Dinge. Und wenn wir eine Antwort haben wollen auf die Frage, inwiefern diese zwei Dinge verschieden sind, dann können wir sie uns nur dadurch geben, daß wir zunächst die hellseherische Forschung fragen: Woher kommt es denn überhaupt, daß vom zwanzigsten Jahrhundert ab der Christus Jesus immer mehr hereintreten wird in das gewöhnliche Bewußtsein der Menschen? — Das hat folgenden Grund.

[ 7 ] Ebenso wie auf dem physischen Plan im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina ein Ereignis sich abgespielt hat, in welchem der Christus die wesentlichste Rolle spielte, ein Ereignis, das Bedeutung hat für die ganze Menschheit, so wird sich im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts, gegen das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zu, wiederum ein bedeutsames Ereignis abspielen; allerdings nicht in der physischen Welt, sondern in den höheren Welten, und zwar in derjenigen Welt, die wir zunächst als die Welt des Ätherischen bezeichnen. Und dieses Ereignis wird ebenso grundlegende Bedeutung für die Entwickelung der Menschheit haben, wie das Ereignis von Palästina im Beginne unserer Zeitrechnung. Gerade wie wir sagen müssen: für den Christus selber hatte das Ereignis von Golgatha die Bedeutung, daß eben mit diesem Ereignisse ein Gott gestorben ist, ein Gott den Tod überwunden hat — in welcher Weise das zu verstehen ist, darüber werden wir noch sprechen, das war vorher nicht geschehen, und nachher ist es eine vollzogene Tatsache —, so wird sich ein Ereignis abspielen von tiefgehender Bedeutung, das nur nicht auf dem physischen Plane sich vollzieht, sondern in der ätherischen Welt. Und dadurch, daß dieses Ereignis sich vollzieht, daß mit dem Christus selber sich ein Ereignis vollzieht, dadurch wird die Möglichkeit geschaffen, daß eben die Menschen den Christus sehen lernen, schauen werden.

[ 8 ] Welches ist dieses Ereignis?

[ 9 ] Dieses Ereignis ist kein anderes, als daß ein gewisses Amt im Weltenall für die menschheitliche Entwickelung in dem zwanzigsten Jahrhundert übergeht — in einer erhöhteren Weise übergeht, als das bis jetzt der Fall war — an den Christus. Und zwar lehrt uns die okkulte, die hellseherische Forschung, daß in unserm Zeitalter das Wichtige eintritt, daß der Christus der Herr des Karma für die Menschheitsentwickelung wird. Und dies ist der Beginn für dasjenige, was wir auch in den Evangelien mit den Worten angedeutet finden: Er werde wiederkommen, zu scheiden oder die Krisis herbeizuführen für die Lebendigen und die Toten. — Nur ist im Sinne der okkulten Forschung dieses Ereignis nicht so zu verstehen, als ob es ein einmaliges Ereignis wäre, das auf dem physischen Plan sich abspielt, sondern es hängt mit der ganzen zukünftigen Entwickelung der Menschheit zusammen. Und während das Christentum und die christliche Entwickelung bisher eine Art von Vorbereitung bedeutet, tritt jetzt das Bedeutsame ein, daß der Christus der Herr des Karma wird, daß ihm es obliegen wird, in der Zukunft zu bestimmen, welches unser karmisches Konto ist, wie unser Soll und Haben im Leben sich zueinander verhalten.

[ 10 ] Dies, was jetzt gesagt wird, ist eine gemeinsame Erkenntnis des abendländischen Okkultismus seit vielen Jahrhunderten und wird von keinem Okkultisten, der diese Dinge weiß, geleugnet. Aber es ist insbesondere in den letzten Zeiten mit allen sorgfältigen Mitteln der okkulten Forschung wiederum erneut festgestellt. Und wir wollen uns einmal eine genauere Vorstellung von dem bilden, was jetzt gesagt worden ist.

[ 11 ] Fragen Sie alle diejenigen, welche über diese Dinge etwas Wahrhaftiges wissen, so werden Sie überall eine Tatsache bestätigt finden, welche allerdings, um ausgesprochen zu werden, sozusagen unsern jetzigen Zeitpunkt anthroposophischer Entwickelung erst fordert; weil alles, was unser Gemüt geeignet machen kann, um eine solche Tatsache hinzunehmen, erst zusammengetragen werden mußte. Dennoch können Sie selbst in der okkulten Literatur darüber Ausdrücke finden, wenn Sie sie suchen wollen. Aber ich nehme auf die Literatur keine Rücksicht, sondern will nur die entsprechenden Tatsachen heranziehen.

[ 12 ] Es mußte bei der Darstellung gewisser Verhältnisse, auch sofern sie von mir gegeben wurde, die Tatsachenwelt geschildert werden, die in Betracht kommt, wenn der Mensch durch die Pforte des "Todes schreitet. Nun gibt es eine große Anzahl von Menschen, und vorzugsweise sind es solche, welche die abendländische Kulturentwicklung mitgemacht haben — diese Dinge sind eben nicht für alle Menschen dieselben —, die eine ganz bestimmte Tatsache erleben in dem Augenblick, der auf die Trennung des Ätherleibes nach dem Tode folgt. Wir wissen, daß das menschliche Durchschreiten durch die Pforte des Todes so geschieht, daß wir uns abtrennen von dem physischen Leibe. Da ist der Mensch zunächst noch eine Zeitlang mit dem Ätherleibe verbunden; dann aber trennt er sich mit dem Astralleib und Ich auch von dem AÄtherleib ab. Wir wissen, daß er von seinem Ätherleibe einen Extrakt mit sich führt; wir wissen aber auch, daß der Ätherleib in der Hauptsache andere Wege geht, im allgemeinen aber mitgeteilt wird dem allgemein Kosmischen. Entweder löst er sich vollkommen auf, was aber nur bei unvollkommenen Zuständen der Fall wäre, oder aber es verhält sich so, daß er als eine geschlossene Form von Wirkungen weiterkraftet. — Wenn dann der Mensch diesen Ätherleib abgestreift hat, tritt er in die Region des Kamaloka über, in die Läuterungszeit der Seelenwelt. Aber vor diesem Eintritt in die Läuterungszeit der Seelenwelt findet doch ein ganz spezielles Erlebnis statt, auf das bisher, wie gesagt, nicht hingedeutet worden ist, weil die Sache erst reif werden mußte. Aber jetzt werden diese Dinge von allen, die das, was wir hier betrachten wollen, wirklich beurteilen können, voll aufgenommen werden. Da erlebt der Mensch die Begegnung mit einer ganz bestimmten Wesenheit, die ihm sein karmisches Konto vorhält. Und diese Individualität, die sozusagen für die Menschen dastand wie eine Art Buchführer der karmischen Mächte, war eben für eine große Anzahl von Menschen die Gestalt des Moses. Daher die mittelalterliche Formel, die aus dem Rosenkreuzertum heraus stammt: Moses halte dem Menschen in der Stunde des Todes — das ist nicht genau gesprochen, aber daran liegt hier nichts — das Sündenregister vor und weise zugleich auf das scharfe Gesetz, damit der Mensch erkennen könne, wie er abgewichen ist von dem scharfen Gesetz, nach dem er sich hätte verhalten sollen.

[ 13 ] Dieses Amt geht im Verlaufe unserer Zeit — und das ist die bedeutungsvolle Sache — über an den Christus Jesus, und der Mensch wird immer mehr und mehr dem Christus Jesus als seinem Richter, als seinem karmischen Richter begegnen. Das ist das übersinnliche Ereignis. Genau ebenso, wie sich auf dem physischen Plan zu Beginn unserer Zeitrechnung das Ereignis von Palästina abgespielt hat, so spielt sich die Übertragung des karmischen Richteramtes an den Christus Jesus in unserm Zeitalter in der nächst-höheren Welt ab. Und diese Tatsache ist es, die so hereinwirkt in die physische Welt, auf den physischen Plan, daß der Mensch ein Gefühl dafür entwickeln wird in der Art: mit alledem, was er tut, schafft er etwas, gegenüber dem er dem Christus Rechenschaft schuldig sein wird. Und dieses Gefühl, das in einer ganz natürlichen Art im Verlaufe der Menschheitsentwickelung nunmehr auftritt, wird sich umgestalten, so daß es die Seele mit einem Lichte durchtränkt, das von dem Menschen selber ausgeht nach und nach, und das beleuchten wird die Christus-Gestalt innerhalb der ätherischen Welt. Und je mehr dieses Gefühl, das eine erhöhtere Bedeutung noch haben wird als das abstrakte Gewissen, sich ausbilden wird, desto mehr wird die Äthergestalt des Christus in den nächsten Jahrhunderten sichtbar werden. Wir werden diese Tatsache in den nächsten Tagen noch genauer zu charakterisieren haben und werden dann sehen: wir haben damit ein ganz neues Ereignis hingestellt, ein Ereignis, welches in die Christus-Entwickelung der Menschheit hereinwirkt.

[ 14 ] Charakterisieren wir jetzt einmal, wie es mit der Christus-Enrwickelung auf dem physischen Plan für das nicht-hellseherische Bewußtsein war, indem wir uns fragen: Gibt es nicht vielleicht gegenüber den zwei gekennzeichneten Wegen noch einen dritten?

[ 15 ] Ein solcher dritter Weg war in der 'Tat für alle christliche Entwickelung immer da, und er mußte ja da sein. Denn die objektive Entwickelung der Menschheit richtete sich ja nicht nach dem, was die Menschen für Meinungen gehabt haben, sondern eben nach den objektiven Tatsachen. Über den Christus Jesus hat man viele Meinungen gehabt im Laufe der Jahrhunderte, sonst hätten die Konzilien, die Kirchenversammlungen und die Theologen nicht so viel miteinander zu streiten gehabt, und vielleicht hat keine Zeit in bezug auf die vielen Menschen zugleich so viel an Anschauungen gehabt von dem Christus, als gerade die unsrige, Aber die Tatsachen richten sich nicht nach den Anschauungen der Menschen, sondern nach dem, was wirklich an Kräften in der Menschheitsentwickelung vorhanden ist. Diese Tatsachen könnten für eine viel größere Anzahl von Menschen erkennbar sein auch durch die bloße Betrachtung dessen, was zum Beispiel in den Evangelien überliefert ist, wenn die Menschen die Geduld und Ausdauer hätten, die Dinge wirklich unbefangen zu betrachten, wenn die Menschen nicht vorschnell und parteiisch wären in der objektiven Betrachtung der Tatsachen. So aber waren die meisten Menschen darauf aus, sich ein Christus-Bild nicht nach den Tatsachen zu schaffen, sondern wie sie es gerne mochten, wie sie es als ihr Ideal hinstellten. Und in einer gewissen Beziehung, muß man sagen, tun das auch die Theosophen aller Schattierungen heute. Wenn es zum Beispiel innerhalb der theosophischen Literatur populär geworden ist, von höher entwickelten menschlichen Individualitäten zu sprechen, die einen gewissen Vorsprung gewonnen haben in der menschlichen Entwickelung, so ist das eine Wahrheit, die niemand bestreiten kann, der konkret denkt. Der Begriff des Meisters, der höheren Individualität, der Begriff selbst des Adepten muß von einem konkreten Denken zugegeben werden. Nur ein Denken, das nicht an die Entwickelung glaubt, würde diese Begriffe nicht zugeben. Wenn wir nun den Begriff des Meisters oder des Adepten ins Auge fassen, so müssen wir sagen: diese Individualität ist eine solche, die durch viele Inkarnationen hindurchgegangen ist und durch Übungen, durch ein gottseliges Leben etwas anderes erlangt hat als die andern Menschen, so daß sie der Menschheit vorausgeeilt ist und Kräfte sich angeeignet hat, welche die übrige Menschheit sich erst in der Zukunft aneignen wird. Es ist nun selbstverständlich und soll so sein, daß der, welcher aus der theosophischen Erkenntnis eine solche Anschauung von derartigen Individualitäten erlangt, ein Gefühl höchster Ehrfurcht vor der Individualität der Meister, der Adepten und so weiter erlangt. Und steigen wir von einem solchen Begriff hinauf bis zu einem solch hehren Leben, als das uns das BuddhaLeben erscheint, so daß wir im Sinne theosophischer Erkenntnis zugeben: Buddha soll angesehen werden als der höchsten Adepten einer, — dann werden wir für unsern Verstand wie für unser Gemüt und unsere Empfindungen gegenüber einer solchen Individualität einen Seelengehalt und ein Verhältnis zu ihr gewinnen können.

[ 16 ] Indem nun auf dem Boden einer solchen theosophischen Erkenntnis und Empfindung der Theosoph sich der Christus- Jesus-Gestalt naht, entsteht bei ihm selbstverständlich ein gewisses Bedürfnis — man wird gar nicht leugnen können, daß es in einem gewissen Sinne ganz begreiflich ist, daß ein solches Bedürfnis entsteht —, ein Bedürfnis, das darin besteht, daß er seinen Christus Jesus mit demselben Idealbegriff verbindet, den er sich von einem Meister, von einem Adepten, vielleicht von unserm Buddha gemacht hat. Und er wird vielleicht gedrängt zu sagen: Jesus von Nazareth muß ebenso vorgestellt werden als ein großer Adept! Dieses Vorurteil würde die Erkenntnis des wirklichen christlichen Wesens auf den Kopf stellen. Und es wäre nur ein Vorurteil, wenn auch ein begreifliches Vorurteil. Denn wie soll der, welcher das tiefste, intimste Verhältnis zu dem Christus gewonnen hat, den Träger des Christus-Wesens nicht in dieselbe Linie stellen mit dem Meister, mit dem Adepten, mit dem Buddha zum Beispiel? Wie sollte er das nicht? Das muß uns ganz begreiflich erscheinen. Vielleicht würde es einem solchen als eine Herabwürdigung des Jesus von Nazareth erscheinen, wenn man es nicht machte. — Dadurch wird man davon abgelenkt, sich nach den Tatsachen zu richten, wie sie wenigstens in der Überlieferung durch sickern.

[ 17 ] Eines könnte jeder aus den Tatsachen der Überlieferung erkennen, wenn er nur eingehen würde auf das, was man trotz aller Konzilienmeinungen und trotz alles dessen, was die einzelnen Menschen als Kirchenväter, Kirchenlehrer und so weiter geschrieben haben, bei unbefangener Betrachtung der Überlieferung gewahr werden kann, was durch die Überlieferungen durchsickert: daß der Jesus von Nazareth zum Beispiel nicht ein Adept genannt werden darf. Denn jeder könnte sich fragen: Wo ist in der Überlieferung etwas davon enthalten, was den Begriff des Adepten, wie wir ihn in der theosophischen Lehre haben, auf den Jesus von Nazareth anwenden läßt? — Das eine wurde gerade in den ersten Zeiten des Christentums betont: daß derjenige, der Jesus von Nazareth genannt wird,ein Mensch war wie jeder andere, ein schwacher Mensch wie jeder andere. Und diejenigen kommen dem Sinn dessen, der in die Welt gekommen ist, am nächsten, die das Wort vertreten: Jesus war ein wahrer Mensch! Also nichts von einem Adeptenbegriff ist eigentlich in der Überlieferung, wenn wir sie ordentlich betrachten, zu erkennen. Und wenn Sie sich an alles erinnern, was in den verflossenen Vorträgen gesagt worden ist über die Entwickelung des Jesus von Nazareth — über die Entwickelung des einen Jesusknaben, in dem Zarathustra bis zum zwölften Jahre gelebt hat, und über die Entwickelung des anderen Jesusknaben, in welchem Zarathustra dann bis zum dreißigsten Jahre gelebt hat —, so werden Sie sich zwar sagen: da hat man es mit einem besonderen Menschen zu tun, mit einem Menschen, zu dessen Wesen sozusagen die Weltgeschichte, die Weltentwickelung die größten Anstalten machte schon dadurch, daß sie zwei menschliche Leiber schafft und den einen menschlichen Leib bis zum zwölften Jahre, den anderen vom zwölften bis zum dreißigsten Jahre bewohnt sein läßt von der Zarathustra-Individualität —, aber wir werden uns auch sagen: dadurch, daß diese zwei Jesus-Gestalten so bedeutende Individualitäten waren, stand der Jesus von Nazareth auch hoch, ist aber nicht auf demselben Wege wie eine Adepten-Individualität, die kontinuierlich von Inkarnation zu Inkarnation schreitet, hochgestiegen. Doch selbst abgesehen davon: im dreißigsten Jahre, wo die Christus-Individualität in den Leib des Jesus von Nazareth einzieht, verläßt ja gerade der Jesus von Nazareth diesen Leib, und wir haben es von dem Moment der Johannes-Taufe ab zu tun — wenn wir jetzt nicht von dem Christus sprechen — mit einem Menschen, den wir im wahrsten Sinne des Wortes als einen bloßen Menschen zu bezeichnen haben, nur daß er der Träger des Christus ist. Aber wir haben zu unterscheiden den Träger des Christus — und den Christus selbst in diesem Träger. In diesem Leib, der der Christus-Träger ist, wohnte, weil sie von der Zarathustra-Individualität verlassen ist, keine menschliche Individualität, die etwa eine besonders hohe Entwickelung erlangt hatte. Die Entwickelung, die der Jesus von Nazareth zeigte, diese Entwickelungsstufe rührte davon her, daß die Zarathustra-Individualität in ihm wohnte. Aber diese menschliche Natur ist von der Zarathustra-Individualität, wie wir wissen, verlassen. Deshalb war es auch, warum diese menschliche Natur sogleich, als die Christus-Individualität von ihr Besitz ergriffen hatte, ihr alles das entgegensandte, was sonst aus der menschlichen Natur herauskommt: den Versucher. Deshalb war es auch, daß der Christus alle Verzweiflung und alle Sorgen durchmachen konnte, wie sie uns als die Vorgänge auf dem Olberg geschildert werden. Wer außer acht läßt, daß die Christus-Wesenheit nicht in einem Menschen gewohnt hat, der eine besondere Adeptenhöhe erlangt hatte, sondern in einem einfachen Menschen, der sich dadurch von den andern unterschied, daß er nur der zurückgelassene menschliche Hüllenorganismus war, in dem Zarathustra gelebt hatte, wer das nicht beachtet, der kann nicht zu einer wirklichen Erkenntnis des Wesens des Christus vordringen. Was der Christus-Träger war, ist wahrer Mensch, ist nicht ein Adept! Dadurch aber, daß wir das erkennen, wird sich uns erst ein wenig Aussicht eröffnen auf die ganze Natur des Golgatha- und des Palästina-Ereignisses überhaupt. Würden wir den Christus Jesus einfach als einen hohen Adepten auffassen, so würden wir ihn in eine Linie stellen müssen mit anderen Adepten-Naturen. Wir tun das nicht. Es mag vielleicht solche Leute geben, die uns sagen: Wir tun das nicht, weil wir von vornherein aus irgendeinem Vorurteil heraus den Christus Jesus über alle anderen Adepten als einen noch höheren Adepten stellen wollen. Die das sagen würden, wüßten nicht, was wir als die Ergebnisse der okkulten Forschung in unserer Zeit verkündigen müssen.

[ 18 ] Nicht darum handelt es sich, daß dadurch das allergeringste den anderen Adepten entzogen würde. Innerhalb der Weltanschauung, der wir angehören nach den okkulten Ergebnissen der Gegenwart, wissen wir es ebensogut als andere, daß als Zeitgenosse des Christus Jesus eine andere bedeutende Individualität dastand, von der wir sagen: sie war ein wirklicher Adept. Und es wird uns sogar schwierig, wenn wir nicht auf die genaueren Tatsachen eingehen, dieses Menschenwesen innerlich von dem Christus Jesus zu unterscheiden; denn es nimmt sich dieser Zeitgenosse wirklich ganz ähnlich aus. Wenn wir da zum Beispiel hören, daß dieser Zeitgenosse des Christus Jesus angekündigt wird durch eine himmlische Erscheinung vor seiner Geburt, so erinnert uns das an die Ankündigung des Jesus in den Evangelien. Wenn wir hören, daß dieser Zeitgenosse nicht bloß genannt werden dürfte als aus menschlichem Samen stammend, sondern als ein Sohn der Götter, so erinnert es uns wieder an den Anfang des Matthäusund des Lukas-Evangeliums. Wenn wir dann hören, daß die Geburt dieser Individualität die Mutter überrascht, so daß sie überwältigt war, so erinnert uns das an die Geburt des Jesus von Nazareth und an die Ereignisse in Bethlehem, wie sie in den Evangelien erzählt werden. Wenn wir dann hören, daß diese Individualität heranwächst und in ihrer Umgebung durch weise Antworten auf die Fragen der Priester alle überrascht, so erinnert dies an die Szene des zwölfjährigen Jesus im Tempel. Und wenn uns dann gar erzählt wird: diese Individualität kam nach Rom, begegnete dort dem Leichenzuge eines jungen Mädchens, der Leichenzug wurde zum Stehen gebracht, und diese Individualität weckte die Tote auf, so erinnert uns das wieder an eine Totenauferweckung im Lukas-Evangelium. Und unzählige Wunder, wenn wir von Wundern sprechen wollen, werden uns erzählt von dieser Individualität, die der Zeitgenosse des Christus Jesus ist. Ja, bis zu dem Grade ähnlich ist sie dem Christus Jesus, daß von ihr erzählt wird, daß sie nach dem Tode den Menschen erschien, wie der Christus Jesus nach dem Tode den Jüngern erschien. Und wenn von christlicher Seite alle möglichen Gründe vorgebracht werden, entweder um von dieser Wesenheit gering zu sprechen, oder sie gar als historische Persönlichkeit zu leugnen, so ist das nicht minder geistreich als das, was gegen die Historität des Christus Jesus selber vorgebracht wird. Diese Individualität ist die des Apollonius von Tyana, und von ihm sprechen wir als von einem wirklichen hohen Adepten, der der Zeitgenosse des Christus Jesus war.

[ 19 ] Wenn wir uns jetzt fragen: worauf kommt es nun an beim Uhnterschiede des Christus- Jesus-Erlebnisses und des Apollonius-Erlebnisses? so müssen wir uns dazu einmal klarmachen, worauf es beim Apollonius-Erlebnis ankommt.

[ 20 ] Apollonius von Tyana ist eine Individualität, die viele Inkarnationen durchgemacht hat, sich hohe Kräfte errungen hat und einen gewissen Höhepunkt zeigt in der Inkarnation, die sich im Beginne unserer Zeitrechnung abspielte. Diese Individualität, die wir überschauen, wie sie durch viele Inkarnationen der Vorzeit geht, sie ist da, als sie sich in dem Leibe des Apollonius von Tyana auslebt, auf ihrem irdischen Schauplatz. Mit der haben wir es zu tun. Und weil wir wissen, daß eine menschliche Individualität beteiligt ist an dem Aufbau des menschlichen Leibes, daß das nicht einfach eine Zweiheit ist, sondern daß sich die menschliche Individualität erarbeitet die Gestalt, die Form, wie dieser Leib ist, so müssen wir sagen: Es war der Leib dieser Individualität bis zu einer gewissen Form im Sinne dieser Individualität aufgebaut. Das können wir in bezug auf den Christus Jesus nicht sagen. Der Christus kam im dreißigsten Jahre des Jesus von Nazareth in den physischen Leib, Ätherleib und Astralleib hinein, hat sich also nicht von Kindheit an diesen Leib auferbaut. Wir haben es also da mit einem ganz anderen Verhältnis der ChristusIndividualität zu dem Leib zu tun, als bei der Apollonius-Individualität zu ihrem Leib. Wenn wir im Geiste unsern Blick hinwenden nach jener Individualität des Apollonius von Tyana, so sagen wir uns: Es ist eine Angelegenheit dieser Individualität, und diese Angelegenheit spielt sich ab als das Leben des Apollonius von Tyana. Und wollten wir uns eine graphische Zeichnung machen, etwa durch ein äußeres Zeichen einen solchen Lebensgang andeuten, so könnten wir das in folgender Weise machen. Die fortlaufende Individualität sei angedeutet durch die horizontale Linie; dann haben wir in a eine erste Inkarnation, darauf in 5 ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt, dann in c eine zweite Inkarnation, darauf wieder ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt, dann eine dritte Inkarnation und so weiter. Das, was sich da hindurchzieht durch alle diese Inkarnationen, die menschliche Individualität, die steht gleichsam wie der Faden des menschlichen Lebens außerhalb des Bereiches der Hüllen, außerhalb der Hülle des Astralleibes, Ätherleibes und physischen Leibes — aber auch zwischen Tod und neuer Geburt außerhalb dessen, was zurückbleibt vom Ätherleib und Astralleib, und dadurch ist der Lebensfaden immerdar abgeschlossen von dem, was der äußere Kosmos ist.

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[ 21 ] Wollen wir uns das Wesen des Christus-Lebens charakterisieren, so müssen wir das anders machen.

[ 22 ] Da müssen wir sagen: dieses Christus-Leben, wenn wir jetzt auf die vorhergehenden Inkarnationen des Jesus von Nazareth schauen, entwickelt sich allerdings auch so in einer gewissen Weise. Wenn wir aber den Lebensfaden ziehen, so müssen wir sagen: Im dreißigsten Jahre des Lebens des Jesus von Nazareth verläßt die Individualität diesen Leib, so daß wir von jetzt ab nur die Hülle des physischen Leibes, des Ätherleibes und des astralischen Leibes haben. Die Kräfte aber, welche die Individualität entwickelt, liegen nicht in den äußeren Hüllen, sondern sie liegen in dem Lebensfaden des Ich, der von Inkarnation zu Inkarnation geht. Also etwa die Kräfte, die einer Zarathustra-Individualität angehörten, die zur Vorbereitung in dem Leib des Jesus von Nazareth waren, sie gehen fort mit der Zarathustra-Individualität. Deshalb werden wir sagen: Was jetzt als Hülle da ist, das ist eine normale menschliche Organisation, ist aber keine menschliche Organisation, die — insofern die Individualität in Betracht kommt — etwa eine Adepten-Organisation zu nennen wäre, sondern sie ist einfacher Mensch, schwacher Mensch. Und nun tritt das objektive Ereignis ein: während sonst der Lebensfaden einfach weiter geht wie bei a und c, geht er jetzt bei e einen Seitenweg; dafür aber tritt durch die Johannes-Taufe im Jordan die Christus-Wesenheit in die dreifache Organisation ein. Diese Christus-Wesenheit lebt bis zum dreiunddreißigsten Jahre, bis zum Ereignis von Golgatha, von der Johannes-Taufe ab, nurmehr als die Christus-Wesenheit, wie wir es öfter beschrieben haben. Wessen Angelegenheit also ist denn das Leben des Christus Jesus vom dreißigsten bis zum dreiunddreißigsten Jahre? Es ist nicht die Angelegenheit der Individualität, die von Inkarnation zu Inkarnation gegangen ist, sondern die Angelegenheit derjenigen Individualität, die aus dem Kosmos in den Leib des Jesus von Nazareth eingezogen ist, die Angelegenheit einer Individualität, einer Wesenheit, die nie vorher mit der Erde verbunden war, die aus dem Weltenall herein sich mit einem menschlichen Leib verbunden hat. In diesem Sinne sind die Ereignisse, die sich abspielen zwischen dem dreißigsten und dreiunddreißigsten Jahre des Lebens des Christus Jesus, das heißt zwischen der Johannes-Taufe und dem Mysterium von Golgatha, die Ereignisse des Gottes Christus, nicht die Ereignisse eines Menschen. Daher ist es nicht eine Angelegenheit der Erde, die sich hier abspielt, sondern eine Angelegenheit der übersinnlichen Welt; denn es hatte mit keinem Menschen etwas zu tun. Zum Zeichen dafür, daß es mit keinem Menschen etwas zu tun hatte, hat derjenige Mensch, der diesen Leib bis zum dreißigsten Jahre bewohnt hat, diesen Leib verlassen.

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[ 23 ] Was da geschieht, hat zunächst etwas mit jenen Ereignissen zu tun, die sich abgespielt haben, bevor überhaupt ein solcher Lebensfaden wie der unserige menschliche in eine physische menschliche Organisation hineingezogen ist. Wir müssen zurückgehen bis in die alte lemurische Zeit, in jenes Zeitalter, da zum ersten Male menschliche Individualitäten, aus den göttlichen Höhen herabsteigend, sich in irdische Leiber verkörperten, bis zu jenem Ereignis, das uns angedeutet wird im Alten Testament als die Verführung durch die Schlange. Dieses Ereignis ist sehr merkwürdiger Art. An den Folgen dieses Ereignisses litten alle Menschen, während sie sich verkörperten. Denn wäre dieses Ereignis nicht gekommen, so würde die ganze Entwickelung der Menschheit auf der Erde eine andere geworden sein, und die Menschen würden in einem viel vollkommeneren Zustande von Inkarnation zu Inkarnation gegangen sein. Sie sind aber durch dieses Ereignis tiefer in die Materie verstrickt worden, was allegorisch bezeichnet wird mit dem Sündenfall. Der Sündenfall aber ist es erst, der den Menschen aufgerufen hat zu seiner jetzigen Individualität; so daß der Mensch, wie er als Individualität von Inkarnation zu Inkarnation geht, nicht für den Sündenfall verantwortlich ist. Wir wissen aber, daß die luziferischen Geister für den Sündenfall verantwortlich sind. Deshalb müssen wir sagen: Bevor der Mensch im irdischen Sinne zum Menschen geworden ist, war das göttliche, das übersinnliche Ereignis geschehen, durch das dem Menschen ein tieferes Verstricktwerden mit der Materie auferlegt worden ist. Durch dieses Ereignis ist der Mensch zwar zur Kraft der Liebe und zur Freiheit gekommen, aber es ist ihm dadurch etwas auferlegt worden, was er nicht durch eigene Kraft sich auferlegen konnte. Dieses Verstricktwerden in die Materie war nicht eine menschliche Tat, sondern eine Gottestat, die geschehen ist, bevor die Menschen mittun konnten an ihrem Schicksal. Das ist etwas, was die höheren Mächte der fortlaufenden Entwickelung mit den luziferischen Mächten abgemacht haben. Wir werden auf alle diese Ereignisse noch genauer charakterisierend einzugehen haben und wollen sie heute nur der Hauptsache nach vor unsere Seele stellen.

[ 24 ] Was damals geschehen war, brauchte einen Ausgleich. Die vormenschliche, im Menschen geschehene 'Tatsache — der Sündenfall — brauchte einen Ausgleich; etwas, was sozusagen wiederum nicht eine Angelegenheit der Menschen war, sondern eine Angelegenheit der Götter untereinander. Und wir werden sehen, daß sich diese Angelegenheit so tief unterhalb der Materie abspielen mußte, wie sich die andere Angelegenheit, bevor der Mensch sich in die Materie verstrickt hatte, über der Materie abgespielt hat. Der Gott mußte so tief in die Materie eintauchen, als er die Menschen hat in dieselbe versinken lassen.

[ 25 ] Lassen Sie diese Tatsache in ihrer ganzen Schwere auf sich wirken, dann werden Sie begreifen, daß diese Inkarnation des Christus in dem Jesus von Nazareth eine Angelegenheit des Christus selber war. Und wozu war der Mensch dabei berufen? Zunächst um zuzuschauen, wie der Gott die Tat des Sündenfalles wieder ausgleicht, wie er ihre Gegentat schafft. Das zu tun wäre nicht möglich gewesen innerhalb einer Adeptenpersönlichkeit; denn eine Adeptenpersönlichkeit hat sich durch sich selbst wieder heraufgearbeitet aus dem Fall in die Materie. Das war nur möglich in einer Persönlichkeit, die ganz wahrer Mensch war, die als Mensch nicht die anderen Menschen überragte. Sie hat sie überragt, bevor sie dreißig Jahre alt geworden ist, aber dann nicht mehr. Durch das, was da geschehen ist, ist also ebenso ein göttliches Ereignis der Menschheitsentwickelung mitgeteilt worden, wie am Anfang der Menschheitsentwickelung in der lemurischen Zeit. Und die Menschen waren Teilnehmer einer Angelegenheit, die sich unter Göttern abgespielt hat, konnten sie anschauen, weil die Götter zu Hilfe nehmen mußten die Welt des physischen Planes, um diese ihre Angelegenheit sich abspielen zu lassen. Deshalb sagt man also viel besser: der Christus brachte den Göttern die Sühne dar, die er nur darbringen konnte in einem physischen Menschenleib — als daß man irgendeine andere Formel gebraucht. Und ein Zuschauen bei einer göttlichen Angelegenheit ist es für den Menschen.

[ 26 ] Damit war für die menschliche Natur etwas geschehen. Das haben die Menschen einfach in ihrer Entwickelung empfunden. Und damit eröffnete sich der dritte Weg, der eben möglich war neben den zwei angedeuteten. Diese drei Wege haben in ihrer Christlichkeit tiefgehende Menschen oftmals angedeutet. Ich will aus der großen Reihe heraus, die genannt werden könnte, nur zwei Menschen nennen, die in ganz hervorragender Weise Zeugnis dafür abgelegt haben, daß der Christus — der vom zwanzigsten Jahrhundert ab geschaut werden wird durch die höher entwickelten menschlichen Fähigkeiten — durch die Empfindungen, die vor dem Ereignis von Golgatha nicht in derselben Form möglich waren, erkannt, gefühlt, erlebt werden kann.

[ 27 ] Da ist zum Beispiel derjenige Geist, der in seiner ganzen Seelenentwickelung als ein scharfer Gegner dessen angesehen werden kann, was wir charakterisiert haben als den Jesuitismus: Blaise Pascal, der groß dasteht in der Geistesentwickelung, wie ein Geist, der alles abgelegt hat, was an Schäden der alten Kirchen heraufgekommen ist, der aber auch nichts von dem modernen Rationalismus aufgenommen hat. Wie große Geister immer, so ist auch er im Grunde genommen einsam geblieben mit seinen Gedanken. Aber was liegt seinen Gedanken im Beginne der neueren Zeit zugrunde? Wenn man darauf eingeht, sieht man aus den Schriften, die er hinterlassen hat, namentlich aus seinen anregenden «Gedanken», die für jeden leicht zugänglich sind, da sie in der Reclamschen Universal-Bibliothek erschienen sind, was er darüber empfand, wie die Menschen hätten werden müssen, wenn das Christus-Ereignis nicht in die Welt gekommen wäre, Im Geheimen seiner Seele hat sich Pascal die Frage vorgehalten: Was wäre aus den Menschen geworden, wenn kein Christus in die Menschheitsentwickelung eingegriffen hätte? Und er hat sich gesagt: Das können wir fühlen, daß der Mensch in seiner Seele zwei Gefahren entgegengeht. Die eine Gefahr liegt darin, daß der Mensch den Gott erkennt als mit seiner eigenen Wesenheit identisch: Gottes-Erkenntnis in der Menschheits-Erkenntnis. Wozu führt sie? Wenn sie nur so auftritt, daß der Mensch den Gott selbst erkennt, so führt sie zum Stolz, zum Hochmut, zum Übermut; und der Mensch vernichtet seine besten Kräfte, weil er sie verhärtet im Hochmut und Stolz. Das wäre eine Gottes-Erkenntnis, die immer möglich gewesen wäre, auch wenn kein Christus gekommen wäre, wenn das Christus-Ereignis nicht als ein Impuls in allen Menschenherzen gewirkt hätte. Gott hätten die Menschen immer erkennen können, aber stolz wären sie geworden durch das Bewußtsein in ihrer eigenen Brust. Oder aber es hätte Menschen geben können, die sich gegen die Gottes-Erkenntnis verschließen, die nicht den Gott erkennen wollen. Deren Blick fällt nun auf etwas anderes: auf die menschliche Ohnmacht, auf das menschliche Elend — und dann folgt notwendig die menschliche Verzweiflung. Das wäre die andere Gefahr gewesen, die Gefahr derer, die die Gottes-Erkenntnis abgelehnt hätten. Diese zwei Wege, sagt Pascal, sind nur möglich: Stolz und Hochmut — oder Verzweiflung. Da trat das Christus-Ereignis in die Menschheitsentwickelung und bewirkte, daß jeder Mensch eine Kraft empfing, die ihn nicht nur den Gott empfinden läßt, sondern denjenigen Gott, der mit den Menschen gleich gewesen ist, der mit den Menschen gelebt hat. Das ist die einzige Heilung des Stolzes, wenn man den Blick hinrichtet auf den Gott, der sich dem Kreuze gebeugt hat; wenn die Seele hinblickt auf den unter dem Kreuzestode sich beugenden Christus. Das ist aber auch der einzige Heiler von aller Verzweiflung. Denn diese Demut ist nicht eine, die schwach macht, sondern die eine Kraft gibt, die über alle Verzweiflung heilend hinausgeht. Als der Mittler zwischen Stolz und Verzweiflung dämmert auf in der Menschenseele der Helfer, der Heiland, im Sinne eines Pascal. Das kann aber jeder Mensch fühlen, auch ohne Hellsehen. Und das ist die Vorbereitung für den Christus, der vom zwanzigsten Jahrhundert ab für alle Menschen sichtbar sein wird, der als der Heiler für Stolz und Verzweiflung in jeder Menschenbrust auferstehen wird, der nur eben früher nicht in derselben Art gefühlt werden konnte.

[ 28 ] Und der zweite Zeuge, den ich aufrufen möchte aus der großen Reihe der Menschen, die dies fühlen, was jedem Christen eigen sein kann, ist der in manchem anderen Zusammenhange schon erwähnte Wladimir Solowjow. Solowjow wieder weist hin auf zwei Kräfte in der Menschennatur, zwischen denen als der Mittler der persönliche Christus drinnenstehen soll. Er sagt: Ein Zweifaches ist es, wonach sich die Menschenseele sehnt: nach Unsterblichkeit und nach Weisheit oder sittlicher Vervollkommnung. Beide aber sind nicht von vornherein der menschlichen Natur eigen. Denn die menschliche Natur teilt die Eigentümlichkeit aller Naturen, und die Natur führt nicht zur Unsterblichkeit, sondern zum Tode. Und in schönen Betrachtungen führt nun der große Denker der Gegenwart aus, wie auch die äußere Wissenschaft zeigt, wie sich der Tod über alles breitet. Schauen wir also in die äußere Natur, so antwortet sie unserer Erkenntnis: der Tod ist! In uns aber lebt die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Warum? weil die Sehnsucht nach Vervollkommnung in uns lebt. Und um zu sehen, daß die Sehnsucht nach Vervollkommnung in uns lebt, dazu gehört nur ein Blick in die menschliche Seele. Ebenso wahr, sagt Solowjow, wie die rote Rose mit der roten Farbe behaftet ist, ebenso wahr ist die menschliche Seele behaftet mit der Sehnsucht nach Vervollkommnung. Ein Vollkommenheitsstreben aber ohne Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist die Lüge des Daseins, meint Solowjow. Denn unsinnig wäre es, wenn die Seele wie alles Naturdasein mit dem Tode enden würde. Aber alles Naturdasein antwortet uns: der Tod ist! Daher ist die menschliche Seele genötigt, über das Naturdasein hinauszugehen, um die Antwort sich anderswo zu suchen im Sinne des genannten Philosophen. Und er sagt nun: Sehet hin auf die Naturforscher: was geben sie euch für eine Antwort, wenn sie den Zusammenhang der menschlichen Seele mit der Natur lehren wollen? Eine mechanische Naturordnung, sagen sie, waltet, und der Mensch ist darin eingefügt. Und was antworten euch die Philosophen? Eine leere abstrakte Gedankenwelt durchziehe alle Naturtatsachen als das Geistige, was philosophisch zu erkennen ist. Beides ist keine Antwort, wenn der Mensch sich bewußt wird und aus diesem Bewußtsein heraus frägt: Was ist Vervollkommnung? — Wenn er sich bewußt wird, daß er die Sehnsucht nach Vervollkommnung, nach Wahrheitsleben haben muß, und wenn er nach der Kraft fragt, welche ihm diese Sehnsucht befriedigen kann, da eröffnet sich ihm der Ausblick auf ein Reich, das zunächst dasteht wie eine Frage, das da sein muß für die menschliche Seele wie eine Rätselfrage, ohne deren Realisierung sich die menschliche Seele nur für eine Lüge halten kann: das Reich der Gnade über der Natur. Das Reich der Gnade kann keine Philosophie, keine Naturwissenschaft mit dem Dasein verbinden; denn die Naturkräfte wirken mechanisch, und die Gedankenkräfte haben nur Gedankenrealität. Was aber hat eine volle Realität, um die Seele zu verbinden mit der Unsterblichkeit? Das hat der in der Welt wirkende persönliche Christus. Und nur der lebendige Christus, nicht der bloß gedachte, kann die Antwort geben. Der bloß in der Seele wirkende ließe ja die Seele doch allein; denn die Seele kann sich nicht allein das Reich der Gnade gebären. Was über die Natur hinausgeht, was als eine reale Tatsache dasteht wie die Natur selber: der persönliche, der historische Christus, der ist es, der nicht eine Gedankenantwort, sondern eine reale Antwort gibt.

[ 29 ] Und jetzt kommt dieser Philosoph zu derjenigen Antwort, die die äußerste, die geistvollste ist, die gegeben werden kann am Ende des Zeitalters, das unmittelbar abschließt, bevor die Tore sich öffnen im zwanzigsten Jahrhundert zu dem, was Ihnen so oft angedeutet worden ist: Es wird ein Schauen des Christus sein, was im zwanzigsten Jahrhundert seinen Ausgangspunkt nehmen wird.

[ 30 ] Und diese Tatsache fühlend, nannte man jenes Bewußtsein, das Pascal und Solowjow klassisch geschildert haben, einen Glauben. So haben es auch die anderen genannt. Mit dem Glaubensbegriff kann man in bezug auf die menschliche Seele nach zwei Richtungen hin in einen sonderbaren Konflikt kommen. Gehen Sie die Entwicklung des Glaubensbegriffes durch, und sehen Sie sich die Kritik an in bezug auf den Glaubensbegriff. Heute ist man so weit, daß man sagt, es müsse der Glaube durch das Wissen gelenkt werden, und es müsse ein Glaube abgelehnt werden, der sich nicht auf ein Wissen stützt. Der Glaube soll sozusagen abgesetzt werden und ersetzt werden durch ein Wissen. Im Mittelalter stellte man gerade die Gegenstände der höheren Welten als Glauben hin und man betrachtete den Glauben als etwas Berechtigtes. Das ist auch der Grundnerv des Protestantismus, daß der Glaube neben dem Wissen als etwas Berechtigtes angesehen wird. So ist der Glaube etwas, was aus der menschlichen Seele hervorgeht, neben den das Wissen hingestellt ist, das für alle gemeinschaftlich sein soll. Es ist interessant noch zu sehen, wie über diesen Glaubensbegriff ein Philosoph, den viele für einen großen halten, nicht hinausgekommen ist: Kant. Denn sein Glaubensbegriff geht dahin, daß der Mensch das, was er über solche Dinge wie Gott, Unsterblichkeit und so weiter gewinnen soll, hereinleuchten haben soll aus ganz anderen Regionen; aber nur durch einen sittlichen Glauben, nicht durch ein Wissen.

[ 31 ] Die höchste Ausbildung erlangt der Glaubensbegriff gerade bei demjenigen Philosophen, den ich Ihnen eben genannt habe, bei Solowjow, der als der bedeutendste vor dem Toresschluß erscheint, schon sozusagen hineinweisend in die neuere Welt. Denn Solowjow kennt einen ganz anderen Glauben, als alle Glaubensbegriffe bisher waren. Wozu hat der bisherige Glaubensbegriff die Menschheit geführt? Er hat die Menschheit eben gebracht zu der atheistisch-materialistischen Forderung nach bloßem Wissen der äußeren Welt — sagen wir im lutherischen, im kantischen oder im Sinne des Monismus des neunzehnten Jahrhunderts — nach dem Wissen, das auf das Wissen pocht und den Glauben als etwas betrachtet, was die Menschenseele bis zu einem gewissen Zeitpunkte aus der notwendigen Schwäche heraus sich gebildet hat. Dazu ist der Glaubensbegriff endlich gekommen, weil er als ein bloß Subjektives gegolten hat. Hatte man in den vorhergehenden Jahrhunderten den Glauben noch gefordert als eine Notwendigkeit, das neunzehnte Jahrhundert hat den Glauben gerade deshalb angegriffen, weil er im Gegensatz sich befinde zu dem Wissen, das als ein allgemein gültiges aus der menschlichen Seele stammen soll.

[ 32 ] Und nun kommt ein Philosoph, der in einer gewissen Weise anerkennt den Glaubensbegriff, um zu dem Christus ein Verhältnis zu gewinnen, das bisher nicht möglich war, der aber nun die Sache so ansieht, daß er in diesem Glauben, insofern er sich auf den Christus bezieht, eine Tat der Notwendigkeit, der inneren Pflicht anerkennt. Denn für Solowjow heißt der Gegensatz jetzt nicht: «Glauben — oder nicht glauben», sondern für ihn wird jetzt der Glaube eine Notwendigkeit durch sich selbst. Er meint, wir sind verpflichtet an den Christus zu glauben, weil wir uns sonst selbst aufheben und unser Dasein als eine Lüge bezeichnen müßten. Wie die Kristallgestalt bei einer mineralischen Substanz, so tritt der Glaube auf in der menschlichen Seele als ihre eigentliche Natur, Daher muß die Seele sagen: Erkenne ich die Wahrheit an — und nicht die Lüge von mir selber, dann muß ich in meiner eigenen Seele den Glauben realisieren. Ich bin zu dem Glauben verpflichtet; aber ich kann nicht anders dazu kommen als durch meine eigene freie Tat. — Und darin sieht Solowjow gleichsam das Auszeichnende der Christus-Tat, daß der Glaube zugleich eine Notwendigkeit und zugleich eine sittlich freie Tat ist. Es wird der Seele gleichsam gesagt: Du kannst gar nicht anders, wenn du dich nicht selbst auslöschen willst: den Glauben mußt du dir erwerben; aber er muß deine eigene freie 'Tat sein! Und ebenso wie Pascal bringt dieser Philosoph das, was da die Seele erlebt, um sich nicht als Lüge zu empfinden, in Zusammenhang mit dem historischen Christus Jesus, wie er durch die Ereignisse in Palästina eingetreten ist in die Menschheitsentwickelung. Deshalb sagt Solowjow: Wäre Christus nicht eingetreten in die menschliche Entwickelung, wie er als historischer Christus gedacht werden muß, hätte er nicht gebracht, daß die Seele sowohl die innerlich freie Tat wie auch die gesetzliche Notwendigkeit des Glaubens empfindet, so würde die menschliche Seele in der nachchristlichen Zeit verpflichtet sein, sich selber auszulöschen und nicht zu sagen: Ich bin, sondern zu sagen: Ich bin nicht! — Das wäre im Sinne dieses Philosophen die Entwickelung in der nachchristlichen Zeit gewesen, daß ein inneres Bewußtsein die Menschenseele durchdrungen hätte von dem «Ich bin nicht»! In dem Augenblicke, wo die Seele sich aufrafft zu der Tat, das Sein sich selbst beizulegen, kann sie nicht anders als sich zurückzuführen auf den historischen Christus Jesus.

[ 33 ] Damit haben wir auch für die äußere Exoterik in Feststellung des dritten Weges einen Fortschritt auf dem Glaubensweg. Durch die Evangeliennachrichten kann der, welcher nicht selber in die geistige Welt schaut, zur Anerkennung des Christus kommen. Durch das, was das hellseherische Bewußtsein ihm immer sagen konnte, kann er ebenfalls zur Anerkennung des Christus kommen. Aber es gab eigentlich drei Wege: den der Selbsterkenntnis noch, und der führe — wie uns diese angeführten Zeugen sagen können als das, was sie selbst mit vielen Tausenden und aber Tausenden von Menschen erlebt haben — der führt zu der Erkenntnis, daß die menschliche Selbsterkenntnis in der nachchristlichen Zeit ohne das Hinstellen des Christus Jesus neben den Menschen eine Unmöglichkeit ist; daß sich die Seele entweder selbst verneinen muß, oder wenn sie sich bejahen will, mit sich selbst den Christus Jesus bejahen wird.

[ 34 ] Warum das in der vorchristlichen Zeit nicht so war, davon in den nächsten Tagen.