Earthly and Cosmic Man
GA 133
2 May 1912, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Earthly and Cosmic Man, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Vergleichen wir, was im Laufe der Menschheitsentwickelung an geistigem Leben, an Anschauungen über die geistige Welt und die Welt überhaupt zutage getreten ist, dann bekommen wir auf der einen Seite wirklich das Bild eines sinnvollen Fortschrittes, eines Fortschrittes der ganzen Menschheitsentwickelung auf der ganzen Erde. Und wir bekommen, wenn wir mit den Mitteln geistiger Forschung und geisteswissenschaftlicher Denkweise diesen Fortschritt verfolgen, den Eindruck, daß der Mensch überhaupt als eine einzelne Individualität teilnimmt an dem Gesamtfortschritt der Menschheit, indem er mit seiner Seele in den aufeinanderfolgenden Wiederverkörperungen seines Daseins die aufeinanderfolgenden Zeiträume und Epochen durchmacht und sozusagen dadurch Gelegenheit hat, auf der einen Seite alles herüberzutragen, was er sich in seiner Seele angeeignet hat in alten und in neueren Zeiten, aber auch andererseits Gelegenheit hat, an allem sozusagen teilzunehmen, wenn er mit seiner Seele in der einen Kulturepoche gelebt hat, für die Gesamtentwickelung der Erde eben nicht zu verschwinden, sondern zu bleiben, um wieder teilzunehmen an dem, wozu es die Erde auch in späterer Zeit gebracht hat. Einen solchen Gesamtfortschritt nehmen wir wahr. Aber wir brauchen uns nur an einiges zu erinnern, was öfter betont worden ist in unsern geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, und wir werden sehen, daß der Fortschritt nicht ein so einfach gradliniger ist, daß man sagen könnte, es fängt bei einfachen, primitiven Sachen an und steigt immer fort und fort in die Höhe, sondern daß der Fortschritt und die ganze Entwickelung überhaupt etwas Kompliziertes sind.
[ 1 ] If we compare what has emerged in the course of human development in terms of spiritual life and views of the spiritual world and the world in general, we truly see, on the one hand, a picture of meaningful progress—progress in the development of all humanity across the entire Earth. And when we trace this progress using the methods of spiritual research and Spiritual Science thinking, we gain the impression that the human being, as a single individual, participates in the overall progress of humanity by passing through the successive periods and epochs with his soul in the successive reincarnations of his existence, and thereby has the opportunity, on the one hand, to carry over what he has acquired in his soul in ancient and more recent times, but also, on the other hand, has the opportunity to participate in everything, so to speak, when he has lived with his soul in a particular cultural epoch—not to disappear from the overall development of the Earth, but to remain in order to participate again in what the Earth has achieved in later times. We perceive such an overall progress. But we need only recall a few things that have often been emphasized in our reflections on Spiritual Science, and we will see that progress is not a simple, linear process—one that begins with simple, primitive things and rises ever higher—but rather that progress and the entire process of development are, in general, complex matters.
[ 2 ] Wir haben, wenn wir auf die nachatlantische Zeit Rücksicht nehmen, uns einen Einblick verschafft, wie nach der großen atlantischen Katastrophe zuerst eine Kulturepoche da war, die wir als die altindische bezeichnen, von einer solchen Höhe, von einem solchen Hineinblick in die geistige Welt, wie es seit jener Zeit nicht wieder erreicht worden ist, und wie es erst wieder erreicht werden wird, wenn der fünfte und sechste nachatlantische Kulturzeitraum vergangen sein werden und der siebente wieder da sein wird. So finden wir in bezug auf gewisse Arten der menschheitlichen Geistesentwickelung ein zeitenweises Heruntersteigen, dem dann wieder ein Hinaufsteigen folgt. Wir finden zum Beispiel die griechisch-lateinische Kultur, von der wir sagen, daß sie in einer gewissen Weise ein Höchstes darstellt in bezug auf Vermählung des griechischen Volkes mit der Kunst und in bezug auf Einrichtungen in dem griechischen und römischen Staatsleben, so daß ein gewisses harmonisches Zusammenleben des Menschen mit dem physischen Plan erreicht war. Wir sehen aber auch, daß für diese Epoche charakteristisch ist ein Ausspruch des großen Griechen: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt als ein König im Reiche der Schatten! — Das heißt, es ist für diese Epoche höchsten Menschheitsglanzes auf dem physischen Plan nur ein geringes Bewußtsein vorhanden für die Bedeutung der spirituellen Welt, die jenseits des physischen Planes ist. Und seit jener Zeit sehen wir das Abnehmen des unmittelbaren Verwachsenseins des Menschen mit dem physischen Plan, sehen ein Abnehmen dessen, was in dieser Richtung Großes hervorgebracht ist, sehen aber dafür wieder auch ein allmähliches Hineinwachsen der Menschheit in die spirituellen Welten. Das sei gesagt für die Charakteristik, daß der Gang der Menschheitsentwickelung ein komplizierter ist und daß, wenn man die Vorteile und Lichtseiten der einen Epoche hervorhebt, man damit durchaus nicht zu meinen braucht, daß andere Epochen, die diese Ordnungen nicht haben, etwa im absoluten Sinne geringer anzuschlagen wären. Wenn wir oft von dem sprechen, was das Christentum in die Welt gebracht hat, so wissen wir, daß wir in dieser Beziehung erst in einem Anfange stehen und daß jene spirituellen Höhen, die im Oriente erreicht sind vor der Zeit des Christentums, noch nicht wieder errungen sind. Das alles müssen wir berücksichtigen, damit kein Schein aufkomme, daß wir, wenn wir die Vorzüge des einen Zeitalters hervorheben, etwa ungerecht wären gegen die Größe und die Bedeutung anderer Epochen. In diesem Sinne bitte ich Sie, auch einen Unterschied aufzufassen, der nicht einen Vorteil auf der einen Seite und einen Nachteil auf der andern Seite charakterisieren will. Nur eben einen Unterschied will ich bezeichnen, wenn ich charakterisieren will den Unterschied zwischen gewissen Entwickelungen der nichtchristlichen, auch nicht althebräischen, sondern vorchristlichen orientalischen Kulturentwickelung und dem Christentum selber, dem Christentum namentlich, wie wir es wieder aufgehen sehen durch die geisteswissenschaftliche Vertiefung dieses Christentums.
[ 2 ] When we consider the post-Atlantean era, we gain an insight into how, following the great Atlantean catastrophe, there was initially a cultural epoch—which we refer to as the ancient Indian—of such a high level, with such a deep insight into the spiritual world, that has not been attained again since that time, and which will not be reached again until the fifth and sixth post-Atlantean cultural epochs have passed and the seventh has returned. Thus, with regard to certain aspects of humanity’s spiritual development, we find a periodic descent, followed by an ascent. We find, for example, the Greco-Roman culture, of which we say that it represents, in a certain sense, a pinnacle in terms of the Greek people’s union with art and in terms of the institutions of Greek and Roman state life, such that a certain harmonious coexistence of humanity with the physical plane was achieved. But we also see that this epoch is characterized by a saying of the great Greek: “Better to be a beggar in the upper world than a king in the realm of shadows!” — That is to say, in this epoch of humanity’s highest splendor on the physical plane, there is only a limited awareness of the significance of the spiritual world that lies beyond the physical plane. And since that time, we see a diminishing of humanity’s direct fusion with the physical plane, a diminishing of what was achieved in this regard, but in its place we also see a gradual growing into the spiritual worlds. This is said to characterize the fact that the course of human development is a complex one, and that when one emphasizes the advantages and bright sides of one epoch, one need not by any means imply that other epochs, which do not possess these qualities, are to be regarded as inferior in an absolute sense. When we often speak of what Christianity has brought into the world, we know that we are only at the beginning in this regard and that those spiritual heights attained in the East before the time of Christianity have not yet been regained. We must take all this into account so that no impression arises that, in highlighting the merits of one era, we are somehow being unfair to the greatness and significance of other eras. In this sense, I ask you to also understand a distinction that does not seek to characterize an advantage on one side and a disadvantage on the other. I wish merely to point out a difference when I seek to characterize the distinction between certain developments in non-Christian—and not merely ancient Hebrew, but pre-Christian Oriental cultural development—and Christianity itself, specifically Christianity as we see it emerging anew through the deepening of Spiritual Science concerning this Christianity.
[ 3 ] Wenn wir in die orientalische Weltanschauung hineinblicken, so sehen wir, daß sie eines hatte, auf dem sie fest stand, auf das sie immer wieder und wieder hinwies, worauf das Christentum in seiner bisherigen Entwickelung weniger Rücksicht nahm. Es hatte die orientalische Weltanschauung diejenige Idee, jenes große Weltgesetz, das wir uns heute wieder durch die Geisteswissenschaft erobern: die Anschauung von der Wiederkunft des Menschen in verschiedenen Erdenleben und von dem Gesetz des Karma. Während das Christentum durch Jahrhunderte hindurch nur gerechnet hat mit dem Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod und einem — sich daranschlieBend, fortlaufend — auch einfachen Himmelsleben, haben wir in der orientalischen Welt bereits die klare Erkenntnis von der Wiederkehr des Menschen in den wiederholten Erdenleben. Und das Bedeutende, das die orientalischen Weltanschauungen haben, wird immer hervorgeholt aus dieser großen Gesetzmäßigkeit der Menschheitsentwickelung. Dadurch bildete sich in der orientalischen Lehre etwas heraus über die Führer, die großen Lehrer und die Helden der Menschheitsentwickelung, das sich grundsätzlich unterscheidet von allem, was sich innerhalb der abendländischen Entwickelung herausgebildet hat über die großen Führer und Helden. Wir finden innerhalb der orientalischen Weltanschauungen Hinweise auf Wesenheiten, von denen uns von vornherein gesagt wird, daß sie immer wiederkommen und daß das Bedeutungsvolle ihres Wirkens gerade durch das Bedeutungsvolle in ihren aufeinanderfolgenden Erdenleben sich erkennen läßt.
[ 3 ] When we look into the Eastern worldview, we see that it had one thing on which it stood firm, to which it referred again and again, and which Christianity, in its development to date, has taken less into account. The Eastern worldview held that very idea, that great law of the universe, which we are now reclaiming through Spiritual Science: the concept of the human being’s return in various earthly lives and the law of karma. While Christianity, for centuries, has reckoned only with the human life between birth and death and a — following on from this, continuous — simple life in heaven, we already have in the Eastern world the clear recognition of the return of the human being in repeated earthly lives. And the significance of Eastern worldviews is always drawn from this great law of human development. Through this, a concept emerged in Eastern teaching regarding the leaders, the great teachers, and the heroes of human development that fundamentally differs from everything that has developed within Western thought regarding great leaders and heroes. Within Eastern worldviews, we find references to beings about whom we are told from the outset that they return again and again, and that the significance of their work can be recognized precisely through the significance of their successive earthly lives.
[ 4 ] Wir sehen vor uns hingestellt den Gautama Buddha und sehen schon in der Namengebung desselben, worauf es ankommt. Denn Buddha ist kein Eigenname, wie Sokrates, Raffael oder andere Eigennamen sind, sondern es ist ein Rangname. Und auf dem Boden der Weltanschauung, auf dem die Buddhalehre erwachsen ist, spricht man von vielen Buddhas. Buddha ist eine Würde. Wir haben es oft hervorgehoben, daß der Gautama Buddha, bevor er als der Königssohn des Suddhodana eben der Buddha geworden ist, von dem die orientalische Weltanschauung heute spricht, ein Bodhisattva war. Das heißt, es blickt die orientalische Weltanschauung auf die durch die einzelnen Inkarnationen gehende Individualität, sieht hin, wie die Individualität aufsteigt von Inkarnation zu Inkarnation und dann zu jener Höhe kommt, die mit der Buddhawürde erreicht ist. Und dann wird die Individualität mit alledem, was sie Einschneidendes geleistet hat, nicht bezeichnet mit einem Eigennamen. Nur selten wird im Buddhismus, wenn von der Eigenart des Buddha gesprochen werden soll, von dem Prinzen Siddharta gesprochen, sondern meistens von einer Würde, von einer solchen Würde aber, zu der nicht er allein aufgestiegen ist, sondern zu der jeder aufsteigen kann. So weist die orientalische Weltanschauung, wenn sie auf die großen Führer deutet, auf dasjenige hin, was durch die wiederholten Erdenleben durchgeht, und sie führt gerade die Größe und die Bedeutung ihrer Führer auf das zurück, was sie sich erwarben durch die wiederholten Erdenleben.
[ 4 ] We see Gautama Buddha standing before us, and we can already discern what is essential from his very name. For “Buddha” is not a proper name, as “Socrates,” “Raphael,” or other proper names are, but rather a title. And within the worldview from which the Buddhist teachings arose, one speaks of many Buddhas. Buddha is a title of honor. We have often emphasized that before Gautama Buddha, as the prince of Suddhodana, became the very Buddha of whom the Eastern worldview speaks today, he was a Bodhisattva. That is to say, the Eastern worldview looks at the individuality passing through the various incarnations, observes how the individuality ascends from incarnation to incarnation, and then reaches that height attained with the dignity of Buddhahood. And then the individuality, with all that it has accomplished of significance, is not designated by a proper name. Only rarely in Buddhism, when speaking of the Buddha’s uniqueness, is Prince Siddhartha mentioned; rather, it is mostly a dignity that is spoken of—but a dignity to which not he alone has ascended, but to which everyone can ascend. Thus, when the Eastern worldview points to the great leaders, it points to that which runs through repeated earthly lives, and it attributes the very greatness and significance of its leaders to what they have acquired through repeated earthly lives.
[ 5 ] Vergleichen wir diese Erscheinung mit dem, was sich die abendländische Kulturentwickelung vorgesetzt hat. Da hören wir erzählen von der Größe des Plato, von der Größe des Sokrates. Da tritt uns eine Gestalt wie die des Paulus entgegen. Ja, wir können schon beginnen im Alten Testament, wo uns eine Gestalt wie Moses entgegentritt. Weiter treffen wir Gestalten wie Raffael, Michelangelo, Leonardo da Vinci und andere. Man spricht im Abendlande von der einzelnen Persönlichkeit, und hat nicht im Auge die Individualität, die sich durch die wiederholten Erdenleben zieht. Man wendet den Blick nicht auf das, was von Geburt zu Tod, von Tod zu Geburt geht, sondern man spricht von dem, was als einzelne menschliche Persönlichkeit von diesem Jahr bis zu jenem Jahr dagestanden und gelebt hat. So sehen wir, daß die orientalische Weltanschauung mehr sieht auf die fortlaufende Individualität, die von Verkörperung zu Verkörperung geht, daß aber die abendländische Kultur sich wenig darum gekümmert hat, was zum Beispiel Sokrates war in früheren Erdenleben, bevor er Sokrates wurde, oder was aus ihm werden wird in späteren Leben. Ebenso machen wir es mit Paulus oder anderen. Das ist ein bedeutsamer Unterschied. Es ist eben einfach die Sache so zu charakterisieren, daß man sagt: Das ganze Wesen des Abendlandes hat bisher darin bestanden, auf die Bedeutung der Persönlichkeit, auf die Bedeutung des einzelnen Lebens des Menschen ganz besonders hinzuweisen. Jetzt erst, wo wir im geistigen Leben vor einem großen Umschwung stehen, beginnen wir damit, nachdem wir uns sozusagen innerhalb der abendländischen Kultur einen Maßstab angeeignet haben für die Beurteilung der einzelnen Persönlichkeit, uns wieder aufzuschwingen zu dem, was in der orientalischen Weltanschauung der Betrachtung des Menschenwesens als selbstverständlich zugrunde liegt, uns wieder aufzuschwingen zu dem, was in der einzelnen Persönlichkeit als Individualität lebt und eben von Leben zu Leben gegangen ist. Da erscheint uns denn etwas Eigentümliches als eine bedeutsame Perspektive für die Zukunft. Und diese Perspektive für die Zukunft wird die Menschheit immer mehr und mehr brauchen.
[ 5 ] Let us compare this phenomenon with what Western cultural development has set out to achieve. There we hear tales of the greatness of Plato, of the greatness of Socrates. There we encounter a figure such as Paul. Indeed, we can begin as early as the Old Testament, where a figure like Moses appears before us. Further on, we encounter figures such as Raphael, Michelangelo, Leonardo da Vinci, and others. In the West, one speaks of the individual personality, without having in mind the individuality that runs through repeated earthly lives. One does not turn one’s gaze to what goes from birth to death, from death to birth, but rather speaks of what, as an individual human personality, stood and lived from this year to that year. Thus we see that the Eastern worldview focuses more on the continuous individuality that passes from incarnation to incarnation, whereas Western culture has paid little attention to what, for example, Socrates was in earlier earthly lives before he became Socrates, or what he will become in later lives. We do the same with Paul or others. This is a significant difference. It is simply a matter of characterizing the situation by saying: The very essence of the West has hitherto consisted in placing particular emphasis on the significance of the personality, on the significance of the individual human life. Only now, as we stand on the threshold of a great upheaval in spiritual life, do we begin after having, so to speak, acquired within Western culture a standard for judging the individual personality, to rise again to what in the Eastern worldview underlies the contemplation of the human being as a matter of course, to rise again to what lives in the individual personality as individuality and has passed from life to life. There, something peculiar appears to us as a significant perspective for the future. And humanity will need this perspective for the future more and more.
[ 6 ] So sehen wir, daß wir in der Tat in der christlichen Weltanschauung etwas verloren hatten, was der Orient schon hatte, und was wir uns erst jetzt wieder beginnen zu erobern. Der Gang der Menschheitsentwickelung ist überhaupt so, daß gewisse alte Stücke abgeworfen werden müssen, daß neue hinzukommen und daß das Alte durch das Neue wieder erobert wird. So hatte die ganze Menschheit einst in Urzeiten ein Urhellsehen. Das mußte abgeworfen werden. Es trat dann an seine Stelle die rein äußere Wahrnehmungsanschauung. Und es wird später wieder zu der Wahrnehmungsanschauung das hinzukommen, was zukünftiges Hellsehen ist. So im Großen und so im Einzelnen, aber ein ungeheuer Bedeutungsvolles wird der Menschheit dadurch erwachsen. Es mußte schon einmal so sein, daß für das Abendland die Betrachtung der Menschheit in einzelne Persönlichkeiten auseinandergefallen ist. Aber nachdem die Menschheit heute davor steht, sich notwendigerweise zu vertiefen, wird sie schon von selbst die Sehnsucht finden, die einzelnen Stücke, die hervortreten im Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod, miteinander zu verbinden. Und dann wird ein ungeheures Verständnis davon ausstrahlen für den Fortschritt, für die Kräfte, die sich hindurchentwickeln durch den Strom des einzelnen und auch des Menschheitsfortschrittes. Wir können das an einem einzelnen Falle prüfen.
[ 6 ] Thus we see that, in the Christian worldview, we had indeed lost something that the East already possessed, and which we are only now beginning to reclaim. The course of human development is such that certain old elements must be cast aside, new ones must be added, and the old must be reclaimed through the new. Thus, in primeval times, all of humanity once possessed a primal clairvoyance. This had to be cast off. It was then replaced by a purely external perception-based view of the world. And later, what future clairvoyance is will be added back to this perception-based view. This is true both in the grand scheme and in the details, but something of immense significance will grow out of this for humanity. It had to be so at one time that, for the West, the view of humanity broke down into individual personalities. But now that humanity stands before the necessity of deepening itself, it will of its own accord find the longing to connect the individual fragments that emerge in human life between birth and death. And then an immense understanding will radiate from this regarding progress, regarding the forces that develop through the current of individual and also human progress. We can examine this in a single case.
[ 7 ] Sie erinnern sich an den Vortrag «Der Prophet Elias im Lichte der Geisteswissenschaft» vom 14.Dezember 1911 in Berlin. Sie erinnern sich, daß ich dazumal darauf hingewiesen habe, wie dutch eine okkulte Forschung dieses Prophetenbild in einer ganz merkwürdigen Weise vor uns erscheint. Ich will auf die Einzelheiten nicht weiter jetzt eingehen, will nur sagen, wie an diesem Prophetenbilde durch die okkulte Forschung herausgekommen ist, daß Elias es war, der mit einer besonderen Intensität und Kraft darauf hingewiesen hat, daß das, was die Menschheit ein Göttliches nennen kann, eigentlich nur zu erblicken ist in seiner ureigenen Gestalt — und zwar im tiefsten Zentrum des Menschen —, im eigentlichen Ich des Menschen. So daß wir, zusarnmenfassend, das große Prophetenwort des Elias so charakterisieren können: Von ihm ist die Erkenntnis ausgegangen, daß alles, was uns von der Außenwelt gelehrt werden kann, nur ein Gleichnis ist, und daß die Erkenntnis über die eigentliche Natur des Menschen nur aufgehen kann im eigenen Ich. — Nur ist Elias nicht dazu gekommen, die Kraft und die Bedeutung des einzelnen Ich zu erkennen, sondern er stellte gleichsam ein außer dem Menschen stehendes göttliches Ich auf. Aber erkennen sollte man dieses göttliche Ich, erkennen sollte man, daß es hereinstrahlt in das menschliche Ich. Daß es im menschlichen Ich aufersteht und seine volle Kraft entfaltet, das ist die Eroberung dann des Christentums. So erscheint die Wirksamkeit des Elias als etwas wie eine Heroldschaft für das Christentum. So etwa kann man sprechen, wenn man mit den okkulten Mitteln forscht und das einzelne Leben des Elias, wie es dasteht in der Geschichte der Menschheitsentwickelung, charakterisiert.
[ 7 ] You will recall the lecture “The Prophet Elijah in the Light of Spiritual Science” delivered on December 14, 1911, in Berlin. You will recall that I pointed out at the time how, through occult research, this image of the prophet appears before us in a most remarkable way. I do not wish to go into the details further now; I only wish to say that occult research has revealed through this image of the prophet that it was Elijah who pointed out with particular intensity and force that what humanity can call the Divine can actually only be beheld in its very own form—namely, in the deepest center of the human being— in the human being’s true self. So that, in summary, we can characterize Elijah’s great prophetic word as follows: From him came the realization that everything that can be taught to us by the external world is merely a parable, and that knowledge of the true nature of the human being can only arise within one’s own self. — Only Elijah did not come to recognize the power and significance of the individual self, but rather established, as it were, a divine self standing outside of the human being. But one should recognize this divine self; one should recognize that it shines into the human self. That it rises within the human self and unfolds its full power—that is the achievement of Christianity. Thus the activity of Elijah appears as something of a herald for Christianity. One might speak in this way when investigating through occult means and characterizing the individual life of Elijah as it stands in the history of human development.
[ 8 ] Man kann dann darangehen, wieder ein anderes Leben zu charaktetisieren, das Leben derjenigen Persönlichkeit, die Sie kennen als Johannes den Täufer, und hat die Möglichkeit zu erfahren, wie aus dem Munde Johannes des Täufers die Menschheit erfahren sollte, was in unmittelbarer Nähe kommen sollte. «Ändert die Seelenverfassung!», so ungefähr waren die Worte des Täufers, «schauet nicht mehr in die Zeiten rückwärts, wo man das Göttliche nur am Ausgangspunkte der Menschheitsentwickelung gesucht hat, schauet in die eigene Seele und in das, was am tiefsten in ihr ist, dann werdet ihr erkennen, daß die Reiche der Himmel nahe herbeigekommen sind!» Das heißt, daß die Entwickelung vorliegt, daß das Ich tatsächlich in sich das Göttliche finden kann. Wir sehen eine Art Heroldschaft des Christentums verändert gegenüber dem Elias durch den Lauf der Zeit. Wir sehen, wenn wir die äußere Persönlichkeit des Johannes des Täufers charakterisieren, wie er uns eigentlich ganz anderes darstellt. Aber nun haben wir durch die Geisteswissenschaft erfahren und leben uns in diese Dinge immer mehr und mehr hinein, daß es dieselbe Wesenheit ist, die in dem Propheten Elias dagestanden hat und die in Johannes dem Täufer wieder auflebte. Wir fügen, um das einzelne Leben zu verstehen, das hinzu, was der Orient schon gehabt hat. Nur hat er nicht das Kraftvolle der Einzelpersönlichkeit in einer so außerordentlichen Weise betont.
[ 8 ] One can then proceed to characterize yet another life—that of the figure known to you as John the Baptist—and have the opportunity to learn how, through the words of John the Baptist, humanity was to be informed of what was to come in the very near future. “Change the state of your souls!”—these were, roughly, the words of the Baptist—“Look no longer back to the times when the divine was sought only at the starting point of human development; look into your own souls and into what lies deepest within them, and then you will recognize that the kingdoms of heaven have drawn near!” This means that the development has taken place whereby the ego can indeed find the divine within itself. We see a kind of heralding of Christianity that has changed over time compared to Elijah. When we characterize the outer personality of John the Baptist, we see how he actually presents something quite different to us. But now, through Spiritual Science, we have come to know—and are living more and more deeply into these things—that it is the same being who stood in the prophet Elijah and who was revived in John the Baptist. To understand the individual life, we add what the East already possessed. Only, it did not emphasize the power of the individual personality in such an extraordinary way.
[ 9 ] Wir gehen weiter. Wir haben dann die Möglichkeit, jene merkwürdige Persönlichkeit zu charakterisieren, die zwischen dem Jahre 1483 und 1520 gelebt hat, die am Karfreitag des Jahres 1483 geboren ist und gleichsam dadurch sich hineinstellte lebendig — um schon durch ihre Geburt das anzukündigen — in das Mysterium von Golgatha. Wir lernen also kennen die Gestalt des großen Malers Raffael. Man ist in der Betrachtung des Abendlandes selbstverständlich gewohnt, nun Raffael wieder für sich zu betrachten. Aber gerade, wenn heute die Gestalt Raffaels betrachtet wird, muß man sagen, einer umfassenderen, tieferen Weltbetrachtung gegenüber wird es bald erscheinen, daß eigentlich die abendländische Betrachtung gegenüber Raffael kaum ausreicht. Sonderbar erscheint da dem, der tiefer die Dinge zu betrachten strebt, diese merkwürdige Gestalt des Raffael. Es ist, wie wenn seine Begabung unmittelbar mit ihm geboren ist. Wir sehen ihn, wie er sich an einem Karfreitag — man kann es so sagen — «geboren werden läßt», um gleichsam zu zeigen, wie er sich in das Mysterium von Golgatha hineinstellt. Dann sehen wir, wie wir gar nicht anders können als ihn so ähnlich zu betrachten, wie wenn gleich in seiner allerersten Anlage alles sich angekündigt hat, was in seiner späteren Größe wieder aufgetreten ist. Früh verwaist, ist er in die Welt hinausgeworfen, in den römischen Glanz und die Herrlichkeit hineingeworfen. Da sehen wir ihn Schritt für Schritt aufsteigen in einem kurzen Leben zu einer ungeheuren Höhe.
[ 9 ] Let’s continue. We then have the opportunity to characterize that remarkable figure who lived between 1483 and 1520, who was born on Good Friday in 1483 and thereby, as it were, placed himself alive—announcing it already through his birth—into the Mystery of Golgotha. We thus come to know the figure of the great painter Raphael. In Western art history, one is of course accustomed to viewing Raphael in isolation. But precisely when one considers the figure of Raphael today, it must be said that, in the light of a more comprehensive, deeper view of the world, it will soon become apparent that the Western perspective on Raphael is actually hardly sufficient. To those who strive to view things more deeply, this remarkable figure of Raphael appears strange. It is as if his talent were born with him. We see him, as it were, “being born” on Good Friday—one might put it that way—in order to show, so to speak, how he places himself within the Mystery of Golgotha. Then we see that we cannot help but regard him as if, even in his very earliest stages, everything had already been foreshadowed that would later reappear in his greatness. Orphaned at an early age, he is cast out into the world, thrown into the splendor and glory of Rome. There we see him rising step by step, in a short life, to an immense height.
[ 10 ] Was ist nun dieses Leben Raffaels? Merkwürdig erscheint es uns. Wir brauchen nur ein wenig die Umgebung zu betrachten, in die Raffael hineingeboren ist. Denken Sie, daß er hineingeboren ist in die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert, in eine Zeit der umfänglichsten Streitigkeiten auf religiösem Gebiete, wo das Christentum zerspalten war in Sekten über Sekten über die ganze Erde hin, in denen die mächtigsten, aber auch furchtbarsten Kämpfe stattfanden in bezug auf das Christentum. Wir betrachten nun seine Bilder. Sonderbar, wie uns seine Bilder erscheinen! Wir können sie nicht betrachten, ohne zu vergessen, was dazumal rund herum im Christentum vorgegangen ist, und sehen etwas höchst Eigenartiges uns entgegenleuchten: den Jubel über die Größe der Kraft des Christentums, wie es eingegriffen hat in die Menschheitsentwickelung! Wir stellen uns heute vor ein solches Bild wie die «Schule von Athen», wie man sie gewöhnlich nennt, wir sehen da jene merkwürdigen Gestalten, welche die Philister dadurch entziffern, daß sie den Baedeker in die Hand nehmen und nun wissen: das eine ist der Sokrates, das andere der Diogenes und so weiter, während es uns für die Kunstbetrachtung gar nichts sagt. Aber eines fühlen wir, wenn wir lediglich das Evangelium in die Hand nehmen und namentlich die Apostelgeschichte aufmerksam lesen, daß in einem Bilde vor uns steht die ganze Kraft des Unterschiedes, der da war zwischen den vorchristlichen Anschauungen in Griechenland und denen des Christentums selber. Das tritt uns auch entgegen in dem anderen Bilde, in der «Disputa », wie man sie nennt, aber nicht nennen sollte. Es ist wahr, man hat in der «Schule von Athen » jene Szene aus dem Evangelium vor sich, wo die Griechen vernehmen, daß eine Persönlichkeit ankam, die da sagt: Ihr habt bisher gehört von allerlei Göttern. Aber das Göttliche drückt sich nicht aus in Bildern. Großes habt ihr von den lebenden Göttern gesagt. Es gibt noch Größeres: das Große von dem Gotte, der am Kreuz gestorben und auferstanden ist! — Und wir fühlen seine Kraft und treten vor das Bild, das man die «Schule von Athen» nennt, und schauen die merkwürdigen Philosophenköpfe, die aufmerksam zuhören, als Paulus spricht. Und es vergeht uns dann vor dem unmittelbaren Anblick die philiströse Ausdeutung, die erst später gegeben worden ist: daß man es da zu tun habe in der Mitte mit Aristoteles, Plato und so weiter. Wir fühlen, daß Raffael eigentlich jenen Moment hinstellen wollte, da Paulus unter die Griechen trat. Ja, wenn Sie genau im Evangelium nachsehen, so finden Sie sogar in jener Gestalt mit der bedeutsam weisenden Gebärde eine Persönlichkeit aus dem Evangelium. So daß man im Evangelium sogar das Modell für eine Persönlichkeit dieses Bildes schen könnte: nämlich für die Persönlichkeit des Paulus!
[ 10 ] What, then, was Raphael’s life like? It seems strange to us. We need only consider the environment into which Raphael was born. Consider that he was born at the turn of the 15th to the 16th century, a time of the most extensive religious disputes, when Christianity was divided into sect upon sect across the entire earth, and when the most powerful—but also the most terrible—battles regarding Christianity were taking place. We now consider his paintings. How strange his paintings appear to us! We cannot look at them without recalling what was happening all around in Christianity at that time, and we see something most peculiar shining out at us: the jubilation over the greatness of Christianity’s power, as it intervened in the development of humanity! Today we stand before a picture such as the “School of Athens,” as it is commonly called; we see there those remarkable figures whom the philistines identify by picking up a Baedeker guidebook and now know: this one is Socrates, that one is Diogenes, and so on, while it tells us absolutely nothing in terms of art appreciation. But we feel one thing when we simply take up the Gospel and read the Acts of the Apostles attentively: that before us stands, in a single image, the full force of the difference that existed between the pre-Christian views in Greece and those of Christianity itself. This also confronts us in the other painting, in the “Disputa,” as it is called, but should not be called. It is true that in the “School of Athens” we have before us that scene from the Gospel where the Greeks hear that a figure has arrived who says: You have heard of all kinds of gods until now. But the divine does not express itself in images. You have spoken great things of the living gods. There is something even greater: the greatness of the God who died on the cross and rose again! — And we feel his power and stand before the painting called the “School of Athens,” and look at the remarkable heads of the philosophers, who are listening attentively as Paul speaks. And then, in the face of this immediate sight, the philistine interpretation—which was only given later—fades away: that we are dealing here, in the center, with Aristotle, Plato, and so on. We sense that Raphael actually wanted to depict that very moment when Paul stepped among the Greeks. Indeed, if you look closely in the Gospel, you will even find in that figure with the significant, pointing gesture a personality from the Gospel. So that one could even identify in the Gospel the model for a personality in this painting: namely, the personality of Paul!
[ 11 ] Und so gehen wir von Bild zu Bild, vergessen, was sich rings ereignet hat, weil eine große Kraft aus den Bildern spricht, und wir haben die Empfindung: Da lebt das Christentum in seiner größten Kraft in den Bildern fort, die Raffael geschaffen hat, da lebt ein Christentum, über das kein Streit sein kann, da lebt ein Christentum, über das man sich nicht in Sekten zerspalten kann. — Man weiß in der nächsten Zeit nur nicht viel von diesem Christentum, das lebendig durch die Bilder des Raffael wirkt. Wenn man sie noch genauer anschaut, dann hat man ein anderes Gefühl noch, ein Gefühl, wie wenn derjenige, der diese Bilder gemalt hat, die ewige Jugendlichkeit, die ewige Siegeskraft des Christentums hätte malen wollen. Und dann fragen wir uns vielleicht, wenn wir so diese Bilder anschauen: Wie war nun die Fortwirkung dieser Bilder?
[ 11 ] And so we move from painting to painting, forgetting what has happened around us, because a great power speaks from the paintings, and we have the feeling: Christianity lives on in its greatest power in the paintings Raphael created; there lives a Christianity about which there can be no dispute; there lives a Christianity over which one cannot split into sects. — In the near future, however, one will not know much about this Christianity that lives on through Raphael’s paintings. If one looks at them even more closely, one has another feeling as well, a feeling as if the one who painted these pictures had wanted to depict the eternal youthfulness, the eternal triumph of Christianity. And then, perhaps, as we look at these pictures, we ask ourselves: What, then, was the lasting impact of these pictures?
[ 12 ] Wir brauchen uns nur zu erinnern, daß bald die Zeit kam, in der ein solcher Kunstdespot wie Bernini, der so Ungeheures für die Veräußerlichung der Kunst getan hat, warnte vor der Nachahmung Raffaels; man kann sogar von einem Vergessen Raffaels sprechen. Und in Deutschland und Westeuropa sah es im 18. Jahrhundert sonderbar aus mit Raffael und dem Verständnisse Raffaels. Lesen Sie den ganzen Voltaire, und Sie werden kaum einiges über Raffael finden. Sie können noch einen anderen sich anschauen, der später allerdings zu anderer Anschauung gekommen ist. Sie können nachdenken darüber, wie merkwürdig es Goethe gegangen ist, als er das erste Mal die Dresdener Galerie besucht hat. Vielleicht werden Sie voraussetzen, wenn Sie vor die «Sixtinische Madonna » hintreten, daß da ein lichtes Entzücken über dieses Bild in Goethes Seele aufgegangen sei. Sie könnten es voraussetzen nach all den Lobeshymnen, mit denen er später über die «Sixtinische Madonna» gesprochen hat. Aber wir müssen uns erinnern, was er gehört hatte von den Dresdener Galeriebeamten und von denen, welche die offiziellen Hüter dieses Bildes waren. Da hörte er, daß das Kind in den Armen der Mutter, dem wir das ungemeine Hellsehen in den Augen ansehen, gemein realistisch gemalt sei; es könnte nicht von Raffael herrühren, sondern müsse von einem andern übermalt worden sein. Und besonders könnten die kleinen Engel nicht von Raffael herstammen. Es war nicht ein Siegeszug, als die «Sixtinische Madonna » in Dresden einzog. Allerdings ist es dann ein Verdienst Goethes gewesen, daß er, nachdem er zu einer Würdigung Raffaels gekommen war, zum Verständnisse der «Sixtinischen Madonna» und Raffaels überhaupt beigetragen hat.
[ 12 ] We need only recall that the time soon came when an artistic despot like Bernini, who did so much to promote the externalization of art, warned against imitating Raphael; one might even speak of Raphael being forgotten. And in Germany and Western Europe, the situation regarding Raphael and the understanding of Raphael looked peculiar in the 18th century. Read all of Voltaire, and you will hardly find anything about Raphael. You can also look at another figure, who later, however, came to a different view. You can reflect on how strangely Goethe felt when he first visited the Dresden Gallery. Perhaps you will assume, when you stand before the “Sistine Madonna,” that a bright delight at this painting arose in Goethe’s soul. You might assume so, given all the praise with which he later spoke of the “Sistine Madonna.” But we must remember what he had heard from the Dresden gallery officials and from those who were the official custodians of this painting. There he heard that the child in the mother’s arms, in whose eyes we see that extraordinary clarity of vision, was painted in a common, realistic style; it could not have been by Raphael, but must have been overpainted by someone else. And in particular, the little angels could not have been painted by Raphael. It was not a triumphant entry when the “Sistine Madonna” arrived in Dresden. However, it was to Goethe’s credit that, having come to appreciate Raphael, he contributed to the understanding of the “Sistine Madonna” and of Raphael in general.
[ 13 ] Schauen wir jetzt den Gang der Entwickelung im 19. Jahrhundert an. Nehmen wir einmal davon Abstand, was sich in den katholischen Ländern zugetragen hat und sehen wir nur auf protestantische Gegenden, denen das Dogma der Maria konfessionell fern liegt. Sehen wir da, was für ein Siegeszug nicht nur mit der «Sistinischen Madonna », sondern mit allen Raffaelschen Madonnen sich vollzogen hat. Da können wir dann bemerken, selbst wenn wir jetzt nicht die Originale im Auge haben, sondern an die vielen, in bester Art hergestellten Stiche denken, wie sich die Menschen bemühen, Raffaels ganzes Schaffen in möglichst vollkommener Art vor die Menschheit hinzustellen. Wenige Menschen haben doch Gelegenheit, immer die Originale an den Ursprungsstätten zu sehen. Man kann selbstverständlich an einem Stiche nicht sehen, was das eigentlich Künstlerische ist; das zu glauben, wäre eine rohe Barbarei. Aber da ist etwas anderes eingezogen in die Entwickelung der Menschheit: da ist in die Gegenden, die überhaupt nichts wissen wollten von dem Dogma der unbefleckten Empfängnis, ein Christentum eingezogen, unabhängig von allen konfessionellen Unterschieden. Die Leute haben die konfessionellen Unterschiede in Theorien und Systemen verfochten. Und während sie dies taten, ist ein einheitliches Bild dieses großen Mysteriums — man möchte sagen: in okkulten Schriftzügen — in den Nachbildungen der Raffaelschen Kunst eingezogen, dieses Mysterium wieder belebend. Ein Herold des Christentums steht wieder vor uns. Großes und Ungeheutes wird sich in Zukunft daraus noch entwickeln. Und wenn wir Verständnis dafür haben, werden uns zu Hilfe kommen die Empfindungen, die in die Menschheit eingedrungen sind: was herunterstrahlt von dem Bilde der «Sixtinischen Madonna», von der «Madonna mit den Fischen» und anderen Madonnen oder von der «Schule von Athen», der «Disputa » und andern Bildern von Raffael. Ohne daß sie es wissen, haben heute die Menschen in ihren Seelen die Gefühle eines interkonfessionellen Christentums, das da lebt in dieser wunderbaren okkulten Schrift.
[ 13 ] Let us now examine the course of development in the 19th century. Let us set aside for the moment what took place in Catholic countries and focus solely on Protestant regions, where the dogma of Mary is, by virtue of their denomination, foreign to them. Let us see there what a triumphal march took place, not only with the “Sistine Madonna” but with all of Raphael’s Madonnas. There we can then observe—even if we do not now have the originals before our eyes but think of the many engravings produced in the finest manner—how people strive to present Raphael’s entire oeuvre to humanity in the most perfect way possible. Few people, after all, have the opportunity to always see the originals at their places of origin. Of course, one cannot see what is truly artistic in an engraving; to believe that would be sheer barbarism. But something else has entered into the development of humanity: a form of Christianity has taken root in regions that wanted nothing to do with the dogma of the Immaculate Conception, independent of all denominational differences. People have fought out these denominational differences in theories and systems. And while they were doing this, a unified image of this great mystery—one might say: in occult script—has entered the reproductions of Raphael’s art, reviving this mystery. A herald of Christianity stands before us once more. Great and immense things will yet develop from this in the future. And if we have an understanding of this, the feelings that have penetrated humanity will come to our aid: what radiates from the image of the “Sistine Madonna,” from the “Madonna of the Fish” and other Madonnas, or from the “School of Athens,” the “Disputa,” and other paintings by Raphael. Without realizing it, people today carry in their souls the sentiments of an interdenominational Christianity that lives within this wondrous occult text.
[ 14 ] Wieder hat einer verkündet und vorherbegründet wie ein Herold einen neuen Aufschwung des Christentums: Raffael, nachdem ihn zuerst die Menschen nicht verstanden haben. Wir lernen durch die okkulte Forschung, daß dieselbe Individualität, die einst in Elias und später in Johannes dem Täufer wirkte, wieder auf der Erde gelebt hat in Raffael. Wir lernen dadurch verstehen, wie die Kräfte sich hindurchentwickeln von Leben zu Leben in derselben Seele, und wir lernen manches verstehen als Wirkung früherer Ursachen. Der Täufer wurde enthauptet. Sein Werk ging erst wieder auf in dem, was sein großer Nachfolger tat. Vergessen wurde die neue Heroldschaft des Täufers in Raffael durch lange Zeiten hindurch. Wieder auf ging es in dem, was wir auch geisteswissenschaftlich über den Christus-Impuls wieder zu sagen haben. Wie unendlich lichtvoll wird unser Verständnis gefördert, wenn wir verbinden die Charakteristiken dessen, was durch die einzelnen Persönlichkeiten hindurchgeht, und wie anschaulich wird uns dann die einzelne Persönlichkeit!
[ 14 ] Once again, someone has proclaimed and laid the groundwork, like a herald, for a new resurgence of Christianity: Raphael, even though people did not understand him at first. Through occult research, we learn that the same individuality that once worked through Elijah and later through John the Baptist has lived on Earth once more in Raphael. Through this, we come to understand how the forces develop from life to life within the same soul, and we come to understand many things as the effects of earlier causes. The Baptist was beheaded. His work only blossomed anew in what his great successor did. The Baptist’s new heraldry in Raphael was forgotten for long ages. It blossomed anew in what we also have to say, from a perspective of Spiritual Science, about the Christ impulse. How infinitely enlightened our understanding becomes when we connect the characteristics of what passes through the individual personalities, and how vividly the individual personality then becomes to us!
[ 15 ] Ich sagte, die Bilder des Raffael erscheinen uns wie ein Jubel über die Kraft des Christentums. Raffael steht selbstverständlich auf dem Boden der Ereignisse der christlichen Tatsachen; aber in einer ganz eigenartigen Weise verkörpert er das, aus bestimmten Gefühlen heraus. Wir lassen den Blick schweifen und fragen uns: Raffael hat so Großes geleistet in bezug auf die künstlerische Verkörperung der christlichen Kraft; was hat Raffael nicht gemalt? — Er hat keine Szene auf dem Ölberg gemalt, er hat keine Kreuzigung gemalt. Als er eine Kreuztragung gemalt hat, ist es ein sehr schlechtes Bild geworden: wir sehen, daß es wie in einem Auftrage entstand. Er hat auch nichts gemalt von den Szenen, die der Kreuzigung vorangegangen sind. Erst da erhebt sich Raffael zu voller Größe, als er zu verkörpern hat die Gestalt des großen Nachfolgers des Johannes: die Gestalt des Paulus in dem Bilde der «Schule von Athen», oder wenn er, mit Übergehen der übrigen christlichen Ereignisse, die Transfiguration malt. Aus dem, was Raffael nicht gemalt hat, gewinnen wir ein gewisses Verständnis dafür, wie es ihm ferne lag, dasjenige zu malen, was sich erst als Ereignis auf der Erde zugetragen — nicht auf die spirituelle Welt bezieht sich das —, nachdem er in seinem vorhergehenden Leben enthauptet war. Man empfindet es unmittelbar, warum Raffael weniger diese Bilder gemalt hat. Ja, wenn man diese Bilder anschaut, so hat man an allem, was aus der Zeit nach der Enthauptung des Johannes stammt, die Empfindung, daß es nicht so, wie es bei den andern Bildern der Fall ist, aus der früheren Erinnerung hervorgegangen ist.
[ 15 ] I said that Raphael’s paintings strike us as a celebration of the power of Christianity. Raphael, of course, is grounded in the events of Christian history; but he embodies this in a very unique way, drawing on specific emotions. We let our gaze wander and ask ourselves: Raphael has achieved so much in terms of the artistic embodiment of Christian power; what has Raphael not painted? — He has not painted a scene on the Mount of Olives; he has not painted a Crucifixion. When he painted a Carrying of the Cross, it turned out to be a very poor painting: we see that it was created as if on commission. Nor did he paint any of the scenes that preceded the Crucifixion. It is only there that Raphael rises to his full greatness, when he has to embody the figure of the great successor to John: the figure of Paul in the painting “The School of Athens,” or when, bypassing the other Christian events, he paints the Transfiguration. From what Raphael did not paint, we gain a certain understanding of how far removed he was from painting what had first taken place as an event on earth—this does not refer to the spiritual world—after he had been beheaded in his previous life. One immediately senses why Raphael painted fewer of these pictures. Indeed, when one looks at these paintings, one has the sense, with regard to everything dating from the time after John’s beheading, that—unlike the other paintings—they did not arise from earlier memories.
[ 16 ] Wenn man das alles zusammennimmt, kann man aber wieder eine andere Empfindung haben. Man kann dann die Empfindung haben: Was wird einstmals in der Menschheit in zukünftigen Jahrhunderten, man braucht nicht einmal an Jahrtausende zu denken, mit all den Bildern, die als so große, gewaltige Symbole gewirkt haben? — Man wird gewiß lange Zeit die Reproduktionen haben, aber nicht mehr lange die Originale. Wer heute mit Wehmut das Bild Leonardo da Vincis «Das Abendmahl» anschaut, der bekommt eine Anschauung, was aus der physischen Substanz dieser Bilder einst wird. Ja, man bekommt auf der andern Seite noch eine Anschauung: daß man erst, wenn man sich aus der Geisteswissenschaft heraus eine Anschauung dafür verschaffen kann, was Raffael zum Beispiel in der «Schule von Athen» und in der «Disputa » gemalt hat, eine richtige Würdigung dieser Bilder bekommt. Denn, was man heute an den Wänden im Vatikan zu Rom sieht, das ist ja durch die vielen Aufbesserungen und so weiter schon etwas ganz Verdorbenes. Man kann nicht die ursprüngliche Vorstellung der Originale mehr haben; denn durch die vielen Aufbesserungen ist jetzt schon Ungeheures verdorben. Wie wird es also damit in wenigen Jahrhunderten sein? Alle Erhaltungskünste der Menschen werden nicht ausreichen, um das Material der Bilder vor dem Verfall zu schützen. Hingeschwunden wird es in wenigen Jahrhunderten sein. Man wird die Motive kennen, gewiß; aber was damals Raffael als sein Ureigenes geleistet hat, das wird hinschwinden. Da geht uns der Gedanke auf: Ist die Menschheitsentwickelung nun wirklich nichts anderes, als daß die Dinge fortwährend entstehen, um dann ins Wesenlose hinunterzusinken?
[ 16 ] When you take all of this into account, however, you may come to a different conclusion. You might then ask yourself: What will become of humanity in the centuries to come—you don’t even need to think in terms of millennia—with all these images that have served as such great, powerful symbols? — We will certainly have the reproductions for a long time, but not the originals for much longer. Anyone who looks today with a sense of melancholy at Leonardo da Vinci’s painting “The Last Supper” gains an insight into what will eventually become of the physical substance of these images. Yes, on the other hand, one also gains an insight: that only when one can gain an understanding, through Spiritual Science, of what Raphael, for example, painted in “The School of Athens” and in “The Disputation,” can one truly appreciate these paintings. For what one sees today on the walls of the Vatican in Rome is, after all, already something quite corrupted by the many restorations and so on. One can no longer have the original mental image of the originals; for through the many restorations, an immense amount has already been corrupted. So what will become of it in a few centuries? All of humanity’s conservation arts will not suffice to protect the material of the paintings from decay. It will have vanished in a few centuries. People will certainly know the subjects; but what Raphael achieved as his own unique creation back then will fade away. This gives rise to the thought: Is the development of humanity really nothing more than things continually coming into being, only to then sink into nothingness?
[ 17 ] Unser Blick schweift weiter und wir kommen zu der jugendlichen Gestalt des deutschen Dichters Novalis. Wenn wir uns auf Novalis einlassen, sehen wir erstens in seinen Schriften das wunderbare Auferstehen des Christus-Gedankens in einer eigenartigen Weise, aber in einer ganz merkwürdigen Weise, die wir uns vielleicht so charakterisieren können: Wenn wir uns heute in die Geisteswissenschaft hinein vertiefen und mit allen Mitteln, welche sie uns gibt, zu verstehen suchen die Hineinstellung des Christus-Impulses in die Menschheitsentwickelung, und zu verstehen suchen, was wir alles brauchen, um den Christus-Impuls zu begreifen, und uns dann zu Novalis wenden, so sehen wir überall etwas, was wir nur anzufassen brauchen, um es aufgehen zu lassen in unserer Seele. Es finden sich überall die großartigsten Inspirationen über geisteswissenschaftliche Dinge, die sich ausnehmen wie die größten wissenschaftlichen Träume, die aber aufgehen können in unserer Seele und dort weiterleben können. Da können wir sehen, daß er etwas gibt, was wie Samenkörner sich hineinlebt in die Menschheit und in Zukunft aufgehen kann. Wieder etwas wie eine Heroldschaft für das Christentum! In ähnlicher Weise ein Anfang, trotz aller Verschiedenheit, wie das ein Anfang war, was der Täufer geleistet hat. Und wir selber finden die Veranlassung, uns zu der merkwürdigen Gestalt des Novalis zu stellen, und wir fühlen, wie da lebendige Theosophie herausströmt, aber überall unter christlichen Inspirationen. Dann fühlt man, daß wieder etwas da ist, was für das Christentum Heroldschaft für die Zukunft ist.
[ 17 ] Our gaze wanders further, and we come to the youthful figure of the German poet Novalis. When we engage with Novalis, we see, first of all, in his writings the wondrous resurrection of the Christ idea in a unique way—but in a quite remarkable way that we might characterize as follows: If we immerse ourselves today in Spiritual Science and, using all the means it provides, seek to understand the insertion of the Christ impulse into human development, and seek to understand everything we need to grasp the Christ impulse, and then turn to Novalis, we see everywhere something that we need only touch to allow it to blossom in our soul. Everywhere we find the most magnificent inspirations regarding matters of Spiritual Science, which appear like the greatest scientific dreams, yet which can blossom in our soul and live on there. There we can see that he offers something that, like seeds, takes root within humanity and can blossom in the future. Once again, something like a herald for Christianity! In a similar way, a beginning—despite all differences—just as what John the Baptist accomplished was a beginning. And we ourselves find the impulse to turn to the remarkable figure of Novalis, and we feel how living theosophy flows forth from him, yet everywhere under Christian inspiration. Then one feels that there is once again something here that serves as a herald for the future of Christianity.
[ 18 ] Die okkulte Forschung zeigt uns: es ist dieselbe Individualität, die in Elias, in Johannes dem Täufer, in Raffael gewirkt hat, die in Novalis wiedererscheint. Wir fügen wieder hinzu, was als die Individualität dutch die einzelnen Persönlichkeiten hindurchgeht. Wir finden für das Werk Johannes des Täufers bei Raffael ein neues Auferstehen und sagen uns: Dafür, daß das Werk Raffaels nicht untergehe, trotzdem das, was Raffael auf die Wände gemalt hat, untergeht, dafür kann Raffael selber sorgen, wie er dafür gesorgt hat, daß das andere nicht untergegangen ist. Ja, wir können sagen: Wie er gesorgt hat, daß eine neue Art dessen, was er den Menschen einst zu verkünden hatte, wiederauferstanden ist, so wird er dazu immer wieder imstande sein, in seinen folgenden Wiederverkörperungen.
[ 18 ] Occult research shows us that it is the same individuality that was at work in Elijah, in John the Baptist, and in Raphael, which reappears in Novalis. We add once more what passes through the individual personalities as the individuality. We find a new resurrection of the work of John the Baptist in Raphael and say to ourselves: Raphael himself can ensure that his work does not perish, even though what Raphael painted on the walls will perish—just as he ensured that the other did not perish. Yes, we can say: Just as he ensured that a new form of what he once had to proclaim to humanity has been resurrected, so will he be able to do so again and again in his subsequent reincarnations.
[ 19 ] So vermag die menschliche Individualität dasjenige weiterzutragen, was sie einmal geleistet hat, durch die Sphäre der Ewigkeit.
[ 19 ] In this way, human individuality is able to carry forward what it has once accomplished into the realm of eternity.
[ 20 ] Vielleicht mehr als an den bloßen äußeren geisteswissenschaftlichen Lehren, an der Betrachtung der Gesetze bloß, geht uns an solchen konkreten Fällen, die ja immer mehr und mehr hinzukommen werden zu den bloßen abstrakten Gesetzen, das auf, was theosophische Welt- und Lebensbetrachtung der Welt und Menschheit sein wird: verständlich wie diejenigen Dinge, die uns in der äußeren Welt entgegentreten. Und man bekommt dann ganz merkwürdige Gefühle und Empfindungen, wenn man gerade solchen konkreten Beispielen gegenüber das betrachtet, was sich mehr im geheimen der menschlichen Seelenentwickelung zuträgt. Natürlich haben die Menschen, die bisher Raffael betrachteten, da die geistige Forschung selbst eine junge Offenbarung ist, nichts wissen können von dem, was Raffael durch die Zeitenwende trägt, was seine Kraft ist. Aber da jetzt aufgehen muß die Idee der Wiederverkörperung der menschlichen Wesenheit, auch wenn man nichts weiß im Konkreten, so kann es vorkommen, daß einem ein unbestimmtes Gefühl aufsteigt, als ob da etwas mitspielte.
[ 20 ] Perhaps more than the mere external teachings of Spiritual Science, or the mere contemplation of laws, it is in such concrete cases—which will, after all, increasingly supplement the mere abstract laws—that we come to understand what a theosophical view of the world and of life will be: as comprehensible as the things we encounter in the external world. And one then experiences quite remarkable feelings and sensations when, in the face of precisely such concrete examples, one contemplates what takes place more in the secret of human soul development. Of course, since spiritual research itself is a recent revelation, people who have hitherto regarded Raphael could know nothing of what Raphael carries through the turning of the ages, what his power is. But now that the idea of the reincarnation of the human being must dawn, even if one knows nothing in concrete terms, it may happen that a vague feeling arises, as if something were at play.
[ 21 ] Dafür trat mir in den letzten vierzehn Tagen ein merkwürdiges Beispiel auf. Es fiel mir wieder ein, wie ein sehr bedeutender RaftaelForscher über Raffael spricht: der geistvolle Kunsthistoriker Herman Grimm. Als er über Raffael sprach und ihn charakterisierte, wußte er ja selbstverständlich nichts von Geisteswissenschaft und betrachtete Raffaels eines Leben, betrachtete Raffaels Ruhm in den verschiedenen Jahrhunderten, sah seinen abnehmenden und wieder aufsteigenden Ruhm, und im Zusammenhange damit das Fortleben Raffaels in den verschiedenen Jahrhunderten in seinen Schöpfungen. Da kam Herman Grimm der merkwürdige Gedanke, den er hineingeheimnißte in sein Buch über Raffael, das er schreiben wollte, das aber Fragment geblieben ist. Da sagte er, eine Empfindung ausdrückend, ganz instinktiv: Wenn man alles betrachtet, was da fortleben soll in der Menschheitsentwickelung, und sich eine Perspektive verschafft für die Zukunft, so könnte einem der Gedanke kommen, daß man alles das wiedererleben wird! — Eine solche Sache ist unendlich bezeichnend, bezeichnend dafür, wie in denen, die gedankenvoll und gefühlvoll die Menschheitsentwickelung betrachten, instinktiv der Gedanke des Wiederlebens wie in einer Sehnsucht in den Seelen auftaucht, weil er sich ergibt als etwas, ohne das das übrige keinen Sinn hat. Das ist so unendlich bedeutsam. Und wenn man solche Dinge betrachtet, bekommt man eine Idee, eine schöne und berechtigte Idee, was Geisteswissenschaft der Menschheitsentwickelung wird geben können und ihr zu geben hat, und welche Bereicherung das Menschenleben in allen seinen Formen durch eine solche Erkenntnis des Gesetzes von Reinkarnation und Karma erfahren wird.
[ 21 ] A curious example of this came to my attention in the past two weeks. I was reminded once again of how a very prominent Raphael scholar speaks about Raphael: the insightful art historian Herman Grimm. When he spoke of Raphael and characterized him, he naturally knew nothing of Spiritual Science; he considered Raphael’s life, observed Raphael’s fame across the centuries, saw his fame wane and rise again, and, in connection with this, the continued presence of Raphael through the centuries in his works. Then a curious thought occurred to Herman Grimm, which he enshrined in his book on Raphael—a work he intended to write but which remained a fragment. There, expressing a feeling, he said quite instinctively: When one considers everything that is to live on in the development of humanity, and gains a perspective on the future, the thought might occur to one that one will relive all of this! — Such a thing is infinitely significant, significant of how, in those who contemplate the development of humanity thoughtfully and with feeling, the idea of re-living instinctively arises in their souls like a longing, because it presents itself as something without which the rest makes no sense. That is so infinitely significant. And when one considers such things, one gains an idea—a beautiful and justified idea—of what Spiritual Science will be able to give to human development and what it has to give, and what enrichment human life in all its forms will experience through such an understanding of the law of reincarnation and karma.
[ 22 ] Wenn allerdings die Menschheit eine solche Bereicherung des Lebens wird erfahren sollen, dann wird sie sich daran gewöhnen müssen, Geistiges mit derselben Genauigkeit zu beobachten, wie man sonst nur das Physische beobachtet, wird beobachten müssen, wie die Wiederholungen des Physischen ein großes Gesetz sind alles Daseins, und daß die Wiederholung — wie die Wiederkehr des Seelischen in den Leibern — auch ein Gesetz ist der Wiederkehr der verschiedenen Lebensinhalte. Aber auch dazu gibt es durchaus Vorbereitungen, auch dazu gibt es durchaus, man möchte sagen, menschliche Sehnsuchten, menschliche Hoffnungen, menschliches instinktives Wissen, das sich nach und nach in den letzten Jahren heranentwickelt hat. Wir brauchen nur daran anzuknüpfen und es erscheint uns Geisteswissenschaft so, als wenn sie sich heranentwickelt hat, als ob die Menschen nicht wissen, daß sie schon davon träumten, sie instinktiv fühlten. Aber da, wo sie nachgedacht haben über das geistige Leben, da haben sie hingewiesen auf das, was sie fühlen konnten von dem großen rhythmischen Gang der Wiederkehr der Erscheinungen, und von der Wiederkehr der Erscheinung der menschlichen Seele selber.
[ 22 ] span>If, however, humanity is to experience such an enrichment of life, then it will have to accustom itself to observing the spiritual with the same precision with which one otherwise observes the physical; it will have to observe how the repetitions of the physical are a great law of all existence, and that repetition—like the return of the soul into the body—is also a law of the return of the various contents of life. But there are certainly preparations for this as well; there are certainly, one might say, human longings, human hopes, and human instinctive knowledge that have gradually developed in recent years. We need only take up where this left off, and Spiritual Science appears to us as if it had developed gradually, as if people did not know that they had already been dreaming of it, that they had instinctively felt it. But where they have reflected on spiritual life, they have pointed to what they could sense of the great rhythmic course of the recurrence of phenomena, and of the recurrence of the phenomenon of the human soul itself.
[ 23 ] Da ist es interessant, wenn wir eine Erscheinung hervorheben wollen, die ich leicht ins Hundertfache vermehren könnte, weil sie uns entgegentritt bei allen Geistern, die den Gang der Menschheitsentwickelung auf sich haben wirken lassen und dabei ein Gefühl bekamen, was das rhythmische Wiederholen, was die rhythmische Wiederkehr der Ereignisse ist. Auf eines sei hingewiesen, um zu zeigen, wie dieser Gedanke Platz greift, aber zugleich in der Seele etwas auftreibt, obwohl der Betreffende noch nicht moderner Theosoph sein konnte. Denn die Erscheinung, die ich erzähle, ist in einem künstlerischen Werke aus dem Jahre 1835 enthalten. Er konnte es noch nicht wissen, wie sich die Zukunft der Menschheitsentwickelung im Sinne der Geisteswissenschaft darstellt. Dennoch quillt ihm etwas auf, was wie ein Traum ist, was sich ihm ergibt als Menschheitszukunftsperspektive, was sich gründet auf die Betrachtung der Wiederholung der menschlichen Erscheinung. Es ist der deutsch-österreichische Dichter Anastasius Grün, den ich meine; er hat im Jahre 1835 seine Dichtung «Schutt» veröffentlicht, in der sich eine Darstellung findet, wo er durch fünf Wiederkehrungen eine Erscheinung verfolgt: das Wiederkehren in gewissem Rhythmus der geistigen Botschaft, die in der Menschheit wirkt. Anastasius Grün weist darauf hin, wie der Christus jedes Jahr am ersten Ostertage geistig wieder besucht den Ölberg, um alle die Stätten zu sehen, an denen er gelebt und gelitten hat. Von fünf solchen Wiederkehrungen, von denen vier in der Vergangenheit liegen und die fünfte in der Zukunft spielt, redet Grün in seiner Dichtung «Schutt». Die erste spielt in der Zeit, nachdem Jerusalem zerstört ist. Die zweite, so meint er, ereignet sich, «da der Christus anschaut, wie die Kreuzfahrer Jerusalem erobert haben», und hinunterschaut, wie es zugeht an den Stätten, die er einstmals betreten hat. Die dritte Wiederkehr fällt in die Zeit, da der Islam seine Macht über Jerusalem ausbreitet, die vierte in jene Zeit, da die Menschheit in allerlei Sekten gespalten ist und sich kämpfend verhält in bezug auf das, was von dem Christus ausgegangen ist.
[ 23 ] It is interesting, then, to highlight a phenomenon that I could easily multiply a hundredfold, because it confronts us in all those minds that have allowed the course of human development to take its course and, in doing so, have gained a sense of what the rhythmic repetition, the rhythmic recurrence of events, is. Let me point out one thing to show how this idea takes hold, yet at the same time stirs something in the soul, even though the person in question could not yet have been a modern theosophist. For the phenomenon I am describing is contained in an artistic work from the year 1835. He could not yet have known how the future of human development presents itself in the sense of Spiritual Science. Nevertheless, something wells up within him that is like a dream, something that presents itself to him as a vision of humanity’s future, something grounded in the contemplation of the repetition of human existence. It is the German-Austrian poet Anastasius Grün whom I have in mind; in 1835 he published his poem “Schutt,” in which there is a depiction where, through five recurrences, he traces a phenomenon: the return, in a certain rhythm, of the spiritual message that works within humanity. Anastasius Grün points out how Christ spiritually revisits the Mount of Olives every year on the first day of Easter to see all the places where he lived and suffered. Grün speaks of five such recurrences in his poem “Schutt,” four of which lie in the past and the fifth in the future. The first takes place in the time after Jerusalem has been destroyed. The second, he believes, occurs “as Christ watches the Crusaders conquer Jerusalem” and looks down to see what is happening at the sites he once walked. The third return falls in the time when Islam is extending its power over Jerusalem, the fourth in that time when humanity is divided into all manner of sects and is at odds with one another regarding what emanated from Christ.
[ 24 ] Das alles beschreibt Grün mit einer gewissen Anschaulichkeit. Dann geht ihm eine Perspektive auf von einer weit, weit, fernliegenden Wiederkehr des Christus einmal an einem ersten Östertage. Wenn das auch äußerlich träumerisch, wenn das auch utopistisch ist, so muß man doch sehen, daß die Empfindungen — von dem Inhalt abgesehen etwas enthalten von dem Beseligenden, was die Menschenseele erhalten kann, was ihr durch die okkulte Forschung, namentlich seit dem 13. Jahrhundert, werden kann, wenn sie hinblickt auf die Zukunft, wo durch die große spirituelle Kultur Segen verbreitet wird gegenüber den Kämpfen und Verwüstungen. Und Grün sieht das Beseligende in der Zukunftskultur und malt eine künftige Wiederkehr des Christus an einem ersten Ostertage am Ölberg und schildert sie, wie sie sich ihm darstellte in seiner Phantasie. Er stellt sich vor, wie Kinder auf Golgatha spielen, wie sie die Erde umgegraben haben und eine merkwürdige Sache-aus Eisen finden, von der sie nicht wissen, was sie ist; später stellt sich heraus, daß es ein Schwert ist. Und die beseligende Empfindung überkommt ihn, daß er sich sagt: Es werden Zeiten kommen, in denen man vergessen haben wird die Bestimmung, die ein solcher Gegenstand hatte, der einem Schwert ähnlich ist. Man wird das Schwert wie einen sonderbaren Gegenstand anstaunen. Und dann sagt er: Es wurde das Eisen zur Pflugschar verwendet. — Und Grün malt sich das Gefühl aus, das ihm quillt aus der rhythmischen Wiederkehr der Erscheinung des Christus am Ölberge. Dann graben die Kinder weiter, und was sie ausgraben, was man auch schon vergessen hat, was man aber wieder in der Erscheinung gewinnen wird, ist ein steinernes Kreuz! Man hat es schon vergessen. Man nimmt es wieder auf und er sagt, daß man mit dem Kreuz etwas Besonderes tut, um anzudeuten, welche Rolle von jetzt ab das Kreuz haben wird. Und so stellt er dasjenige dar, was er empfindet, als die Kinder bei der Wiederkehr des Christus ein Kreuz ausgraben und dann dieses Kreuz der ganzen Menschheit zeigen, und wie dann die Funktion und die Kraft sein wird, welche das Kreuz für die ganze Menschheit haben wird:
[ 24 ] Grün describes all this with a certain vividness. Then a vision dawns on him of a far, far-off return of Christ on a future Easter Day. Even if this seems outwardly dreamlike, even if it is utopian, one must still recognize that these feelings —regardless of the content—contain something of the bliss that the human soul can receive, what can become of it through occult research, particularly since the 13th century, when it looks toward the future, where blessings are spread through the great spiritual culture in contrast to the struggles and devastation. And Grün sees this bliss in the culture of the future and depicts a future return of Christ on the first day of Easter on the Mount of Olives, portraying it as it appeared to him in his imagination. He imagines children playing on Golgotha, how they have dug up the earth and found a strange object—made of iron—whose nature they do not know; later it turns out to be a sword. And a blissful feeling comes over him, so that he says to himself: There will come a time when people will have forgotten the purpose that such an object, resembling a sword, once served. They will gaze in wonder at the sword as if it were a strange object. And then he says: The iron was used for the plowshare. — And Grün imagines the feeling that wells up in him from the rhythmic recurrence of the appearance of Christ on the Mount of Olives. Then the children continue digging, and what they dig up—what has already been forgotten, but what will be regained in the apparition—is a stone cross! One has already forgotten it. One picks it up again, and he says that one does something special with the cross to indicate what role the cross will play from now on. And so he depicts what he feels when the children, at the return of Christ, dig up a cross and then show this cross to all humanity, and what the function and power will be that the cross will have for all humanity:
Ob sie’s auch kennen nicht, doch steht’s voll Segen
Aufrecht in ihrer Brust, in ew’gem Reiz,
Es blüht sein Same rings auf allen Wegen;
Denn was sie nimmer kannten, war ein Kreuz!
Sie sahn den Kampf nicht und sein blutig Zeichen,
Sie sehn den Sieg allein und seinen Kranz.
Sie sahn den Sturm nicht mit den Wetterstreichen,
Sie sehn nur seines Regenbogens Glanz!Das Kreuz von Stein, sie stellen’s auf im Garten,
Ein rätselhaft, ehrwürdig Altertum,
Dran Rosen rings und Blumen aller Arten
Empor sich ranken, kletternd um und um.So steht das Kreuz inmitten Glanz und Fülle
Auf Golgatha, glorreich, bedeutungsschwer:
Verdeckt ist’s ganz von seiner Rosen Hülle,
Längst sieht vor Rosen man das Kreuz nicht mehr.
Though they do not know it, it stands full of blessing
Upright in their hearts, in eternal charm,
Its seed blooms all around, along every path;
For what they never knew was a cross!
They did not see the struggle and its bloody mark,
They see only the victory and its wreath.
They did not see the storm with its fierce winds,
They see only the radiance of its rainbow!The stone cross, they set it up in the garden,
A mysterious, venerable antiquity,
Around it roses and flowers of every kind
Climbing upward, winding round and round.So stands the cross amid splendor and abundance
On Golgotha, glorious, heavy with meaning:
It is completely hidden by its mantle of roses,
Long ago, one could no longer see the cross behind the roses.
