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Wiederverkörperung und Karma
und ihre Bedeutung für die Kultur der Gegenwart
GA 135

23 Januar 1912, Berlin

Erster Vortrag

[ 1 ] An die Bemerkungen, die wir über die geistigen Tatsachen und Wesenheiten der höheren Welten machen konnten und die durch unsere Generalversammlungszeit unterbrochen worden sind, wird sich nunmehr gut einiges anschließen lassen, das uns Aufklärung geben kann über gewisse Dinge, welche mit der gegenwärtigen Entwickelung des Menschen zusammenhängen. Während also die Betrachtungen, die wir im Herbst gepflogen haben, uns mehr in die Vorgänge gewissermaßen innerhalb der höheren Hierarchien führen sollten, wollen wir heute einiges betrachten, das uns wie so recht menschliche Angelegenheiten naheliegen kann.

[ 2 ] Es wird sich gewiß der Mensch, welcher sich eine Weile mit Anthroposophie beschäftigt hat, und der namentlich die Grundanschauungen von Reinkarnation und Karma und der übrigen Wahrheiten der Menschheit und ihrer Entwickelung aufgenommen hat, leicht fragen: Warum kommt man denn gar so schwer zu einer unmittelbaren, wirklichen Anschauung jener Wesenheit im Menschen, die durch die wiederholten Erdenleben hindurchgeht, jener Wesenheit des Menschen also, welche, wenn man sie nur einigermaßen genauer und immer genauer kennenlernen würde, ganz selbstverständlich führen müßte auch zu einer Einsicht in die Geheimnisse der wiederholten Erdenleben und eben auch des Karma?

[ 3 ] Nun muß allerdings gesagt werden: Alles, was gerade mit dieser Frage zusammenhängt, greift der Mensch gewöhnlich ganz verkehrt an. Zunächst sucht sich ja der Mensch, wie das nur allzu selbstverständlich ist, über diese Dinge auch aufzuklären durch die gewöhnliche Gedankenwelt, durch den gewöhnlichen Verstand, und er fragt sich: Inwiefern kann man aus den Tatsachen des Lebens heraus Anhaltspunkte gewinnen dafür, daß die Anschauung von den wiederholten Erdenleben und von dem Karma eine richtige ist?

[ 4 ] Nun wird der Mensch zwar bis zu einem gewissen Punkte mit einem solchen Bestreben kommen können, das im wesentlichen auf Nachdenken fußt; aber er wird damit eben doch nur bis zu einem gewissen Punkte kommen können. Denn unsere Gedankenwelt ist eigentlich, so wie sie einmal beschaffen ist, ganz und gar abhängig von jenen Einrichtungen innerhalb unserer Gesamtorganisation als Menschen, die eigentlich bloß auf die eine Inkarnation beschränkt ist, die wir dadurch erhalten, daß wir eben so, wie wir als Menschen zwischen Geburt und Tod leben, diese bestimmte Organisation zugeteilt erhalten. Und von dieser Organisation, ja, geradezu von der besonderen Ausgestaltung des physischen Leibes und des ja nur um eine Stufe über den physischen Leib hinausragenden Ätherleibes, ist alles abhängig, was wir unsere Gedankenwelt nennen können. Und je scharfsinniger im Grunde genommen diese Gedanken sind, je mehr sie sich einlassen können auf abstrakte Wahrheiten, desto mehr sind diese Gedanken abhängig von der äußeren, nur auf eine Inkarnation beschränkten Organisation des Menschen. Wir können das schon daraus entnehmen, daß wir, was ja öfter gesagt worden ist, in das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, also in das geistige Leben hinein, von alledem, was wir in der Seele erleben, am allerwenigsten unsere Gedanken mitnehmen können. Also das, was wir am allerscharfsinnigsten ausdenken, müssen wir am allermeisten zurücklassen. Man könnte förmlich sagen: Was legt denn der Mensch ab, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet? Nun, zunächst seinen physischen Leib. Aber von alledem, was nun innerlich ist, legt der Mensch fast ebenso umfänglich, restlos alles ab, was er an abstrakten Gedanken in seiner Seele ausgestaltet hat. Diese zwei Dinge, physischer Leib und abstrakte Gedanken, ja, geradezu wissenschaftliche Gedanken, kann der Mensch am allerwenigsten mitnehmen, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. Der Mensch nimmt gewissermaßen leicht mit seine Neigungen, seine Triebe, Begierden, wie sie sich herangebildet haben, insbesondere seine Gewohnheiten, nimmt auch mit die Art und Natur seiner Willensimpulse, aber am allerwenigsten seine Gedanken.

[ 5 ] Daraus schon, weil die Gedanken so sehr gebunden sind an die äußere Organisation, kann geschlossen werden, daß sie auch kein Werkzeug sind, das sehr geeignet ist, um einzudringen in die Geheimnisse von Reinkarnation und Karma, welche ja Wahrheiten sind, die über die einzelne Inkarnation hinausgehen. Aber bis zu einem gewissen Punkte kann man dennoch kommen, und bis zu einem gewissen Punkte muß man sogar das Denken ausbilden, wenn man theoretisch Reinkarnation und Karma einsehen will. Was darüber gesagt werden kann, das ist im Grunde genommen alles gesagt entweder in dem Kapitel über Reinkarnation und Karma in der «Theosophie» oder in der kleinen Schrift «Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen». Man wird kaum viel hinzufügen können zu dem, was in diesen beiden Schriften gesagt ist.

[ 6 ] Was der Intellekt hinzufügen kann, diese Frage soll uns heute nicht weiter beschäftigen, sondern vielmehr die Frage: Wie kann nun der Mensch zu einer gewissen Anschauung von Reinkarnation und Karma doch kommen, das heißt zu einer Anschauung, die mehr wert ist als eine bloße theoretische Überzeugung, die eine Art innerer Gewißheit geben kann, daß der eigentliche geistig-seelische Wesenskern in uns von früheren Leben herüberkommt und zu späteren Leben hinübergeht?

[ 7 ] Man kommt zu einer solchen bestimmten Anschauung dadurch, daß man innerliche Dinge ausführt, welche keineswegs leicht sind, welche schwierig sind, aber die deshalb doch immerhin ausgeführt werden können. Der erste Schritt, den man da machen kann, ist, daß man die gewöhnliche Art von Selbsterkenntnis ein wenig übt, die Art, die darin bestehen kann, daß der Mensch gewissermaßen auf sein Leben zurückblickt, so zurückblickt, daß er sich fragt: Was bin ich denn überhaupt für ein Mensch gewesen? Bin ich ein Mensch gewesen mit einer starken Neigung zum Nachdenken, zu einem innerlich nachsinnenden Wesen, oder bin ich ein Mensch gewesen, der stets mehr die Sensationen der Außenwelt geliebt hat, dem dieses oder jenes im Leben gefallen oder nicht gefallen hat? Bin ich ein Mensch gewesen, der in der Schule gern lesen, aber nicht gern rechnen wollte, der die anderen Kinder gern geschlagen hat, aber sich nicht gern hat schlagen lassen? Oder bin ich vielleicht ein Kind gewesen, das immer dazu bestimmt war, eins abzukriegen, und das nicht schlau genug gewesen ist, die anderen eins abkriegen zu lassen? — In dieser Weise ein wenig zurückzublicken auf sein Leben und insbesondere sich zu fragen: Wozu war ich — in intellektueller Weise oder in derjenigen Weise, die auf die Gemütsstimmungen oder auf die Willensimpulse bezüglich ist — besonders veranlagt? Was ist mir leicht, was ist mir schwierig geworden? Was hat mich so getroffen, daß ich ihm gern habe entfliehen wollen? Was hat mich so getroffen, daß ich mir gesagt habe: Es ist mir recht, daß es so gekommen ist und so weiter —, so also auf sein Leben in einer gewissen Weise zurückzublicken, das ist gut zu einer intimeren Erkenntnis seines geistig-seelischen Wesenskernes; vor allem alles das klar vor die Seele zu stellen, was zu dem gehört, was man eigentlich nicht gern gewollt hat. So zum Beispiel, ob man ein Sohn gewesen ist, der vielleicht gern ein Dichter geworden wäre, der von seinem Vater aber zum Handwerker bestimmt worden ist und auch ein Handwerker hat werden müssen, trotzdem er es nie so recht hat werden wollen; er ist es geworden, wäre aber lieber ein Dichter geworden. So sich klarmachen, was man eigentlich hat werden wollen, was man aber gegen seinen Willen geworden ist, dann sich klarmachen, was einem gepaßt hat im Jugendleben und was einem nie zuteil geworden ist. Dann weiter sich klarmachen, woraus man so recht hätte herauskommen wollen, welchem man so recht hätte entfliehen wollen. Ich bemerke, daß dies, was ich jetzt sage, sich auf das Leben in der Vergangenheit beziehen soll, nicht auf die Zukunft; das wäre eine falsche Vorstellung.

[ 8 ] Also man soll sich im Grunde genommen klarmachen, was einem ein solcher Rückblick in die Vergangenheit sagt: was man nicht hat wollen, welchem man hat entfliehen wollen und so weiter. Wenn man sich das klargemacht hat, dann hat man eigentlich ein Bild derjenigen Dinge in seinem Leben, die einem so recht am wenigsten gefallen. Darum handelt es sich aber gerade, daß man die Dinge in seinem Leben herausbekommt, die einem in der Vergangenheit am wenigsten gefallen haben. Und man muß nun versuchen, sich ganz einzuleben in eine höchst merkwürdige Vorstellung: Alles das, was man nun eigentlich nicht gewollt und gewünscht hat, energisch zu wollen und zu wünschen! Also energisch einmal sich vor die Seele stellen: Wie wärest du eigentlich, wenn du lebendig, heftig alles das gewünscht hättest, was du eigentlich nicht gewünscht hast, was dir im Grunde genommen im Leben gegen den Strich gegangen ist? — Ausschalten muß man dabei in einer gewissen Weise dasjenige, was einem zu überwinden gelungen ist. Denn das allerwichtigste ist, daß man diejenigen Dinge wünscht, oder sich so vorstellt, als ob man sie lebhaft wünschen würde, die man nicht gewünscht hat, oder denen gegenüber man seine Wünsche nicht hat durchsetzen können, so daß man sich in der Empfindung, in Gedanken ein Wesen schafft, von dem man die Vorstellung haben kann, daß man es im Grunde genommen bisher gar nicht gewesen ist. Und jetzt stelle man sich vor, daß man eigentlich gerade dieses Wesen mit aller Vehemenz, mit aller Intensität gewesen wäre. Wenn man sich das vorstellt, wenn es einem gelingt, sich zu identifizieren mit diesem Wesen, das man auf diese Weise sich selber sozusagen einkonstruiert hat, dann hat man schon wesentlich etwas gewonnen auf dem Wege, seinen inneren seelischen Wesenskern kennenzulernen. Denn es wird einem gerade an dem Bilde, das man sich nun von seiner Eigenpersönlichkeit in der geschilderten Weise machen kann, etwas aufgehen, was man in der gegenwärtigen Inkarnation nicht ist, was man aber hereingebracht hat in die gegenwärtige Inkarnation. Sein tieferes Wesen wird einem aufgehen an dem Bilde, das man sich auf diese Weise konstruiert.

[ 9 ] Es wird also von dem, der zu seinem inneren Wesenskern kommen will, im Grunde genommen etwas verlangt, was die Menschen in unserer Gegenwart am allerwenigsten tun. Unsere Gegenwart ist gar nicht dazu veranlagt, auch nur in einer gewissen Weise so etwas herbeizusehnen, was dem ähnlich ist, was jetzt gefordert worden ist; denn in unserer Gegenwart streben eigentlich die Menschen, wenn sie über sich selber nachdenken, am allermeisten danach, sich so, wie sie sind, absolut richtig zu finden. Wenn wir zurückgehen in frühere Zeiten einer noch religiöseren Entwickelung, dann finden wir das Gefühl, daß der Mensch sich zerknirscht empfinden soll, da er so wenig dem entspricht, was er als sein göttliches Vorbild bezeichnen kann. Das war zwar nicht die Vorstellung, von der heute gesprochen worden ist, aber es war die Vorstellung, welche von dem, womit der Mensch gewöhnlich zufrieden ist, abführte und zu etwas anderem hinführte — wenn auch nicht zu der Überzeugung von einer anderen Inkarnation —, nämlich zu jenem Wesen hinführte, das über unsere Organisation, wie sie sich zwischen Geburt und Tod herausbildet, hinüberlebt. Es wird einem folgendes aufgehen, wenn man das Gegenbild von dem zeichnet, was man ist: Dieses Gegenbild, so schwer es dir geworden ist, es in diesem Leben als dein Bild zu fassen, es hat doch etwas mit dir zu tun; das kannst du nicht leugnen. Wenn du es hast, wird es dich verfolgen, wird es dir vor der Seele schweben und sich so zusammenkristallisieren, daß du dir sagen wirst: Dieses Bild hat etwas mit mir zu tun, aber ganz gewiß nicht mit meinem jetzigen Leben. — Dann bildet sich die Empfindung heraus, daß dieses Bild gerade aus einem früheren Leben stammt.

[ 10 ] Wenn wir dies uns vor die Seele führen, werden wir bald gewahr werden, wie irrtümlich die meisten Vorstellungen sind, die man sich gewöhnlich über Reinkarnation und Karma bildet. Sie werden es selbst schon gehört haben: wenn einem irgendwo ein Mensch im Leben entgegentritt, der zum Beispiel ein guter Rechner ist, und wenn man dann zugleich Anthroposoph ist, dann wird man sich leicht die Vorstellung bilden: In der vorhergehenden Inkarnation ist dieser Mensch ein guter Rechner gewesen. Viele Reinkarnationsketten werden leider von unausgebildeten Anthroposophen in der Weise aufgestellt, daß man einfach glaubt, die vorhergehende Inkarnation dadurch zu finden, daß man die Fähigkeiten, die in der gegenwärtigen auftreten, auch in der vorhergehenden oder womöglich in mehreren vorhergehenden Inkarnationen wird finden müssen. Das ist die schlechteste Art, zu spekulieren. Man trifft gewöhnlich damit das Falsche. Denn die wirklichen Beobachtungen mit den Mitteln der Geisteswissenschaft zeigen zumeist das genaue Gegenteil. Leute zum Beispiel, die in der vorhergehenden Inkarnation gute Rechner, gute Mathematiker waren, treten in der gegenwärtigen Inkarnation so auf, daß sie gar keine Begabung für Mathematik zeigen, daß ihnen die mathematische Begabung fehlt. Und will man wissen, welche Begabungen man höchstwahrscheinlich in der vorigen Inkarnation hatte — ich mache darauf aufmerksam, daß wir jetzt also auf dem Boden der Wahrscheinlichkeit stehen —, will man wissen, welche Fähigkeiten in dieser Richtung an Intelligenz, künstlerischen Dingen und so weiter man in der vorigen Inkarnation gehabt hat, so tut man gut, wenn man nachdenkt, wozu man in dieser Inkarnation am allerwenigsten Fähigkeiten hat, wozu man in dieser Inkarnation sich am allerwenigsten eignet. Wenn man das herausbekommen hat, dann wird man finden, worin man wahrscheinlich in der vorhergehenden Inkarnation brilliert hat, wofür man ganz besonders begabt war. Ich sage «wahrscheinlich» aus dem Grunde, weil diese Dinge auf der einen Seite wahr sind, aber auf der anderen Seite vielfach durchkreuzt werden von anderen Tatsachen. Da kann zum Beispiel der Fall eintreten, daß einer eine besondere mathematische Begabung in der vorhergehenden Inkarnation hatte, aber früh gestorben ist, so daß diese mathematische Begabung nicht ganz zum Ausdruck gekommen ist; dann wird er in seiner nächsten Inkarnation wieder mit einer mathematischen Begabung geboren werden, die sich dann wie eine Fortsetzung aus der vorhergehenden Inkarnation darstellen wird. Der früh verstorbene Mathematiker Abel wird ganz gewiß in seiner nächsten Inkarnation mit einer starken mathematischen Begabung wiedergeboren werden. Wo dagegen ein Rechner besonders alt geworden ist, wo sich diese Begabung ausgelebt hat, da wird der Betreffende in seiner nächsten Inkarnation geradezu stumpfsinnig sein in bezug auf Mathematik. So ist mir eine Persönlichkeit bekannt, die so wenig mathematische Begabung hatte, daß sie als Schulbube geradezu die Ziffern haßte; und während der Betreffende in den anderen Fächern gute Zensuren hatte, war es überhaupt nur dadurch möglich, daß er die Schulklassen durchmachen konnte, daß man ihm in den anderen Fächern besonders gute Zensuren ausstellte. Das rührte davon her, daß er in der vorhergehenden Inkarnation ein besonders guter Mathematiker gewesen ist. |

[ 11 ] Wenn man weiter darauf eingeht, dann stellt sich die Tatsache heraus, daß das, was man in einer Inkarnation äußerlich treibt, das heißt, was man nicht allein äußerlich treibt, sondern was man für einen äußerlichen oder innerlichen Beruf hat, in der nächsten Inkarnation in die innere Organbildung eingeht, zum Beispiel in der Weise, daß man, wenn man in einer Inkarnation ein besonders guter Mathematiker war, dasjenige, was man sich da angeeignet hat an Zahlen- und Figurenbeherrschung, mitgenommen und hineingearbeitet hat in eine besondere Ausarbeitung seiner Sinnesorgane, zum Beispiel der Augen. Und Menschen, die sehr gut sehen, haben diese sorgfältige Ausbildung der Formen des Auges davon, daß sie in der vorhergehenden Inkarnation in Formen gedacht und dieses Denken in Formen mitgenommen haben und, indem sie durch die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt geschritten sind, ihre Augen besonders ausziseliert haben. Da ist die mathematische Begabung ins Auge hineingeflossen und lebt sich nicht mehr in mathematischer Begabung aus.

[ 12 ] Ein anderer den Okkultisten bekannter Fall ist der, wo eine Individualität in einer Inkarnation besonders intensiv in Architekturformen lebte: was sie da empfunden hat, das lebte sich ein als Kräfte in das innere Seelenleben und ziselierte besonders fein aus das Gehörwerkzeug, so daß diese Individualität in der nächsten Inkarnation ein großer Musiker wurde. Sie wurde nicht ein großer Architekt, weil die Empfindungsformen, die sich an die Architektur anlehnten, organaufbauend wurden, so daß nichts übrigblieb, als in hohem Maße Musik zu empfinden.

[ 13 ] Eine äußere Betrachtung der Ähnlichkeiten täuscht in der Regel über das, was Eigentümlichkeiten in den aufeinanderfolgenden Inkarnationen sind. Und wie wir nachdenken müssen über das, was uns nicht gefallen hat und uns vorstellen müssen, als ob wir es intensiv wünschten, so sollen wir auch nachdenken über die Dinge, zu denen wir am wenigsten befähigt sind, in denen wir sozusagen ganz stumpfsinnig sind. Und wenn wir die allerstumpfsinnigsten Seiten unseres Wesens entdecken, dann können sie uns mit größter Wahrscheinlichkeit zu dem führen, worin wir in der vorhergehenden Inkarnation am allermeisten geglänzt haben. Daraus sehen wir, daß es naheliegt, gerade diese Dinge am falschen Ende anzufangen. Wie uns im übrigen auch ein gewisses Nachdenken darüber belehren kann, daß es eben der innerste seelische Wesenskern ist, der von einer Inkarnation in die andere hinüberlebt, das zeigt zum Beispiel die Erwägung, daß der Mensch Sprachen doch niemals dadurch leichter lernt, daß er in einer vorhergehenden Inkarnation etwa in einem Sprachgebiete gelebt hat, das mit der betreffenden Sprache, die er jetzt lernen soll, zusammenhing; denn sonst würden es unsere Gymnasiasten nicht gar so schwer haben, Griechisch oder Lateinisch zu lernen, obwohl viele in ihren früheren Inkarnationen in einem Gebiete gelebt haben, wo sie diese Sprachen als die gewöhnlichen Umgangssprachen gesprochen haben.

[ 14 ] Von dem, was wir äußerlich an uns heranbringen, müssen wir sagen, daß es so sehr verbunden ist mit dem, was sich abschließt in dem Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod, daß gar nicht davon die Rede sein kann, daß diese Dinge in der nächsten Inkarnation in derselben Weise wiedererscheinen, sondern daß sie in Kräfte umgewandelt in die nächste oder nächsten Inkarnationen übergehen. Diejenigen Menschen, die zum Beispiel in einer Inkarnation eine besondere Anlage haben zum Sprachen erlernen, werden diese Anlage in ihrer nächsten Inkarnation nicht haben; dafür aber werden sie die Anlage haben, zu mehr unbefangenem Urteilen als die übrigen Menschen. |

[ 15 ] Das sind Dinge, die mit den Geheimnissen der Reinkarnation zusammenhängen. Und gerade wenn man auf diese Geheimnisse der Reinkarnation blickt, wird man in der intensivsten Weise eine Vorstellung bekommen von dem, was eigentlich wirklich im Menschen innerlich ist, und was in einer gewissen Weise doch zu den Äußerlichkeiten gerechnet werden muß. Zum Beispiel ist für den gegenwärtigen Menschen die Sprache durchaus nicht mehr innerlich. Man kann die Sprache um dessentwillen, was sie ausdrückt, um des Volksgeistes willen lieben; aber sie ist etwas, was in umgewandelten Kräfteformen von einer Inkarnation in die andere übergeht.

[ 16 ] Wenn der Mensch solche Dinge verfolgt, daß er auf der einen Seite sagt: Ich will einmal recht sehr wünschen und wollen, was ich doch gegen meinen Willen geworden bin und wofür ich am wenigsten Veranlagung habe — dann kann er wissen: Es werden sich mir die Vorstellungen, die ich da gewinne, zusammenformen zu dem Bilde meiner vorhergehenden Inkarnation. — Dieses Bild der vorhergehenden Inkarnation wird sich mit einer großen Bestimmtheit schon ergeben, wenn man Ernst macht mit denjenigen Dingen, die jetzt einmal etwas genauer charakterisiert worden sind. Man wird nämlich tatsächlich merken, daß man an der ganzen Art und Weise, wie sich einem die Vorstellungen, die man so gewonnen hat, zusammenfügen, empfinden wird: Dieses Bild ist mir eigentlich ziemlich nahe; es ist gar nicht weit von mir. Oder man wird fühlen: Es ist ein Bild weit, weit weg von mir, Wenn man nämlich durch die Ausarbeitung der Vorstellungen, die heute geschildert worden sind, ein solches Bild seiner vorhergehenden Inkarnation sich vor die Seele gemalt hat, dann wird man in der Regel abschätzen können, wie stark verblaßt dieses Bild ist. Man wird das Gefühl haben wie aus einer Empfindung heraus: Du stehst hier; dein Vater, dein Großvater, dein Urgroßvater können nicht das Bild sein, das da vor dir steht. — Wenn man aber das Bild auf sich wirken läßt, dann bekommt man in der Tat durch Gefühl und Empfindung die Meinung: So und so viele Personen stehen zwischen dir und diesem Bilde! — Nehmen wir einmal an, man bekommt dieses Gefühl — und ein solches stellt sich heraus —, zwischen einem selbst und diesem Bilde stünden zwölf Personen, und ein anderer bekäme das Gefühl, zwischen ibm selbst und dem Bilde stünden sieben Personen. Ein solches Gefühl aber bekommt man, und dieses Gefühl ist außerordentlich wichtig. Denn wenn zum Beispiel zwölf Personen zwischen einem selbst und diesem Bilde stehen, so braucht man nur durch drei zu dividieren und würde dann vier herausbekommen. Das sind dann in der Regel die Jahrhunderte, die einen von der vorhergehenden Inkarnation trennen. Also ein Mensch, der das Gefühl haben würde, daß er von dem Bilde, das ich seiner Entstehung nach geschildert habe, um zwölf Menschen entfernt ist, daß es um zwölf Personen über ihm ist, er müßte sich sagen: Meine vorhergehende Inkarnation fällt vier Jahrhunderte vor die jetzige. — Das ist nur als ein Beispiel angeführt; es wird in den wenigsten Fällen so sein, aber man kommt dadurch zu einer Schätzung. Die meisten werden finden, daß sie auf diese Weise richtig abschätzen können, wann sie vorher dagewesen sind. Nur sind die Voraussetzungen dazu natürlich etwas schwierig.

[ 17 ] Damit haben wir eigentlich Dinge berührt, welche dem Gegenwartsbewußtsein ja so ferne wie möglich liegen. Und es ist ganz und gar nicht zu bezweifeln, daß, wenn irgend jemand diese Dinge Leuten erzählte, die dafür unvorbereitet sind, sie dann finden werden, daß das ja wirklich unverantwortliche Phantastereien sind. Nun ist es schon einmal das Schicksal der anthroposophischen Weltanschauung, daß sie von allen bisherigen Weltanschauungen am allerallermeisten in einer gewissen Weise sich entgegenstellen muß dem, was das Hergebrachte ist. Denn das Hergebrachte ist im weitesten Umfange, wie es einem entgegentritt, der krasseste, der ödeste Materialismus. Und gerade da, wo uns gewisse Weltanschauungen so entgegentreten, als ob sie am allerfestesten auf dem Boden wissenschaftlicher Weltanschauung ständen, da sind sie tatsächlich so, daß sie am ödesten aus einer gewissen materialistischen Grundanschauung herauswachsen. Da nun die Anthroposophie dazu verurteilt ist, in einer gewissen Weise selber für die große Welt der Weltanschauungen das zu sein, was heute verlangt worden ist für den Menschen, der eine Vorstellung bekommen soll von seiner vorhergehenden Inkarnation, so kann es begreiflich erscheinen, daß es dem gegenwärtigen Menschen sehr ferne liegen muß, anthroposophische Anschauungen ernst zu nehmen. Denn die Menschen werden ebenso abgeneigt sein, zu wünschen und zu wollen, was sie ihr Leben lang nicht gewünscht und gewollt haben, wie ihren Denkgewohnheiten ferne liegen die spirituellen Wahrheiten.

[ 18 ] Nun könnte man die Frage aufwerfen: Warum tritt denn gerade jetzt die spirituelle Wahrheit unter die Menschen? Warum läßt sie nicht den Menschen Zeit, sich zu entwickeln, bis sie reifer sind?

[ 19 ] Das rührt davon her, daß auch wieder kaum ein größerer Unterschied gedacht werden kann zwischen zwei aufeinanderfolgenden Menschheitsepochen, als er sein wird zwischen der Epoche, in der die gegenwärtige Menschheit lebt, und derjenigen, in welche die Menschheit hineinwachsen wird, wenn die jetzt lebenden Menschen wiedergeboren sein werden in der nächsten Inkarnation. Denn es hängt nicht von den Menschen ab, wie sich gewisse geistige Fähigkeiten herausbilden; das hängt ab von dem ganzen Sinn und der ganzen Bedeutung und dem ganzen Wesen der Erdentwickelung. Die Menschen sind jetzt nämlich am weitesten davon entfernt, an Reinkarnation und Karma zu glauben. Nicht die Anthroposophen — aber Anthroposophen sind ja nur wenige in der Welt —, nicht die, welche noch alten Religionsformen angehören, sondern die, welche heute die Träger des äußeren Kulturlebens sind, die sind heute am allermeisten davon entfernt, an Reinkarnation und Karma zu glauben. Nun wird merkwürdigerweise gerade diese Tatsache, daß die Menschen heute am allerwenigsten geneigt sind, an Reinkarnation und Karma zu glauben, verbunden mit dem, was die Menschen heute treiben und lernen, nämlich treiben und lernen, insofern dies in bezug auf intellektuelle Fähigkeiten eine Bedeutung hat — diese Tatsachen werden bewirken, daß bei diesen Menschen der Gegenwart in der nächsten Inkarnation das Gegenteil eintreten wird. Diese Menschen der Gegenwart werden in der nächsten Inkarnation — gleichgültig, ob sie spirituell oder materialistisch streben — starke Anlage haben, ihre vorhergehende Inkarnation zu empfinden. Ganz gleichgültig, was die Menschen der Gegenwart treiben: dadurch, daß sie Menschen der Jetztzeit sind, werden sie wiedergeboren werden mit einer starken Anlage und einer starken Sehnsucht, von der vorhergehenden Inkarnation etwas zu erfahren, etwas zu wissen. Wir stehen gerade an einer solchen Zeitenwende, welche die Menschen führt von einer solchen Inkarnation, in der sie am allerwenigsten wissen wollen von Reinkarnation und Karma, zu einer Inkarnation, in der in ihnen die lebendigste Empfindung sein wird: Das ganze Leben, das ich jetzt führe, steht für mich in der Luft, wenn ich nicht irgend etwas wissen kann über meine vorhergehende Inkarnation. — Und die Menschen, welche jetzt am allermeisten schimpfen über Reinkarnation und Karma, sie werden sich geradezu winden unter der Qual des nächsten Lebens, weil sie sich nicht erklären können, wie das Leben so hat werden können. Nicht um sich eine gewisse Rücksehnsucht nach dem vorhergehenden Leben anzueignen, wird jetzt Anthroposophie getrieben von den Menschen, sondern um Verständnis zu haben für das, was für die gesamte Menschheit einmal auftreten wird, wenn die Menschen, die heute leben, wieder da sein werden. Die Menschen, die heute Anthroposophen sind, werden die Anlage mit den anderen teilen, daß sie sich wieder erinnern wollen; aber sie werden Verständnis haben und dadurch innere Harmonie in bezug auf ihr Seelenleben. Die, welche heute die Anthroposophie zurückweisen, sie werden davon wissen wollen, und sie werden so etwas empfinden wie eine innere Qual nach etwas, was eben ihre vorhergehende Inkarnation wäre im nächsten Leben; sie werden aber nichts verstehen von dem, was sie am allermeisten drückt und quält; sie werden ratlos sein, werden innerlich disharmonisch sein. Und es wird ihnen gesagt werden müssen in der nächsten Inkarnation: Du lernst erst erkennen, was dir Qualen verursacht, wenn du dir vorstellst, daß du eigentlich im Ernste diese Qual gewollt haben könntest. — Natürlich werden alle Menschen diese Qual nicht wollen. Aber die Menschen, die heute Materialisten sind, werden dann in der nächsten Inkarnation anfangen, ihre innere Zerknirschtheit, ihre innere Ode und Qual zu begreifen, wenn sie befolgen werden die Anforderungen, den Rat derer, die dann werden wissen können und ihnen sagen: Stellt euch einmal vor, dieses Leben, wie ihr es fliehen möchtet, das hättet ihr gewollt. — Wenn sie anfangen werden, diesen Rat zu befolgen, nachzudenken darüber: Wodurch kann ich dieses Leben gewollt haben? — dann werden sie sich sagen: Ach ja, da habe ich vielleicht gelebt in einer Inkarnation, in welcher ich gesagt habe: Was, ein anderes, nächstes Leben oder Inkarnation soll auf dieses Leben folgen? Unsinn! Dummheit! Wie kann man so etwas glauben! Dieses Leben erfüllt sich in sich selber, ist in sich abgeschlossen; das sendet keine Kräfte in ein späteres hinüber! Ja, weil ich dazumal die Empfindung gehabt habe, ein folgendes Leben ist nichtig, ist unsinnig, dadurch ist es nichtig und unsinnig geworden! Ich habe gerade den Gedanken in mich hineingepflanzt als Kraft, der mir jetzt das Leben so öde und leer macht!

[ 20 ] Das wird ein richtiger Gedanke sein. So wird sich sozusagen karmisch der Materialismus ausleben. Sinnvoll wird die nächste Inkarnation bei denjenigen Menschen sein, welche sich die Überzeugung verschafft haben, daß ihr Leben, wie es jetzt ist, eben nicht nur in sich erfüllt ist, sondern Ursachen enthält für das nächste. Unsinnig, leer und öde wird das Leben derer sein, die durch den Gedanken der Unsinnigkeit der Reinkarnation sich selber das Leben öde und nichtig gemacht haben.

[ 21 ] So sehen wir, daß die Gedanken, die wir hegen, nicht etwa in einer gesteigerten Form in das nächste Leben hinübergehen, sondern umgewandelt als Kräfte im nächsten Leben auftreten. In der geistigen Welt haben eben Gedanken, so wie sie jetzt sind im Leben zwischen Geburt und Tod, keine Bedeutung, sondern sie haben nur eine Bedeutung in einer umgewandelten Form. Wenn jemand zum Beispiel einen großen Gedanken hat, so kann dieser Gedanke noch so groß sein: wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, ist der Gedanke als Gedanke fort. Aber der Enthusiasmus und die Empfindung und das Gefühl, das aufgelebt hat unter dem Einfluß des Gedankens, das geht durch die Pforte des Todes. Von der Anthroposophie selber nimmt der Mensch nicht die Gedanken mit, wohl aber das, was er an den Gedanken erlebt hat — bis in die Einzelheiten, nicht nur die allgemeine Grundempfindung. Das ist das, was wir insbesondere festhalten wollen: daß Gedanken als solche für den physischen Plan das eigentlich Bedeutungsvolle sind, und daß wir, wenn wir von der Wirkung des Gedankens für die höheren Welten sprechen, zugleich sprechen müssen von einer Umwandlung dieser Gedanken nach den höheren Welten hinauf. Gedanken, welche also eine Wiederverkörperung leugnen, wandein sich um in dem wiederverkörperten Leben in innere Nichtigkeit, in innere Leerheit des Lebens, und innere Nichtigkeit, innere Leerheit des Lebens wird als Qual, als Disharmonie empfunden. — Sie können sogar durch einen Vergleich eine Vorstellung bekommen, wie eine solche innere Nichtigkeit und Leerheit verlaufen muß, wenn Sie sich denken, daß Sie etwas recht gerne haben und es immer dann gern sehen, wenn Sie an einen bestimmten Ort kommen. Sie haben sich zum Beispiel gewöhnt, eine bestimmte Blume in einem Garten an einem bestimmten Ort blühen zu sehen. Wenn dann die Blume von ruchloser Hand abgeschnitten wird, werden Sie Schmerz empfinden. Wenn Sie etwas, was Sie lieben, nicht haben, wenn Ihnen das fehlt, dann empfinden Sie Schmerz. So ist es mit der Gesamtorganisation des Menschen. Wodurch empfindet der Mensch Schmerz? Wenn der Ätherleib und der Astralleib eines Organs immer an eine bestimmte Stelle des physischen Leibes eingeschaltet sind, und wenn dieses Organ einen Schnitt bekommt und verletzt wird, so können der Ätherleib und der Astralleib nicht gut eingreifen. Es ist das gerade so, wie wenn Ihnen durch den Schnitt von ruchloser Hand die Rose im Garten an der bestimmten Stelle abgeschnitten wird. Der Atherleib und der Astralleib finden dann nicht, wenn ein Organ verletzt wird, was sie suchen; das wird dann als leiblicher Schmerz empfunden. So werden also die Gedanken, die sich der Mensch gemacht hat als fortwirkend in die Zukunft, ihm in der Zukunft entgegentreten. Dagegen werden sie ihm fehlen, und er wird nichts finden, wo er sie suchen wird an einem bestimmten Ort, wenn er nichts hinübersendet von Glauben und Erkenntniskräften in die nächste Inkarnation, und dann wird er dieses Fehlen von etwas an einem Orte als Schmerz und Qual empfinden.

[ 22 ] Dies sind Angaben, die uns von einer gewissen Seite den karmischen Verlauf gewisser Dinge klarlegen werden. Sie mußten gemacht werden, weil wir noch tiefer hineinsehen wollen in die Art und Weise, wie der Mensch noch weiter Veranstaltungen machen kann, um seinen eigentlichen geistig-seelischen Wesenskern zu erkennen.