Wiederverkörperung und Karma
und ihre Bedeutung für die Kultur der Gegenwart
GA 135
5 März 1912, Berlin
Dritter Vortrag
[ 1 ] Wir haben hier an dieser Stelle jahrelang anthroposophische Wahrheiten betrachtet, anthroposophische Erkenntnisse. Wir haben versucht, uns dem, was wir glauben Anthroposophie nennen zu müssen, von den verschiedensten Richtungen her zu nähern und in uns dasjenige aufzunehmen, was aus den anthroposophischen Erkenntnissen heraus kommen kann. Es wird sich nun empfehlen, einmal gerade im Verlaufe der Betrachtungen, die wir zuletzt hier angestellt haben und noch anstellen werden, die Frage aufzuwerfen, was den Menschen der Gegenwart, den Menschen unserer Zeit die Anthroposophie überhaupt eigentlich geben soll und geben kann? Was sie enthält, von dem wissen wir ja durch unsere Betrachtungen ein gut Stück, und wir können daher auf Grundlage der Bekanntschaft mit einigen anthroposophischen Wahrheiten an die Frage herantreten: Was kann die Anthroposophie den Menschen der Gegenwart geben?
[ 2 ] Wenn wir an diese Frage herantreten, müssen wir vor allen Dingen darauf bedacht sein, das anthroposophische Leben, die anthroposophische Bewegung — in unseren Gedanken wenigstens — scharf zu trennen von irgendeiner gesellschaftlichen Einrichtung, von irgend etwas, das man mit dem Namen Anthroposophische Gesellschaft belegen könnte. In der Wirklichkeit wird ja das ganze gegenwärtige Leben selbstverständlich immer wieder und wieder notwendig machen, daß sich diejenigen, die Anthroposophie treiben wollen, in gesellschaftlicher Art vereinigen. Aber wenn diese Vereinigung notwendig ist, so ist sie eben mehr notwendig durch das ganze außerhalb der Anthroposophie stehende gegenwärtige Leben, als etwa durch den Inhalt und durch Gesinnung oder durch sonst irgend etwas innerhalb der Anthroposophie selber. Anthroposophie an sich könnte heute durchaus so verkündet werden, wie irgend etwas anderes gegenwärtig unter den Menschen verkündet wird. Anthroposophie als solche könnte — denkbar wäre das durchaus — so verkündet werden, wie etwa Chemie heute unter den Menschen verkündet wird, und es könnten die Menschen zu den anthroposophischen Wahrheiten herankommen, wie sie an Chemie oder Mathematik herankommen. Was dann für die Seele des einzelnen daraus folgt, wie die Seele des einzelnen die Anthroposophie aufnimmt und zum Impuls des Lebens macht, das könnte dann eben Sache eines jeden einzelnen sein. Eine Anthroposophische Gesellschaft oder irgendeine Vereinigung, um Anthroposophie zu treiben, macht der Umstand, die Tatsache notwendig, daß Anthroposophie als solche etwas ist, was als etwas völlig Neues, als eine völlig neue Erkenntnis in unsere Gegenwart hereintritt und aufgenommen werden soll von dem geistigen Leben, während die Menschen draußen im außeranthroposophischen Leben eigentlich durchaus nicht nur, sagen wir, die allgemeine Seelenverfassung der Gegenwart brauchen, um Anthroposophie auf sich wirken zu lassen, sondern auch zu dieser gewöhnlichen Seelenverfassung, wie sie die Menschen heute haben, eine vesondere Vorbereitung des Gemütes, des Herzens brauchen. Und eine solche Vorbereitung des Gemütes und des Herzens kann nur angeeignet werden durch das Zusammenleben in unseren anthroposophischen Zweigen oder anthroposophischen Verbindungen oder dergleichen. Da eignen wir uns eine gewisse Art des Denkens, eine gewisse Art des Fühlens an, so daß wir dadurch in die Lage kommen, Dinge ernsthaft zu betrachten, welche die Menschen, die heute draußen in der Welt stehen und kaum etwas von Anthroposophie gehört haben, ganz selbstverständlich und begreiflicherweise vielleicht sogar als tolle Phantastereien ansehen müssen.
[ 3 ] Gewiß, es könnte eingewendet werden, Anthroposophie würde auch verbreitet durch öffentliche Vorträge, welche da zu ganz unvorbereiteten Menschen sprechen. Aber gerade die, welche im engeren Sinne gesellschaftsmäßig unseren Kreisen angehören, werden wissen, daß der ganze Ton und die ganze Art und Weise der Haltung eines anthroposophischen Vortrages anders sein muß, wenn er vor einem unvorbereiteten Publikum gehalten wird, als vor denjenigen, zu denen man so sprechen kann, daß sie durch den Drang ihres Herzens, durch die ganze Art und Weise ihrer inneren Gesinnung das ernst nehmen, was das große Publikum noch nicht ernstnehmen könnte. Und dies, was jetzt angedeutet worden ist, wird in der nächsten Zukunft nicht etwa besser werden — davon kann gar keine Rede sein —, sondern es wird in der nächsten Zukunft immer stärker und schärfer hervortreten. Die äußere Gegnerschaft gegen alles Anthroposophische wird immer größer und größer werden in der Welt, und zwar aus dem Grunde, weil gerade Anthroposophie in unserer Gegenwart etwas im höchsten Grade Zeitgemäßes, etwas im höchsten Grade Notwendiges ist, und weil gegen das Allernotwendigste, gegen das Allerzeitgemäßeste die Auflehnung der Menschen im Grunde genommen immer am allerstärksten ist.
[ 4 ] Nun könnte die Frage entstehen: Warum denn das? Warum ist die Auflehnung der Menschenherzen irgendeines Zeitalters am allerstärksten gegen das, was dieses Zeitalter am alilernotwendigsten braucht? — Das ist etwas, was der Anthroposoph sollte begreifen können, was aber zu schwierig ist, um es vor einem unvorbereiteten Publikum auch nur im allerentferntesten klarzumachen.
[ 5 ] Der Anthroposoph weiß, daß es luziferische Kräfte und Wesenheiten gibt, die hinter der allgemeinen Evolution zurückgeblieben sind. Die wirken durch die Menschenherzen, durch die Menschenseelen, und sie haben das allergrößte Interesse daran, in den Zeiten, in welchen das Streben nach aufwärts am größten wird, ihre Attacken, ihre Angriffe am allerstärksten zu machen. Weil nun die Auflehnung der Menschenherzen gegen das, was vorwärtsstrebt in der Menschheitsentwickelung, von den luziferischen Kräften herrührt, und weil diese ihre Attacken dann unternehmen werden, wenn es ihnen sozusagen an den Kragen geht, deshalb müssen diese Attacken — also auch die Auflehnung der Menschenherzen — in solchen Zeiten am allerstärksten sein. Daher werden wir verstehen, daß die für die Menschheit bedeutsamsten Wahrheiten sich von jeher dadurch eingelebt haben in die Menschheitsentwickelung, daß sie mit dem Umstande rechnen mußten, daß sie die stärksten Widerstände finden. Etwas, was sich nicht sehr unterscheidet von dem, was sonst auch vorkommt in der Welt, wird kaum starke Widerstände finden. Aber, was deshalb in die Welt tritt, weil die Menschheit seit langem darnach dürstet und es nicht empfangen hat, das ist zugleich das, was die stärksten Attacken der luziferischen Kräfte herausfordert. Und so ist eine Gesellschaft eigentlich nichts weiter als ein Schutzwall gegen dieses ganze, aber als begreiflich charakterisierte Verhalten der Außenwelt. Man muß etwas haben, innerhalb dessen man diese Dinge so vertreten kann, daß man sagen kann: Diejenigen, zu denen man spricht, oder mit denen man zusammen ist, sie bringen der Sache ein gewisses Verständnis entgegen, und die anderen, welche sich nicht vereinigt haben mit denen, die davon sprechen, die geht es nichts an. — Von dem, was in der Öffentlichkeit vertreten wird, glauben alle Menschen, daß es sie etwas angeht, und daß sie ein Urteil darüber abzugeben haben, natürlich gestachelt von den luziferischen Kräften. Daraus ersehen wir, daß es zwar notwendig ist, Anthroposophie zu treiben, daß aber Anthroposophie etwas hereinbringt in unsere Gegenwart, was hereinkommen muß und verlangt wird von dem geistigen Durste und dem geistigen Nahrungsbedürfnis unserer Zeit, und was unter allen Umständen hereinkommen wird auf irgendeine Art. Denn dafür, daß es hereinkommt, dafür sorgen die geistigen Mächte, die sich der Evolution gewidmet haben.
[ 6 ] Daher können wir im rein anthroposophischen Sinne die Frage aufwerfen: Worin liegen die wichtigsten Dinge, die gegenwärtig der Menschheit eingepflanzt werden sollen durch die Anthroposophie? Es werden diejenigen sein, nach denen die gegenwärtige Menschheit ganz besonders dürstet, die am allernotwendigsten sind. Gerade mit der Beantwortung einer solchen Frage kann man am allermeisten mißverstanden werden. Deshalb ist es so notwendig, für die Gedanken zunächst Anthroposophie und Anthroposophische Gesellschaft zu trennen. Denn, was die Anthroposophie der Menschheit bringen soll, sind neue Erkenntnisse, neue Wahrheiten. Aber eine Gesellschaft kann niemals — und am allerwenigsten in unserer Zeit — auf irgendwelche besonderen Wahrheiten eingeschworen werden. Die Frage wäre die allerunsinnigste: Welchen Glauben habt ihr Anthroposophen? — Unsinnig ist sie dann, wenn man unter «Anthroposophen» einen Menschen meint, der zur Anthroposophischen Gesellschaft gehört; denn man würde dabei voraussetzen, daß eine ganze Gesellschaft eine gemeinsame Überzeugung, ein gemeinsames Dogma haben würde. Das kann nicht sein. In dem Augenblick, wo eine ganze Gesellschaft — statutengemäß — auf ein gemeinsames Dogma schwören müßte, hörte sie auf eine Gesellschaft zu sein, und es würde die Sektiererei beginnen. Hier haben wir die Grenze, wo eine Gesellschaft aufhört, eine Gesellschaft zu sein. In dem Augenblick, wo ein Mensch verpflichtet würde, eine von der Gesellschaft geforderte Überzeugung zu haben, hätte man es mit einer Sektiererei zu tun. Daher kann eine Gesellschaft, welche sich dem widmet, was jetzt charakterisiert worden ist, dies nur unter dem Gesichtspunkte sein, daß sie es ist unter dem naturgemäfßen geistigen Drange. Man kann fragen: Welche Menschen kommen herbei, um über Anthroposophie etwas zu hören? — Und man wird sagen können: Es sind die, welche irgend etwas über geistige Dinge hören wollen, die einen Drang haben, über geistige Dinge etwas zu hören. — Dieser Drang ist kein Dogma. Denn wenn jemand etwas sucht, wovon er nicht sagt, ich werde dieses oder jenes finden, sondern wo er, wenn er sucht, eben sucht, so ist dieses Suchen das Gemeinsame, was eine Gesellschaft, die nicht eine Sekte werden will, haben muß. Aber ganz unabhängig davon ist die Frage: Was bringt nun die Anthroposophie als solche der Menschheit? — Und man muß sagen: Die Anthroposophie als solche bringt der Menschheit etwas, was ähnlich, nur geistiger und in bezug auf das menschliche Gemüt tiefer und bedeutungsvoller ist, als alle großen geistigen Wahrheiten gewesen sind, welche je der Menschheit gebracht worden sind.
[ 7 ] Nun gibt es unter den Dingen, die wir im Verlaufe unserer Betrachtungen an uns haben herantreten lassen, manche, von denen man sagen kann: sie sind so, daß sie eigentlich nicht als die bedeutsamen, als die bezeichnenden angegeben werden können, wenn von dem die Rede ist, was eigentlich die gegenwärtige Menschheit als Neues erhalten soll. Aber fundamentale Dinge sind es, fundamentale Wahrheiten, die wirklich als neu in die Menschheit hereintreten. Und wir brauchen nicht sehr weit zu gehen, um zu charakterisieren, worin eigentlich das Neue der anthroposophischen Bewegung liegt. Es liegt darin, daß die zwei Wahrheiten, die sozusagen zu unseren fundamentalsten Dingen gehören, an die Menschenseele in einer immer überzeugenderen Weise herantreten: die beiden Wahrheiten von Reinkarnation und Karma. Man kann sagen: Was der Anthroposoph in erster Linie auf seinem Wege findet, wenn er heute ernstlich strebt, das ist die Notwendigkeit der Erkenntnis von Reinkarnation und Karma. Wir können zum Beispiel nicht sagen, daß in der abendländischen Kultur gewisse Dinge, wie etwa die Möglichkeit, in höhere Welten sich zu erheben, durch die Anthroposophie als etwas fundamental Neues auftritt; denn wer die abendländische Entwickelung kennt, wer da weiß, ich will nur sagen, daß es Mystiker gegeben hat, selbst solche Mystiker, wie Jakob Böhme oder Swedenborg oder wie die ganze Jakob Böhmesche Schule, der weiß auch, daß das eine — wenn es auch vielfach strittig war — immer geglaubt worden ist, daß es immer da war als Ansicht: daß sich der Mensch aus der gewöhnlichen Sinneswelt zu höheren Welten erheben kann; so daß dies also nicht das fundamental Neue ist. Weiter sind auch gewisse andere Dinge nicht das fundamental Neue. Selbst wenn wir über das sprechen, was in bezug auf die Evolution fundamental ist; wenn wir zum Beispiel sprechen über die Christus-Frage: in bezug auf die anthroposophische Bewegung als solche ist sie nicht das Fundamentalste; sondern das Fundamentalste ist die Gestalt, welche die ChristusFrage dadurch erhält, daß Reinkarnation und Karma in die Herzen der Menschen als Wahrheiten aufgenommen werden. Die Beleuchtung, welche die Christus-Frage erhält unter der Voraussetzung der Wahrheiten von Reinkarnation und Karma, das ist das Wesentliche. Denn die Christus-Frage hat das Abendiand in wahrhaftig tiefer Weise zu den verschiedensten Zeiten beschäftigt. Wir können dabei erinnern an die Zeiten der Gnosis, können erinnern an die Zeiten, in welchen sich vertieft hat das esoterische Christentum zum Beispiel derjenigen, die im Zeichen des Grals oder des Rosenkreuzes sich zusammengefunden haben, wie sie vertieft haben die Christus-Frage. Also das ist nicht das Fundamentale. Fundamental, wesentlich wird die Frage für die abendländischen Gemüter, für die Erkenntnis und religiösen Bedürfnisse nur durch die Wahrheiten von Reinkarnation und Karma, so daß der, welcher eine Erweiterung seines Gemütes erfährt durch die Erkenntnis von Reinkarnation und Karma, auch notwendigerweise fordert eine neue Erkenntnis alter Fragen. — Was die Erkenntnis von Reinkarnation und Karma betrifft, so müssen wir das gerade Gegenteil davon sagen. Wir können höchstens darauf aufmerksam machen, daß Reinkarnation und Karma, man könnte sagen, sich schüchtern hereinfinden in die abendländische Kultur zur Zeit Lessings, der in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» darauf kommt. Wir finden dann auch weitere Beispiele, wie tiefere Geister auf diese Frage kommen. Aber daß Reinkarnation und Karma als ein Bestandteil des menschlichen Bewußtseins sich geltend machen, daß sie aufgenommen werden in Herz und Gemüt des Menschen so, wie es durch die Anthroposophie geschieht, das ist eben etwas, was erst in unserer Gegenwart wirklich geschehen kann. Daher könnte man sagen: Das Verhältnis eines Menschen der Gegenwart zur Anthroposophie charakterisiert sich darin, daß er in die Lage kommen kann, aus irgendwelchen Voraussetzungen heraus Reinkarnation und Karma als Erkenntnisse in sich aufzunehmen. Das ist das Wesentliche, worum es sich handelt. Im Grunde genommen folgt alles übrige dann in einer mehr oder weniger selbstverständlichen Weise daraus, ob sich der Mensch zu Reinkarnation und Karma in der entsprechenden Weise zu stellen vermag.
[ 8 ] Nun müssen wir uns, wenn wir die Frage so ins Auge fassen, auch klar werden, was es für die abendländische Menschheit und für die Menschheit überhaupt bedeutet, wenn Reinkarnation und Karma Erkenntnisse werden, die sozusagen übergehen in die Alltäglichkeit, wie andere Wahrheiten in die Alltäglichkeit übergegangen sind. In einem noch viel größeren Umfange müssen in der nächsten Zeit Reinkarnation und Karma in das Bewußtsein der Menschheit übergehen, als dies zum Beispiel die kopernikanische Weltanschauung getan hat. In bezug auf die letztere brauchen wir uns nur einmal recht klarzumachen, wie sie eigentlich mit einern raschen Schritt sich eingelebt hat in die Gemüter der Menschen. Denken Sie nur an das, was ich auch im öffentlichen Vortrage gesagt habe: wie lange es erst in bezug auf weltgeschichtliche Verhältnisse her ist, daß diese kopernikanische Weltanschauung sich verbreitet hat, und denken Sie daran, daß bis in die niedersten Schulen hinein diese Weltanschauung die Menschen ergriffen hat.
[ 9 ] Nun gibt es einen bedeutsamen Unterschied in bezug auf das Ergreifen der Menschenseele zwischen dieser kopernikanischen Weltanschauung und der anthroposophischen Weltanschauung, insofern sich diese aufbaut auf dem Fundament von Reinkarnation und Karma. Um diesen Unterschied zu charakterisieren, braucht man wahrhaftig einen anthroposophischen Zweig mit Menschen, die in gutem Willen zusammensitzen; denn man muß eigentlich dabei ein Ding sagen, wenn man diesen Unterschied charakterisieren will, muß es notwendigerweise sagen, bei dem sich den außerhalb der anthroposophischen Bewegung stehenden Menschen wahrhaftig der Magen umdreht.
[ 10 ] Was gehörte denn dazu, daß die Menschen so schnell, so rasch und bis in das Kindheitsalter hinein die kopernikanische Weltanschauung angenommen haben? Die, welche mich über die kopernikanische Weltanschauung oder über neuere Naturwissenschaft haben reden hören, die werden gewiß wissen, daß ich nicht irgendwie ein abträgliches Urteil fälle über diese moderne naturwissenschaftliche Anschauung. Daher darf es schon gestattet sein, wenn man diesen betreffenden Unterschied wirklich charakterisieren will, zu sagen: Um dieses Weltbild aufzunehmen, das rein auf eine Charakteristik des Raumes, auf äußere Raumverhältnisse beschränkt ist, war notwendig eine Epoche der Oberflächlichkeit! — Und der Grund, warum so schnell die kopernikanische Weltanschauung sich eingelebt hat, ist kein anderer als der, daß die Menschen durch ein Zeitalter hindurch oberflächlich wurden. Oberflächlichkeit in der Auffassung der Welt war die notwendige Vorbedingung für das Sich-Einleben der kopernikanischen Weltanschauung. Tiefe, Innerlichkeit — also gerade das Entgegengesetzte — wird notwendig sein, wenn sich einleben will, was die Wahrheiten der Anthroposophie sind, und besonders in bezug auf die Grund- und Fundamentalwahrheiten von Reinkarnation und Karma. Wenn wir uns daher heute die Überzeugung verschaffen, daß noch in einer viel, viel stärkeren Weise und in einem viel größeren Umfange die Wahrheiten von Reinkarnation und Karma sich einleben müssen in die Menschheit, so müssen wir uns zugleich klar sein, daß wir in dieser Beziehung doch an der Grenze zweier Zeitalter stehen: des Zeitalters der Oberflächlichkeit — und des Zeitalters der notwendigen Vertiefung, der Verinnerlichung der Menschenseele und des Menschenherzens. Das ist es, was wir uns vor allen Dingen in die Seele schreiben müssen, wenn wir uns voll bewußt sein wollen, was Anthroposophie in der Gegenwart der modernen Menschheit zu bringen hat. Und dann müssen wir uns fragen: Wie wird sich denn dieses Leben gestalten müssen unter dem Einfluß der Erkenntnisse von Reinkarnation und Karma?
[ 11 ] Da müssen wir nur bedenken, was es denn eigentlich für das Menschenherz ist, zu erkennen: Reinkarnation und Karma sind eine Wahrheit. Was ist es für das ganze menschliche Bewußtsein, für das ganze Fühlen und Denken der menschlichen Seele? — Nichts Geringeres ist es doch, das kann jeder einsehen, wenn er über diese Dinge nachdenkt, als eine Erweiterung des menschlichen Selbstes durch Wissen, durch Erkenntnis über gewisse Grenzen hinaus, die sonst dem Wissen und der Erkenntnis gezogen sind. Denn daß man nur dasjenige wissen und erkennen könne, was eingeschlossen ist zwischen Geburt und Tod, das wurde ja gerade im abgelaufenen Zeitalter mit aller Schärfe betont, und daß man höchstens im Glauben aufschauen könne zu einem, der wissend hineingeht in eine geistige Welt, das war eine immer stärker werdende Überzeugung. Aber die Sache ist nicht von einer so großen Bedeutung, wenn man auf dem Erkenntnisstandpunkt stehenbleibt; sondern von Bedeutung wird sie erst, wenn man vom Erkenntnisstandpunkt übergeht zum moralischen Standpunkt, zum gemüthaft-moralischen Standpunkt. Da erst zeigt sich die ganze Größe und Bedeutung der Ideen von Reinkarnation und Karma.
[ 12 ] Wir könnten Hunderte von Dingen anführen zur Erhärtung dessen, was jetzt gesagt worden ist, aber es soll nur das eine gesagt werden. Nehmen wir den Menschen der früheren Zeiten der abendländischen Kultur und die weitaus größte Anzahl der Menschen noch heute innerhalb der abendländischen Kultur. Selbst wenn diese Menschen noch im intensivsten Maße an der Annahme hängen, daß der Mensch in bezug auf seine Wesenheit intakt erhalten bleibt, wenn er durch die Pforte des Todes auf dieser Erde geschritten ist, so wird doch, ohne daß man an Reinkarnation und Karma denkt, dieses ganze an den Tod sich anschließende geistige Leben des Menschen dem Erdendasein entzogen. Man hat es zu tun mit dem Betreten einer geistigen Welt; aber mit Ausnahme eben jener «Ausnahmen», die von den mehr oder weniger spiritualistisch angelegten Naturen geltengelassen werden, daß Abgestorbene in Ausnahmefällen hereinwirken, haben wir es — wenn Reinkarnation und Karma nicht gelten — mit einer Idee zu tun, daß das, was in einer geistigen Welt sich abspielt, sei es Strafe oder Belohnung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, der irdischen Sphäre als solcher entzogen ist, und daß sich das, was sich als Folge seines Lebens ergibt, auf einem ganz anderen, außerirdischen Schauplatze abspielt.
[ 13 ] Wenn der Mensch nun übergeht zur Erkenntnis von Reinkarnation und Karma, wird die Sache ganz anders. Da müssen wir uns klar sein, daß das, was für einen solchen Menschen in seiner Seele lebt, nicht bloß, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, eine Bedeutung hat für eine erdentrückte Sphäre, sondern daß von dem, was er erlebt zwischen Geburt und Tod, die Zukunft der Erdengestaltung abhängt. Die Erde wird sozusagen die äußere Konfiguration haben, welche die Menschen ihr geben, die vorher da waren. Der ganze Planet in seiner Zukunftskonfiguration, das Zusarnmenleben der Menschen in der Zukunft, hängt davon ab, wie die Menschen früher gelebt haben in ihren früheren Verleiblichungen. Das ist das Gemüthaft-Moralische, das sich an diese Ideen anknüpft; so daß ein Mensch, der dies angenommen hat, weiß: Wie ich war in dem Leben, so werde ich wirken auf alles, was in der Zukunft geschieht, auf die ganze Kultur der Zukunft! — Da erweitert sich etwas mit dem Wissen von Reinkarnation und Karma über die Grenzen von Geburt und Tod hinaus, was der Mensch bisher nur in engsten Grenzen kennengelernt hat: das Verantwortlichkeitsgefühl! Da sehen wir herauswachsen ein gesteigertes Verantwortlichkeitsgefühl. Darin prägt sich aus, was als eine tief bedeutsame moralische Folge auftritt von Ideen, wie es Reinkarnation und Karma sind. Der Mensch, der nicht an Reinkarnation und Karma glaubt, kann sagen: Wenn ich durch die Pforte des Todes gegangen bin, werde ich höchstens bestraft oder belohnt für das, was ich hier getan habe; ich erfahre die Folgen dieses Daseins in einer anderen Welt; diese andere Welt steht aber unter dem Regiment irgendwelcher geistiger Mächte, und die werden schon verhindern, daß das, was ich in mir trage, gar zu schädlich werde der Gesamtweit. — So kann der nicht mehr sagen, der da weiß, daß Reinkarnation und Karma eine erkenntnismäßig sich ergebende Idee ist; denn er weiß, daß die Menschen durch die Wiederverkörperung so sein werden, je nach dem, wie sie in dem vorhergehenden Leben gelebt haben.
[ 14 ] Das wird das Bedeutsame und Wichtige sein, daß übergehen werden die Fundamentalideen der anthroposophischen Weltanschauung in das Gemütsleben und in die Gesinnung der Menschen und auftreten werden als moralische Impulse, von denen die Menschen in den abgelaufenen Zeiten im Grunde genommen gar keine Ahnung hatten. Das Verantwortlichkeitsgefühl, haben wir gesehen, wird hervorsprießen in einer Weise, wie dies früher überhaupt nicht möglich war; und andere moralische Ideen werden sich notwendig dann in einer ähnlichen Weise ergeben wie dieses Verantwortlichkeitsgefühl. Wir werden als Menschen, die unter dem Einfluß der Ideen von Reinkarnation und Karma leben, wissen lernen, daß es sich nicht handeln kann um eine Beurteilung unseres Lebens bloß nach den Voraussetzungen, welche sich zwischen Geburt und Tod ausleben, sondern nach Voraussetzungen, welche über viele, viele Leben hin verbreitet sind.
[ 15 ] Wenn wir unter den Voraussetzungen, die es bisher gegeben hat, an den anderen Menschen herantreten, so entwickeln wir zu diesem anderen Menschen Sympathie, Antipathie, größere oder geringere Liebe und dergleichen. Man muß sagen, die Art und Weise, wie sich Mensch zu Mensch stellt in der Gegenwart, ist doch in Wahrheit das Ergebnis jener Anschauung, die das Leben auf der Erde einmal eingeschlossen denkt zwischen Geburt und Tod. Wir leben in Wahrheit wirklich so, wie wir leben müßten, wenn es eben richtig wäre, daß der Mensch nur einmal auf der Erde da wäre. Wir können sagen: Wir begegnen unseren Freunden, Eltern, Geschwistern und so weiter so, daß bei allem, was wir fühlen und empfinden, das eben mitlebt, daß wir nur einmal auf der Erde sind. Und es wird eine ganz außerordentliche Umgestaltung des Lebens vor sich gehen, wenn nicht nur in einigen Köpfen, wie es heute noch vielfach der Fall ist, als Theorie das lebt, daß es Reinkarnation und Karma gibt. Bis heute ist es im weitesten Umfange noch Theorie. Man kann sagen, heute ist es so, daß es eine Anzahl Anthroposophen gibt, die glauben an Reinkarnation und Karma; aber sie leben so, als wenn es Reinkarnation und Karma nicht gäbe, sondern als wenn das Leben einmal eingeschlossen wäre zwischen Geburt und Tod. Das kann auch nicht anders sein. Denn die Gewohnheiten, die das Leben mit sich bringt, ändern sich weniger rasch, als die Ideen sich ändern. Wenn wir richtige und konkrete Ideen über Reinkarnation und Karma — nur um diese kann es sich handeln — in unser Leben einführen, dann erst werden wir schen, wie dieses Leben befruchtet werden kann durch solche Ideen.
[ 16 ] Wir sehen, daß wir als Menschen hereintreten in das Leben, indem wir im Beginne desselben zusammenkommen mit Eltern, mit Geschwistern und so weiter. Wir sehen, daß wir durch diese Natureinrichtung notwendigerweise in der ersten Zeit unseres Lebens vorzugsweise so in demselben drinnenstehen, daß die, welche um uns herum sind, mehr oder weniger durch Naturelemente um uns herum gestellt sind: durch Blutsverwandtschaft, Nähe des Ortes und so weiter. Dann sehen wir, wenn wir heranwachsen, wie diese Kreise der Blutsverwandtschaft sich erweitern, wie wir in ganz andere, nicht mehr von Blutsverwandtschaft abhängige Verbindungen mit diesen oder jenen Menschen treten. Nun handelt es sich darum, daß diese Dinge erst karmisch eingesehen werden müssen; dann werden sie eine ganz neue Beleuchtung für das Leben gewinnen. Denn Karma wird erst bedeutungsvoll für das Leben, wenn wir es konkret fassen, wenn wir wirklich auf das Leben anwenden, was die geisteswissenschaftliche Forschung ergibt. Festgestellt werden kann das selbstverständlich nur von der geisteswissenschaftlichen Forschung, kann aber dann auf das Leben angewendet werden.
[ 17 ] Eine bedeutungsvolle karmische Frage ist im wesentlichen diese: Wie kommt es denn, daß wir zum Beispiel im gegenwärtigen Leben mit den Menschen zusammenkommen, mit denen wir auf die ja jedem begreifliche Weise durch die Blutsverwandtschaft zusammenkommen? Warum kommen wir mit diesen im Beginne dieses Lebens zusammen? — Nun zeigt die geisteswissenschaftliche Forschung über diese Frage etwas sehr Eigentümliches. In der Regel ist es so — denn wenn auch einzelne Tatsachen angegeben werden, gibt es doch wieder unzählige Ausnahmen —, daß wir mit den Menschen, die wir unwillkürlich treffen im Beginne unseres Lebens, schon in einem vorhergehenden Leben zusammen waren, meistens sogar in dem unmittelbar vorhergehenden, in der Mitte unseres Lebens, so in den Dreißigerjahren. Da haben wir sie uns in irgendeiner Weise freiwillig gewählt, indem wir zu ihnen hingetrieben waren durch unsere Herzensneigung und so weiter. Wir würden ganz fehl gehen, wenn wir die Menschen, mit denen wir im Beginne unseres Lebens zusammenkommen, als solche betrachten würden, mit denen wir auch wieder im Beginne eines anderen Lebens zusammen waren. Nicht am Anfange, nicht am Ende, sondern in der Mitte eines Lebens waren wir durch freiwillige Wahl mit jenen zusammen, mit denen wir dann in einem folgenden Leben zusammentreffen durch Blutsverwandtschaft. Sehr häufig sind die Fälle so, daß man zu dem, mit dem man verheiratet war, den man sich also durch freie Wahl genommen hat, im nächsten Leben im Vater- oder Mutterverhältnis oder im Geschwisterverbältnis steht. Die geisteswissenschaftliche Forschung zeigt, daß das, was man aus der Spekulation voraussetzen würde, was man denken würde, wenn man etwas ausspintisiert über die Dinge, gewöhnlich falsch ist. Die Tatsachen machen gewöhnlich einen Strich durch die Rechnung der Spekulation.
[ 18 ] Denken wir nur einmal diese jetzt geschilderte Tatsache und fassen wir sie so auf, wie sie sich wirklich, wenn man vorurteilsfrei forscht, aus der Geisteswissenschaft ergibt, wie sie wieder unser ganzes Verhältnis und unsere ganze Beziehung zum Leben erweitert. Es ist ja nach und nach im Verlaufe der abendländischen Kultur dazu gekommen, daß der Mensch eigentlich jetzt schon gar nicht mehr anders kann, als von Zufall zu reden, wenn er nachdenkt über sein Verhältnis zu denjenigen, mit denen er blutsverwandt ist. Man redet von Zufall, man glaubt auch vielfach schon an den Zufall. Wie sollte man denn an etwas anderes glauben als an Zufall, wenn man das Leben nur einmal eingeschlossen denkt zwischen Geburt und Tod. Für das eine Leben wird man selbstverständlich zugeben, daß man verantwortlich ist für die Folgen der Ereignisse, die man selbst herbeigeführt hat. Indem man sein eigenes Selbst hinüberführt über das, was sich abspielt zwischen Geburt und Tod, indem man sein Selbst verbunden fühlt mit anderen Menschen der anderen Verkörperung, fühlt man sich verantwortlich wie hier im Leben seinen eigenen Taten gegenüber. Es werden immer mehr und mehr die Menschen diese konkreten Tatsachen erfahren müssen. Die allgemeine Idee, wenn man sagt, der Mensch habe sich im Sinne des Karma seine Eltern selber gewählt, gibt noch nichts Besonderes. Aber man bekommt eine Vorstellung von dieser Wahl, die wirklich nun durch alle übrigen Erfahrungen des Lebens bekräftigt werden kann, wenn man weiß: Die, welche du dir jetzt am allerunbewußtesten gewählt hast, die hast du dir in einem früheren Leben in einem Zeitpunkte deiner größten Bewußtheit gewählt, wo du am allerreifsten warst.
[ 19 ] Das mag manchem vielleicht heute unangenehm sein, aber wahr ist es doch. Denn man wird lernen, wenn man mit seinen Blutsverwandten nicht zufrieden ist, daß man eben zu dieser Unzufriedenheit selber den Grund gelegthat, daß man also für die nächste Inkarnation wird anders vorsorgen müssen; und dann wird schon die Idee von Reinkarnation und Karma fruchtbar werden für das Leben. Und das ist es ja, daß diese Ideen nicht für die Befriedigung irgendeiner Neugierde und so weiter, sondern für unsere Vervollkommnung und damit für die Vervollkommnung des ganzen Lebens gelten. Und weiter werden wir wissen, daß das, was gesagt worden ist, etwas Ähnliches für das gegenwärtige Leben und dessen Folgen nach sich zieht; daß diejenigen, mit denen wir in den Dreißigerjahren zusammengeführt werden, wo wir also mit unserem vollen Verstande zu urteilen glauben, durchaus so mit uns verbunden werden, daß sie in einem nächsten Leben uns gleich am Ausgangspunkte, vielleicht als Eltern oder Geschwister, entgegentreten werden. Wenn wir wissen, was davon abhängt, daß sich Familienkonfigurationen bilden, daß diese oder jene Leute zusammenkommen, so wird sich unser Verantwortlichkeitsgefühl unter den Ideen von Reinkarnation und Karma bedeutsam erweitern.
[ 20 ] Ich sagte, daß wir betonen können, daß diese Dinge sich als begreiflich im Leben erweisen. Müssen nicht die Kräfte, die eine Menschenindividualität herunterbringen in eine Familie, ganz bedeutende, starke sein? Stark können sie aber nicht sein in dem Menschen, der jetzt verkörpert wird; denn da können sie nicht viel zu tun haben mit den Welten, in die er herunterkommt. Muß es nicht begreiflich sein, daß die Kräfte, die im Tiefsten der Seele wirken, aus Zeiten stammen müssen des vergangenen Lebens, wo mit der starken Kraft der Freundschaft, der «bewußten Liebe», wenn man es so nennen darf, die Zusammenhänge von uns herbeigeführt wurden? Was als bewußte Kräfte in dem einen Leben gewaltet hat, das wirkt als unbewußte Kräfte in dem nächsten Leben; was auf mehr oder weniger unbewußte Art geschieht, das erklärt sich auf diese Weise.
[ 21 ] Allerdings ist es notwendig, daß man sich die Tatsachen der Forschung nicht trübt, weil diese Tatsachen der Forschung fast immer einen Strich durch die Spekulation machen, so daß man nur hinterher die Logik in den Tatsachen finden kann. Man soll sich nicht verleiten lassen, durch Spekulation vorgehen zu wollen; denn da wird man nicht zu dem richtigen Gesichtspunkt kommen, sondern immer zu etwas Ähnlichem, was sich charakterisieren läßt durch jenes Gespräch, das ich auch schon erzählte. In einer süddeutschen Stadt nämlich sagte mir einmal ein Theologe: Ich habe Ihre Schriften gelesen und habe gesehen, daß sie so logisch sind; daher habe ich mir gedacht, wenn sie so logisch sind, so kann ihr Verfasser vielleicht auch auf dem Wege der bloßen Logik dazu gekommen sein. — Wenn ich mich also bemühr hätte, weniger «logisch» zu schreiben, so würde ich mir damit ein Verdienst erworben haben in den Augen des betreffenden Theologen, weil er dann gesehen haben würde, daß die Darstellungen nicht durch bloße Logik gefunden worden sind. Wer aber auf die Schriften eingeht, der wird sehen, daß die logischen Formen ihnen nachher gegeben sind, daß sie aber nicht durch Logik gefunden worden sind. Ich wenigstens könnte es nicht, das versichere ich Ihnen. Vielleicht könnten es andere durch bloße Logik finden.
[ 22 ] Wenn wir die Dinge so ansehen, erweist es sich als eine tief bedeutsame Idee, daß die wichtigsten Impulse, die aus der Anthroposophie hervorgehen müssen, moralisch-gemüthafte Impulse sein müssen. Wir haben heute das Verantwortlichkeitsgefühl auf verschiedenen Gebieten hervorgehoben. Wir könnten ebenso Liebe, Mitleid verfolgen, die alle verschiedene Formen annehmen unter dem Einfluß der Ideen von Reinkarnation und Karma. Aus diesem Grunde war es auch, warum wir im Verlaufe der Jahre so sehr Wert darauf gelegt haben, selbst bis in die öffentlichen Vorträge hinein, Anthroposophie immer mit Bezug auf das Leben, mit Bezug auf die unmittelbarsten Erscheinungen des Lebens zu betrachten. So haben wir gesprochen über die Mission des Zornes, über das menschliche Gewissen, über das Gebet, über die Erziehung des Kindes, über die verschiedenen Lebensalter des Menschen — und haben alle diese Dinge in das Licht gerückt, in das sie gerückt werden müssen, wenn man die Ideen von Reinkarnation und Karma als die richtigen voraussetzt. Und da hat sich uns ergeben, wie umgestaltend diese Ideen von Reinkarnation und Karma in das Leben eingreifen. Das hat ja im Grunde genommen den Hauptteil unserer Betrachtungen ausgemacht, daß wir die fundamentalen Ideen in ihrer Wirkung für das Leben betrachtet haben. Wenn auch nicht immer, ich möchte sagen, mit abstrakten Worten aus Reinkarnation und Karma die Bedeutung hergeleitet wird, die zum Beispiel Gemütseigenschaften, oder das Gewissen, der Charakter, das Gebet erfahren, wenn das auch nicht immer so hergeleitet wird, daß man sagt: Wenn man Reinkarnation und Karma annimmt, dann ergibt sich — und so weiter, so standen doch alle unsere Betrachtungen unter dem Impuls von Reinkarnation und Karma. Und das wird das Bedeutsame sein für die nächste Gegenwart, daß nicht nur dieSeelenwissenschaft eine Beeinflussung erfahren wird durch die Ideen von Reinkarnation und Karma, sondern auch die anderen Wissenschaften. Wenn Sie einen solchen Vortrag verfolgen wie den letzten öffentlichen: «Der Tod bei Mensch, Tier und Pflanze», so werden Sie sehen, daß es sich darum handelte zu zeigen, wie die Menschen denken lernen werden über den Tod bei Pflanze, Tier und Mensch, wenn sie in sich selbst das sehen, was über das einzelne Leben des Menschen hinausgeht. Wir kamen auf die Bedeutung des Todes bei Mensch, Tier und Pflanze dadurch, daß wir uns klar wurden: Anders lebt das Selbst im Menschen, anders beim Tier und wieder anders bei den Pflanzen. Beim Menschen ist es ein individuelles Ich, bei den Tieren ist es die Gruppenseele, und bei den Pflanzen haben wir es mit einem Teil des ganzen Planetenseelensystems zu tun. Dadurch faßten wir bei den Pflanzen als ein bloßes Einschlafen und Aufwachen auf, was uns als Tod und Entstehen äußerlich entgegentritt. Bei den Tieren ist es wieder anders; da ist es ähnlich wie in uns selber, indem das Selbst in einer Inkarnation vorrückt, gewisse Instinkte und so weiter überwindet. Aber erst beim Menschen, der selbst seine Verkörperungen herbeiführt, waren wir uns klar, daß erst der Tod die Gewähr bietet für die Unsterblichkeit, und daß das Wort Tod in dieser Bedeutung nur beim Menschen so gebraucht werden dürfte, oder daß wir, wenn wir das Wort Tod allgemein gebrauchen, hervorheben müßten, wie der Mensch, wie das Tier und wie die Pflanze stirbt, und daß wir ein ganz neues Wort gebrauchen müßten bei Tier und Pflanze.
[ 23 ] Allesandere in der Anthroposophie ist ein solches, daß die Menschenseele fordert, etwas zu erfahren über diese oder jene Dinge; aber es macht sozusagen das «Andere» im Grunde genommen gar nicht den Anthroposophen aus. Zu gewissen Dingen kommt er schon, wenn es Zeit ist. Wenn er zunächst in der Lage ist, die Ideen von Reinkarnation und Karma in dem Sinne aufzunehmen, wie wir sie geben müssen im Unterschiede von älteren Ideen von Reinkarnation und Karma, wie zum Beispiel im Buddhismus, so kommt der Mensch im Verlaufe der Forschung ganz von selbst schon zu anderen Dingen. Daher war der Hauptteil unserer Arbeit dem gewidmet, den Einfluß von Reinkarnation und Karma auf das gesamte Menschenleben ins Auge zu fassen.
[ 24 ] In dieser Beziehung sollte es klar sein, daß die Arbeit innerhalb irgendwelcher anthroposophischer Vereinigung oder Gesellschaft im Sinne dieser Mission der Anthroposophie aufgefaßt werden müßte, Daher ist es begreiflich, daß wir im Grunde genommen über diejenigen Fragen, welche dem Außenstehenden, dem von der Anthroposophie als solcher weniger Berührten, vielleicht zunächst als die wichtigsten erscheinen, eigentlich nur reden, wenn wir eben von den Grundwahrheiten aufsteigen wollen zu denjenigen Dingen, die jeder Seele, weil sie eine abendländische Seele ist, am nächsten sind. Es wäre durchaus der Fall denkbar, daß man das Neue, was heute als das fundamental Neue charakterisiert worden ist, von der Anthroposophie aufnehmen würde und sich zunächst gar nicht kümmerte um irgendwelche religiösen Gegensätze der Menschen. Denn das ist gar nicht das Charakteristische dieser neuen Geisteswissenschaft, daß etwa vergleichende Religionswissenschaft getrieben würde; wenn das zwar heute auch getrieben wird, genug sogar. Aber gegenüber dem, was sonst heute da getan wird, ist das, was bei den 'Theosophen getrieben wird, gar nicht das Geistreichere. Das ist aber das Bedeutsame, daß in der Anthroposophie alle diese Dinge in das Licht gerückt werden, das von den Ideen von Reinkarnation und Karma ausgeht.
[ 25 ] Namentlich wird noch in einer anderen Beziehung das Verantwortlichkeitsgefühl unter dem Einfluß von Reinkarnation und Karma ganz beträchtlich wachsen. Wenn wir nur einmal auf das sehen, was heute gesagt worden ist über das Verhältnis von Blutsverwandten zu frei gewählten Menschen, so sehen wir schon, daß ein gewisser Gegensatz besteht: Was in einem Leben das Innerlichste, das Verborgenste an Impulsen ist, das ist in dem anderen das Offenbarste. Wenn wir unsere tiefsten Freundschaftsgefühle in der einen Inkarnation Menschen entgegenbringen, so bereiten wir dadurch wohl vor eine äußere Verwandtschaft, eine Blutsverwandtschaft oder dergleichen. Ähnlich ist es auf einem anderen Gebiete. Die Art, wie wir über irgend etwas denken, was uns als das Unwirklichste in dieser Inkarnation erscheint, das wird uns das Maßgebendste, das die eigentlichen Impulse für die nächste Inkarnation Bedingende sein. Die Art, wie wir denken, ob wir uns leichten Herzens einer Wahrheit hingeben, oder ob wir mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, prüfend uns an eine Wahrheit heranmachen, ob wir Wahrheitssinn oder Fanatismus haben, das tritt in ein ganz anderes Verhältnis zur menschlichen Entwickelung durch das Sich-Einleben in die Ideen von Reinkarnation und Karma, als es heute der Fall ist. Denn, was wir nur in unserem Innersten haben in der gegenwärtigen Inkarnation, das werden wir am offenbarsten haben in der nächsten. Und wer viel lügt oder Neigung hat, leichten Herzens dieses oder jenes anzunehmen, der wird ein leichtsinniger Mensch werden in der nächsten oder einer nächsten Inkarnation; denn, was wir denken, wie wir denken, wie wir uns zur Wahrheit stellen, was also in dieser Inkarnation innerlich ist, das wird das Maß des Verhaltens in unserer nächsten Inkarnation bilden. Wenn wir zum Beispiel, ohne daß wir sehr genau prüfen, in dieser Inkarnation einen Menschen für einen schlechten halten, während er sich, wenn wir ihn genau prüfen würden, vielleicht als ein guter oder höchstens als ein halbguter erweisen würde, wenn wir diesen Gedanken ungeprüft durch das Leben tragen, so wird sich herausstellen, daß wir, indem wir uns in dieser Weise Urteile bilden über Menschen, unverträgliche, zänkische, abscheuliche Menschen werden in der nächsten Inkarnation! Da haben wir wieder eine Erweiterung des moralisch-gemüthaften Elementes in unsere Seele.
[ 26 ] Das ist außerordentlich wichtig, daß wir solche Dinge recht sehr ins Auge fassen, und daß wir uns einmal mit dem Gedanken bekanntmachen, welche fundamentale Bedeutung es hat, in sein Innerstes, in sein ganzes Gemüt das aufzunehmen, was nun wirklich als Neues und alles andere dadurch in einer gewissen Weise Erneuernde in die geistige Entwickelung der Gegenwart mit den Ideen von Reinkarnation und Karma hereintritt. Daher ist es, daß wir darauf den Hauptwert legten in dem ganzen Verlauf unserer anthroposophischen Bewegung, und daß wir gewissermaßen andere Fragen, die gewiß mit Notwendigkeit sich aus diesen ergeben, auch nur in dieser Weise behandeln, wie das sich notwendig ergeben muß. Daher könnte zum Beispiel unsere Eigenart, unsere ganze Art und Weise, wie Anthroposophie in unserer Mitte getrieben wird, wenn die Dinge in Wahrheit dargestellt werden, wie wir es machen, niemals als im Gegensatze zu einer Bewegung aufgefaßt werden, welche Reinkarnation und Karma in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt. Der Gegensatz zu uns muß immer von außen konstruiert werden; es ist unmöglich, daß er sich ergeben kann, wenn man die Dinge, die in unserer Mitte geschehen, wirklich richtig darstellt. Wir brauchen nur das eine Moment ins Auge zu fassen: Wie wenig wird eigentlich über die Christus-Frage in unserer Mitte gesprochen! Da darf niemand das, was gesagt wird, deshalb vergrößern, weil er es für sein Herz als besonders wichtig empfindet, sondern er muß es objektiv betrachten; so daß niemand einen Grund hat, weil dieses oder jenes als notwendige Folge für das gereifte Begreifen von Reinkarnation und Karma sich ergibt, zu sagen, daß wir viel über die ChristusFrage sprechen. Denn das ist nicht das Fundamentale, was den Anthroposophen in der Gegenwart ausmacht, sondern das ist es, was neu in die Welt hereintritt, und daß das, was neu hereintritt, wirklich von der Menschheit aufgenommen wird. So also müßten wir dies verstehen, daß es eigentlich nur durch eine unrichtige, oder unter der Voraussetzung einer unrichtigen Darstellung der Art und Weise, wie wir die Dinge hier treiben, möglich wäre, einen Gegensatz zu konstruieren; denn der muß immer von außen zu uns konstruiert werden. Man kann Gegner sein von uns, aber wir brauchen nicht irgendeine Gegnerschaft zu konstruieren; denn das Sich-nicht-Kümmern um etwas, bedeutet nicht eine Gegnerschaft, sonst müßte man ein Gegner sein von allem, worum man sich nicht kümmert!
[ 27 ] Das wollte ich Ihnen besonders an die Seele legen: daß wir nachdenken, was das Fundamentale, was das Neue an der Anthroposophie eigentlich ausmacht. Selbstverständlich soll damit nicht gesagt sein: Eine anthroposophische Gesellschaft ist die, welche an Reinkarnation und Karma glaubt. Sondern es soll damit gesagt sein: So wie einmal eine Zeit reif geworden ist, um die kopernikanische Weltanschauung aufzunehmen, so ist unsere Zeit reif geworden, die Lehre von Reinkarnation und Karma zum allgemeinen Bewußtsein der Menschheit zu bringen. Und was geschehen soll im Verlaufe der Menschheitsentwickelung, das wird geschehen, wie viele Mächte sich auch dagegen erheben. Und mit Reinkarnation und Karma, mit dem wirklichen Begreifen von Reinkarnation und Karma werden sich alle anderen Dinge von selbst ergeben. Die anderen Dinge ergeben sich durch das Licht, das von Reinkarnation und Karma ausstrahlt.
[ 28 ] Es war gewiß einmal ganz nützlich, betrachtet zu haben, was eigentlich das fundamental Unterscheidende ist zwischen denjenigen, die sich an der Anthroposophie interessiert fühlen, und denjenigen, die ihre Gegnerschaft gegen sie entwickeln. Das Annehmen einer höheren Welt als solches ist es eigentlich nicht; sondern das ist es, was die Vorstellungen an Höherem erfahren durch die Voraussetzung der Ideen von Reinkarnation und Karma. Damit haben wir heute etwas angegeben, was als das Wesentliche der anthroposophischen Weltanschauung angesehen werden kann.
