Der Mensch im Lichte von
Okkultismus, Theosophie und Philosophie
GA 137
11 Juni 1912, Oslo
Neunter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gestern gesprochen von der Begegnung des okkultistischen Aspiranten mit Luzifer und mit dem Tode, und wir haben darauf hingewiesen, daß bleiben muß, wenn die Situation in der entsprechenden Weise eintreten soll, aus dem gewöhnlichen Erdenleben die Erinnerung an das Ich oder an den Ich-Gedanken. Wir haben auch gesehen, daß dem gegenwärtigen Menschen Hilfen zur Verfügung stehen dadurch, daß er empfangen kann innerhalb der Erdenwelt den Christus-Impuls. Und wir haben die Eigentümlichkeit dieses ChristusImpulses betrachtet, haben gesehen, daß sich dasjenige Wesen, das wir das Christus-Wesen nennen, dadurch unterscheidet von den anderen Religionsstiftern, daß wir eigentlich nicht von dem Christus sprechen können als von einer Persönlichkeit, die auf der Erde initiiert worden ist, sondern daß die Christus-Wesenheit während der drei Jahre ihres Verweilens auf der Erde alle diejenigen Kräfte, von denen sie Gebrauch macht, bereits hat und mitbringt. Indem also die Christus-Wesenheit Mensch ward, ist sie zu dem großen Opfer — für die ChristusWesenheit war das ein großes Opfer — bereit gewesen, innerhalb eines menschlichen Leibes nur von den spezifisch menschlichen Kräften Gebrauch zu machen und ihren ganzen Zusammenhang mit dem Göttlichen durch spezifisch menschliche Kräfte zum Ausdruck zu bringen.
[ 2 ] Sehen Sie, darauf beruht das ganz Außergewöhnliche der ChristusErscheinung. Versuchen Sie mit den gewöhnlichen menschlichen Seelenkräften irgendeinen anderen Religionsstifter zu verstehen, ich sage nicht, an ihn zu glauben, sondern ihn zu verstehen: Da ist es immer notwendig, daß Sie erst verstehen lernen die Stufe seiner Initiation, denn Sie müssen sich erheben zu einem Verständnisse von dem oder jenem, was aus einer höheren Welt hineinstrahlt in die betreffende menschliche Persönlichkeit. Und dieses müssen Sie bei dem Buddha und bei allen anderen Religionsstiftern tun. Bei dem Buddha müssen Sie anknüpfen an seine Erleuchtung unter dem Bodhibaum und sich in einer gewissen Weise ein Verständnis dafür erwerben, daß im neunundzwanzigsten Jahre eines Menschen etwas inspirierend in sein Leben hereinfallen kann, wie es der Buddha unter dem Bodhibaume erlebt hat. Aber wenn Sie sich zu diesem Verständnisse aufschwingen, dann werden Sie, wenn Sie ein wenig nachdenken, auch das verstehen, was noch hinzuzufügen ist, so sonderbar es auch erscheint: Nicht nur die großen Religionsstifter müssen verstanden werden durch eine Art Bekanntschaft mit den Initiationsmethoden und so weiter, sondern selbst die Evangelisten und Paulus.
[ 3 ] Wenn Sie die Evangelisten verstehen wollen, die ihre Schriften aus Eingebungen heraus geschrieben haben, dann müssen Sie sich erst zu einem Verständnisse aufschwingen, müssen erst erfahren, wie solche Individualitäten, die sich unter den Namen Matthäus, Markus oder Johannes verbergen, zu den betreffenden Dingen, die in den Evangelien stehen, haben kommen können. Daher versuchten wir durch Untersuchung der Evangelien einen Begriff davon zu erlangen — was längst verloren war —, daß die Evangelisten die Wahrheit gesprochen haben. Aber wer den Christus verstehen will, der braucht das alles nicht. Den Christus verstehen kann jeder Mensch mit dem allergewöhnlichsten menschlichen Verständnis. Es gibt keinen Grad von Bildung, der so gering sein könnte, daß man mit ihm nicht den Christus verstehen könnte. Das ist eben deshalb, weil der Christus hereingebracht hat in die rein menschlichen Kräfte, in alles, was durch menschliche Kraft wirkt, dasjenige, was er war, während die Mitteilungen der anderen Religionsstifter auf demjenigen beruhen, was diese in den höheren Welten gesehen haben. Daher darf, wenn das Wort nicht trivial verstanden wird, wirklich gesagt werden: Der Christus ist ein Religionsstifter für den einfältigsten Menschen, für ein jegliches Verständnis.
[ 4 ] Man kann die Beziehung des Christus zu den höheren Welten natürlich erst durch die Initiation kennenlernen. Aber die braucht man ja auch erst, wenn man in die Initiation eintritt. Ich habe Ihnen gestern begreiflich zu machen versucht, welchen immensen Dienst der Christus den okkultistischen Aspiranten leistet. Er gibt ihnen die Mittel, sich an ihr Ich zu erinnern, wenn sie in den höheren Welten sind. Ohne den Christus-Impuls kann man das in gewisser Weise gar nicht, so daß der Christus eine Hilfe wird bei den modernen Initiationen, und er wird ein immer größerer und größerer Helfer für die okkultistischen Aspiranten. Bei fortschreitender Weisheit wird man es schon gewahr, wie sehr man ihn braucht. Der Christus ist auf der einen Seite für die Einfältigsten da, und er ist auf der anderen Seite auch noch da für diejenigen, welche Weisheit und Weisheit und immer weiter Weisheit benötigen. Das ist seine Wesenheit. Das rührt von den Eigenschaften her, von denen wir gestern versuchten zu sprechen. Deshalb wird es selbstverständlich, gerade je weiter die Entwickelung der Erde geht, immer mehr und mehr Verständnis für den Christus geben. Immer weiter wird dieses Verständnis gehen. Es wird immer mehr Leute geben, welche erkennen werden, daß es zwar vollberechtigt ist zu sagen, der Christus ist da für jeden, auch für das einfältigste Gemüt, und jeder kann ihn finden; daß aber der Christus auch da ist für diejenigen, welche die Weisheit suchen müssen, weil sie die Verpflichtung dazu fühlen.
[ 5 ] Nun werden wir eine kurze Weile diese Gedanken verlassen und uns wiederum zu der Betrachtung jener Begegnung wenden, von der gestern gesprochen worden ist. Da müssen wir sagen: Zuerst also begegnet der Mensch Luzifer. Luzifer, so haben wir gesehen, zeigt uns, was wir eigentlich von Inkarnation zu Inkarnation in der Erdenentwickelung geworden sind, und wir haben uns gestern schon vor die Seele geführt, daß uns Luzifer eine recht häßliche Gestalt zeigt. Man lernt eben erkennen durch Luzifer, was man durch ihn während der Erdenentwickelung geworden ist.
[ 6 ] Nun handelt es sich darum, daß man dieses in der richtigen Weise erkennen lernt, daß man als okkultistischer Aspirant nicht dabei stehenbleibt, daß einen Luzifer darauf hinweist, was wir da durch die Götter errungen haben, indem er sagt: Das ist deine vor dir liegende zerbrechliche Gestalt. Dasjenige, was du durch mich errungen hast, ist die Unsterblichkeit. — Aber die erweist sich dann als Häßlichkeit. Zuerst ist es so, daß man eine Ahnung bekommt davon, wenn man diesen gerade hier gemeinten Initiationsweg betrachtet, daß einem der Christus nicht nur bei dem helfen kann, wovon gestern gesprochen worden ist, sondern auch helfen kann bei der Umänderung der Gestalt. Dazu bedarf es aber auch des Entschlusses, diesem Christus-Impulse treu zu bleiben, ihn nicht mehr zu verlieren und sich zu bestreben, immer mehr und mehr Verständnis zu gewinnen für den Christus-Impuls. Daher gibt es kein Mittel, gerade bei den Bekennern der neueren Mysterien, wodurch sie von diesem Christus-Impulse wieder abgebracht werden könnten.
[ 7 ] Nun aber haben wir uns daran zu erinnern, daß wir von dem dreifachen Menschen, den wir betrachtet haben, gewissermaßen zuordnen mußten den oberen Menschen zum Teil der ganzen Sternenwelt. Aber wir haben dann gesagt, daß diejenige Gestalt, die das Alte Testament kennt unter dem Namen Jahve oder Jehova, dem oberen Menschen wie eine Art von Abschlagszahlung für das, was der Mensch auf dieser Erde verloren hat, dasjenige gibt, was wir zuordnen können dem Monde; so daß wir, wenn wir uns an das Durchgenommene erinnern, sagen können: Der obere Mensch ist in gewisser Beziehung dem Monde zugeordnet. Zugeordnet ist in gewisser Beziehung der mittlere Mensch, der Brustmensch, der Mensch, der das Herz in sich trägt, wie wir gesehen haben, der Sonne. So daß wir uns eine Vorstellung bilden können von dem, was in den okkulten Schulen und Mysterien immer verstanden worden ist unter dem Zuordnen des mittleren Menschen, des Menschen, der das Herz trägt, zur Sonne, und des Menschen, der den Kopf trägt, entweder zum ganzen Sternenhimmel oder vorzugsweise zum Monde.
[ 8 ] Nun hat aber auch Luzifer an dem Menschen gewirkt. So wie wir die Sonnenwirkung in unserem mittleren Menschen tragen, so wie wir tragen in unserem Kopfmenschen die Wirkung des Mondes, wie ich sie Ihnen schilderte für das alte Hellsehen, so tragen wir in uns zunächst auch die Wirkungen eines anderen Sternes, wenn Sie sich die Kräfte, die von diesem Stern ausgehen, in der entsprechenden Weise denken.
[ 9 ] Sie werden sich leicht vorstellen können, daß diese Wirkung anders gestaltet sein muß als die Sonnen- und Mondwirkung. Die Mondwirkungen waren in alten Zeiten noch so, daß wirklich das menschliche Hellsehen in einer achtundzwanzigtägigen Mondperiode verlaufen ist, daß der Mensch in achtundzwanzig Tagen sich einmal in mehr, einmal in weniger hellseherischem Zustande fühlte. Das hat also in den Menschen hineingespielt, so daß es von ihm unmittelbar wahrgenommen werden konnte. Die Sonnenwirkungen sind ja auf der Hand liegend; um einzusehen, daß der ganze mittlere Mensch von der Sonne abhängt, dazu braucht man nicht viel Worte zu verlieren. Das im letzten Vortrag Gesagte dürfte genügen. Die Einwirkung des dritten, welches dasselbe Gebiet darstellt, das uns in der Initiation als Luzifer erscheint, ist so, daß es schon auf geistige Art wirkt. Da kann von einer so handgreiflichen Wirkung nicht die Rede sein. Deshalb kann von den Einwirkungen des Mondes schon manches geleugnet werden; die Einwirkungen der Sonne leugnet niemand. Aber es gibt doch schon Menschen in der Gegenwart, die von einer Einwirkung des Mondes auf die menschliche Natur sprechen. Die Einwirkungen der übrigen Sterne lehnt natürlich der Materialismus ab. Er muß sie ablehnen, weil sie eben geistig sind und weil der Materialismus die Wirkung geistiger Kräfte nicht zugibt. Aber geradeso wie die Dinge, die ich Ihnen geschildert habe, am oberen Menschen mit dem Monde, am mittleren Menschen mit der Sonne zusammenhängen, so hängen mit der Gestalt, die uns entgegentritt, wenn wir die Schwelle der Initiation überschreiten, die Einwirkungen der Venus zusammen, und ich bemerke gleich, daß es sich dabei handelt um das Gestirn, das die Astronomen heute Venus nennen. Die Venus ist also das Reich des Luzifer. Zunächst liegt die Sache so, daß wir genau erfahren durch die Initiation, daß der untere Mensch, der Mensch, den wir als den dritten siebengliedrigen Menschen bezeichnet haben, dasjenige Gebiet von der ganzen menschlichen Natur ist, das durch die oberen Götter dem Reiche des Luzifer zugeteilt ist. Nun aber hat Luzifer auf eine Weise, von der wir noch sprechen werden, sich des ganzen Menschen bemächtigt, geradeso wie Jahve oder Jehova sich des ganzen Menschen bemächtigt hat. Und wenn Sie die vollständige Wirkung des Jahve oder Jehova ins Auge fassen wollen, dann müssen Sie sich sagen: In den Menschen, den Sie jetzt gemäß unseren früheren Vorträgen als den Kopfmenschen kennen werden, wirkt hinein jene Jehovakraft, welche dem Neumonde entspricht, also dem lichtlosen Monde, der das physische Sonnenlicht nicht zur Erde zurückstrahlt. Das physische Sonnenlicht dagegen, das zurückgestrahlt wird vom Monde, haben Sie sich so zu denken, daß es die Einwirkung der Jahve- oder Jehovakräfte auf den Menschen ist, welche von dem Monde aus auf den unteren Menschen, auf den dritten Menschen, stattfindet. — So daß wir also sagen müssen: Wenn wir in der Mitte lassen den Brustmenschen, so haben wir auf den unteren Menschen wirkend die Jehovakräfte, die dem Vollmonde entsprechen; auf den mittleren oder Brustmenschen wirkt nun die Sonnenkraft, das wissen wir, aber auch die Mondenkräfte. Die Jahve- oder Jehovakräfte haben sich also des gesamten Menschen bemächtigt. Sie wirken in abwechselnden Perioden auf den Kopfmenschen und auf den unteren Menschen, wobei die Wirkung auf den Kopfmenschen dem Neumonde, die Wirkung auf den unteren Menschen dem Vollmonde entspricht.
[ 10 ] Ich glaube nicht, daß irgendein Mensch das, was ich jetzt gesagt habe, bezweifeln wird, wenn er sich ein Verständnis dafür verschafft, warum gerade im alten hebräischen Bekenntnisse, im alten hebräischen Ritus, dem Neumonde als Festlichkeit eine solche Bedeutung zugeschrieben worden ist. Wenn Sie sich die Neumondsfeste ansehen und sehen, welche Empfindungen in dem Alten Testamente dem Neumondsfeste entsprochen haben, dann werden Sie sich ein vernünftiges Verständnis für das, was jetzt gesagt wurde, verschaffen können. Die mittleren Phasen des Mondes entsprechen sich so, daß darin auf den ganzen Brustmenschen der zunehmende und der abnehmende Mond wirkt. Wenn Sie sich nun dazu noch vorstellen, daß, geradeso wie der Mond auf den gesamten dreigliedrigen Menschen wirkt, das heißt sein Geist Jahve oder Jehova, auch die Sonne auf den gesamten Menschen wirkt, aber hauptsächlich auf den mittleren, und daß von da ihre Wirkungen ausstrahlen auf den gesamten Menschen, dann haben Sie zwei kosmische Kräfte, welche in gesetzmäßiger Weise im Menschen wirksam sind.
[ 11 ] Von Luzifer erfahren wir, daß sein Reich die Venus ist, und daß diejenigen Kräfte, welche ihren symbolisch-physischen Ausdruck dadurch finden, daß sie als das Licht der Venus, des Morgen- und Abendsternes zu uns kommen, daß diese physischen Strahlen der Venus, die in den Weltenraum hineingeschickt werden, die symbolisch-physische Einwirkung des Luzifer auf den Menschen sind. Es hat sich Luzifer nicht darauf beschränkt, auf den unteren Menschen zu wirken. Da würde er nur wirken, wenn die Venus mit ihrer vollen Scheibe strahlt, wie beim Vollmonde. Sie wissen, daß die Venus gerade solche Phasen hat wie der Mond, daß es also eine zunehmende, eine volle und eine abnehmende Venus gibt. Die Viertel wirken wieder ebenso wie die Viertel des Mondes auf den Brustmenschen. Die Venus, die geistig wirkt, wirkt aber auf den Kopfmenschen, so daß ein Ausdruck für das, was in bezug auf den Menschen geistige Wirkungen sind, in dem Zusammenwirken von Sonne, Mond und Venus am Himmel gesehen werden kann. Wohlgemerkt, ein Ausdruck für das, was im Menschengeist ist.
[ 12 ] Wie nun im Menschen der große Sonnengeist wirkt im Verhältnis zum Mondengeist, im Verhältnis zu Jahve oder Jehova, so wirkt auch Luzifer, der immer in der menschlichen Natur mit wirksam ist, im Verhältnis zu diesen beiden. Wenn man dieses Gesetz des Zusammenwirkens graphisch darstellen und eine Zeichnung davon geben wollte, so könnte man es am besten tun, wenn man es in den Konstellationen der physischen Sonne, des physischen Mondes und der Venus suchte. Wie diese zueinander stehen, wie diese ein Verhältnis haben können, daß der eine dem anderen Opposition macht, ihn abstößt, daß der eine den anderen verstärkt oder daß er ihn schwächt, dadurch, daß er sich über ihn stellt und ihn verfinstert, so ist auch das Verhältnis der drei geistigen Gewalten, die charakterisiert worden sind, im Menschen. Der Mensch kann seine Sonnenwirkung besonders entfalten, wenn sie weder durch die Monden- noch durch die Venuskräfte beeinträchtigt wird. Es kann aber auch sozusagen seine Sonne, die Kräfte, die im mittleren Menschen, im Herzen sind, durch den Mond, durch die Kopfkräfte verfinstert werden, wie auch Verfinsterungen eintreten können durch Luzifer, durch die Venus. Wie Sie auch wissen, gibt es das, was man Durchgänge, Vorübergänge der Venus vor der Sonne im Weltenraum nennt.
[ 13 ] So haben Sie das Zusammenhängende der inneren Dreiheit des Menschen, sozusagen den Sonnengeist, den Mondengeist und den Venusgeist oder Luzifer symbolisiert im Weltenraum und ausgedrückt durch die Konstellation von Sonne, Mond und Venus. Es wird Ihnen jetzt leicht begreiflich erscheinen, da wir die gesamte menschliche Gestalt auch so geteilt haben, daß wir die Teile der menschlichen Gestalt gewissen Zeichen, Fixsternen des Tierkreises zugewiesen haben, daß wiederum eine Beziehung bestehen kann zwischen diesen drei Sternen im Menschen, das heißt den drei geistigen Gewalten im Menschen und den einzelnen Gliedern der menschlichen Gestalt. Da würde eine besonders bezeichnende Art dieser Beziehung beim Menschen zum Beispiel sein, wenn sein Herz in dem mittleren Menschen, das heißt die Gewalten des Herzens, des Sonnengeistes in dem mittleren Menschen, am stärksten wirken. In den mittleren Menschen haben wir hineingeschrieben das Zeichen des Löwen; so daß wir sagen können: Wenn die Sonne jetzt so wirkt, daß sie ihre Kräfte besonders auf dasjenige Glied der menschlichen Gestalt ausüben kann, wozu wir symbolisch das Zeichen des Löwen schrieben, dann ist eine bemerkenswerte Konstellation im Menschen vorhanden. Ebenso ist eine bemerkenswerte Konstellation vorhanden, wenn besonders stark entfaltet sind Jahveoder Jehovakräfte in ihrem Geistigen, sagen wir im Zeichen des Widder, welches die Aufrechtstellung bedeutet, oder des Stieres, welches das Nach-vorn-Gerichtetsein zur Sprechbewegung angibt. Das sind diejenigen Teile der menschlichen Gestalt, welche in besonderem Maße ein ursprüngliches Verhältnis zur Mondenkraft haben müssen. Wenn sie sich dort am stärksten entfalten, so ist dies eine besonders günstige Konstellation für den Menschen.
[ 14 ] Jetzt werden Sie auch merken, worauf eigentlich das Prinzip, das Wesen der Astrologie beruht. Ich bemerke dies, nicht weil ich vorhabe, über Astrologie ausführlich zu sprechen, dazu würde die Zeit nicht reichen, sondern um zu zeigen, worin das Wesen derselben besteht. Das kann in wenigen Worten klargemacht werden. Sie sehen, der Mensch ist, wie er dasteht vor uns mit seiner dreimal siebengliedrigen Gestalt, schon zugeordnet den geistigen Mächten, welche den kosmischen Reichen entsprechen. Denn geradeso wie dem Sonnengeist die im Menschen wirkenden Kräfte des Sonnengeistes entsprechen, wie dem Kopfmenschen entsprechen die Kräfte des Mondes und wie dem dritten Menschen entsprechen die Kräfte, die über den ganzen Menschen ausgeteilt werden, so entsprechen die Glieder der menschlichen Gestalt eben Fixsternen, deren Zeichen ich Ihnen zu den Gliedern der menschlichen Gestalt hinzugeschrieben habe. So ist der Mensch fertig in seiner physischen Gestalt. Das, was von diesen Mächten nun kommt, die aus diesen Richtungen, aus diesen Gebieten hereinwirken, das hat nicht bloß damals gewirkt, als die menschliche Gestalt sich gebildet hat, sondern wirkte fort durch die Zeiten hindurch und wirkt auch jetzt noch; wirkt so, daß in einer gewissen Weise dasjenige, was der Mensch heute als sein äußeres Schicksal erfährt, in Zusammenhang gebracht werden kann mit den Konstellationen der Sterne, ebenso wie wir mit den Konstellationen der Sterne in Zusammenhang bringen müssen das, was der Mensch schon geworden ist. War es für den Menschen in bezug auf seine Organisation günstig, daß gewissermaßen seine Sonnenkräfte zusammenwirkten mit den Teilen seiner Gestalt, zu denen wir das Zeichen des Löwen schreiben konnten, so wird es auch heute für gewisse Eigenschaften des Menschen günstig sein, wenn wichtige Augenblicke seines Lebens, vor allen Dingen der wichtige Augenblick der Geburt, so fällt, daß die Sonne im Zeichen des Löwen steht, das heißt, den Löwen bedeckt, so daß diese beiden Kräfte sich gegenseitig verstärken oder überhaupt beeinflussen.
[ 15 ] Wie in den Himmelsraum durch die Sternenkonstellation hineingeschrieben ist das, was der Mensch heute ist, so ist nun auch hineingeschrieben das, was weiter mit ihm vorgehen wird. Darauf beruht die richtige Astrologie. Sie werden gleich aus dem, was wir jetzt betrachten werden, sehen, daß Sie im Grunde genommen nur den Okkultismus wirklich zu kennen brauchen, um das Prinzip der Astrologie zu haben, denn wir wollen jetzt schreiten zur Charakteristik der zweiten Initiationsstufe.
[ 16 ] Wir haben charakterisiert, daß es wichtig ist für den okkultistischen Aspiranten zur Erlangung der ersten Initiationsstufe, der Begegnung mit dem Luzifer und mit dem Tode, auszugehen von der menschlichen Gestalt, von dem, was der Mensch für den physischen Anblick zunächst ist. Für die nächste Stufe ist etwas anderes wichtig. Da ist es wichtig, auszugehen von der inneren Bewegung des Menschen. Wohlgemerkt:
Erste Stufe: Ausgang von der menschlichen Gestalt.
ZweiteStufe: Ausgang am besten von der inneren Bewegung des Menschen.
Nun wollen wir einmal diese innere Bewegung des Menschen uns vor die Seele führen, so wie wir uns die Gestalt des Menschen vor die Seele geführt haben.
[ 17 ] Da haben wir zunächst eine Bewegung, die der Mensch im späteren Leben allerdings wenig mehr ausführt, die aber einmal mit allen Kräften von ihm ausgeführt werden mußte, denn sonst wäre er ein Vierfüßler geblieben, hätte sein ganzes Leben hindurch kriechen müssen. Diejenige Bewegung muß der Mensch ausführen, die ihn von einem kriechenden Kinde zu einem aufrechtgehenden Wesen macht. Der Mensch ist nicht nur seiner Gestalt nach ein aufgerichtetes Wesen; er ist ein Wesen, das sich während des Lebens selber aufrichtet, so daß die erste wichtige innere Bewegung — denn eine innere Bewegung ist das —, die der Mensch ausführt, die Bewegung des Sich-Aufrichtens ist. Also die Aufrichtbewegung ist das erste, was wir ins Auge fassen müssen.
[ 18 ] Die zweite Bewegung innerer Art ist wiederum eine solche, die der Mensch im späteren Leben zwar noch immerzu gebraucht, die er aber sich doch erst als Kind aneignen muß. Es ist die Sprechbewegung, jene Bewegung des inneren Lebens, die ausgeführt werden muß, damit das Wort zustande kommt. Sie müssen sich vorstellen, daß eine Summe innerer Bewegungen notwendig ist, damit das Wort zum Ausdruck gebracht werden kann. Vorher muß der Mensch allerdings noch eine andere Bewegung lernen, die sich mehr verbirgt. Eigentlich lernt er beide Bewegungen gewissermaßen zusammen; im Grunde genommen oftmals die Sprechbewegung früher als die andere Bewegung. Darüber können Sie Genaueres finden in meinem Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Jedenfalls aber sind die zwei Bewegungen vorhanden, die der Mensch lernt und die er ausführen muß als innere Bewegungen sein ganzes Leben hindurch. Der Sprechbewegung ist sich der Mensch sogar bewußt. Das weiß jeder Mensch. Daß aber auch, wenn man denkt, fortwährend eine feine Bewegung im Hirn stattfindet, weiß nicht jeder. Um darauf zu kommen, gehört eine feinere Beobachtung. Nicht soll Materialismus hier gepredigt werden, wenn ich von «Bewegung» spreche. Die Bewegung im Hirn ist nämlich schon vorhanden, nur ist sie Wirkung und nicht Ursache. Wir haben es also zu tun mit der Denkbewegung und mit der Sprechbewegung als inneren Bewegungen.
[ 19 ] Wenn Sie die Bewegungen weiter verfolgen, so entdecken Sie als die nächste wichtige Bewegung, welche notwendig ist, damit das innere Leibesleben stattfinden kann, diejenige Bewegung, die wir nennen können die Blutsbewegung. Sie gehört zu denjenigen Bewegungen, die notwendig stattfinden müssen, damit der Mensch überhaupt Mensch sein kann. Die Reihenfolge ist bei dieser Bewegung scheinbar etwas willkürlich. Das macht aber nichts.
[ 20 ] Die fünfte Bewegung, die da sein muß, damit die Blutsbewegung überhaupt da sein kann, ist die Atmungsbewegung. Das ist eine für sich bestehende, besondere Bewegung. Sie ist verschieden von der Blutsbewegung, und nicht dasselbe. Ich sage, die Reihenfolge dieser Dinge ist etwas willkürlich, da man sowohl die Denkbewegung und die Sprechbewegung vertauschen kann, indem man die eine an die zweite, die andere an die dritte Stelle stellt — darauf kommt es aber nicht an. Man kann auch zuerst die Atmungsbewegung angeben und dann die Blutsbewegung; wenn man mehr auf die Lungen sieht, muß man das sogar. Wenn man aber mehr auf den Ursprung der Bewegungen sieht, so muß man die gewählte Reihenfolge nehmen, weil, insbesondere beim Mann, der eigentliche zentrale Ursprung der Atmungsbewegung im Zwerchfell liegt, das unterhalb des Herzens ist. Wenn man also eine Reihenfolge in bezug auf den Ursprung nehmen will, muß man diese Reihenfolge wählen.
[ 21 ] Die sechste Bewegung — ich rede also immer von inneren Bewegungen des Leibes, die stattfinden müssen — ist diejenige, welche bestimmte Organe ausführen müssen und die man — um einen gemeinsamen Ausdruck zu haben — Drüsenbewegung oder auch Gefäßbewegung nennen könnte. Die Gefäße des Menschen müssen in fortwährender Tätigkeit, in fortwährender innerer Beweglichkeit sein, damit der Mensch als Lebewesen unterhalten werden kann. Aus gewissen Gründen, die auseinanderzusetzen zu weit führen würde, möchte ich aber einfach geradezu «Drüsenbewegung» sagen.
[ 22 ] Eine siebente Bewegung ist die, welche sich ergibt, wenn in dem Menschenleibe nicht bloß einzelne Gefäße oder Drüsen sich bewegen, um etwas abzusondern, was der einzelne Mensch in sich braucht, sondern welche der Menschenleib, wohlgemerkt als Leib, vollziehen muß, wenn von der Natur die Veranstaltung gemacht wird, einen neuen Menschen zu gebären. Da haben wir es mit einer Totalität der Leibesbewegungen zu tun. Während man es in der übrigen Gefäßbewegung nur zu tun hat mit der Bewegung eines Teiles, hat man es bei der Reproduktionsbewegung mit der Absonderung des ganzen Menschen in irgendeiner Art zu tun. Ob es der weibliche oder der männliche Leib ist, das ist gleich. Wir haben es immer zu tun mit der Absonderung des ganzen Menschen. Wir nennen also diese Bewegung die «Reproduktionsbewegung».
[ 23 ] Andere innere Bewegungen, wenn Sie die angeführten sieben Bewegungsarten richtig verstehen, gibt es nicht. Die anderen sind äußere Bewegungen. Wenn der Mensch zum Beispiel seine Füße und seine Hände bewegt, so sind das äußere Bewegungen. Das aber, was in dem Menschen ist an inneren Bewegungen, hat der Mensch sich schon mitgebracht, wenn die Erde es auch vielfach verändert hat. Und geradeso wie die gesamte Gestalt des Menschen bezogen werden muß auf die Sternbilder des Tierkreises und deshalb den einzelnen Teilen der menschlichen Gestalt die Zeichen der Tierkreisbilder beigefügt werden, so sind diese einzelnen Bewegungen aus dem gesamten Planetensystem heraus gebildet.
[ 24 ] Aus unserem Planetensystem heraus haben wir also abzuleiten diese sieben Glieder des inneren beweglichen Menschen; und man bezeichnet, weil die Verhältnisse dieser Bewegungen zueinander im Menschen den Verhältnissen der Planeten unseres Planetensystems entsprechen, diese einzelnen Bewegungen auch mit den Zeichen, die für die Planeten gesetzt werden:
die Aufrechtbewegung ♄
die Denkbewegung ♃
die Sprechbewegung ♂
die Blutsbewegung ○
die Atembewegung ☿
die Drüsenbewegung ♀
die Reproduktionsbewegung ☾
[ 25 ] In bezug auf die Blutsbewegung berührt sich die Bewegung mit dem, was wir früher kennengelernt haben als den eigentlichen Mittelpunkt der zum mittleren Menschen gehörigen Organe, der insbesondere die Angriffsfläche für den Sonnengeist bildet. Daher muß man mit dem, was die wichtigste Kraft des mittleren Menschen ist, auch in Beziehung setzen die Blutsbewegung, die in diesem mittleren Menschen ihren Mittelpunkt hat, so daß man die Blutsbewegung zu bezeichnen hat mit dem Zeichen der Sonne. Hier handelt es sich um die Kraft des Sonnengeistes insbesondere insofern, als sie bewegend ist. Als Fixstern, könnten wir sagen, wirkt die Sonne auf den ganzen mittleren Menschen; auf die Bewegungen, die hauptsächlich vom mittleren Menschen abhängen, auf die Blutsbewegung, wirkt aber die Sonne wie ein anderer der genannten Planeten. Wenn ich die Zeichen gebrauche, welcher sich die heutigen Astronomen auch noch bedienen — ich gebrauche in diesem Falle also nicht die alte Terminologie, die von Kepler umgestellt worden ist, sondern die Benennungen, wie sie in der heutigen Astronomie üblich sind —, so kann benannt werden die Atmungsbewegung mit Merkur ☿, die Drüsenbewegung mit Venus ♀, die Reproduktionsbewegung mit Mond ☾. Die Reproduktionsbewegung, lokalisiert im unteren Menschen, ist wieder etwas, was sozusagen zusammentrifft mit dem Einflusse des Mondengeistes, der hier eingreift in den unteren Menschen und die innere Beweglichkeit des Menschen berührt.
[ 26 ] So haben wir einen dreimal siebengliedrigen Menschen in der menschlichen Gestalt, und auch einen siebengliedrigen Menschen in dem Zusammenhang der inneren Bewegungen des Menschen. Wenn nun der okkultistische Aspirant sich bemüht, in sich zu unterscheiden diese innere Beweglichkeit, dann kann er den nächsten Schritt machen in dem, wovon ich Ihnen schon gesprochen habe.
[ 27 ] Sehen Sie, da haben Sie es schon nicht so leicht wie früher, denn die äußere Gestalt steht sozusagen vor dem menschlichen Auge, nicht aber die innerliche Beweglichkeit. Man muß sich schon ein wenig bemühen, die innere Beweglichkeit zu fühlen. Man muß unterscheiden lernen, und man muß lernen, die Aufrechtbewegung innerlich zu fühlen, die Denkbewegung zu fühlen, zu fühlen die Sprechbewegung — was am leichtesten ist —, zu fühlen die Blutsbewegung, zu fühlen — was wieder nicht schwer ist — die Atmungsbewegung; zu fühlen endlich das, wovon man gewöhnlich nur das Resultat fühlt, nämlich ob man sich hinlegt oder aufrechtsteht, und zu fühlen die Absonderungsbewegung.
[ 28 ] Das Unterscheidungsvermögen für die einzelnen Bewegungen, die stattfinden, ist etwas, was sehr notwendig ist, wenn der okkultistische Aspirant weiterkommen will. Wenn der okkultistische Aspirant es mit diesen inneren Bewegungen ebenso macht, wie ich gestern erzählt habe, daß der Mensch es mit der menschlichen Gestalt machen soll, dann hätte er jetzt — statt äußerlich die menschliche Gestalt zu fixieren und das Nachbild zu erwarten — zu versuchen, sich innerlich zu fühlen, zu fühlen die innere Beweglichkeit des Menschen, die innere Tätigkeit. Und dann, nachdem man sozusagen sich leiblich innerlich fixiert hat, hätte man zu versuchen, diesen Eindruck festzuhalten, so wie wir gestern versucht haben festzuhalten, rein in der Erinnerung, den Eindruck der Gestalt. Dann kommt der Mensch tatsächlich dazu, wirklich sieben solcher Gestalten zu erkennen, wie sie uns gestern begegnet sind als zwei Gestalten. Gestern sind uns begegnet die Gestalten des Todes und des Luzifer, und wir haben gehört, daß, wenn wir uns an den Christus-Gedanken erinnern, wir dann etwas haben, was wir hinübertragen können in die andere, in die übersinnliche Welt.
[ 29 ] Wenn der okkultistische Aspirant sich so, wie es geschildert worden ist, herausversetzt aus seinem innerlichen beweglichen Menschen, wenn er aus seinem innerlichen beweglichen Menschen heraustritt, dann treten ihm tatsächlich sieben Gestalten entgegen. Er macht die Bekanntschaft mit sieben geistigen Wesenheiten, und er weiß, daß diese sieben geistigen Wesenheiten seinen inneren Bewegungen ebenso entsprechen, wie die Sonne, der Mond und die Venus dem entsprechen, wovon wir gestern und heute gesprochen haben. Der Mensch lernt erkennen, daß er aus unserem Planetensystem herausgewachsen ist, daß die Planeten als physische Gestirne dirigiert sind von Planetengeistern, und daß des Menschen Aufrechtbewegung nur dadurch in ihm stattfinden kann, daß in ihm waltet der Geist des Saturn, der Geist, der seinen Schauplatz so auf dem Saturn hat, wie Luzifer ihn hat auf der Venus. Der okkultistische Aspirant weiß dann, daß seine Denkbewegungen zusammenhängen mit dem Regenten oder dirigierenden Geiste des Jupiter, daß die Sprechbewegungen zusammenhängen mit dem dirigierenden Geiste des Mars, daß die Blutsbewegung zusammenhängt mit dem dirigierenden Geiste der Sonne, daß zusammenhängt alles, was Atmungsbewegung ist, mit dem dirigierenden Geiste des Merkur, daß zusammenhängt alles, was Drüsenbewegung ist, mit dem dirigierenden Geiste der Venus, und endlich, daß alles, was Reproduktionsbewegung ist, mit dem dirigierenden Geiste des Mondes zusammenhängt. Er weiß aber auch, daß alle diese Geister durcheinanderwirken, daß ihr hauptsächlichster Sitz und Angriffspunkt in dem Menschen so ist, daß die eine Bewegungsart auf die andere wirkt, daß im Menschen der Geist des Saturn vorzugsweise durch die Aufrechtbewegung wirkt, aber an allen anderen Bewegungen indirekt beteiligt ist. Eine besonders bemerkenswerte Situation ist es, wenn dieser dirigierende Geist des Saturn besonders stark seine Kraft entfaltet beim Widder oder beim Stier. Da findet eine besonders bedeutungsvolle Situation statt, und wir können nun, da Sie jetzt wissen, wie mit den einzelnen Gliedern der menschlichen Bewegungsnatur die dirigierenden Planetengeister zusammenhängen, allerdings die Erfahrung machen, daß in dem, was wir als Zeichen für die einzelnen Glieder kennengelernt haben, das Prinzip der wirklichen Astrologie liegt. Sie brauchen nur das zu wissen, um was es sich hier handelt, dann werden Sie wissen, daß darin das Prinzip der wirklich echten Astrologie liegt, die aus nichts anderem entspringt als aus der bedeutungsvollen Tatsache, daß der Mensch aus dem Weltall herausgeboren, ein Auszug, ein Extrakt des ganzen Weltalls ist.
[ 30 ] So wie wir bis zu den Fixsternen hinaufgehen müssen, um die Gestalt zu verstehen, und wie wir die Gestalt beeinflußt finden durch die hauptsächlichsten Kräfte, die von Sonne, Mond und Venus kommen, so finden wir jetzt durch die sieben Planetengeister ganz besonders die innere Beweglichkeit des Menschen bewirkt. Sieben geistige Wesenheiten also lernt der Mensch kennen. Etwas außerordentlich Bemerkenswertes ist aber hier der Fall. Beachten Sie die Tatsache, daß unter diesen sieben Geistern auch der Geist der Venus ist, den wir vorhin schon kennengelernt haben als den Luzifer. Es ist sehr, sehr merkwürdig, was da dem okkultistischen Aspiranten begegnet. Wenn er den ersten Schritt macht in die Initiation hinein, so begegnet er dem Luzifer, und wir sahen, daß ihm Luzifer jene Gestalt von sich selbst zeigt, von der wir gestern gesprochen haben. Er begegnet Luzifer als dem Wesen, das ihn zum häßlichsten gemacht hat, und jetzt, indem er dem Venusgeist begegnet, begegnet er nochmals dem Luzifer. Nun aber stellt sich Luzifer als etwas ganz anderes heraus. Es ist beim zweiten Male nicht dieselbe Gestalt, der man das erste Mal begegnet. Man weiß zwar, es ist dasselbe Wesen, aber es zeigt sich in zwei verschiedenen Gestalten. Der zu Initiierende erhält also die Erkenntnis, daß sich Luzifer in zwei Gestalten zeigen kann. Das erste Mal zeigt er sich beim Überschreiten der Schwelle, wovon wir gestern gesprochen haben, da, wo er darauf hinweist, daß der Mensch ihm die Unsterblichkeit verdankt, wo er etwa sagt: Die Götter haben dir einen zerbrechlichen Leib gegeben, ich aber habe dir die Unsterblichkeit gegeben. — Wenn man sich dann umsieht, so ist es jener Drache, von dem wir gestern gesprochen haben. Daher nennt man diese Gestalt auch die kleine Gestalt des Hüters der Schwelle.
[ 31 ] Jetzt zeigt sich uns auf der zweiten Stufe der Initiation etwas anderes; es zeigt sich uns, daß Luzifer auch andere Kräfte entfalten kann. Könnten wir in uns nicht entfalten alle Absonderungskräfte, alle Kräfte, die von unseren Gefäßen ausgehen, so könnten wir keine Menschen sein; es wäre ausgeschlossen, daß wir Menschen wären. Die Blutsbewegung, die Atmungsbewegung, sie allein können uns nicht erhalten. Die Säftebewegung, die Gefäßbewegung, die Drüsenbewegung, die dirigiert ist von Luzifer, dem Venusgeiste, muß auch vorhanden sein. Das ist der Unterschied zwischen allen möglichen exoterischen Überlieferungen und dem, was hier ausgeführt wird, daß in den Überlieferungen zwar gesprochen wird von Luzifer und den einzelnen Planetengeistern, daß diese Dinge aber keine wirkliche Erkenntnis liefern. Die wirkliche Erkenntnis ist wahrlich kein Kinderspiel. Sie offenbart uns Luzifer als den Verhäßlicher der menschlichen Gestalt und auf der anderen Seite als den notwendigen Geist, der uns als Menschen einzig und allein möglich macht.
[ 32 ] Und jetzt erleben wir etwas höchst Merkwürdiges innerhalb der Initiation. Wenn es uns gelungen ist, an dem Christus festzuhalten, uns innerlich an ihn anzuschließen, so daß er uns die Mittel gibt, hinüberzutragen den Gedanken des Ich, die Vorstellung des Ich, das Selbstbewußtsein der Erde in die übersinnliche Welt, die wir beschreiten, dann haben wir eine Ahnung davon bekommen, daß diese Christus-Kraft etwas mit der Sonnenkraft zu tun hat. Eine solche Ahnung bekommen wir zunächst; denn auf der ersten Stufe der Initiation ist es nicht viel mehr als eine Ahnung, was einem aufgeht von der Verbindung der Christus-Kraft mit der geistigen Sonnenkraft. Auf der zweiten Stufe ist es so, daß diese Christus-Kraft sich uns auch darstellt als eine, ich möchte sagen, greifbare Gestalt, die man schon etwas näher kennenlernen kann, die einem schon klarer und deutlicher wird in der übersinnlichen Welt. Also auf der zweiten Stufe der Initiation wird man etwas mehr bekannt mit dem übersinnlichen Christus. Das nächste, was dieser Christus uns zeigt, ist, daß er den dirigierenden Geist der Venus, von dem wir gelernt haben, daß er Luzifer ist, seinen Bruder nennt und ihn als einen Planetengeist bezeichnet wie einen anderen. In dem Augenblick, wo er sich in der zweiten Stufe zeigt, zeigt er sich wie ein planetarischer Geist, so daß er brüderlich unter den sieben Regenten der Planeten darinnensteht.
[ 33 ] So beschreiten wir gleichsam ein Feld, durch das wir kennenlernen ein hochgeartetes Kollegium von sieben planetarischen Geistern, die sich in voller Brüderlichkeit zueinander verhalten. Dies ist eine gefährliche Klippe, und der okkultistische Aspirant muß manches andere kennenlernen, wenn er an dieser gefährlichen Klippe nicht scheitern soll, denn er darf das, was sich ihm da darbietet, nicht so ohne weiteres hinnehmen. Er muß versuchen, sich eine genaue Erkenntnis zu verschaffen von den Dingen, die da zugrunde liegen.
[ 34 ] Wenn man sozusagen in die Details der okkultistischen Erkenntnisse hineinkommt, kann man verschiedenes als Hilfsmittel wählen, um sich auszukennen auf dem Felde des Okkultismus. Damit, daß wir einfach die sieben Brüder kennenlernen, die die sieben Planetengeister sind, wissen wir noch nicht alles; denn sieben Brüder können doch voneinander verschieden sein, und die Verschiedenheit bietet sich uns nicht von vornherein dar. Wir müssen näher zusehen, genauere Studien machen, wenn wir Näheres erkennen wollen. Und da möchte ich Ihnen wiederum eine Darstellung geben, die Sie, wenn Sie sie genau prüfen mit dem, was die exoterischen Mythen Ihnen geben, durchaus begründet und vernünftig finden werden, so sonderbar sie auch erscheinen wird, die Sie begründet finden werden, weil sie aus der okkulten Forschung heraus gegeben ist. Vergleichen Sie das mit den religiösen und geschichtlichen Urkunden. Die Vernunft wird dann schon sprechen: Ja, ich bin beruhigt. — Je weiter Sie gehen mit Ihrer Vernunft, um so mehr werden Sie ja sagen können zu dem, was ich Ihnen sage, wenn Sie es als ein Ergebnis der okkulten Forschung betrachten, das man in der Gegenwart erhalten kann auf dem Gebiete des großen kosmischen Lebens, und das dem gegenwärtigen Menschen verhältnismäßig leicht zugänglich ist.
[ 35 ] Da muß man von irgend etwas ausgehen, man muß von irgendwo seinen Ausgangspunkt nehmen, so also zunächst, daß man sieben kosmische Geister und gleichsam ihre Reiche kennenlernt. Dadurch lernen wir aber nur die höchsten dirigierenden Geister und ihre Reiche, die entsprechenden Planeten, kennen. Dabei kann es jedoch nicht bleiben. Wir müssen, soweit es die okkulte Forschung möglich macht, diese Reiche etwas näher untersuchen, wir müssen auf einiges näher eingehen, und da bietet sich dem gegenwärtigen okkultistischen Aspiranten, wenn er mit den Mitteln, die der moderne praktische Okkultismus geben kann, gewissenhaft zu Werke geht, unter mancherlei Wegen der folgende. Er kann ausgehen, auf den Rat eines erfahrenen Okkultisten, von dem Studium eines solchen Lebens, wie das Buddhaleben es ist, von dem Leben des Gautama Buddha.
[ 36 ] Sehen Sie, ich habe es öfter betont und muß es auch hier betonen, daß das Leben des Gautama so verstanden werden muß, wie die Buddhisten dieses Buddhaleben eben verstehen, nicht wie eine äußere materialistische geschichtliche Betrachtung es heute auffaßt. Man muß sich aufgeschwungen haben zu einer solchen Erkenntnis des Buddhalebens, daß man weiß: Der Buddha ist dadurch Buddha geworden, daß er durch viele, viele Verkörperungen hindurchgegangen ist, Bodhisattva wurde, und dann, als er als Bodhisattva geboren worden war, als Sohn des Königs Suddhodana, im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens zur Buddhawürde aufgestiegen ist. Man muß wissen, daß das Hinaufsteigen des Bodhisattva zur Buddhawürde tatsächlich bedeutet — was jeder eingeweihte Buddhist und überhaupt jeder Eingeweihte weiß —, daß eine solche Individualität, die vom Bodhisattva zum Buddha geworden ist, in dem Leben, das sie als Buddha erlebt, ihre letzte irdische Inkarnation hat; daß sie dann, wenn sie Buddha geworden ist, nicht mehr in einen solchen irdischen Leib zurückzukehren hat, sondern in anderen Welten wirkt, die nicht die irdischen sind.
[ 37 ] Dies muß man als Voraussetzung haben. Man muß durchaus wissen, daß es richtig ist, daß der Buddha bei der Erhebung vom Bodhisattva zum Buddha zu einer kosmischen Würde aufgestiegen ist, daß er innerhalb seiner weiteren Entwickelung, die er durchzumachen hat, nicht wieder zu einem physischen Erdenmenschen herabzusteigen braucht. Für diejenigen, die das verfolgt haben, habe ich schon einmal, ich möchte sagen, den einzigen Punkt berührt, wo der Buddha von seiner Entwickelung wieder etwas merken läßt; es war, als ich gezeigt habe, daß zwei Jesusknaben geboren worden sind, der Matthäus- und der Lukas-Jesusknabe, wobei auch gesagt wurde, daß bei der Geburt des Lukas-Jesusknaben der Buddha dem Astralleib des Jesus astralische Kräfte einverleibte, die er aus der geistigen Welt herunterzusenden hatte. Damit hat man ja nur dasjenige berührt, was der Buddha einmal auf die Erde heruntergesendet hat. In Norrköping habe ich gesagt, daß die Eingeweihten mit dem Buddha auch noch in anderer Weise zusammenkommen konnten. Auf der Erde war der Buddha aber in dem Sinne, daß man sagen kann: Auf der Erde lebte er seit seinem Leben als Buddha nicht mehr. — Der Okkultist, der nun weitergeht auf seinem Wege, kann auch den Weg des Buddha weiter verfolgen. Es ist natürlich kein Erdenleben, aber es kann natürlich noch beobachtet werden, so daß auf dem Gebiete des praktischen Okkultismus die Frage entsteht: Was ist aus dem Buddha geworden, seitdem er sich nicht mehr in einem physischen Menschenleibe inkarniert? — Man kann suchen den Buddha, so wie er ist in der weiten Welt. Es mag Ihnen sonderbar erscheinen, aber die Initiierten finden den Buddha wirklich bei einer großen, bedeutsamen Aufgabe, bei einer ganz gewaltigen Aufgabe. Wenn nämlich der geöffnete Blick des Okkultisten im Weltenraume draußen sucht, so findet er den weiteren Schauplatz des Buddha merkwürdigerweise auf jenem Planeten, den wir in der physischen Astronomie als den Mars bezeichnen, und der Okkultist muß allen Ernstes sagen: Seit jener Zeit, da der Buddha sich die Fähigkeit erworben hatte, welche ihn dahin brachte, nicht mehr im Erdenleben erscheinen zu müssen, ist ihm eine neue Mission zugeteilt worden. Diese neue Mission lernen wir kennen durch eine okkultistische Beobachtung des Mars. Die ihm ureigene Mission lernen wir so kennen.
[ 38 ] Wenn wir diese Mission genau kennenlernen wollen, dann finden wir durch die okkultistische Untersuchung, daß diejenigen Wesen auf dem Mars, welche den Erdenmenschen entsprechen würden, die aber von ganz anderer Natur sind — wir können sie rücksichtslos Marsmenschen nennen —, in einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwickelung in eine ähnliche Notwendigkeit versetzt wurden, wie die Erdenmenschen versetzt waren im vierten nachatlantischen Zeitraum, als zu ihnen der Christus kommen sollte. Und wie der Christus ein Erlöser und Auferwecker wurde, wie das eine Mission des Christus in bezug auf die Erdenmenschheit war, so ist es die weitere Mission jenes Bodhisattva, nachdem er zum Buddha geworden ist, ein Erlöser und Befreier der Marsmenschen zu sein. Ein ähnliches Ereignis hat er also zu vollziehen auf dem Mars, wie es der Christus auf der Erde zu vollziehen hatte.
[ 39 ] Wenn wir das Leben des Buddha betrachten, so zerfällt es uns im Grunde genommen in zwei Teile: in den einen Teil, wo Buddha für die Erdenmenschen gewirkt hat und ihnen gebracht hat das, was sie bekommen sollten durch den Buddha und durch alles das, was er ihnen schon gebracht hatte während seiner Bodhisattvazeit, und in den zweiten Teil, wo der Buddha außerhalb der Erde wirkt, wo er zu höherer Kraft aufgestiegen ist, zu welcher die Erdenlaufbahn nur die Vorbedingung war. Ja, zu Erlöserkraft, zu Befreierkraft ist der Buddha emporgewachsen. Wenn wir vergleichen könnten — von den Gefühlen, mit denen die Marsmenschen dem Buddhawirken entgegenkommen, werden wir, wenn es möglich ist, noch weiter sprechen — das Wirken des Buddha auf dem Mars mit dem ganz ähnlichen Wirken, es ist nicht gleich, sondern etwas verschieden, des Christus Jesus auf der Erde und dem Mysterium von Golgatha, so würden wir einen Unterschied finden, der vorliegen muß deshalb, weil eben eine Verschiedenheit zwischen den Erdenmenschen und den Marsmenschen besteht.
[ 40 ] Wir sehen also, daß Aufgaben gesetzt sind den Wesenheiten, die sich im Kosmos entwickeln. In dem Augenblicke, wo ein Wesen aufsteigt von einer Würde zu einer anderen, ist ihm auch eine neue Aufgabe gestellt. Wir sehen also, daß der Mensch seine Laufbahn auf der Erde zu vollbringen hat, dabei aber von Wesenheiten berührt wird in seiner Laufbahn, welche entweder eine kosmische Aufgabe von allem Anfange an schon haben, wie der Christus, oder welche sich von der Erde zu einer kosmischen Aufgabe hinaufentwickeln, wie es bei Buddha der Fall war.
