Der Mensch im Lichte von
Okkultismus, Theosophie und Philosophie
GA 137
10 Juni 1912, Oslo
Achter Vortrag
[ 1 ] Die okkulten Erkenntnisse sind — verzeihen Sie diesen Satz, er muß aber einmal ausgesprochen werden — wahrhaft kein Kinderspiel; und wer an sie mit der Meinung herangeht, in ihnen so etwas wie gleichgültige Theorien zu bekommen, wenn auch nicht für das Leben gleichgültig, aber doch solche Theorien, gegenüber denen man nur den Verstand engagiert, der wird sich in den meisten Fällen in einem erheblichen Irrtum befinden. Wir haben scheinbar etwas recht Äußerliches betrachtet: die menschliche Gestalt; aber ich habe Ihnen schon gesagt, daß von dieser Gestalt, so wie wir sie als dreigliedrigen Menschen vor uns hingestellt haben, doch der okkultistische Aspirant ausgehen muß. Er muß in den meisten Fällen von den Empfindungen und Gefühlen, von den Seelenimpressionen ausgehen, die sich ihm ergeben aus der Betrachtung der menschlichen Gestalt, weil er dadurch seinen Ausgangspunkt nehmen kann von etwas, was gewissermaßen am unabhängigsten von dem inneren Leben ist.
[ 2 ] Sehen Sie, möglich ist es durchaus und auch sogar in gewissen Fällen wünschenswert, daß nicht nur die 'Theosophen, sondern auch die Okkultisten mehr von dem inneren Seelenerleben ausgehen. Dann aber liegt immer eine Art von Hindernis vor, welches einen sozusagen nicht zurechtkommen läßt. Sie wissen ja aus anderen Vorträgen, daß an dem Aufbau unseres inneren Menschen nicht nur durch alles dasjenige, was dem Menschen schon gegeben war, als die Erde ihre Entwickelung begann, sondern auch in vielen Inkarnationen auf der Erde geistige Wesen und Kräfte mitgearbeitet haben. An dem Aufbau dieses inneren Menschen haben seit Ururzeiten in der Erde mitgearbeitet die luziferischen und die ahrimanischen Kräfte. Wenn Sie das in Erwägung ziehen, dann werden Sie sich leicht sagen können — was auch durchaus wahr ist —, daß es etwas Unsicheres ist, wenn man von dem inneren Menschen ausgeht, so ohne weiteres freizukommen von den Iuziferischen und ahrimanischen Kräften, nicht verstrickt zu werden in das, was man in seine okkulten Anschauungen hineinbekommen kann. Da kann sich vieles, vieles, ohne daß man es merkt, von luziferischen und ahrimanischen Kräften eindrängen, in die Seele hineinmischen. Denn man glaubt von vielen Dingen, sie seien außerordentlich gute Seeleninhalte, und sie sind es nicht, weil sie in irgendeiner Weise vermischt sind mit Kräften, die Ahriman und Luzifer auf den Menschen ausgeübt haben. Am sichersten bleibt deshalb für den okkultistischen Aspiranten, von der menschlichen Gestalt auszugehen. Auf diese menschliche Gestalt hat am allerwenigsten dasjenige Einfluß genommen, was man luziferische und ahrimanische Kräfte nennen kann. «Am allerwenigsten», ich bitte dieses wohl ins Auge zu fassen, denn es hat auch Einfluß gewonnen, aber eben am wenigsten. Auf das innere Seelenleben wurde ein viel größerer Einfluß ausgeübt, so daß in der Tat die menschliche Gestalt immer noch der gesündeste Ausgangspunkt bleibt für den okkultistischen Aspiranten, wenn er sich dabei an den uralten okkultistischen Satz hält, daß der Mensch in bezug auf seine Gestalt ein Bild der Gottheit ist. Der Aspirant tut gut, von diesem Punkt auszugehen, denn er knüpft an Göttliches an; er wählt von dem Ebenbilde der Gottheit seinen Ausgangspunkt, und das ist außerordentlich gut, außerordentlich wichtig.
[ 3 ] Aber auf der anderen Seite hat das wieder eine Schwierigkeit. Wenn man von inneren Seelenerlebnissen ausgeht und durch seine okkulte Entwickelung dahin gelangt, von diesen inneren Seelenerlebnissen aus hineinzuschauen in die geistige Welt, dann dauern die Eindrücke der geistigen Welt verhältnismäßig sehr lange. Mit anderen Worten: Wenn jemand rein durch innere Seelenerlebnisse es dahin bringt, über die Schwelle zu kommen und einzutreten in die geistige Welt, dann erlebt er geistiges Schauen, und er kann sich gewissermaßen Zeit lassen, die Dinge anzuschauen, weil sie eine verhältnismäßig lange Zeit hindurch dauern. Das ist also, man möchte sagen, das Nützlichere, das Bequemere, wenn man von den inneren Seelenerlebnissen ausgeht. Aber es hat eben die vorhin charakterisierten Nachteile. Es bewahrt einen nicht davor, luziferische und ahrimanische Einflüsse als solche nicht richtig einzuschätzen, nicht richtig zu erkennen. Tatsächlich darf gesagt werden, meine lieben Freunde, den Luzifer und den Teufel merken die Leute am allerwenigsten, wenn sie von dem inneren Seelenleben ausgehen.
[ 4 ] Das Ausgehen von der menschlichen Gestalt dagegen hat eben den Nachteil, daß das Schauen, zu dem man gelangt, die Imaginationen, außerordentlich kurze Zeit dauern, daß sie nicht lange anhalten, so daß man schon notwendig hat, eine gewisse Geistesgegenwart zu entwickeln, wenn man sie festhalten will.
[ 5 ] Ich möchte Ihnen nun schildern, wie es zugeht, wenn jemand als okkultistischer Aspirant ausgeht von der menschlichen Gestalt und in die übersinnliche Welt eindringt. Ich weiß nicht, ob jeder von Ihnen schon diese merkwürdige Erfahrung gemacht hat, die ja alltäglich ist, aber die man eben doch machen muß, wenn man etwas wissen will von ihr, daß, wenn man sein Auge besonders auf einen hellen Gegenstand gerichtet hat, dann der Eindruck im Auge länger haftet, als das Auge auf den Gegenstand gerichtet ist. Es hat sich insbesondere Goethe, wie er wiederholt in seiner Farbenlehre erzählt, mit diesen Nachbildern, die zurückbleiben im Organismus, das heißt innerhalb der menschlichen Gestalt, viel beschäftigt. Wenn Sie sich zum Beispiel des Abends ins Bett legen, die Flamme des Lichtes auslöschen und die Augen dann schließen, so können Sie ein Bild der Flamme noch längere Zeit, gleichsam nachklingend, vor sich haben. Für die meisten Menschen, welche ein solches Nachklingen wahrgenommen haben, ist ein äußerer Eindruck erschöpft, wenn sie dieses Nachklingen gehabt haben. Dann haben sie sozusagen jene Bewegungen, jene Vibrationen ausgelebt, welche hervorgerufen worden sind durch den äußeren Eindruck. Dann ist aber auch für die meisten Menschen dieser äußere Eindruck vergangen.
[ 6 ] Der okkultistische Aspirant muß nun auch da von der menschlichen Gestalt ausgehen, das heißt von dem, was im gewöhnlichen Leben auf dem physischen Plane die menschliche Gestalt ausmacht. Solange er nur die Nachbilder bemerkt, ist die Sache nicht wichtig. Wichtig wird sie erst dann, wenn nach dem Nachbilde noch etwas übrigbleibt. Denn das, was nach dem Nachbilde übrigbleibt, rührt nicht mehr von dem Auge her, sondern ist ein Vorgang, ein Erlebnis, welches wir durch den ätherischen Leib haben. Wer dieses Experiment selbst gemacht hat, wird nicht den billigen Einwand mehr machen, daß auch dieses nur ein Nachbild des physischen Leibes sein könnte. Das sagt man nämlich nur so lange, als man die Sache nicht selbst erfahren hat. Wenn man sie erfahren hat, dann sagt man nicht mehr so. Denn das, was dann übrigbleibt, ist eben etwas ganz anderes, als was in irgendeiner äußeren physisch-sinnlichen Beziehung steht zu dem äußeren Eindruck.
[ 7 ] In den meisten Fällen zum Beispiel ist dasjenige, was übrigbleibt nach einem Farben- oder Lichteindruck, eben nicht eine Licht- oder Farbentäuschung. Wenn es Licht oder Farbe ist, dann ist es Täuschung; aber es ist ein Ton, von dem man genau weiß, er ist nicht mit dem Ohre oder vermittels des Ohres hervorgerufen worden. Es kann auch ein anderer Eindruck sein, aber es ist immer ein von der äußeren Impression verschiedener Eindruck. Die äußere Impression zu überbrükken, zu überwinden, muß der Okkultist sich überhaupt angewöhnen, denn der Okkultismus ist zum Beispiel auch da für die Blinden, die niemals im Leben einen äußeren Gegenstand gesehen, niemals irgendeinen äußeren Lichteindruck durch ihr sinnliches Auge gehabt haben. Die meisten gespenstischen Gestalten, die die Leute sehen, sind dagegen nur Erinnerungsbilder an sinnliche Eindrücke, die phantastisch verändert wurden. Das okkultistische Erleben hängt nicht davon ab, ob man ein Sinnesorgan gebrauchen kann oder nicht, denn es tritt unabhängig von den Sinnesorganen auf.
[ 8 ] Der okkultistische Aspirant muß nun die ganze menschliche Gestalt, nachdem er sich von ihr ein ordentliches Bild gemacht hat, fixieren, so daß er sie lebend als Imagination vor sich hat. Mit welchem Sinne oder wie er diese menschliche Gestalt fixiert, ist ganz gleichgültig. Es handelt sich darum, daß er die menschliche Gestalt überhaupt fixiert, das heißt, daß mit aller Lebendigkeit eine Imagination, ein Bild in ihm hervorgerufen ist durch die menschliche Gestalt. Das kann so sein, daß der okkultistische Aspirant das äußere Bild der menschlichen Gestalt zum Ausgangspunkte nimmt. Es kann aber auch so sein, daß er das innere Körpergefühl, das Sich-Fühlen in der Gestalt zum Ausgangspunkte nimmt. Wenn es nun dem Okkultisten gelingt, dieser menschlichen Gestalt gegenüber zuletzt etwas Ähnliches zu empfinden wie eine Art von Nachbild — also wenn der Mensch, nachdem er zuerst die in der physischen Welt erfahrene menschliche Gestalt aufgefaßt hat und dann sie so verklingen läßt in sich, wie ein Nachbild verklingt, wie in dem Falle, von dem ich vorhin gesprochen habe —, und zu warten, bis dieses Nachbild der menschlichen Gestalt vorüber ist, dann bekommt der Okkultist dasjenige Bild der menschlichen Gestalt, das jetzt kein Nachbild der physischen Gestalt mehr ist, sondern im ätherischen Leibe erlebt wird. Dieses Nachbild wird also im ätherischen Leibe erlebt. Sie sehen, es handelt sich für den okkultistischen Aspiranten darum, sich selber zu erleben im ätherischen Leibe. Wenn es nun der okkultistische Aspirant dahin gebracht hat, sich so im ätherischen Leibe zu erleben, dann ist dieses Erleben kein Kinderspiel, denn es zerfällt sofort in zwei Erlebnisse. Es bleibt nicht einheitlich. Und diese zwei Erlebnisse müssen ausgesprochen werden durch zwei Worte: Man erlebt erstens den Tod und zweitens Luzifer.
[ 9 ] Da es sich nicht um Sinneserlebnisse handelt, sondern um wesentlich höhere Erlebnisse, so ist es natürlich nicht ganz leicht — gerade weil die Worte zumeist aus der sinnlichen Welt genommen sind und deshalb auch die Wortbedeutung an die Sinneswelt erinnert —, diese Erlebnisse zu beschreiben; denn es wird in der Tat als inneres Erlebnis mehr erlebt denn als äußeres, und wenn man Worte gebraucht, so ist das mehr dazu bestimmt, eine Vorstellung, ein Bild hervorzurufen von dem, was man da eigentlich erlebt.
[ 10 ] Den Tod zu erleben, ist ungefähr so, daß man weiß: Die menschliche Gestalt, die man eben ins Auge gefaßt hat und von der man ausgegangen ist, hat keinen Bestand außerhalb des Erdendaseins. Die ist gebunden an das Erdendasein. Wer hinauskommen will über das Erdendasein, wer überhaupt rechnen will mit einem übersinnlichen Leben, der muß sich darüber klar sein, daß diese menschliche Gestalt nur auf der Erde als solcher erlebt werden kann, daß sie zerbrechen muß mit dem Tod, zerbrechen muß in dem Augenblicke, wo der Mensch über das Erdendasein hinauskommt. Im Ätherleibe kann sich die menschliche Gestalt nicht anders zeigen denn als todbegabt.
[ 11 ] Das muß der erste Eindruck sein, und es ist hier schon eine Klippe für den okkultistischen Aspiranten; denn der Eindruck, den die zerbrochene menschliche Gestalt macht, ist ein außerordentlich tiefgehender. Es ist für viele, die okkultistisch aspiriert haben, tatsächlich so gewesen, daß sie den Eindruck nicht haben überwinden können und sich gesagt haben: Weiter zu gehen, hindert mich meine Furcht vor dem, was da noch nachkommen mag. — Notwendig ist es, daß man den Tod sieht, aus dem ganz einfachen Grunde, weil man erst dann die volle Gewißheit hat: Im Erdenleib drinnen ist es unmöglich, die höhere Welt zu erleben. Man muß aus ihm heraus, man muß ihn verlassen.
[ 12 ] Das ist wiederum der nächste Eindruck. Es ist damit nicht gesagt, daß absolut im Erdenleibe die höhere Welt nicht erlebt werden könne. Aber zunächst ist gar nichts anderes möglich für den okkultistischen Aspiranten als das, was eben jetzt beschrieben worden ist. Das wäre das, was man bezeichnet mit den Worten: Man erfährt den Luzifer. Luzifer ist eigentlich zunächst da, um einen auf etwas aufmerksam zu machen, was außerordentlich verführerisch ist. Wenn man in Worte kleiden soll, was man erfährt dadurch, daß man die Bekanntschaft macht mit Luzifer, so kann das in der folgenden Weise geschehen. Luzifer macht einen auf die Zerbrechlichkeit der menschlichen Gestalt aufmerksam, indem er gleichsam sagt: Sieh dir nur einmal diese menschliche Gestalt an, zerbrochen ist sie; eine zerbrechliche Gestalt haben dir die Götter gegeben, die meine Feinde sind. — Das ist es ungefähr, was Luzifer einem mitteilt, und damit macht er einen darauf aufmerksam, daß die höheren Götter in die Notwendigkeit versetzt waren, den Menschen in dieser Gestalt zerbrechlich zu machen; daß sie gar nicht anders konnten, durch Verhältnisse, die wir noch besprechen werden, als die menschliche Gestalt zerbrechlich zu machen. Und dann zeigt Luzifer auch das, was er aus dem Menschen hat machen wollen, was geworden wäre aus dem Menschen, wenn er allein, unbeeinflußt durch seine Gegner, mit dem Menschen hätte hantieren können.
[ 13 ] Das, wodurch Luzifer dem Menschen zeigt, was der Mensch geworden wäre, wenn er, Luzifer, allein hätte hantieren können, hat zunächst wiederum etwas außerordentlich Verführerisches, denn der Mensch wird von Luzifer etwa so darauf hingewiesen, daß ihm Luzifer sagt: Nun sieh dich einmal um, sieh einmal zu, was von dir zurückgeblieben ist, nachdem die menschliche Gestalt zerbrochen ist. — Wenn die menschliche Gestalt zerbrochen ist, wenn sich der Mensch dann sozusagen geistig umdreht und sich sozusagen geistig gehäutet sieht, wenn die Gestalt von ihm weggenommen ist, dann sieht der Mensch zweierlei. Erstens, daß das, was zurückgeblieben ist, in der Tat taugt für die übersinnliche Welt, daß es in gewisser Beziehung geistig verwandt ist mit dem Übersinnlichen, daß es in gewisser Beziehung unsterblich ist, während der Leib sterblich ist. Das ist ein starkes Argument, ein starker Verführungsgrund, den Luzifer in der Hand hat. Zunächst wird der Mensch hingewiesen auf das Ebenbild Gottes, das er hat, das aber zerbrechlich und an die Erde gebunden ist. Durch Luzifer wird ihm dasjenige gewiesen, was in ihm unsterblich ist. Dies ist die Versuchung, der verführerische Eindruck. Aber wenn sich der Mensch das betrachtet, was unsterblich ist, wenn der Mensch das ins Auge faßt, was die äußere Gestalt wegschafft, nachdem sie in ihre drei Teile zerbrochen ist, aus welchen wir sie zusammengesetzt gefunden haben, da sieht der Mensch sich selbst, sieht, auf wessen Kosten Luzifer den Menschen unsterblich gemacht hat. Da ist der Mensch kein Mensch mehr, wenn er auf sich selbst zurückblickt, da ist der Mensch wirklich kein Mensch mehr. Was der Mensch ist als oberer Mensch, wie wir ihn vom dreigliedrigen Menschen aus charakterisiert haben, das hat die okkultistische Symbolik immer in gewisse Bilder gebracht. Diese Bilder haben durch die Zeiten hindurch den Menschen etwas sagen sollen. Die wenigsten Menschen haben diese bedeutungsvollen Imaginationen und Bilder verstanden. Der obere Mensch, zu dem der Mensch blicken kann, wenn er sich selber besieht, ist verschieden, nicht für alle Menschen gleich. Es ist auch nur ein mehr oder weniger wandelbares Bild, was ihn da anspricht. Aber es gibt das Bild eine ungefähre Vorstellung von dem, was der Mensch als Impression erlebt. Der Mensch hat kein menschliches Antlitz mehr, er ist mehr stier- oder löwenähnlich. Es stellt sich so heraus, obzwar es nicht durchaus zutrifft — es sieht sich manchmal grotesk an, was in der übersinnlichen Welt erlebt wird —, daß die Frau, wenn sie so zurückblickt, mehr als Löwe, der Mann mehr als Stier sich empfindet. Das muß eben überstanden werden, denn es ist einmal so. In Verbindung mit diesen beiden Bildern, die ineinandergehen, da der Mann nicht ganz löwenentblößt, die Frau nicht ganz stierentblößt ist, denn sie verschwimmen ineinander, ist gleichsam ineinanderfließend das Bild eines Vogels, das man immer «Adler» genannt hat und das dazugehört.
[ 14 ] Das alles wäre noch nicht das Schlimmste. Mancher könnte sich noch entschließen, zugunsten der Unsterblichkeit ein Stier, ein Löwe oder ein Adler zu sein. Das ist aber nur der obere Mensch. Die weitere Fortsetzung nach unten ist ein wilder Drache, ein wilder Wurm. Das ist dasjenige, was zu den Drachensagen immer die Veranlassung gegeben hat. Die religiöse Symbolik hat den Menschen zwar immer überliefert die vier Bilder, das, was man nur zerbrochen noch findet in der übersinnlichen Welt, nämlich den Menschen, den Löwen, den Stier und den Adler, und sie hat nur angedeutet in der Weise, wie Sie diese Andeutungen im Sündenfalle finden, daß zu dem Menschen noch ein wilder Wurm gehört. Er gehört aber durchaus zu der Gesamtheit des Menschen, wie er sich da findet.
[ 15 ] Und jetzt ist es, wo der Mensch sich sagen muß: Zwar kann dir Luzifer die Unsterblichkeit versprechen — das ist voll begründet —, aber nur auf Kosten der Form, der Gestalt, so daß du in der Form, wie du da geworden bist unter seinem Einflusse, unsterblich fortlebst. — Jetzt merkt man, daß man gerade im Laufe der Erdenentwickelung erst zu einer solchen innerlichen Gestalt geworden ist, deshalb so geworden ist, weil Luzifer gewirkt hat im Laufe der Erdenentwickelung. Jetzt merkt man, daß diese Erdenentwickelung unter dem Einflusse von Luzifer Übersinnliches über Übersinnliches dem Menschen gegeben hat. Denn Weisheit und alles Mögliche, was an die Weisheit sich anschließt, stammt vielfach von Luzifer; und Luzifer kann bei der Begegnung mit ihm darauf hinweisen, wieviel man eigentlich ihm verdankt. Aber alles das, was jetzt charakterisiert worden ist, steht denn doch damit in Verbindung.
[ 16 ] Es muß daher die Frage entstehen: Gibt es denn gar nichts Tröstliches innerhalb dieser Selbsterkenntnis? — Denn schließlich ist diese Selbsterkenntnis wirklich nicht tröstlich, wenn sich durch diesen Anblick nur charakterisieren läßt, daß der Mensch zum Tiere erniedrigt ist. Dieses Tier ist verdreifacht und gehört nicht zu den höheren Tieren, sondern ist bis in jene Tierheit erniedrigt, die sich auf der Erde im Bilde eines Amphibiums befindet. Tröstlich ist dieser Anblick wahrhaftig nicht.
[ 17 ] Das alles, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, ist es, wovon ich gesagt habe, daß es ein außerordentlich rasch vorüberhuschender Eindruck ist. Man muß viel Geistesgegenwart haben, um den Eindruck überhaupt aufzufassen, um ihn sozusagen zu schauen. Er geht sehr rasch vorbei. Das ist das Nachteilige, wenn man von der menschlichen Gestalt ausgeht, daß die Menschen nicht so viel Geistesgegenwart haben, um zu erfassen den Tod und Luzifer, und dann sich noch selbst beschauen, indem sie sich umdrehen — das Umdrehen meine ich natürlich geistig. Tröstlich ist nichts an dem, was man da sieht, denn schließlich hat man nur eine zweifache Wahl. Man hat die Wahl, sich an das Sterbliche, Zerbrechliche, das von den Göttern, von den Gegnern Luzifers herrührt, zu halten, oder man hat die Wahl zur Unsterblichkeit, und dann ist die Beigabe zu dieser Unsterblichkeit eine Herabwürdigung der menschlichen Gestalt.
[ 18 ] Die Gegenwart all dieser Dinge, der Eindruck derselben, ist wahrhaft kein tröstlicher; er ist zunächst ein ungeheuer herabstimmender, ein ungeheuer fataler und furchtbarer Eindruck. Daher kommt es, daß ein großer Teil der Aufgabe des okkultistischen Lehrers darin besteht, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, daß sie nun, wenn sie einen solchen Eindruck haben, ja, wenn sie überhaupt die ersten übersinnlichen Eindrücke haben, nicht allzuviel darauf geben sollen, aus dem einfachen Grunde, weil diese ersten Eindrücke, gleichgültig ob sie freudevoller oder leidvoller Art sind, niemals als maßgebend betrachtet werden dürfen. Das Richtige ist, recht geduldig abzuwarten. Man wird vielleicht, wenn man das beschriebene Seelenexperiment ausführt, mehrmals einen recht hoffnungslosen Eindruck haben, und man braucht dann Mut, um ihn immer wieder und wieder hervorzurufen. Wenn man aber im Okkultismus praktisch vorwärtsschreiten will, dann muß man das, und es kommt dann schon einmal der Augenblick, wo man sich an etwas halten kann.
[ 19 ] An das, was die Gegenwart darbietet, kann man sich nicht halten, denn alles, was man im Leben gewonnen hat, zeigt sich, weil dieser Leib selber zerbrechlich ist, als ein Zerbrechliches, als ein Vergängliches. Das Ewige verspricht einem Luzifer. Daran kann man sich auch nicht halten. Aber es kommt der Moment, wo man sich an eines halten kann, wenn auch nicht an das Gegenwärtige: an eine Erinnerung, die einem bleiben kann aus dem gewöhnlichen Erdenleben. Diese Erinnerung muß einem wie ein Gedanke aus dem Erdenleben bleiben und muß sich hinüberergießen in diese Begegnung mit dem Tode und Luzifer. Sie ergießt sich hinüber, sie kommt einmal, sie tritt einmal ein, diese Erinnerung, dieser Gedanke, welcher einem der einzige Halt sein kann. Aber dieser Gedanke ist ein außerordentlich, man möchte sagen, schwacher Gedanke. Deshalb ist auch eine starke Energie notwendig, um diese Erinnerung, diesen Gedanken zu haben. Das einzige, woran man sich als an ein Sicheres erinneren kann, ist der Ich-Gedanke, der Gedanke: Du bist ein Selbst gewesen da drüben. — Aber dieser Gedanke ist außerordentlich schwierig zu halten. Es werden manche Menschen wissen, daß es schon außerordentlich schwierig ist, einen Traum aus dem anderen Bewußtseinszustand in den gegenwärtigen hereinzubringen. Den Ich-Gedanken herüberzutragen aus der Erdenwelt in das Bewußtsein, in das man eingetreten ist, ist ungeheuer schwer, und es geschieht doch nur zu leicht, daß dieser Ich-Gedanke, wenn man die übersinnliche Welt betreten hat, wie ein Traum ist, den man gehabt hat in der Erdenwelt und an den man sich nicht erinnert. Wie ein vergessener Traum ist dieser Ich-Gedanke, wenn man in das andere Bewußtsein eintritt.
[ 20 ] Und in dieser Beziehung ist es mit der Menschheit auf der Erde im Laufe der Erdenentwickelung schlechter geworden. Während es in den uralten Zeiten, in sehr weit zurückliegenden Zeiten, verhältnismäßig leicht war, das Ich-Bild vom Diesseits in das Jenseits hinüberzutragen, ist es im Laufe der Menschheitsentwickelung immer schwieriger und schwieriger geworden.
[ 21 ] Wenn ich sage, der Ich-Gedanke kommt, so müssen Sie damit in Verbindung denken, daß für den heutigen okkultistischen Aspiranten er allerdings kommt, daß dieser Gedanke aber durchaus so ist, daß das Ich nicht bloß als ein bloßes Traumbild bleibt, sondern daß es als Erinnerung drüben aufblitzen kann. Dazu ist aber Hilfe notwendig. Ohne Hilfe geht es nicht. Eintreten kann also dieses Ereignis; aber ohne Hilfe geht es nicht. Das ist das Wichtige. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Erdenentwickelung bliebe also in den allermeisten Fällen bei dem okkultistischen Aspiranten, wenn er die übersinnliche Welt betritt, der Ich-Gedanke etwa wie ein vergessener "Traum zurück, wenn er nicht Hilfe hätte.
[ 22 ] Wenn ich Ihnen die Hilfe nennen soll, welche der okkultistische Aspirant heute braucht, um den Ich-Gedanken nicht zu vergessen, wenn er in die übersinnliche Welt hinaufgeht, so gibt es dafür nur einen einzigen Ausdruck, und das ist das Zusammenleben auf der Erde mit dem Christus-Impulse. Das ist die Hilfe. Wie der Mensch sich während seines Erdenlebens zu dem Christus-Impulse verhalten hat, wie er diesen Christus-Impuls in sich hat lebendig werden lassen, davon hängt es in den heutigen Zuständen der Erdenentwickelung ab, ob der Ich-Gedanke in Vergessenheit gerät beim Hinaufsteigen in die übersinnliche Welt, oder ob der Ich-Gedanke dem Menschen verbleibt als der einzige feste Stützpunkt, den der Mensch von der Erde in sich hinübertragen kann in die übersinnliche Welt.
[ 23 ] Sehen Sie, der heutige Christ wird mancherlei Bedeutungsvolles und Schönes zu sagen haben über den Christus-Impuls. Derjenige aber, der sich als ein im christlichen Sinne die höheren Welten Betretender fühlt, weiß von diesem Christus-Impulse noch mehr. Etwas außerordentlich Wichtiges und Bedeutungsvolles weiß er. Er weiß, daß. dieser Christus-Impuls heute eigentlich schon die einzige Hilfe ist, die uns nicht vergessen läßt den Ich-Gedanken der Erdenentwickelung. Daß der Christus eine Hilfe werden konnte auch in dieser Beziehung, neben all dem,was der Christus-Impuls den Menschen schon auf dieser Erde werden konnte, neben dem Unzähligen, was die Kultur der Menschen für ihren Trost, für ihr Gutsein durch den Christus-Impuls erhalten hat und noch erhält; daß der Christus-Impuls eine Hilfe werden konnte, insofern er bewirkt, daß der Ich-Gedanke von der Erde nicht vergessen zu werden braucht — womit hängt denn das zusammen, woran liegt das? Das muß für uns die große Frage werden.
[ 24 ] Wenn ich Ihnen die Antwort geben soll auf die Frage, womit dieses zusammenhängt, dann muß ich Sie auf Dinge aufmerksam machen, die Sie, auch wenn Sie sie nicht aus dem Okkultismus wissen, durch eine vernünftige Betrachtung über die Evangelien gewinnen können. Zwei Dinge gibt es, um mit den Gründen bekanntzuwerden, warum der Christus-Impuls eine solche Hilfe ist: Erstens einen wahrhaft auf der Höhe unserer Zeit stehenden Okkultismus, und zweitens ein wirklich vernünftiges Eindringen in die Evangelien. Diese Evangelien haben etwas höchst Eigentümliches, wenn wir sie als religiöse Urkunden vergleichen mit anderen religiösen Urkunden. Sie haben etwas auf das allerdings nicht immer hingewiesen wird. Ich bitte Sie nur, mit alle dem, was Ihnen die äußere Religionsgeschichte bieten kann, mit alledem, was Ihnen bieten kann selbst noch in der nachchristlichen Zeit der Inhalt der nachchristlichen Religionsstiftungen, einmal zu vergleichen, was in den christlichen Urkunden, den Evangelien steht. Wenn Sie hinblicken auf die Geschichte irgendeines Religionsstifters und sich bemühen, denselben zu verstehen, so können Sie dies nicht anders als dadurch, daß Sie kennenlernen, verstehen lernen die übersinnlichen Eingebungen, Inspirationen oder Intuitionen, die dieser Religionsstifter gehabt hat. Fragen Sie bei den vorchristlichen Religionsstiftern, woher ihre Weisheit stammt, so werden Sie zum Beispiel bei dem Buddha darauf hingewiesen, daß er jene hohe Erleuchtung, durch die er hat verkündigen können, was er die heilige Lehre nennt, unter dem Bodhibaume gewonnen hat. Auf eine übersinnliche Erleuchtung werden Sie also hingewiesen, wenn Sie den Grund der Lehre des Buddha haben wollen. Selbst für die nachchristliche Zeit gilt das vielfach. Nehmen Sie Mohammed, so werden Sie zu den Gesichten, zu dem, was Mohammed aus den übersinnlichen Welten heraus geoffenbart wurde, gehen müssen, um erklären zu können, warum er dieses oder jenes so oder so gesagt hat. So ist es bei allen Religionsstiftern, ja nicht einmal bloß bei allen Religionsstiftern, sondern auch bei allen bedeutenden Offenbarern. Es wird hingewiesen auf ihre göttliche Inspiration, hingewiesen auf das Übersinnliche, das in sie hineingeleuchtet hat.
[ 25 ] Bei Pythagoras wissen Sie es ganz genau. Bei Platon ist es überall angedeutet, daß er nicht alles gegeben hat, was er wußte, daß er aber jedenfalls zu dem, was er mitgeteilt hat, inspiriert war durch die Mysterien, das heißt, daß er hineinentwickelt war in die höheren Welten. Selbst bei Sokrates wird Ihnen von einem Daimonion gesprochen, und es wäre einfach ein Unsinn, das Daimonion wegzulassen. Das, was er durchaus auf Grundlage bloßer Vernunft für die Menschen entwickelt hat, hat er durch sein Daimonion erhalten. So ist es überall, wo Sie sich in der Welt umschauen.
[ 26 ] Und jetzt bitte ich Sie, damit die Evangelien zu vergleichen. Wenn Sie vernünftig die Evangelien durchsehen, so finden Sie innerhalb derselben nur ein einziges Mal einen wirklichen Hinweis darauf, daß im Sinne dessen, was man bei irgendeiner Einweihung erlebt, der Christus Jesus in den drei Jahren seines Erdenwandels hineingeschaut hat oder hineinschauen mußte in die übersinnliche Welt. Das einzige Mal, wo Sie so etwas finden, ist in der Versuchungsgeschichte dargestellt, und da wird Ihnen auch nicht erzählt, daß der Christus hat lernen müssen, festzuhalten an einem übersinnlichen guten Gotte, sondern es wird nur gesagt, daß er eine Begegnung hatte mit dem, was für ihn das Böse war, mit dem Satan, mit Luzifer.
[ 27 ] Es wird Ihnen erzählt, daß diese Versuchung von Anfang an für ihn keine Versuchung mehr war. Lesen Sie selbst die Stellen durch und Sie werden sehen, wie einzigartig es in den Evangelien vorgeführt ist, daß der Christus so etwas durchgemacht hat, wie die Initiatoren es immer haben durchmachen müssen; wie er von Anfang an festhält an seinem Gotte, wie er widersteht den Anfechtungen und das Wort prägt: «Hebe dich weg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen»; wie Luzifer keine Versuchung mehr auf ihn ausüben kann und ihn verläßt. Alle anderen Szenen, die nun folgen, alles, was die Evangelien sonst noch sagen, sie bieten nichts mehr, was verglichen werden kann mit dem, was man erzählen muß über den Lebensgang von Eingeweihten, insofern man schildert, daß und wie sie gelernt haben im Laufe des Lebens hinaufzudringen in die geistigen Welten.
[ 28 ] Man kann, wie ich es getan habe in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» und wie ich es später immer wieder geran habe in den Vorträgen, von dem Christus von vornherein als von einem Eingeweihten sprechen, von einem solchen, der die unmittelbare Verbindung mit der übersinnlichen Welt hat; aber man kann bei ihm nicht von seiner Einweihung sprechen, nicht von einem Gange durch die Initiation. Man kann sprechen davon, daß er ein Initiierter ist, aber man kann nichts darüber sagen, wie er ein Initiierter geworden ist. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
[ 29 ] Vergleichen Sie alles, was Ihnen erzählt wird über das Leben von Initiierten mit dem, was in den Evangelien erzählt wird, dann werden Sie, wie ich es dargestellt habe in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», vielleicht finden, daß die Evangelienschreiber einfach die alten Ritualien zu nehmen brauchten, nach denen man eingeweiht hat, um das Christus-Leben zu schildern. Damit erzählten sie dann auch das äußere Leben des Christus Jesus. Aber sie konnten niemals sagen, daß er das wirklich durchgemacht hat. Nehmen Sie eine prägnante Szene wie die Verklärung oder auch das Gebet am Olberg, das sind alles Dinge, die, wenn man sie von einem anderen Initiierten erzählen wollte, in anderer Darstellung gegeben werden müßten. Man müßte dann nicht nur sagen, er ging hin nach dem Olberge, wo ihm die blutigen Schweißtropfen kamen, sondern man müßte auch erzählen, was er dort erfahren hat, wie er verwandelt worden ist am Olberge. Der Christus wurde aber nicht eigentlich verwandelt. Er tritt vielmehr seinem Gotte am Olberge als ein solcher entgegen, von dem man nicht behaupten kann, daß er noch etwas zu lernen hat. Und für ihn selbst war es auch keine Erleuchtung, was er bei der Verklärung durchgemacht hat. Für die anderen, für die Begleiter war es eine Erleuchtung gewesen, für ihn nicht. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit. Er konnte dabei nichts mehr lernen.
[ 30 ] Was hat dagegen bei einem anderen Initiierten zu geschehen? Da muß uns gezeigt werden, wie er stufenweise den Pfad der Erkenntnis hinaufgeschritten ist. Bei höheren Initiierten kann erzählt werden, daß sie viele Vorbedingungen aus ihren früheren Inkarnationen mitgebracht und nur die letzte Stufe noch durchzumachen hatten. Nichts von alledem finden wir bei Christus. Die Versuchungsgeschichte, wie schon angedeutet, das ist alles. Was bei ihm vorliegt, ist ein höchstes Durchdrungensein mit dem göttlichen Selbstbewußtsein. Das bildet den Eingang des Christus-Lebens der drei Jahre. Dann haben wir vor uns in diesem Christus Jesus ein merkwürdiges Bild: Wir haben vor uns etwas, was sozusagen aus dem unmittelbaren Erdenmenschen heraus die höchste göttliche Offenbarung tut. Bei einem anderen Initiierten müssen wir erzählen: Diese oder jene Stufe hatte er überschritten, dann konnte er diese oder jene Offenbarung tun. — Bei dem Christus Jesus aber sprudelt das alles von Anfang an heraus, und es wird uns nicht erzählt für die drei Jahre des Christus Jesus-Lebens, er hätte diese oder jene Stufe überschritten. Und wenn man etwa gar die Beschreibung des Todes und der Auferstehung des Christus Jesus als solche Stufen betrachten wollte, so würde man damit zeigen, daß man sich nicht klar darüber ist, daß durch die Kraft, welche schon in dem lebenden Christus war, die Auferstehung geschehen ist; daß das nicht ein Initiationsakt ist, daß der Christus Jesus nicht auferweckt worden ist durch einen anderen Initiierten, sondern durch die göttliche Kraft, welche von außerhalb der Erde herstammt, durch die Kraft, die ihm mitgeteilt worden ist durch die Johannes-Taufe. Damit war schon die Auferstehung gegeben bei dem Christus, wogegen der Akt, den man bei anderen Initiierten Auferstehung nennen kann, durch die Taten und Aufschlüsse eines älteren Initiierten geschehen mußte.
[ 31 ] Darin liegt der Grund, warum ich Ihnen in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», das vor mehr als zehn Jahren geschrieben worden und bald darauf erschienen ist, die Sache so darstellen mußte, daß man es ungefähr wie folgt zusammenfassen kann: Da lebte der Christus auf der Erde. In diesem Christus-Leben haben verschiedene Vorgänge stattgefunden. Wie beschreibt man nun diese Vorgänge? Man beschreibt sie am besten so, daß man erzählt dasjenige, was ein alter Initiierter durchgemacht hat. Das, was die alten Initiierten durchgemacht haben in ihren Mysterienschulen, hat sich bei dem Christus als historische Tatsache von selber entwickelt. Daher konnten die Evangelisten die alten Einweihungsbücher benützen, nicht aber um eine Initiation des Christus zu beschreiben, sondern um eine Biographie desselben zu schreiben. — Das ist der Nerv der Beweisführung in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache».
[ 32 ] Am meisten mißverstehen kann man das Christus-Leben, wenn man von dem Christus nicht als von einem Initiierten spricht, sondern die Vorgänge der Initiation auf das Christus-Leben so anwendet, als wenn das Christus-Leben während der Erdenentwickelung eine Initiation durchgemacht hätte. Das wäre der größte Fehler, den man begehen könnte. Wer davon spricht, daß das Christus-Leben irgendwie als Initiation zu erklären ist, der begeht den größten Fehler gegen den Geist des Christentums. Ein solcher würde das Christentum so auffassen, wie wenn sein Stifter nicht ein Initiierter schon gewesen, sondern erst geworden wäre, wie wenn man Initiationsvorgänge für das Christus-Leben zu beschreiben hätte.
[ 33 ] Daher ist es notwendig, daß, wenn man von dem Christus-Leben spricht, man immer sehr deutlich macht, daß die Ausdrücke, die gebraucht werden, niemals in demselben Sinne verwendet werden dürfen wie bei der alten oder irgendeiner anderen Initiation, sondern in absolut physisch-irdischem Sinne, als sich auf eine Historie außerhalb der Initiation beziehend.
[ 34 ] Das ist außerordentlich wichtig, und es kann nicht genug betont werden, daß dieses so außerordentlich wichtig ist; denn der größte Fehler, den man in der Tat machen kann, ist der, wenn man übersieht, was jetzt ausgesprochen worden ist, und wenn man von einer Christus-Initiation nicht in dem Sinne spricht, wie es in dem Zyklus «Vor dem Tore der Theosophie» oder in den Vorträgen über das Johannes-Evangelium dargestellt wurde, sondern so, daß man das Christus-Leben in die Form einer Initiationserzählung kleidet. Dadurch würde man jeder vernünftigen Interpretation der Evangelien von vornherein widersprechen. Der Nerv der Evangelien würde damit ganz und gar nicht getroffen sein, und es würde auch nicht getroffen sein das, was der Okkultismus über dieses Christus-Leben zu sagen hat. Halten wir uns das nur ja recht vor Augen, daß wenn wir von anderen Religionsstiftern sprechen, wir so sprechen müssen, daß sie Initiierte geworden sind und daß wir Gründe haben, ihr Leben so zu fassen, daß wir die Initiation zu ihrem Leben hinzurechnen; daß wir aber das Christus-Leben so darzustellen haben, daß in dieses Christus-Leben, während es auf der Erde verläuft, trotzdem es die göttlichen Offenbarungen zu machen hat, nicht hereinleuchtet irgend etwas, was selber ein Initiationsvorgang wäre.
[ 35 ] Christus war Initiator. Sie brauchen nur in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» den Abschnitt zu lesen über die wahre Bedeutung des Lazarus-Wunders. Da werden Sie finden, daß es eine Initiation ist, die Christus da vollführt hat. Er selber konnte initiieren; aber man kann in demselben Sinne, wie man davon sprechen muß, daß Lazarus von dem Christus initiiert wurde, nicht sagen, daß der Christus auf der Erde initiiert worden ist. In demselben Sinne kann man das nicht sagen. Anstelle der Initiation steht die JohannesTaufe im Jordan. Wenn die Johannes-Taufe aber der entsprechende Initiationsakt wäre, dann würde sie anders geschildert werden; dann würde sie so geschildert werden, daß der Christus als der zu Initiierende vor uns stünde und ein weit erhabenerer Initiator die Initiation ausführte. Das Werkzeug ist aber kein höherer Initiator, sondern Johannes der Täufer, der nach den Tatsachen nicht höher gestellt werden darf als der Christus Jesus gestellt wird. Es ist oftmals geschehen, daß man gerade diesen Fehler gemacht hat. Für das Verhältnis des Menschen zum Christentum aber, für das richtige Verständnis des Christentums, wird dieser Fehler immer außerordentlich verhängnisvoll werden. Man sollte es deshalb auch vermeiden, davon so zu sprechen, als wenn der Christus durchgegangen wäre etwa durch eine Stufe der Geburt, der Kindheit oder der Taufe oder der Verklärung oder der Erweckung in demselben Sinne, wie ein anderer Initiierter durch solche Stufen durchgegangen ist. Denn in dem Augenblicke, wo man in derselben Weise auf den Christus die Ausdrücke Geburt, Taufe, Verklärung, Himmelfahrt anwendet, hat man das Christentum total mißverstanden.
[ 36 ] Dies alles zu verstehen ist notwendig, wenn Sie sich die Frage beantworten wollen, wie gerade der Christus-Impuls dazu kam, den Menschen die Ich-Erinnerung aus dem gewöhnlichen Erdenleben hineintragen zu lassen in das Leben der übersinnlichen Welten.
[ 37 ] Ich bitte Sie jetzt, ins Auge zu fassen, klar ins Auge zu fassen, daß ich heute versuchte Ihnen zu zeigen, wie die Begegnung geschieht mit dem Tode und mit Luzifer, wie dadurch der okkultistische Aspirant in eine trostlose Situation gebracht wird, wie er aus dieser trostlosen Situation sich nur herausbringen kann, wenn er die Erinnerung an den Ich-Gedanken zu behalten vermag. Und auch den Hinweis halten Sie fest, daß die größte Hilfe für die Gegenwart zur Behaltung des Ich-Gedankens darin besteht, daß der Mensch sich während des Erdenlebens in ein Verhältnis gesetzt hat zu dem Christus-Impulse.
[ 38 ] Halten Sie auch fest, daß ich angefangen habe, zur Begründung dieser Tatsache zu erklären, daß das Christus-Leben anders ist als das Leben eines anderen Initiierten, daß Christus gleich von vornherein als ein solcher auftrat, daß wir zwar seine irdischen Taten geschildert erhalten, daß uns aber nicht mitgeteilt wird, er wäre beeinflußt gewesen von einem Daimonion wie Sokrates, oder er hätte unter dem Bodhibaum gesessen wie Buddha, oder Gesichte gehabt wie Mohammed. Das alles würde unmöglich machen, den Christus zu verstehen.
[ 39 ] Wie gerade der Christus-Impuls das Mittel wird für den okkultistischen Aspiranten, mit dem Ich-Gedanken hinüberzuleben in die geistige Welt und nicht erstorbene Gedanken zu haben, und wie die übersinnliche Welt sich ausnimmt, sobald man sie mit diesem Ich-Gedanken betritt, davon werden wir dann morgen sprechen.
