Der Mensch im Lichte von
Okkultismus, Theosophie und Philosophie
GA 137
9 Juni 1912, Oslo
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Es war ein Teil des sogenannten Mysterium magnum, das wir berühren mußten am gestrigen Tage, und es wird sich vielleicht für manchen von Ihnen eine gewisse Schwierigkeit ergeben haben, es gerade von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten, den wir da ins Auge fassen mußten, um mit allen Einzelheiten gut zurechtzukommen. Aber die Welt ist einmal kompliziert, und es geht wirklich nicht anders, wenn man Verlangen trägt, zu gewissen höheren Erkenntnissen aufzusteigen, als daß man auch die Mühe nicht scheut, manche kleine Schwierigkeit mit in Kauf zu nehmen.
[ 2 ] Wenn wir uns noch einmal vergegenwärtigen, übersichtlich und zusammenfassend, was wir unter diesem großen Mysterium zu verstehen haben, so ist es ja auf der einen Seite gewesen die Dreigliedrigkeit des Menschen, oder eigentlich, noch besser gesagt, die Zusammensetzung des Menschen aus drei Menschen von je sieben Gliedern, so daß wir unterscheiden können einen oberen Menschen, einen mittleren Menschen und einen unteren Menschen. Diese drei Menschen erscheinen uns, wenn wir durch die Welt wandern und unsere Erlebnisse haben, innig miteinander verbunden. Das gewöhnliche Bewußtsein unterscheidet diese drei Menschen nicht voneinander. Das war die eine Seite. Die andere Seite des großen Mysteriums ist die, daß in dem Augenblicke, wo der Mensch sich erhebt aus seinem gewöhnlichen Erdenbewußtsein heraus zu einem Bewußtsein höherer Art, er sofort vor der Tatsache steht, die ja auch ausgeführt wurde in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»: daß er dann ein Zerreißen seines Bewußtseins in drei Teile, ein Auseinandergerissenwerden seines ganzen Menschen gewärtigen muß, nämlich in einen denkenden Menschen, in einen fühlenden Menschen und in einen wollenden Menschen. Aufgeteilt in diese drei inneren Seelenwesen fühlt sich der Mensch gleichsam, wenn er zu einem höheren Bewußtsein aufsteigen will. Auf der einen Seite haben wir also den dreimal siebengliedrigen Menschen, auf der anderen Seite haben wir bei einem Überschreiten des gewöhnlichen Bewußtseins sofort eine Dreiteilung dieses unseres Bewußtseins, so daß der Mensch, der als okkulter Aspirant zum Hellseher wird, wie Sie aus dem erwähnten Buche wissen, mit aller Gewalt sich anstrengen muß, daß er zusammenhält die drei Glieder seines Bewußtseins, damit er innerlich-seelisch nicht auseinanderfällt. Ein innerliches Verhängnis wäre es, wenn er auseinanderfiele. Während wir also im gewöhnlichen Leben fortwährend versucht sind, das, was dreifach ist, die menschliche Natur, in eine Einheit, in eine einzelne menschliche Gestalt zusammenzuschließen, ist es gegenüber unserem Inneren, gegenüber unserem Seelenleben so, daß wir in dem Augenblicke, wo wir nur irgendwie unser Bewußtsein überschreiten, ‘sogleich darauf hingewiesen werden, daß wir ein dreifaches Wesen sind, hingewiesen werden darauf, daß uns Gefahr droht, im innersten Seelenleben in drei Menschen auseinandergerissen zu werden.
[ 3 ] Verstehen, wie die Dinge sich eigentlich verhalten, werden wir am besten, wenn wir zunächst ganz elementar noch einmal unseren Ausgangspunkt nehmen von dem, was zwar das alltägliche Leben darbietet und dem okkulten Aspiranten deutlich gemacht wird, was sich aber die Menschen in diesem gewöhnlichen äußeren Leben eigentlich durchaus nicht klarmachen. Schon im gewöhnlichen Leben weisen die drei Seelenkräfte des Menschen, die man auch im gewöhnlichen Leben unterscheidet, oder besser gesagt, die einzelnen Eigenschaften des Bewußtseins selbst im Laufe des Lebens deutlich auf das hin, was wir gestern als den dreigliedrigen Menschen kennengelernt haben.
[ 4 ] Schauen Sie sich einmal den Menschen an, wie er im alltäglichen Leben vor Ihnen steht. Was muß denn, damit das alltägliche Bewußtsein zustande kommt, eigentlich stattfinden? Damit das alltägliche Bewußtsein zustande kommt, das Bewußtsein, das Sie als denkende Erdenmenschen hauptsächlich mit sich herumtragen, dazu ist notwendig, daß die äußeren Eindrücke auf Ihre Sinne wirken können. Die Sinne sind hauptsächlich, insofern sie uns von dem Erdenleben unterrichten, im Kopfe fixiert, und der Inhalt des Bewußtseins, das, was in dem Bewußtsein drinnen ist, rührt zunächst hauptsächlich von diesen Sinnen her.
[ 5 ] Wenn Sie von den drei Menschen, die wir gestern kennengelernt haben, den oberen Menschen nehmen, so werden Sie sich sagen: Die Eindrücke des Tages, des gewöhnlichen Bewußtseins, geschehen vorzugsweise auf den oberen Menschen, auf den Kopfmenschen. Die machen sich dadurch geltend, daß der Mensch imstande ist, diesen Eindrücken des äußeren Bewußtseins, wenn sie auf ihn wirken, das Instrument seines Gehirns, überhaupt seines ganzen Kopfes entgegenzustellen.
[ 6 ] Nun wird Ihnen eine leichte Überlegung zeigen, daß der Mensch, so wie er als Erdenmensch ist, keineswegs bloß Kopfmensch sein kann. Für die okkulte Betrachtung haben wir gestern gesehen, wie der Mensch auseinanderfällt in die drei Teile. Aber so wie der Mensch vor uns steht als Erdenmensch, muß der Kopf, damit er lebensfähig ist, unterhalten werden von den Substanzen und Kräften, welche fortwährend aus dem zweiten, dem mittleren Menschen in den Kopf hineingeschickt werden. Die Nahrungsstoffe müssen durch die Blutzirkulation aus dem mittleren Menschen in den Kopf fließen, müssen unterhalten das Gehirn; dann kann das Gehirn sich als ein Werkzeug den äußeren Sinneseindrücken entgegenstellen, und dann können namentlich die Gedanken und Vorstellungen infolge der äußeren sinnlichen Eindrücke im Menschen entstehen.
[ 7 ] Das, was da durch das Instrument des Gehirns entsteht, erlebt der Mensch in seinem gewöhnlichen Bewußtsein; und Sie wissen auch, daß dieses gewöhnliche Bewußtsein, wenn der Mensch schläft, aufhört, daß die äußeren Sinneseindrücke dann nicht mehr da sind, daß sie nicht mehr auf den Menschen wirken. Wenn der Mensch nun schläft und die äußeren Sinneseindrücke nicht mehr auf das von dem mittleren Menschen unterhaltene Gehirn wirken, dann geschehen natürlich noch immer Wirkungen von diesem mittleren Menschen auf den oberen, von dem zweiten Menschen auf den ersten, also auf dieses Gehirn. In diesem mittleren Menschen wird auch während des Schlafes die Atmung unterhalten; es werden ferner die anderen Tätigkeiten des mittleren Menschen unterhalten; das Blut wird ebenso, wenn der Mensch schläft, in sein Gehirn geleitet, wie wenn er wacht. Nur mit einem kleinen Unterschiede geschieht das im Grunde genommen.
[ 8 ] Ein Unterschied ist schon vorhanden in der Art und Weise, wie das Instrument des alltäglichen Bewußtseins durch den mittleren Menschen unterhalten wird im Wachen, und wie es unterhalten wird im Schlafen. Der Unterschied drückt sich zum Beispiel dadurch aus, daß während des Schlafes die Zahl unserer Atemzüge eine geringere, von etwa zwanzig auf fünfzehn heruntergesetzt ist, daß auch die Atmungsmenge der Kohlensäure ungefähr um ein Viertel geringer ist, und daß die ganze Art der Ernährungsweise sich während des Schlafes ändert. Wenn also unter Umständen die gewöhnliche Ernährungsweise des Menschen und ihre Wirkung im Schlafe fortdauern, so kann das sogar sehr schlimm sein. Das wissen die Menschen aus der Tatsache heraus, daß man nach einer reichlich genossenen Mahlzeit schlecht schläft, so daß also in der Tat das Gehirn durch eine unmittelbar vor dem Einschlafen reichlich genossene Mahlzeit in seiner Ruhe gestört wird. Es ist also schon ein Unterschied zwischen dem Schlafzustande und dem Wachzustande auch in der Art, wie der mittlere Mensch in den oberen Menschen hinaufwirkt.
[ 9 ] Nun fragen wir uns einmal: Was hat denn das zunächst zur Folge für den gewöhnlichen Erdenmenschen, daß dieser Unterschied eintritt?
[ 10 ] Daß der Mensch sich der äußeren Welt verschließt und nur in seinem leiblichen Inneren, in dem, was wir als die Gestalt des Menschen beschrieben haben, wirkt von dem mittleren Menschen nach dem oberen Menschen hin durch das, was an Kräften in dem mittleren Menschen vorhanden ist, das hat zur Folge, daß das gewöhnliche Alltagsbewußtsein ausgelöscht wird, daß der Mensch, obwohl er während des Schlafes sein Gehirn hat, die Wirkungen, die da geschehen von dem mittleren Menschen aus auf dieses Gehirn, eben nicht wahrnimmt, daß diese Wirkungen ausbleiben und eigentlich nur in dem vorhanden sind, was wir gewöhnlich das Traumbewußtsein nennen.
[ 11 ] Dieses Traumbewußstsein ist zwar sehr kompliziert, aber der Mensch kann sehr leicht, wenn er ein wenig nachdenkt, zu der Erkenntnis kommen, daß eine gewisse Klasse von Träumen durchaus mit dem zusammenhängt, was im mittleren Menschen vor sich geht, und davon herrührt, daß das Gehirn nicht bloß imstande ist, die äußere Welt wahrzunehmen, wenn die Sinneseindrücke auf das Gehirn wirken, sondern daß es auch in gewisser Weise imstande ist, das wahrzunehmen, was als Wirkungen aus dem mittleren Menschen in Form von Traumbildern, die allerlei Symbole annehmen, geschieht. Wenn im Herzen etwas in Unordnung ist, so kann das sehr leicht geträumt werden unter dem Symbole eines kochenden Ofens. Wenn in den Gedärmen etwas nicht in Ordnung ist, so wird häufig von Schlangen geträumt. Das Innere charakterisiert sich sehr oft so, daß der Traum auf das hinweist, was im Inneren des mittleren Menschen geschieht. Und wer mit der gewöhnlichen äußeren Wissenschaft auf diesen merkwürdigen Zusammenhang eingeht, der wird sich sagen können, daß Unregelmäßigkeiten, Irregularitäten des mittleren Menschen symbolisch in Traumbildern wahrgenommen werden.
[ 12 ] Es gibt ja auch, wie Sie durchaus wissen, Menschen, die in bezug auf Träume dieser Klasse noch viel weitergehende Erfahrungen machen; Menschen, welche das Herankommen von gewissen Krankheiten in ganz bestimmten symbolischen 'Traumbildern wahrnehmen können, so daß man oftmals den deutlichen Zusammenhang finden kann zwischen ganz regelmäßig wiederkehrenden 'Traumbildern symbolischer Art und einer später eintretenden Lungen-, Herz- oder Magenkrankheit und dergleichen.
[ 13 ] Ebenso wie es möglich ist, durch ein genaues Aufmerken beim Aufwachen wahrzunehmen, daß, wenn man von einem kochenden Ofen geträumt hat, manchmal das Herz schneller schlägt, was sich eben in dem kochenden Ofen ausdrückt, so können die Lungenkrankheiten, innere Unregelmäßigkeiten des Magens, überhaupt alle Krankheiten, die sich noch nicht als Krankheiten äußern, symbolisch in Traumbildern sich ankündigen. Wir können also sagen: Das menschliche Gehirn, oder besser des Menschen Seele, ist nicht nur empfänglich für äußere Eindrücke, die durch die Sinne vermittelt werden, sondern auch für das leibliche Innere des Menschen, nur mit dem Unterschiede, daß es da keine wahren Vorstellungen aufnimmt, sondern sich phantastisch-symbolische Vorstellungen von dem bildet, was im mittleren Menschen vor sich geht.
[ 14 ] Da haben wir schon ganz deutlich, wenn wir diese Tatsache ins Auge fassen, das Faktum gegeben, daß der Mensch träumend sich selbst wahrnimmt, daß er von sich sagen kann: In meinen Träumen schaue ich mich selber an. — Aber im Wahrnehmen während des Traumes weiß er das nicht; er nimmt sein Herz im Traume wahr, aber er weiß nicht, daß es sein Herz ist, das er wahrnimmt. Er nimmt einen kochenden Ofen, einen Gegenstand außerhalb seiner selbst wahr, das heißt, das, was in ihm ist, ist nach außen projiziert und stellt sich außerhalb des Menschen hin. Sie sehen also da ganz deutlich, daß der Mensch es im Traumbewußtsein nur mit seinem leiblichen Inneren zu tun haben kann und daß er durch dieses Traumbewußtsein auseinandergezerrt, auseinandergerissen wird.
[ 15 ] Das gewöhnliche Leben verläuft ja so, daß wir es in der Regel nur zu tun haben mit Wachen und Schlafen. Nun wissen Sie aber auch gerade aus dem Traume, daß nicht nur die Zustände des mittleren Menschen, sondern auch die Zustände des oberen, des Kopfmenschen selber wahrgenommen werden im Traume. Sie brauchen nur achtzugeben auf jene Träume, welche hervorgerufen werden durch die Unregelmäßigkeiten im Kopfe selber. Durch das, was als Unregelmäßigkeit im Kopfe selber wahrgenommen wird, nimmt sich im Traume also das Gehirn, oder besser gesagt die Seele mittels des Werkzeuges des Gehirns wahr. Es nimmt der obere Mensch sich selber wahr. Diese Träume haben immer etwas außerordentlich Charakteristisches. Wenn Sie einen Traum haben und Sie wachen auf mit irgendeinem Schmerz im Kopfe, so ist das so, daß der Traum eine symbolische phantastischbildhafte Wiedergabe Ihrer Kopfschmerzen ist. In der Regel werden solche Träume immer so sein, daß sie sich beziehen auf Unregelmäßigkeiten des Gehirnes selber, auf Unregelmäßigkeiten im oberen Menschen, und sie werden sich immer so ausnehmen, daß Sie dabei ins Weite hinausgeführt werden, daß Sie in einem großen Gewölbe oder in einer Höhle darinnen sind. Namentlich das Gewölbe über dem Menschen ist das Typische, das Charakteristische der Kopfschmerzträume. Irgend etwas wird darinnen krabbeln, oder Spinnengewebe werden da sein, oder Unreinlichkeiten werden an der Decke der Höhle sich befinden. Es kann auch ein Palast sein, den Sie da über sich wahrnehmen.
[ 16 ] Also der Mensch nimmt als oberer Mensch sich selbst wahr, aber er versetzt das Wahrgenommene wieder nach außen. Es ist da gleichsam so, daß der Mensch aus sich selber herausgeht und das, was in ihm ist, was in seinem Kopfe ist, nach außen versetzt. Also wiederum eine Art von Spaltung des Menschen, eine Art von Auseinanderzerrung, von Selbstverlieren, von Selbstauslöschung.
[ 17 ] Die Zustände, die ich Ihnen jetzt geschildert habe, sind eben ’Iraumzustände. Sie sind Zustände, welche Ihnen deutlich zeigen, wie der Mensch schon im Traumbewußtsein auseinanderfällt, wie die Einheit seines Bewußtseins, wie sein Ich-Bewußtsein nicht aufrechterhalten bleibt, und wie im Grunde genommen das, was als Traum auftritt, immer ein Spiegel, ein symbolisches Spiegelbild dessen ist, was innerhalb der Leiblichkeit des Menschen selber vorgeht.
[ 18 ] Nun handelt es sich aber darum, daß der okkultistische Aspirant tatsächlich nicht bloß von dem gewöhnlichen Wachbewußtsein zu einem Traumbewußtsein übergeht, das wäre nichts Besonderes, sondern daß er zu einem ganz anderen Bewußtseinszustande übergeht; daß er durch diejenigen Übungen, die charakterisiert worden sind in den früheren Stunden, durch die Unterdrückung des Verstandes, des Willens, des Gedächtnisses, von sich loskommt und zu einem ganz anderen Bewußtsein gelangt.
[ 19 ] Zum Verständnis dieses anderen Bewußtseins, das kein Traumbewußtsein ist, kann doch das Traumbewußtsein demjenigen dienen, der das hellseherische Bewußtsein gar nicht kennt. Dieses Verständnis ergibt sich in folgender Art. Wenn wir uns fragen: Was ist es hauptsächlich, was der Mensch von seinem leiblichen Inneren in den Traumzuständen wahrnimmt, so müssen wir antworten: Es ist das Schmerzhafte, das Unordentliche, es ist das, was als eine Unregelmäßigkeit im leiblichen Inneren vorgeht. Eine leichte Überlegung zeigt Ihnen, daß die gewöhnlichen, normalen Zustände des Inneren nicht wahrgenommen werden vom Traumbewußtsein. Wenn der Mensch ganz gesund ist als oberer und als mittlerer Mensch, wenn alles im Kopf und im mittleren Menschen in Ordnung ist, dann schlafen die Menschen auch ordentlich, dann kann man unter gewöhnlichen Umständen — ich bitte dieses Wort wohl zu beachten — nicht sagen, daß den Menschen etwas drängt, seinen ruhigen Schlaf durch Träume zu unterbrechen.
[ 20 ] Nun aber ist der Weg, den das höhere, das hellseherische Bewußtsein nehmen muß, auch ein solcher, welcher durch ähnliche Verhältnisse hindurchgeht wie das Traumbewußtsein. Nur wird dieses Durchgehen durch ähnliche Verhältnisse eben durch okkultistische Schulung erreicht; und es ist nicht anders, als daß der Mensch im Hellsehen zunächst sich dazu bringt, nicht bloß die äußeren, gewöhnlichen schmerzhaften Zustände seines leiblichen Inneren zu erkennen, sondern daß er zunächst dazu gebracht wird, die normalen Zustände seines leiblichen Inneren wahrzunehmen, die sich also dem gewöhnlichen Menschen beim ruhigen Schlafe entziehen. Diese Zustände lernt der Mensch zunächst als hellseherischer Aspirant kennen. Mit anderen Worten: er wird kennenlernen sein Gehirn, seinen Kopfmenschen, und er wird den mittleren Menschen kennenlernen, indem er lernt, ihn innerlich wahrzunehmen. In ähnlicher Weise, wie in bestimmten Träumen der schlafende Mensch seinen mittleren und seinen Kopfmenschen wahrnimmt, so wird der hellseherische Aspirant dazu kommen müssen, seinen mittleren und oberen Menschen kennenzulernen.
[ 21 ] Gehen wir einmal aus von dem mittleren Menschen. Wenn Sie den mittleren Menschen ins Auge fassen, so werden Sie sich gestehen müssen, daß in diesem mittleren Menschen eigentlich nichts da ist, was im besonderen unmittelbar an die Außenwelt weist. Im Kopfe sind es die Augen und die anderen Sinnesorgane, die unmittelbar an die Außenwelt weisen. Der mittlere Mensch hat zwar, weil der Tastsinn über . die ganze Haut ausgedehnt ist, auch die Möglichkeit, mit der äußeren Welt in Beziehung zu treten; aber diese Wahrnehmung der äußeren Welt durch den mittleren Menschen ist wirklich eine geringfügige gegenüber der Erkenntnis der äußeren Welt, die wir durch den Kopfmenschen gewinnen. Diese Wahrnehmung hat nicht viel Bedeutung, und selbst die Wärme, die auf den mittleren Menschen wirkt, hat eigentlich als Wahrnehmung die größte Bedeutung doch nur für das innere Erleben des Menschen, für sein inneres Befinden. So haben wir den mittleren Menschen als ein in sich geschlossenes Wesen, das innere Vorgänge hat, welche ihm das Allerwichtigste sind, die aber wenig Bedeutung haben für das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt.
[ 22 ] Aber wenn Sie sich fragen, ob denn dieser innere Mensch nicht vielleicht einen der Erkenntnis des gewöhnlichen Bewußtseins sich entziehenden Zusammenhang hat mit der äußeren Welt, da werden Sie gleich darauf kommen, daß dieser innere mittlere Mensch ebenfalls einen ganz beträchtlichen Zusammenhang hat mit der äußeren Welt. Es hängt alles davon ab, daß dieser mittlere Mensch angepaßt ist den Erdenverhältnissen. Er muß die Erdenluft atmen, er muß die Stoffe, welche auf der Erde gedeihen, zu seiner Ernährung haben. Der mittlere Mensch und die Erde gehören auf diese Weise zusammen. Wären nicht diejenigen Stoffe im Umkreise des Erdendaseins vorhanden, welche notwendig sind, das Leben des mittleren Menschen zu unterhalten, so könnte dieser mittlere Mensch so nicht sein, wie er ist. Wäre nicht die Atmungsluft ihm zur Verfügung, dieser mittlere Mensch könnte nicht so sein, wie er ist. Wir müssen also sagen: Dieser mittlere Mensch ist etwas, was wir notwendig rechnen müssen zu unserem Erdendasein, rechnen müssen ganz zu dem, was die Erde dem Menschen geben kann.
[ 23 ] Aber nicht allein darum handelt es sich, was die Erde dem Menschen geben kann. Die Erde könnte nämlich lange da sein, und der mittlere Mensch könnte doch nicht bestehen. Wenn dieser Erde nicht zu Hilfe käme die Sonne und das, was der mittlere Mensch braucht, auf der Erde reifen und gedeihen ließe, dann könnte der mittlere Mensch nicht bestehen. Denken Sie sich doch nur einmal, daß dieser mittlere Mensch von der Erde seine Nahrungsstoffe nimmt, und daß diese Nahrungsstoffe neben der Luft das Wesentliche sind, von dem er unterhalten wird, daß aber alles, was eigentlich an Nahrungsstoffen vorhanden ist, von der Einwirkung der Sonne auf die Erde abhängt. Es wird also dasjenige, was da einzieht in den Menschen, von der Sonne im Erdenumkreis hervorgerufen. Kurz, wir haben es, wenn wir den mittleren Menschen betrachten, nicht etwa bloß unmittelbar mit einer Einwirkung der Erde auf den Menschen zu tun, sondern mittelbar mit einer Einwirkung der Sonne auf den Menschen. Ohne das die Erde umleuchtende physische Sonnenlicht würde der mittlere Mensch nicht bestehen können. Was in diesem mittleren Menschen ist, ist in ihn hineingekommen durch die Arbeit des Sonnenlichtes an der Erde.
[ 24 ] Sehen Sie, diese bedeutungsvolle Tatsache, daß dieser mittlere Mensch eigentlich eine Wirkung des Sonnenlichtes ist, drückt sich darin aus, wenn der okkultistische Aspirant hellseherisch wird, das heißt, nicht bloß ein Traumbewußtsein, sondern ein hellseherisches Bewußtsein entwickelt, daß, während beim Träumen Bilder entstehen, die innere Unregelmäßigkeiten ausdrücken, beim hellseherischen Aspiranten die Bilder, die er empfängt, das ausdrücken, was die Sonne in dem mittleren Menschen tut; das ganz Ordentliche, Regelmäßige zunächst, was die Sonne an dem mittleren Menschen tut. Wenn der okkultistische Aspirant hellseherisch wird und in ihm auflebt die Wahrnehmung seines regelmäßigen eigenen Inneren, dann steht er vor dem flutenden Licht, dann hat er um sich das flutende Licht. Wie die Bilder von den inneren Unregelmäßigkeiten den Träumenden umgeben, so umgeben flutende Lichterscheinungen denjenigen, welcher okkultistischer Aspirant ist; es ist zunächst die Wahrnehmung der Sonnenwirkung in seinem eigenen Inneren, die bei ihm auftritt.
[ 25 ] Jetzt vergleichen Sie das gewöhnliche äußere Bewußtsein mit diesem eigentümlichen Bewußtsein, das da in dem Hellseher entsteht. Wenn der Mensch als oberer Mensch hinschaut auf die Gegenstände der Erde, dann schaut er diese Gegenstände an — im wesentlichen ist ja wohl die Gesichtsvorstellung vorherrschend im Leben — durch das von den Gegenständen zurückgeworfene, ihm zurückflutende Sonnenlicht. Im äußeren Bewußtsein schaut der Mensch das äußere Sonnenlicht an, wie es ihm zurückgeworfen wird von der äußeren Erde. Was das äußere Sonnenlicht äußerlich an den Dingen der Erde tut, das nimmt das äußere, das alltägliche Bewußtsein des Erdenmenschen wahr. Was das Sonnenlicht an ihm selber tut, was es tut, indem es seinen mittleren Menschen möglich macht, was es tut, indem es hineindringt in den mittleren Menschen mit seiner Wirksamkeit, das erscheint als flutendes Licht vor dem Menschen, wenn er okkultistischer Aspirant wird. Er sieht die Sonne in sich selber in genau derselben Weise, wie er die Sonne äußerlich sieht, wenn der Tag beginnt und solange der Tag dauert. Und wie er die Gegenstände um sich herum sieht, indem das Sonnenlicht zurückgeschickt wird von den äußeren Gegenständen, so sieht der okkultistische Aspirant das Sonnenhafte, wie es ihm von seinem eigenen Inneren zurückgegeben wird, wenn er zu einer gewissen Stufe des Hellsehens gelangt ist. Es ist gleichsam die Gestalt seines mittleren Menschen, die sich in ihrer Durchleuchtetheit zeigt. Das ist das eine.
[ 26 ] Wenn Sie zurückgehen würden in das Altertum und sich unterrichten ließen in den mancherlei alten Mysterienschulen über das, was die okkultistischen Aspiranten zunächst durchgemacht haben, so würden Sie erfahren, daß das, was eben charakterisiert worden ist, zu dem wesentlichen in diesen alten Mysterienschulen gehört hat. Sie würden erfahren, daß der okkultistische Aspirant gelernt hat, die Sonne auf dem Umwege durch den eigenen mittleren Menschen wahrzunehmen, gelernt hat, dasjenige wahrzunehmen, was von den Wirkungen der Sonne fortdauert, auch wenn der Mensch im Schlafe ist, was aber während des Wachbewußtseins sich ihm entzieht, weil seine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch genommen wird durch das äußere Bewußtsein. Wie der Mensch ist als Sonnenwesen, das wurde dem okkultistischen Aspiranten klargemacht durch eine bestimmte Stufe der Mysterieneinweihung. So lernte er an seiner Selbsteigenheit das Sonnenwesen kennen, lernte kennen, wie die Sonne nicht bloß äußerlich in dem von den Gegenständen zurückgestrahlten Lichte wirkt, sondern wie sie wirkt in der menschlichen Leibesform selber.
[ 27 ] Aber auch das andere muß der okkultistische Aspirant, der angehende Hellseher, finden lernen; nämlich dasjenige, was sich vergleichen läßt mit den Gehirnträumen, mit den Träumen, die unregelmäßige, unordentliche Gehirnzustände wiedergeben, wo der Mensch, wie ich Ihnen gesagt habe, charakteristisch, typisch immer Symbole wahrnimmt, wie zum Beispiel als wenn er in einer Höhle oder in einem Palaste wäre, kurz, wie wenn sich über ihm etwas wölbte, in das er hineinblicken kann. Wenn der okkultistische Aspirant dazu geleitet wird, nicht nur wahrzunehmen die Zustände seines mittleren Menschen, sondern die Zustände seines oberen Menschen, insofern er gestaltet ist, die Zustände im Inneren des Kopfmenschen, da tritt niemals dasselbe auf wie bei den Wahrnehmungen des mittleren Menschen. Da tritt vielmehr dasjenige auf — ich erzähle Ihnen hier einfach eine Tatsache —, was wie eine regelmäßige Erweiterung, wie eine ganz richtige Erweiterung des Gehirnreiztraumes erscheint, nur daß es vollbewußt erlebt wird. Was der Mensch wahrnimmt, wenn er alle Sinnesorgane geschlossen hat, wenn er nichts Äußerliches wahrnimmt und sich nur innerlich mit hellseherischem Bewußtsein auf sich selbst, auf den oberen, den Gehirnmenschen richtet, das ist tatsächlich der gestirnte Himmel, irgendein Anblick des gestirnten Himmelsgewölbes.
[ 28 ] Das war der große Moment im Leben der okkultistischen Aspiranten, namentlich in den alten Mysterien — inwieweit sich das änderte für das neue Mysterienwesen, werden wir noch erfahren —, daß er wahrnahm sein eigenes Inneres, insofern dieses Innere in der menschlichen Form zum Ausdruck kommt, beim oberen Menschen als Himmel mit leuchtenden Sternen; daß er so in die weite Welt hinaussah, obwohl er keinen Sinn offen hatte, und dennoch das Bild des Sternenhimmels da war. Und der allergrößte Moment war dieser, wenn der okkultistische Aspirant beobachtete, nicht was sozusagen an der oberen Oberfläche seines Kopfes ist, sondern wenn er von dem oberen Menschen, von dem Kopfmenschen aus nach dem mittleren Menschen hinunterschaute; wenn er zugleich wahrnahm, ohne irgendeinen seiner Sinne zu öffnen, dasjenige, was die untere Fläche des Gehirnes ist, und diese von dem mittleren Menschen durchstrahlt sah. Da nahm der Mensch in voller Dunkelheit, weil seine Sinne geschlossen waren, denn er war in bezug auf das Äußere wie ein schlafender Mensch, gleichsam innerlich nach unten schauend, die Sonne in der Nacht, inmitten der dunklen Fläche des Himmels wahr. Das ist das, was man in den antiken Mysterien nannte: Die Sonne um Mitternacht schauen —, das heißt, das flutende Sonnenlicht innerhalb der im Verhältnis zur Sonne in ihrer Wirkung viel kleiner sich ausnehmenden Sterne. Das waren bedeutungsvolle Marksteine im Leben des okkultistischen Aspiranten.
[ 29 ] Wenn nun der okkultistische Aspirant so weit war, dann konnte er sich etwas ganz Bestimmtes sagen. Er konnte sich sagen: Ja, so wie ich das flutende Sonnenlicht, also die Sonne durch mich selber wahrnehme, wenn ich auf meinen mittleren Menschen schaue, so kann ich ebenso, weil es die reale Sternenwirkung ist, durch den oberen Menschen den Himmelsraum mit seinen Sternen sehen. Daß ich die Sterne sehe und nicht etwa völlige Finsternis vorhanden ist, das rührt davon her, daß das Gehirn angepaßt ist an die Sterne, so wie mein mittlerer Mensch an die Sonne angepaßt ist. — So entstand die Erkenntnis für den Aspiranten, daß ebenso wie der mittlere Mensch von der Sonne unterhalten wird, wie sein ganzes mittleres Wesen mit der Sonne zusammenhängt, also zur Sonne gehört, der obere Mensch, der Gehirnmensch, zusammenhängt mit der ganzen Welt und ihren Sternen.
[ 30 ] Wenn der okkultistische Aspirant dieses in sich erfahren hatte, dann konnte er hinausgehen zu denjenigen, die nur das Tagesbewußtsein besaßen, aber dennoch aus ihren inneren Bedürfnissen, aus der Sehnsucht der Seele heraus den Drang hatten, ein Verhältnis zu gewinnen zu einem über den Erdenmenschen Hinausreichenden. Mit anderen Worten: Es konnte der okkultistische Aspirant hinausgehen zu dem religiös gestimmten Menschen, der solche Zusammenhänge mit der Welt irgendwie empfinden konnte, und ihm sagen: Der Mensch ist nicht bloß, so wie er auf der Erde steht, ein Wesen, welches dieser Erde angehört, sondern ein Wesen, welches teilweise durch die Brust und den Unterleib zusammengehört mit der Sonne, und welches zusammengehört als Kopfmensch mit dem ganzen Weltenraum. — Und dann verwandelte sich dasjenige, was der okkultistische Aspirant dem religiös gestimmten Menschen verkündigen konnte, bei diesem in Andacht, in Gebet.
[ 31 ] Je nachdem die Stellung bei dem einen oder anderen Teil der Menschen war, zu denen die okkultistischen Aspiranten als Religionsstifter kamen, konnten diese mehr von dem einen oder mehr von dem anderen sprechen. Zu denjenigen Menschen, die mehr veranlagt waren, ihr Wohlbefinden, das den inneren Menschen angeht, als ein gewisses irdisches Glück zu empfinden, zu den Menschen also, welche sozusagen vorzugsweise ihre Erdenstimmung abhängig machten von dem leiblichen Wohlbefinden des mittleren Menschen, konnten die okkultistischen Aspiranten als Religionsstifter sagen: Das, was da euer Wohlbefinden ausmacht, hängt ab von dem Sonnenwesen. — Diese Menschen wurden dann, durch den Einfluß der okkultistischen Aspiranten, die Anhänger einer Sonnenreligion. Sie können sich überzeugen: Überall über den Erdboden hin, wo Menschen von der eben charakterisierten Art vorhanden waren, bei denen es vorzugsweise darauf ankam, daß man sie aufmerksam machte auf dasjenige, was ihr inneres Wohlbefinden bedingte, entstanden Sonnenreligionen.
[ 32 ] Es ist eine leere Phantasterei einer verhängnisvollen phantastischmaterialistischen Wissenschaft, wenn man glaubt, daß die Menschen ohne weiteres darauf gekommen wären, die Sonne anzubeten. Die Art, wie die gewöhnliche äußere materialistische Wissenschaft davon spricht, daß dieser oder jener Teil der Menschen Sonnenanbeter geworden sind, gehört eben zu den Phantastereien der materialistischen Wissenschaft. Es ist durchaus zu Unrecht, wenn die heutigen materialistisch gesinnten Menschen den 'Theosophen einen gewissen Hang zur Phantasterei vorwerfen und sich selbst nur Realismus zuschreiben. Im großen und ganzen können wir sagen, daß es dem Materialismus durchaus nicht an phantastischen Anlagen fehlt, wenn er zum Beispiel erklären will, daß gewisse Menschen einmal Sonnenanbeter geworden sind. Da phantasiert er sich irgend etwas zusammen und denkt sich die Sache so, daß die Menschen durch diese oder jene Umstände, man weiß nicht aus welchem Drange heraus, darauf verfallen seien, die Sonne anzubeten. In Wahrheit verhält es sich so, daß die eingeweihten Menschen, die okkultistischen Aspiranten, bei gewissen Bevölkerungen gewußt haben: Wir haben es hier mit solchen Menschen zu tun, die vorzugsweise die Tugend des Starkmuts, des Mutes, der Tapferkeit, kurz, alles das ausbilden, was zusammenhängt mit dem mittleren Menschen; sie müssen wir lehren, daß tatsächlich im Übersinnlichen geschaut werden kann, daß dieser mittlere Mensch ein Ergebnis der Sonnenwirkung ist. — Und diese okkultistischen Eingeweihten haben dann die Menschen, in denen der mittlere Mensch vorherrschte, abgelenkt von dem bloßen Wohlbefinden, dem bloßen In-sich-Leben und haben ihn hingewiesen zur Andacht, die religiös hinaufschaut zu dem Ursprungswesen dieses mittleren Menschen. Sie haben diesen Menschen zur Sonnenanbetung hingewiesen.
[ 33 ] Wie der Materialismus zur Phantasterei veranlagt ist, das kann man an diesem Beispiel sehen. Man kann es aber auch an anderen Beispielen klar bemerken. Wir haben zum Beispiel mancherlei Beschreibungen gelesen über unseren Münchener Bau, die durch eine Indiskretion in die Zeitung gekommen sind, und der materialistische Mensch der Gegenwart hat sich nun Vorstellungen darüber gemacht, was und wozu das alles sein könnte. Da konnte man sich wahrhaft davon überzeugen, daß Phantasie durchaus eine Eigenschaft des heutigen Menschen ist: Wenn es darauf ankommt, über bestimmte Dinge, über die man nichts weiß, doch zu reden, dann ist der materialistische Mensch nicht verlegen, alle möglichen Phantastereien zur Erklärung herbeizurufen. So ist es im gewöhnlichen Leben, so ist es aber auch in der Wissenschaft. Die Mehrzahl der Erklärungen der materialistischen Wissenschaft sind leere Phantasien; namentlich aber ist es Phantasie, wenn durch die materialistische Wissenschaft versucht wird, etwas über die Sonnenanbetung auszusagen oder zu erklären.
[ 34 ] Wenn aber Menschen auf der Erde waren, die weniger Veranlagung hatten, den mittleren Menschen auszubilden, die also mehr zum Denken, zum Vorstellen, zum Leben des oberen Menschen veranlagt waren, da kam etwas anderes in Betracht. Da kam in Betracht, daß die Okkultisten, die als Religionsstifter hinausgingen in die Welt, die Menschen aufmerksam machten darauf, wo der Ursprung dessen liegt, was ihr Werkzeug ist, um Gedanken zu hegen, um in Gedanken, in Vorstellungen zu leben. Und sie sagten zu ihnen: Wenn ihr eine Vorstellung darüber haben wollt, da ihr nicht selber hineinschauen könnt in die übersinnlichen Himmelswelten — das wurde natürlich nicht so gesagt, aber ich füge es hier bei —, so habt ihr den äußeren Abglanz davon, wenn ihr während der Nacht wach bleibt und in Andacht hinaufblickt in den sternenbesäten Himmel.
[ 35 ] Die eigentliche Sternanbetung, die Anbetung der Nacht, wie man auch sagen kann, weil vielfach die Sache so eingekleidet wurde, daß man anstelle des Sternenhimmels die Nacht setzte, wurde herrschend bei denjenigen Völkern, die denkender Natur waren. Für die denkenden, für die grübelnden Völker des Altertums wurden solche Religionen begründet, durch die ihnen gezeigt worden ist, wo der Ursprung liegt des Instrumentes ihres Denkens, des oberen Menschen. Und viele von den Namen, welche die urältesten Götter gewisser Völker führen, müssen einfach übersetzt werden in die neueren Sprachen mit dem Worte: die Nacht. Die Nacht, wie sie geheimnisvoll als Mutter der Sterne erscheint, wie sie die Sterne aus sich hervorgehen läßt, die Nacht wurde angebetet, weil die okkultistischen Eingeweihten in der Tat wußten, daß das Instrument des Gehirns wirklich und wahrhaftig ein Ergebnis der sternenbesäten Nacht ist.
[ 36 ] So hat man auch vielfach für diejenigen Völker, welche Sonnenanbeter wurden, nicht nur auf die Sonne selbst hingewiesen, sondern wie man von den Sternen auf die Mutter Nacht hingewiesen hat und viele uralte Worte für uralte Götter eben mit «Nacht» übersetzt werden müssen, so hat man bei der Sonne auch vorzugsweise darauf aufmerksam gemacht, daß sie den Tag bewirkte, den Tag machte. Und die Folge davon ist, daß viele Worte bei denjenigen Völkern, die im wesentlichen die höchste göttliche Macht in der Sonne anbeten, für die Sonnenanbetung mit «Tag» zu übersetzen sind.
[ 37 ] Wir können also mit einem gewissen Rechte sagen: Je nachdem sich die Menschen empfanden als starkmütige, mutige, kriegerische Völker, finden wir sie vorzugsweise als Sonnenanbeter oder Taganbeter, weil ihre Eingeweihten sie zum Zwecke der Andacht nach der Sonne, dem Tagwesen verwiesen. Die denkenden, die grübelnden Völker hingegen finden wir als Nacht- und Sternenanbeter, weil ihre Eingeweiihten sie dahin verwiesen haben.
[ 38 ] Aber es gibt auch noch andere Völker. Es gibt Völker, welche die Eigenschaft nicht hatten, daß bei ihnen so ganz auseinanderfielen Tagbewußtsein und Nachtbewußtsein, man kann auch sagen: Bewußtsein und Bewußtlosigkeit. Wenn wir in die alten Zeiten zurückgehen, so finden wir vielfach Völker — das wissen Sie aus den anderen theosophischen Vorträgen —, welche sich durchaus mittlere oder Zwischenzustände des Bewußtseins, also ein altes Hellsehen bewahrt hatten; Völker, welche nicht nur abwechselnd zwischen Tag und Nacht in Bewußtsein und Bewußtlosigkeit lebten, sondern welche Bewußtheit des "Tages und Bewußtlosigkeit der Nacht zusammen in einer Art Halbbewußtsein als altes hellseherisches Bewußtsein hatten.
[ 39 ] Für diese Völker war ein dritter Bewußtseinszustand vorhanden. Diese Völker hatten dadurch aber auch eine Ahnung, daß tatsächlich ein Zusammenhang besteht zwischen dem Menschen und etwas, was außerhalb des Irdischen ist. Aus welchem Grunde waren diese Völker nun so veranlagt? Diese Völker hatten auch in ihrer Gestalt, in dem äußeren Menschen, in ihrer äußeren Leiblichkeit eine ganz bestimmte Eigenschaft. Diese Menschen, welche mit dem alten Hellsehen behaftet waren — in alten Zeiten und in den uralten Zeiten waren es ja fast alle Menschen über die ganze Erde hin —, hatten die Eigentümlichkeit, daß sie in gewissen Bewußtseinszuständen wahrnehmen konnten ihren Symmetriemenschen, aber nicht als Symmetriemenschen selber, sondern so, daß dieser mittlere Mensch in seiner Wirksamkeit auf den oberen, auf den Gehirnmenschen erschien.
[ 40 ] Wenn Sie sich nämlich ein Bild machen wollen von dem, was da stattgefunden hat bei einem solchen Hellsehen, dann stellen Sie es sich als Bild des mittleren Menschen im Gehirn vor. Beim gewöhnlichen, normalen Erdenleben ist es so, daß die äußeren Sinneseindrücke auf das Gehirn wirken und daß das Gehirn die Bilder zurückwirft, also seine eigene Wesenheit den äußeren Bildern entgegensetzt. Es entsteht also die Vorstellung der Außenwelt als zurückgeworfenes Bild des Gehirns. Das sind nämlich auch die Vorstellungen der Außenwelt: sie sind von dem Gehirn zurückgeworfene, reflektierte Bilder. Wenn Sie die Außenwelt sehen, so gehen die äußeren Eindrücke durch das Auge bis zu einer bestimmten Stelle des Gehirns und werden dort aufgefangen. Daß sie dort aufgefangen, wenigstens nicht in ihrer Ganzheit durchgelassen, sondern zurückgeworfen werden, das macht es, daß eine Vorstellung entsteht. Wenn nun der Mensch überhaupt hellseherisch wird, so werden ihm nicht nur von den äußeren Gegenständen Eindrücke auf das Gehirn gemacht, sondern es werden Eindrücke gemacht auch von dem mittleren Menschen, die dann von dem Gehirn zurückgeworfen werden können.
[ 41 ] Dieses, was ich jetzt angab: daß der mittlere Mensch Eindrücke macht auf das Gehirn und diese Eindrücke von dem Gehirn zurückgeworfen werden, ist durchaus nichts von dem, was ich als vorhanden beschrieben habe bei dem wirklichen okkultistischen Aspiranten. Der wirkliche okkultistische Aspirant nimmt direkt seinen mittleren Menschen wahr, nicht durch das Gehirn. Er sieht das Sonnenhafte in sich direkt, er sieht auch das Sternenhafte in sich, in seinem Gehirn direkt. Das aber, wovon jetzt die Rede ist, dieser hellseherische Zustand, bei dem die Vorgänge des Inneren, das Sonnenhafte im mittleren Menschen vom Gehirn zurückgeworfen wird, so wie die äußeren Eindrücke, die durch die Sinne kommen, vom Gehirn zurückgeworfen werden, das war dasjenige, worauf vielfach das uralte Hellsehen der antiken Menschen beruhte. Sie nahmen wahr auf dem Umwege durch ihren mittleren Menschen. Sie nahmen nichts Äußeres zunächst wahr. Sie nahmen nur dasjenige wahr, was in ihnen selber sonnenhaft vorhanden war und was ihnen zurückgeworfen wurde dadurch, daß das von dem Gehirn Aufgefangene als Vorstellung des Sonnenhaften im Inneren selber wahrgenommen wurde.
[ 42 ] Es gab eben einmal solche Völker, die so veranlagt waren, daß sie in gewissen natürlichen hellseherischen Zuständen mit ihrem Gehirn gleichsam auffingen und zur Vorstellung machten ihr Sonnenhaftes im eigenen Inneren. Und wie erschien dann das? Es wurde nach außen projiziert und nicht so wahrgenommen wie die gewöhnlichen Vorstellungen, die durch das Äußere bewirkt werden, sondern so, daß es wie das innere Sonnenlicht erschien, aber von außen kommend. Und wenn nachgeforscht worden ist, woher eine solche Erscheinung kam, wenn die okkultistischen Aspiranten erkennen wollten, woher es kommt, daß sie in solchen Zuständen sich befinden, dann wurde ihnen dasjenige klar, was im mittleren Menschen ist, dasjenige, was sein Sonnenhaftes ist.
[ 43 ] Dieses Sonnenhafte hat der Mensch dadurch, daß er ein Sonnenwesen ist. Das, was erscheint im Instrumente des Gehirns, hängt damit zusammen, daß der Mensch ein Sternenwesen ist, daß er in der Tat aus dem ganzen Weltenraum herausgebildet ist. Was er aber jetzt wahrnimmt, das hängt davon ab, daß mit starker Wirkung auf das menschliche Wesen die Erde umkreist wird von dem Monde.
[ 44 ] In jenen alten Zeiten war nämlich der Mensch so organisiert, daß auf sein Gehirn im wesentlichen der Mond wirkte, daß der Mond starke Wirkungen ausgeübt hat auf sein Gehirn. Daher war es auch so, daß dieses alte Hellsehen vielfach von den Mondphasen abhing und daß es eintrat zumeist in solchen Zusammenhängen, welche ihren äußeren Ausdruck in den Mondphasen finden. Das alte Hellsehen war so, daß es durch vierzehn Tage hindurch zunahm und durch vierzehn Tage abnahm. In der Mitte eines solchen monatlichen Zeitraumes war die Wirkung ganz besonders stark. Dieses alte Hellsehen verlief also so, daß in der Tat diese Menschen Zeiten erlebten, in denen sie wußten: Wir sind Sonnenwesen. — Sie wußten dies dadurch, daß sie durch die innere Vorstellung des Gehirns die Sonne wahrnehmen konnten. Aber das geschah durch die Mondenwirkung. Ja, das alte Hellsehen trat vielfach so auf, daß der Mensch sich gleichsam fügte der achtundzwanzig Tage dauernden Aufundabflutung der Mondenwirkung, und daß er Tage hatte in den alten Zeiten, wo die Mondenwirkung besonders stark war, wo daher Hellsehen vorhanden war bei allen Menschen, wo sozusagen innerlich hellseherisches Bewußtsein sich bei allen Menschen geltend machte. Wenn die okkultistischen Eingeweihten zu solchen Menschen hinausgingen und sie religiös zu stimmen hatten, dann machten sie sie aus denselben Gründen, wie die anderen Menschen zu Sonnen- oder Tag-, zu Sternen- oder Nachtanbetern gemacht worden sind, zu Mondanbetern. Daher der Mondendienst bei vielen alten Völkern.
[ 45 ] Diesen Mondendienst hat Moses kennengelernt in seinem eigentlichen Ursprunge bei den ägyptischen Eingeweihten; und er selbst war einer der größten und bedeutsamsten derselben, der in einer besonders vergeistigten Gestalt den Mondendienst zur Religion eines Volkes machte, nämlich des alten hebräischen Volkes. Es ist der Jahvedienst des alten hebräischen Volkes also ein vergeistigter Mondendienst. Daher konnte durch ihn bis in späte Zeiten hinein bei dem alten hebräischen Volke das Bewußtsein fortgesetzt werden, daß der Mensch mit Außerirdischem zusammenhängt, daß er nicht seine Wesenheit im Irdischen beschlossen hat.
[ 46 ] Aber wie bei den ältesten Mondenanbetern und auch bei den Sonnen- und Sternenanbetern von dem äußeren Volke wenig erkannt worden ist, daß Sterne, Sonne und Mond dem Hellseher vergeistigt erscheinen, daß sie nicht erscheinen wie die durch die äußeren Organe gesehenen Gegenstände; wie es auch wenig verstanden hätten die alten Völker, wenn ihnen gesagt worden wäre: Ja, betet an etwas, was der Ursprung ist eures mittleren Menschen, aber stellt es euch nicht vor unter dem Bilde der äußerlich sinnlich wahrgenommenen Sonne, sondern als etwas Übersinnliches, das der Sonne zugrunde liegt —, ebensowenig wäre es verstanden worden, wenn zu den Sternenanbetern gesagt worden wäre, daß das Organ ihres Grübelns und Denkens seinen Ursprung im weiten Weltenraume hat, daß sie sich aber diesen Ursprung nicht in dem Bilde des mit dem äußeren Auge wahrnehmbaren Sternenhimmels vorstellen sollten, sondern in dem Unsichtbaren, das dahinter ist, in den vielen geistigen Wesenheiten, die in den Sternen sind. Ebenso wie man den Sonnen- und Sternenanbetern nicht hat sagen können, was von den Eingeweihten gewußt war, so konnte man auch den Mondenvölkern nicht sagen: Stellt euch vor eine unsichtbare Wesenheit, die gleichsam den äußeren Leib im Monde hat. Aber man konnte etwas anderes sagen, und Moses hat es zu dem alten hebräischen Volke wirklich gesagt. Man konnte es noch nicht sagen zu den älteren Mondenanbetern, sondern erst zu dem alten hebräischen Volke. Daher hat Moses sein Volk nicht hingewiesen auf den sichtbaren Mond, sondern auf jenes Wesen, in dem der Ursprung lag des uralten Hellsehens aller Völker; desjenigen Hellsehens, das gleichsam als eine Abschlagszahlung den Menschen gegeben worden ist, als sie in den Zustand versetzt wurden, wechseln zu müssen mit ihrem Bewußtsein zwischen dem Tagbewußtsein und dem Nachtbewußtsein, und das eine Erkenntnis gebracht hat von der Welt ähnlich dem, was die vom Mond zurückgeworfenen Sonnenstrahlen zum Ausdruck bringen. Es wurde für dieses, was also nur Äußerliches bieten konnte, was nur ein Erdenbewußtsein, ein Tag- und Nachtbewußtsein höchstens in der äußerlich sichtbaren Sternenwelt darbieten konnte, es wurde dem Menschen der uralten Zeiten durch die Möglichkeit, zu wechseln in diesem Tag- und Nachtbewußtsein, etwas gegeben wie eine Abschlagszahlung, ein altes Hellsehen, das mit dem geistigen Wesen des Mondes zusammenhängt und das äußerlich, lokal mit dem Monde wieder in einem Verhältnis steht.
[ 47 ] Und als im Verlaufe der Menschheitsentwickelung dieses hellseherische Bewußtsein auch allmählich verschwinden, verdämmern sollte, da wurde für das alte hebräische Volk ein geistigerer Ersatz geschaffen in dem unsichtbaren Mondenwesen, in dem Jahve oder Jehova, welchen Moses dem althebräischen Volke lehrte und demgegenüber er ausdrücklich darauf hinwies, daß er nicht verwechselt werden dürfe mit irgendeinem äußerlich Gesehenen oder mit einem Bilde, das von ihm, äußerlich gesehen, gemacht wird. Daher verbot er geradezu, irgendein Bild in der äußeren Welt als ein Bild des Jahve oder Jehova anzusehen. Er verbot, sich ein Bild des Gottes zu machen, das der Anschauung doch noch etwas hätte geben können, was nicht aus unserer äußeren Welt gemacht ist, und er verbot auch, sich ein Bild des unsichtbaren, übersinnlichen Gottes zu machen, das von der äußeren Welt genommen ist.
[ 48 ] So sehen wir in einem merkwürdigen Zusammenhang stehen die Jahvereligion mit einer Mondenreligion, welche im Ursprunge der Menschheit durch das alte Hellsehen gegeben war. Für diejenigen, die sich für solche Dinge besonders interessieren, sei noch auf den besonderen Umstand hingewiesen, daß gerade Helena Petrowna Blavatsky es war, welche aus den allerrichtigsten Quellen heraus darauf aufmerksam gemacht hat, daß die Jahvereligion in einer gewissen Beziehung eine Art Erneuerung der alten Mondenreligion war. Nur war Helena Petrowna Blavatsky mit der Forschung noch nicht so weit, wie wir heute sein können, daß ihr dieser Zusammenhang, wie er hier dargelegt worden ist, vollständig klar gewesen wäre. Die richtige Erkenntnis, die Jahvereligion ist eine Mondenreligion, ließ in der Seele von Helena Petrowna Blavatsky ein wenig die Empfindung aufkommen, als ob damit irgend etwas Minderwertiges in dieser alten Jahvereligion gegeben wäre. Das ist aber nicht der Fall. Wenn man weiß, daß die Jahvereligion des alten hebräischen Volkes urständet, ihren Ursprung hat im alten Hellsehen und gleichsam nur das Gedächtnis an dieses alte Hellsehen bewahrt, dann wird man den heiligen Ernst dieser Jahvereligion sehr wohl durchschauen können.
[ 49 ] So sehen Sie, wie der Zusammenhang ist zwischen wichtigen Erlebnissen der okkultistischen Aspiranten, welche in einem höheren Bewußtsein den Zusammenhang des Menschen mit der ganzen Welt, die Zugehörigkeit des Menschen zur ganzen Welt erlebten, indem sie erkannten, daß der mittlere Mensch ein Sonnenmensch, der obere Mensch ein Sternenmensch ist. So sehen Sie auch den Zusammenhang dessen, was der Okkultismus erkennt in den äußeren Religionen, die eigentlich in vieler Beziehung als alte Religionen, wie sie den Menschen gegeben worden sind, auch alte Theosophien waren. Denn in dem Augenblicke, wo die alten Menschen andächtig geworden sind, regte sich in ihnen mehr oder weniger etwas von dem alten Hellsehen, und da brauchten sie nicht bloß zu glauben, sondern konnten begreifen und verstehen, was ihnen die alten Eingeweihten sagten, wenn sie es auch nicht schauen konnten. So sind die alten Religionen vielfach 'Theosophien. Sie sind theosophische Lehren, welche die Okkultisten den Menschen gaben, je nachdem die Menschen auf dem betreffenden Teil der Erde so oder so veranlagt waren.
[ 50 ] Wir haben, wie Sie gesehen haben, bei unserer Betrachtung vorläufig den unteren Menschen, als den dritten siebengliedrigen Menschen, auslassen müssen. Wir werden darauf zurückkommen und werden dann sehen, wie merkwürdig das große Mysterium vorgeführt wurde, und wie auch der okkultistische Aspirant sich weiterentwickelt durch die Einweihung, durch welche erst das wirkliche Wesen des Menschen begriffen werden kann.
