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Von der Initiation von Ewigkeit und Augenblick
Von Geisteslicht und Lebensdunkel
GA 138

27 August 1912, München

Dritter Vortrag

[ 1 ] Wenn wir von der Initiation und ihrer Bedeutung für das ganze menschliche Leben und für die menschliche Entwickelung sprechen wollen, müssen wir in das Wesen dessen, um was es sich eigentlich handelt, aus denjenigen Begriffen und Vorstellungen heraus einzudringen versuchen, welche nun einmal notwendig sind, um die übersinnlichen Welten überhaupt in richtiger Art zu charakterisieren. Es ist ja begreiflich, daß die menschliche Seele auf jeder Stufe ihrer Entwickelung die allertiefste Sehnsucht danach hat, etwas darüber zu erfahren, wie es in jenen Welten aussieht, denen man in mehr oder weniger berechtigter Weise das Prädikat der Ewigkeit beilegen kann. Daher muß es auch begreiflich erscheinen, daß die menschlichen Seelen danach trachten, ohne viel Vorbereitung erst mit den Vorstellungen, mit den Begriffen, die man im Sinnensein hat, in diese höheren Welten hineinzudringen. Ich sage ausdrücklich: das ist begreiflich. Und dem kann auch in einer gewissen Weise entsprochen werden da, wo es sich um Befriedigung der Ewigkeitssehnsucht in diesen oder jenen Religionsbekenntnissen handelt. Wenn es sich aber in wahrhaft theosophischem Sinne darum handelt, tiefer in den Urquell alles Geistigen und damit namentlich in den Urquell alles seelischen Lebens einzudringen, dann muß man — nach und nach wenigstens — sich befreunden mit der Notwendigkeit, seine Vorstellungen, seine Begriffe in einer gewissen Weise umzuwandeln, bevor man sich richtige Ideen von den höheren, den übersinnlichen Welten machen will. Weil dies — wie wir in den nächsten Vorträgen sehen werden — insbesondere zur Charakteristik der eigentlichen ChristusErscheinung notwendig ist, sei es mir heute gestattet, einiges über die notwendige Umwandlung und Umformung des menschlichen Vorstellungslebens zu sprechen, wenn der Mensch hinaufdringen will zu Ideen über die übersinnlichen Welten.

[ 2 ] Damit muß man sich schon einmal bekanntmachen, daß in den übersinnlichen Welten alles anders ist als in dem Sinnensein, denn eine genaue Wiederholung eines Weltendaseins findet sich eigentlich nirgends im Universum. Wenn nun alles anders ist, warum sollte dann durchaus angenommen werden, daß die menschlichen Vorstellungen und Begriffe für die höheren Welten in gleichem Maße gültig seien, wie sie gültig sind für das Sinnensein? Das sind sie eben nicht. Wer den praktischen Aufstieg in diejenigen Welten, welche die Initiation eröffnet, wirklich vollführt, das heißt wer Erfahrungen hat im übersinnlichen Erleben, der weiß, wie wir gleich hören werden, daf$ er nicht nur vieles sonstiges an sich wandeln muß, ich könnte hier gleich sprechen: zurücklassen muß beim Hüter der Schwelle, sondern auch viele von seinen Gewohnheiten, Vorstellungen, Begriffen und Ideen dort ablegen muß, bevor er in die übersinnlichen, höheren Welten eindringen kann.

[ 3 ] Vor allen Dingen wollen wir ausgehen von gewissen Vorstellungen, die uns ja alle im Sinnensein beherrschen müssen. Ein Begriffspaar, möchte ich sagen, zwei Begriffssysteme sind da besonders ausschlaggebend. Sie stehen für unser Sinnensein nebeneinander, laufen nebeneinander her. Das eine ist alles, was wir uns an Vorstellungen machen über die natürliche Welt, über die Naturgesetze, Naturkräfte. Neben alledem, was wir uns darüber an Vorstellungen bilden, steht für unser gewöhnliches Leben im Sinnensein das, was wir nennen die moralische Weltordnung, die Summe unserer moralischen Vorstellungen, Begriffe und Ideen. Bei einer richtigen Selbstbesinnung wird der Mensch sehr bald darauf verfallen, daß er für das Sinnensein diese beiden Begriffssysteme — Naturordnung und moralische Weltordnung — auseinanderhalten müsse. Wenn wir eine Pflanze erklären — nehmen wir an, wir haben eine Giftpflanze vor uns —, so erklären wir sie aus den Naturkräften, aus den Naturgesetzen heraus. Und ich möchte sagen, wir verderben uns die Erklärung der Pflanze nicht dadurch, daß wir die Pflanze dafür moralisch verantwortlich machen, daß sie eine Giftpflanze ist. Wir halten dafür, daß es zum gesunden Denken innerhalb des Sinnenseins bei den Erklärungen des natürlichen Daseins gehört, uns zunächst von dem zu emanzipieren, was wir die moralischen Begriffe und Ideen nennen. Wir wissen ja, daß wir diese Art von Emanzipation selbst noch üben müssen, wenn wir zu unbefangenen, objektiven Vorstellungen im Tierreiche kommen wollen. Es hätte keinen Sinn, so fühlen und empfinden wir, den Löwen für seine Grausamkeit ebenso verantwortlich zu machen, wie wir einen Menschen für seine Grausamkeit verantwortlich machen. Und wenn viele heutige Naturerklärer schon im Tierreiche so etwas wie moralische Begriffe finden, ich möchte sagen, mehr nach dem Geschmack als nach einer wahrhaftigen Notwendigkeit, so mag das schon in einem gewissen Sinne berechtigt sein. Aber man kann doch nur sprechen von einem Anklang an moralische Vorstellungen bei dem, was die Tiere tun, was im Tierreiche geschieht. Naturerklärung erfordert, wenn wir sie rein entwickeln sollen, ein Emanzipieren von moralischen VorstelJungen und Begriffen, wenn wir mit unseren Erklärungen unmittelbar im Sinnensein verbleiben wollen. Dann aber tritt in unser Leben herein majestätisch, möchte man sagen, mit unbedingten, absoluten Forderungen — so wird eine unbefangene Selbstbeobachtung und Selbstbesinnung sagen — die moralische Weltordnung. Und man weiß, daß die moralischen Vorstellungen dasjenige sind, was über den Wert des Menschen entscheidet; ja, nicht nur über den Wert des Menschen innerhalb des menschlichen Zusammenlebens, sondern so entscheidet, daß man selbst sagen kann: Auch der, welcher sich der Unmoralität bezichtigen muß, wird, wenn er damit begnadet sein kann oder könnte, in einem besonderen Momente ruhig über sich nachzudenken, seinen eigenen Wert als Menschenwesen danach bestimmen, wie die in sein Bewußtsein hereinleuchtenden moralischen Vorstellungen sind. Das muß immer wieder betont werden, daf$ man diese zwei Vorstellungssysteme gehörig voneinander unterscheidet.

[ 4 ] Dies wird völlig anders in dem Augenblicke, wo man die höheren Welten betritt, wo man dazu gelangt, außerhalb seines physischen Leibes wahrzunehmen, zu beobachten, zu erleben, zu erfahren, und dadurch in höhere übersinnliche Welten eintritt. Zuerst beobachtet man ja, wenn man wirklich zu einem Beobachten gelangt, mit jenem Leibe, von dem ich gestern einiges angedeutet habe: mit dem elementarischen oder ätherischen Leibe. Dann betrachtet man die Welt — oder vielmehr eine zweite übersinnliche Welt — mit seinem astralischen Leibe. Und je weiter man hinaufsteigt in die höheren Welten, desto mehr verlieren die Vorstellungen, die Begriffe, die man sich erarbeitet, die man gewonnen hat in der gewöhnlichen physischen Welt, ihre Bedeutung. Sie müssen sich wandeln, damit wir in richtiger Weise das bezeichnen und verstehen können, was uns in den übersinnlichen höheren Welten entgegentritt. In der gewöhnlichen Welt des Sinnenseins haben wir nur eines, was uns an eine fundamentale Tatsache erinnern kann, die jeder hellsichtige Mensch kennt: man spricht in Sinnbildern, in Symbolen, so daß die Worte wiederum anklingen an das, was wieder erst in seiner Realität, in seiner Wirklichkeit in den höheren Welten erfahren wird. Wenn jemand das Wort gebraucht: Geiz oder Neid oder Haß «brenne», so ist in einem solchen Wort eigentlich etwas enthalten, was man zu jenen vielen wunderbaren Geheimnissen der sprachschöpferischen Tätigkeit rechnet, wo hereinleuchtet in das primitive, elementarische menschliche Bewußtsein dasjenige, was in seiner Wirklichkeit erst in den höheren Welten vorhanden ist. Denn jeder weiß, daß er, wenn er von brennendem Haß spricht, nicht ein Brennen meint, wie es das natürliche Brennen eines Feuers draußen in der natürlichen Welt ist; er weiß, daß er sozusagen im übertragenen Sinne spricht, und daß es ihm nichts helfen würde, wenn er Dinge und Vorgänge der Natur dadurch erklären wollte, daß er moralische Vorstellungen zu Hilfe rufen wollte. Sobald man von Vorgängen der höheren Welten spricht, spricht man nicht in demselben Sinne sinnbildlich oder in einem Anklange, wenn man solche Ausdrücke gebraucht. — Ich darf wohl daran erinnern, daß zweimal in dem Drama «Der Hüter der Schwelle» der Ausdruck gebraucht ist, daß gewisse seelische Vorgänge, Empfindungen, Wünsche «brennen» in den höheren Welten. Damit ist nicht etwas wie ein Sinnbild, sondern etwas ganz Reales, Wirkliches, real Spirituelles gemeint. Luzifer zum Beispiel würde niemals in demselben Sinne sagen: dieses oder jenes brenne ihn, wie ein Mensch im Sinnensein vom Haß sagen könnte, er brenne ihn; sondern Luzifer würde es sagen in wahrhaftem, ganz wirklichem Sinne. Was man nämlich in den übersinnlichen Welten vergleichen könnte mit der Naturordnung, mit den Naturvorgängen der sinnlichen Welt, steht in diesen übersinnlichen Welten in einem viel innigeren Zusammenhange mit dem, was man für diese Welten wiederum moralische Welten nennen kann, als diese beiden Vorstellungsreihen hier in der Sinneswelt zueinander stehen.

[ 5 ] Wir können uns sogleich einen Begriff von diesen beiden Vorstellungen bilden, wenn wir zu des Menschen elementarischem Leibe gehen. Solange wir beim physischen Leibe bleiben, können wir sagen, eine Hand könne sich erheben, um eine moralische Tat zu begehen. Wir sehen sie mit unseren sinnlichen Augen, untersuchen sie mit der zu der sinnlichen Welt gehörigen Wissenschaft, um ihre Funktionen zu erklären. Diese Erklärung der Hand innerhalb des Sinnenseins wird sich nicht wesentlich unterscheiden, ob wir es zu tun haben mit einer Hand, die ausholt zu einer moralischen oder zu einer unmoralischen Tat. Wie auch die Hand geformt ist, soweit sie überhaupt im Sinnensein erklärt werden kann: in das, was wir herbeitragen zur Erklärung der Hand, dürfen wir nicht hineinmischen, ob diese Hand gewöhnlich zu moralischen oder unmoralischen Taten ausholt. Anders liegt die Sache mit dem elementarischen Leibe des Menschen. Dieser elementarische Leib, zum Beispiel irgendein Glied desselben, erscheint für das hellseherische Bewußtsein unvollkommen ausgebildet. Und wenn wir uns fragen, warum in einem entsprechenden Fall dies bei einem Organ des elementarischen Leibes ist, wenn wir nach den wahren Ursachen fragen, so erscheint uns als der Grund einer solchen unvollkommenen Ausbildung zum Beispiel irgendein moralischer Fehler, irgendein moralischer Mangel, eine moralische Unvollkommenheit des Menschen. Im elementarischen Leibe drückt sich tatsächlich die moralische Qualität des Menschen schon in einer gewissen Weise aus. Noch deutlicher, noch intensiver aber drückt sie sich aus in dem astralischen Leibe. Während man also einem Menschen durchaus Unrecht täte, bei dem man annehmen wollte, daß irgendeine Verstümmelung der Ausdruck wäre von etwas Moralischem in ihm, ist es bei dem, was der moralischen Welt angehört, durchaus so, wenn wir die Worte Naturordnung, Naturvorgänge und moralische Ursachen ineinanderlaufend denken, daß dort in den höheren Welten moralische Qualitäten wirkliche Naturursachen auch sind und sich ausdrücken in den Formen, in den Vorgängen dieser übersinnlichen Welten. Damit kein Mißverständnis entsteht, möchte ich noch ausdrücklich bemerken, daß die Ausbildung der höheren Organismen des Menschen, der höheren Leiber, wenn wir so sagen dürfen, des elementarischen, des astralischen Leibes, in ihrer Vollkommenheit oder Unvollkommenheit nichts zu tun haben braucht mit der vollkommenen oder unvollkommenen Ausbildung des physischen Leibes. Der Mensch kann, selbst von Geburt an, irgendein physisches Organ verkrüppelt ausgebildet haben, und das entsprechende ätherische Organ kann nicht nur dann ganz normal ausgebildet sein, sondern sogar unter Umständen vollkommener, in sich vollendeter ausgebildet sein, wenn das entsprechende physische Organ verkümmert oder verkrüppelt ist. Was also ganz und gar nicht anwendbar wäre für das Sinnensein, daß die moralischen Qualitäten ihren getreuen Ausdruck finden in den Formen des physischen Leibes, das ist ganz und gar der Fall für das, was auch schon vom Menschen den übersinnlichen Welten angehört.

[ 6 ] So sehen wir, daß das, was für das Sinnensein gleichsam nebeneinander hergeht — Naturordnung und moralische Ordnung —, verwoben ist für die übersinnlichen Welten, so daß wir, wenn wir von einem elementarischen Leibesglied sprechen, gar wohl sagen können: diese oder jene Form ist bewirkt durch Haß. Der Haß drückt sich anders aus in dem betreffenden elementarischen Leibesglied als die Liebe. Das hat durchaus Sinn, ein solches Wort für die übersinnlichen Welten zu gebrauchen; das hat keinen Sinn, wenn man bei einer bloßen Naturerklärung in dem Sinnensein verbleiben will. Charakteristisch tritt uns diese Notwendigkeit der Begriffswandlung für die höheren Welten besonders zum Beispiel für das entgegen, was man im gewöhnlichen Sinnensein, im gewöhnlichen Leben zu den Begierden, zu den Wünschen rechnet. Wie treten im Sinnensein die Begierden, die Wünsche, die Emotionen auf? Sie treten so auf, daß wir sie gleichsam aus dem Innern des menschlichen Seelenwesens hervorgehen sehen. Wenn wir in einem Menschen eine besondere Begierde erregt finden, so erkennen wir daraus, wie sein Inneres gestimmt ist, wie dieses Innere aus sich diese Begierde heraustreibt, und daß vor allem das Seeleninnere maßgebend ist für die Artung von Begierden, die dieser Mensch hat. Denn wir wissen sehr wohl, daß zum Beispiel gegenüber einem Stück Kalbfleisch der eine Mensch ganz andere Begierden entwickelt als der andere; das hängt nicht von dem Kalbfleisch ab, sondern von dem, was der Mensch im Sinnensein in seinem Innern hat. Gegenüber einer Raffaelischen Madonna kann der eine Mensch vollständig kalt bleiben, während der andere eine ganze Welt von Gefühlen erlebt. Wir können daher sagen: im Innern des Menschen entzündet sich seine Begierdenwelt.

[ 7 ] Das wird anders, wenn wir die übersinnlichen Welten betreten. Was man für diese Welten Wünsche, Begierden, Emotionen nennen kann — es wäre nur ein leeres Geschwätz, zu sagen, daß man davon in diesen Welten nicht reden könne, denn Wünsche, Begierden und so weiter sind dort vorhanden —, das wird in der überwiegendsten Mehrzahl der Fälle immer durch Äußeres bewirkt, durch das, was das Wesen wirklich sieht, was es schaut. Daher liegt dem Hellseher in den übersinnlichen Welten viel weniger nahe dieses Hinblicken auf das Innere des Wesens, das er vor sich hat, um dessen Wünsche, Begierden und so weiter anzuschauen, sondern er wird die Umgebung dieses Wesens in der übersinnlichen Welt betrachten. Wenn er also sieht: da ist ein Wesen in der übersinnlichen Welt, und das hat Wünsche, Begierden, Emotionen — dann sieht er nicht so wie hier in der physischen Welt auf das Wesen selbst hin, sondern er sieht sich die Umgebung an; er untersucht: welche anderen Wesen halten sich dort in der Umgebung dieses Wesens auf? Und er wird immer sehen, daß je nachdem, was dort für Wesen in der Umgebung sind, auch die Begehrungen, die Wünsche, die Emotionen des Wesens sein werden, das da ist. Immer werden durch Äußeres ausgelöst die Wünsche, Begierden, Emotionen. Wie sich das macht, das kann Ihnen an einem Falle ganz besonders einleuchtend sein.

[ 8 ] Nehmen wir an, ein Mensch komme in die übersinnlichen Welten hinein, entweder indem er die ersten Stufen der Initiation durchmacht und dadurch in die höheren Welten eindringt, oder indem er durch die Pforte des Todes geht und auf diese Weise in die höheren Welten hineinkommt. Der Hellseher beobachtet ihn nun in den übersinnlichen Welten. Nehmen wir an, dieser Mensch hätte aus der Sinneswelt, weil das zu seinen Eigenschaften gehört, irgendeine Unvollkommenheit mitgenommen, irgend etwas, was er nicht kann, oder eine moralische Unvollkommenheit oder irgend etwas, was er verbrochen hat in der physischen Welt und was nun eine zehrende Erinnerung ist in den übersinnlichen Welten. Um dies zu suchen, kommt es für den Hellseher nicht so sehr darauf an, in das Seeleninnere dieses Menschen jetzt hineinzublicken, sondern die Umgebung anzuschauen. Warum? Weil ein solcher Seeleninhalt, ein solches Eigenschaftliches in der Seele, das man als eine Unvollkommenheit, als einen moralischen Defekt mitgenommen hat, etwas Reales, etwas Wirkliches bewirkt. Das leitet den Menschen, führt ihn, bringt ihn hin an einen gewissen Ort der übersinnlichen Welt. An welchen Ort? An den Ort, wo ein Wesen ist, welches in vollkommenem Zustande das hat, was man, wenn man dort ankommt, in unvollkommenem Zustande hat. Dieser moralische Defekt, dieses Bewußtsein von einer mangelnden Fähigkeit bewirkt also etwas Wirkliches, geleitet einen auf einen Weg, stellt einen zu einem Wesen, welches das in vollkommener Weise hat, was man selbst unvollkommen hat, worauf es gerade ankommt. Und nun ist man verurteilt, indem dieses Wesen einem gegenübergestellt ist, es fortwährend anzuschauen. Man kommt in den übersinnlichen Welten durch reale Vorgänge — nicht durch das, was man im Sinnensein Begierden nennt — in die Nähe von Wesenheiten, die alles das haben, was man nicht hat, die einem fortwährend zeigen, was einem fehlt. Schaut also der Hellseher dorthin, was da für Wesen sind in der Umgebung eines Menschen, so weiß er aus der objektiven Beobachtung, was dem Menschen fehlt, was ihm mangelt. Was man verurteilt ist fortwährend anzuschauen, in wessen Nähe man kommt, das steht, kann man sagen, als ein fortwährender Vorwurf da. Und dieser Vorwurf, der also draußen steht, bewirkt, daß in dem Wesen das entsteht, was man in den übersinnlichen Welten als eine Begierde bezeichnen könnte, als der Wunsch, anders zu werden, und was die Tätigkeit, die Kraft erzeugt, sich wirklich so durchzuarbeiten, daß man die Unvollkommenheit, den Fehler ablegt. Sagen Sie nicht, dann müßten ja die übersinnlichen Welten für alles, was wir fehlerhaft haben, das vollkommene Wesen zeigen. Diese übersinnliche Welt ist wirklich so reich, daß sie uns für alle unsere Fehler die vollkommenen Wesen gegenüberstellen kann, ist viel reicher, als man es sich nach dem Sinnensein denkt. Oh, diese Welt ist schon so, daß sie den Menschen hinstellen kann vor irgendein Wesen, welches das in Vollkommenheit hat, was er selber in Unvollkommenheit hat. Das gibt einen Begriff, wie Wünsche, Begierden reale Kräfte sind, die unsere Wege bewirken in den übersinnlichen Welten, nicht als ob wir wie mit etwas Objektivem in unseren Wünschen dastehen und stehenbleiben können, sondern je nachdem wie wir sind, werden wir unseren Weg geführt und dort hingestellt, wo das, was wir nicht haben, uns als ein Reales oder als ein wirklicher Vorwurf entgegenscheint.

[ 9 ] Man könnte sehr leicht sagen: wenn das so ist, so wäre der Mensch in den übersinnlichen Welten völlig unfrei, denn dann stände er der Außenwelt gegenüber und müßte an sich so arbeiten, wie es die Außenwelt bewirkt. Wenn man aber in den übersinnlichen Welten beobachtet, dann stellt sich heraus: das eine Wesen empfindet den Vorwurf und beginnt zu arbeiten, so daß es sich der Vollkommenheit entgegenarbeitet; das andere Wesen aber läßt das bleiben, wehrt sich, etwas nachzuahmen, was ihm als Vorwurf vorgestellt ist. Dieses Wehren aber bewirkt in den übersinnlichen Welten etwas ganz anderes als im Sinnensein. Wenn sich ein Wesen wehrt, diese Nachfolge wirklich zu leisten, so wird es wieder hinweggedrängt und hingedrängt in ganz andere Welten, die ihm ungewohnt sind, in denen es sich nicht auskennt, wofür ihm die Lebensbedingungen fehlen; das heißt, es verurteilt sich ein solches Wesen zu einer Art Zerstörungsprozeß in sich selber. Man kann durchaus wählen zwischen dem Fruchtbaren, Fördernden, das einem gezeigt wird, und sich selber ihm entsprechend verhalten, oder man kann sich durchimpfen mit zerstörenden Kräften, wenn man sich ihm widersetzt. Freiheit hat man. Aber die Durcheinanderwirkung des Moralischen und dessen, was im übersinnlichen Raume vorgeht, findet durchaus statt.

[ 10 ] Ein weiteres Beispiel für so etwas ist, daß unsere Begriffe von schön und häßlich, wie wir sie mit vollem Rechte für die Sinneswelt haben, eigentlich nicht mehr angewendet werden können, sobald wir in die übersinnlichen Welten hiinaufkommen, und zwar aus mehrfachen Gründen. Wenn wir in den übersinnlichen Welten wahrnehmen, so erblicken wir zunächst einen bedeutsamen Unterschied in bezug auf die Wesen, die uns dort entgegentreten. Von dem einen wird man — vermöge der intuitiven Erkenntnis, die man da haben kann — sagen können: Dieses Wesen, das du da anschaust, ist imstande, hat den Willen, alles, was es in sich hat, wirklich auch äußerlich in seiner äußeren Erscheinung darzuleben. Nehmen wir an, ein solches Wesen habe einen elementarischen Lichtleib, es gehöre zu den Wesen, die sich nicht in der Sinneswelt verkörpern, sondern nur in den höheren Welten einen Lichtleib annehmen oder dergleichen. Dieser Lichtleib kann der Ausdruck dessen sein, was es in seinem Innern ist. Es ist nicht wie ein Mensch im Sinnensein, der uns entgegentritt in einer bestimmten Form und der die mannigfaltigsten Gefühle, Empfindungen und so weiter in sich verbergen kann,'so daß er sagen kann: Meine Gefühle sind für mich; was sich im Äußeren zeigt, das ist meine Naturgestalt; ich kann wohl das, was sich in meiner Seele zeigt, verbergen. So ist es für gewisse Wesen der übersinnlichen Welt nicht, sie zeigen in ihrer Gestalt den unmittelbarsten Ausdruck dessen, was sie in sich tragen. In den Ingredienzien liegt offen zutage, was sie im Innern sind. Andere Wesen gibt es, welche das nicht können, ihr eigentliches Innere unmittelbar in ihrer äußeren übersinnlichen Erscheinung zur Darstellung, zur Offenbarung zu bringen. Diesen Wesen gegenüber hat das hellseherische Bewußtsein das Gefühl von etwas Abstoßendem, von etwas, wovon es weg möchte, von etwas, was preßt, was sogar recht widerwärtig sein kann. So kann man zweierlei Wesenheiten unterscheiden: solche, die voll Willens sind, ihr Inneres — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — zur Schau zu tragen, das Innere darzuleben, und solche Wesen, denen gegenüber man das Gefühl hat: was sie zur Schau tragen, das ist recht verkrüppelt, denn was in ihnen sitzt, ist verborgen, das tritt nicht heraus. Beim Sinnensein des Menschen kann man nicht in demselben Grade sagen, wenn einer etwas verbergen kann und wenn sich dem anderen gleich alles auf die Lippen drängt: sie unterscheiden sich naturgemäß. Sie unterscheiden sich in ihrem Antlitz, aber nicht naturgemäß. Für die übersinnlichen Welten sind das zwei radikal andere Klassen von Wesenheiten: die einen, welche alles offenbaren, was sie in ihrem Innern haben, und ihnen gegenüber diejenigen, welche dies nicht offenbaren können. Wenn wir die Bezeichnung schön und häßlich gebrauchen wollen ungefähr mit dem Ausdruck, den wir in der Sinneswelt haben, so müssen wir sie für diese zwei Klassen von Wesenheiten gebrauchen. Man kommt in den übersinnlichen Welten nur dadurch zu Rande, daß man die Wesenheiten, welche alles offenbaren, schön nennen kann, denn man empfindet ihnen gegenüber ebenso wie einem schönen Bilde gegenüber. Und wie etwas Häßliches empfindet man die Wesen, welche das Innere nicht in dem Äußeren offenbaren. Schön und häßlich hängt, wenn man den Ausdruck gebrauchen darf, mit der Naturgrundlage dieser Wesenheiten zusammen. Was hat das zur Folge?

[ 11 ] Wenn das hellseherische Bewußtsein in eine Welt eintritt, wo es so gegenüber Schön und Häßlich empfinden muß, so muß es überhaupt vieles in seiner ganzen Empfindungsart ändern. Es ist dem Hellseher ganz natürlich, zu sagen, ein Wesen, welches alles, was es innen hat, offenbart, sei schön. Aber unmittelbar drängt sich dazu die andere Vorstellung: damit es schön sein kann, muß es aufrichtig, ehrlich sein! Es ist schön, weil es nichts verbirgt, weil es auf dem Antlitz trägt, was es in sich hat. Wahr und schön ist dasselbe, wenn man in die übersinnlichen Welten kommt. Und ein Wesen, das nicht sein Inneres offenbart, ist häßlich; das empfindet man unmittelbar im hellseherischen Bewußtsein. Aber man empfindet noch etwas anderes: es lügt einen an, es zeigt nicht, was es zeigen sollte! Das Häßliche ist zugleich das Lügnerische! Das Wahre, Aufrichtige und Ehrliche ist zugleich das Schöne, und das Häßliche das Lügnerische. Und man kommt in den übersinnlichen Welten dazu, daß die Trennung der Begriffe wahr und schön auf der einen Seite und häßlich und lügnerisch auf der anderen Seite jeden Sinn verliert. So muß man einem Wesen gegenüber den Ausdruck schön gebrauchen, wenn man die Empfindung hat: da ist etwas aufrichtig zu einem; und hat man die gegenteilige Empfindung, so muß man es häßlich nennen.

[ 12 ] Daraus sieht man, wie die moralischen und die ästhetischen Begriffe eine Verbindung eingehen, wenn man in die höheren Welten hinaufgelangt. Das ist überhaupt das Eigentümliche des Hinaufrükkens in dieübersinnlichen Welten, daß die Begriffe zusammengehen, daß in bezug auf das, was in der physisch-sinnlichen Welt getrennt bezeichnet werden muß, Verschmelzungen, Zusammenfügungen entstehen. Daher muß man sich andere Empfindungsweisen aneignen, wenn man Bezeichnungen der Sinneswelt für übersinnliche Wesenheiten gebraucht. Man ist fast immer genötigt, diese Dinge noch einfacher und noch mehr dem sinnlichen Bewußtsein genähert darzustellen, als es eigentlich einer vollständig richtigen Darstellung entsprechen kann, denn die Dinge komplizieren sich sehr. Wenn ich eben ausgeführt habe, wie sich die Begriffe von wahr, aufrichtig und schön auf der einen Seite und von häßlich und lügnerisch auf der anderen Seite verknüpfen, so müssen wir noch etwas anderes hinzufügen.

[ 13 ] Wenn man in die übersinnlichen Welten eindringt, kann man ein Wesen finden, welches man nach allen Begriffen, die man sich im Sinnensein angeeignet hat, als ein schönes Wesen bezeichnen muß, als ein herrliches Wesen vielleicht: schön, strahlend, herrlich. Nun hat man es vor sich. Es ist aber kein Beweis, daß es auch ein gutes Wesen ist, wenn es einem so entgegentritt, es kann ein ganz böses sein und einem in der hehrsten Engelsgestalt entgegentreten. Denn nach dem Begriffe von schön, den man sich in der Sinneswelt gebildet hat, nennt man ein solches Wesen in der übersinnlichen Anschauung schön. Wie sollte man es auch nicht! Wenn man es abgebildet finden würde in der Sinneswelt, würde man es mit vollem Rechte schön nennen. Ein solches Wesen kann das häßlichste sein, das es nur gibt; trotzdem kann es als ein schönes bezeichnet werden, wenn man bei den Bezeichnungen der Sinneswelt bleibt. Es kann ein ganz böses Wesen sein, kann die Bosheit und die Schlechtigkeit und die Unwahrheit, die einen anlügt, behalten, kann ein Teufel in Engelsgestalt sein. Das ist durchaus möglich in den übersinnlichen Welten. Nun kann sich durch mancherlei Weise, wovon wir noch sprechen werden, herausstellen, daß man nach und nach hinter die Sache kommt, wenn man sich mit dem hellseherischen Bewußtsein der Sache gegenüberstellt. Man hat also vor sich eine Engelsgestalt und kann sich jetzt sagen, wenn man es so weit gebracht hat, denkend bleiben zu können beim übersinnlichen Anschauen: Daß du jetzt einen Engel siehst oder irgendeine herrliche Gestalt, dadurch mußt du dich nicht täuschen lassen; das kann alles möglich sein, es kann ein Engel sein, kann aber auch ein Teufel sein. Nun kann man anfangen mit dem, was man so oft tun muß, wenn man hinaufrückt in die höheren Welten: mit einer gehörigen Selbstprüfung. Man kann mit sich zu Rate gehen und untersuchen, wieviel Eigenschaften von Selbstsinn, von Egoismus man in sich hat. Dann durchdringt sich die Seele mit mancherlei Bitternissen, dann kommt mancherlei Wermut in die Seele hinein. Aber dieses Bittere, Peinigende kann gerade dazu führen, daß man sich wieder eine kurze Zeit reinigt, daß man sich läutert in seinem Selbstsinn, in seinem Egoismus. Und wenn man dadurch zu dem Urteil kommt, wie wenig man eigentlich frei ist von dem Selbstsinn und daß man danach streben muß, frei zu werden, dann erleuchtet sich einem der ganze Prozeß, der sich abspielt im Seeleninnern. Wenn man es nun so weit gebracht hat, daß einem, wenn man solche Selbstbetrachtung anstellt, das nicht entfällt, was man anschaut — denn das wird in der Regel bei den ersten Schritten geschehen —, so fängt unter Umständen der Engel an, gar kein Engel zu sein, sondern recht häßliche Formen anzunehmen, und man kann nach und nach dahinterkommen, daß man sich sagt: Dem Wesen, dem du da als einem bösen entgegengetreten bist, hast du die Möglichkeit gegeben, seine Bösartigkeit zum Ausdruck zu bringen, indem es dir erst eine ganz andere Gestalt vorgaukelte; aber du hast es gezwungen, dir seine wahre Gestalt zu zeigen, indem du dich mit reineren Gefühlen durchdrungen hast.

[ 14 ] So hat ein seelischer Vorgang in der übersinnlichen Welt ein Zwingendes, ein Kraftendes; so macht man es selber den Wesen möglich, einen anzulügen, oder man zwingt sie, einem ihre wahre Gestalt darzustellen. Wie man hineintritt in die übersinnliche Welt, mit welchen Qualitäten, danach stellt sie sich einem dar. Was man die Quelle der Täuschungen nennt, damit muß man noch ganz anders vorgehen, als es gewöhnlich geschieht. Es kann jemand in die übersinnlichen Welten hineintreten und allerlei Herrliches beschreiben. Wenn Sie ihm sagen, er hätte sich getäuscht, so wäre das nicht wahr; denn er hat es gesehen. Aber er hat nicht das gesehen, was er gesehen haben würde, wenn er das getan hätte, was ich eben beschrieben habe. Hätte er es so gemacht, so hätte er zugleich die Wahrheit gesehen. Denn von einem Teufel ist es schön, wenn er sich als Teufel darstellt, während es häßlich ist, wenn er eine Engelsgestalt darstellt. Man kann gar nicht anders als solche Begriffe sich anzueignen. So muß man sich vor allen Dingen abgewöhnen, wenn man in die übersinnlichen Welten hineintritt, die Dinge mit den Vorstellungen zu bezeichnen, die man gewonnen hat in der sinnlichen Welt. Wenn man dies, was man im Sinnensein gewonnen hat, beibehielte, so würde man erst zu der Gestalt, die einem so entgegentritt, sagen: Es ist ein schöner Engel —, und nachher: Es ist ein häßlicher Teufel! — So kann es aber das hellseherische Bewußtsein nicht ausdrücken, wenn man richtig charakterisieren will, sondern zu dem häßlichen Teufel muß man sagen: Es ist ein schöner Teufel —, trotzdem er nach sinnlichen Begriffen grundhäßlich ist. Dazu kommt man aber nicht dadurch, daß man einfach alle Begriffe auf den Kopf stellt, die man aus dem Sinnensein hat. Das wäre ein bequemer Weg. Dann könnte jemand zum Beispiel den Devachanplan dadurch beschreiben, daß er für alles, was in der Sinneswelt häßlich ist, schön setzt, für schön häßlich, für grün rot, für schwarz weiß und so weiter. So kann man es aber nicht machen, sondern die Begriffe müssen angeeignet sein im Erleben der übersinnlichen Welten. Man eignet sie sich so an wie die Anschauungen, die das heranreifende Kind von der Sinneswelt sich aneignet, nicht durch Theorien, sondern durch Erleben, und findet es dann völlig unnatürlich, einen Teufel häßlich zu nennen, der sich als Teufel darstellt, wenn man sich bewußt ist, daß man die Sprache der übersinnlichen Welten redet. Aber man muß sich eine solche Empfindungsweise aneignen, wenn man sich wirklich in den übersinnlichen Welten orientieren will, wenn man in ihnen sich auskennen und herumgehen will. Daher können Sie sich nun leicht eine Vorstellung machen, was gemeint ist, wenn man der Einfachheit halber sagt: Auf der einen Seite steht die Sinneswelt, auf der anderen Seite sind die übersinnlichen Welten; da kommt man aus dem Sinnensein über die entsprechende Grenze in das übersinnliche Sein hinein. Geht man mit alledem, was man im Sinnensein gewonnen hat, da hinein, wendet man das an, was man gewonnen hat an Vorstellungen, Begriffen, Ideen aus der Sinneswelt, so ist alles unzutreffend; dann redet man lauter Verkehrtheiten. Man muß gründlich an der Grenze umlernen und zwar nicht theoretisch, sondern lebendig. Man kann das überhaupt nicht brauchen, was man sich in der Sinneswelt an Vorstellungen angeeignet hat, man muß es zurücklassen. Sie sehen, daß man vieles zurücklassen muß, womit man recht innig verbunden ist in der Welt des Sinnenseins, und ich möchte Ihnen jetzt die Sache konkret-anschaulich, nicht aus Theorien heraus beschreiben.

[ 15 ] Nehmen wir an, jemand gelangt, nachdem er sich die Fähigkeit angeeignet hat, die gekennzeichnete Grenze zu überschreiten, von der Sinneswelt in die übersinnliche Welt hinein. An der Grenze früge er sich: Was muß ich jetzt zurücklassen, wenn ich mich auskennen will in der übersinnlichen Welt? Ich muß zurücklassen — so kann er sich bei guter Selbstbesinnung sagen — eigentlich alles, was ich in den verschiedenen Inkarnationen vom Erdenurbeginn an bis in die Jetztzeit auf der Erde erlebt, gelernt, mir angeeignet habe. Das muß ich hier ablegen, denn ich betrete eine Welt, in welcher das, was man innerhalb der Inkarnationen lernen kann, keinen Sinn mehr hat. Es ist leicht, möchte ich sagen, so etwas auszusprechen; es ist leicht, so etwas anzuhören; es ist leicht, das in Begriffsabstraktionen zu fassen. Aber es ist eine ganze innere Welt, so etwas zu empfinden, zu fühlen, zu erleben: alles dort abzulegen wie die Kleider, was man in all den Inkarnationen in dem Sinnensein sich angeeignet hat, um in eine Welt hineinzugehen, innerhalb welcher das alles keinen Sinn mehr hat. Hat man diese Empfindung lebendig, dann hat man auch eine lebendige Erfahrung — wirklich nichts, was mit irgendeiner Theorie zusammenhängt —, wie man sie hat, wenn man in der wirklichen Welt eben einem wirklichen Menschen gegenüberrtritt, den man kennenlernt, indem er zu einem spricht, sich zu einem verhält, den man nicht kennenlernt, indem man sich von ihm Begriffe konstruiert, sondern indem er mit einem lebt. So steht man an der Grenze zwischen Sinnensein und Geistessein nicht einem Begriffssystem, sondern einer Realität gegenüber, die nur als eine übersinnliche Realität wirkt, aber so konkret, so lebendig wie ein Mensch: das ist der Hüter der Schwelle. Er ist da als ein konkretes, reales Wesen. Und lernt man ihn kennen, so lernt man ihn auch kennen als ein Wesen, das in die Kategorie von Wesen gehört, die in einer gewissen Weise mitgemacht haben das Leben vom Erdenurbeginn, dann aber nicht dasjenige mitgemacht haben, was man als Seelenwesen erlebt. Das ist das Wesen, das in dem Mysteriendrama «Der Hüter der Schwelle» dramatisiert werden sollte mit den Worten:

Bekannt ist dir, der dieses Reiches Schwelle
Behüten muß seit Erdenurbeginn,
Was, um es zu betreten, Wesen brauchen,
Die deiner Zeit und deiner Art gehören.

[ 16 ] Dieses «deiner Zeit und deiner Art» ist etwas, was aus dem Wesen der Sache heraus folgt. Andere Zeiten und andere Art haben die Menschen — andere Art und andere Zeiten haben die Wesen, die in einer gewissen Weise getrennt gegangen sind von den Wegen der Menschheit seit dem Erdenurbeginn. Da kommen wir mit einem Wesen zusammen, demgegenüber man sich sagt: Ich habe ein Wesen vor mir, das erfährt und erlebt vieles in der Welt; aber es beschäftigt sich nicht mit dem, was man an Liebe, an Schmerzen und Pein, aber auch an Fehlern und Unmoralischem auf der Erde erleben kann; es weiß nichts und will nichts wissen von dem, was sich abgespielt hat in der menschlichen Grundwesenheit bis jetzt. Die christliche Überlieferung drückt diesen Tatbestand dadurch aus, daß sie sagt: Vor dem Geheimnis der Menschwerdung verhüllten diese Wesenheiten ihr Antlitz. Eine ganze Welt ist in dem Unterschiede zwischen diesen Wesenheiten und den menschlichen Wesenheiten ausgedrückt.

[ 17 ] Und nun kommt eine Empfindung, die man unmittelbar hat, die sich so einstellt, wie wenn man einem Menschen gegenüber, der blonde Haare hat, die unmittelbare Empfindung hat: der hat blonde Haare. So tritt die Empfindung auf: Dadurch, daß du durch die Erdenkulturen durchgegangen bist, hast du dir notwendigerweise Unvollkommenheiten angeeignet, aber du mußt wieder zurückkommen zu dem ursprünglichen Zustand, mußt auf der Erde den Weg wieder zurückfinden, und dieses Wesen kann dir das zeigen, weil es deine Fehler nicht angenommen hat. Jetzt steht man einem Wesen gegenüber wie einem wirklichen Vorwurf, groß und grandios, wie ein Ansporn zu dem, was man nicht ist. Das zeigt einem dieses Wesen in lebendigster Weise, und da kann man sich ganz ausgefüllt fühlen vor dem Wesen von dem Wissen dessen, was man ist oder nicht ist. Da steht man dem lebendigen Vorwurf gegenüber. In die Klasse der Erzengel, der Archangeloi, wie wir sagen, gehört dieses Wesen. Es ist eine ganz reale Begegnung, und sie veranlaßt, daß einem plötzlich vor Augen tritt, was man als Erdenmensch im Sinnensein geworden ist. Selbsterkenntnis ist es zugleich im wahrhaftigen, umfassendsten Sinne. Sich selbst schaut man, wie man ist, und sich selbst schaut man, wie man nun werden soll!

[ 18 ] Zu diesem Schauen ist der Mensch nicht immer geeignet. Ich habe heute nur von der Begriffs- und Vorstellungswelt gesprochen, die abgelegt werden muß. Vieles andere muß ebenso abgelegt werden. Man muß, wenn man bis zum Hüter der Schwelle hinkommt, eigentlich alles ablegen, was man von sich weiß. Man muß nur dann noch etwas haben, um es durchzubringen. Darauf kommt es an! Daß man an der Grenze alles zurücklassen muß, das bewirkt ein inneres Erlebnis, dem man eben gewachsen sein muß, und die Vorbereitung bis zu dieser Stufe der Hellsichtigkeit muß darin bestehen und besteht bei einer richtigen Schulung darin — bei einer richtigen Schulung darf man nicht von Gefahren sprechen, denn gerade eine richtige Schulung beseitigt die Gefahren —, daß man ertragen lernt, was sonst schauervoll, schreckensvoll wäre. Zum Ertragen muß man kommen durch die Vorbereitung, denn das ist die Grundkraft zu allem weiteren Erleben. Im gewöhnlichen Leben ist der Mensch nicht fähig, alles das zu ertragen, was man ertragen muß, wenn man vor dem Hüter der Schwelle steht. Denn der Hüter der Schwelle ist zu etwas höchst Sonderbarem genötigt, das beurteilt werden muß von dem Gesichtspunkt der übersinnlichen Welt, wenn es nicht mißverstanden werden soll. Der Mensch ist immer so, daß sich die Tätigkeiten der übersinnlichen Welt in ihm abspielen; er weiß nur nichts davon. Während wir denken, empfinden, wollen, läuft immer eine Tätigkeit des astralischen Leibes und ein Zusammenhang mit der astralen Welt nebenher. Aber der Mensch weiß nichts davon, weil er, wenn er das wissen würde, was seine eigenen Leiber sind, es nicht ertragen könnte und davon betäubt würde. Daher muß diese Wesenheit, wenn ihr der Mensch ohne genügende Vorbereitung gegenübertritt, ihm das alles verhüllen und sich selber verhüllen; sie muß einen Schleier ziehen vor die übersinnliche Welt. Sie muß es tun zum Schutze des Menschen, der, im Sinnensein stehend, den Anblick nicht ertragen könnte. Da sehen wir so recht einen Begriff, den wir im Sinnensein nur moralisch beurteilen können, als unmittelbarste Naturordnung. Der Schutz des Menschen vor dem Sehen der übersinnlichen Welt ist die Funktion des Hüters der Schwelle, die Erhaltung des Menschen in dem Zustande, in dem er ist, bevor er sich in genügender Weise auf die übersinnlichen Welten vorbereitet hat.

[ 19 ] So haben wir versucht, einige Vorstellungen zusammenzufügen, die uns hinführen können zu einem Begriff von dem Hüter der Schwelle. Solche Vorstellungen, solche Begriffe und Ideen, Erfahrungen und Erlebnisse versuchte ich in einem kleinen Buche zusammenzustellen, das in den nächsten Tagen Ihnen hier noch dargeboten werden soll und das Ihnen neben den Vorträgen selbst eine wichtige Hilfe sein kann. Es wird in eine Reihe von acht Meditationen zerfallen und wird sich so darstellen, daß der Leser, wenn er diese Meditationen durchmacht, dadurch für sein Seelenleben etwas haben wird. Einige von den Vorstellungen, die uns zum Hüter der Schwelle hinführen können, versuchte ich heute zu charakterisieren. Von diesem ausgehend werden wir versuchen, an dem Hüter der Schwelle vorbeigehend, einige Einblicke und Ausblicke zu charakterisieren, um dann noch tiefer die Christus-Wesenheit und die Christus-Initiation verstehen zu können.