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The Rudolf Steiner Archive

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Von der Initiation von Ewigkeit und Augenblick
Von Geisteslicht und Lebensdunkel
GA 138

30 August 1912, München

Sondervortrag

[ 1 ] Der einzelne Mensch, welcher durch die Empfindungen und Sehnsuchten seiner Seele den Drang verspürt, an die theosophische Bewegung heranzutreten, wird - vielleicht ohne daß er sich dessen immer im vollen Umfange bewußt ist — die Befriedigung dessen suchen, was persönlich sein Herz begehrt, was ihm persönlich Ruhe über die großen Rätselfragen des Daseins bringen kann, über diejenigen Fragen, von denen er fühlt, daß er ohne ihre Beantwortung nicht mit dem Leben in der Epoche, in die er durch seine gegenwärtige Inkarnation hineingestellt ist, fertig werden kann. Wenn der einzelne dann da oder dort innerhalb des Geisteslebens seiner Epoche dasjenige findet, was er entgegennehmen kann, um zu diesen Befriedigungen seiner bangen und für ihn notwendigen Seelenrätsel zu kommen, dann sollte er sich aber auch bemühen, zu einem Verständnis davon durchzudringen, daß solches Geistesleben, das sich in irgendeine Epoche hereinstellt, auch für die einzelne Seele nur wirklich das bringen kann, was diese einzelne Seele in der richtigen Weise mit dem Geistigen verbindet, ohne daß diese Richtigkeit der einzelnen Seele immer bewußt wird, wenn solches Geistesleben im Einklange steht mit der Gesamtevolution der Menschheit und Rechenschaft abzulegen vermag vor der Gesamtevolution der Menschheit. Es mag da oder dort eine geistige Bewegung auftreten, einzelne Seelen mögen glauben, für sich dasjenige, was sie brauchen, in solchen Bewegungen finden zu können. Es kann das, was die Seele also bekommt, und wovon sie selbst glaubt damit befriedigt sein zu können, aber wertlos sein für die wirkliche Entwickelung der Seele, für die wirklichen Kräfte, welche die Seele suchen muß, wenn nicht dasjenige, was ihr als geistiges Leben begegnet, die volle Verantwortung übernehmen kann gegenüber der geistigen Führung und geistigen Leitung der Menschheit in irgendeiner Epoche, wenn nicht diese geistige Bewegung vor diejenigen Mächte hintreten kann, welche die Führung des Geisteslebens der Menschheit haben, und sich vor diesen Mächten verantworten kann, indem sie von diesen Mächten sozusagen ausgesprochen erhält: Ja, es geschieht mit der geistigen Bewegung dasjenige, was die Zeit verlangt, was die geistigen Kräfte verlangen, welche in die Zeit hereinragen. — Der einzelne Theosoph mag wohl ab und zu auch das Bedürfnis haben Ausschau zu halten, wie das, was er entgegennimmt, zu dem gesamten geistigen Leben steht oder sich auf den verschiedensten Gebieten äußert, was aber vielleicht mehr die Sehnsucht ausdrückt als das Bedürfnis, von der Zeit die Lösung der Rätselfragen zu erwarten, die durch die Geisteswissenschaft gewonnen werden soll. Die theosophische Seele mag, wenn sie auf dasjenige blickt, was sie mit einiger Befriedigung aus der Geisteswissenschaft heraus empfängt, gar manchmal unbefriedigt oder vielleicht auch unsympathisch auf das blicken, was uns überall als Geistesleben in unserer Zeit so umgibt, daß dieses Geistesleben vermeint, auch mit den höchsten Daseinsfragen, den höchsten Rätseln des Menschendaseins zu tun zu haben. Manches, was da draußen auftritt und ringt nach der Lösung der Daseinsrätsel, nach der Beantwortung der Fragen des Daseins, mag als materialistisch, oberflächlich, ungenügend von mancher Seele empfunden werden, welche die Geisteswissenschaft aufnimmt. Unbefangener Beobachter ist in diesem äußeren Leben aber so mancher, der von der Geisteswissenschaft nichts weiß, so mancher, der auch nicht einmal ahnen kann, was in dem, was wir Geisteswissenschaft nennen, lebt, und der aufrichtig und ehrlich nach der Wahrheit in unserer Epoche ringt, dessen Seele eben ehrlich und aufrichtig nach den Daseinsrätseln hin die tiefste Sehnsucht empfindet. Nicht mit einem oberflächlichen, alles nivellierenden Blick sollen wir unsere Mitwelt, das was außer uns steht, überschauen, sondern mit einem unterscheidenden Blick, denn nur dadurch können wir die Möglichkeit gewinnen, in der richtigen Weise an das anzuknüpfen, was da ist. Es kann natürlich nicht in einem einstündigen Vortrage vieles von dem erwähnt werden, woran die, welche die spirituellen Leiter unserer Bewegung sind, heute anknüpfen müssen, was sie voll berücksichtigen müssen. Deshalb kann nur einzelnes herausgehoben werden, und an einzelnen Exempeln soll gezeigt werden, worin draußen in der Welt die Rätselfragen pulsieren, zu deren Beantwortung, zu deren Befriedigung Geisteswissenschaft sich anschicken will.

[ 2 ] Wenn Sie die Welt betrachten, so werden Sie insbesondere finden, daß suchende Seelen — Seelen, denen sich die Daseinsrätsel so recht ins Herz hineindrücken — sich sagen: Wessen bedürfen wir heute, was müssen wir fragen, wo können uns Aussichten über die Ziele des Lebens herkommen? — Seelen, so empfindend, finden sich zahlreich namentlich unter denen, die sich aus der praktischen Technik, der Praxis des Lebens, der Praxis der Arbeit herausarbeiten. Nicht einmal unter den der Philosophie Geneigten sind so viele, die in bangster Weise so denken, als unter den Lebenspraktikern, die ihre Hände unter der Mechanisierung des Lebens abmühen, die dafür aber nach dem hinblicken, was oft die Seele erfüllt, wenn sie nach den Rätseln des Lebens fragen muß. Wir müssen wohl hinhorchen auf solche Seelen, denn wir müssen uns vorstellen, daß die Geisteswissenschaft einst zu antworten hat, Rechenschaft abzulegen hat den leitenden Mächten der Welt gegenüber. Solche Seelen aber gehören zu den besten suchenden Seelen der Gegenwart, und es kann eine Epoche kommen, wo sie herantreten an die Führer des geistigen Lebens, und wo diese auf die Lebensrätsel antworten müssen, die sich unter dem Druck der praktischen Interessen des Lebens herausgebildet haben. Wir brauchen uns nur nicht selber zu blenden, müssen nur den Sinn für das haben, was im Leben vorgeht, und es wird uns überall entgegentreten, wo die wahren Stimmen der Seelensucher sind.

[ 3 ] Wer in der letzten Zeit entweder an Buchhandlungen vorbeigegangen ist oder sich an den Bahnhofsbuchhandlungen umgesehen hat, was dort ausgelegt war, und nicht nur hingegangen ist mit dem Bestreben, nur das sich auszusuchen, was er sich kaufen will, der wird überall deutlich ausgelegt gefunden haben ein Buch, das er vielleicht, wenn er Theosoph ist, nicht mit viel Interesse lesen kann, wenn er nur daran denkt, die eigenen Seelenbedürfnisse zu befriediigen, das er aber mit Interesse lesen wird, wenn er sich sagt: wie müssen sich die Dinge stellen, wenn wir mit Antworten auf die Fragen nach den Lebensrätseln den suchenden Seelen entgegenkommen wollen? Da lag ein Buch aus von einem im praktischen Leben ausgezeichneten Mann, und las man die ersten Seiten, so konnte man sich überzeugen, daß er einen guten Überblick über unser Zeitalter hat, daß unsere Zeit aufrückt zu der Mechanisierung des äußeren Lebens, daß die Kräfte menschlicher Arbeit immer mehr und mehr hineingedrängt werden in die maschinenmäßige Arbeit. Es ist das Buch «Zur Kritik der Zeit» von Walther Rathenau. Es ist ein Buch eines unsere Zeit kennenden Menschen, den derjenige auch kennenlernen sollte, der in der Geisteswissenschaft mitsprechen will. Es ist darin dargestellt, wie in unserer Zeit alles mechanisiert wird, und warum das so kommen mußte. Für umfassende Begriffe wird das größtenteils unrichtig dargestellt, ja, man wird vielleicht mit keinem Ausdruck darin übereinstimmen können, aber darum handelt es sich nicht. Sondern darum handelt es sich, was die suchenden Seelen in unserer Zeit sagen, und welches die Kräfte sind, mit denen sie suchen, besonders wenn es ein Mensch des praktischen Lebens ist, wie es der Verfasser dieses Buches ist. Ich möchte Ihnen zu Beginn unserer Betrachtung etwas aus einer Stelle dieses Buches vorlesen, die mir wie aus dem Zentrum der Seelenstimmung der Seelen Europas und Amerikas gesprochen erscheint. Man hört darin förmlich, was unzählige Seelen nicht aussprechen können, was in ihnen Fragen anregen kann, wenn man eine solche Persönlichkeit versteht, wo sie aus sich heraus von der Zeit und der Zeitenseele spricht und sagt: «Sie die Zeit — sucht ihre Seele und wird sie finden» — trotzdem können Sie in dem ganzen Buche nicht einen einzigen Anhaltspunkt finden, wie die Zeit ihre Seele finden mag, nur Sehnsucht, der Trieb nach etwas Unbekanntem — «freilich gegen den Willen der Mechanisierung. Dieser Epoche lag nichts daran, das Seelenhafte im Menschen zu entfalten; sie ging darauf aus, die Welt benutzbar und somit rationell zu machen, die Wundergrenze zu verschieben und das Jenseitige zu verdecken. Dennoch sind wir wie je zuvor vom Mysterium umgeben; unter jeder glatten Gedankenfläche tritt es zutage, und von jedem alltäglichen Erlebnis bedarf es eines einzigen Schrittes bis zum Mittelpunkt der Welt.» In diesem Buche wird nirgends angedeutet, wie dieser Schritt gemacht werden soll von den uns umgebenden Mysterien bis zum Mittelpunkt der Welt. «Die drei Emanationen der Seele: die Liebe zur Kreatur, zur Natur und zur Gottheit konnte die Mechanisierung dem Einzelleben nicht rauben; für das Leben der Gesamtheit wurden sie zur Bedeutungslosigkeit verflüchtigt. Menschenliebe . . .» — das sagt ein Praktiker der Gegenwart, der sich mit nüchternem Blick seiner Zeit so entgegenstellt, wie er sich ihr entgegenstellen kann, der durch Jahrzehnte selbst angegriffen hat, was in Europa und darüber hinaus die Fäden des ökonomischen Lebens sind, und der selber daran mitgearbeitet hat — «Menschenliebe sank zum kalten Erbarmen und zur Fürsorgepflicht herab, und bedeutet dennoch den ethischen Gipfel der Gesamtepoche; Naturliebe wurde zum sentimentalen Sonntagsvergnügen; Gottesliebe, überdeckt vom Regiebetriebe mythologisch-dogmatischer Ritualien, trat in den Dienst diesseitiger und jenseitiger Interessen und wurde so nicht bloß unedlen Naturen verdächtig.» Weiter sagt Rathenau Worte, auf die der, welcher den Geistesbedürfnissen der Zeit entgegenkommen will, mit gutem Willen entgegenkommen will, hinhören muß, wenn sie auch partiell unrichtig sind, denn sie drücken das aus, was berechtigt aus den Seelen herausströmt und in zukünftigen Zeiten immer mehr aus den Seelen herausströmen wird: Empfindungen, gegen die sich keiner, der Geisteswissenschaft treibt, auflehnen darf, ohne daß ihn das Karma der Zeit treffen wird. «Es gibt wohl keinen einzigen Weg, auf dem es dem Menschen nicht möglich wäre, seine Seele zu finden, und wenn es die Freude am Aeroplan wäre. Aber die Menschheit wird keine Umwege beschreiten.» Das ist Bedürfnis der Zeit. Das können wir hören, wie die Zeit es ablehnen wird etwas entgegenzunehmen, was unmittelbar zu den Tiefen der Seele, was übersinnlich zu den Tiefen der Seele sprechen wird. Diese Zeit wird sagen: «Es werden keine Propheten kommen und keine Religionsstifter, denn diese übertäubte Zeit läßt keine Einzelstimme mehr vernehmlich werden: sonst könnte sie heute noch auf Christus und Paulus hören. Es werden keine esoterischen Gemeinden die Führung ergreifen, denn eine Geheimlehre wird schon vom ersten Schüler mißverstanden, geschweige vom zweiten. Es wird keine Einheitskunst der Welt ihre Seele bringen, denn die Kunst ist ein Spiegel und ein Spiel der Seele, nicht ihre Urheberin.» Man möchte sagen: So hat sich vor einigen Monaten ein Mann vernehmen lassen. Und was haben wir seit zehn Jahren getan? Wir haben uns bemüht, Antwort zu finden auf das, was so aus der Zeit heraus als ihre Kräfte sich spinnt. Und weiter sagt er: «Das Größte und Wunderbarste ist das Einfache. Es wird nichts geschehen, als daß die Menschheit unter dem Druck und Drang der Mechanisierung, der Unfreiheit, des fruchtlosen Kampfes die Hemmnisse zur Seite schleudern wird, die auf dem Wachstum ihrer Seele lasten. Das wird geschehen nicht durch Grübeln und Denken, sondern durch freies Begreifen und Erleben. Was heute viele reden und einzelne begreifen, das werden später viele und zuletzt alle begreifen: daß gegen die Seele keine Macht der Erde standhält.»

[ 4 ] Daß gegen die Seele keine Macht der Erde standhält! Das bedingt unser Vertrauen, daß wir in die Zukunft hineinwachsen mit dem, was wir haben, und uns im Einklang wissen mit den Besten der Zeit, die nichts von uns wissen oder gar nichts wissen wollen. Aber wir wollen uns nicht verleiten lassen gegen das, wonach unsere Zeit dürstet, irgend etwas zu unternehmen, denn wir wissen, die Führung der Menschheit ist höheren, spirituellen Mächten überlassen, und das, was sich in der Menschheit äußert, kommt von diesen spirituellen Mächten, auch wenn es selbst anders erscheinen mag als das, was wir selbst wollen, wenn es nicht durch irgendwelche Willkür, sondern so erzeugt erscheint, daß es wie mit elementarer Gewalt aus dem Zentrum der Seelen mit dem Impuls der Zeit hervorkommit. So spricht zu uns unsere Zeit. Wie sprechen diejenigen Erscheinungen, die unsere Zeit herbeigeführt haben?

[ 5 ] Ich möchte zunächst von etwas ausgehen, wohin sich meine Gedanken im Verlaufe dieses Vortragzyklus schon einmal lenkten. Unter den mancherlei Persönlichkeiten, die mir in der Zeit entgegengetreten sind, als ich noch nicht innerhalb der Theosophischen Gesellschaft war, war — wie ich vor einigen Tagen erwähnt habe — auch der Kunsthistoriker Herman Grimm, der mit allem, was er im einzelnen leistete, nichts anderes wollte, als sich bewußt in die Bedürfnisse unserer Zeit hineinzustellen. Sehr Merkwürdiges konnte man mit ihm erleben. Herman Grimm hat sich in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herangemacht, eine Biographie Michelangelos zu schreiben. Wer sie heute in die Hand nimmt, wird sie, wenn er nicht von Vorurteilen befangen ist, als das Beste finden, was über Michelangelo geleistet worden ist. Herman Grimm hat in langer Arbeit sich bemüht, ein gerundetes Bild des Wirkens und Schaffens Michelangelos zu vollenden. Es ist ihm auch gelungen, ein Bild dieser Zeit zu schaffen. Er hat dann auch begonnen, ein Leben Raffaels zu schreiben. Es gehörte zu den beständigen Geständnissen, die man aus Herman Grimm heraushören konnte, daß es ihm gegenüber Raffael ganz anders erging. Michelangelo konnte er so beschreiben, daß er ein fertiges Bild dieser Persönlichkeit hinstellen konnte, Raffael nur so, daß es für ihn selbst nimmermehr genügte. Warum? Herman Grimm war ein Mensch, der bei allem, was er begreifen wollte, immer die ursprünglichen Ursachen suchte, und bei Raffael konnte er eben die ursprünglichen Ursachen nicht finden. Wenn er irgendwie mit etwas über Raffael fertig war, dann mußte er finden, daß die Sache doch wieder höchst unvollkommen gelöst war. Dennoch setzte er immer wieder an, auch kurz vor seinem Tode noch einmal, um ein Leben Raffaels zu schreiben, doch es ist nicht fertig geworden. Ein kurzes Fragment darüber ist dann in seinen nachgelassenen Fragmenten erschienen. Herman Grimm selber sagte sich etwa: «Ob es mir diesmal anders gelingen wird, wenn ich noch so lange leben werde, irgend etwas zustande zu bringen, was für mich sich deckt mit dem, was man über Raffael wissen möchte?» Es war kurz vor seinem Tode, als er wieder damit anfing, denn es war das Fragment, dem gegenüber er die Feder aus der Hand gelegt hat und gestorben ist. Es ist nur ein Fragment, als er selber noch dazu gekommen war, ein «Leben Raphaels» zu schreiben. Ich selber mußte, als ich diese Worte in seinem Nachlaß las, eines Momentes gedenken, da ich mit ihm in einem kleinen Kreise einmal zusammen war und gesprochen habe, wie ich es wollte, von den geistigen Angelegenheiten der Menschheit. Ich hatte Herman Grimm sehr lieb und werde ihn immer gleich lieb haben. Er war eine Persönlichkeit, streng eingeschlossen in das Geistesgebiet, das er sich zubereitet hatte, und er hatte eine Antwort auf das, was ich so gerne hätte einfließen lassen. Sie bestand in folgendem: es war eine bloße Handbewegung des Ablehnens gegenüber dem, was sich in die Insel seines Geisteslebens etwa hätte von außen her hineinbewegen können von dem, was nicht von ihm mit den Kräften, die man in seiner Zeit haben konnte, aufgenommen werden konnte. Wer mit ihm umzugehen wußte, der verstand ihn und seine Hand, wie sie um die Tischecke herum in ablehnender Bewegung sich befand. Für mich war diese Handbewegung die Grenze zwischen dem, bis wohin ein Geist geht, der mit den geistigen Elementen seiner Epoche dieselbe neu beleben will, und dem, was als neue Kräfte in unsere Zeit einfließen muß. Das war im Jahre 1892.

[ 6 ] Warum — ich möchte alles andere jetzt nur in Ihren Seelen anregen — konnte Herman Grimm aus den geistigen Elementen, die in seiner Seele lebten, mit dem Leben Raffaels nicht zustande kommen? Geben Sie sich die Antwort mit alle dem, was für das Geistesleben einer Zeit notwendig sein wird, die so etwas wie das Leben Raffaels wird verstehen wollen. Damit sage ich nicht, daß das Leben Raffaels etwas Höheres sein muß als zum Beispiel das Leben Michelangelos, sondern ich stelle nur ein Faktum für die Menschenseele vor Sie hin. Versuchen Sie sich eine Antwort zu geben. Man kann sie sich geben, wenn man den Blick schweifen läßt über das erste Bild, das unser drittes Mysteriendrama, «Der Hüter der Schwelle», eröffnet. Da finden Sie vier Bilder: Elias, Johannes der Täufer, Raffael, Novalis. Mit dem, was im Laufe unserer jahrelangen geisteswissenschaftlichen Arbeit hat zutage treten können, so daß es plausibel, beweiskräftig erscheinen konnte, haben wir uns bemüht zu zeigen, wie eine gleiche Seelen-Individualität — sich wiederinkarnierend von Elias zu Johannes dem Täufer hinübergeht, in Raffael wiedergeboren wird, dann in Novalis wiedererscheint. So phantastisch das heute erscheinen mag, so wahr wird man es in einer gar nicht so fernen Zukunft finden, daß man mit dem Begreifen der Welt scheitern wird, wenn man nicht zu Hilfe nehmen wird die Idee der Reinkarnation der Menschenseele und das Karma, das durch die verschiedenen Erdenleben hindurchgeht, was man die spirituellen Zusammenhänge der Welt nennt. Der erst wird Raffaels Leben beschreiben, der von dem Leben ausgeht, das durch die Geisteswissenschaft erkannt wird. Überall tritt drängend und fragend in unserer Zeit an die Menschenseele heran der Zusammenhang des geistigen Lebens in aller Welt, setzt Fragen hin wie die: Wie kommt es, daß plötzlich im menschlichen Leben Gedanken auftreten wie aus eigener Seele entspringend, die in fern davon liegenden Zeiten da waren und nun wieder auftreten? — Man kann in die Art hineinschauen, wie das geistige Leben wirklich wirkt, wie es in den aufeinanderfolgenden Epochen die Gedanken immer wieder erscheinen läßt, wenn man die geistigen Gedankengänge kennt, welche die Geisteswissenschaft zu enthüllen vermag.

[ 7 ] Es ist in den letzten Wochen ein höchst Bedeutsames im deutschen Geistesleben erschienen. Es wird Ihnen sonderbar erscheinen, daß ich es für bedeutsam halte. Aber ich muß es für bedeutsam halten, denn es ist symptomatisch bedeutsam. Ich habe, als ich in Weimar mit Goethe beschäftigt war, viele Persönlichkeiten kennengelernt, die mit der deutschen Gelehrsamkeit tonangebend zusammenstehen. Unter den mancherlei Germanisten trat mir damals einer entgegen, von dem ich mir außerordentlich Bedeutsames auf seinem Felde versprechen konnte. Es ist Konrad Burdach, der damals Professor in Halle war, dann diesen Posten verlassen hat, um als Privatgelehrter weiterzuleben. Nun hat Konrad Burdach in den letzten Wochen in den Versammlungen der Berliner Akademie der Wissenschaften eine höchst interessante Abhandlung vorgelegt. Sie figuriert zwar zunächst nur unter den akademischen Schriften, doch ist darin eine bedeutsame Frage aufgeworfen — aber eine Frage, die man nicht mit den Mitteln Konrad Burdachs lösen kann, sondern die nur mit den Mitteln der Geisteswissenschaft beantwortet werden kann. Sie werden sich überzeugen, daß es einem Bedürfnis der einzelnen Seele sehr naheliegt, wenn sie über die Zusammenhänge des Lebens nachdenkt, sich zu fragen: Wie steht das Faust-Gedicht der modernen Seele gegenüber? — Haben wir nicht in dem Faust den Lebenspraktiker unserer Zeit hingestellt, der — am Schlusse seines langen Lebens angelangt — vor allem ein praktisches Ideal vor sich hat? Schauen wir uns Goethe an in seinem praktischen Schaffen: wir können es verfolgen, wie er zu Eckermann, seinem getreuen Sekretär, spricht. Goethe ist genötigt, die spirituelle Entwickelung des Faust darzustellen. Ihm kommt der geistige Inhalt von Raffaels Madonna Sixtina in den Sinn; er konnte diesen erst in seiner späteren Lebenszeit erfassen, weil er ihn zum Beispiel beim ersten Besuch in Dresden noch nicht erfaßt hatte. Er wollte darstellen, wie zum Schluß Fausts Unsterbliches in die höheren Welten aufgenommen wird. Wir sehen, er ringt mit seinem Problem so, daß er einst zu Eckermann sagte: Es ist merkwürdig, wie dämonische Gewalten durch die Welt gehen und aus einem unbekannten Übersinnlichen Gestalten wie Raffael heraussprießen lassen, wie man nicht fertig wird mit Gestalten wie Raffael, ohne daß man sie erklären wird aus ihrem Hervorgehen aus dem Übersinnlichen heraus. — Man kann ein Gefühl davon haben, wie Goethe gerungen hat von dem allmählichen Übergehenlassen der Entelechie, von dem allmählichen Übergehen der Gestalten in die höheren Welten, bis er dann fertig wird mit einem Menschen, den er zugleich als einen Lebenspraktiker für die kommenden Jahrhunderte hingestellt hat.

[ 8 ] Konrad Burdach hat für die Philologie ein Merkwürdiges hingestellt. Wer seine Abhandlung liest, hat das Gefühl: es ist doch sonderbar, wie es der reinen Philologie gelungen ist, ein Parallelbild aus den früheren Jahrhunderten dem Faust an die Seite zu stellen. Es werden die alten Gestalten nur in moderner Form, als wenn sie Goethe gestaltet hätte, wieder hingestellt. Die ganze Moses-Geschichte wird in dieser Weise, als wenn es Goethe gedacht hätte, für seine Zeit hingestellt. Konrad Burdach will damit zeigen, wie in Goethes Denkweise alles einfließt, was sich um die Moses-Gestalt herumgegliedert hat.

[ 9 ] So steht ein Mann vor der Pforte, hinter welcher die übersinnliche Welt ist, die Antworten gibt auf die Frage: Inwiefern sind Gedanken, sind spirituelle Mächte reale Kräfte, die durch die Zeit hindurchwirken und in den verschiedensten Zeiten angemessen diesen Epochen wieder hervortreten? Überall wo wir hinblicken, pocht heute die Welt an die Pforte der übersinnlichen Welt. Unsere Pflicht ist es, zu unserem Verantwortlichkeitsgefühl gehört es, die Welt, wo sie ehrlich und aufrichtig, nicht aus der persönlichen Willkür heraus fragt, so zu hören, wie es den Empfindungen, den Gefühlen der Seelen angemessen ist. Dabei kommt nicht in Betracht, was wir uns selber einbilden, wie die wahre Entwickelung der Menschheit sein soll. Ablesen sollen wir aber an den wirklich besten und sehnenden Seelen, wie sie selber in die spirituelle Welt hineinkommen wollen, und zurückhalten das, was wir selber für uns als das Wichtige halten, um es denen geben zu können, die da suchen. Gegenüber einer solchen Kultur, wie die ist, aus der wir heraus arbeiten wollen, und in der viele auswärtige Freunde in Europa und Amerika mit uns deshalb zusammenarbeiten, weil sie wissen, daß es nichts mit Nationalität zu tun hat, schickt es sich nicht darüber zu streiten, was orientalisch, was okzidentalisch ist, in der ein tonangebender Geist gesagt hat: «Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident!» Das sind Worte Goethes, die uns in der Seele leben, und aus denen heraus wir wirken. Aber in den Seelen — nicht bloß in den unsrigen, sondern auch in denen, auf die wir hören müssen — leben nicht nur unsere willkürlichen Gedanken, die uns vorschreiben, was wir den anderen zu geben haben, sondern in den Seelen leben Empfindungen, welche die Geister der Jahrhunderte geschaffen haben. Suchen wir eine der uns entgegentretenden Gruppen auf. Gehen Sie mit mir zu einer der Leistungen, die — wie die Goethes sind — ganz außerordentlich bezeichnend sind für das Empfindungsleben gegenüber der spirituellen Welt und gegenüber den Gestalten, die in der spirituellen Evolution der Menschheit wirken. Gehen Sie mit mir zu einem Kapitel des «Wilhelm Meister» von Goethe. Verfolgen wir es zusammen, wie er den Wilhelm Meister als den Repräsentanten der Menschheit bewußt hinstellen wollte. Da sehen wir, wie Wilhelm Meister an einem Schlosse ankommt, wie er von dem Führer des Schlosses geführt wird und ihm die Schönheiten des Schlosses gezeigt werden, unter anderem auch die Bildergalerie. In dieser ist auch enthalten, was den Entwickelungsgang der Menschheit durch die verschiedenen Epochen hindurch darstellen kann, und man sieht daran, wie sich die Menschheit aus uralten Zeiten immer weiter und weiter bis zur Zerstörung Jerusalems entwickelt hat. Man soll durch die aufeinanderfolgenden Bilder begreifen, wie es durch die Kräfte, die in der Evolution der Menschheit wirken, bis zur Zerstörung Jerusalems gekommen ist. Der, welcher geführt wird, Wilhelm Meister, dessen Erziehung der Seele uns geschildert werden soll, fragt seinen Führer: Warum ist hier der Gang der Menschheitsentwickelung bis zur Zerstörung Jerusalems dargestellt und gar nicht innerhalb dieses Ganges das, was kurz davor in die Entwickelung hereingefallen ist: das Leben des Christus mit alle dem, was er in Palästina vollbracht hat? Da sagt der Führer zu Wilhelm Meister: Dieses in gleicher Weise darzustellen wie den übrigen Gang der Menschheitsentwickelung, verbietet uns das, was unser Heiligstes ist. Was du hier dargestellt siehst, ist dasjenige, was an Kräften in der Weltgeschichte wirkt und so wirkt, daß es in seinem Zusammenwirken die Menschengruppen, die Nationen angeht, nicht aber die Kräfte, welche im einzelnen eingegriffen haben in das Leben einzelner Menschen. Es wäre falsch, in diese Bilderreihe den Christus hineinzustellen, denn der Christus wendet sich intim an jede einzelne Seele, und jede einzelne Seele hat mit ihm fertig zu werden. Dann führt der Führer den Wilhelm Meister in ein zweites, geheimeres Gemach, wo dargestellt ist, was nicht im gewöhnlichen Sinne in den epochalen Gang der Menschheitsentwickelung hineingestellt werden kann. Da sind wieder Bilder: für sich ist dasjenige hingestellt, was anknüpft an das Mysterium von Golgatha. In Bildern ist dargestellt vor Wilhelm Meister alles, was an den Christus anknüpft, bis — ja, bis zum Abendmahl. Nicht ist dasjenige da, was sich an das Abendmahl nun als das eigentliche Mysterium von Golgatha anschließt. Warum, fragt wieder Wilhelm Meister seinen Führer, ist hier in diesem geheimeren Kabinett das dargestellt, was bis zum Abendmahl hinführt, und nicht dasjenige, was sich daran anschließt? Er erhält die Auskunft, daß zunächst keine menschliche Seele in der Lage ist, das, was sich daran anschließt, so darzustellen, daß es das menschliche Gemüt nicht verletzen könnte. Goethe empfand noch in seiner Zeit aus seinem Spirituellen heraus die Ohnmacht, das große Mysterium darzustellen, weil er wußte, man möchte sagen, auch aus noch unbewußtem Wirken, daß die tiefsten Gefühle des Seelenlebens herausgeholt werden müssen, wenn man das Heiligste für die Seele erstreben und vor die Seele hinstellen soll. So zeigt uns sein Wilhelm Meister, wie man eine zweifache Pforte des Esoterischen überschreiten soll, wenn man sich diesem Heiligen in seiner Seele nähern will.

[ 10 ] Was ist damals in Goethes Seele zum Ausdruck gekommen? Es ist zum Ausdruck gekommen, daß, wenn in der neueren Kultur sich die Seele innerhalb ihrer selbst richtig erfaßt, diese neuere Kultur in die Seele ein Heiligstes, ein Hehrstes hineinlegt, das Goethe fühlen mußte. Was seiner Zeit noch nicht gegeben war, um dieses Heiligste darzustellen, muß aber kommen. Es muß mit ganz anderen Mitteln in den Seelen wirken. Wer die Verantwortlichkeit gegenüber dem fühlt, was in der Zeit solche Empfindungen gezeitigt hat, der steht nun der spirituellen Welt gegenüber mit vollem Verantwortlichkeitsgefühl und glaubt diesem Verantwortlichkeitsgefühl nur dienen zu können, wenn er nichts anderes tut, als die Seelen darauf hinzuweisen, wie in unserer Zeit die Epoche reif wird, daß die Seelen, wenn sie zum spirituellen Leben heranwachsen, dasjenige erringen werden, was für den Blick des Wilhelm Meister sich erst nach zweifachem Überschreiten der Pforte zu den höheren Geheimnissen erschließen soll. So wäre die Atmosphäre, die aus dem geistigen Leben der Zeit in unsere Seelen strömt, wenn wir von dem Christus-Geheimnis sprechen wollten, das sich uns enthüllen soll, sprechen wollten von der Intimität, die zwischen der Seele und dieser gewaltigen Macht der Weltentwickelung bestehen wird, wenn jede einzelne Seele reif wird, daß der aus der geistigen Welt heraus neu sich offenbarende Christus intim jeder einzelnen Seele sich nähern wird.

[ 11 ] Wir wußten, daß wir nicht anders handeln durften, als dem Führer des Wilhelm Meister zu folgen. Der führt zuerst zu dem, was die Epochen charakterisiert, dann zu dem, was in der geheimeren Kammer abgeschlossen ist, um dann zu dem besondere allerheiligste Vorbereitungen zu treffen, was für jede einzelne Seele, wenn wir die zweite Pforte überschritten haben, nicht anders als in freier Entschließung zu den Seelen sprechen darf. Wenn wir absehen von dem, was sonst aus den Zeiten zu den Seelen spricht, so kann man, wenn nicht ein äußeres Verhängnis oder dergleichen wirkt, eine Menschenseele nicht auf das aufmerksam machen, was sie erleben oder erwarten soll, sondern auf das, was durch die Gnade der geistigen Führung der Menschheitsentwickelung in die Seelen sich hineinleben wird. Wir fühlen da zusammenwirken das, was das Geistesleben vorbereitet hat und dann zu dem Geistesleben unserer Zeit geworden ist. Da stehen wir und fühlen unsere Verantwortung gegenüber denen, welche die echten suchenden Seelen waren, und fühlen, wie wir das verantworten können, was wir getan haben. Wir lernen aber auch, daß wir nicht aus unserer Willkür heraus sagen: so soll man es, oder so muß man es machen! Denn warum sollte nicht auch dieses oder jenes so oder so begründet werden? Nein, wir fühlen uns verpflichtet das zu tun, was die schöpferischen Kräfte der Zeit von uns verlangen, nicht, was wir selbst verlangen oder verlangen können. Wir fühlen uns verpflichtet weiter zu schaffen im Sinne derer, die vor uns gesprochen haben, und sagen: Wir wollen nichts anderes heilig halten, als was ihr heilig hieltet und herbeisehntet. Aber wir wollen treu sein dem, was für euch durch die spirituellen Mächte geflossen ist. Dann werden Sie dieses verstehen und nicht auf viele Fragen, die sich vielleicht in diesen Tagen die einzelne Seele hat aufwerfen können, sagen, hier sei etwas unharmonisch verflossen, sondern Sie werden sich sagen: diese Menschen konnten nicht anders handeln, aber sie wußten auch, was sie taten.

[ 12 ] Alles drängte zu dem umfassendsten Geistesleben hin, das die Geisteswissenschaft der Welt geben wird, wenn wir die vergangenen Zeiten in Betracht ziehen. Schauen Sie nicht auf das, was von irgendwelchen willkürlichen Bestrebungen der Zeit herausfließt, sondern schauen Sie auf das, was die Zeiten selbst als Notwendigkeiten bringen. Fragen Sie nicht, wie der oder jener, der glaubt auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, über die Rätsel der Zeit und der Menschenseele denken will, weil er nicht übersehen kann, was in Betracht kommt. Fragen Sie die Großen, welche längst hingestorben sind, die mit Objektivität zu unserer Seele sprechen. Fragen Sie einen Menschen, der so unendlich viel für die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts getan hat wie Alexander von Humboldt, der in seinem «Kosmos» ein so umfassendes Bild der Naturentwickelung geben wollte, fragen Sie ihn, wo er hinausdenken wollte über das, was den Naturerklärer interessiert, wo für ihn die tiefsten Rätsel aller Naturfragen berührt sind. Und seine Antwort ist: Das ist der hundertvierte Psalm Davids! — Dieser selbe Alexander von Humboldt aber war wieder eine sehnsüchtige Seele, eine Seele, die — ganz im Besitze der naturwissenschaftlichen Kultur ihrer Zeit — aus dem 19. Jahrhundert heraus den Blick auf das richtete, was aus dem inbrünstigen Fühlen der spirituellen Welt herausgeflossen ist, wie es in dem hundertvierten Psalm Davids zutage tritt. Fragen Sie jetzt, wie vieles von dem, was dort in dem hundertvierten Psalm in hymnenartiger Weise zur Menschenseele spricht, in konkreter Ausgestaltung — wie es für unsere Zeit notwendig ist — in der Geisteswissenschaft zu finden ist! Wenn wir das beachten, dürfen wir sagen: Was antwortet uns die Seele Alexander von Humboldts auf das, was wir tun? — Sie würde uns so antworten, daß sie uns sagte: Ersehnt haben wir das, was ihr versucht, und wir ahnten, daß es kommen muß! — Und Wilhelm von Humboldt, der Bruder Alexanders, der große Sprachforscher, der letzte derjenigen Zeit, als in Europa die große Dichtung bekannt wurde, von der ich gestern gesprochen habe, die Bhagavad Gita, dieser große Geist, sprach ungefähr so, daß er sagte, er habe schon genug gelebt, nachdem in sein Leben hereingefallen ist die Bekanntschaft mit der Bhagavad Gita.

[ 13 ] So hat sich das 19. Jahrhundert in denjenigen Seelen, die am meisten suchend waren, vorbereitet, dasjenige objektiv und unbefangen zu empfangen, was über den ganzen Erdkreis hin der Menschheit an spirituellen Schätzen gegeben ist. So hat es sich vorbereitet, um nicht in Einseitigkeit zu verfallen.

[ 14 ] Ich wollte Ihnen nicht theoretische Auseinandersetzungen geben. Ich halte theoretische Auseinandersetzungen immer für sehr einseitig, selbst wenn sie die allerbesten sind. An Beispielen wollte ich Ihnen zeigen, wie die Tatsachen sind, und wie die Seelen unter der Gewalt realer Tatsachen empfinden. Ich möchte zurückkommen auf etwas, was Herman Grimm vorgeschwebt hat, wovon er mir sprach auf einem Wege von Weimar nach Tiefurt, was in seiner Seele lebte wie ein Gebäude, das er aufführen wollte, und wovon er selber in den einleitenden Bemerkungen zu seinen nachgelassenen Fragmenten so spricht, daß es ihm immer vor der Seele geschwebt hat, und daß alle seine einzelnen Arbeiten aus dem herausgeströmt sind, was so in seiner Seele lebte. Was war es, das ihm immer vorschwebte? Es war nichts geringeres als eine Entwickelungsgeschichte der Menschheit, die er darstellen wollte als eine Geschichte der Entwickelung der nationalen Phantasie der Menschheit aller Völker und Zeiten. Das war ihm das zu Schaffende. Er wollte untersuchen, wie zum Beispiel in Griechenland die schöpferische Macht der Phantasie gewirkt hat, wie sie einen Homer, einen Äschylos, einen Sophokles an seine Stelle hingestellt hat, wie sie durch die Zeiten gegangen ist bis in die neue Zeit herauf und überall hingestellt hat, was dargestellt werden soll. Ein Mann schritt neben mir her, der den Glauben an die Wahrheit der Phantasie, das Schöpferische der Phantasie hatte, aber eine Welt war rings herum, die keine Anlage hatte, an dieses Schöpferische der Phantasie, an die Abstammung der Phantasie von dem Wahrheitvater zu glauben! Die Empfindung, welche Sie jetzt in dem dritten Mysterienspiel «Der Hüter der Schwelle» wiederfinden, wo Frau Balde wie ein Gespenst in den himmlischen Reichen erscheint — aber wie ein umgekehrtes Gespenst, denn sonst kommen Gespenster aus der übersinnlichen Welt, Frau Balde aber blickt hinauf und erscheint dort ebenso, wie die übersinnlichen Wesen herunterschreiten auf die Erde — diese Empfindung drängte sich damals in meine Seele und gestaltete sich als das Schicksal der Phantasie. An dieses Schicksal der Phantasie wird man denken müssen, wenn man auf das eingehen will, was Herman Grimm vorschwebte, ohne daß man etwas weiß über die Abstammung der Phantasie von dem Wahrheitvater. Niemals ist das zustande gekommen, was Herman Grimm vorgeschwebt hat. Er fühlte dunkel, daß da etwas zustande kommen würde, wenn es ihm gelänge, was er wollte. Aber — es ging nicht. Warum ging es nicht? Es ging deshalb nicht, weil einem die Phantasie, wenn man sie nur im allgemein-menschlichen Sinne als schöpferische Weltenmacht betrachten will, fortwährend entschlüpft. Man empfindet immer, wie die Macht, die man Phantasie nennt, zwar von der Wahrheit abstammt, aber nicht selbst zur Wahrheit, sondern nur zur Maja hinführen kann, und wie hinter allem, wohin die Phantasie führt, die spirituelle Welt steht, der gegenüber Herman Grimm jene abwehrende Handbewegung machte.

[ 15 ] In den letzten Tagen trat diese Empfindung mir wieder vor die Seele gegenüber dem Manne, der aus der Phantasie heraus den Gang der Menschheitsentwickelung schildern wollte, daß ich mir sagte: Er hat das Ideal gehabt, aus dem Geistesleben, aus den spirituellen Mitteln, die ihm seine Zeit gab, Befriedigendes über die Weltenrätsel zu finden. Aber was er aus seiner Zeit heraus erlangen, was er in ehrlicher, aufrichtiger Weise in seine Seele aufnehmen konnte, das gab ihm die Lösung nicht. Und weil er ehrlich war, unterließ er sie! Daraus ersehen wir, wie unsere Zeit nach dem verlangt, was die Weltenrätsel enthüllen kann, was Aufklärung über die schaffenden Kräfte und schaffenden Mächte geben kann, die hinter den sinnlichen Erscheinungen stehen und die Signatur der Sinneserscheinungen bewirken. Warum trat mir das in der letzten Zeit vor die Seele? Ich habe mich nie gescheut, auch das Persönliche, wenn das Persönliche objektiv ist, zu erwähnen, und jeder mag darüber denken, wie er will. Ich bestrebe mich, das Persönliche ganz objektiv zu betrachten. Es trat mir vor die Seele, weil es sich mir ganz von selbst verglich, was ein Geist wollte und nicht konnte, und was nun in einer gewiß schönen Weise zustande gekommen ist durch das Buch unseres verehrten Edouard Schuré «L’Evolution divine». Lesen Sie es und nehmen Sie sich vor, es so zu lesen, daß Sie in die spirituelle Macht eindringen, die hinter allem Sinnenschein steht, die aber auch in dem Gang der Epochen als die schöpferische Phantasie gewirkt hat. Und Sie werden sehen, wie unsere Zeit auf das zu antworten beginnt, was heiße, sehnsüchtige, manchmal nicht einmal vollbewußte Fragen unseres Geisteslebens waren. Dann werden Sie in Ihrer Seele die Antwort finden, was Geisteswissenschaft sein soll, aber auch die Antwort, wie Geisteswissenschaft sein soll.

[ 16 ] Wie wir denken müssen, damit ein harmonisches Zusammenwirken im Geistesleben der Gegenwart sich einstellen könnte, das war mir ein Bedürfnis im Verlaufe des heutigen Vormittages Ihnen zu sagen.