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The Rudolf Steiner Archive

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The Gospel of Mark
GA 139

23 September 1912, Basel

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Neunter Vortrag

Ninth Lecture

[ 1 ] Wiederholt wurde in diesen Vorträgen darauf hingewiesen, daß ein gewisser Umschwung in dem Verhältnis der Menschen zu den Evangelien gegen die Zukunft hin dadurch eintreten werde, daß das tief Künstlerische, das Künstlerisch-Kompositionelle in diesen Evangelien gesehen werden wird und daß man die okkulten Hintergründe, die in den Evangelien dargestellten weltgeschichtlichen Impulse erst dann im richtigen Licht sehen wird, wenn man auf das KünstlerischKompositionelle der Evangelien eingehen wird. Im Grunde genommen stellt sich auch in dieser Beziehung die Evangelienliteratur und die Evangelienkunst in den ganzen historischen Evolutionsgang der Menschheit in derselben Weise hinein, wie wir das für mancherlei Punkte in diesen Tagen andeuten konnten.

[ 1 ] It has been repeatedly pointed out in these lectures that a certain shift in people’s relationship to the Gospels will occur in the future, in that the profoundly artistic, artistic-compositional elements in these Gospels, and that the occult backgrounds and the world-historical impulses depicted in the Gospels will only be seen in the right light when one engages with the artistic-compositional aspects of the Gospels. Fundamentally, in this respect as well, Gospel literature and Gospel art fit into the entire historical course of human evolution in the same way that we have been able to indicate regarding various points in recent days.

[ 2 ] Wir haben hingewiesen auf jene einsamen Gestalten im Griechentum, die so recht in ihrer Seele das Verglimmen, das allmähliche Verschwinden des alten hellseherischen Schauens fühlten und dafür dasjenige eintauschen mußten, aus dem sich herauszuarbeiten hat das Ich des Menschen, das gegenwärtige Bewußtsein, die abstrakte Begrifflichkeit, die abstrakten Vorstellungen. Wir können auf etwas anderes noch hinweisen, was in gewisser Weise gerade innerhalb der griechischen Kultur etwas zeigt wie eine Art Abschluß der Menschheitskultur, wie einen Punkt, bis zu dem hin diese Menschheitskultur gegangen ist, um von einem anderen Punkt aus weiter angefeuert zu werden. Das ist die griechische Kunst. Woher rührt es denn, daß nicht nur zur Zeit der Renaissance in Europa die Menschen sozusagen das Land der Griechen, das heißt das Land der Schönheit, mit der Seele suchten, in der wunderbaren Ausgestaltung der menschlichen Form ein Ideal menschlicher Entwickelung sahen, sondern daß auch noch in der modernen klassischen Zeit Geister wie Goethe ebenso dieses Land der Griechen, das heißt das Land der schönen Form, mit der Seele suchten? Das rührt davon her, daß in Griechenland tatsächlich die Schönheit, die im unmittelbaren Anblick in der äußeren Form spricht, einen gewissen Abschluß, einen Abschluß in einem gewissen Höhepunkt gefunden hat.

[ 2 ] We have pointed to those solitary figures in Greek culture who truly felt in their souls the fading, the gradual disappearance of the old clairvoyant vision and had to exchange it for that from which the human ego, present consciousness, abstract conceptuality, and abstract mental images must be worked out. We can point to something else as well, which in a certain way, precisely within Greek culture, reveals something like a kind of culmination of human culture, like a point to which this human culture has progressed, only to be further inspired from another point onward. This is Greek art. Why is it, then, that not only during the Renaissance in Europe did people, so to speak, seek the land of the Greeks—that is, the land of beauty—with their souls, seeing in the wonderful shaping of the human form an ideal of human development, but that even in the modern classical era, minds like Goethe likewise sought this land of the Greeks—that is, the land of beautiful form—with their souls? This stems from the fact that in Greece, beauty—which speaks through the immediate sight of the outer form—has indeed found a certain culmination, a culmination in a certain high point.

[ 3 ] Das innere Geschlossensein in der Form ist es, was uns in der griechischen Schönheit, in der griechischen Kunst entgegentritt. Dem Kompositionellen des griechischen Kunstwerkes sieht man gleich unbedingt das an, was durch diese Komposition gegeben sein soll. Es tritt vor das Auge hin, es ist völlig im Sinnensein da. Darin liegt das Große der griechischen Kunst, daß sie so ganz herausgetreten ist in die äußere Erscheinung. Man möchte sagen, darin zeigt nun auch die Evangelienkunst einen neuen Anfang, einen Anfang, der bis heute keineswegs in erheblichem Maße verstanden worden ist. Es ist innere Komposition, inneres Verschlungensein der künstlerischen Fäden, die zugleich die okkulten Fäden sind, insbesondere auch in den Evangelien darinnen. Daher kommt es so auf das an, was wir gestern betonten, daß man überall eigentlich den Punkt sieht, der bei irgendeiner Darstellung, bei irgendeiner Erzählung ins Auge gefaßt wird.

[ 3 ] It is the inner coherence of form that confronts us in Greek beauty, in Greek art. In the composition of a Greek work of art, one immediately perceives what is intended to be conveyed through that composition. It presents itself to the eye; it is fully present in the realm of the senses. Therein lies the greatness of Greek art: that it has emerged so completely into outward appearance. One might say that in this, the art of the Gospels also reveals a new beginning—a beginning that, to this day, has by no means been understood to any significant degree. It is an inner composition, an inner interweaving of the artistic threads, which are at the same time the occult threads, especially within the Gospels. That is why what we emphasized yesterday is so important: that one actually sees everywhere the point that is captured in the eye in any depiction, in any narrative.

[ 4 ] Gerade im Markus-Evangelium kommt, weniger durch den Wortlaut als durch den ganzen Toon der Darstellung, das heraus, daß der Christus hingestellt wird als eine kosmische, als eine zugleich irdische und überirdische Erscheinung und das Mysterium von Golgatha als eine zugleich irdische und überirdische Tatsache. Aber noch etwas anderes wird betont, und hier tritt das fein Künstlerische gegen das Ende des Markus-Evangeliums uns besonders entgegen. Es wird betont: Da leuchtete herein ein kosmischer Impuls in die Erdenangelegenheiten. Er leuchtete herein. An den Erdenwesen, an den Erdenmenschen war es, diesem Impuls Verständnis entgegenzubringen. Vielleicht nirgends so sehr als im Markus-Evangelium wird angedeutet, wie zum Verständnisse dessen, was da aus dem Kosmos in das Erdendasein hereinleuchtete, im Grunde genommen der ganze Rest der Erdenevolution notwendig ist, wie dieses Verständnis keineswegs möglich war in der Zeit, in welcher das Mysterium von Golgatha unmittelbar stattgefunden hat. Und diese Tatsache des dazumal noch nicht vorhandenen Verständnisses, die Tatsache, daß das Verständnis damals erst einen ersten Anstoß erhalten hat und nach und nach sich erst ergeben kann in der weiteren Fortentwickelung der Menschheit, dies wird nun gerade im Künstlerisch-Kompositionellen des Markus-Evangeliums in einer ganz wunderbaren Weise dargestellt. Wir werden dieses fein Künstlerisch-Kompositionelle verspüren, wenn wir fragen, wie sich das Verständnis arten konnte, wie das Verständnis engegengebracht werden konnte dem Mysterium von Golgatha in der damaligen Zeit.

[ 4 ] It is particularly in the Gospel of Mark—not so much through the wording as through the overall tone of the narrative—that it becomes clear that Christ is presented as a cosmic figure, as a being who is both earthly and otherworldly, and that the Mystery of Golgotha is portrayed as an event that is both earthly and otherworldly. But something else is emphasized as well, and here the subtle artistry toward the end of the Gospel of Mark particularly strikes us. It is emphasized: A cosmic impulse shone into earthly affairs. It shone in. It was up to the earthly beings, the earthly human beings, to respond to this impulse with understanding. Perhaps nowhere more so than in the Gospel of Mark is it suggested that, in order to understand what shone in from the cosmos into earthly existence, the entire remainder of earthly evolution is essentially necessary, and that this understanding was by no means possible at the time when the Mystery of Golgotha took place. And this fact of the understanding that did not yet exist at that time—the fact that understanding had only received its first impulse then and can only gradually emerge in the further development of humanity—is now portrayed in a truly wonderful way precisely in the artistic and compositional structure of the Gospel of Mark. We will sense this subtle artistic and compositional quality when we ask how understanding could have developed, how understanding could have been brought to bear on the Mystery of Golgotha at that time.

[ 5 ] Im wesentlichen war ein dreifaches Verständnis möglich. Von drei Faktoren konnte das Verständnis ausgehen: Erstens von denjenigen, welche die nächsten, die auserwählten Jünger des Christus Jesus waren; sie treten uns ja im Evangelium überall als die entgegen, welche der Herr selber auserwählt hat und denen er manches anvertraut hat zum höheren Verständnisse des Daseins. Von ihnen also dürfen wir das höchste Verständnis des Mysteriums von Golgatha erwarten. Welches Verständnis dürfen wir von ihnen erwarten? Das ist fein hineinkomponiert in das Markus-Evangelium, je mehr wir gegen das Ende zu kommen. Daß diese auserwählten Jünger ein höheres Verständnis haben konnten als die Führer des alttestamentlichen Volkes, wird uns sehr klar angedeutet, wenn wir überall den Punkt aufsuchen, auf den es ankommt.

[ 5 ] Essentially, three different interpretations were possible. This understanding could be based on three factors: First, on those who were the closest, the chosen disciples of Christ Jesus; for they appear to us throughout the Gospel as those whom the Lord Himself has chosen and to whom He has entrusted many things for a higher understanding of existence. From them, then, we may expect the highest understanding of the Mystery of Golgotha. What understanding may we expect from them? This is subtly woven into the Gospel of Mark, especially as we approach the end. That these chosen disciples could have a higher understanding than the leaders of the Old Testament people is made very clear to us when we look for the crux of the matter throughout the text.

[ 6 ] Da finden Sie ein Gespräch, das der Christus Jesus zu führen hat mit den Sadduzäern (12, 18-27). Dieses Gespräch handelt zunächst über die Unsterblichkeit der Seele. Wenn man das Evangelium oberflächlich nimmt, wird man auch nicht leicht darauf kommen, warum gerade da dieses Gespräch mit den Sadduzäern steht, dieses Gespräch über die Unsterblichkeit, und dann die sonderbare Rede der Sadduzäer, die da sagen: Es könnte vorkommen, daß von sieben Brüdern der eine eine Frau geheiratet hat, er stirbt aber, und dieselbe Frau heiratet der zweite; nachdem der zweite auch gestorben ist, heiratet sie der dritte und so die andern auch, und sie selbst stirbt erst, nachdem der siebente gestorben ist. Und da verstanden die Sadduzäer nicht, wie sich, wenn es eine Unsterblichkeit gibt, diese sieben Männer zu der einen Frau verhalten sollen im geistigen Leben. Es ist das der bekannte SadduzäerEinwand, der, wie vielleicht einige von Ihnen wissen, nicht nur zur Zeit des Mysteriums von Golgatha gemacht worden ist, sondern sich auch noch in manchem modernen Buche als ein Einwand gegen die Unsterblichkeit findet, ein Beweis dafür, daß auch heute in den Kreisen derer, die solche Bücher schreiben, noch nicht das volle Verständnis der Sache vorhanden ist. Warum aber dieses Gespräch? Wenn wir darauf eingehen, zeigt sich uns gerade aus der Antwort, die der Christus Jesus gibt, daß die Seelen nach dem Tode himmlisch werden und daß unter den Wesen der überirdischen Welt nicht gefreit wird, daß es also gar keinen Anstand hat, wenn diese Tatsache eintritt, welche die Sadduzäer anführen, und daß von ihnen auf ein Verhältnis hingedeutet wird, das im wesentlichen nur irdisch ist und keine Bedeutung hat für das Außerirdische. Mit anderen Worten: Der Christus Jesus spricht von außerirdischen Verhältnissen, die er hereinbringen will, soweit sie hereinzubringen sind für die Auffassung des außerirdischen Lebens.

[ 6 ] There you will find a conversation that Jesus Christ has with the Sadducees (12:18–27). This conversation deals primarily with the immortality of the soul. If one takes the Gospel superficially, one will not easily grasp why this conversation with the Sadducees is included here—this conversation about immortality—and then the strange statement by the Sadducees, who say: It could happen that of seven brothers, one married a woman, but he dies, and the second marries the same woman; after the second has also died, the third marries her, and so on with the others, and she herself dies only after the seventh has died.” And the Sadducees did not understand how, if there is immortality, these seven men are to relate to the one woman in the spiritual life. This is the well-known Sadducee objection, which, as some of you may know, was not only raised at the time of the Mystery of Golgotha, but is also found in many a modern book as an objection to immortality—proof that even today, among those who write such books, a full understanding of the matter is still lacking. But why this conversation? If we examine it, it becomes clear from the very answer given by Christ Jesus that souls become heavenly after death and that there is no marriage among the beings of the super-earthly world; thus, there is absolutely no impropriety when this fact occurs, which the Sadducees cite, and that they are pointing to a relationship that is essentially only earthly and has no significance for the supernatural. In other words: Christ Jesus speaks of supernatural conditions that he wishes to introduce, insofar as they can be introduced for the understanding of supernatural life.

[ 7 ] Aber noch ein anderes Gespräch finden Sie, wenn Sie immer mehr gegen das Ende des Markus-Evangeliums kommen. Da wird der Christus Jesus gefragt über die Ehe (10, 1-12). Es wird darüber gesprochen zwischen dem Christus Jesus und den jüdischen Schriftgelehrten, wie es nach dem Gesetz des Moses möglich ist, die Frau mit einem Scheidebrief zu entlassen. Worauf kommt es da an, als der Christus Jesus antwortet:«Ja, dieses Gesetz hat Moses euch gegeben, weil eure Herzen hart sind, und ihr eine solche Einsetzung braucht»? Darauf kommt es an, daß er jetzt über alles ganz anders redet. Jetzt redet er so über die Zusammengehörigkeit von Mann und Weib, wie sie sich ausnimmt, bevor die menschliche Evolution vor der Verführung durch die luziferischen Mächte gestanden hat. Das heißt, er redet von etwas Kosmischem, von etwas Überirdischem; er lenkt die Sache auf etwas Überirdisches hin. Das ist es, worauf es ankommt, daß der Christus Jesus die Gespräche über das, was sich auf das Sinnensein bezieht, über die Verhältnisse des Sinnenseins, über die gewöhnliche irdische Evolution hinauslenkt. Das ist das Bedeutsame, daß er schon darin zeigt: er bringt überirdische, kosmische Verhältnisse mit seinem Erscheinen auf die Erde herunter und redet mit den Erdenwesen von diesen kosmischen Verhältnissen.

[ 7 ] But you will find yet another conversation as you approach the end of the Gospel of Mark. There, Jesus is asked about marriage (10:1–12). Christ Jesus and the Jewish scribes discuss how, according to the Law of Moses, it is possible to divorce a wife with a certificate of divorce. What is the significance of Christ Jesus’ reply: “Yes, Moses gave you this law because your hearts are hard, and you need such a provision”? The significance is that he now speaks about everything in a completely different way. Now he speaks of the union of man and woman as it existed before human evolution faced the temptation by the Luciferic powers. That is, he speaks of something cosmic, of something supermundane; he directs the matter toward something supermundane. This is what matters: that Christ Jesus directs the conversations beyond what pertains to the sensory realm, beyond the conditions of the sensory realm, and beyond ordinary earthly evolution. This is what is significant: he already demonstrates this in that he brings super-earthly, cosmic conditions down to earth through his appearance and speaks to earthly beings about these cosmic conditions.

[ 8 ] Von wem also dürfen wir hoffen oder könnten wir sozusagen fordern, daß die Reden des Christus Jesus von den kosmischen Verhältnissen am besten verstanden werden? Von denen, die er zunächst auserwählt hat als seine Jünger. Also wir können sagen, das erste Verständnis könnten wir so charakterisieren: Die auserwählten Jünger des Christus Jesus hätten das Mysterium von Golgatha so verstehen können, daß sie das Überirdische, das Kosmische dieser weltgeschichtlichen Tatsache aufzufassen vermochten. Das hätte man erwarten können von den Jüngern, die er auserwählt hat.

[ 8 ] From whom, then, may we hope—or might we, so to speak, demand—that the words of Christ Jesus regarding cosmic conditions be best understood? From those whom he first chose as his disciples. So we can say that we might characterize this initial understanding as follows: The chosen disciples of Christ Jesus could have understood the Mystery of Golgotha in such a way that they were able to grasp the supermundane, the cosmic aspect of this event in world history. One could have expected this from the disciples whom he chose.

[ 9 ] Ein zweites Verständnis, eine zweite Art des Verständnisses, das man erwarten könnte, wäre das gewesen, das da kommen konnte von den Führern des althebräischen Volkes, von den Hohenpriestern, von den Oberrichtern, von denen, welche die Schrift kennen, welche die geschichtliche Evolution des alttestamentlichen Volkes wissen. Was hätte man von diesen verlangen können? Das Evangelium zeigt klar: Ein Verständnis wird bei ihnen nicht beansprucht für das, was die kosmischen Verhältnisse des Christus Jesus sind, aber es wird ein Verständnis dafür erwartet, daß der Christus Jesus zu dem althebräischen Volke gekommen ist und mit seiner Individualität in das Blut dieses Volkes hineingeboren ist, daß er ein Sohn des Hauses David ist, daß er mit der Wesenheit dessen, was mit David in das jüdische Volk gekommen ist, innig verknüpft ist. Damit werden wir hingewiesen auf die zweite Art des Verständnisses, auf dieses geringere Verständnis. Daß der Christus Jesus eine Sendung hat, welche den Höhepunkt der Sendung des ganzen jüdischen Volkes bedeutet, das wird in einer wunderbaren Weise angedeutet gegen das Ende des Markus-Evangeliums, indem immer mehr und mehr darauf hingewiesen wird — sehen Sie, wie fein künstlerisch-kompositionell das auftritt —, daß wir es zu tun haben mit dem Sohne Davids. Während also von den Jüngern Verständnis verlangt wird für die Sendung des kosmischen Helden, wird von denen, die sich zu dem jüdischen Volke rechnen, das Verständnis dafür verlangt, daß der Abschluß der Sendung des David gekommen ist. Das ist das Zweite. Das jüdische Volk hätte verstehen sollen, daß ein Abschluß und eine neue Anfeuerung seiner eigenen Mission hätte kommen können.

[ 9 ] A second understanding, a different kind of understanding that one might have expected, would have been that which could have come from the leaders of the ancient Hebrew people, from the high priests, from the chief judges, from those who know the Scriptures and who are familiar with the historical development of the Old Testament people. What could one have demanded of them? The Gospel makes it clear: No understanding is required of them regarding the cosmic conditions of Christ Jesus, but an understanding is expected that Christ Jesus came to the ancient Hebrew people and was born into the blood of this people with his individuality, that he is a son of the house of David, that he is intimately connected with the essence of what came into the Jewish people with David. This points us to the second kind of understanding, to this lesser understanding. That Christ Jesus has a mission which represents the culmination of the mission of the entire Jewish people is indicated in a wonderful way toward the end of the Gospel of Mark, in that it is pointed out more and more—see how subtly this is presented artistically and compositionally—that we are dealing with the Son of David. While, then, the disciples are required to understand the mission of the cosmic hero, those who count themselves among the Jewish people are required to understand that the conclusion of David’s mission has come. That is the second point. The Jewish people should have understood that a conclusion and a new impetus for their own mission could have come.

[ 10 ] Und woher sollte die dritte Art des Verständnisses kommen? Da wird nun wieder Geringeres verlangt. Es ist so merkwürdig, wie fein künstlerisch-kompositionell uns das im Markus-Evangelium entgegentritt. Es wird wieder Geringeres verlangt, und dieses Geringere wird verlangt von den Römern. Lesen Sie gegen Ende des MarkusEvangeliums, da, wo von den Hohenpriestern der Christus Jesus an die Römer ausgeliefert wird, was da geschieht. — Ich spreche jetzt immer nur von dem Markus-Evangelium. — Die Hohenptriester noch fragen den Christus Jesus, ob er von dem Christus sprechen will, ob er sich als den Christus bekennen will, woran sie Anstoß nehmen würden, weil er dann von seiner kosmischen Sendung sprechen würde, oder ob er davon sprechen will, daß er ein Sproß aus Davids Geschlecht sei. Woran nimmt Pilatus, der Römer, Anstoß? Nur daran, daß er sich ausgegeben haben soll als den «König der Juden» (15, 1-15). Die Juden sollten verstehen, daß er einen Höhepunkt ihrer eigenen Entwickelung darstellt. Die Römer sollten verstehen, daß er etwas bedeutet innerhalb der Entwickelung des jüdischen Volkes, nicht einen Höhepunkt, sondern nur etwas, was eine Führerrolle sein kann. Wenn die Römer das verstanden hätten, was wäre dann gekommen? Nichts anderes als das, was ohnehin gekommen ist, nur haben sie es nicht verstanden. Wir wissen, daß das Judentum sich ausgebreitet hat, indem es sich auf dem Umwege über Alexandrien über die westliche Welt ausgebreitet hat. Daß jetzt der welthistorische Zeitpunkt gekommen war für die Ausbreitung der jüdischen Bildung, dafür hätten die Römer Verständnis zeigen können. Das ist wieder weniger als das, was die Schriftgelehrten verstehen sollten. Die Römer hätten nur die Bedeutung der Juden als eines Teils der Welt verstehen sollen. Daß sie es nicht verstanden — was eine Aufgabe der Zeit gewesen wäre —, das wird darin angedeutet, daß Pilatus nichts davon versteht, daß der Christus Jesus aufgefaßt wird als der König der Juden, sondern es im Grunde genommen überhaupt als eine harmlose Sache bezeichnet, daß er als ein König der Juden hingestellt wird.

[ 10 ] And where would this third kind of understanding come from? Here, once again, something lesser is demanded. It is so remarkable how subtly and artistically this is presented to us in the Gospel of Mark. Once again, something lesser is demanded, and this lesser thing is demanded of the Romans. Read toward the end of the Gospel of Mark, where Christ Jesus is handed over to the Romans by the high priests, and see what happens there. — I am speaking now only of the Gospel of Mark. — The high priests still ask Christ Jesus whether he intends to speak of the Christ, whether he intends to profess himself as the Christ—which would offend them, because he would then be speaking of his cosmic mission—or whether he intends to speak of being a descendant of the house of David. What offends Pilate, the Roman? Only at the fact that he is said to have claimed to be the “King of the Jews” (15:1–15). The Jews were to understand that he represents a high point in their own development. The Romans were to understand that he signifies something within the development of the Jewish people—not a high point, but merely something that can play a leading role. If the Romans had understood this, what would have happened? Nothing other than what happened anyway; they simply did not understand it. We know that Judaism spread by making its way through the Western world via Alexandria. The Romans could have shown understanding that the moment in world history had now come for the spread of Jewish culture. This, again, is less than what the scribes were meant to understand. The Romans should have simply understood the significance of the Jews as a part of the world. That they did not understand this—which would have been a task of the times—is indicated by the fact that Pilate does not grasp that Jesus the Christ is regarded as the King of the Jews, but essentially regards it as a harmless matter that he is presented as a King of the Jews.

[ 11 ] So hätte ein dreifaches Verständnis für die Sendung des Christus Jesus erwartet werden können: erstens das Verständnis, das die auserwählten Jünger haben konnten für das kosmische Element des Christus, zweitens das Verständnis, das die Juden haben sollten für das, was sich ausbreitet im jüdischen Volke selber, und drittens das Verständnis, das die Römer haben sollten für das jüdische Volk, wie die Juden aufhörten, sich bloß über Palästina auszubreiten, und wie sie anfingen, sich über ein größeres Stück der Erde auszubreiten.

[ 11 ] Thus, a threefold understanding of the mission of Christ Jesus might have been expected: first, the understanding that the chosen disciples could have of the cosmic element of Christ, second, the understanding that the Jews were to have regarding what was unfolding within the Jewish people themselves, and third, the understanding that the Romans were to have regarding the Jewish people—how the Jews ceased to spread merely throughout Palestine and began to spread across a larger portion of the earth.

[ 12 ] Das ist hineingeheimnißt in das Künstlerisch-Kompositionelle insbesondere des Markus-Evangeliums. Und auch die Antworten werden uns auf alle drei Dinge gegeben, werden ganz klar gegeben.

[ 12 ] This is a mystery inherent in the artistic and compositional aspects of the Gospel of Mark in particular. And the answers to all three questions are given to us, presented quite clearly.

[ 13 ] Die erste Frage muß sein: Sind die Apostel, die auserwählten Jünger, ihrem Maße des Verständnisses gewachsen gewesen? Haben sie den Christus Jesus erkannt als den kosmischen Geist? Haben sie erkannt, daß da unter ihnen einer war, der nicht bloß das war, was er als Mensch vor ihnen bedeutete, sondern der umhüllt war von einer Aura, durch die kosmische Kräfte und kosmische Gesetze auf die Erde hereinkamen? Haben sie es verstanden?

[ 13 ] The first question must be: Were the apostles, the chosen disciples, up to the task, given their level of understanding? Did they recognize Christ Jesus as the cosmic Spirit? Did they realize that there was one among them who was not merely what he appeared to be as a human being before them, but who was enveloped in an aura through which cosmic forces and cosmic laws entered the Earth? Did they understand this?

[ 14 ] Daß der Christus Jesus von ihnen dieses Verständnis forderte, wird deutlich im Evangelium angedeutet. Denn als die beiden Jünger, die Söhne des Zebedäus, kamen und verlangten, es solle einer von ihnen zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken sitzen, da sagte er:

[ 14 ] The Gospel clearly suggests that Christ Jesus demanded this understanding from them. For when the two disciples, the sons of Zebedee, came and asked that one of them might sit at his right hand and the other at his left, he said:

«Ihr wisset nicht, was ihr verlangt. Könnt ihr den Becher trinken, den ich trinke, oder euch mit der Taufe taufen lassen, mit der ich getauft werde?» (10, 38).

“You do not know what you are asking. Can you drink the cup that I drink, or be baptized with the baptism with which I am baptized?” (10:38).

[ 15 ] Die Jünger geloben es zunächst. Daß der Christus Jesus dies von ihnen verlangt, wird uns an dieser Stelle deutlich angedeutet. Was hätte nun geschehen können? Ein Zweifaches hätte geschehen können. Das eine wäre das gewesen, daß die auserwählten Jünger wirklich durch all das, was sich nun als das Mysterium von Golgatha vollzogen hat, mit hindurchgegangen wären, daß das Band zwischen den Jüngern und dem Christus bis zum Mysterium von Golgatha hin erhalten geblieben wäre. Das wäre das eine gewesen, was hätte geschehen können. Daß nicht dieses, sondern das andere geschehen ist, sehen wir insbesondere aus dem Markus-Evangelium ganz genau, Als der Christus Jesus gefangengenommen wird, fliehen alle, und Petrus, der gelobt hatte, an nichts Anstoß zu nehmen, verleugnet ihn dreimal, bevor der Hahn zweimal gekräht hat. Das ist die Darstellung von der Apostelseite aus. Wie aber ist die Darstellung, daß es nicht so gewesen ist, von der Seite des Christus selber aus?

[ 15 ] The disciples first make this vow. It is clearly implied here that Christ Jesus demands this of them. What might have happened then? Two things could have happened. One would have been that the chosen disciples would truly have passed through all that has now taken place as the Mystery of Golgotha, that the bond between the disciples and Christ would have been preserved right up to the Mystery of Golgotha. That would have been one thing that could have happened. That it was not this, but the other, that happened, we see very clearly, in particular, from the Gospel of Mark: When Christ Jesus is arrested, everyone flees, and Peter, who had vowed not to be offended by anything, denies him three times before the rooster crows twice. That is the account from the apostles’ perspective. But what is the account, from the perspective of Christ himself, that it did not happen this way?

[ 16 ] Versetzen wir uns einmal mit aller Demut — denn so muß es sein in die Seele des Christus Jesus, der bis zuletzt versucht, das Band, das gewoben war zu den Seelen der Apostel hin, aufrechtzuerhalten; versetzen wir uns, so gut wir es dürfen, in die Seele des Christus für den weiteren Verlauf des Geschehens. Da mochte sich wohl diese Seele die weltgeschichtliche Frage stellen: Kann ich es bewirken, daß sich die Seelen wenigstens der auserlesensten Jünger zu der Höhe erheben, um mit mir alles zu erleben, was bis zum Mysterium von Golgatha hin zu geschehen hat? Vor dieser Frage steht die Christus-Seele selber. Es ist ein grandioser Augenblick, wo Petrus, Jakobus und Johannes herausgeführt werden nach dem Ölberge und der Christus Jesus bei sich selber nachschauen will, ob er sie halten kann, die Auserwähltesten. Und auf dem Wege dahin wird er ängstlich. Ja, meine Freunde, glaubt jemand, oder darf jemand glauben, daß der Christus ängstlich geworden ist vor dem Tode, vor dem Mysterium von Golgatha, daß er das Blut auf dem Ölberge geschwitzt hat wegen des herannahenden Ereignisses von Golgatha? Das hieße wenig Verständnis sich erwerben für das Mysterium von Golgatha. Das mag theologisch sein, sinnvoll ist es nicht. Warum wird der Christus traurig? Er bebt nicht vor dem Kreuz. Das ist selbstverständlich. Er bebt zunächst davor: Werden die, welche ich da mitnehme, diesen Augenblick überstehen, in dem es sich entscheiden soll, ob sie mit mir in ihrer Seele gehen wollen, ob sie mit mir erleben wollen alles bis zum Kreuz? Daß ihr Bewußtseinszustand so wach bleibt, daß sie alles miterleben bis zum Kreuz, das soll sich entscheiden. Das ist der «Kelch», der sich ihm naht. Und er läßt sie allein, daß sie «wach» bleiben können, das heißt in einem Bewußtseinszustande, in welchem sie mit ihm erleben können, was er erleben soll. Dann geht er und betet: «Vater, laß diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.» Das heißt: Laß mich nicht noch erfahren, daß ich ganz allein stehe als der Menschensohn, sondern daß die andern mitgehen. Und er kommt zurück, und sie schlafen. Sie haben nicht jenen Bewußtseinszustand erhalten können. Und er macht den Versuch wieder, und sie haben ihn auch wieder nicht erhalten. Und er macht ihn noch einmal, und sie haben ihn auch da wieder nicht erhalten. Daher war es für ihn klar, daß er nun dasteht allein, daß sie nicht mitmachen, was bis zum Kreuz hingeht. Der Kelch war nicht vorübergegangen! Er war zur einsamen, auch zur seeleneinsamen Vollbringung der Tat bestimmt.

[ 16 ] Let us, with all humility—for this is how it must be—place ourselves in the soul of Christ Jesus, who strives to the very end to maintain the bond that had been woven with the souls of the Apostles; let us, as best we can, place ourselves in the soul of Christ as events unfold. There, this soul might well ask itself the question of world-historical significance: Can I bring about that the souls of at least the most chosen disciples rise to the heights to experience with me all that is to happen leading up to the Mystery of Golgotha? The soul of Christ itself stands before this question. It is a momentous occasion when Peter, James, and John are led out to the Mount of Olives, and Christ Jesus seeks within himself to see if he can hold on to them, the most chosen ones. And on the way there, he becomes fearful. Yes, my friends, does anyone believe, or is anyone allowed to believe, that Christ became anxious before death, before the Mystery of Golgotha, that he sweated blood on the Mount of Olives because of the approaching event of Golgotha? That would mean gaining little understanding of the Mystery of Golgotha. That may be theological, but it makes no sense. Why does Christ become sad? He does not tremble before the cross. That goes without saying. He trembles first of all at this: Will those whom I am taking with me survive this moment, in which it is to be decided whether they wish to go with me in their souls, whether they wish to experience everything with me up to the cross? That their state of consciousness remains so alert that they experience everything up to the cross—that is what is to be decided. That is the “cup” that is approaching him. And he leaves them alone so that they may remain “awake,” that is, in a state of consciousness in which they can experience with him what he is to experience. Then he goes and prays: “Father, let this cup pass from me, yet not my will, but yours be done.” That is to say: Do not let me experience that I stand entirely alone as the Son of Man, but that the others go with me. And he comes back, and they are asleep. They have not been able to maintain that state of consciousness. And he tries again, and they have not attained it again. And he tries once more, and they have not attained it again. Therefore, it was clear to him that he now stands alone, that they will not participate in what leads to the cross. The cup had not passed him by! He was destined to carry out the deed in solitude, even in the solitude of the soul.

[ 17 ] Die Welt hatte wohl das Mysterium von Golgatha, aber zur Zeit, da es geschah, noch nicht das Verständnis für dieses Ereignis. Auch nicht die Auserlesensten und Auserwählten konnten sich so weit aufrechterhalten. Das über die erste Art des Verständnisses. Wie wunderbar künstlerisch kommt das zum Ausdruck, wenn man nur hinter dem, was in den Evangelien steckt, die eigentlichen okkulten Hintergründe zu fühlen versteht.

[ 17 ] The world certainly had the mystery of Golgotha, but at the time it occurred, it did not yet have an understanding of this event. Not even the most distinguished and chosen could sustain themselves to that extent. So much for the first kind of understanding. How wonderfully artistic this is expressed when one is able to sense the actual occult background behind what lies within the Gospels.

[ 18 ] Nun fragen wir nach der zweiten Art des Verständnisses, fragen wir, wie die Führer der Juden verstanden haben den, der aus dem Geschlechte Davids als die Blüte der althebräischen Evolution auftreten sollte. Eine der ersten Stellen, wo wir darauf hingewiesen werden, welches Verständnis das althebräische Volk dem aus dem Geschlechte Davids Stammenden entgegenbrachte, finden wir im zehnten Kapitel des Markus-Evangeliums. Es ist die entscheidende Stelle, wo der Christus sich Jerusalem nähert und erkannt werden sollte von dem althebräischen Volke als der, welcher sich an David anschließt.

[ 18 ] Now let us consider the second type of understanding; let us ask how the Jewish leaders understood the one who was to emerge from the house of David as the pinnacle of ancient Hebrew evolution. One of the first passages where we are shown what understanding the ancient Hebrew people had of the one descended from the house of David is found in the tenth chapter of the Gospel of Mark. It is the decisive passage where Christ approaches Jerusalem and was to be recognized by the ancient Hebrew people as the one who follows in David’s footsteps.

«Und sie kamen nach Jericho. Und da er aus Jericho herauszog mit seinen Jüngern und einer ansehnlichen Menge, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein Blinder, als Bettler an der Straße.

Und da er hörte, daß es Jesus der Nazarener sei, begann er zu rufen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Und es schalten ihn viele, daß er schweige. Er aber rief um so lauter: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!» (10, 46-48.)

“And they came to Jericho. As he was leaving Jericho with his disciples and a large crowd, Bartimaeus, the son of Timaeus, a blind beggar, was sitting by the roadside.

And when he heard that it was Jesus of Nazareth, he began to cry out, “Jesus, Son of David, have mercy on me!”

And many rebuked him, telling him to be quiet. But he cried out all the more, “Son of David, have mercy on me!” (10:46–48.)

[ 19 ] Ausdrücklich wird der Ruf des Blinden so charakterisiert, daß er ruft: «Du Sohn Davids». Er soll also nur zum Verständnisse des «Sohnes Davids» kommen.

[ 19 ] The blind man’s cry is explicitly described as follows: “Son of David.” He is thus said to have come only to understand the “Son of David.”

«Und Jesus stand still und sagte: Ruft ihn herbei. Und sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Sei guten Mutes, stehe auf, er ruft dich.

Er aber warf seinen Mantel weg, sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus redete ihn an: Was willst du, daß ich dir tun soll? Der Blinde aber sagte zu ihm: Rabbuni, daß ich sehend werde.

Und Jesus sagte zu ihm: Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und alsbald ward er schend und folgte ihm auf der Straße.» (10, 49-52.)

“And Jesus stopped and said, ‘Call him here.’ So they called the blind man and said to him, ‘Take heart; get up, he is calling you.’

But he threw off his cloak, leaped up, and came to Jesus. And Jesus asked him, ‘What do you want me to do for you?’ But the blind man said to him, ‘Rabboni, that I may see.’

And Jesus said to him, ‘Go; your faith has saved you.’ And immediately he received his sight and followed him along the road.” (10:49–52.)

[ 20 ] Das heißt: Nur der Glaube war es, den er verlangte. Darf man denn gar nicht nachdenken, warum mitten unter den anderen Erzählungen eine Heilung von einem Blinden angeführt wird? Warum steht sie so isoliert dort? Aus dem Kompositionellen des Evangeliums sollten die Leute etwas lernen. Gar nicht auf die Heilung kommt es an, sondern darauf, daß von allen nur ein einziger, der Blinde, mit aller Stärke ruft: «Jesus, du Sohn Davids!» Die Schenden erkennen ihn nicht. Der Blinde, der ihn gar nicht physisch sieht, erkennt ihn. So daß hier gezeigt werden soll, wie blind die andern sind, und daß dieser erst hat blind werden müssen, um ihn zu schauen. Auf die Blindheit, nicht auf die Heilung kommt es an dieser Stelle an. Und wie wenig der Christus verstanden wird, zeigt sich auch zugleich.

[ 20 ] In other words: it was faith alone that he demanded. Is it not permissible to wonder why, among all the other stories, the healing of a blind man is mentioned here? Why does it stand there so isolated? People were meant to learn something from the structure of the Gospel. It is not the healing that matters at all, but the fact that of all the people, only one—the blind man—calls out with all his strength: “Jesus, Son of David!” The others do not recognize him. The blind man, who does not even see him physically, recognizes him. Thus, the point here is to show how blind the others are, and that this man first had to become blind in order to see him. It is the blindness, not the healing, that matters at this point. And at the same time, it shows just how little Christ is understood.

[ 21 ] Im weiteren Fortgang können Sie es überall finden, wie er davon spricht, daß das Kosmische sich hereinlebt in das menschliche Individuelle, wie er tatsächlich von dem Kosmischen spricht, indem er — und das ist wieder wichtig, daß das hier gerade in diesen Zusammenhang hineinkomponiert ist, wo der Christus als der «Sohn Davids » erscheinen soll — von der Unsterblichkeit spricht, daß der Gott ein Gott der Lebendigen und nicht der Toten ist, wie der Gott ein Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist (12, 26-27), weil Abraham, Isaak und Jakob, jeder in dem Nachfolgenden, in anderen Formen weiterleben, weil der Gott in ihrer Individualität lebt. Aber noch stärker wird dies angedeutet da, wo er den Menschen darstellt, was in ihm schlummert und erweckt werden soll. Da wird gesagt, daß es sich nicht um den bloß physischen Sohn Davids handelt, denn David selbst spricht von dem «Herrn» und nicht von dem physischen Sohn (12, 35-37). Von dem «Herrn» in der Individualität des Menschen, von dem, was aus Davids Geschlecht ersprießen soll, wird überall gesprochen, als zur Neige geht der Einfluß des kosmischen Christus.

[ 21 ] As you read on, you will find him speaking throughout about how the cosmic permeates the human individual; indeed, he speaks of the cosmic by—and this is important again, that this is specifically woven into this context, where the Christ is to appear as the “Son of David”—speaks of immortality, that God is a God of the living and not of the dead, just as God is the God of Abraham, Isaac, and Jacob (12:26–27), because Abraham, Isaac, and Jacob each live on in their descendants, in other forms, because God lives in their individuality. But this is indicated even more strongly where he reveals to humanity what lies dormant within them and is to be awakened. It is said there that this is not merely the physical son of David, for David himself speaks of the “Lord” and not of the physical son (12:35–37). The “Lord” in the individuality of the human being, that which is to spring from David’s line, is spoken of everywhere, as the influence of the cosmic Christ draws to a close.

[ 22 ] Auf eine Stelle sei noch besonders hingewiesen — suchen Sie sie auf im Markus-Evangelium da, wo es gegen das Ende zu geht —, eine Stelle, über die man leicht hinweglesen kann, wenn man sie nicht versteht, eine Stelle, die erschütternd auf die Seele wirkt, wenn man sie versteht. Das ist da, wo davon die Rede ist, daß der Christus nun ausgeliefert ist an die weltlichen Mächte, verurteilt werden soll, und man nun Gründe sucht, um ihn zu verurteilen. Vorangegangen ist, daß geschildert wird, was er im Tempel gemacht hat, wo er die Wechsler herausgetrieben und die Tische umgestürzt hat, wo er gepredigt hat ganz besondere Worte, welche die Seelen vernommen haben. Deswegen ist nichts mit ihm geschehen. Er macht ausdrücklich darauf aufmerksam: Das alles habt ihr angehört, und jetzt, wo ich vor euch stehe, sucht ihr falsche Anklagen gegen mich, habt mich durch einen Verräter mit den gewöhnlichen Mitteln gefangengenommen, wie man einen Menschen hascht, der etwas Schweres begangen hat; während ihr nichts getan habt, als ich unter euch im Tempel gestanden habe. — Eine erschütternde Stelle! Denn wir werden hingeführt, zu verstehen, daß im Grunde genommen der Christus überall so wirkt, daß man nichts machen kann gegen ihn. Darf man da nicht nach dem «Warum» fragen? Er wirkt wirklich so, daß er im eminentesten Sinne darauf hinweist, welcher große Wendepunkt in der Weltenevolution eingetreten ist, indem er sagt: «Die Ersten werden die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein. » (9, 35.) Lehren, die, wenn man die Lehren und das Verständnis des Alten Testamentes ins Auge faßt, furchtbar sein mußten, die schleudert er ihnen entgegen. Da geschieht nichts. Nachher wird er bei Nacht und Nebel abgefangen, auf einen Verräter hin abgefangen, und man bekommt fast den Eindruck, daß es bei diesem Abfangen etwas wie eine Rauferei gab. Es ist etwas Erschütterndes, diese Stelle:

[ 22 ] One passage in particular deserves special mention—look for it in the Gospel of Mark toward the end—a passage that is easy to overlook if one does not understand it, a passage that has a profound effect on the soul when one does understand it. It is the part where it is said that Christ is now delivered into the hands of the worldly powers, is to be condemned, and people are now looking for reasons to condemn him. This is preceded by a description of what he did in the temple, where he drove out the money changers and overturned the tables, where he preached very special words that the souls heard. That is why nothing happened to him. He expressly points this out: You have heard all of this, and now, as I stand before you, you are seeking false charges against me; you have arrested me through a traitor using the usual methods, as one seizes a person who has committed a grave offense; whereas you did nothing while I stood among you in the temple. — A shattering passage! For we are led to understand that, fundamentally, the Christ works everywhere in such a way that nothing can be done against him. Is it not permissible to ask “Why”? He truly works in such a way that he points out, in the most eminent sense, what a great turning point has occurred in the evolution of the world, by saying: “The first shall be last, and the last shall be first.” (9:35) Teachings that, when one considers the teachings and understanding of the Old Testament, must have been terrifying—he hurls them at them. Nothing happens. Later, he is arrested under cover of night and fog, arrested on the basis of a traitor’s testimony, and one almost gets the impression that there was something of a scuffle during this arrest. This passage is deeply moving:

«Es hatte ihnen aber der Verräter ein Zeichen gegeben und gesagt: Den ich küssen werde, der ist es; den greifet und bringt ihn in Sicherheit.

Und da er kam, trat er alsbald zu ihm und sagte: Rabbi, Rabbi! und küßte ihn. Sie aber legten Hand an ihn und griffen ihn.

Einer aber von denen, die dabeistanden, zog das Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenptriesters und hieb ihm das Ohr ab.

Und Jesus redete sie an: Wie gegen einen Mörder seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Stöcken, mich gefangenzunehmen;

Täglich war ich bei euch im Tempel lehrend, und ihr habt mich nicht ergriffen; doch es müssen die Schriften erfüllt werden.» (14, 44-49.)

“Now the betrayer had given them a sign, saying, ‘The one I kiss is the man; seize him and lead him away safely.’

And when he came, he immediately went up to him and said, ‘Rabbi, Rabbi!’ and kissed him. But they laid hands on him and seized him.

But one of those standing there drew his sword and struck the high priest’s servant, cutting off his ear.

And Jesus said to them, “Have you come out with swords and clubs to arrest me as though I were a murderer?

Every day I was with you in the temple teaching, and you did not lay hands on me; yet the Scriptures must be fulfilled.” (14:44–49.)

[ 23 ] Was ist denn da eigentlich geschehen, daß sie ihn zunächst nicht eingefangen haben und dann nach Gründen suchen, um ihn wie einen Mörder einzufangen? Man versteht nur, was da geschehen ist, wenn man die Dinge in ihren okkulten Tiefen ins Auge faßt. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie das Markus—Evangelium deutlich zeigt, daß in seinem Verlaufe okkulte Tatsachen, spirituelle Tatsachen mit rein physischen Tatsachen durcheinander geschildert werden. Und deutlich werden wir darauf hingewiesen, daß der Christus in seiner Wirkung nicht bloß beschränkt war auf die einzelne Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, sondern wie er auf die Jünger wirkte exteriorisiert, außer dem physischen Leibe sie aufsuchte am See, wie er zu ihnen kam. So konnte er außer seinem physischen Leibe, während sich dieser vielleicht da oder dort aufhielt, alles, was er wirkte, was er als Impuls, als Geist ausstrahlt, in die Seelen der Jünger legen. Und wir werden im Markus-Evangelium besonders deutlich darauf hingewiesen, wie die Menschen das vernehmen, was er im exteriorisierten Zustande, außerhalb seines physischen Leibes, predigt und lehrt. In den Seelen lebt es. Die Seelen verstehen es nicht, aber die Seelen leben sich hinein. Es ist irdisch und überirdisch, in der Individualität des Christus und in der Menge.

[ 23 ] What actually happened there that they did not capture him at first, and then sought reasons to arrest him as a murderer? One can only understand what happened there by looking at things in their occult depths. I have already pointed out how the Gospel of Mark clearly shows that, in its course, occult facts and spiritual facts are described in a jumbled manner alongside purely physical facts. And we are clearly shown that Christ’s influence was not limited merely to the individual personality of Jesus of Nazareth, but that as he worked upon the disciples, he externalized himself, seeking them out by the lake outside of his physical body, just as he came to them. Thus, apart from his physical body—while it may have been here or there—he was able to place everything he accomplished, everything he radiated as an impulse, as Spirit, into the souls of the disciples. And in the Gospel of Mark, we are shown particularly clearly how people perceive what he preaches and teaches in his exteriorized state, outside his physical body. It lives in their souls. The souls do not understand it, but the souls live it within themselves. It is earthly and super-earthly, in the individuality of Christ and in the multitude.

[ 24 ] Der Christus ist überall verbunden mit einer weithingehenden, wirksamen Aura. Diese wirksame Aura war dadurch da, daß er mit den Menschen, die er auserwählt hatte, in den Seelen verbunden war, und sie war so lange da, als er mit ihnen verbunden war. Der Kelch war nicht vorübergegangen. Die auserwählten Menschen hatten kein Verständnis gezeigt. Da zog sich allmählich die Aura von dem Menschen Jesus von Nazareth zurück, und immer fremder wurden einander der Christus und der Menschensohn, der Jesus von Nazareth. Immer mehr allein war der Jesus von Nazareth gegen das Ende des Lebens, und immer loser war der Christus mit ihm verknüpft, immer loser.

[ 24 ] Christ is everywhere surrounded by a far-reaching, potent aura. This potent aura existed because he was connected in spirit to the people he had chosen, and it remained as long as he was connected to them. The cup had not passed. The chosen ones had shown no understanding. Then the aura gradually withdrew from the human being Jesus of Nazareth, and Christ and the Son of Man, Jesus of Nazareth, grew ever more estranged from one another. Toward the end of his life, Jesus of Nazareth was increasingly alone, and Christ was ever more loosely connected to him, ever more loosely.

[ 25 ] Während das kosmische Element, das bis zudem Momente da war, der uns als das Blutschwitzen auf Gethsemane dargestellt wird, während der Christus bis zu diesem Momente voll mit dem Jesus von Nazareth verbunden war, wird jetzt durch das Unverständnis der Menschen dieser Zusammenhang gelockert. Und während früher der kosmische Christus im Tempel wirkte und die Händler heraustrieb, die gewaltigsten Lehren verbreitete und nichts geschah, konnten jetzt die Häscher heran, als der Jesus von Nazareth nur noch in einem losen Zusammenhange mit dem Christus stand. Das Kosmische sehen wir zwar noch vorhanden, aber immer weniger und weniger an den Menschensohn gebunden. Das macht die Sache so erschütternd. Und weil das dreifache Verständnis nicht da sein konnte, was hatten die Menschen deshalb zuletzt? Was konnten sie fangen, was verurteilen und was ans Kreuz schlagen? Den Menschensohn. Und je mehr sie das taten, desto mehr zog sich das kosmische Element, das als ein junger Impuls in das Erdenleben hereintrat, zurück. Es zog sich zurück. Und es blieb denen, die das Urteil sprachen und das Gericht vollzogen, der Menschensohn, den nur umschwebte, was als junges kosmisches Element auf die Erde herunter kommen sollte.

[ 25 ] While the cosmic element, which had been present up until that very moment—depicted to us as the sweating of blood in Gethsemane—and while Christ had been fully united with Jesus of Nazareth up until that moment, this connection is now weakened by people’s lack of understanding. And whereas earlier the cosmic Christ worked in the temple and drove out the merchants, spreading the most powerful teachings, and nothing happened, the persecutors could now approach, since the Jesus of Nazareth was now only loosely connected to the Christ. We do indeed still see the Cosmic present, but it is bound less and less to the Son of Man. That is what makes the matter so shattering. And because the threefold understanding could not be there, what did people ultimately have? What could they seize, what could they condemn, and what could they nail to the cross? The Son of Man. And the more they did so, the more the cosmic element—which had entered earthly life as a young impulse—withdrew. It withdrew. And what remained for those who pronounced the judgment and carried out the sentence was the Son of Man, around whom hovered only what was meant to descend to Earth as a young cosmic element.

[ 26 ] Kein Evangelium spricht davon, daß der Menschensohn nur blieb und daß das kosmische Element ihn nur umschwebte, als das MarkusEvangelium. Daher sehen wir in keinem anderen Evangelium in bezug auf das Christus-Ereignis als kosmische Tatsache so prägnant die Tatsache zum Ausdruck gebracht, daß in demselben Moment, da sich die Menschen in ihrem Unverstande menschlich an dem Menschensohne vergreifen, das kosmische Element ihnen entwich. Das junge kosmische Element, das von jener Zeitenwende an als ein Impuls der Erdenevolution eingefügt wurde, es entwich. Man hatte den Menschensohn. Das wird im Markus-Evangelium deutlich betont. Lesen wir noch einmal die Stelle und suchen wir, ob das Markus-Evangelium betont, wie das Kosmische hier gerade an dieser Stelle des Ereignisses sich zu dem Menschlichen verhält.

[ 26 ] No Gospel speaks of the Son of Man simply remaining there, with the cosmic element merely surrounding him, as the Gospel of Mark does. Therefore, in no other Gospel do we see the fact expressed so succinctly—in relation to the Christ event as a cosmic fact—that at the very moment when people, in their human folly, laid hands on the Son of Man, the cosmic element slipped away from them. The young cosmic element, which had been introduced from that turning point in history as an impulse of Earth’s evolution, slipped away. They had the Son of Man. This is clearly emphasized in the Gospel of Mark. Let us read the passage once more and see whether the Gospel of Mark emphasizes how the cosmic relates to the human precisely at this point in the event.

«Und Jesus redete sie an: Wie gegen einen Mörder seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Stöcken, mich gefangenzunehmen;

täglich war ich bei euch im Tempel lehrend, und ihr habt mich nicht ergriffen; doch es müssen die Schriften erfüllt werden.

Und sie verließen ihn alle und nahmen die Flucht.» (14, 48-50.)

“And Jesus said to them, ‘Have you come out with swords and clubs to arrest me, as though I were a murderer?

Every day I was teaching in the temple courts, and you did not arrest me; but the Scriptures must be fulfilled.

And they all left him and fled.” (14:48–50.)

[ 27 ] Er steht allein. Was ist es mit dem jungen kosmischen Element? Man denke sich diese Einsamkeit des Menschen, der von dem kosmischen Christus durchzogen war, jetzt den Häschern wie ein Mörder gegenüberstehend. Und die, welche ihn hätten verstehen sollen, fliehen. «Und sie verließen ihn alle und nahmen die Flucht», sagt der 5o. Vers; und dann heißt es Vers 51 und 52:

[ 27 ] He stands alone. What is the nature of this young cosmic element? Imagine the loneliness of this man, who was imbued with the cosmic Christ, now facing his pursuers as if he were a murderer. And those who should have understood him are fleeing. “And they all left him and fled,” says verse 50; and then verses 51 and 52 read:

«Und ein Jüngling war in seinem Gefolge, der ein feines Leinengewand auf dem bloßen Leib trug; und sie griffen ihn.

Er aber ließ das Leinengewand fahren und floh nackt.»

“And there was a young man in his retinue who was wearing a fine linen garment over his bare body; and they seized him.

But he let go of the linen garment and fled naked.”

[ 28 ] Wer ist der Jüngling? Wer entweicht da? Wer ist es, der da neben dem Christus Jesus erscheint, unbekleidet fast, und dann unbekleidet entschlüpft? Das ist der junge kosmische Impuls, das ist der Christus, der entschlüpft, der jetzt nur noch einen losen Zusammenhang mit dem Menschensohn hat. Es ruht viel in diesem 51. und 52. Vers. Er bewahrt nichts, der neue Impuls, von dem, was die alten Zeiten um den Menschen haben schlingen können. Er ist der ganz nackte, neue kosmische Impuls der Erdenevolution. Er bleibt bei dem Jesus von Nazareth. Und wit finden ihn wieder. Denn das 16.Kapitel beginnt damit:

[ 28 ] Who is the young man? Who is fleeing there? Who is it who appears there beside Christ Jesus, almost unclothed, and then slips away unclothed? That is the young cosmic impulse; that is the Christ who slips away, who now has only a loose connection with the Son of Man. Much is contained in these verses 51 and 52. The new impulse retains nothing of what the old times have been able to entangle around humanity. It is the completely naked, new cosmic impulse of Earth’s evolution. It remains with Jesus of Nazareth. And we find it again. For chapter 16 begins with:

«Und wie der Sabbath vorüber war, da kauften Maria von Magdala und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Gewürze, um hinzugehen und ihn einzusalben.

Und in der Morgenfrühe am ersten Wochentag kamen sie an das Grab, wie die Sonne aufging. Und sie sprachen bei sich selbst: Wer wird uns den Stein von des Grabes Tür abwälzen?

Und da sie aufblickten, schauten sie, daß der Stein abgewälzt war; er war nämlich sehr groß.

Und da sie in das Grab eintraten, sahen sie einen Jüngling auf der rechten Seite sitzen, mit einem weißen Talar bekleidet; und sie schraken zusammen.

Er aber sagte zu ihnen: Erschrecket nicht. Ihr suchet Jesum den Nazarener, den Gekreuzigten; er ist auferstanden.» (16, 1-6.)

“And when the Sabbath was over, Mary Magdalene, Mary the mother of James, and Salome bought spices so that they might go to anoint him.

And very early on the first day of the week, they came to the tomb as the sun was rising. And they said to one another, ‘Who will roll away the stone for us from the entrance of the tomb?’

And when they looked up, they saw that the stone had been rolled away; for it was very large.

And when they entered the tomb, they saw a young man sitting on the right side, dressed in a white robe; and they were terrified.

But he said to them, “Do not be afraid. You are looking for Jesus of Nazareth, who was crucified; he has risen.” (16:1–6.)

[ 29 ] Das ist derselbe Jüngling. Nirgends sonst in der künstlerischen Komposition der Evangelien tritt dieser Jüngling uns entgegen, der den Menschen in dem Augenblick entschlüpft, da sie den Menschensohn verurteilen, der wieder da ist, als die drei Tage vorüber sind, und der von jetzt ab wirkt als das kosmische Prinzip der Erde. Nirgends sonst in den Evangelien — vergleichen Sie die anderen — als an diesen zwei Stellen tritt uns dieser Jüngling in so grandioser Weise entgegen. Da haben wir das, was wir brauchen, um zu verstehen, in welch tiefem Sinne gerade das Markus-Evangelium meint, daß man es mit einem kosmischen Ereignis zu tun habe, wie man es mit dem kosmischen Christus zu tun habe. Man begreift jetzt erst, wie darnach auch die andere künstlerische Komposition des Markus-Evangeliums sein mußte.

[ 29 ] This is the same young man. Nowhere else in the artistic composition of the Gospels do we encounter this young man, who slips away from humanity at the very moment they condemn the Son of Man, who returns once the three days have passed, and who from now on acts as the cosmic principle of the Earth. Nowhere else in the Gospels—compare the others—does this young man appear to us in such a magnificent way as in these two passages. Here we have what we need to understand the profound sense in which the Gospel of Mark specifically means that we are dealing with a cosmic event, just as we are dealing with the cosmic Christ. Only now does one grasp how the other artistic composition of the Gospel of Mark must have been accordingly.

[ 30 ] Es ist so merkwürdig, daß, nachdem dieses Bedeutsame, dieses zweimalige Erscheinen des Jünglings vor uns hingetreten ist, das MarkusEvangelium schnell schließt und nur noch sehr wenige markante Sätze hat. Denn man kann sich kaum denken, daß irgendein Folgendes noch eine Steigerung abgegeben hätte, eine Steigerung vielleicht des Erhabenen und Herrlichen, aber nicht des Erschütternden und des Bedeutsamen für die Erdenevolution, nachdem in diese Komposition des Markus-Evangeliums hineingelegt war der Monolog des Gottes, das kosmische Gespräch über der Erde, auf dem Berge, zu dem die drei Jünger gerufen werden, es aber nicht verstehen; dann Gethsemane, die Szene auf dem Ölberge, wo der Christus sich gestehen muß, daß die Auserwählten nicht finden können das Verständnis für das Bevorstehende; wie er allein hinzuschreiten hat, wie der Menschensohn leidet und gekreuzigt wird; dann die weltgeschichtliche Einsamkeit des Menschensohnes, der verlassen wird, verlassen wird von denen, die er auserwählt hat, verlassen wird von dem kosmischen Prinzip nach und nach. So daß wir, nachdem wir die Mission und die Bedeutung des Jünglings verstanden haben, der den Augen und den Händen der Menschen entschlüpft, in ganz besonders tiefer Weise die Worte verstehen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (15, 34.) Dann das Wiedererscheinen des Jünglings; kurz dann angedeutet, wie der Jüngling ein Geistiges, ein Übersinnlichesist, das nur wegen der damaligen besonderen Umstände sinnlich anschaulich wird, wie er sich dann zuerst gezeigt hat der Maria von Magdala. Und «nachdem offenbarte er sich zweien von ihnen, die einen Gang machten, in anderer Gestalt, da sie über Feld gingen». (16, 12.) Das Physische hätte sich nicht in einer anderen Gestalt zeigen können.

[ 30 ] It is so strange that, after this momentous event—this second appearance of the young man—the Gospel of Mark comes to a swift close and contains only a few more striking sentences. For one can hardly imagine that anything that followed could have provided any further intensification—perhaps an intensification of the sublime and glorious, but not of what is shattering and significant for the evolution of the Earth, since embedded within this composition of the Gospel of Mark was the monologue of God, the cosmic conversation over the earth, on the mountain, to which the three disciples are called but do not understand; then Gethsemane, the scene on the Mount of Olives, where Christ must admit to himself that the chosen ones cannot grasp the meaning of what is to come; how he must go forward alone, how the Son of Man suffers and is crucified; then the world-historical loneliness of the Son of Man, who is forsaken, forsaken by those he has chosen, forsaken by the cosmic principle little by little. So that, having understood the mission and significance of the young man who slips from the sight and grasp of human beings, we understand in a particularly profound way the words: “My God, my God, why have you forsaken me?” (15:34.) Then the reappearance of the young man; briefly indicated here how the young man is a spiritual, a supernatural being, who becomes sensually perceptible only because of the special circumstances of that time, as he first revealed himself to Mary Magdalene. And “afterward he appeared to two of them as they were walking along the road, in a different form, as they were going through the countryside.” (16:12) The physical could not have shown itself in a different form.

[ 31 ] Und dann geht es schnell zu Ende, hinweisend auf die Zukunft in bezug auf das, was damals nicht verstanden werden konnte, weil die Menschheit, die damals an ihrem tiefsten Punkt des Herabsteigens angekommen war, auf die Zukunft verwiesen werden mußte, indem dieses Auf-die-Zukunft-Verweisen so vorbereitet wird, daß wir auch darin das Künstlerisch-Kompositionelle voll würdigen können. Was können wir uns denn vorstellen als das, was wie ein Hinweis auf die Zukunft ausgeht von dem, der dieses dreifach mangelnde Verständnis geschaut hat, während er das Mysterium von Golgatha zu vollbringen hatte? Wir können uns vorstellen, daß er darauf hinweist, daß die Menschen, je mehr es in die Zukunft geht, immer mehr und mehr Verständnis werden gewinnen müssen für das, was damals geschehen ist.

[ 31 ] And then it comes to a swift conclusion, pointing toward the future in relation to what could not be understood at that time, because humanity, having reached the lowest point of its descent, had to be directed toward the future—this pointing toward the future being prepared in such a way that we can also fully appreciate the artistic and compositional elements within it. What, then, can we imagine as that which, like a reference to the future, emanates from the one who beheld this threefold lack of understanding while he had to accomplish the Mystery of Golgotha? We can imagine that he points out that, the further into the future we go, the more and more understanding people will have to gain for what happened back then.

[ 32 ] Wir bringen nur das richtige Verständnis dem entgegen, wenn wir auf das blicken, was wir durch das markant sprechende MarkusEvangelium erfahren können, wenn wir uns also sagen: Ein jedes Zeitalter hat immer mehr Verständnis dem entgegenzubringen, was damals geschehen ist, was das Mysterium von Golgatha war. — Und deshalb glauben wir, daß wir mit dem, was wir hier unsere anthroposophische Bewegung nennen, in der Tat etwas erfüllen, worauf im Evangelium zunächst hingewiesen wird: ein neues Verständnis entgegenzubringen dem, was der Christus in der Welt wollte. Daß es aber schwerist, dieses neue Verständnis, daß immerdar die Möglichkeit vorhanden ist, das Wesen des Christus mißzuverstehen, das deutet er schon selber an.

[ 31 ] And then it comes to a swift conclusion, pointing toward the future in relation to what could not be understood at that time, because humanity, having reached the lowest point of its descent, had to be directed toward the future—this pointing toward the future being prepared in such a way that we can also fully appreciate the artistic and compositional elements within it. What, then, can we imagine as that which, like a reference to the future, emanates from the one who beheld this threefold lack of understanding while he had to accomplish the Mystery of Golgotha? We can imagine that he points out that, the further into the future we go, the more and more understanding people will have to gain for what happened back then.

«Und hierauf, wenn man zu euch sagt: Siehe, hier ist der Christus! siehe, da ist er! so glaubet es nicht.

Es werden sich aber erheben falsche Christusse und falsche Propheten, und werden geben Zeichen und Wunder zur Verführung, wäre es möglich, selbst der Auserwählten.

Ihr aber sehet zu! Siehe, ich habe euch alles vorausgesagt» (13, 21-23).

“And then, if anyone says to you, ‘Look, here is the Christ!’ or ‘There he is!’ do not believe it.

For false Christs and false prophets will arise and perform signs and wonders to lead astray, if possible, even the elect.

But you, be on your guard! See, I have told you everything in advance” (13:21–23).

[ 33 ] Es war zu allen Zeiten in den Jahrhunderten seit dem Ereignis von Golgatha genugsam Gelegenheit, solche Worte sich zur Warnung sein zu lassen. Wer Ohren hat zu hören, der darf auch heute hören, wie uns von Golgatha herüber das Wort tönt: «Wenn alsdann euch jemand sagen wird: Siehe, hier ist der Christus! siehe, da ist er! so glaubet es nicht. Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten sich erheben und werden Zeichen und Wunder geben, um womöglich auch die Auserwählten irrezuführen.»

[ 33 ] Throughout the centuries since the events at Golgotha, there have been ample opportunities to take such words to heart as a warning. Whoever has ears to hear may hear even today how the word resounds to us from Golgotha: “If anyone then says to you, ‘Look, here is the Christ!’ or ‘There he is!’ do not believe it. For false Christs and false prophets will arise and perform signs and wonders, so as to lead astray, if possible, even the elect.”

[ 34 ] Wie dürfen wir uns zu dem Mysterium von Golgatha stellen? In den wenigen markanten Sätzen, die das Markus-Evangelium noch enthält, nachdem es so erschütternd zu uns gesprochen hat, findet sich auch der allerletzte Satz, wo von den Jüngern gesprochen wird, nachdemsiedurch den Jüngling, den kosmischen Christus, einen neuen Impuls bekommen hatten, während sie früher so wenig Verständnis gezeigt hatten.

[ 34 ] How should we approach the mystery of Golgotha? Among the few striking sentences that the Gospel of Mark still contains, after having spoken to us so powerfully, we also find the very last sentence, which speaks of the disciples after they had received a new impulse through the young man, the cosmic Christ, whereas previously they had shown so little understanding.

«Sie aber zogen aus und verkündigten überall, wobei der Herr mitwirkte und das Wort bekräftigte durch die begleitenden Zeichen.» (16, 20.)

“But they went out and preached everywhere, and the Lord worked with them and confirmed the message by the signs that accompanied it.” (16:20)

[ 35 ] Der Herr wirkte mit! So bekennt man im Sinne des Mysteriums von Golgatha. Nicht daß irgendwo der Herr verkörpert sein könnte im physischen Leibe, sondern da, wo er verstanden wird, da wirkt er auch mit aus den übersinnlichen Welten heraus, wenn in seinem Namen — nicht mit der Eitelkeit, ihn physisch vorzuführen — gewirkt wird und er geistig unter denen ist, die seinen Namen verstehen in Wahrheit. Richtig verstanden, spricht das Markus-Evangelium von dem Mysterium von Golgatha selber so, daß wir mit seinem richtigen Verständnisse auch die Möglichkeit einer richtigen Erfüllung des Mysteriums von Golgatha finden. Gerade in dem, was nur das Markus-Evangelium enthält, in dieser merkwürdigen Erzählung von dem Jüngling, der sich wie loslöst im entscheidenden Momente von dem Christus Jesus, sehen wir uns auch darauf hingewiesen, wie das Evangelium verstanden werden muß. Da sie flohen, die Auserwählten, so haben sie ja nicht alles mitgemacht, was sich nunmehr zutrug und was auch im MarkusEvangelium erzählt ist. Mitten in die Komposition wird wieder echt künstlerisch ein Stück hineingestellt; so klar wie nur irgend etwas wird da ein Stück hineingestellt, bei dem die Jünger nicht dabeigewesen sind, wo keiner ein Augenzeuge gewesen ist. Und doch wird alles erzählt. Diese Frage tritt noch vor uns hin, und wir werden versuchen, in die Beantwortung dieser Frage noch weiter einzudringen und dann auch ein Licht zu werfen auf das andere.

[ 35 ] The Lord was at work! This is the confession made in the spirit of the Mystery of Golgotha. Not that the Lord could be embodied anywhere in a physical body, but wherever he is understood, there he also works from the supersensible worlds, when action is taken in his name—not with the vanity of presenting him physically—and he is spiritually present among those who understand his name in truth. Properly understood, the Gospel of Mark speaks of the Mystery of Golgotha itself in such a way that, through its correct understanding, we also find the possibility of a true fulfillment of the Mystery of Golgotha. Precisely in what is found only in the Gospel of Mark, in this remarkable account of the young man who seems to detach himself from Christ Jesus at the decisive moment, we are also shown how the Gospel must be understood. Since they fled, the chosen ones, they did not, of course, experience everything that now took place and that is also recounted in the Gospel of Mark. In the middle of the composition, a passage is inserted in a truly artistic manner; as clearly as anything, a passage is inserted here in which the disciples were not present, where no one was an eyewitness. And yet everything is told. This question still stands before us, and we will attempt to delve even deeper into the answer to this question and thereby shed light on the other as well.

[ 36 ] Woher stammt nun das andere, was die Jünger nicht gesehen haben? Die jüdischen Überlieferungen erzählen es ganz anders, als es hier in den Evangelien erzählt ist. Woher stammt — da doch mit Bezug auf die Wahrheit des Mysteriums von Golgatha die, welche darüber berichten, nicht dabei waren —, woher stammt die Kunde von dem, was keiner gesehen haben kann, der auf seiten der Fortpflanzer des Christentums stand?

[ 36 ] Where, then, does the other account come from—the one the disciples did not witness? Jewish traditions tell a very different story from what is recounted here in the Gospels. Since those who report on it were not present—with regard to the truth of the Mystery of Golgotha—where does the account come from of what no one on the side of the propagators of Christianity could have seen?

[ 37 ] Diese Frage wird uns noch tiefer in die Sache hineinführen.

[ 37 ] This question will take us even deeper into the matter.