Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Das Markus-Evangelium
GA 139

24 September 1912, Basle

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben gestern gesehen, wie von dem gemeinsamen Zusammenleben der auserwählten Jünger des Christus Jesus mit diesem selbst ein Stück herausfällt im Markus-Evangelium. Und dementsprechend ist ja auch in den anderen Evangelien dieses deutlich angedeutet. Es haben also die Ereignisse, die da verfließen von der Auslieferung ab, also das Richten, Verurteilen und Kreuzigen des Christus Jesus gerade die ihm Nahestehenden nicht mitgemacht. Dieses ist wieder ein Zug im Evangelium, der mit großer Absichtlichkeit zum Ausdruck kommt. Es soll gewissermaßen dies zum Ausdruck kommen, wie der Weg der Menschen beschaffen sein soll zum Verständnisse des Mysteriums von Golgatha und wie die Menschen in der Folgezeit, das heißt also, nachdem das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat, zu dem Verständnisse dieses Mysteriums kommen können. Dieses Verständnis soll nämlich in einer ganz anderen Weise errungen werden als irgendein anderes Verständnis einer geschichtlichen Tatsache der Menschheitsevolution. Wie es sich damit verhält, das sehen wir am besten aus dem, was sich gerade in unserer Zeit am deutlichsten abgespielt hat.

[ 2 ] Seit dem achtzehnten Jahrhundert wird von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, man möchte sagen, für das moderne Bewußtsein eine Art Stütze des Glaubens an das Mysterium von Golgatha gesucht. Mannigfaltige Phasen hat dieses Suchen durchgemacht. Bis ins achtzehnte Jahrhundert herein ist im Grunde genommen wenig darnach gefragt worden, wie die historischen Dokumente — die historischen Dokumente in dem Sinne, wie man von solchen Dokumenten spricht beschaffen sind, die das Dasein des Christus Jesus bekräftigen können. Es war zu sehr in den menschlichen Seelen, auf die es ankam, dasjenige lebendig, was als Wirkung von dem Mysterium von Golgatha ausgegangen war. Man hatte sozusagen zu deutlich gesehen, was als Wirkung durch die Jahrhunderte an den Namen des Christus Jesus sich anknüpfte, als daß man nötig gehabt hätte zu fragen: Bezeugt irgendein Dokument, daß der Christus Jesus da war? Für die, welche überhaupt zu dem Christus Jesus sich bekannten, war sein Dasein eben ganz selbstverständlich, und ebenso selbstverständlich war — viel mehr, als man heute glaubt — das Festhalten an der zugleich menschlichen und zugleich übermenschlichen geistig-göttlichen Wesenheit des Christus Jesus.

[ 3 ] Aber immer mehr und mehr kamen die materialistischen Zeiten herauf. Und damit trat das ein in der Menschheitsentwickelung, was notwendig mit der materialistischen Anschauung verknüpft ist. Diese Anschauung verträgt nicht den Hinblick darauf, daß im Menschen etwas lebt von einer höheren Individualität, verträgt überhaupt nicht, daß man durch die äußere Persönlichkeit auf ein Geistiges im Menschen zurückgehe. Wenn man materiell die Menschen anschaut — am radikalsten geschieht das in unserer Zeit —, so sehen sich doch die Menschen für ein materielles Anschauen gar sehr gleich. Alle gehen auf zwei Beinen, alle haben einen Kopf und die Nase an einer gewissen Stelle des Gesichtes sitzend, alle haben zwei Augen, haben einen Teil des Kopfes mit Haaren bedeckt usw. Und die materialistische Zeit sieht ja, wie die Menschen alle in dieser Weise gleich aussehen. Warum sollte sie da noch auf irgend etwas hinschauen, was hinter diesem äußeren Menschen ist? Das beleidigt ja auch den, der sich nicht sagen kann, daß hinter ihm in der betreffenden Inkarnation etwas so Bedeutendes sitzt wie in den anderen Menschen. Der Materialismus läßt das nicht zu. So verlor man die Möglichkeit des Verständnisses, daß in dem Menschen Jesus von Nazareth der Christus gewesen sein konnte. Und je mehr das neunzehnte Jahrhundert heraufging, verlor man überhaupt die Idee von dem Christus. Immer mehr und mehr richtete man den Blick bloß hin auf den Jesus von Nazareth, der in Nazareth oder sonstwo geboren sein mußte, wie ein Mensch gelebt hat, nur eben schöne Grundsätze verbreitet hat und dann in irgendeiner Weise den Märtyrertod gestorben sein mag. Der Mensch Jesus trat immer mehr und mehr an die Stelle des Christus Jesus der vorhergehenden Jahrhunderte. So war es ganz selbstverständlich für die materialistische Anschauung.

[ 4 ] Und dann war es wiederum selbstverständlich, daß sich im neunzehnten Jahrhundert heraufentwickelte, was man die Leben-Jesu-Forschung nennt. Auch die aufgeklärte Theologie sucht nichts anderes als diese Leben-Jesu-Forschung; das heißt, wie man die Daten über Karl den Großen, über Otto den Großen oder sonst über irgend jemanden feststellt, so sucht sie die Daten über den Jesus von Nazareth festzustellen. Nun ist es aber sehr schwierig, die Daten über den Jesus von Nazareth festzustellen. Denn zunächst liegen ja als Hauptdokumente die Evangelien und die Paulusbriefe vor. Aber im Sinne von historischen Dokumenten können die Evangelien als solche selbstverständlich nicht gelten. Es sind ihrer vier, und für eine äußere materialistische Betrachtungsweise widersprechen sie sich alle. Man hat da allerdings im Laufe der Leben-Jesu-Forschung allerlei Auswege gesucht. Nun kann man zunächst absehen von einer gewissen Phase der Leben-Jesu-Forschung, welche, weil sie in die materialistische Zeit fiel, an «Wunder » nicht mehr glauben wollte und daher die Wunder, die erzählt werden, in der sonderbarsten Weise deutete, Deutungen etwa von dem Kaliber, daß man die Erscheinung des Christus Jesus auf dem See dadurch erklärte, daß er nicht mit Füßen physisch über den See gegangen sei — wir haben ja gesehen, wie es sich damit verhält —, aber die Jünger hätten eben die physische Weltordnung nicht gewußt; und nun stellte man bei einem gewissen Auswuchse der Leben- Jesu-Forschung die Sache so dar, daß die Apostel im Schiff gefahren sind, und drüben am Ufer ging der Christus Jesus, und da konnten die Leute, die am jenseitigen Ufer waren, sich leicht täuschen und glauben, daß der Christus Jesus auf dem Wasser ginge. Gar nicht zu gedenken anderer besonders rationalistischer Auswüchse, daß bei der Verwandlung des Wassers in Wein etwas wie eine Weinessenz hineingeschmuggelt worden ist! Es hat ja sogar jemand die Johannes-Taufe im Jordan dadurch zu erklären versucht, daß einfach eine Taube dabei gerade vorbeigeflogen sei. Das gibt es alles. Was gibt es nicht alles auf dem Boden, den man den Boden der strengen, objektiven Wissenschaft nennt! Aber von diesen Auswüchsen kann man ganz absehen.

[ 5 ] Man kann hinsehen auf die Forschung, die da versuchte, weil es mit dem Übersinnlichen nicht ging, dieses Übersinnliche materialistisch als Zutaten anzusehen, und sich sagte: Wenn man an den Christus Jesus nicht glauben kann, nicht glauben kann, daß jemand als ein Zimmermannssohn in Nazareth geboren ist, mit zwölf Jahren im Tempel gewesen ist und so weiter, wenn man alles Übersinnliche herausnimmt und kombiniert, was in den verschiedenen Evangelien zusammenstimmt oder nicht zusammenstimmt, dann ließe sich daraus so etwas wie eine Biographie des Jesus von Nazareth herstellen. Das hat man in der mannigfaltigsten Weise versucht. Es konnte ja allerdings dabei nicht ausbleiben, weil viele Leute eine solche Biographie zu schreiben versuchten, daß dann jede Biographie anders war. Aber auf die Einzelheiten kann jetzt nicht eingegangen werden. Es gab auch eine Zeit in der Leben-Jesu-Forschung, in welcher man den Jesus von Nazareth als einen höheren Menschen, etwa wie einen höheren Sokrates, vorstellte, in ähnlicher Weise, wie man sich auch den Sokrates vorstellte nach einer materialistischen Anschauung.

[ 6 ] Das ist die Leben-Jesu-Forschung, die vor allen Dingen auf eine Biographie des Jesus von Nazareth losarbeitete, die aber im Grunde genommen doch wieder auch Anstoß erregen mußte. Und zwar gegenüber zwei Dingen erregte sie Anstoß: erstens gegenüber den Dokumenten selber. Denn in dem Sinne, wie man heute von historischen Dokumenten spricht, wie die Historiker ihre Dokumente werten, sind die Evangelien keine Dokumente. Das liegt zunächst an den vielen Widersprüchen und an der ganzen Art und Weise, wie sie sich erhalten haben. Das andere ist, daß in den letzten Jahren etwas dazukam zu dieser Leben-Jesu-Forschung, was Leute fanden, die nun doch eingingen auf gewisse Stellen in den Evangelien, auf immer wiederkehrende Bemerkungen, von denen wir wissen, daß sie sich auf die übersinnlichen Tatsachen beziehen. Aber diese anderen, welche im materialistischen Glauben heute befangen sind, sie fanden diese Dinge, und sie konnten sie nicht einfach aus der Forschung herauseskamotieren, wie die Leben-Jesu-Forschung sie herauseskamotierte. Da kam man dann zu dem anderen, zu der Christus-Forschung, die sich in den letzten Jahren hervorgetan hat, während die Leben-Jesu-Forschung lange in dem von einem heutigen Professor geprägten Wort von dem «schlichten Mann aus Nazareth» gipfelte. Denn das war den Menschen recht angenehm. Es schmeichelte ihnen, wenn sie nicht etwas Höheres anzuerkennen brauchten in den Evangelien. Es paßte ihnen besser, von dem «schlichten Mann aus Nazareth» zu sprechen, als sich hinaufzuranken zu dem Gottesmenschen.

[ 7 ] Aber man fand dann doch den Gottesmenschen. Da ergab sich dann die Christus-Forschung. Die ist nun ganz eigentümlich. Sie tritt in einer besonders grotesken Form hervor in der Schrift «Ecce Deus» von Benjamin Smith und in anderem, was er geschrieben hat. Sie tritt so hervor, daß gezeigt wird: Ein Jesus von Nazareth hat überhaupt nicht in Wirklichkeit existiert; der ist nur eine Sage. Aber die Evangelien berichten von dem Christus Jesus. Was ist dieser Christus Jesus? Ja, er ist ein erdichteter Gott, ein Idealbild. Und die Leute haben ja schon ihre guten Gründe, von diesem Gesichtspunkte aus den realen Jesus von Nazareth abzuleugnen; denn die Evangelien erzählen von dem Christus, legen ihm Eigenschaften bei, die es gar nicht gibt nach materialistischer Auffassung. Daraus folgt mit Evidenz, daß er nicht historisch existiert haben kann, daß er erdichtet sein muß. Er ist also entstanden durch die Zeitdichtung, in die eben das Mysterium von Golgatha versetzt wird. So ist man in einer gewissen Weise in den letzten Jahren von dem Jesus zurückgekehrt zu dem Christus; aber der Christus ist überhaupt nichts Wirkliches, sondern lebt nur in den menschlichen Gedanken. Alles ist heute sozusagen ohne Boden da auf diesem Gebiete.

[ 8 ] Das größere Publikum weiß natürlich noch nicht viel von den Dingen, die da mitspielen. Aber im Grunde genommen ist alles auf dem Boden der Wissenschaft in bezug auf das Mysterium von Golgatha unterminiert. Nirgends ist mehr ein fester Grund. Die Leben-Jesu-Forschung hat abgewirtschaftet, weil sie nichts beweisen kann, und die Christus-Forschung kann überhaupt nicht ernsthaft besprochen werden. Denn worauf es ankommt, ist die kolossale Wirkung, die ausgegangen ist von jener Wesenheit, die mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängt. Wenn das Ganze eine Erdichtung ist, dann sollte eigentlich eine materialistische Zeit sich gestehen, daß sie sich möglichst bald abgewöhnen sollte, auf eine Dichtung hinzuschauen; denn eine materialistische Zeit kann nicht an eine Dichtung glauben, die die allerwichtigste Mission in der Zeit vollbracht haben soll. Ja, unsere «aufgeklärte » Zeit hat es eben sehr weit gebracht in bezug auf das Aufhäufen von Widersprüchen und weiß gar nicht, wie sehr sie gerade auf wissenschaftlichem Felde Anspruch erhebt auf Berücksichtigung des Spruches «Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun». Das gilt eigentlich in bezug auf alle Jesus- und Christus-Forschung der Gegenwart, die sich nicht ernst und würdig auf den spirituellen Boden stellen will.

[ 9 ] Das Evangelium selber aber deutet klar schon auf dasjenige hin, was in der eben geschilderten Weise in unserer Zeit herausgekommen ist. Die Menschen, die Materialisten sein wollen, die durchaus nur an das glauben wollen, was sich dem materialistischen Bewußtsein im Sinnensein ergibt, sie können keinen Weg finden zu dem Christus Jesus. Denn dieser Weg ist abgeschnitten worden dadurch, daß diejenigen, welche dem Christus am nächsten standen, ihn gerade, während sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hat, verlassen haben und ihn erst später wiedergetroffen haben, also nicht mitgemacht haben, was sich dazumal auf dem physischen Plan in Palästina zugetragen hat. Und daß keine irgendwie glaubwürdigen Dokumente von der anderen Seite gegeben worden sind, das weiß ja jedermann. Dennoch haben wir im Markus-Evangelium und in den anderen Evangelien Schilderungen gerade dieses Mysteriums von Golgatha.

[ 10 ] Wie sind diese Schilderungen zustande gekommen? Dies ins Auge zu fassen, ist außerordentlich wichtig. Betrachten wir diese Schilderungen an dem einzelnen Fall, an dem Fall des Markus-Evangeliums. Es wird uns ja hinlänglich auch im Markus-Evangelium angedeutet, wenn auch kurz und prägnant, nach der Auferstehungsszene, daß der Jüngling im weißen Talar, das heißt der kosmische Christus, nachdem dasMysteriumsich vollzogen hatte, den Jüngern wieder sich gezeigt hat, auf die Jünger Impulse ausgeübt hat. Und so konnten denn solche Jünger, solche Apostel, wie es etwa Petrus war, nachher dadurch, daß sie durchdrungen waren von dem Impuls, der auf sie ausgeübt wurde, zum hellseherischen Schauen entflammt werden, so daß sie das, was sie nicht mit physischen Augen mit angesehen hatten, weil sie entflohen waren, hinterher hellseherisch geschaut haben. Petrus und den anderen, welche auch Schüler sein durften nach der Auferstehung des Christus Jesus, wurden die Augen hellseherisch geöffnet, so daß sie hellseherisch schauen durften das Mysterium von Golgatha.

[ 11 ] Es gibt nur einen hellseherischen Weg zu dem Mysterium von Golgatha, trotzdem es auf dem physischen Plan sich vollzogen hat. Das müssen wir festhalten. Das deutet das Evangelium ganz klar an, indem es schildert, daß die Berufensten im entscheidenden Augenblicke geflohen waren; so daß also in einer solchen Seele, wie es die PetrusSeele war, nachdem sie den Impuls des Auferstandenen empfangen hatte, aufleuchtete die Erinnerung an das, was geschehen war nach der Flucht. Sonst erinnert sich der Mensch nur an das, wo er im Sinnensein dabeigewesen war. Bei einem solchen Hellsehen, das da bei den Jüngern auftrat, ist es gegenüber dem gewöhnlichen Erinnern so, daß man Ereignisse — physisch-sinnliche — wie im Gedächtnis hat, aber solche, bei denen man nicht dabeigewesen ist. Denken Sie also in bezug auf das Aufleuchten der Erinnerung in einer solchen Seele, wie die Petrus-Seele war, an die Ereignisse, bei denen sie nicht unmittelbar dabeigewesen ist. Und so lehrte der Petrus zum Beispiel die, welche ihn hören wollten, aus seinem Gedächtnis heraus über das Mysterium von Golgatha, lehrte sie das, an was er sich erinnerte, trotzdem er nicht dabeigewesen ist.

[ 12 ] In dieser Weise kam es zur Lehre, zur Offenbarung des Mysteriums von Golgatha. Aber der Impuls, der von dem Christus auf solche Jünger wie Petrus ausgegangen war, konnte sich mitteilen auch an die, welche wieder Schüler dieser Jünger waren. Ein solcher Schüler des Petrus war der, welcher ursprünglich zusammengestellt hat — allerdings nur mündlich — das sogenannte Markus-Evangelium. So ging der Impuls, der sich in Petrus selber geltend gemacht hatte, auf die Markus-Seele über, so daß Markus selber in seiner eigenen Seele das aufleuchten sah, was in Jerusalem als Mysterium von Golgatha sich vollzogen hatte. Längere Zeit war jener Markus Schüler des Petrus. Dann kam er, Markus, an einen Ort, wo er wahrhaftig sozusagen das äußere Milieu, die äußere Umgebung hatte, aus der heraus er seinem Evangelium jene Färbung geben konnte, die gerade dieses Evangelium brauchte.

[ 13 ] Bei allen unseren Darstellungen — vielleicht ergibt sich später, was noch darüber zu sagen ist — haben wir das eine gesehen, daß uns das Markus-Evangelium am deutlichsten die ganze kosmische Größe und Bedeutung des Christus fühlen läßt. Angeregt werden zu dieser Schilderung der kosmischen Größe des Christus konnte der ursprüngliche Autor des Markus-Evangeliums gerade durch den Ort, an den er versetzt worden war, nachdem er Petrus’ Schüler gewesen war. Er wurde nach Alexandrien in Ägypten versetzt, lebte dort in einer Zeit, in welcher in einer gewissen Weise die jüdische theosophisch-philosophische Gelehrsamkeit in Alexandrien auf einer gewissen Höhe war, und konnte dort aufnehmen, was damals die besten Seiten der heidnischen Gnosis waren. Aufnehmen konnte er dort Anschauungen, die auch damals vorhanden waren, von dem Heraustreten der menschlichen Wesenheit aus dem Geistigen, von dem In-Berührung-Kommen dieser menschlichen Wesenheit mit Luzifer, mit Ahriman, von dem Aufnehmen der luziferischen und ahrimanischen Kräfte in die Menschenseele. Er konnte alles das aus der heidnischen Gnosis aufnehmen, was ein Verständnis der Herkunft des Menschen aus dem Kosmos heraus beim Aufbau unseres Planeten gab. Aber Markus konnte auch sehen, gerade an einem Orte, der innerhalb Ägyptens lag, wie stark der Kontrast war zwischen dem, wozu ursprünglich der Mensch bestimmt war, und dem, was dann der Mensch geworden war.

[ 14 ] Das zeigt sich ja in der ägyptischen Kultur am allerbesten, in dieser ägyptischen Kultur, die ausgegangen war von den höchsten Offenbarungen, von Offenbarungen, die dann in der ägyptischen Architektur, insbesondere in den Pyramiden und Palästen zu schauen waren, in der Kultur der Sphinx, die aber immer mehr und mehr in Ägypten in die Dekadenz, in die Korruption hineinkam; so daß gerade die größten Werke der ägyptischen Kultur immer mehr und mehr herunterfielen, gerade während der dritten Kulturperiode, in die schlimmsten Ausgeburten der schwarzen Magie, in die schlimmsten Auswüchse der Korruption des Spirituellen. In einer gewissen Beziehung konnte man, wenn man dazu die geistigen Augen hatte, tiefste Geheimnisse noch schauen in dem, was in Ägypten getrieben wurde, weil es ausging von ursprünglicher reiner Hermes-Weisheit; aber es gehörte eben immer mehr die Seele dazu, die auf den Grund sah, nicht auf das, was als Korruption vorhanden war. Schon zu Mosis Zeiten war die Korruption weit fortgeschritten, und schon er mußte das, was auf der einen Seite im Ägyptertum als ein Gutes vorhanden war, kaum aber sichtbar für eine so edle Seele, wie es die Moses-Seele war, aus diesem Ägyptertum herausziehen, damit es auf dem Umwege durch die Moses-Seele auf die Nachwelt kommen konnte. — Dann ging es weiter mit der Korruption in spiritueller Beziehung.

[ 15 ] Wie die Menschheit herunterfallen konnte, wie sie ganz in den Materialismus sich verkehren konnte, namentlich in bezug auf die Anschauungen, das stand lebendig vor des Markus Seele. Und gerade eines erlebte Markus, was — zwar in ganz anderer Form, aber in einer gewissen Weise ähnlich — der Mensch heute wieder erleben kann, allerdings nur der Mensch, der Gefühl und Empfindung dafür hat. Denn wir erleben eigentlich heute das Wiederaufgehen der ägyptischen Kultur. Ich habe öfter betont, wie eigentümlich die Verkettungen in der Menschheitsevolution sind, und gesagt, wie von den sieben aufeinanderfolgenden Kulturperioden eines größeren Zeitraumes die vierte Kulturperiode mit dem Griechentum und dem Mysterium von Golgatha für sich dasteht. Aber der dritte Kulturzeitraum mit der ägyptisch-chaldäischen Kultur kommt, nur in einer unspirituellen Weise, in der heutigen Kultur wieder heraus in unserer heutigen Wissenschaft. In unserer materialistischen Kultur, ja selbst in den äußeren Kulturerscheinungen, haben wir eine gewisse Auferweckung des dritten Kulturzeitraumes im fünften. Ebenso wird in gewisser Beziehung der zweite im sechsten und der erste im siebenten wiedererscheinen. So umgreifen, so umspannen sich diese Zeiträume. Das ist öfter hervorgehoben worden. Man erlebt es heute, was damals ein Geist wie Markus in intensivster Weise erleben konnte.

[ 16 ] Man richte den Blick hin auf die Kultur — der Außenwelt braucht man es nicht so zu schildern, weil sie es nicht vertragen kann —, und, sehen wir ab von den radikalsten Korruptionserscheinungen, so kann man sagen: Alles ist mechanisiert; und angebetet wird in Wahrheit heute innerhalb unserer materialistischen Kultur eigentlich nur der Mechanismus, wenn auch die Leute es nicht Gebete nennen und wenn sie es auch nicht Frömmigkeit nennen. Aber die Seelenkräfte, wie man sie einst hingelenkt hat zu den geistigen Wesenheiten, sie lenkt man heute zu den Maschinen, zu den Mechanismen hin, widmet ihnen die Aufmerksamkeit, wie man sie einst, wirklich man kann sagen, den Göttern gewidmet hat. So ist es namentlich in bezug auf die Wissenschaft, diese Wissenschaft, die gar nicht weiß, wie wenig sie wirklich auf der einen Seite mit der Wahrheit, mit der wirklichen Wahrheit zu tun hat, und andererseits, wie wenig sie mit wirklicher Logik zu tun hat.

[ 17 ] Von einem gewissen höheren Gesichtspunkt aus gesehen, haben wir heute allerdings ein ernst es, ein tief intensives Streben und eine tief intensive Sehnsucht. Es ist in München in einem Vortrage gesprochen worden von der Sehnsucht in unserer Zeit, besonders wie sich diese Sehnsucht herausgebildet hat bei einzelnen Seelen. Aber in der eigentlichen «offiziellen» Wissenschaft ist diese Sehnsucht nicht vorhanden, sondern, man möchte sagen, ein gewisses sattes Zufriedensein, aber ein Zufriedensein mit etwas Sonderbarem: mit Unwirklichem und Unlogischem. Nirgends ist diese Wissenschaft imstande, auch nur zuerkennen, wie tief sie in dem Gegenteil von aller Logik drinnensteckt. Das alles nimmt man wahr, das alles erlebt man, und es ist wirklich so, daß an dem einen Pol sich der andere entzünden muß in der Menschheitsevolution. Gerade dieses Ungenügen der äußeren Wissenschaft, dieses UnwirklicheundUnlogische der äußeren Wissenschaft und dieses Sichblähen und Gar-nicht-einmal-Ahnen, wie es eigentlich mit der äußeren Wissenschaft steht, daswirdundmußnachundnachdieedelsteReaktion, die Sehnsucht nach dem Spirituellen in unserer Zeit in den Menschenseelen erzeugen.

[ 18 ] Es wird noch lange so dauern, daß die Menschen, die tief drinnenstecken in unserer Unnatur und Unlogik, sich über eine spirituelle Wissenschaft vielleicht lustig machen, sie verspotten oder als allerlei Gefahr bezeichnen. Aber durch die innere Kraft der Tatsachen wird sich ganz von selber der andere Pol entzünden. Und wenn nur nicht die, welche etwas davon verstehen, in die Krankheit der Kompromisse verfallen würden und klar sehen würden, so würde es auch schneller gehen können, als es jetzt geht. Denn wir erleben es ja immer wieder: wenn nur einmal ein Gelehrter auftritt und etwas sagt, wovon ein anderer glaubt, das ist «ganz anthroposophisch», da wird gleich viel Wesens davon gemacht. Und wenn gar jemand auf einer Kanzel predigt, wovon der andere glaubt, das ist «ganz anthroposophisch », dann wird noch mehr Wesens davon gemacht. Es kommt nicht darauf an, daß solche Kompromisse gemacht werden, sondern daß wir uns ganz klar und wahr in das spirituelle Leben hineinstellen und dieses durch seine Impulse auf uns wirken lassen. Je mehr wir uns darüber klar sind, daß die innere Lebendigkeit des spirituellen Lebens entzündet werden muß, und je mehr wir uns davon überzeugen, daß wir aus keinem Grunde die Berechtigung anerkennen können, aus dem materialistischen Denken unserer Zeit irgend etwas anderes herauszuholen, als was Hand und Fuß hat, desto besser ist es. Das ist etwas anderes, als zu zeigen, daß die wirklich vorrückende Wissenschaft in Harmonie steht mit der spirituellen Forschung. Das kann man zeigen, und man kann es wirklich zeigen auf Schritt und Tritt.

[ 19 ] Denn diese Wissenschaft begeht wirklich fast auf jeder Seite ihrer Literaturwerke logische Schnitzer von der Art, wie der ist, auf den in humoristischer Weise einer unserer Freunde wiederholt aufmerksam gemacht hat, hinweisend darauf, daß es der logische Schnitzer des Professors Schlaucherl aus den «Fliegenden Blättern » ist, der beweisen will, wodurch ein Frosch eigentlich hört. Der Professor Schlaucherl läßt dazu den Frosch auf den Tisch springen, schlägt dann auf die Tischplatte. Der Frosch hüpft fort; also hat er es gehört. Aber dann reißt er ihm die Beine aus und klopft dann wieder auf die Tischplatte. Der Frosch hüpft jetzt nicht fort; also ist es klar, daß der Frosch mit den Beinen gehört hat. Denn als er noch die Beine hatte, da hüpfte er fort, als auf die Tischplatte geklopft wurde, nachher nicht. — Mit dem Frosch machen zwar auch Gelehrte allerlei Experimente; aber ihre logischen Schlußfolgerungen auf anderen Gebieten sind genau nach diesem Beispiele, so zum Beispiel bei der vielgerühmten Gehirnforschung. Da macht man darauf aufmerksam: Wenn dieser oder jener Teil des Gehirnes vorhanden ist, kann man zum Beispiel ein Wortgedächtnis haben, oder man kann diese oder jene Gedanken hegen; wenn dann dieser Teil nicht mehr da ist, kann man die Gedanken nicht haben oder verliert das Wortgedächtnis — ganz nach dem Beispiele des Frosches, der mit den Beinen hört. Es gibt keine Logik in diesen Dingen. Denn dafür, daß der Mensch mit einem Teile seines Gehirns denken kann oder daß er nicht denken kann, wenn er diesen Teil des Gehirnes nicht hat, dafür gibt es keine anderen Gründe, als die sind, daß der Frosch nicht hört, wenn ihm die Beine ausgerissen worden sind. Es ist ganz dasselbe, nur merken die Leute nicht, daß die ganze Schlußfolgerung auf nichts anderem beruht als auf Denkfehlern. So könnte man Denkfehler über Denkfehler nachweisen in allem, was heute als festes wissenschaftliches Resultat geglaubt wird. Aber je mehr man Fehler macht, desto stolzer wird man auf die Wissenschaft und schimpft auf die spirituelle Wissenschaft.

[ 20 ] Das wird die edelste Reaktion, die Sehnsucht nach der spirituellen Wissenschaft immer mehr und mehr erzeugen. Das ist nur die für unsere Zeit geartete Reaktion dessen, was eine Seele wie Markus erleben mußte, indem sich ihm gerade in seiner Zeit zeigen konnte, wie die Menschheit heruntergestiegen ist von ihrer einstigen spirituellen Höhe und heruntergekommen ist zu dem bloßen Hängen am Materiellen. Dadurch ergab sich ihm ein so tiefes Verständnis dafür, daß der größte Impuls in einem Übersinnlichen lebt; und das unterstützte dann auch noch sein Lehrer. Was ihm Petrus gegeben hatte, das war nicht etwas, was von einer sinnlichen Überlieferung des Mysteriums von Golgatha hat kommen können, wie wenn jemand es hätte mit Augen schauen können, was in Jerusalem sich zugetragen hatte; sondern hellseherisch sind die Dinge hinterher erforscht worden. So sind alle Nachrichten über den Christus Jesus und über das Mysterium von Golgatha entstanden.

[ 21 ] Das Mysterium von Golgatha ist ein Ereignis, das sich auf dem physischen Plan zugetragen hat, aber nur hellseherisch hinterher hat geschaut werden können. Das bitte ich Sie ganz besonders ins Auge zu fassen, daß das Mysterium von Golgatha ein physisch-sinnliches Ereignis ist, zu dem aber der Weg des Verständnisses auf überphysischem, auf übersinnlichem Wege gesucht werden muß, und auch trotz der Dokumente, die geblieben sind, gesucht werden muß. Wer das nicht versteht, mag darüber streiten, wieviel das eine oder das andere Evangelium gilt. Für den, der den Tatbestand kennt, existieren alle diese Fragen nicht. Er weiß, daß wir nötig haben, durchzuschauen durch die mangelhaften Überlieferungen, welche die Evangelien vielfach darstellen, auf das, was uns heute noch die hellseherische Forschung zeigen kann. Und da sehen wir, wenn wir die Wahrheit dessen untersuchen, was geschehen ist, an den Wiederherstellungen nach den Daten der Akasha-Chronik, wie wir die Evangelien aufzufassen haben und was wir an den einzelnen Stellen zu lesen haben, zu lesen haben darüber, was in jener Zeit, da die Menschheit am tiefsten heruntergestiegen war von ihrer einstigen Höhe, sich als des Menschen wahre Würde, als des Menschen wahres Wesen vor die Menschheit hingestellt hat.

[ 22 ] Die göttlich-geistigen Mächte haben dem Menschen sein äußeres Bild, seine äußere Form gegeben. Aber was in dieser äußeren Form seit der alten lemurischen Zeit gewohnt hat, das stand immer unter dem Einfluß der luziferischen und dann im weiteren Fortgang der Entwickelung auch der ahrimanischen Kräfte. Unter diesen Einflüssen bildete sich dann das heraus, was die Menschen Wissenschaft, Erkenntnis, Verständnis nannten. Kein Wunder, daß vor die Menschheit hätte hingestellt werden können, gerade zu jener Zeit, des Menschen wahres, übersinnliches Wesen, und die Menschen würden es am wenigsten erkannt haben, würden am wenigsten gewußt haben, was der Mensch geworden ist. Des Menschen Wissen, des Menschen Erkenntnis hatte sich immer mehr und mehr in das Sinnensein verstrickt. Des Menschen Erkenntnis konnte nach und nach immer weniger an das wahre Menschenwesen herandringen.

[ 23 ] Das ist es, worum es sich handelt, und das müssen wir in Erwägung ziehen, wenn wir uns noch einmal hinwenden zu dem verlassenen Menschensohn, zu der Gestalt des Menschen, die vor uns steht in dem Augenblick, da nach dem Markus-Evangelium der kosmische Christus nur mehr in einem losen Zusammenhange mit dem Menschensohn war. Da stand vor der Menschheit, vor der das alles hingestellt war, der Mensch, der Mensch in seiner Gestalt, wie sie die göttlich-geistigen Mächte dem Menschen gegeben haben. So stand er da, aber veredelt, durchgeistigt durch den dreijährigen Aufenthalt des Christus in dem Jesus von Nazareth. So stand er da vor den Mitmenschen. Die Menschen hatten sich in bezug auf ihr Verständnis nur das errungen, was aus Verstehen und Erkennen geworden war durch den jahrtausendelangen Einfluß von Luzifer und Ahriman. Da aber stand der Mensch, der während der drei Jahre aus sich herausgetrieben hatte die luziferischen und ahrimanischen Einflüsse. Da stand wiederhergestellt vor den anderen Menschen, was der Mensch war, bevor Luzifer und Ahriman gekommen sind. Erst durch den Impuls des kosmischen Christus war der Mensch wieder so, wie er, aus der geistigen Welt ausgehend, in die physische Welt versetzt worden war. Da stand der Geist der Menschheit, der Menschensohn, vor jenen, die damals in Jerusalem die Richter, die Henker waren; aber so stand er da, wie er werden konnte, wenn alles, was ihn heruntergebracht hatte, wieder herausgetrieben war aus der menschlichen Natur. Da stand der Mensch, als das Mysterium von Golgatha sich vollzog, im Bilde vor seinen Mitmenschen, vor dem die andern Menschen hätten stehen sollen und anbetend sagen: Da bin ich selbst in meiner wahren Wesenheit, in meinem höchsten Ideal, da bin ich in der Gestalt, die ich aus mir machen soll durch das allerheißeste Streben, das nur aus meiner Seele herauskommen kann. Da stehe ich vor dem, was allein verehrungswürdig und anbetungswürdig an mir selbst ist, da stehe ich vor dem Göttlichen in mir, von dem die Apostel, wenn sie Selbsterkenntnis hätten üben können, sich hätten sagen müssen: Es gibt im ganzen weiten Umkreise nichts an Bestand und Größe, was sich vergleichen läßt mit dem, was da vor uns ist im Menschensohn.

[ 24 ] Dies Selbsterkennen hätte die Menschheit in jenem historischen Moment haben sollen. Und was tat diese Menschheit? Sie spie an den Menschensohn, geißelte ihn, führte ihn hinaus zur Kreuzigungsstätte. Das ist der dramatische Wendepunkt zwischen dem, was hätte sein sollen, zwischen der Anerkennung dessen, daß hier etwas stand, mit dem sich nichts in aller Welt vergleichen läßt, und dem, was uns nun dargestellt wird. Geschildert wird der Mensch, der sich selber, statt sich zu erkennen, in den Staub tritt, der sich selber tötet, weil er sich nicht erkennt, und der nur durch diese Lektion, durch diese kosmische Lektion den Impuls empfangen kann, nach und nach seine Wesenheit in der weiteren Perspektive der Erdenentwickelung sich zu erringen.

[ 25 ] So war der welthistorische Augenblick, und so müssen wir ihn charakterisieren, wenn wir ihn in der richtigen Weise charakterisieren wollen, wie ihn uns gerade in markanten, gewaltigen Sätzen das Markus-Evangelium andeutet. Denn das will nicht bloß verstanden werden, das will gefühlt, empfunden werden. Von diesem In-den-Staub-Treten der eigenen Wesenheit ging dann dasjenige aus, was in meinem Vortragszyklus «Von Jesus zu Christus» in Karlsruhe als das «Phantom» geschildert worden ist. Denn dadurch, daß der Mensch seine eigene Wesenheit in den Staub trat, verwandelte sich das, was das äußere Ebenbild der Gottheit war, in das «Phantom», das sich vermehrt und in der weiteren Entwickelung der Menschheit vermehrt in die Seelen dringen kann, wie es in dem Karlsruher Zyklus dargestellt worden ist.

[ 26 ] Wenn man so die Dinge ansieht, dann tritt wahrhaftig der große Unterschied hervor zwischen dem, was eigentlich das Markus-Evangelium darstellen will, und dem, was man vielfach heute daraus machen will. Wer ein Evangelium, und insbesondere das Markus-Evangelium, versteht, es so versteht, daß er das, was geschildert wird, seinem künstlerischen Aufbau und seinem tiefen Inhalt nach empfindet, fühlt, bei dem wird dieses Gefühl zu einer realen inneren Tatsache, zu jener realen inneren Tatsache, die allerdings da sein muß, wenn man ein Verhältnis zu dem Christus Jesus gewinnen will. Es muß sich die Seele schon ein wenig der gefühls- und empfindungsmäßigen Betrachtung hingeben, die sich etwa so charakterisieren läßt, daß man sich aus so etwas, wie es das Markus-Evangelium ist, die Vorstellung macht: Wie waren meine Mitmenschen, die den Menschensohn umstanden, da, wo sie sich hätten selber in ihrem höchsten Ideal sehen sollen, wie waren sie im Irrtum befangen!

[ 27 ] Wenn man so recht ein Mensch unserer materialistischen Zeit ist, dann schreibt man so eine Bemerkung hin oder läßt sich entringen eine solche Bemerkung, wie man sie vielfach heute lesen oder hören kann, insbesondere bei den monistisch Abergläubigen — will sagen, bei den monistisch Aufgeklärten: Warum ist das Dasein so, wie es ist? Dies hat noch kein Mensch beantworten können. Warum leiden wir Schmerz? Buddha, Christus, Sokrates, Giordano Bruno haben nicht einen Zipfel dieses Schleiers zu lüften vermocht. — Wir hören es in unzähligen Variationen wiederholt. Solche Menschen, die das hinschreiben, merken nicht, daß sie sich für etwas viel Höheres erklären als Buddha, Christus, Sokrates und so weiter, und daß sie alles in diesem Sinne verstehen. Wie sollte es aber auch nicht in einer Zeit so sein, in welcher ein jeder Privatdozent die Dinge besser versteht, die in der Geschichte verlaufen sind, und über die jeder Privatdozent seine Bücher schreibt, die er professionsmäßig schreiben muß?

[ 28 ] Es könnte den Anschein haben, als ob dies aus einer Sucht nach Kritik unserer Zeit heraus gesprochen wäre. Nein, das ist es nicht. Sondern diese Dinge müssen vor unsere Seele treten, weil wir nur dadurch, daß wir sie vor unsere Seele treten lassen, die richtige Distanz zu etwas so übermächtig Großem gewinnen, wie es die Evangelien sind, wie es zum Beispiel das Markus-Evangelium ist. Es ist ja aus keinem anderen Grunde, als weil die Menschen sich nur so langsam hinaufringen können zu solcher Höhe, daß diese Dinge immer wieder und wieder mißverstanden werden und in den äußersten Zerrbildern vor die Menschen hingebracht werden. Die Evangelien sind großartig in allen Einzelheiten, und im Grunde genommen lehrt uns jede Einzelheit etwas Außerordentliches.

[ 29 ] So können wir auch noch im letzten Kapitel des Markus-Evangeliums manches lernen. Freilich, ich müßte noch lange fortsprechen, wenn alle die großen Gedanken des Markus-Evangeliums herausgestellt werden sollten. Aber eine solche Einzelheit wie gleich der Anfang des sechzehnten Kapitels zeigt uns, wie tief der Evangelienschreiber eingedrungen ist in die Geheimnisse des Daseins. Gerade der Autor des Markus-Evangeliums drang tief ein in die Geheimnisse des Daseins. Er wußte also — wie es eben dargestellt worden ist —, wie die Menschheit von ihrer spirituellen Höhe heruntergekommen ist in den Materialismus. Er wußte, wie wenig das menschliche Verständnisvermögen dem Menschenwesen gewachsen war, wie wenig die Menschen in der Zeit des Mysteriums von Golgatha geneigt waren, zu verstehen, was da geschehen ist.

[ 30 ] Nun erinnern Sie sich an etwas, was ich öfter ausgeführt habe in bezug auf das Weibliche und Männliche, ausgeführt habe in bezug darauf, daß das weibliche Element gewissermaßen — nicht als Individualität, nicht als die einzelne Frau, aber die «Frauenheit » — nicht ganz heruntergestiegen ist zum physischen Plan; während der Mann — aber wieder nicht die einzelne Individualität, nicht das Wesen in der einzelnen Inkarnation, aber die «Mannheit» — den Punkt nach unten hin überschritten hat, so daß in Wahrheit das wahre Menschentum zwischen Mann und Weib liegt. Daher wechselt auch in den einzelnen Inkarnationen der Mensch als solcher das Geschlecht. Aber es ist nun schon einmal so, daß das Weib als Weib durch die andersartige Bildung des Gehirns, durch die andere Art, wie es das Gehirn gebrauchen kann, die spirituellen Ideen leichter erfassen kann. Dagegen ist der Mann viel mehr dazu organisiert — eben durch die äußere physische Körperlichkeit —, sich mehr in den Materialismus hineinzudenken, weil, wenn wir es grob ausdrücken wollen, sein Gehirn härter ist. Das weibliche Gehirn ist weicher, ist nicht so eigensinnig, nicht so in sich verhärtet, wobei also nichts über die einzelne Persönlichkeit gesagt ist. Es braucht sich dies die einzelne Persönlichkeit nicht zum Guten und nicht zum Schlimmen anzurechnen; denn es sitzt auf manchem Frauenkörper ein recht eigensinniger Kopf, von dem Gegenteil gar nicht zu sprechen. Aber im ganzen und großen ist es so, daß das weibliche Gehirn leichter zu brauchen ist, wenn es sich darum handelt, Besonderes zu verstehen, wenn sonst der Wille dazu vorhanden ist. Darum läßt der Evangelienschreiber Frauen zuerst hinzutreten, als sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hat.

«Und wie nun der Sabbath vorüber war, da kauften Maria von Magdala und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Gewürze, um hinzugehen und ihn einzusalben.» (16, 1.)

[ 31 ] Und ihnen erscheint er zuerst, der Jüngling, das heißt der kosmische Christus; dann erst den männlichen Bekennern. Bis in diese Einzelheiten der Komposition spielt wahrer Okkultismus, wahre Geisteswissenschaft hinein, bis in die Einzelheiten der Komposition und in den Inhalt der Evangelien und insbesondere des markigen Markus-Evangeliums.

[ 32 ] Wenn wir so fühlen, was aus den Evangelien spricht, und uns anregen lassen durch das, was wir fühlen und empfinden, dann finden wir dadurch allein den Weg zu dem Mysterium von Golgatha. Und dann existiert die Frage nicht mehr: Sind diese Evangelien in einem äußeren historischen Sinne echt oder unecht? Das mag denen, die nichts von der Sache verstehen, zu untersuchen überlassen sein. Denjenigen aber, die sich durch die Geisteswissenschaft zum Empfinden und Verstehen der Evangelien hinaufranken, wird es allmählich klar werden, daß diese zunächst gar nicht historische Dokumente sein wollen, sondern solche Urkunden, die sich hineinergießen in unsere Seelen. Und wenn sie in unsere Seelen ihre Impulse hineinergießen, dann werden die Seelen ergriffen — ohne Dokumente — durch das, was sie fühlen und erleben, wenn sie den Blick hinwenden zu dem Mysterium von Golgatha, wenn sie anschauen, wie menschliches Verständnis, menschliches Wissen und menschliche Erkenntnis heruntergekommen sind gegenüber der menschlichen Wesenheit, wie sie anspieen und kreuzigten diese Wesenheit, die sie hätten in weiser Selbsterkenntnis verehren sollen als höchstes Ideal. Und dann wird von dieser Empfindung ausgehen die höchste Kraft, um sich hinaufzuranken zu dem, was durch dieses Ideal von Golgatha herüberglänzt und leuchtet zu allen denen, die es empfinden, die es wahrnehmen wollen. Denn, daß die Erde zusammenhängt mit den geistigen Welten, das werden die Menschen in Realität erst dann begreifen, wenn sie verstehen werden, wie die geistige Realität, der Christus, als kosmische Entität in dem Leibe des Jesus von Nazareth gelebt hat; wenn sie verstehen werden, wie alles, was sonst an Menschheitsführern in der Welt vorhanden war, zuerst ausgesandt worden ist von dem Christus als seine Vorläufer, als diejenigen, die ihm den Weg bereiten sollten, damit er erkannt, verstanden werden könne. In dem Augenblick, als das Mysterium von Golgatha geschah, hat allerdings alle Vorbereitung wenig Nutzen gehabt; denn im entscheidenden Momente versagte ja alles. Aber immer mehr und mehr wird die Zeit kommen, da die Menschen verstehen werden nicht nur das Mysterium von Golgatha, sondern auch die anderen Ereignisse, die sich um das Mysterium von Golgatha herumgruppieren, und durch deren Hilfe auch das Mysterium von Golgatha immer mehr und mehr verstanden werden kann.

[ 33 ] Vorläufig lassen sich vielleicht die europäischen Völker noch scheel ansehen, weil sie es nicht wie viele andere Völker machen, die nur ihre Religionsbekenntnisse, die ihrer Nation, Rasse, entsprungen sind, als die wahre Religion anerkennen, wie wir es zum Beispiel in Indien so hervorragend sehen, wo nur gelten soll, was dem eigenen Blute entsprungen ist. Oh, man spricht auch oft auf theosophischem Felde von der Gleichheit, von der Anerkennung aller Religionen, während man aber in Wahrheit doch nur die eigene durchdrücken will und diese als die Weisheitsreligion ansieht. Die Europäer können das gar nicht tun; denn kein einziges europäisches Volk hat jetzt noch irgendeine Nationalgottheit, irgendeine auf seinem eigenen Grund und Boden gewachsene Gottheit, wie es die asiatischen Völker haben. Der Christus Jesus gehört Asien an, und die europäischen Völker haben ihn übernommen, haben ihn auf sich wirken lassen. Es ist kein Egoismus in der Annahme des Christus Jesus, und es wäre eine völlige Entstellung der Tatsachen, wenn man das Sprechen des Europäers über den Christus Jesus vergleichen wollte mit der Art und Weise, wie andere Völker über ihre nationalen Gottheiten sprechen, zum Beispiel, wie der Chinese über seinen Konfuzius oder wie der Inder über Krishna und Buddha spricht.

[ 34 ] Über den Christus Jesus kann gesprochen werden rein vom Standpunkte objektiver Geschichte aus. Diese objektive Geschichte hat es auch nicht zu tun mit irgend etwas anderem als mit der großen Aufforderung zur Selbsterkenntnis des Menschen, die so gründlich in ihr Gegenteil verzerrt worden ist, während das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat. Aber durch das Mysterium von Golgatha ist der Menschheit die Möglichkeit gegeben worden, den Impuls zu empfangen, um zu sich selber zu kommen, wogegen dazumal für die Erkenntnis, für die äußere Erkenntnis, alles versagte bei der Menschheit in bezug auf das Mysterium von Golgatha, wie wir gesehen haben. Und so werden dereinst, sich richtig verstehend, alle Religionen der Welt zusammenwirken nach und nach, um das, was im Mysterium von Golgatha liegt, zu verstehen, um es den Menschen als Impuls zugänglich zu machen.

[ 35 ] Wird man einmal einsehen, daß man es nicht mit einem egoistischen Religionsbekenntnis zu tun hat, wenn von dem Christus Jesus gesprochen wird, sondern mit etwas, was als eine historische Tatsache der Menschheitsevolution jedes Religionsbekenntnis in gleichem Sinne zugestehen kann, dann erst wird man zu einem Begreifen des Weisheits- und Wahrheitskernes in allen Religionen kommen. Und das Maß, in welchem man Geisteswissenschaft im wahren Sinne noch nicht will, ist das Maß, in welchem Grade man das wahre Verständnis des Mysteriums von Golgatha noch zurückweist. Das Maß aber des Verständnisses für Geisteswissenschaft ist gegeben in dem Maße des Verständnisses, das ein Mensch hat für das Mysterium von Golgatha. So kann sich der Christ, der sich zur Geisteswissenschaft bekennt, eigentlich mit allen Menschen der Welt verständigen. Und wenn in einem schon ans Maßlose grenzenden Hochmut — der aber ganz verständlich ist und berechtigt genannt werden kann — von den Vertretern anderer Religionssysteme gesagt wird: Ihr Christen habt nur eine einmalige Inkarnation des Gottes, wir können aber mit mehreren aufwarten; also haben wir in reichererm Maße das, was ihr habt, — so sollte der Christ nicht dadurch antworten, daß er etwa dem nacheifert in bezug auf den Christus Jesus, denn dann würde er das Mysterium von Golgatha nicht verstehen. Das Richtige ist ja dies, daß der Christ tatsächlich sagen kann — auch zu dem, der viele Inkarnationen seines Religionsstifters aufweisen kann —: Nun gewiß, alle diejenigen aber, die viele Inkarnationen haben, konnten eben nicht das Mysterium von Golgatha vollbringen. Und das suche man in der Weise, wie es innerhalb des Christentumes dargestellt wird, in irgendeiner der anderen Religionen!

[ 36 ] Bei anderen Gelegenheiten habe ich schon dargestellt, daß wir, wenn wir das Buddha-Leben verfolgen, bis zu dem Punkte kommen, den wir im Markus-Evangelium für den Christus gegeben haben als die Verklärung, wo Buddha, am äußersten Ende des Menschenlebens angekommen, sich auflöst in Licht, wie es dargestellt wird, was ja der okkulten Wahrheit entspricht. Da tritt für den Christus — wie Sie es geschildert finden in dem «Christentum als mystische Tatsache » — das ein, was in der Verklärungsszene eintritt, nur nicht, daß er als ein Einzelner die Verklärung hat, sondern daß er sich unterredet auf dem Berge, auf der Stelle, wo sich die kosmischen Angelegenheiten abspielen sollen, mit Elias und Moses. Dann erst beginnt das Mysterium von Golgatha, nach dieser Verklärungsszene. Das ist so anschaulich in den Dokumenten selbst enthalten, daß die Leugnung dieser Tatsache, wenn man sie einmal durch den Vergleich des Buddha-Lebens mit dem Christus-Leben erkannt hat, im Grunde genommen als unmöglich erscheint. Und im Grunde genommen ist auch das, was ich Ihnen heute sagen konnte über die Gefühle, die in uns aufsteigen gegenüber der großen Verkennung des Menschensohnes durch die Menschen, nur eine Folge dessen, was Sie auch schon angedeutet finden in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache ».

[ 37 ] In einer gewissen Beziehung darf ich sagen jetzt am Abschlusse der Betrachtungen über das Markus-Evangelium: Es ist in einer gewissen Weise das Programm, das damals im Beginne unserer anthroposophischen Bewegung Mitteleuropas gegeben war in bezug auf das Christentum, es ist dieses Programm im einzelnen ausgebaut. Als wir begonnen haben, wurde der Grundzug gegeben, inwiefern die Religionen eine Fortentwickelung zeigen und im Christus-Problem gipfeln können. Wir haben die einzelnen Evangelien, wir haben mancherlei von den Welterscheinungen betrachtet. Wir haben versucht, immer tiefer und tiefer in die Schachte des okkulten Lebens einzudringen, ausführend, was damals angedeutet worden ist. Konsequent suchten wir fortzuarbeiten. Nichts haben wir im Grunde genommen getan, als nur im einzelnen ausgebaut, was damals an unserem Ausgangspunkt klar und deutlich gesagt war. War das nicht der natürlichste Fortgang in bezug auf das Christus-Problem innerhalb der anthroposophischen Bewegung Mitteleuropas? Wo solches geschehen ist, da darf man, wenn sich andere Leute vor drei Jahren zu einem im Sinne des Christentums unmöglichen Christus-Gedanken bekehrt haben, wahrhaftig nicht von uns etwa verlangen, daß wir uns mit unserer konsequenten Arbeit zu diesem vor drei Jahren erfundenen Christus-Gedanken bekehren sollten. Es ist oftmals in der letzten Zeit betont worden, daß die Theosophische Gesellschaft ein Feld sein sollte für alle Meinungen. Gewiß, das sollte sie sein. Nur nimmt es sich anders aus, wenn sie auch ein Feld sein soll für die aufeinanderfolgenden verschiedenen Meinungen derselben Persönlichkeit, wenn dieselbe Persönlichkeit jetzt etwas anderes als vor vier Jahren behauptet und nun verlangt, daß die Theosophische Gesellschaft ein Feld für diese Meinung sein soll. Das mag vielleicht möglich sein, nur braucht man es nicht mitzumachen. Und man braucht nicht darum ein Ketzer zu sein, weil man diese Dinge nicht mitmacht. In Mitteleuropa geht man aber noch weiter; man geht so weit, daß man das Weiße schwarz und das Schwarze weiß nennt!

[ 38 ] Es ist gerade ein feierlicher Augenblick, wo wir den letzten Schlußpunkt unserer programmatisch seit zehn Jahren durchgeführten Arbeit setzen. Da wollen wir feststehen in dieser Arbeit und auch nicht mutlos werden und auch nicht verständnislos anderen gegenüber. Aber wir wollen klar einsehen, was wir tun müssen, wollen fest auf unserem Boden stehen und uns durch nichts beirren lassen, selbst wenn man das Weiße schwarz und das Schwarze weiß nennt oder selbst wenn man gegenüber allem, was innerhalb unserer mitteleuropäischen anthroposophischen Bewegung geschehen ist, wo ein jeder nach den besten Kräften strebt, das zu geben, was er zu geben hat, wo ein jeder aufgefordert wird, ohne Rücksicht auf irgendeine Autorität sein Bestes zu geben, wenn man diesem gegenüber behauptet, diese mitteleuropäische anthroposophische Bewegung enthalte Fanatiker und Dogmatiker, und wenn jene, die von einem Dogma sprechen, das kaum drei Jahre alt ist, eine Gegnerschaft gegenüber dem schrecklichen Dogma von Mitteleuropa begründen möchten. Es ist hart, zu sehen, welcher Unfug heute mit dem Christus-Namen getrieben wird. Aber das berechtigt uns auch, selbst in dem Gebrauch eines solchen Wortes nichts anderes als einen objektiven Terminus technicus zu sehen. Wir bezeichnen nur die betreffende Tatsache, ohne Emotion, ohne Kritik; sie ist selbst schuld, diese objektive Tatsache, daß sie mit einem solchen Worte bezeichnet werden muß.

[ 39 ] Uns aber können diese Tatsachen gegenüber dem, was uns aus einem wirklichen Verständnis von so etwas fließen kann, wie es das Markus-Evangelium ist, auch zu nichts anderem führen, als in dem Sinne fortzuarbeiten, den wir als den richtigen erkannt haben, der sich uns erprobt hat nicht nur in dem allgemeinen Programm, das aber schon den positiven Tatsachen entnommen ist, sondern der sich uns an jedem Tage aufs neue erprobt, wenn wir ihn anwenden auf die einzelnen Probleme, auf die einzelnen Tatsachen. Und nichts anderes als eine Bestätigung dessen, was an unserem Ausgangspunkte gesagt worden war, hat sich uns gezeigt, indem wir Schritt für Schritt unseren Lauf weiter genommen haben durch die Einzelheiten der Dinge, die wir zu erforschen haben.

[ 40 ] So kann selbst da, wo wir das Größte betrachten, kein anderes Gefühl in uns aufkommen als nur das Gefühl des echten und wahren Strebens zur Wahrheit. Solche Dinge wie der Blick auf das Mysterium von Golgatha haben schon die nötige heilende Kraft, um den Irrtum zu vertreiben, wenn man sich ihnen wirklich im Geiste naht, und um einzusehen, wie im Grunde genommen nur der mangelnde Wille zur Wahrheit die Menschen nicht zum wahrhaften Verfolgen des Weges kommen läßt, der sich eröffnet von dem Irdischen zum Kosmischen, wenn untersucht wird in dem Jesus von Nazareth der kosmische Christus. Er aber zeigt sich uns so deutlich, wenn wir eine solche Schrift wie das Markus-Evangelium wahrhaftig verstehen.

[ 41 ] So werden solche Schriften, indem sie dem Verständnis der Menschen sich eröffnen, durch geisteswissenschaftlich-spirituelle Betrachtungen sich eröffnen, allmählich auch in die übrige Menschheit hinausdringen und immer mehr und mehr verstanden werden. Und es werden immer mehr und mehr in den Evangelien die Worte gesehen werden, die gefunden werden mußten, sogar mit Außerachtlassung des Sinnenscheins, durch nachheriges hellseherisches Hinblicken auf das Mysterium von Golgatha. Die, welche die Evangelien geschrieben haben, sie haben aus hellseherischer Beobachtung hinterher die physischen Ereignisse beschrieben. Das muß man verstehen, dafür muß man aber auch die Notwendigkeit einsehen, da die Menschen als Zeitgenossen der Ereignisse in Palästina nicht verstehen konnten, was damals geschah, weil erst dieses Ereignis selbst den Impuls geben konnte zu seinem Verständnis. Bevor dieses Ereignis geschehen war, konnte keiner da sein, der es verstehen konnte. Es mußte erst wirken. Daher kann es erst hinterher verstanden werden. Denn der Schlüssel zum Verständnisse dieses Mysteriums von Golgatha ist das Mysterium von Golgatha selber. Der Christus mußte erst mit allem, was er wirken sollte, bis zum Mysterium von Golgatha hin wirken. Dann konnte erst durch das, was er wirkte, das Verständnis von ihm selber ausgehen. Dann konnte sich durch das, was er war, das Wort entzünden, das zu gleicher Zeit der Ausdruck ist seiner wahren Wesenheit. Und so entzündet sich denn durch das, was der Christus war, das Urwort, das uns mitgeteilt ist und das wiedererkannt werden kann in hellseherischer Betrachtung, dieses Wort, das auch verkündet das wahre Wesen des Mysteriums von Golgatha. Und auch an dieses Wort dürfen wir denken, wenn wir sprechen von den eigenen Worten des Christus, von den Worten, die er selber nicht nur gesprochen hat, die er auch entzündet hat in den Seelen derer, die ihn verstehen konnten, so daß sie sein Wesen aus den Menschenseelen heraus bezeichnen und beschreiben konnten.

[ 42 ] Die Menschen werden die Impulse des Mysteriums von Golgatha aufnehmen, solange die Erde bestehen wird. Dann wird eine Zwischenzeit zwischen der «Erde» und dem «Jupiter» kommen. Eine solche Zwischenzeit ist immer damit verbunden, daß nicht nur der einzelne Planet, sondern alles, was um ihn herum ist, sich verändert, in das Chaos geht, durch ein Pralaya durchgeht. Nicht nur die Erde selbst wird anders im Pralaya, sondern auch der zur Erde hinzugehörige Himmel. Was aber der Erde gegeben worden ist durch das Wort, das der Christus gesprochen hat, das er entzündet hat in denen, die ihn erkannten, und das fortdauern wird in denen, die ihn erkennen, das ist die wahre Essenz des Erdendaseins. Und ein richtiges Verständnis gibt uns die Wahrheit des Spruches, der uns den kosmischen Verlauf andeutet, wie die Erde und der Himmelsaspekt, der Himmelsaspekt von der Erde aus gesehen, anders wird, nachdem die Erde ihr Ziel gefunden hat und Himmel und Erde vergehen werden. Aber ein solches Wort des Christus, das über Himmel und Erde gesprochen werden kann, das wird bleiben. Wenn man die Evangelien richtig versteht, dann fühlt man die innersten Impulse der Evangelien, dann fühlt man nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Kraft des Wortes, das sich uns selber als Kraft mitteilt und uns feststehen läßt auf dem Erdengrund und uns hinausblicken läßt über das Erdenrund, indem wir mit vollem Verständnis das Wort aufnehmen:

[ 43 ] «Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.» (Matth. 24, 35.) Des Christus Worte werden niemals vergehen, und wenn auch Himmel und Erde vergehen. Man darf so sagen nach der okkulten Erkenntnis, denn es werden noch geblieben sein die Wahrheiten, die über das Mysterium von Golgatha gesprochen worden sind. Das MarkusEvangelium entzündet in unseren Seelen die Erkenntnis dafür, daß Himmel und Erde vergehen, daß aber dasjenige, was wir wissen können über das Mysterium von Golgatha, hinausziehen wird in künftigen Zeiten mit uns, auch wenn Himmel und Erde vergangen sein werden.