Occult Studies on Life Between Death and Rebirth
GA 140
15 December 1912, Bern
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Occult Studies on Life Between Death and Rebirth, tr. SOL
7. Einiges über die Technik des Karma im Leben nach dem Tode
7. A Few Words on the Mechanism of Karma in the Afterlife
[ 1 ] Die Feier des ersten Jahrfünftes begeht der Berner Zweig mit dem heutigen Tage, und zugleich sind wir in der Lage, uns heute zum erstenmal innerhalb dieses Raumes zusammenzufinden, der durch seine ganze Art in würdiger Weise eine Umrahmung sein soll für unsere spirituellen Bestrebungen und unsere spirituellen Arbeiten hier an diesem Orte. Wenn gesucht werden solche Umrahmungen und wenn wir in der Lage sind, immer und immer mehr unsere engeren Versammlungen in solchen Umrahmungen abzuhalten, so bedeutet dies immerhin etwas in unseren spirituellen Bestrebungen. Wir wissen ja, daß nun schon an mehreren Orten unseres Arbeitsgebietes solche Räume angestrebt worden sind und auch vorhanden sind. Und wir dürfen wohl an diesem Tage, der für uns, wie es eben charakterisiert worden ist, in zweifacher Weise feierlich ist, mit ein paar Worten einleitend auch der Bedeutung einer solchen Umrahmung gedenken.
[ 1 ] The Bern branch is celebrating its first five-year anniversary today, and at the same time, we are able to gather here for the first time in this space, which, by its very nature, is intended to provide a fitting setting for our spiritual endeavors and our spiritual work here in this place. If we seek such settings and if we are able to hold our smaller gatherings in such settings more and more often, this certainly means something for our spiritual endeavors. We know, of course, that such spaces have already been sought and are now available in several locations within our working area. And on this day, which is, as has just been described, solemn in two ways for us, we may well begin with a few introductory words to reflect on the significance of such a setting.
[ 2 ] Wir kommen ja immer wieder und wiederum bei unseren Bestrebungen auf die Dreizahl nach der einen oder der andern Richtung zurück, auf die heilige Dreizahl, wie man auch sagt. Und innerhalb des menschlichen Seelenlebens findet man diese heilige Dreizahl ausgedrückt in dem Denken, Fühlen und Wollen.
[ 2 ] In our endeavors, we keep coming back to the number three in one way or another—the holy trinity, as it is also called. And within the life of the human soul, this holy trinity is expressed in thinking, feeling, and willing.
[ 3 ] Wenn wir uns besinnen auf das Denken, dann werden wir uns sagen: In unserem Denken müssen wir uns richten nach den objektiven Notwendigkeiten. Denn wenn wir uns in unserem Denken — sei es dem Denken über Dinge des physischen Planes oder über Dinge der höheren Welten — nicht nach den Notwendigkeiten richten, so werden wir allein den Irrtum begehen können, wir werden nicht zur Wahrheit kommen. In unserem Wollen müssen wir uns ebenfalls zunächst nach dem richten, was uns gewisse äußere moralische Grundsätze sagen. Wiederum müssen wir uns richten nach Notwendigkeiten und dürfen wohl sagen, in bezug auf unser Denken und unser Wollen ragen die Notwendigkeiten von den höheren Welten in die physische Welt herunter.
[ 3 ] When we reflect on our thinking, we will tell ourselves: In our thinking, we must be guided by objective necessities. For if, in our thinking—whether it concerns matters of the physical plane or of the higher worlds—we do not align ourselves with these necessities, we will only be able to err; we will not arrive at the truth. In our volition, too, we must first align ourselves with what certain external moral principles tell us. Again, we must align ourselves with necessities, and we may well say that, with regard to our thinking and our volition, the necessities of the higher worlds extend down into the physical world.
[ 4 ] Wirklich im richtigen Sinne des Wortes frei fühlt sich der Mensch in seinem Fühlen. Das ist doch ganz anders als das Denken und das Wollen. Im Fühlen und Empfinden, da fühlen wir uns sozusagen am richtigsten, wenn wir weder den Zwang des Denkens noch den Zwang des Wollens verspüren, sondern wenn wir hingegeben sind an das, was eben gefühlt werden kann. Warum ist dies so?
[ 4 ] It is in feeling that a person truly feels free in the proper sense of the word. This is quite different from thinking and willing. In feeling and sensing, we feel most truly ourselves, so to speak, when we feel neither the compulsion of thinking nor the compulsion of willing, but when we are surrendered to whatever can be felt. Why is this so?
[ 5 ] Ja, beim Denken fühlen wir, daß das mit etwas zusammenhängt, von etwas abhängt; beim Wollen fühlen wir ebenfalls, daß wir abhängen; beim Fühlen aber sind wir ganz in uns selber. Da leben wir sozusagen ganz in unserer Seele drinnen. Warum ist das so? Weil unser Gefühl letzten Endes gerade ein Spiegelbild einer sehr, sehr jenseits unseres Bewußtseins liegenden Kraft ist. Die Gedanken müssen wir so ansehen, daß sie Abbilder sind dessen, was sie darstellen. Das Wollen müssen wir so entfalten, daß es zum Ausdruck bringt, was unsere Verpflichtung ist. In dem Fühlen dürfen wir das frei leben, was uns zur Seele spricht, weil das Fühlen eine Spiegelung ist, okkult gesehen, desjenigen, was allerdings nicht in unser Bewußtsein hereintritt, was aber jenseits unseres gewöhnlichen Bewußtseins liegt und unmittelbar Göttlich-Geistiges ist. Man kann sagen: Durch das Denken und das Wollen suchen Götter den Menschen zu erziehen; im Fühlen lassen uns Götter, wenn auch auf geheimnisvolle Weise, an ihrem eigenen Wirken, an ihrem eigenen Schaffen teilnehmen. Im Fühlen ist es auch so, daß wir in unserer eigenen Seele etwas gegenwärtig haben, woran die Götter selber ihren Gefallen haben.
[ 5 ] Yes, when we think, we feel that it is connected to something, that it depends on something; when we will, we likewise feel that we are dependent; but when we feel, we are entirely within ourselves. There, so to speak, we live entirely within our soul. Why is that so? Because, ultimately, our feeling is precisely a reflection of a force that lies far, far beyond our consciousness. We must view thoughts as images of what they represent. We must develop our will in such a way that it expresses what our duty is. In feeling, we may freely live out what speaks to our soul, because feeling is, from an occult perspective, a reflection of that which does not enter our consciousness, but which lies beyond our ordinary consciousness and is immediately divine-spiritual. One might say: Through thinking and willing, the gods seek to educate human beings; in feeling, the gods allow us, albeit in a mysterious way, to participate in their own activity, in their own creation. In feeling, it is also the case that we have present within our own soul something in which the gods themselves take pleasure.
[ 6 ] Nun, durch eine solche Umrahmung, wie sie hier geschaffen ist, können wir alles dasjenige, was wir hier betrachten, fortdauernd mit einem Gefühl begleiten, das uns sozusagen intimer macht mit den geistigen Welten, recht intim macht mit den geistigen Welten. Und diese Intimität mit den geistigen Welten muß uns zukommen von all dem, was wir sonst betrachten. Daher dürfen wir einen gewissen Wert auf eine solche Umrahmung legen, dürfen immer mehr uns hineinleben in das, was uns eine solche Umrahmung sein kann. Da blicken wir nach allen Seiten in solcher Umrahmung und fühlen da, sagen wir, die Gewalt von Licht und Farben, die für uns zu Offenbarungen werden desjenigen, was in der geistigen Welt ist. Gewiß kann das, was wir zu sagen haben, auch aufgefaßt werden in den trivialen, schrecklichen Räumen, die schon einmal in der Gegenwart überall sind; aber warm, so recht warm kann unsere Seele bei den spirituellen Betrachtungen nur werden, wenn wir solche Umrahmungen haben. Daß wir sie auch hier in Bern nach Ablauf des ersten Jahrfünfts unseres Arbeitens in dieser Weise haben können, das dürfen wir bezeichnen als ein gutes Karma, welches unsere Arbeit begleitet und segnet. Und so wollen wir denn bei jeder solchen Gelegenheit, wie dieses zweifache Fest heute eine ist, eingedenk sein der Bedeutung dessen, was Geisteswissenschaft, was geistige Erkenntnis dem Menschen der neueren Zeit sein kann und sein soll.
[ 6 ] Well, through a framework such as the one created here, we can continually accompany everything we are considering here with a feeling that, so to speak, brings us closer to the spiritual worlds—makes us truly intimate with the spiritual worlds. And this intimacy with the spiritual worlds must come to us from everything else we observe. Therefore, we may place a certain value on such a setting, and may immerse ourselves more and more in what such a setting can be for us. There, within such a setting, we look in all directions and feel, so to speak, the power of light and colors, which become for us revelations of what exists in the spiritual world. Certainly, what we have to say can also be understood within the trivial, dreadful spaces that are already everywhere in the present; but our soul can only become warm—truly warm—in spiritual contemplation if we have such a setting. That we are able to have such a setting here in Bern as well, after the first five years of our work, we may describe as good karma that accompanies and blesses our work. And so, on every such occasion—as this double celebration today is—let us be mindful of the significance of what Spiritual Science, what spiritual knowledge, can and should be for people of the modern age.
[ 7 ] Nun, dasjenige, was wir heute eigentlich betrachten wollen, das wird sich beziehen auf mancherlei, was schon öfters besprochen worden ist; aber von einem neuen Gesichtspunkte aus wollen wir Bekanntes besprechen, weil die geistigen Welten uns nur völlig verständlich werden können, wenn wir sie wirklich von den verschiedensten Standpunkten aus betrachten. Das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist in der mannigfaltigsten Weise beschrieben worden. Wir wollen es heute so betrachten, daß wir berücksichtigen können mancherlei von dem, womit ich mich gerade in den letzten Monaten neuerdings auf dem Gebiet der Geistesforschung zu beschäftigen hatte.
[ 7 ] Well, what we actually want to consider today will relate to various topics that have already been discussed on numerous occasions; but we want to discuss familiar subjects from a new perspective, because the spiritual worlds can only become fully comprehensible to us if we truly view them from a wide variety of viewpoints. Life between death and a new birth has been described in the most varied ways. Today we want to look at it in such a way that we can take into account various aspects of what I have recently been engaged with in the field of spiritual research, particularly in the last few months.
[ 8 ] Wir wissen ja, daß wir unmittelbar, nachdem wir durchschritten haben die Pforte des Todes, das sogenannte Kamaloka durchmachen, das heißt jene Zeit, in der wir noch enger zusammenhängen mit unserm Fühlen, unseren Affekten, mit all unserm Seelenleben unserer letzten Erdenverkörperung. Allmählich befreien wir uns von diesem Zusammenhang. Wir haben ja nicht mehr den physischen Leib, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Aber wenn wir auch den physischen und den Ätherleib abgelegt haben, unser Astralleib hat alle Eigentümlichkeiten, die er hier auf Erden hatte; und diese Eigentümlichkeiten, die dieser Astralleib hat, weil er in einem physischen Leibe gewirkt hat, die muß er ablegen. Dazu braucht er eine gewisse Zeit, und das ist die Kamalokazeit. Nach dieser Kamalokazeit durchlebt er dasjenige, was wir die geistige Welt oder das Devachan genannt haben. Wir haben es in unseren Schriften mehr, man möchte sagen, nach dem charakterisiert, was der Mensch erlebt durch die verschiedenen Elemente, die sich um ihn herum ausbreiten. Wir wollen jetzt von einer andern Seite die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt betrachten. Und zwar wollen wir dies zunächst einmal im allgemeinen charakterisieren.
[ 8 ] We know, of course, that immediately after we have passed through the gate of death, we go through what is called the Kamaloka—that is, the period during which we are still closely connected to our feelings, our emotions, and the entire inner life of our last earthly incarnation. Gradually, we free ourselves from this connection. After all, we no longer have a physical body once we have passed through the gate of death. But even though we have shed the physical and etheric bodies, our astral body retains all the characteristics it had here on Earth; and these characteristics, which the astral body possesses because it functioned within a physical body, it must shed. This requires a certain amount of time, and that is the Kamaloka period. After this Kamaloka period, it experiences what we have called the spiritual world or Devachan. In our writings, we have characterized it more—one might say—according to what the human being experiences through the various elements that spread out around him. Let us now consider the time between death and new birth from another perspective. And let us first characterize this in general terms.
[ 9 ] Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes durchgegangen ist, so erlebt er das Folgende: Während wir hier auf der Erde sind, können wir sagen, wir sind an einem bestimmten Orte eingeschlossen, nämlich in unsere Haut, und außerhalb ist der Raum mit den andern Dingen und Wesenheiten. So ist es aber nicht nach dem Tode; sondern nach dem Tode ist es so, daß wir uns zunächst mit unserer ganzen Wesenheit ausdehnen, daß wir in unserem Erfühlen immer größer und größer werden. Dieses Gefühl: Ich bin in meiner Haut, und da draußen ist der Raum mit den Dingen — das ist eine Erfahrung, die wir nach dem Tode nicht haben. Nach dem Tode sind wir in den Dingen und Wesenheiten drinnen, wir dehnen uns aus über den Raum, der für uns in Betracht kommt. Während der Kamalokazeit dehnen wir uns fortwährend aus, und wenn die Kamalokazeit zu Ende ist, sind wir so groß, wie der Raum innerhalb des Mond-Umkreises ist. Also tatsächlich wir wachsen, wir dehnen uns aus über den Raum. Das Im-Raume-Sein, das Dasein im Raume hat nach dem Tode eine ganz andere Bedeutung als hier im physischen Leben. Tatsächlich ist es in gewisser Weise so, daß wir in der Kamalokazeit in dem Raume sind, den der Mond umläuft. Jede einzelne Seele ist da, so daß alle Seelen, die gleichzeitig im Kamaloka sind, den Raum ausfüllen, den die Mondbahn umgrenzt. Sie stecken alle ineinander. Und doch ist dieses Ineinanderstecken keineswegs ein Beisammensein, sondern das Sichbeisammen-Fühlen, das Miteinandersein hängt von ganz anderem ab als von dem Ausfüllen eines gemeinschaftlichen Raumes. Da können zwei Seelen nach dem Tode in demselben Raume sein und können tatsächlich unendlich ferne voneinander sein, das heißt ihr Erleben ist so, daß sie gar nichts voneinander zu wissen brauchen, während andere Seelen ebenfalls in demselben Raume sind, aber sich familiär fühlen, sich beisammen fühlen, miteinander sich erleben. Da hängt alles von innerlichen Verhältnissen ab, nicht von äußerlich räumlichen Zusammenhängen.
[ 9 ] When a person has passed through the gate of death, they experience the following: While we are here on Earth, we can say that we are enclosed in a specific place—namely, within our own skin—and outside of that is the space containing other things and beings. But it is not so after death; rather, after death, we first expand with our entire being, becoming ever larger and larger in our perception. This feeling—that I am within my skin, and out there is the space with the things—is an experience we do not have after death. After death, we are inside the things and beings; we expand across the space that is relevant to us. During the Kamaloka period, we expand continuously, and when the Kamaloka period is over, we are as large as the space within the moon’s orbit. So, in fact, we grow; we expand across space. Being in space, existing in space, has a completely different meaning after death than it does here in physical life. In fact, in a certain sense, during the Kamaloka period we are within the space that the moon orbits. Every single soul is there, so that all the souls who are in Kamaloka at the same time fill the space bounded by the moon’s orbit. They are all intertwined. And yet this intertwining is by no means a physical togetherness; rather, the sense of being together, the feeling of being with one another, depends on something entirely different from the mere filling of a shared space. Two souls may be in the same space after death and yet be infinitely distant from one another; that is, their experience is such that they need know nothing of one another, while other souls are likewise in the same space but feel a sense of kinship, feel together, and experience one another. Everything depends on inner relationships, not on external spatial connections.
[ 10 ] Und in den nächsten Zeiten, wenn Kamaloka zu Ende ist, lebt sich der Mensch noch in größere Räume ein. Immer weiter dehnt er sich aus. Wenn der Mensch so weit sich ausgedehnt hat, daß Kamaloka zu Ende geht und er sozusagen ausgedehnt ist über einen Himmelsraum, der so groß ist, daß die Mondbahn ihn begrenzen würde, dann ist innerhalb dieses ausgedehnten Raumes, den der Mensch zu durchmessen hat nach dem Tode innerhalb der Kamalokazeit, da ist zurückgeblieben — wie vom Menschen abgestreift — alles dasjenige, was der Mensch jemals während seines Erdenlebens so begangen hat, daß es ausdrückt seinen rechten Hang zum Erdenleben, seine Sehnsucht, seine Leidenschaft zum Erdenleben. Alles das muß der Mensch durchmachen, aber alles das muß er auch zurücklassen in der Mondsphäre oder im Kamaloka. Wenn der Mensch also weiterlebt nach dem Tode und sich später zurückerinnert an diese Mondensphäre, so wird er da eingeschrieben finden alles, was er hier hatte an sinnlichen Affekten und Leidenschaften, an all das, was im Seelenleben sich entfaltet, wegen dessen er sich sympathisch zur Körperlichkeit hingezogen fühlt. Das alles läßt er zurück in der Mondensphäre. Da bleibt es; der Mensch kann es nicht so schnell wieder ausstreichen. Der Mensch nimmt es auch mit als Kraft, aber es bleibt in der Mondensphäre eingeschrieben. So daß sozusagen unser Schuldkonto, eines jeden Menschen Schuldkonto in der Mondensphäre eingeschrieben bleibt.
[ 10 ] And in the times to come, when Kamaloka comes to an end, human beings will settle into even greater spaces. They will continue to expand ever further. When human beings have expanded to such an extent that Kamaloka comes to an end and they have, so to speak, expanded across a celestial space so vast that the moon’s orbit would mark its boundary, then within this vast space—which human beings must traverse after death during the Kamaloka period— there remains behind—as if shed by the human being—everything that the human being has ever done during their earthly life in such a way that it expresses their true inclination toward earthly life, their longing, their passion for earthly life. Man must go through all of this, but he must also leave all of this behind in the lunar sphere or in the Kamaloka. So when man lives on after death and later recalls this lunar sphere, he will find inscribed there everything he had here in terms of sensual affections and passions, everything that unfolds in the life of the soul, because of which he feels sympathetically drawn to physicality. They leave all of this behind in the lunar sphere. It remains there; the human being cannot erase it so quickly. The human being also takes it along as a force, but it remains inscribed in the lunar sphere. So that, so to speak, our debt account—every human being’s debt account—remains inscribed in the lunar sphere.
[ 11 ] Dann dehnen wir uns weiter aus. Wenn wir uns weiter ausdehnen, kommen wir in eine zweite Region, die der Okkultismus die Merkursphäre nennt. Es ist hier nicht möglich, genauer einzugehen auf eine Zeichnung der Sache, aber wir wollen einmal zunächst diese Dinge so betrachten ohne Zeichnung. Die Merkursphäre ist eine Sphäre, die größer ist als die Mondsphäre. Wenn wir uns in diese Sphäre hineinleben wollen nach dem Tode, so tun wir das als Menschen in der verschiedensten Weise. Der eine Mensch — das kann man genau untersuchen mit den entsprechenden Mitteln der Geisteswissenschaft —, der eine Mensch, der unmoralisch oder moralisch niedrig gestimmt war, lebt sich in diese Merkursphäre in ganz anderer Weise ein als der Mensch, der moralisch gestimmt ist. Der erstere kann in dieser Merkursphäre, das heißt in der Zeit, die nach der Kamalokazeit kommt in der Art, wie wir es früher gesagt haben, nicht diejenigen Menschen finden, welche mit ihm oder vor ihm oder bald nach ihm ebenfalls den physischen Plan verlassen haben und auch in der geistigen Welt sind. Also er lebt sich so in die geistige Welt hinein, daß er diejenigen, die ihm lieb waren, mit denen er zusammen sein möchte, doch nicht finden kann. Er wird ein Einsiedler der geistigen Welt, der Merkursphäre, der hier auf Erden unmoralisch gestimmte Mensch. Der moralisch gestimmte Mensch wird aber das, was man nennen kann ein geselliges Wesen. Er findet dort vor allen Dingen diejenigen Menschen, die ihm auf Erden nahegestanden haben als Seelenwesen.
[ 11 ] Then we expand further. As we expand further, we enter a second region, which occultism calls the Mercury sphere. It is not possible here to go into greater detail with a diagram of this, but let us first consider these things as they are, without a diagram. The Mercury sphere is a sphere larger than the Moon sphere. If we wish to enter this sphere after death, we do so as human beings in a wide variety of ways. One person—this can be examined precisely with the appropriate methods of Spiritual Science—one person who was immoral or of a low moral disposition settles into this Mercury sphere in a completely different way than the person who is of a moral disposition. The former cannot, in this Mercury sphere—that is, in the time that follows the Kamaloka period, as we have previously described—find those people who, like him, or before him, or shortly after him, have also left the physical plane and are likewise in the spiritual world. Thus, he enters the spiritual world in such a way that he cannot find those who were dear to him, with whom he would like to be. He becomes a hermit of the spiritual world, the Mercury sphere—the person who was of an immoral disposition here on Earth. The morally inclined person, however, becomes what one might call a sociable being. There, above all, he finds those people who were close to him on Earth as soul beings.
[ 12 ] Davon hängt es ab, ob wir mit jemand zusammen sind; nicht vom Räumlichen, denn wir füllen alle denselben Raum aus, sondern von dem, wie wir gestimmt sind. Einsiedler werden wir, trotzdem wir denselben Raum ausfüllen wie die andern, und Einsiedler bleiben wir, denn wir finden nicht den Weg zu den andern, trotzdem wir in demselben Raum sind. Einsiedler werden wir, wenn wir unmoralische Gesinnung hineinbringen; gesellige Wesen werden wir, wenn wir moralische Stimmung hineinbringen. Im Kamaloka, in der Mondensphäre finden wir andere Schwierigkeiten in bezug auf das Gesellige; aber im allgemeinen darf man sich vorstellen, daß auch da der Mensch, je nach Beschaffenheit seiner Seele, ein Einsiedler oder ein geselliges Wesen werden kann. Derjenige, der ein ausgesprochener Egoist war auf der Erde, der eigentlich nur die Befriedigung seiner Begierden und Leidenschaften kennt, wird in der Mondsphäre nicht leicht die Wesen finden können, die ihm auf der Erde nahegestanden haben. Der Mensch aber, der leidenschaftlich, wenn auch nur sinnlich leidenschaftlich noch etwas geliebt hat, was außer ihm steht, der wird immerhin in der Kamalokazeit kein ganz einsames Wesen sein, sondern er wird andere Wesen finden, die ihm nahegestanden haben. Aber im allgemeinen ist es in diesen zwei Sphären nicht möglich, andere Menschenwesen zu finden als solche, die uns schon auf der Erde nahegestanden haben. Die andern bleiben uns unbekannt. Also die Bedingung sozusagen, daß wir mit anderen Menschen zusammenkommen, ist die, daß wir auf Erden mit ihnen zusammen waren. Ob wir zusammenkommen, das hängt vom Moralischen ab. Aber auch moralische Bestrebungen können uns nicht viel über jenes Gebiet hinaus fördern, das zu jenen Menschen führt, denen wir schon auf Erden nahegestanden haben. Die Beziehungen zu diesen Menschen, die wir da nach dem Tode treffen, haben das Eigentümliche, daß sie nach dem Tode nicht geändert werden können.
[ 12 ] It depends on whether we are with someone; not on physical space, since we all occupy the same space, but on our state of mind. We become recluses even though we occupy the same space as others, and we remain recluses because we cannot find our way to others, even though we are in the same space. We become recluses when we bring an immoral attitude into it; we become sociable beings when we bring a moral attitude into it. In the Kamaloka, in the lunar sphere, we encounter other difficulties regarding sociability; but in general, one may form a mental image of a person who can become either a hermit or a sociable being, depending on the nature of their soul. The one who was a pronounced egoist on Earth, who actually knows only the satisfaction of his desires and passions, will not easily be able to find in the lunar sphere the beings who were close to him on Earth. But the person who, even if only in a sensual sense, has passionately loved something outside of themselves will, at least during the Kamaloka period, not be a completely lonely being; rather, they will find other beings who were close to them. But in general, in these two spheres it is not possible to find other human beings other than those who were already close to us on Earth. The others remain unknown to us. So the condition, so to speak, for us to come together with other human beings is that we were together with them on Earth. Whether we come together depends on the moral. But even moral endeavors cannot take us much beyond that realm which leads to those people to whom we were already close on Earth. The relationships with these people whom we meet there after death have the peculiarity that they cannot be changed after death.
[ 13 ] Das müssen wir uns so vorstellen: Hier im Leben haben wir jederzeit die Möglichkeit, die Lebensverhältnisse, die Lebensbeziehungen zu ändern. Nehmen wir einmal an: einen Menschen haben wir durch eine gewisse Zeit nicht so geliebt, wie er es verdient hätte, In dem Augenblick, wo wir dieses einsehen, wo wir zur Besinnung kommen, können wir die richtige Liebe eintreten lassen, wenn wir stark genug sind. Diese Möglichkeit fehlt uns nach dem Tode. Wenn wir nach dem Tode einen Menschen antreffen, dem wir auf der Erde zu wenig Liebe oder ungerechtfertigte Liebe entgegengebracht haben, so sehen wir das zwar, wir nehmen die Sache viel genauer wahr als hier auf der Erde; aber wir können nichts daran ändern. Es muß so bleiben. Das eben ist das Eigentümliche, daß die Lebensbeziehungen eine gewisse Konstanz haben. Dadurch, daß sie etwas Bleibendes werden, bildet sich in unserer Seele die Kraft aus, durch welche sich das Karma ordnet. Wenn wir also einen Menschen fünfzehn Jahre lang zu wenig geliebt haben, so sehen wir dies ein, und während wir es durchleben, bilden wir die Kraft aus, wenn wir wieder inkarniert werden auf der Erde, dieses anders zu machen; dadurch bilden wir die Kraft und den Willen zum karmischen Ausgleich aus. Das ist die Technik des Karma. Vor allen Dingen müssen wir uns über eines klar sein. In den ersten Zeiten nach dem Tode, also während der Mond- und der Merkutrzeit, und auch noch während der nächsten Zeit, die gleich charakterisiert werden soll, da leben wir in der geistigen Welt so, daß unser Leben abhängt von der Art, wie wir hier auf Erden, in der physischen Welt gelebt haben; aber so, daß nicht nur in Betracht kommt unser Bewußtsein, wie wir es auf Erden haben, sondern daß auch in Betracht kommt unser Unterbewußtsein. So wie wir hier auf der Erde leben normal, im Wachzustande, so leben wir in unserem Ich. Unter unserem Ich-Bewußtsein ist das astrale Bewußtsein, das Unterbewußtsein. Und das wirkt zuweilen auf Erden ganz anders, ohne daß der Mensch es weiß, als das Oberbewußtsein, das Ich-Bewußtsein.
[ 13 ] We need to have this mental image: Here in life, we always have the opportunity to change our circumstances and relationships. Let’s suppose: for a certain period of time, we did not love a person as much as they deserved. The moment we realize this, the moment we come to our senses, we can let true love take hold, if we are strong enough. We lack this opportunity after death. If, after death, we encounter a person to whom we showed too little love or unjustified love on earth, we do indeed see this; we perceive the matter much more clearly than here on earth; but we cannot change it. It must remain as it is. This is precisely what is peculiar about it: that relationships in life have a certain constancy. Because they become something enduring, the power through which karma is ordered develops within our soul. So if we have loved a person too little for fifteen years, we recognize this, and as we experience it, we develop the power to do things differently when we are reincarnated on Earth; in this way, we develop the power and the will for karmic balance. That is the technique of karma. Above all, we must be clear about one thing. In the early stages after death—that is, during the lunar and Mercury periods, and also during the next period, which will be described shortly—we live in the spiritual world in such a way that our life depends on the manner in which we lived here on Earth, in the physical world; but in such a way that not only our consciousness, as we have it on Earth, is taken into account, but also our subconsciousness. Just as we live here on Earth normally, in the waking state, so do we live in our I. Beneath our I-consciousness lies the astral consciousness, the subconsciousness. And this sometimes acts quite differently on Earth, without the person being aware of it, than the higher consciousness, the ego-consciousness.
[ 14 ] Nehmen wir das nächstliegende Beispiel. Zwei Menschen leben hier in den besten Freundschaftsverhältnissen. Da kommt es häufig vor, der eine bekommt eine gewisse Estimation für die Geisteswissenschaft, der andere, der mit ihm lebt, während ihm vorher die Geisteswissenschaft gleichgültig war, bekommt jetzt einen besonderen Haß darauf. Dieser Haß braucht nicht in der ganzen Seele zu sein, es kann durchaus so sein, daß er nur im Ich-Bewußtsein ist, nicht im astralen Bewußtsein. Im Astralbewußtsein kann der Mensch, der sich immer mehr in den wütenden Haß hineinredet, sie eigentlich lieben und nach ihr verlangen, ohne daß er es weiß. Das ist durchaus möglich. Solche Widersprüche gibt es in der menschlichen Natur. Untersucht man sein Astralbewußtsein, sein Unterbewußtsein, so lebt vielleicht gerade da eine ihm selbst verborgene Sympathie mit der Sache, die er in seinem Oberbewußtsein haßt. Nach dem Tode zeigt sich das besonders bedeutsam; denn nach dem Tode wird der Mensch in dieser Beziehung wahr. Einer, der hier auf Erden sich eingeredet hat, noch so sehr Geisteswissenschaft zu hassen, aber im Unterbewußtsein sie liebt, und der während seines ganzen Lebens abgewiesen hat, was damit zusammenhing, der hat oft die brennendste Liebe nach dieser Geisteswissenschaft. Das kann einen tiefen Schmerz in seinem Kamaloka-Leben bedeuten, daß er nichts weiß und also keine Gedanken der Erinnerung hat. Denn in der ersten Zeit nach dem Tode lebt man vorzugsweise von Erinnerungen. So daß der Mensch nach dem Tode nicht bloß von dem abhängt, was ihn quält oder auch, was ihm Freude macht, von dem, was in seinem Ich-Bewußtsein lebt, sondern daß er auch abhängt von dem, was in seinem Unterbewußtsein sich entwickelt hat. Da wird der Mensch durchaus wahr in dieser Beziehung.
[ 14 ] Let’s take the most obvious example. Two people live here in the best of terms. It often happens that one of them develops a certain appreciation for Spiritual Science, while the other, who lives with him and was previously indifferent to Spiritual Science, now develops a particular hatred for it. This hatred need not be present throughout the entire soul; it may well be that it exists only in the ego-consciousness, not in the astral consciousness. In the astral consciousness, the person who increasingly talks himself into this furious hatred may actually love it and long for it without realizing it. This is entirely possible. Such contradictions exist in human nature. If one examines one’s astral consciousness, one’s subconscious, there may well be a sympathy hidden even from oneself for the very thing one hates in one’s conscious mind. After death, this becomes particularly significant; for after death, the human being becomes true to himself in this regard. Someone who, here on earth, has convinced themselves to hate Spiritual Science no matter how much, yet loves it in their subconscious, and who throughout their entire life has rejected everything connected with it, often harbors the most burning love for Spiritual Science. This can mean deep pain in their Kamaloka life, since they know nothing and thus have no thoughts of remembrance. For in the first period after death, one lives primarily on memories. Thus, after death, a person does not depend merely on what torments him or what brings him joy—on what lives in his ego-consciousness—but also on what has developed in his subconscious. There, the person truly comes into his own in this regard.
[ 15 ] Und hier haben wir einen der Punkte, wo wir sehen können, wie Geisteswissenschaft wirklich berufen ist, wenn sie richtig verstanden wird, in das ganze menschliche Leben fruchtbringend einzugreifen. Sehen Sie, der Mensch, der durch die Pforte des Todes geschritten ist, kann nichts ändern in den Beziehungen zu den Wesen, die um ihn sind, und die andern auch nicht, die um ihn sind. Da ist Unveränderlichkeit der Verhältnisse eingetreten. Aber wo noch Veränderlichkeit eintreten kann, das ist auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen den Gestorbenen und den noch Lebenden. Die Lebenden, die noch hier sind auf dem physischen Plan, sind sozusagen, wenn sie in irgendeiner Weise zusammengehangen haben, also beide, sie und der jetzt Verstorbene, hier gewesen sind, die Lebenden sind die einzigen, die etwas lindern können den Schmerz, die etwas stillen können die Qual derjenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Und fruchtbar hat sich in einer großen Anzahl von Fällen erwiesen, was man nennen kann gerade für diesen Fall: das Vorlesen den Toten. Es hat sich wirklich das bewährt: da ist jemand gestorben; hier im Leben hat er sich aus irgendeinem Grunde, aus dem, der genannt worden ist, oder aus anderen Gründen, nicht mit Geisteswissenschaft befaßt. Derjenige, der zurückgeblieben ist, kann aus der Geisteswissenschaft heraus wissen, daß der Verstorbene ein brennendes Interesse für Geisteswissenschaft haben kann. Wenn der Zurückgebliebene nun Gedanken innerlich durchnimmt mit ihm, als wenn der Tote ihm gegenüberstehen würde, mit dem Gedanken, als ob der Tote vor ihm stehen würde, so ist das für den Toten eine große Wohltat. Wir können tatsächlich dem Toten vorlesen. Das überbrückt sozusagen die Kluft, die besteht zwischen den Lebenden und den Toten. Bedenken Sie, wenn die zwei Welten, die durch die materialistische Gesinnung der Menschen so geschieden sind — die Welt des physischen Planes und die spirituelle Welt, die der Mensch durchläuft zwischen Tod und neuer Geburt —, bedenken Sie, wie dies unmittelbar ins Leben eingreift, wenn diese zwei Welten zusammengeführt werden! Wenn Geisteswissenschaft nicht Theorie bleibt, sondern unmittelbarer Lebensimpuls wird, also das, was Geisteswissenschaft eben sein soll, dann gibt es keine Trennung, sondern unmittelbare Kommunikation. Das Vorlesen den Toten ist einer von den Fällen, in denen wir in unmittelbare Beziehung zu den Toten treten können, in denen wir ihnen helfen können. Derjenige, der Geisteswissenschaft gemieden hat, bleibt immer in der Qual, nach ihr zu verlangen, wenn wir ihm hier nicht helfen. Aber wir können ihm auch von hier helfen, wenn er überhaupt ein solches Verlangen hat. So kann der Lebendige dem Toten helfen.
[ 15 ] And here we have one of the points where we can see how Spiritual Science, when properly understood, is truly called upon to intervene fruitfully in the whole of human life. You see, the person who has passed through the gate of death cannot change anything in their relationships with the beings around them, nor can the others around them. A state of immutability has set in. But where change can still occur is in the realm of relationships between the deceased and those still living. The living, who are still here on the physical plane, are, so to speak, if they were connected in any way—that is, if both they and the now deceased were here—the living are the only ones who can alleviate the pain, who can soothe the torment of those who have passed through the gate of death. And in a large number of cases, what might be called specifically for this situation—reading aloud to the deceased—has proven fruitful. It has truly proven effective: someone has died; here in life, for whatever reason—whether the one mentioned or others—they did not engage with Spiritual Science. The one left behind may know from Spiritual Science that the deceased may have had a burning interest in Spiritual Science. If the one left behind now goes through thoughts inwardly with the deceased, as if the deceased were standing before him, with the thought that the deceased is standing before him, this is a great benefit for the deceased. We can indeed read aloud to the deceased. This bridges, so to speak, the gulf that exists between the living and the dead. Consider how, when the two worlds—the world of the physical plane and the spiritual world that a person passes through between death and rebirth—which are so separated by people’s materialistic mindset, are brought together, this directly impacts life! When Spiritual Science ceases to be mere theory and becomes a direct impulse of life—that is, what Spiritual Science is meant to be—then there is no separation, but rather direct communication. Reading aloud to the dead is one of the instances in which we can enter into a direct relationship with the dead, in which we can help them. Those who have shunned Spiritual Science will always remain in the torment of longing for it if we do not help them here. But we can also help them from here, if they have such a longing at all. In this way, the living can help the dead.
[ 16 ] In gewisser Weise ist es wiederum auch möglich, daß der Tote für den Lebenden vernehmlich wird, obwohl die Lebenden heute wenig tun, um mit den Toten in Verbindung zu kommen. Aber da wird Geisteswissenschaft unmittelbar eingreifen in das menschliche Leben, wird ein wirkliches Lebenselixir werden. Wenn man begreifen will, wie die Toten auf die Lebenden wirken können, müssen wir vielleicht von folgender Betrachtung ausgehen.
[ 16 ] In a certain sense, it is also possible for the dead to make themselves heard by the living, even though the living today do little to connect with the dead. But that is where Spiritual Science will intervene directly in human life, becoming a true elixir of life. If we wish to understand how the dead can influence the living, we must perhaps begin with the following consideration.
[ 17 ] Was weiß der Mensch überhaupt von der Welt? Außerordentlich wenig wissen wir, wenn wir hier auf dem physischen Plane in bloBem Wachzustande die Dinge betrachten. Der Mensch weiß dasjenige, was sich vor seinen Sinnen abspielt und was er aus dem, was sich da abspielt, mit seinem Verstande machen kann. Alles übrige weiß er nicht. Meistens glaubt er, daß sich sonst nichts ergeben könnte, als was er durch die physischen Sinne beobachten kann. Aber es gibt sehr vieles, was nicht geschieht und doch außerordentlich bedeutsam ist. Was heißt das?
[ 17 ] What does a person actually know about the world? We know remarkably little when we observe things here on the physical plane while in a mere waking state. A person knows only what unfolds before their senses and what they can make of it with their intellect. He knows nothing of the rest. For the most part, he believes that nothing else could exist beyond what he can observe through his physical senses. But there is much that does not happen and yet is extraordinarily significant. What does that mean?
[ 18 ] Wir wollen einmal annehmen, wir seien gewöhnt, jeden Tag um acht Uhr morgens in unser Geschäft zu gehen. Einmal aber verspäten wir uns gerade um fünf Minuten. Es geschieht weiter nichts, als daß wir um fünf Minuten zu spät kommen. Aber wir könnten vielleicht bei genauer Erwägung, wenn wir alle Verhältnisse ins Auge fassen, dazu kommen, zu erfahren, daß just an dem Tage, wenn wir zur rechten Zeit gegangen wären, wir hätten überfahren werden müssen; das heißt, wenn wir zur rechten Zeit ausgegangen wären, würden wir nicht mehr leben. Oder, was auch möglich ist, was vorgekommen ist, daß jemand durch einen Freund abgehalten worden ist, eine Reise auf der Titanic zu machen. Er kann sagen: Wäre er damals gefahren, so wäre er zugrunde gegangen! Daß das karmisch so bedingt war, ist eine andere Sache. Aber denken Sie einmal, wenn Sie das Leben so betrachten, wieviel Sie vom Leben wissen. Wenn nichts von dem geschehen ist, was hätte geschehen können, so wissen Sie es nur nicht. Die unendlichen Möglichkeiten, die da bestehen in der Welt der Wirklichkeiten, die beachtet der Mensch nicht. Sie können sagen: Das ist gewiß nicht bedeutsam! Für die äußeren Verhältnisse ist es nicht bedeutsam; bedeutsamer ist es, daß wir nicht zugrunde gegangen sind. Aber ich möchte darauf aufmerksam machen, daß wir hätten wissen können: die Wahrscheinlichkeit war groß, daß wir hätten zugrunde gehen können, wenn wir zum Beispiel einen von einer Katastrophe betroffenen Zug nicht versäumt hätten. Man könnte sich alle möglichen Fälle aufzählen, die aber im kleinen immer wieder vorkommen. Gewiß, für den äußeren Lauf der Dinge brauchen wir nur zu wissen, was wir beobachten können. Aber nehmen wir an, wir wissen genau, daß etwas hätte geschehen können, wenn wir den Zug nicht versäumt hätten. Dann macht ein solches Erlebnis einen Eindruck auf unser Gemüt, und wir sagen: Wie bin ich da bewahrt worden durch ein gütiges Geschick auf sonderbare Weise! Denken Sie sich alle diese Dinge, die der Möglichkeit nach an den Menschen herantreten. Unendlich viel reicher wäre das Seelenleben — und wie reich wäre es, wenn der Mensch das alles wissen könnte, während er jetzt nur das armselige Leben des Geschehenen ins Auge faßt —, wenn er alles das wissen könnte, was so hereinspielt in das Leben, ohne daß es wirklich geschieht.
[ 18 ] Let us suppose that we are accustomed to going to our shop every day at eight o’clock in the morning. One day, however, we are exactly five minutes late. Nothing happens except that we arrive five minutes late. But upon closer consideration, if we take all circumstances into account, we might come to realize that on that very day, had we left at the right time, we would have been run over; that is, if we had left at the right time, we would no longer be alive. Or, as is also possible—and has happened—someone was dissuaded by a friend from taking a trip on the Titanic. He might say: If he had gone then, he would have perished! That this was karmically determined is another matter. But just think, when you look at life this way, how much you know about life. If none of what could have happened actually did happen, you simply do not know it. The infinite possibilities that exist in the world of realities—people do not take these into account. You might say: That is certainly not significant! It is not significant in terms of external circumstances; what is more significant is that we did not perish. But I would like to point out that we could have known: there was a high probability that we could have perished if, for example, we had not missed a train involved in a disaster. One could list all sorts of possible cases, but these occur time and again on a small scale. Certainly, for the external course of events, we need only know what we can observe. But suppose we know for certain that something could have happened if we hadn’t missed the train. Then such an experience makes an impression on our mind, and we say: How was I preserved there by a benevolent fate in a strange way! Imagine all these things that approach human beings as possibilities. How infinitely richer the life of the soul would be—and how rich it would be if a person could know all this, whereas now they only take in the meager reality of what has actually happened—if they could know everything that plays into life without actually happening.
[ 19 ] Es ist, wie wenn Sie den Blick hinwenden auf das Getreidefeld und da die Ähren betrachten, die vielen Weizenkörner, von denen diejenigen, die wieder ausgesät werden, eine verhältnismäßig geringe Anzahl ausmachen, unzählige aber werden keine neuen Halme mit Ähren, sondern gehen einen anderen Weg. Das, was möglich ist mit uns, verhält sich zu dem, was wirklich wird, so wie die vielen Weizenkörner, die nicht wieder zu Ähren werden, zu denen, die Ähren werden. Es ist so in Wirklichkeit; denn das, was im Leben möglich ist, ist ungeheuer reich. Und diejenigen Momente, wo besonders wichtige Dinge in der Welt des Möglichen mit uns vorgehen, das sind die günstigen Momente, wo die Toten uns nahetreten können. Nehmen wir an, daß jemand fünf Minuten zu früh weggeht und dadurch vor dem Zutodefallen bewahrt geblieben ist in dem Moment, wo er von einem Unglück erreicht worden wäre oder auch von etwas Freudigem erreicht wird, das uns auf diese Weise entgangen ist. In diesem Moment ist es, wo hereinwehen kann in das Leben wie in einem Traumbilde dasjenige, was die Toten uns selber mitteilen. Aber der Mensch lebt grob. Er kümmert sich nur um das Grobe, nicht um die Feinheiten des Lebens, die in dieses Leben hereinspielen und vorgehen. In dieser Beziehung wird durch die Geisteswissenschaft das Gefühl und die Empfindung verfeinert. Dann wird der Mensch diejenigen in das Leben hereinragen fühlen, die da tot sind, und er wird Zusammenhang haben mit ihnen. Die Kluft zwischen Lebendigen und Toten wird überbrückt werden durch die Geisteswissenschaft, die wirklich ein Lebenselixier wird.
[ 19 ] It is as if you were to turn your gaze to a wheat field and observe the ears of wheat—the countless grains of wheat, of which only a relatively small number are sown again, while countless others do not grow into new stalks with ears, but take a different path. What is possible for us stands in the same relationship to what actually comes to be as the many grains of wheat that do not become ears again do to those that do. This is how it is in reality; for what is possible in life is immensely rich. And those moments when particularly important things happen to us in the world of the possible—these are the propitious moments when the dead can draw near to us. Let us suppose that someone leaves five minutes too early and is thereby spared from dying at the very moment when misfortune would have overtaken them, or when something joyful would have overtaken them—something that has thus eluded us. It is in this moment that what the dead themselves communicate to us can drift into life like a dream image. But human beings live coarsely. They care only for the coarse, not for the subtleties of life that play into and occur within this life. In this regard, Spiritual Science refines our feelings and sensibilities. Then human beings will feel those who are dead reaching into their lives, and they will be connected to them. The gulf between the living and the dead will be bridged by Spiritual Science, which truly becomes an elixir of life.
[ 20 ] Die nächste Sphäre, also die nächste Zeit nach dem Tode ist die sogenannte Venus-Sphäre. In dieser Venus-Sphäre werden wir Einsiedler, wenn wir hier unreligiös gestimmt waren. Gesellige Wesen werden wir durch religiöse Stimmung, die wir mitbringen. Je nachdem wir in der Lage waren zu fühlen hier in der physischen Welt unsere Hingabe an den heiligen Geist, finden wir alle diejenigen, die die gleiche Stimmung dem Geist-Göttlichen gegenüber haben. In dieser Venus-Sphäre sind die Menschen gruppiert nach Religions- und Weltanschauungs-Verhältnissen. Hier auf Erden ist es noch so, daß sowohl religiöses Streben als auch religiöses Erleben den Ausschlag geben. In der Venus-Sphäre ist die Gruppierung lediglich nach Religions- und Weltanschauungs-Bekenntnissen. Diejenigen, welche die gleiche Weltanschauung haben, sind in großen, mächtigen Gemeinden in der Venus-Sphäre; sie sind nicht Einsiedler. Einsiedler sind diejenigen, die gar keine religiösen Empfindungen und Impulse entwickeln können. Also diejenigen, die wir in unserer Zeit Monisten, Materialisten nennen, werden nicht zu geselligen, sondern zu einsamen Wesen werden; jeder wird wie in einem eigenen Käfige die Zeit in der Venus-Sphäre zubringen, und ein Monistenbund ist in dieser Sphäre ganz unmöglich, weil durch das, was das monistische Glaubensbekenntnis ist, der Mensch zur Einsamkeit verurteilt wird. Das ist eine Tatsache, nicht etwa nur Ausgedachtes, daß jeder in einen eigenen Käfig gesperrt ist. Das ist dazu da, um die Seele zu erziehen für die Wirklichkeit gegenüber der Phantasterei des Monismus, die sie sich hier angeeignet hat. Im ganzen kann man sagen: Zusammenkommen kann man mit denjenigen, die mit uns gleicher Weltanschauung, gleichen Glaubens sind. Schwer verständlich sind uns andere Bekenntnisse in der VenusSphäre.
[ 20 ] The next sphere—that is, the next stage after death—is the so-called Venus Sphere. In this Venus Sphere, we become hermits if we were irreligious in this life. We become sociable beings through the religious disposition we bring with us. Depending on our ability to feel our devotion to the Holy Spirit here in the physical world, we will find all those who share the same disposition toward the spiritual-divine. In this Venus Sphere, people are grouped according to their religious and worldview beliefs. Here on Earth, it is still the case that both religious striving and religious experience are the deciding factors. In the Venus sphere, grouping is based solely on religious and philosophical beliefs. Those who share the same worldview are in large, powerful communities in the Venus sphere; they are not hermits. Hermits are those who cannot develop any religious feelings or impulses at all. Thus, those whom we in our time call monists and materialists will not become sociable but rather solitary beings; each will spend their time in the Venus sphere as if in their own cage, and a monist alliance is entirely impossible in this sphere, because the very nature of the monist creed condemns the individual to solitude. This is a fact, not merely a figment of the imagination, that everyone is locked in their own cage. This is intended to educate the soul regarding reality in contrast to the fantasy of monism that it has adopted here. Overall, one can say: We can come together with those who share our worldview and faith. Other creeds in the Venus Sphere are difficult for us to understand.
[ 21 ] Dann kommt die Sonnensphäre. Das ist die nächstfolgende Zeit. In der Sonnensphäre kann uns nur noch dasjenige helfen, was die verschiedenen Bekenntnisse ausgleicht, was die Brücke bilden kann von einem Religionsbekenntnis zum andern. Nun ja, in bezug auf dieses Brückebilden von einem Bekenntnis zum andern haben die Menschen so ihre eigenen Anschauungen und können nicht leicht begreifen, wie man finden kann ein wirkliches Verständnis auch des anders Denkenden und anders Fühlenden. Theoretisch ist ja dieses Verständnis vielfach gefordert worden; wenn die Forderung aber praktisch werden soll, da wird die Sache gleich anders.
[ 21 ] Then comes the Solar Sphere. That is the next stage. In the Solar Sphere, the only thing that can help us is that which reconciles the various creeds, that which can form a bridge from one religious creed to another. Well, when it comes to building this bridge from one creed to another, people have their own views and cannot easily grasp how one can find a genuine understanding even of those who think and feel differently. Theoretically, this understanding has been called for many times; but when the call is to be put into practice, the matter takes on a different character.
[ 22 ] Dann kann man die Erfahrung machen, daß mancher, der der Hindu-Religion angehört, zwar von dem gemeinsamen Wesenskern aller Religionen redet, aber er meint mit gemeinsamem Wesenskern nur das, was in der Hindu- oder Buddha-Religion enthalten ist. Die Bekenner reden von der Hindu- und der Buddha-Religion in besonderen Egoismen, und wenn sie davon reden, sind sie im Gruppenegoismus befangen. — Man könnte da eine schöne Legende vom Gruppenegoismus einfügen, die sich bei den Esten findet.
[ 22 ] One may then observe that some who belong to the Hindu religion, while speaking of the common essence of all religions, mean by this common essence only what is contained within the Hindu or Buddhist religion. The adherents speak of the Hindu and Buddhist religions with a particular kind of egotism, and when they speak of them, they are caught up in group egotism. — One could insert here a beautiful legend about group egotism found among the Estonians.
[ 23 ] Die Esten haben eine sehr schöne Legende über die Entstehung der Sprachen: Gott wollte den Menschen die Sprache gewähren durch das Feuer. Da soll ein großes Feuer angemacht worden sein, und durch das eigentümliche Tönen des Feuers, dem die Menschen zuhören sollten, und durch das, was sie da als Laute hören würden, sollte die Sprache werden. So rief die Gottheit die Völker der Erde zusammen, auf daß die Völker ihre Sprachen lernen könnten. Aber bevor die andern hergerufen wurden, nahm Gott die Esten vor, und ihnen lehrte er die göttlich-geistige Sprache, also eine höhere Sprache. Dann kamen erst die andern heran, und die durften dem Feuer zuhören, und da sie hörten, wie das Feuer brannte, da lernten sie die Töne verstehen. Die einzelnen Völker, die die Esten besonders gern hatten, die kamen zuerst, als das Feuer noch ziemlich stark brannte. Als das Feuer schon ziemlich gegen das Ende ging, kamen die Deutschen, denn die Esten lieben die Deutschen nicht besonders. Und da konnte man hören aus dem schon zerprasselnden Feuer: «Deitsch, peitsch, deitsch, peitsch.» Dann kamen die Lappen, die die Esten gar nicht lieben, und da hörte man nur noch: «Lappen latschen.» Und da hier das Feuer nur bloß noch Asche war, brachten die Lappen die allerschlechteste Sprache heraus, weil die Esten mit den Lappen in Todfeindschaft lebten. — So sieht man, wie die Esten alles, was sie an Gruppenegoismus haben, da zum Ausdruck bringen.
[ 23 ] The Estonians have a very beautiful legend about the origin of languages: God wanted to grant language to humankind through fire. A great fire was said to have been kindled, and language was to emerge from the peculiar sounds of the fire—which people were to listen to—and from the sounds they would hear there. So the deity summoned the peoples of the earth, that the peoples might learn their languages. But before the others were summoned, God took the Estonians aside, and to them he taught the divine-spiritual language, that is, a higher language. Only then did the others approach, and they were allowed to listen to the fire, and as they heard the fire burning, they learned to understand the sounds. The individual peoples whom the Estonians particularly liked came first, while the fire was still burning quite strongly. When the fire was already nearing its end, the Germans arrived, for the Estonians do not particularly love the Germans. And then one could hear from the fire, which was already crackling: “Deitsch, peitsch, deitsch, peitsch.” Then came the Lapps, whom the Estonians do not love at all, and all one could hear was: “Lapps shuffling.” And since the fire was nothing but ashes by then, the Lapps uttered the most vile language, because the Estonians were mortal enemies with the Lapps. — So you can see how the Estonians express all their group egoism there.
[ 24 ] So ähnlich sind die meisten Völker, wenn sie davon sprechen, daß sie zu dem Wesenskern in den verschiedenen Religionsgemeinschaften vordringen wollen. Und da muß tatsächlich gesagt werden, daß in dieser Beziehung das Christentum unbedingt anders ist als die andern Bekenntnisse. Wenn es zum Beispiel im Abendlande geradeso wäre wie in der Hindu-Religion, so würde der alte Wotan als Nationalgott immer noch herrschend sein. Aber das Abendland hat nicht einen herrschenden Gott genommen, der innerhalb des Abendlandes zu finden war, sondern einen, der außerhalb zu finden ist. Das ist ein wesentlicher Unterschied gegenüber dem Hinduismus und dem Buddhismus. So ist in vieler Beziehung das abendländische Christentum nicht durchsetzt von religiösem Egoismus, es ist religiös viel selbstloser als die morgenländischen Religionen. Deshalb ist die richtige Erkenntnis und Empfindung des ChristusImpulses auch dasjenige, was den Menschen in ein richtiges Verhältnis bringt zu den Mitmenschen, gleichgültig welches innere Bekenntnisleben sie haben.
[ 24 ] Most peoples are much the same when they speak of wanting to penetrate to the very essence of the various religious communities. And it must indeed be said that, in this respect, Christianity is fundamentally different from other faiths. If, for example, the West were just like the Hindu religion, the old Wotan would still reign as the national god. But the West did not choose a ruling god who could be found within the West, but one who is to be found outside it. This is a fundamental difference from Hinduism and Buddhism. Thus, in many respects, Western Christianity is not permeated by religious egoism; it is religiously much more selfless than the Eastern religions. Therefore, the correct understanding and perception of the Christ impulse is also what brings people into a proper relationship with their fellow human beings, regardless of their inner religious beliefs.
[ 25 ] In der Sonnensphäre zwischen Tod und neuer Geburt heißt es wirklich, das Verständnis dessen zu haben, was uns ermöglicht, nicht nur mit Menschen des gleichen Bekenntnisses, sondern mit allen Menschen sozusagen in ein Verhältnis zu kommen, weil dieses Christentum niemals, wenn wir es so weit fassen, daß wir es mit der alttestamentlichen Religion zusammenhängend betrachten, Einseitigkeit lehrt. Auf eines ist aufmerksam gemacht worden, was im höchsten Grade bedeutsam und notwendig ist zu erkennen: Es wird Ihnen erinnerlich sein, daß eines der schönsten Worte des Neuen Testamentes, das der Christus sagt, an das Alte Testament erinnert, das Wort: «Ihr seid Götter.» Christus weist die Menschen darauf hin, daß in jedem Menscheninnern ein göttlicher Kern lebt, ein Gott: Ihr seid alle Götter. Ihr kommt Göttern gleich. — Eine hohe Lehre des Christus ist es, den Menschen hinzuweisen auf seine göttliche Natur, darauf, daß er sein kann wie Gott. Du kannst sein wie Gott, eine wunderbare, groß und tief zum Herzen gehende Lehre des Christus! Ein anderes Wesen hat dieselben Worte vorgetragen, und es gehört zum Christus-Bekenntnis, daß ein anderes Wesen dasselbe vorgebracht hat. Luzifer, im Beginn des Alten Testamentes, trat an den Menschen heran, und die Versuchung besteht darin, daß er den Ausgangspunkt nimmt von den Worten: «Ihr werdet sein wie Gott.» Das gleiche Wort sagt Luzifer am Ausgangspunkt der Versuchung im Paradies, und wiederum sagt es der Christus Jesus, ganz dasselbe Wort! Wir berühren hier einen der tiefsten, bedeutungsvollsten Punkte des Christus-Bekenntnisses, den Punkt, wo sozusagen mit dem Finger darauf hingedeutet wird, daß es nicht bloß auf den Inhalt irgendwelcher Worte ankommt, sondern daß es darauf ankommt, welches Wesen im Weltenzusammenhang irgendein Wort ausspricht. Deshalb mußte auch im letzten Mysterienspiel gezeigt werden: Es kann dieselben Sätze Luzifer sagen, und sie sind etwas ganz anderes, als wenn Ahriman sie sagt, und etwas anderes, wenn Christus sie sagt. Da berühren wir ein tiefes Geheimnis des Weltendaseins, und es ist wichtig, daß wir uns ein Verständnis aneignen für dasjenige, was gerade durch dieses «Ihr seid Götter», «Ihr werdet sein wie Gott» das eine Mal aus dem Munde des Christus, das andere Mal aus dem Munde des Luzifer ausgesprochen ist.
[ 25 ] In the sphere of the sun, between death and new birth, it truly means having an understanding of what enables us to enter into a relationship, so to speak, not only with people of the same faith, but with all people, because this Christianity—if we take it so broadly as to view it in connection with the Old Testament religion—never teaches one-sidedness. Attention has been drawn to something that is of the utmost importance and necessity to recognize: You will recall that one of the most beautiful words in the New Testament, spoken by Christ, recalls the Old Testament—the words: “You are gods.” Christ points out to people that within every human being lives a divine core, a god: You are all gods. You are like gods. — A lofty teaching of Christ is to point out to humanity its divine nature, that it can be like God. You can be like God—a wonderful, grand, and deeply moving teaching of Christ! Another being has spoken these same words, and it is part of the Christian creed that another being has put forward the same thing. Lucifer, at the beginning of the Old Testament, approached humanity, and the temptation consists in his taking as his starting point the words: “You will be like God.” Lucifer utters the same words at the outset of the temptation in Paradise, and again, Christ Jesus says them—exactly the same words! Here we touch upon one of the deepest, most significant points of the Christ-confession, the point where it is, so to speak, pointed out that it does not merely depend on the content of any given words, but that it depends on which being, within the context of the world, utters a particular word. That is why it also had to be shown in the last Mystery Play: Lucifer can say the same sentences, and they are something entirely different when Ahriman says them, and something else again when Christ says them. Here we touch upon a profound mystery of world existence, and it is important that we acquire an understanding of that which is expressed precisely through this “You are gods,” “You will be like God”—spoken once from the mouth of Christ, and another time from the mouth of Lucifer.
[ 26 ] Das muß durchaus in Betracht gezogen werden, daß wir zwischen Tod und neuer Geburt auch eben einmal in der Sonnensphäre leben werden und in dieser Sonnensphäre ein ganz gründliches Verständnis des Christus-Impulses nötig haben. Dieses müssen wir von der Erde mitbringen; denn der Christus ist einmal auf der Sonne gewesen, aber er ist, wie wir gehört haben, von der Sonne heruntergekommen und hat sich jetzt mit der Erde vereinigt. Mithin müssen wir ihn hinauftragen bis in die Sonnenzeit und dann können wir mit dem Christus-Impuls ein geselliges Wesen sein, können ihn in der Sonnensphäre verstehen.
[ 26 ] We must certainly take into account that, between death and rebirth, we will also live for a time in the solar sphere, and that in this solar sphere we will need a very thorough understanding of the Christ impulse. We must bring this with us from Earth; for Christ was once on the Sun, but, as we have heard, he came down from the Sun and has now united with the Earth. Consequently, we must carry him up into the solar era, and then we can be a social being with the Christ impulse and understand him in the solar sphere.
[ 27 ] Aber wir müssen unterscheiden lernen, und das lernen wir jetzt nur durch die Anthroposophie, zwischen Christus und Luzifer. Denn dasjenige, was wir von der Erde mitbringen in unserm Christus-Verständnis, das führt uns allerdings bis zur Sonne hinauf und ist innerhalb der Sonnensphäre sozusagen ein Führer von Menschenseele zu Menschenseele ohne Unterschied von Glaube und Bekenntnis; aber ein anderes Wesen begegnet uns in der Sonnensphäre, das dieselben Worte spricht, die im Grunde genommen denselben Inhalt haben: Luzifer ist dieses Wesen. Und dieses Verständnis müssen wir erworben haben für den Unterschied zwischen Christus und Luzifer, denn Luzifer muß uns nun begleiten durch die weiteren Sphären zwischen Tod und neuer Geburt.
[ 27 ] But we must learn to distinguish—and we can only do so now through anthroposophy—between Christ and Lucifer. For what we bring with us from Earth in our understanding of Christ does indeed lead us up to the Sun and, within the solar sphere, serves as a guide from human soul to human soul, so to speak, without distinction of faith or creed; but we encounter another being in the solar sphere who speaks the same words, which essentially have the same meaning: this being is Lucifer. And we must have acquired this understanding of the difference between Christ and Lucifer, for Lucifer must now accompany us through the further spheres between death and new birth.
[ 28 ] Sehen Sie, so durchleben wir eine Mond-, Merkur-, Venus- und Sonnensphäre. In jeder dieser Sphären erreichen wir zunächst dasjenige, was wir in bezug auf die innere Kraft mit uns gebracht haben. In der Mondsphäre die Affekte: Triebe, Leidenschaften, sinnliche Liebe verbinden uns mit dieser Sphäre. In der Merkursphäre erreicht uns alles, was wir an moralischen Unvollkommenheiten haben, in der Venus-Sphäre, was wir an religiösen Unvollkommenheiten haben, in der Sonnensphäre, was uns trennt von all dem, was «menschlich» heißt.
[ 28 ] You see, in this way we pass through the lunar, Mercury, Venus, and solar spheres. In each of these spheres, we first attain that which we have brought with us in terms of inner power. In the lunar sphere, it is the emotions: instincts, passions, and sensual love that connect us to this sphere. In the Mercury sphere, we encounter all our moral imperfections; in the Venus sphere, our religious imperfections; and in the Sun sphere, that which separates us from everything “human.”
[ 29 ] Jetzt also gehen wir in die andern Sphären, die der Okkultist als die Mars-, die Jupiter-, die Saturnsphäre kennt. Da ist Luzifer unser Führer, da treten wir ein in eine Welt, die uns mit neuen Kräften befruchtet. So wie wir hier die Erde unter uns haben, so haben wir da den Kosmos innerhalb der Sonne unter uns. Wir wachsen hinein in die göttlich-geistigen Welten, und während wir hineinwachsen in diese göttlich-geistigen Welten, müssen wir dasjenige im Gedächtnis behalten, was wir mitgebracht haben von dem ChristusImpuls. Den können wir nur auf der Erde erwerben, und je stärker wir ihn erworben haben, desto weiter können wir ihn hinaustragen in den Kosmos. Da tritt dann Luzifer an uns heran. Der führt uns in die Welt, in die wir hinaus müssen, damit wir für eine neue Inkarnation vorbereitet werden. Und dasjenige, was wir nicht entbehren können, damit Luzifer uns nicht gefährlich werde, das ist das Verständnis des Christus-Impulses, dasjenige, was wir gehört haben von Christus während der Erdenzeit. Der Luzifer kommt schon an uns heran in der Zeit zwischen Tod und Geburt, aber den Christus müssen wir aufgenommen haben während der Erdenzeit. Dann wachsen wir hinein in die andern Sphären, die außerhalb der Sonne sind. Wir werden immer größer und größer sozusagen, wir haben unter uns die Sonne und über uns den ganzen großen, mächtigen Sternenhimmel. In den großen Weltenraum hinein wachsen wir, in den Kosmos hinaus bis zu gewissen Grenzen. Und während wir hinauswachsen, wirken die kosmischen Kräfte aus allen Sternen auf uns. Wir nehmen aus der ganzen mächtigen Sternenwelt die Kräfte auf in unser mächtig ausgedehntes Wesen.
[ 29 ] Now, then, we enter the other spheres, which the occultist knows as the spheres of Mars, Jupiter, and Saturn. There, Lucifer is our guide; there we enter a world that enriches us with new powers. Just as we have the Earth beneath us here, so do we have the cosmos within the Sun beneath us there. We grow into the divine-spiritual worlds, and as we grow into these divine-spiritual worlds, we must keep in mind what we have brought with us from the Christ impulse. We can only acquire this on Earth, and the more strongly we have acquired it, the further we can carry it out into the cosmos. Then Lucifer approaches us. He leads us into the world into which we must go, so that we may be prepared for a new incarnation. And what we cannot do without, so that Lucifer does not become a danger to us, is the understanding of the Christ impulse—that which we have heard from Christ during our time on Earth. Lucifer already approaches us in the time between death and birth, but we must have taken in the Christ during our time on Earth. Then we grow into the other spheres that lie beyond the Sun. We become ever larger and larger, so to speak; we have the sun beneath us and the entire vast, mighty starry sky above us. We grow into the vast expanse of space, out into the cosmos up to certain limits. And as we grow outward, the cosmic forces from all the stars act upon us. We take in the forces from the entire mighty world of stars into our powerfully expanded being.
[ 30 ] Bis zu einer Grenze kommen wir. Dann ziehen wir uns wiederum zusammen und treten wieder in dasjenige ein, was wir durchgemacht haben. Wir kommen durch die Sonnen-, Venus-, Merkur-, Mondensphäre, bis wir wiederum der Erde nahe kommen, und bis dasjenige, was in den Weltenraum hinausgetragen war, sich wiederum zusammenzieht zu einem Keim, der in einer Menschenmutter zu einem neuen Menschen sich bildet. Das geschieht dann wiederum, wenn der Mensch sich hinausgedehnt hat in die fernen Weltenräume und da aufgenommen hat die kosmischen Kräfte.
[ 30 ] We reach a certain limit. Then we contract once more and re-enter what we have gone through. We pass through the spheres of the Sun, Venus, Mercury, and the Moon until we once again approach the Earth, and until that which was carried out into outer space contracts once more into a seed that forms into a new human being within a human mother. This happens again when the human being has expanded out into the distant reaches of space and has absorbed the cosmic forces there.
[ 31 ] Das ist das Geheimnis vom Menschensein nach dem Tode, zwischen Tod und neuer Geburt. Nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen war, ist er von dem kleinen Raum der Erde ausgehend immer größer und größer geworden, ist bis zur Mond-, Merkur-, Venus-, Sonnen-, Mars-, Jupiter-, Saturnsphäre hinausgewachsen. Da sind wir in den Weltenraum hinausgewachsen; gleichsam eine Riesenkugel werden wir als Geisteswesen. Dann, nachdem wir als Seele aufgenommen haben die Kräfte des Universums, der Sterne, ziehen wir uns wieder zusammen, und dann haben wir die Kräfte der Sternenwelt in uns. Da haben wir eine Erklärung der Geistesforschung dafür, daß in dieser unserer zusammengepreßten Gehirnmasse ein Abdruck des ganzen Sternenhimmels zu finden ist. Tatsächlich birgt unser Gehirn ein bedeutungsvolles Geheimnis.
[ 31 ] This is the mystery of human existence after death, between death and rebirth. After passing through the gate of death, the human being, starting from the small space of the Earth, has grown larger and larger, expanding out to the spheres of the Moon, Mercury, Venus, the Sun, Mars, Jupiter, and Saturn. There we have expanded out into outer space; we become, as it were, a giant sphere as spiritual beings. Then, after we as souls have absorbed the forces of the universe and the stars, we contract again, and then we have the forces of the starry world within us. Here we have an explanation from spiritual research for the fact that an imprint of the entire starry sky can be found in this compressed mass of our brain. Indeed, our brain holds a profound mystery.
[ 32 ] Und noch ein Geheimnis liegt hierin: der Mensch hat sich also zusammengezogen, hat sich inkarniert in einem physischen Leibe, in den er durch ein Elternpaar gekommen ist. So weit ist der Mensch gelangt, denn da hat er eingeschrieben, während er sich ausgedehnt hat im Weltenraum, alles dasjenige, was seine Eigenschaften waren. Wenn wir auf der Erde stehen und in den Sternenhimmel hinausblicken, so sind da nicht bloß Sterne, sondern da sind unsere Eigenschaften aus den früheren Inkarnationen. Wenn wir zum Beispiel in früheren Inkarnationen ehrgeizig waren, so steht dieser Ehrgeiz in der Sternenwelt geschrieben. Er ist eingeschrieben in der AkashaChronik, und wenn Sie hier auf Erden an einem bestimmten Punkte stehen, kommt der Ehrgeiz mit dem betreffenden Planeten in dieser oder jener Lage zu Ihnen; er macht seinen Einfluß geltend. Und das ist deren Moral, daß die Astrologen nicht bloß Sterne und Sternwirkungen sehen, sondern daß sie sagen: Da steht Ihre Eitelkeit, Ihr Ehrgeiz, Ihr Unmoralisches, Ihre Trägheit; und da wirkt jetzt etwas, was Sie in die Sterne eingeschrieben haben, in gewisser Weise aus der Sternenwelt wieder herunter und bedingt Ihr Schicksal. Darum schreiben wir dasjenige, was in unserer Seele ist, ein in den großen Raum, und da wirkt es von dem Raume auf uns zurück, während wir hier auf Erden sind, während wir hier auf Erden wandeln zwischen Geburt und Tod. Diese Dinge gehen uns ungeheuer nahe, wenn wir sie wirklich verstehen, und sie erklären uns so manches.
[ 32 ] And there is another mystery here: the human being has thus contracted, has incarnated in a physical body, into which he came through a pair of parents. This is how far the human being has come, for there, while expanding into the cosmos, he inscribed all that constituted his characteristics. When we stand on Earth and look out at the starry sky, there are not merely stars there, but our characteristics from past incarnations. If, for example, we were ambitious in past incarnations, that ambition is inscribed in the world of the stars. It is recorded in the Akashic Records, and when you stand at a certain point here on Earth, that ambition comes to you through the relevant planet in this or that position; it exerts its influence. And this is the moral of the story: that astrologers do not merely see stars and stellar influences, but that they say: There lies your vanity, your ambition, your immorality, your laziness; and now something you have inscribed in the stars is, in a certain way, working its way back down from the world of the stars and determining your fate. That is why we inscribe what is in our soul into the vast cosmos, and from there it acts back upon us from the cosmos while we are here on Earth, while we walk here on Earth between birth and death. These things touch us deeply when we truly understand them, and they explain so much to us.
[ 33 ] Sehen Sie, ich habe mich im Leben viel mit Homer beschäftigt, aber als ich gerade im letzten Spätsommer die Aufgabe hatte, diese Verhältnisse zwischen Tod und Neugeburt zu untersuchen und auf den Standpunkt kam, daß unveränderlich bleiben die Verhältnisse von einem Tod zur nächsten Geburt, da mußte ich mir bei einer Stelle sagen: die Griechen nennen ihn den Blinden, weil er ein großer Seher war. Er sagt: das Leben nach dem Tode geschehe an dem Orte, wo es keine Veränderung gibt. Ein wunderbar treffendes Wort. Man lernt dieses Wort erst verstehen, wenn man es aus den okkulten Geheimnissen heraus tut. Und je weiter man in diesem innern Ringen vorwärtskommt, desto mehr wird es klar, daß die antiken Dichter die allergrößten Seher waren und in ihre Werke manches hineingeheimnißt haben, zu dessen Verständnis vieles notwendig ist.
[ 33 ] You see, I have spent a great deal of my life studying Homer, but when I was tasked last late summer with examining these relationships between death and rebirth and came to the conclusion that the relationships between one death and the next birth remain unchanging, I had to say to myself at one point: the Greeks call him the Blind Man because he was a great seer. He says: life after death takes place in the place where there is no change. A wonderfully apt phrase. One only begins to understand this phrase when one takes it out of the occult mysteries. And the further one advances in this inner struggle, the clearer it becomes that the ancient poets were the greatest seers of all and have enshrined many things in their works, the understanding of which requires much.
[ 34 ] Da will ich einer Sache Erwähnung tun, die mir im Frühherbst passiert ist und die recht bezeichnend ist. Ich wehrte mich anfangs dagegen, weil sie ganz überraschend ist. Aber es ist einer jener Fälle, wo die Objektivität siegt.
[ 34 ] I would like to mention something that happened to me in early autumn and that is quite telling. At first I resisted doing so because it is quite unexpected. But it is one of those cases where objectivity prevails.
[ 35 ] In Florenz gibt es ein Grabmal von Michelangelo für Lorenzo und Giuliano Medici. Da sind diese beiden Brüder abgebildet und dabei sind vier allegorische Figuren. Diese Figuren sind sehr bekannt. Aber daß da etwas nicht ganz stimmte mit dieser Gruppe, das hat sich mir gleich ergeben, als ich sie das erste Mal sah. Es war mir gleich klar, daß der, der als Giuliano beschrieben ist, der Lorenzo ist und umgekehrt. Es ist offenbar: man hat sie, da die Figuren abgenommen werden können, bei irgendeiner Gelegenheit verwechselt und das nicht beachtet. Daher beschreibt man als Giuliano den Lorenzo und umgekehrt. Aber worauf es jetzt hier ankommt, das sind die vier allegorischen Figuren.
[ 35 ] In Florence, there is a tomb by Michelangelo for Lorenzo and Giuliano Medici. The two brothers are depicted there, along with four allegorical figures. These figures are very well known. But the fact that something wasn’t quite right with this group struck me immediately when I saw it for the first time. It was immediately clear to me that the one described as Giuliano is actually Lorenzo, and vice versa. It is obvious: since the figures can be removed, they were mixed up at some point and the mistake was not noticed. That is why Lorenzo is described as Giuliano and vice versa. But what matters here are the four allegorical figures.
[ 36 ] Wenn man ausgeht von der Betrachtung der Figur der «Nacht», dieser wunderbaren «Nacht», ja, solange man bei der Meinung bleibt, man habe es mit einer Allegorie zu tun, kommt man nicht zurecht. Wenn man aber das, was man über den menschlichen Ätherleib weiß, in seiner vollen Tätigkeit sich so vorstellt, daß man fragt: Wenn der Astralleib und das Ich frei sind und der Ätherleib die ihm am allermeisten entsprechende Geste suchen würde, was würde für eine Geste herauskommen? -, so erhält man die Antwort: Eine solche Geste würde da herauskommen, wie Michelangelo sie der «Nacht» gegeben hat. - Wirklich, diese Nacht ist so gebildet, daß sie den wunderbarsten Ausdruck gibt für den freien, unabhängigen Ätherleib, der sich in der Physiognomie des physischen Leibes ausdrückt, wenn Astralleib und Ich außerhalb sind. Diese Figur ist nicht eine Allegorie, sondern tatsächlich der Mensch, geschildert im Zusammenhang mit physischem und Ätherleib, wenn Astralleib und Ich heraus sind. Da versteht man die Figur in dieser Haltung, die der historisch treueste Ausdruck des Ätherleibes in seiner Lebendigkeit ist.
[ 36 ] If one starts by considering the figure of “Night,” this wonderful “Night”—indeed, as long as one clings to the notion that one is dealing with an allegory—one cannot make sense of it. But if one creates a mental image of what one knows about the human etheric body in its full activity in such a way that one asks: If the astral body and the I were free and the etheric body were to seek the gesture that corresponds to it most of all, what kind of gesture would result?—then one receives the answer: A gesture such as that which Michelangelo gave to “Night” would result. - Indeed, this “Night” is so conceived that it provides the most wonderful expression of the free, independent etheric body, which manifests itself in the physiognomy of the physical body when the astral body and the ego are outside. This figure is not an allegory, but actually the human being, depicted in relation to the physical and etheric bodies when the astral body and the ego are outside. Then one understands the figure in this posture, which is the historically most accurate expression of the etheric body in its liveliness.
[ 37 ] Und wenn man davon ausgeht, dann bekommt man in der «Tag»-Figur das groteske Urteil: Wenn das Ich am stärksten tätig ist, wenn es am wenigsten vom Astral-, Äther- und physischen Leibe beeinflußt ist, kommt diese eigentümliche Wendung, diese Geste heraus, die Michelangelo der «Tag»-Figur gegeben hat. Wenn der Astralleib für sich tätig ist, ohne von physischem, Ätherleib und Ich abhängig zu sein, dann kommt die Geste der «Morgen»-Figur heraus, und für den physischen Leib, der unabhängig von den andern drei Gliedern sich betätigt, kommt die Geste der «Abenddämmerung» heraus.
[ 37 ] And if one proceeds from this assumption, one arrives at the grotesque conclusion in the “Day” figure: When the ego is most active, when it is least influenced by the astral, etheric, and physical bodies, this peculiar turn, this gesture that Michelangelo gave to the “Day” figure, emerges. When the astral body acts on its own, without being dependent on the physical body, the etheric body, and the ego, the gesture of the “Morning” figure emerges; and for the physical body, which acts independently of the other three members, the gesture of “Evening Twilight” emerges.
[ 38 ] Ich sträubte mich lange gegen diese Erkenntnis, ich hielt sie im Anfang für toll; aber je mehr man darauf eingeht, desto mehr zwingt einen das, was man sieht in dieser in die Steine hineingegossenen Schrift, zur Erkenntnis dieser Wahrheit. Nicht als ob Michelangelo dies gewußt hätte; aber in sein intuitives Schaffen drang es herein. Da versteht man auch, was die Legende bedeutet, die erzählt, daß, wenn Michelangelo allein in seiner Werkstatt war, die Figur der «Nacht» Leben bekam, so daß sie herumging. Es ist eben eine besondere Illustration zu der Tatsache, daß man es mit dem Ätherleib zu tun hat. Überall herein wirkt das Spirituelle, sowohl in der Menschheitsentwickelung als auch in der Kunst und so fort. Man lernt das Sinnliche wirklich erst verstehen, wenn man die Art versteht, wie das Spirituelle in die sinnliche Wirklichkeit hereinwirkt.
[ 38 ] For a long time I resisted this realization; at first I thought it was madness; but the more one delves into it, the more what one sees in this writing cast into the stone compels one to acknowledge this truth. Not that Michelangelo knew this; but it found its way into his intuitive creative process. Then one also understands the meaning of the legend that tells how, when Michelangelo was alone in his workshop, the figure of “Night” came to life, so that it walked about. It is precisely a special illustration of the fact that we are dealing with the etheric body. The spiritual permeates everything, both in human evolution and in art, and so on. One truly begins to understand the sensory realm only when one understands the way in which the spiritual works into sensory reality.
[ 39 ] Es gibt einen Ausspruch von Kant, der sehr schön ist. Kant sagt: Zwei Dinge sind es, die ganz besonderen Eindruck auf mich gemacht haben: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. — Es macht ganz besonderen Eindruck, wenn man nun darauf kommt, daß beides dasselbe ist. Denn zwischen Tod und Geburt sind wir ausgegossen über den Sternenraum und nehmen seine Kräfte in uns herein, und wenn wir im physischen Leibe sind, dann sind diese Kräfte, die wir aufgenommen haben, in uns als unsere moralischen Impulse wirksam. Wenn wir da stehen und den Sternenhimmel betrachten, können wir sagen: Was da draußen an Kräften lebt und webt im Weltenraum, darin leben und weben wir in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Und das ist jetzt das richtunggebende Gesetz unseres moralischen Lebens. So sind der Sternenhimmel draußen und das moralische Gesetz in uns ein und dieselbe Wirklichkeit, nur zwei Seiten dieser Wirklichkeit. Den gestirnten Himmel durchleben wir zwischen Tod und neuer Geburt, das moralische Gesetz zwischen Geburt und Tod.
[ 39 ] There is a quote by Kant that is very beautiful. Kant says: There are two things that have made a profound impression on me: the starry sky above me and the moral law within me. — It makes a profound impression when one realizes that both are one and the same. For between death and birth we are poured out into the starry space and take its forces into ourselves, and when we are in the physical body, these forces we have absorbed are active within us as our moral impulses. When we stand there and gaze at the starry sky, we can say: The forces that live and weave out there in the cosmos—in them we live and weave in the time between death and new birth. And this is now the guiding law of our moral life. Thus, the starry sky outside and the moral law within us are one and the same reality, merely two sides of this reality. We live through the starry sky between death and new birth, and the moral law between birth and death.
[ 40 ] Wenn wir dies erfassen, dann wird Geisteswissenschaft unmittelbar zur Andacht, wie zu einem gewaltigen Gebet; denn was ist ein Gebet anderes als dasjenige, was unsere Seele mit dem GöttlichGeistigen, das die Welt durchwebt, verbindet.
[ 40 ] When we grasp this, Spiritual Science immediately becomes a form of devotion, like a powerful prayer; for what is a prayer other than that which connects our soul with the divine-spiritual that permeates the world.
[ 41 ] Dieses Gebet ist das, was ein Gebet heute sein kann. Wir müssen es uns erobern, indem wir die Sinnenwelt durchleben. Indem wir dieses bewußt anstreben, wird ganz von selbst das, was wir wissen können, zu einem Gebet. Da wird spirituelle Erkenntnis unmittelbar Gefühl und Erlebnis und Empfindung. Und das soll sie werden. Dann mag sie noch so sehr mit Begriffen und Ideen arbeiten: Ideen und Begriffe werden zuletzt gebetsartige reine Empfindungen, reines Fühlen. Das aber ist es, was unsere Zeit braucht. Unsere Zeit braucht das unmittelbare Herausleben aus der Betrachtung zum Erleben des Kosmos, da wo die Betrachtung selber wie ein Gebet wird. Während die Betrachtung der äußeren physischen Welt immer trockener, immer gelehrtenhafter wird, immer abstrakter wird, wird die Betrachtung des geistigen Lebens immer herzlicher gestimmt, immer tiefer, wird geradezu immer gebetartiger, und das nicht durch eine einseitige Sentimentalität, sondern durch ihre eigene Natur. Dann wird der Mensch nicht bloß aus abstrakten Ideen heraus wissen, er habe das Göttliche, was den Weltenraum durchwebt und durchlebt, in sich; sondern er wird wissen, indem er weiterschreitet in der Erkenntnis, daß er es wirklich erlebt hat in dem Leben zwischen dem letzten Tod und der neuen Geburt. Er wird wissen: was er da durchlebt hat, das hat er jetzt in sich als die Reichtümer seines Lebens.
[ 41 ] This prayer is what a prayer can be today. We must attain it by living through the sensory world. As we consciously strive for this, what we can know naturally becomes a prayer. There, spiritual insight immediately becomes feeling, experience, and sensation. And that is what it should become. Then, no matter how much it may work with concepts and ideas, ideas and concepts ultimately become prayer-like pure sensations, pure feeling. But that is what our time needs. Our time needs the direct transition from contemplation to the experience of the cosmos, where contemplation itself becomes like a prayer. While the contemplation of the outer physical world becomes ever drier, ever more scholarly, ever more abstract, the contemplation of spiritual life becomes ever more heartfelt, ever deeper, becomes downright ever more prayer-like—and not through one-sided sentimentality, but through its own nature. Then the human being will not merely know, based on abstract ideas, that he has within himself the Divine that weaves through and lives within the cosmos; but he will know, as he progresses in his understanding, that he has truly experienced it in the life between the last death and the new birth. He will know: what he lived through there, he now has within himself as the riches of his life.
[ 42 ] Das sind solche Betrachtungen, die gerade zusammenhängen mit erst neuerdings gemachten Forschungen, die uns aber unsere eigene Entwickelung verständlich machen können. Dann wird sich Geisteswissenschaft einmal zu einem wirklich geistig-spirituellen Lebenssaft umwandeln können. Von diesen Dingen soll in Zukunft noch öfter gesprochen werden.
[ 42 ] These are the kinds of insights that are directly linked to recent research, yet which can help us understand our own development. Then Spiritual Science will one day be able to transform itself into a truly spiritual lifeblood. We will speak of these things more often in the future.
