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The Rudolf Steiner Archive

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Experiences of the Supernatural
The Three Paths of the Soul to Christ
GA 143

8 May 1912, Cologne

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12. Die Liebe und ihre Bedeutung in der Welt

12. Love and Its Significance in the World

[ 1 ] Wenn wir davon sprechen, daß der Mensch in dem gegenwärtigen Zeitpunkte der Entwickelung herankommen muß an dasjenige, was man nennen kann das Verständnis des Christus-Impulses, da kann uns wohl der Gedanke auftauchen, wie es nun ist mit einem Menschen, der von dem Christus-Impuls nichts gehört hat, vielleicht nicht einmal den Namen des Christus je gehört hat. Wird der Mensch deshalb des Christus-Impulses verlustig gehen müssen, weil er nicht den Namen des Christus gehört hat? Muß man theoretisch dasjenige kennen, was Christus-Impuls genannt wird, damit die Kraft des Christus sich in die Seele senkt? Wir wollen uns über die Frage aufklären durch folgende Betrachtungen über das menschliche Leben von der Geburt bis zum Tode.

[ 1 ] When we speak of the fact that, at the present stage of development, human beings must come to what might be called an understanding of the Christ impulse, the question may well arise as to what becomes of a person who has never heard of the Christ impulse, who may not even have ever heard the name “Christ.” Will such a person therefore have to forgo the Christ impulse simply because they have not heard the name of Christ? Is it necessary, in theory, to know what is called the Christ impulse in order for the power of Christ to sink into the soul? Let us shed light on this question through the following reflections on human life from birth to death.

[ 2 ] Der Mensch tritt herein in die Welt; er ist halb schlafend in der ersten Kindheit. Wir müssen erst lernen, uns selber als Ich zu empfinden, uns als Ich zu finden, und immer reicher wird unser Seelenleben durch die Aufnahme alles dessen, was uns durch dieses Ich zuteil wird. Beim Nahen des Todes ist dieses Seelenleben am reichsten, am reifsten, daher können wir die große Frage aufwerfen: Wie steht es mit unserem Seelenleben, wenn der Leib abfällt? Es ist eine Eigenschaft besonders unseres physischen und unseres Seelenlebens, daß das, was wir in der Seele tragen an Lebenserfahrungen, an Lebenswissen, immer bedeutender wird, je mehr wir dem Tode zugehen, daß uns aber auch, je mehr es dem Tode zugeht, immer mehr und mehr gewisse Eigenschaften abhanden kommen und andere auftreten, die ganz individuell verschieden sind. In der Jugend sammeln wir Kenntnisse, machen Lebenserfahrungen, hegen Hoffnungen, die wir meist erst später verwerten können. Je mehr wir dem Alter zugehen, desto mehr beginnen wir die Lebensweisheit zu lieben. Die Liebe zu der Weisheit ist nicht egoistisch, denn diese Liebe wird immer größer, je mehr wir uns dem Tode nahen; sie wächst in dem Maße, als die Aussicht, etwas zu haben von unserer Weisheit, kleiner wird. Immer mehr lieben wir diesen Seeleninhalt. Geisteswissenschaft kann zunächst sogar so zur Versucherin werden, indem der Mensch erfassen kann, daß das nächste Leben abhängt von der Erwerbung von Weisheit in diesem Leben. Ein gut Teil Egoismus über dieses Leben hinaus kann uns so aus der Geisteswissenschaft erwachsen, und darin liegt eine Gefahr. So kann es geschehen, daß die in der Seele zu unrecht aufgefaßte Geisteswissenschaft eine Versucherin werden kann; das ist die Verlockung der Geisteswissenschaft. Sie liegt inihrem Wesen. Man kann beobachten, daß die Liebe zur Lebensweisheit so eintritt, wie das Blühen der Pflanze, wenn diese reif dazu ist. Wir können also beobachten, daß die Liebe auftritt zu etwas, was in uns selber ist. Der Mensch hat vielfach versucht, den Impuls der Liebe zu etwas, was in uns selbst ist, in einem höheren Sinne zu überbrücken. Wir finden zum Beispiel bei Mystikern das Bestreben, den Trieb der Selbstliebe im Sinne der Liebe zur Weisheit zu entwickeln und diese in einem schönen Lichte erstrahlen zu lassen. Sie versuchen durch Vertiefung in das eigene Seelenleben in sich den Gottesfunken zu finden, ihr höheres Selbst als diesen Gottesfunken zu empfinden. Eigentlich bildet aber der Mensch als Lebensweisheit nur den Keim zu seinem nächsten Leben aus. Es ist wie mit dem Samen, nachdem die Pflanze durch das Jahr hindurchgegangen ist. Wie der Same bleibt, so bleibt die Lebensweisheit; der Mensch geht durch die Pforte des Todes hindurch, und das, was da heranreift als geistiger Wesenskern, das ist der Same zum nächsten Leben. Der Mensch spürt dieses, er kann Mystiker werden, und das, was nur Same für das nächste Leben ist, für den Gottesfunken ansehen, als etwas Absolutes ansehen. Man interpretiert es nun so, weil man sich geniert, sich einzugestehen, daß man es doch nur selbst ist, dieser Geistessame. Meister Eckhart, Johannes Tauler sprechen ihn an als den Gott in uns selber, weil sie von Reinkarnation nichts wissen. Erfassen wir das Gesetz der Reinkarnation, so erkennen wir die Bedeutung der Liebe in der Welt im Einzelnen und im Ganzen. Wir verstehen unter Karma dasjenige, was in dem einen Leben die Ursache ist und seine Wirkung im nächsten Leben hat. In dem Sinne von Ursache und Wirkung können wir als Menschen nicht recht von Liebe sprechen, nicht im Sinne von Liebestat und Ausgleich dafür. Es handelt sich da um ein Tun und um einen Ausgleich dafür, aber das hat nichts mit Liebe zu tun: Taten der Liebe sind solche Taten, die zunächst nicht ihren Ausgleich im nächsten Leben suchen.

[ 2 ] Human beings enter the world; in early childhood, they are half-asleep. We must first learn to perceive ourselves as an “I,” to find ourselves as an “I,” and our inner life grows ever richer through the absorption of all that is bestowed upon us through this “I.” As death approaches, this inner life is at its richest, at its ripest; therefore, we can raise the great question: What becomes of our inner life when the body falls away? It is a characteristic of our physical and spiritual life in particular that the life experiences and knowledge we carry within our soul become ever more significant the closer we come to death; yet, as death approaches, certain qualities are increasingly lost, while others emerge that are entirely unique to each individual. In youth we gather knowledge, gain life experiences, and cherish hopes that we can usually only put to use later. The closer we come to old age, the more we begin to love the wisdom of life. This love of wisdom is not selfish, for it grows ever greater as we approach death; it grows in proportion to the diminishing prospect of having anything left of our wisdom. We love this inner content of the soul more and more. Spiritual Science can even become a temptation in this way, in that a person may realize that the next life depends on the acquisition of wisdom in this life. A good deal of selfishness extending beyond this life can thus arise from Spiritual Science, and therein lies a danger. Thus it can happen that Spiritual Science, misunderstood in the soul, can become a temptation; this is the allure of Spiritual Science. It lies in its very nature. One can observe that love for the wisdom of life arises just as a plant blooms when it is ready to do so. We can thus observe that love arises for something that is within ourselves. Human beings have often attempted to transcend the impulse of love for something within ourselves in a higher sense. We find, for example, among mystics the endeavor to develop the impulse of self-love in the sense of love for wisdom and to let this shine in a beautiful light. They try, through deepening their own inner life, to find the divine spark within themselves, to perceive their higher self as this divine spark. In reality, however, human beings, as wisdom of life, form only the seed for their next life. It is like the seed after the plant has gone through the year. Just as the seed remains, so does the wisdom of life; the human being passes through the gate of death, and that which matures there as the spiritual core of the being is the seed for the next life. The human being senses this; they can become a mystic and regard that which is merely a seed for the next life as the spark of God, as something absolute. People interpret it this way because they are embarrassed to admit to themselves that it is really just themselves, this spiritual seed. Meister Eckhart and Johannes Tauler speak of it as the God within ourselves because they know nothing of reincarnation. If we grasp the law of reincarnation, we recognize the significance of love in the world, both individually and as a whole. By karma we mean that which is the cause in one life and has its effect in the next. In the sense of cause and effect, we as human beings cannot truly speak of love, not in the sense of an act of love and its recompense. It involves an action and a recompense for it, but that has nothing to do with love: acts of love are those acts that do not initially seek their recompense in the next life.

[ 3 ] Denken wir uns beispielsweise, daß wir arbeiten und dadurch verdienen. Das kann aber auch anders sein, nämlich so, daß wir arbeiten und keine Freude daran haben, weil wir nicht um Lohn arbeiten, sondern um Schulden zu zahlen. Wir können uns vorstellen, daß der Mensch schon verbraucht hat dasjenige, was er nun durch die Arbeit verdient. Lieber hätte er es, wenn er keine Schulden hätte, so aber muß er arbeiten zum Zahlen seiner Schulden. Dieses Beispiel wollen wir nun übertragen auf unsere allgemeine menschliche Handlung: Alles, was wir aus Liebe tun, stellt sich so heraus, daß wir damit Schulden bezahlen! Okkult gesehen bringt alles, was aus Liebe geschieht, keinen Lohn, sondern ist Ersatzleistung für bereits verbrauchtes Gut. Die einzigen Handlungen, von denen wir in der Zukunft nichts haben, sind diejenigen, die wir aus echter, wahrer Liebe tun. Man könnte erschrecken über diese Wahrheit. Zum Glück wissen die Menschen in ihrem Oberbewußtsein nichts davon. In ihrem Unterbewußtsein aber wissen es alle Menschen, darum tun sie so ungern die Taten der Liebe. Das ist der Grund, warum so wenig Liebe in der Welt ist. Die Menschen fühlen instinktiv, daß sie von den Taten der Liebe für die Zukunft nichts haben für ihr Ich. Eine Seele muß schon weit vorgeschritten sein in ihrer Entwickelung, wenn sie Gefallen hat an Handlungen der Liebe, von denen sie selbst nichts hat. Der Impuls dazu ist nicht stark in der Menschheit; aber aus dem Okkultismus heraus kann man doch auch starke Impulse für Taten der Liebe gewinnen.

[ 3 ] Let us imagine, for example, that we work and thereby earn a living. But it can also be different: we might work without taking any pleasure in it, because we are not working for a wage, but to pay off debts. We can create a mental image of a person who has already spent what he now earns through his work. They would prefer not to have any debts, but as it is, they must work to pay them off. Let us now apply this example to our general human actions: Everything we do out of love turns out to be a way of paying off debts! From an occult perspective, everything that happens out of love brings no reward, but is compensation for goods already consumed. The only actions from which we gain nothing in the future are those we perform out of genuine, true love. One might be alarmed by this truth. Fortunately, people are unaware of it in their conscious mind. In their subconscious, however, all people know it, which is why they are so reluctant to perform acts of love. That is the reason why there is so little love in the world. People instinctively feel that acts of love yield nothing for their ego in the future. A soul must be quite advanced in its development to take pleasure in acts of love from which it gains nothing for itself. The impulse toward this is not strong in humanity; yet through occultism, one can still gain strong impulses for acts of love.

[ 4 ] Wir haben für unseren Egoismus nichts von Taten der Liebe, aber die Welt hat davon um so mehr. Der Okkultismus sagt: Die Liebe ist für die Welt dasjenige, was die Sonne für das äußere Leben ist. Es würden keine Seelen mehr gedeihen können, wenn die Liebe weg wäre von der Welt. Die Liebe ist die moralische Sonne der Welt. Wäre es für einen Menschen, der Wohlgefallen, Interesse hat an dem Blumenwachstum einer Wiese, nicht absurd, wenn er wünschen würde, daß die Sonne verschwinde aus der Welt? Ins Moralische übertragen heißt das: Man muß Interesse haben daran, daß eine gesunde Entwickelung sich durchringt in den Menschheitszusammenhängen. Weise ist es, wenn wir so viel Liebe wie möglich über die Erde ausgestreut haben. Einzig weise ist es, wenn wir die Liebe fördern auf der Erde.

[ 4 ] Our selfishness yields no acts of love, but the world gains all the more from them. Occultism teaches: Love is to the world what the sun is to physical life. No souls could flourish if love were to vanish from the world. Love is the moral sun of the world. Would it not be absurd for a person who takes pleasure in and has an interest in the growth of flowers in a meadow to wish that the sun would disappear from the world? Applied to the moral realm, this means: One must have an interest in ensuring that healthy development prevails in human relationships. It is wise for us to have spread as much love as possible across the earth. It is only wise to promote love on earth.

[ 5 ] Was gibt uns die Geisteswissenschaft? Man erfährt die Tatsachen der Erdenevolution, man hört über den Geist der Erde, über ihre Oberfläche und ihre Veränderungen, über das Werden des menschlichen Leibes und so weiter, man lernt genau kennen das, was in der Entwickelung lebt und webt. Was bedeutet das? Was bedeutet es, wenn die Menschen nichts von der Geisteswissenschaft wissen wollen? Sie haben kein Interesse für das, was da ist. Denn wer den Saturn nicht kennt, wer das Wesen der Sonne und des alten Mondes nicht kennenlernen will, der kennt auch die Erde nicht. Interesselosigkeit, krassester Egoismus ist es, wenn die Menschen kein Interesse haben an der Welt. Interesse an allem Sein haben, das ist Menschenpflicht. Wünschen wir also und lieben wir die Sonne mit ihrer Schöpferkraft, mit ihrer Liebe für das Gedeihen der Erde und der Menschenseelen! Dieses Lernen des Erdenwerdens, das soll sein die geistige Aussaat für die Liebe zur Welt, denn eine Geisteswissenschaft ohne Liebe wäre eine Gefahr für die Menschheit. Aber wir sollen nicht die Liebe predigen, sondern sie soll und wird dadurch in die Welt kommen, diese Liebe, daß wir die Erkenntnis der wirklichen geistigen Dinge verbreiten. Geisteswissenschaft und wirkliche Liebeshandlungen und Liebestaten sollen eines sein.

[ 5 ] What does Spiritual Science offer us? We learn about the facts of Earth’s evolution; we hear about the spirit of the Earth, its surface, and its changes; about the development of the human body, and so on; we come to know precisely what lives and weaves within evolution. What does this mean? What does it mean when people do not want to know anything about Spiritual Science? They have no interest in what is there. For whoever does not know Saturn, whoever does not want to get to know the nature of the Sun and the ancient Moon, does not know the Earth either. Disinterest, the crudest form of selfishness, is what it is when people have no interest in the world. To have an interest in all of existence—that is the duty of human beings. So let us wish for and love the Sun with its creative power, with its love for the flourishing of the Earth and human souls! This learning of becoming Earth—that is to be the spiritual sowing for love of the world, for a Spiritual Science without love would be a danger to humanity. But we should not preach love; rather, it should and will come into the world through our spreading the knowledge of true spiritual things. Spiritual Science and genuine acts of love should be one and the same.

[ 6 ] Die Liebe, die sinnliche, ist der Ursprung für das Schöpferische, das Entstehende. Ohne sinnliche Liebe würde es nichts Sinnliches mehr geben auf der Welt; ohne die geistige Liebe entsteht nichts Geistiges in der Entwickelung. Wenn wir Liebe üben, Liebe pflegen, so ergießen sich Entstehungskräfte, Schöpferkräfte in die Welt. Sollen wir das durch den Verstand begründen? Die Schöpferkräfte haben sich doch auch in die Welt vor uns und unserem Verstande ergießen müssen. Gewiß, als Egoisten können wir der Zukunft die Schöpferkräfte entziehen; aber die Liebestaten und die Schöpferkräfte der Vergangenheit, die können wir nicht auslöschen. Den Taten der Liebe der Vergangenheit schulden wir unser Dasein. So stark wir dadurch sind, so stark auch sind wir der Vergangenheit verschuldet, und was wir an Liebe jemals aufbringen können, ist Schuldenbezahlen für unser Dasein. Daher werden wir die Taten eines hochentwickelten Menschen begreifen, denn ein hochentwickelter Mensch hat größere Schulden an die Vergangenheit. Weise ist es, seine Schulden zu bezahlen durch Taten der Liebe. Der Impuls zur Liebe wächst mit dem Höherkommen eines Menschen; Weisheit allein genügt nicht. Die Bedeutung der Liebe im Wirken der Welt wollen wir uns so vor die Seele führen: Liebe ist dasjenige, was uns immer auf Lebensschulden der Vergangenheit verweist, und weil wir vom Bezahlen der Schulden für die Zukunft nichts haben, darum haben wir selbst nichts von unseren Liebestaten. Wir müssen unsere Liebestaten zurücklassen in der Welt, da aber sind sie eingeschrieben in das geistige Weltengeschehen. Wir vervollkommnen uns nicht durch unsere Liebestaten, nur durch die anderen Taten, aber die Welt wird reicher durch unsere Liebestaten. Denn Liebe ist das Schöpferische in der Welt.

[ 6 ] Sensual love is the source of creativity, of what comes into being. Without sensual love, there would be nothing sensual left in the world; without spiritual love, nothing spiritual arises in the course of development. When we practice love, when we nurture love, forces of emergence and creative forces pour into the world. Should we justify this through reason? Surely the creative forces must also have poured into the world before us and our intellect. Certainly, as egoists, we can deprive the future of creative forces; but the acts of love and the creative forces of the past—those we cannot erase. We owe our very existence to the acts of love of the past. As much as we are strengthened by them, so too are we indebted to the past, and whatever love we can ever muster is the repayment of that debt for our existence. Therefore, we will come to understand the deeds of a highly evolved human being, for a highly evolved human being has a greater debt to the past. It is wise to repay one’s debts through acts of love. The impulse toward love grows as a person ascends; wisdom alone is not enough. Let us bring the significance of love in the workings of the world before our souls in this way: Love is that which always reminds us of the debts of life from the past, and because we gain nothing from paying off debts for the future, we ourselves gain nothing from our acts of love. We must leave our acts of love behind in the world, yet there they are inscribed in the spiritual events of the world. We do not perfect ourselves through our acts of love, but only through other deeds; yet the world is enriched by our acts of love. For love is the creative force in the world.

[ 7 ] Es gibt neben der Liebe noch zwei andere Mächte in der Welt. Wie lassen diese sich mit der Liebe vergleichen? Die eine Macht ist die Kraft, die Stärke; die zweite ist die Weisheit. Bei der Stärke kann man von schwacher Macht, von einer stärkeren Macht und von Allmacht reden; ebenso bei der Weisheit — da gibt es auch Stufen bis zur Allwissenheit, zur Allweisheit. In demselben Sinne von Stufen der Liebe zu reden, geht nicht recht an. Was ist All-Liebe, Liebe zu allen Wesen? Man kann nicht so bei der Liebe von einer Steigerung sprechen, wie von einer Steigerung des Wissens oder der Macht bis zur Allwissenheit oder Allmacht. Durch solche Steigerung wird unsere eigene Wesenheit vollkommener. Das ist aber nicht so der Fall, wenn wir ein paar Wesen oder mehr lieben; das hat in dieser Weise mit der Vervollkommnung unseres Wesens nichts zu tun. Liebe für alles, was lebt, läßt sich nicht vergleichen mit Allmacht; die Begriffe der Größe, der Steigerung lassen sich nicht recht auf die Liebe anwenden. Dem göttlichen Wesen, das durch die Welt lebt und webt, kann man ihm das Prädikat der Allmacht beilegen? Gefühlsvorurteile müssen dabei schweigen: Wenn Gott allmächtig wäre, dann würde er alles das tun, was geschieht, es wäre also die menschliche Freiheit dann unmöglich. Die Allmacht Gottes würde die menschliche Freiheit ausschließen! Die Allmacht der Gottheit ist zweifellos nicht vorhanden, wenn der Mensch frei sein kann.

[ 7 ] Besides love, there are two other powers in the world. How do they compare to love? One power is strength; the second is wisdom. With strength, one can speak of weak power, of greater power, and of omnipotence; the same applies to wisdom—there are also levels up to omniscience and omniscience. It is not quite appropriate to speak of levels of love in the same sense. What is universal love, love for all beings? One cannot speak of an increase in love in the same way as one speaks of an increase in knowledge or power up to omniscience or omnipotence. Through such an increase, our own being becomes more perfect. But this is not the case when we love a few beings or more; this has nothing to do with the perfection of our being in this way. Love for all that lives cannot be compared to omnipotence; the concepts of greatness and progression cannot really be applied to love. Can one attribute the predicate of omnipotence to the divine being that lives and weaves through the world? Emotional prejudices must be set aside here: If God were omnipotent, then He would do everything that happens, and human freedom would therefore be impossible. God’s omnipotence would preclude human freedom! The omnipotence of the deity undoubtedly does not exist if human beings are to be free.

[ 8 ] Hat das Göttliche Allwissenheit? Da das Hinstreben zur Gottähnlichkeit des Menschen höchstes Ziel ist, müßte unser Streben nach Allweisheit gehen. Ist denn Allweisheit das höchste Gut? Wenn Allweisheit das höchste Gut ist, dann müßte in jedem Augenblick sich eine ungeheure Kluft zwischen dem Menschen und dem Gott, der allweise ist, auftun. Der Mensch müßte in jedem Augenblick sich dieser Kluft bewußt sein, wenn es so wäre, daß der Gott das höchste Gut, die Allweisheit, für sich hat, und sie dem Menschen vorenthalten hat. — Nicht ist die umfassendste Eigenschaft der Gottheit die Allmacht, nicht die Allweisheit, sondern die Liebe, die Eigenschaft, bei der keine Steigerung mehr möglich ist. Gott ist voller Liebe, ist reine Liebe, ist sozusagen aus der Substanz der Liebe geboren. Gott ist reine, lautere Liebe, nicht höchste Weisheit, nicht höchste Macht. Gott hat behalten die Liebe, geteilt aber hat er die Macht und die Weisheit mit Luzifer und Ahriman. Die Weisheit hat er geteilt mit Luzifer und mit Ahriman die Macht, damit der Mensch frei sei, damit der Mensch unter dem Einfluß der Weisheit weiterschreiten könne.

[ 8 ] Does the Divine possess omniscience? Since man’s striving to become like God is the highest goal, our pursuit must be directed toward omniscience. Is omniscience, then, the highest good? If omniscience is the highest good, then at every moment an immense gulf would open up between man and God, who is all-wise. Man would have to be conscious of this gulf at every moment if it were the case that God possesses the highest good—omniscience—for himself and has withheld it from man. — The most comprehensive attribute of the Godhead is not omnipotence, nor omniscience, but love—the attribute beyond which no further increase is possible. God is full of love, is pure love, is, so to speak, born of the substance of love. God is pure, unadulterated love, not supreme wisdom, not supreme power. God has retained love, but he has shared power and wisdom with Lucifer and Ahriman. He has shared wisdom with Lucifer and power with Ahriman, so that humanity might be free, so that humanity might continue to progress under the influence of wisdom.

[ 9 ] Suchen wir alles Schöpferische zu ergründen, so kommen wir auf die Liebe; der Grund alles Lebendigen ist die Liebe. Ein anderer Impuls ist es innerhalb der Entwickelung, der dahin führt, daß die Wesen immer weiser und mächtiger werden. Vervollkommnung wird erreicht durch Weisheit und Macht. Wie sich die Entwickelung von Weisheit und Macht ändert, das sehen wir am Werdegang der Menschheit: Wir haben eine fortlaufende Entwickelung, dann den Christus-Impuls, der einmal hereingekommen ist in die Menschheit durch das Mysterium von Golgatha. Die Liebe ist also nicht stückweise hereingekommen in die Welt, sondern es strömt die Liebe als eine Gabe der Gottheit herein in die Menschheit. Als ein fertig Abgeschlossenes fließt die Liebe in die Menschheit herein; der Mensch aber kann nach und nach den Impuls aufnehmen. Ein einmaliger Impuls ist der göttliche Impuls der Liebe, so wie wir ihn als Erdenimpuls brauchen.

[ 9 ] If we seek to fathom all that is creative, we arrive at love; the foundation of all life is love. There is another impulse within evolution that leads to beings becoming ever wiser and more powerful. Perfection is achieved through wisdom and power. We can see how the development of wisdom and power changes in the course of human history: We have a continuous evolution, followed by the Christ impulse, which once entered humanity through the Mystery of Golgotha. Love, then, has not entered the world piecemeal, but rather love flows into humanity as a gift from the Divine. Love flows into humanity as a complete and finished whole; but human beings can gradually take up the impulse. The divine impulse of love is a singular impulse, just as we need it as an earthly impulse.

[ 10 ] Die wahre Liebe ist nicht fähig der Verminderung und der Vermehrung. Liebe ist etwas, was eine ganz andere Natur hat als Weisheit und Macht. Liebe erweckt keine Hoffnungen auf die Zukunft, Liebe ist Abschlagszahlung für die Vergangenheit. So auch stellt sich das Mysterium von Golgatha in die Weltentwickelung herein. War denn die Gottheit der Menschheit etwas schuldig?

[ 10 ] True love is not subject to increase or decrease. Love is something of a completely different nature than wisdom and power. Love does not raise hopes for the future; love is a down payment for the past. In this way, too, the Mystery of Golgotha enters into the development of the world. Was the Godhead then indebted to humanity?

[ 11 ] Durch den Luzifer-Einfluß zog ein gewisses Element in die Menschheit ein, dem gegenüber etwas von dem, was früher da war, ihr genommen werden mußte. Dieses, was da neu einzog, führte zur absteigenden Linie, dem das Mysterium von Golgatha entgegenbrachte die Möglichkeit, alle Schuld abzuzahlen. Der Impuls von Golgatha ist nicht gekommen, um uns unsere Sünden, die wir in der Entwickelung begehen, abzunehmen, sondern er ist gekommen, damit das sein Gegengewicht erhalte, was durch Luzifer eingezogen ist in die Menschheit. Nehmen wir an, daß jemand nichts wisse von dem Namen des Christus Jesus, nichts von dem, was in den Evangelien mitgeteilt ist, daß er aber Kenntnisse habe von dem radikalen Unterschied zwischen dem Charakter von Weisheit und Macht und demjenigen der Liebe. Ein solcher Mensch ist in echt christlichem Sinne, auch wenn er nichts weiß von dem Mysterium von Golgatha, ein Christ. Wer die Liebe so kennt, daß er weiß, Liebe ist da um Schulden zu zahlen und bringt keinen Vorteil für die Zukunft, der ist ein Christ. Das Begreifen der Natur der Liebe — heißt Christ sein! Durch bloße Theosophie mit «Karma» und «Reinkarnation» kann man ein großer Egoist werden, wenn man nicht hinzunimmt den Liebesimpuls, den Christus-Impuls; denn dann erst erreicht man das, was den Egoismus der Theosophie überbrückt. Man erreicht den Ausgleich durch ein Verständnis des Christus-Impulses. Weil Theosophie der Menschheit nötig ist, wird sie ihr heute gegeben. Aber es liegt die starke Gefahr darinnen, daß, wenn bloß Theosophie getrieben wird ohne den Christus-Impuls, den Impuls der Liebe, daß dann die Menschen durch Theosophie den Egoismus in sich nur größer machen, daß sie ihn züchten, sogar über den Tod hinaus. Wir dürfen daraus nicht den Schluß ziehen, daß man keine Theosophie treiben soll, sondern wir müssen einsehen lernen, daß das Verständnis der Substanz der Liebe zur Theosophie hinzugehört.

[ 11 ] Through the influence of Lucifer, a certain element entered into humanity, and in order to accommodate it, something of what had previously existed had to be taken away from humanity. This new element led to a downward trajectory, to which the Mystery of Golgotha offered the possibility of atoning for all guilt. The impulse of Golgotha did not come to take away the sins we commit in the course of our development, but rather to provide a counterbalance to what entered humanity through Lucifer. Let us suppose that someone knows nothing of the name of Christ Jesus, nothing of what is communicated in the Gospels, but that he has knowledge of the radical difference between the character of wisdom and power and that of love. Such a person is, in the true Christian sense, a Christian even if they know nothing of the Mystery of Golgotha. Whoever understands love in such a way that they know love is there to pay debts and brings no advantage for the future is a Christian. To comprehend the nature of love—that is to be a Christian! Through mere theosophy with “karma” and “reincarnation,” one can become a great egoist if one does not add the impulse of love, the Christ impulse; for only then does one attain that which bridges the egoism of theosophy. One achieves balance through an understanding of the Christ impulse. Because theosophy is necessary for humanity, it is given to it today. But there lies a grave danger in the fact that, if one merely practices theosophy without the Christ impulse—the impulse of love—then people will only increase the egoism within themselves through theosophy, nurturing it even beyond death. We must not conclude from this that one should not practice Theosophy, but rather we must learn to recognize that an understanding of the essence of love is an integral part of Theosophy.

[ 12 ] Was geschah denn eigentlich bei dem Mysterium von Golgatha? Wir wissen, daß Jesus von Nazareth geboren wurde, sich in der Weise entwickelt hat, wie es die Evangelien berichten, daß die Jordantaufe im dreißigsten Jahr stattgefunden hat, daß der Christus dann drei Jahre lang gelebt hat in dem Leibe des Jesus von Nazareth und das Mysterium von Golgatha vollbracht hat. Es glauben nun viele Menschen, dieses Mysterium von Golgatha so menschlich wie möglich darstellen zu müssen, sie glauben, das wäre eine Tat, die innerhalb der Erde zu verzeichnen wäre, eine Erdentat. Das ist es aber nicht. Von den höheren Welten her betrachtet, ist es erst zu sehen, das Mysterium von Golgatha, wie es auf der Erde sich vollzogen hat.

[ 12 ] What actually happened during the Mystery of Golgotha? We know that Jesus of Nazareth was born, that he developed in the manner described in the Gospels, that the baptism in the Jordan took place in his thirtieth year, that the Christ then lived for three years in the body of Jesus of Nazareth, and that he accomplished the Mystery of Golgotha. Many people now believe they must portray this Mystery of Golgotha as humanly as possible; they believe it was an event that should be recorded as an earthly deed, an act of the earth. But that is not the case. Viewed from the higher worlds, only then can the Mystery of Golgotha be seen as it unfolded on earth.

[ 13 ] Wir wollen wieder den Anfang der Erdenentwickelung und den des Menschen vor uns hinstellen. Der Mensch hat damals gewisse geistige Kräfte gehabt; dann kam Luzifer an ihn heran, und damit stehen wir an dem Punkte, wo man sagen kann: sie, die fortschreitenden Götter, geben ab ihre Allmacht an Luzifer, damit der Mensch frei werden kann. Tiefer aber als beabsichtigt war, sank der Mensch in die Materie; er entgleitet den fortschreitenden Göttern, er geht weiter hinunter, als es gewollt war. Wie können nun die fortschreitenden Götter den Menschen wieder zu sich heraufziehen? Um dieses zu verstehen, müssen wir hinschauen in den Rat der Götter, nicht auf die Erde. Für die Götter vollbringt der Christus die Tat, um den Göttern die Menschen zurückzuholen. Die Tat des Luzifer ist also eine Tat in der übersinnlichen Welt; die Tat des Christus geschieht in der übersinnlichen, aber auch in der sinnlichen Welt — ein Mensch kann sie nicht ausführen. Die Tat des Luzifer vollzog sich in der übersinnlichen Welt. Aber nun ist der Christus auf die Erde heruntergestiegen, um auf der Erde seine Tat zu vollbringen, und die Menschen sind die Zuschauer dieser Tat. Eine Göttertat, eine Götterangelegenheit ist das Mysterium von Golgatha, wobei die Menschen zuschauen. Das Tor des Himmels ist geöffnet, und herein leuchter eine Göttertat. Die einzige Tat der Erde ist es, die ganz übersinnlich ist, daher ist es kein Wunder, wenn diejenigen, die nicht an Übersinnliches glauben, an die Tat des Christus ganz und gar nicht glauben. Göttertat ist die Tat des Christus, die Tat, welche die Götter für sich vollziehen. Seinen Glanz und seine einzigartige Bedeutung erhält das Mysterium von Golgatha dadurch, und die Menschen sind geladen zu Zeugen dieser Tat. Ein geschichtliches Zeugnis dafür ist darum auch nicht zu finden, denn die Menschen haben nur das Äußere davon gesehen; die Evangelien aber sind aus der Anschauung des Übersinnlichen geschrieben, daher sind sie leicht zu leugnen, wenn man für das Übersinnliche keinen Sinn hat.

[ 13 ] Let us once again consider the beginning of the Earth’s evolution and that of humanity. Humanity possessed certain spiritual powers at that time; then Lucifer approached them, and this brings us to the point where one can say: the advancing gods relinquished their omnipotence to Lucifer so that humanity might become free. But humanity sank deeper into matter than was intended; it slips away from the advancing gods, descending further than was intended. How, then, can the advancing gods draw humanity back up to themselves? To understand this, we must look to the council of the gods, not to the Earth. For the gods, Christ performs the deed to bring humanity back to the gods. Lucifer’s deed is thus a deed in the supersensible world; Christ’s deed takes place in the supersensible world, but also in the sensible world—a human being cannot perform it. Lucifer’s deed took place in the supersensible world. But now Christ has descended to Earth to perform his deed on Earth, and human beings are the spectators of this deed. The Mystery of Golgotha is a divine deed, a divine affair, with human beings watching. The gate of heaven is opened, and a divine deed shines forth. The only deed on Earth that is entirely supersensible; therefore, it is no wonder that those who do not believe in the supersensible do not believe in the deed of Christ at all. The deed of Christ is a divine deed, the deed that the gods perform for themselves. The Mystery of Golgotha derives its splendor and unique significance from this, and human beings are invited to witness this deed. A historical testimony to this cannot be found, for people have seen only the outward appearance of it; but the Gospels are written from the perspective of the supernatural, and so they are easily denied by those who have no sense for the supernatural.

[ 14 ] Zu den höchsten Erfahrungen innerhalb der geistigen Welt gehört von einem gewissen Gesichtspunkte aus die Tatsache des Mysteriums von Golgatha. Die Tat des Luzifer spielt sich ab zu einer Zeit, wo der Mensch noch Teilnehmer der übersinnlichen Welt war, die Tat des Christus spielt sich ab mitten im materiellen Leben: sie ist eine physisch-spirituelle Tat. Die Tat des Luzifer können wir begreifen, wenn wir die Welt weisheitsvoll erforschen. Um die Tat des Mysteriums von Golgatha zu begreifen, dazu reicht keine Weisheit aus. Alle Weisheit dieser Welt können wir haben, aber unverständlich kann uns doch die Tat des Christus sein. Denn Liebe ist zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha nötig. Erst wenn die Liebe in die Weisheit strömt und wieder umgekehrt, dann wird es möglich, das Mysterium von Golgatha zu begreifen, dann erst, wenn der Mensch gegen den Tod hin Liebe zur Weisheit entwickelt. Die mit Weisheit vereinte Liebe, die brauchen wir, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, weil wir sonst sterben ohne eine Weisheit, die mit Liebe vereinigt ist. Wozu brauchen wir sie? Philosophie ist Liebe zur Weisheit. Die alte Weisheit war nicht Philosophie, denn die alte Weisheit ist nicht durch Liebe geboren, sondern durch Offenbarung. Eine Philosophie des Orients gibt es nicht, aber eine Weisheit des Orients gibt es. Die Philosophie als Weisheitsliebe ist hereingekommen in die Welt mit dem Christus; da also haben wir den Einzug der Weisheit aus dem Impuls der Liebe heraus. Durch den Christus-Impuls ist er in die Welt gekommen. Wir müssen nun den Impuls der Liebe anwenden auf die Weisheit selber.

[ 14 ] From a certain point of view, the Mystery of Golgotha is one of the highest experiences within the spiritual world. The deed of Lucifer took place at a time when human beings were still participants in the supersensible world; the deed of Christ takes place in the midst of material life: it is a physical-spiritual deed. We can comprehend the deed of Lucifer if we explore the world with wisdom. But wisdom alone is not enough to comprehend the deed of the Mystery of Golgotha. We may possess all the wisdom of this world, yet the deed of Christ may still remain incomprehensible to us. For love is necessary to understand the Mystery of Golgotha. Only when love flows into wisdom and back again does it become possible to comprehend the Mystery of Golgotha—only then, when a human being develops a love for wisdom in the face of death. Love united with wisdom—that is what we need when we pass through the gate of death, for otherwise we die without a wisdom united with love. Why do we need it? Philosophy is love of wisdom. Ancient wisdom was not philosophy, for ancient wisdom was not born of love, but of revelation. There is no such thing as an Eastern philosophy, but there is such a thing as Eastern wisdom. Philosophy as the love of wisdom entered the world with Christ; thus we have the entry of wisdom arising from the impulse of love. Through the Christ impulse, it came into the world. We must now apply the impulse of love to wisdom itself.

[ 15 ] Die alte Weisheit, die der Seher durch Offenbarung erlangte, sie ist ausgedrückt in den erhabenen Worten aus dem Urgebet der Menschheit: Ex Deo nascimur, «Aus dem Gotte sind wir geboren». Das ist alte Weisheit. Christus, der herausgetreten ist aus den geistigen Welten, er hat die Weisheit mit der Liebe verbunden, sie wird den Egoismus überwinden, das ist ihr Ziel. Aber sie muß selbständig, frei dargebracht werden von Wesen zu Wesen: deshalb begann die Ära der Liebe zugleich mit der des Egoismus. Der Ausgangspunkt des Kosmos ist die Liebe; aus ihr ist ganz von selbst der Egoismus herausgewachsen. Doch der Impuls des Christus, der Impuls der Liebe wird mit der Zeit das Trennende, das in die Welt gekommen ist, überwinden und der Mensch kann nach und nach dieser Liebeskraft teilhaftig werden. In eigentümlich monumentalen Worten fühlen wir die Liebe sich in das Herz der Menschen ergießen in den Christus-Worten: «Wo zwei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.» So tönt der alte Rosenkreuzerspruch in die mit Weisheit verbundene Liebe herein: In Christo morimur, «In dem Christus sterben wir».

[ 15 ] The ancient wisdom that the seer attained through revelation is expressed in the sublime words of humanity’s primordial prayer: Ex Deo nascimur, “We are born of God.” That is ancient wisdom. Christ, who emerged from the spiritual worlds, has united wisdom with love; it will overcome selfishness—that is its goal. But it must be offered independently and freely from being to being: that is why the era of love began at the same time as that of selfishness. The starting point of the cosmos is love; from it, selfishness has grown of its own accord. Yet the impulse of Christ, the impulse of love, will in time overcome the divisive forces that have entered the world, and humanity can gradually become partakers of this power of love. In uniquely monumental words, we feel love pouring into the hearts of people in the words of Christ: “Where two are gathered in my name, there am I in the midst of them.” Thus the ancient Rosicrucian saying resounds within the love bound up with wisdom: In Christo morimur, “In Christ we die.”

[ 16 ] Vorbestimmt war der Mensch durch Jehova zur Gruppenseelenhaftigkeit, zur allmählichen Durchdringung mit Liebe durch die Blutsverwandtschaft; als Persönlichkeit lebt er durch Luzifer. Es gab also ursprünglich einen Zusammenschluß der Menschen, dann ein Getrenntwerden durch das luziferische Prinzip, das die Selbstsucht und Selbständigkeit des Menschen fördert. Mit der Selbstsucht kam das Böse in die Welt. Es mußte dies geschehen, weil das Gute nicht ergriffen werden konnte ohne das Böse. Es liefert durch die Siege des Menschen über sich selbst die Möglichkeit für die Entfaltung der Liebe. Christus brachte dem in Egoismus versinkenden Menschen den Antrieb zu dieser Selbstüberwindung und die Kraft, dadurch das Böse zu besiegen. Und nun werden durch die Christus-Taten zusammengeführt diejenigen, die durch die Selbstsucht getrennt waren. Wahr im tiefsten Sinne werden so die Worte des Christus, der von den Taten der Liebe spricht, indem er uns sagt: «Was ihr getan habt einem der Geringsten, das habt ihr mir getan!» — Auf die irdische Welt zurückgeflutet ist jene göttliche Tat der Liebe, sie wird nach und nach die Menschheitsentwickelung durchströmen und trotz der absterbenden physischen Kräfte sie im Geiste wiederbeleben, weil sie nicht aus dem Egoismus heraus geschehen ist, nur aus dem Geiste der Liebe: Per spiritum sanctum reviviscimus, «Durch den Heiligen Geist werden wir auferstehen».

[ 16 ] Humanity was predestined by Jehovah to group soulhood, to a gradual permeation with love through blood kinship; as an individual, humanity lives through Lucifer. Thus, there was originally a union of human beings, followed by a separation brought about by the Luciferic principle, which fosters human selfishness and independence. With selfishness, evil entered the world. This had to happen because good could not be attained without evil. Through humanity’s victories over itself, it provides the opportunity for the unfolding of love. Christ brought to humanity, which was sinking into selfishness, the impulse toward this self-overcoming and the power thereby to defeat evil. And now, through the deeds of Christ, those who were separated by selfishness are being brought together. Thus the words of Christ, who speaks of the deeds of love, become true in the deepest sense when he tells us: “Whatever you did for one of the least of these, you did for me!” — That divine act of love has flowed back into the earthly world; it will gradually permeate the development of humanity and, despite the waning physical forces, revive it in the spirit, because it did not arise from selfishness, but solely from the spirit of love: Per spiritum sanctum reviviscimus, “Through the Holy Spirit we shall rise again.”

[ 17 ] Die Menschheitszukunft wird aber noch aus etwas anderem als aus Liebe bestehen. Geistige Vervollkommnung wird für den irdischen Menschen das erstrebenswerteste Ziel sein — Sie finden dies geschildert am Anfang meiner Mysteriendichtung «Die Prüfung der Seele» —, aber niemand, der die Taten der Liebe versteht, wird im eignen Streben nach Vervollkommnung etwas sehen, wovon er noch sagen könnte: es sei dieses Streben selbstlos. Vervollkommnung ist etwas, wodurch wir unser Wesen, unsere Persönlichkeit stärken und fördern wollen. Unseren Wert aber für die Welt müssen wir lediglich in den Taten der Liebe sehen, nicht in den Taten der Selbstvervollkommnung. Darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben. Sucht einer, dem Christus nachzufolgen auf dem Wege der Liebe zur Weisheit, so gilt von solcher Weisheit, die er in den Dienst der Welt stellt, nur so viel, als was von ihr mit Liebe durchsetzt ist.

[ 17 ] But the future of humanity will consist of something more than just love. Spiritual perfection will be the most desirable goal for earthly human beings—you will find this described at the beginning of my mystery play *The Trial of the Soul*—but no one who understands the deeds of love will see in their own striving for perfection anything of which they could still say: this striving is selfless. Perfection is something through which we seek to strengthen and nurture our being, our personality. But we must see our value to the world solely in the deeds of love, not in the deeds of self-perfection. We must not allow ourselves to be deceived about this. If one seeks to follow Christ on the path of love toward wisdom, then of such wisdom, which he places in the service of the world, only that much is of value as is imbued with love.

[ 18 ] Weisheit, die in Liebe getaucht ist, die zugleich die Welt fördert und sie dem Christus zuführt, diese Liebe zur Weisheit schließt auch die Lüge aus. Denn Lüge ist der Gegensatz der Tatsachen, und wer in Liebe aufgeht innerhalb der Tatsachen, der kennt keine Lüge. Die Lüge entstammt dem Egoismus, ausnahmslos. Wenn wir durch die Liebe denWeg zur Weisheit gefunden haben, dann sind wir hindurchgedrungen durch die wachsende Kraft der Überwindung, durch die selbstlose Liebe, auch zur Weisheit. Dadurch wird der Mensch zur freien Persönlichkeit. Das Böse war der Untergrund, in den das Licht der Liebe hineinscheinen konnte; sie aber ist es, die den Sinn des Bösen, die Stellung des Bösen in der Welt erkennbar macht. Das Licht ist erkennbar geworden durch die Finsternis. Nur der freie Mensch kann ein rechter Christ werden.

[ 18 ] Wisdom steeped in love, which both nurtures the world and leads it to Christ—this love of wisdom also excludes falsehood. For falsehood is the opposite of truth, and whoever is absorbed in love within the truth knows no falsehood. The lie stems from selfishness, without exception. When we have found the path to wisdom through love, then we have broken through by the growing power of overcoming, through selfless love, even to wisdom. Through this, the human being becomes a free personality. Evil was the ground into which the light of love could shine; but it is love that makes the meaning of evil, the place of evil in the world, recognizable. The light has become recognizable through the darkness. Only the free person can become a true Christian.

[ 19 ] Frage über die Notlüge: Ein Verschweigen aus Liebe, eine Notlüge, ist immer eine sehr komplizierte Tat. Eine Notlüge aus Liebe kann eine Notwendigkeit sein, zunächst scheint sie ja unter Umständen eine gute Tat, aber auf sehr komplizierte Weise verbindet sie. Durch die Notlüge haben wir uns karmisch verbunden mit dem Betreffenden, und zwar mit seiner Schwäche haben wir uns verbunden. Wir werden später wieder etwas mit ihm zu tun haben. Wir werden ihm später die Wahrheit zu sagen haben. Wir werden später durch eine recht unsympathische Wahrheit, die wir ihm zu sagen haben, dies als einen Entwicklungsfaktor auszugleichen haben. Es ist gut, daß das so ist, denn wenn wir gezwungen sind zu einer Notlüge, so ist das schon karmisch, egoistisch also, denn eine Notlüge auch als Notlüge ist eine egoistische Tat, sie hat nichts zu tun mit einer wahren Liebestat. Denn ein Stückchen Klugheit gehört schon immer zur Notlüge. Sie geschieht nicht nur aus Liebesentscheidung. Auch bis in das Kleinste und Feinste des Menschenherzens leuchtet die Geisteswissenschaft hinein.

[ 19 ] Question about white lies: Withholding the truth out of love—a white lie—is always a very complicated act. A white lie told out of love may be a necessity; at first, it may even seem like a good deed under certain circumstances, but it creates a bond in a very complicated way. Through the white lie, we have become karmically bound to the person in question—specifically, we have become bound to their weakness. We will have dealings with them again later. We will have to tell them the truth later. We will later have to balance this out through a rather unpleasant truth that we must tell them, as a factor in their development. It is good that this is so, for when we are compelled to tell a white lie, it is already karmic—and thus selfish—because a white lie, even as a white lie, is a selfish act; it has nothing to do with a true act of love. For a measure of cleverness is always part of a white lie. It does not arise solely from a decision of love. Spiritual Science shines even into the smallest and most subtle recesses of the human heart.