From Akashic Research
The Fifth Gospel
GA 148
21 October 1913, Berlin
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From Akashic Research: The Fifth Gospel, tr. SOL
Das Fünfte Evangelium I
The Fifth Gospel I
[ 1 ] Nach einer längeren Pause haben wir uns wieder in dieser unserer Berliner Arbeitsgruppe zusammengefunden und wollen dasjenige beginnen, was wir in diesem Winter wie eine Art Fortsetzung unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit, wie wir sie die Jahre her gepflogen haben, betrachten können. Für Berlin war ja eine längere Pause eingetreten; aber diese Pause war diesmal ja nicht nur mit den üblichen Vorstellungen und dem Vortragszyklus in München ausgefüllt, sondern auch mit der Grundsteinlegung unseres Baues in Dornach und mit mannigfaltigen Arbeiten, die mit dem Beginne dieses unseres Baues zusammenhängen. Und so darf ich an diesem Abend, an dem wir uns zum erstenmal seit längerer Zeit wieder hier in diesem Raume zusammenfinden, zuallererst Ihren Blick auf dasjenige hinlenken, was sich für uns ausdrückt in diesem Dornacher Bau. Es ist ja zu hoffen, daß mit diesem Bau dasjenige, was unsere anthroposophische Anschauung der Welt sein will, auch ein äußeres Symbolum der Zusammengehörigkeit für alle jene Herzen und Seelen bilden kann, die sich innerlich verbunden fühlen mit dem geisteswissenschaftlichen Streben, wie wir es mit dieser anthroposophischen Weltanschauungsströmung pflegen.
[ 1 ] After a long hiatus, we have gathered once again in our Berlin working group and wish to begin what we can regard this winter as a sort of continuation of our spiritual science work, as we have practiced it over the years. There had indeed been a long break for Berlin; but this time, the break was filled not only with the usual events and the lecture series in Munich, but also with the laying of the foundation stone for our building in Dornach and with various tasks related to the start of construction on this building. And so, on this evening, when we are gathering here in this room for the first time in quite a while, I would like to begin by drawing your attention to what this Dornach building represents for us. It is to be hoped that with this building, what our anthroposophical view of the world aspires to be may also form an outward symbol of unity for all those hearts and souls who feel inwardly connected to the spiritual-scientific endeavor, as we cultivate it with this anthroposophical world-view movement.
[ 2 ] Im Grunde genommen — das werden Ihnen mancherlei Bemerkungen der verflossenen Jahre ergeben haben, die auch hier gemacht worden sind — weist alles im geistigen Leben der Gegenwart darauf hin, wie die Menschheit unserer Tage unbewußt dürstet nach dem, was mit einer wahren spirituellen Weltanschauung gegeben werden soll. Und nicht nur jene Seelen, die heute etwa in positiver Weise das Bedürfnis nach einer solchen Weltanschauung zum Ausdruck bringen, streben nach einer solchen Weltanschauung, sondern auch zahlreiche Menschen, welche nichts von einer solchen Weltanschauung wissen. Ja sogar auch solche, die nichts von ihr wissen wollen, vielleicht ihr sogar heute noch feindlich gegenüberstehen, sie streben doch unbewußt —- man möchte sagen aus den Bedürfnissen ihres Herzens heraus, die sich in bewußten Begriffen und Ideen noch gar nicht ankündigen, die sich vielleicht sogar in gegnerischen Begriffen und Ideen ankündigen -, sie streben, ohne es selbst zu wissen, nach dem, was gerade mit unserer Weltanschauung gegeben werden soll.
[ 2 ] Essentially—as you will have gathered from various remarks made here over the past few years—everything in contemporary spiritual life points to how the people of our time unconsciously yearn for what a true spiritual worldview is meant to provide. And it is not only those souls who today, for example, positively express the need for such a worldview who are striving for it, but also numerous people who know nothing of such a worldview. Indeed, even those who want to know nothing of it, who perhaps even stand in opposition to it today, still strive unconsciously—one might say out of the needs of their hearts, which have not yet manifested themselves in conscious concepts and ideas, which perhaps even manifest themselves in opposing concepts and ideas— they strive, without knowing it themselves, for precisely what is to be given through our worldview.
[ 3 ] So war es wirklich eine ganz besondere Empfindung, als wir mit den wenigen unserer anthroposophischen Freunde, die gerade — weil alles, durch die Verhältnisse geboten, schnell gemacht werden mußte nahe am Orte waren und anwesend sein konnten, den Grundstein dieses Dornacher Baues legten. Es war eine erhebende Empfindung, zu fühlen, daß man damit gewissermaßen stehe am Beginne des Baues, der sozusagen unser vorläufiges äußeres Symbolum für unser gemeinsames Streben bilden soll.
[ 3 ] It was truly a very special feeling when we laid the cornerstone of this building in Dornach together with the few of our anthroposophical friends who—because circumstances demanded that everything be done quickly—happened to be nearby and able to attend. It was an uplifting feeling to sense that we were, in a sense, standing at the beginning of the construction that is to serve, so to speak, as our provisional outward symbol of our common striving.
[ 4 ] Wenn man da oben auf dem Hügel stand, auf dem unser Bau errichtet werden soll - und das war ja bei unserer Eröffnungszeremonie geschehen -, von dem man weit hinaussieht auf die umliegenden Berge und Flächen des Landes und den Blick hinauslenken kann auf viel weitere Weiten, da mußte man gleichsam gedenken der Schreie der Menschheit in einer weiteren Weltenumgebung nach geistigen Wahrheiten, nach den Verkündigungen einer spirituellen Weltanschauung, die innerhalb unserer geistigen Strömung gegeben werden können. Und man mußte daran denken, wie noch mehr als das Ausgesprochene oder das Empfundene, manches andere Symptomatische in unserer Gegenwart ankündigt, daß es eine spirituelle Notwendigkeit ist, daß sich eine solche spirituelle Weltanschauung dem Seelenleben der Menschheit wirklich fruchtbar einpflanze. Das war also die hauptsächlichste Empfindung, die uns beseelte, als wir den Stein, über dem sich unser Bau erheben soll, in die Erde legten. Und dieser Bau, er soll ja auch in seinen Formen ausdrücken, was wir wollen; so daß diejenigen, die den Bau von außen oder von innen einstmals betrachten werden, wenn er fertig sein wird, seine Formen als eine Art Schriftzeichen empfinden können, in denen sich ausdrückt, ausspricht dasjenige, was wir in der Welt verwirklicht sehen wollen.
[ 4 ] When one stood up there on the hill where our building is to be erected—and that is what happened at our opening ceremony—from which one can see far out over the surrounding mountains and plains of the country and let one’s gaze wander to much greater expanses, one could not help but recall, as it were, the cries of humanity in a broader world context for spiritual truths, for the proclamations of a spiritual worldview that can be offered within our spiritual movement. And one had to consider how, even more than what is spoken or felt, certain other symptomatic signs in our present time indicate that it is a spiritual necessity for such a spiritual worldview to take truly fruitful root in the soul life of humanity. That, then, was the primary feeling that inspired us as we laid the foundation stone upon which our building is to rise. And this building is also meant to express, through its forms, what we desire; so that those who will one day view the building from the outside or the inside, when it is finished, may perceive its forms as a kind of script in which is expressed and articulated that which we wish to see realized in the world.
[ 5 ] Wenn man über eine solche Begründung nachdenken und sie nachempfinden muß, ist es ja dann so naheliegend, daran zu denken, wie nicht nur im einzelnen menschlichen Leben, sondern in der ganzen menschlichen Erdenentwickelung Karma wirkt. Im einzelnen Menschenleben wirkt sozusagen das kleine Karma; im Ganzen der Erden- und Menschheitsentwickelung wirkt das große Karma. Und das ist der große erhebende Gedanke, den man fühlen darf: Indem gerade auf spirituellem Boden so etwas geschieht, ist man in einer gewissen Weise - und sind es alle anthroposophisch Strebenden, die an der Sache beteiligt sind — das Werkzeug, wenn auch nur das geringe, so doch das Werkzeug des Geistes, der durch das Weltenkarma wirkt und seine Taten schafft. Dieses Sich-Verbundenfühlen mit dem Geiste des Weltenkarmas, das ist ja die bedeutsame große Empfindung, das Gefühl, in das sich immer wieder und wieder alles zusammenschlieBen soll, was wir an anthroposophischen Betrachtungen pflegen können. Dieses Gefühl ist das, was der Seele Ruhe geben kann dann, wenn sie Ruhe braucht, was der Seele Harmonie geben kann, wenn sie der Harmonie bedarf, was ihr aber auch Kraft, Wirkensfähigkeit, Ausdauer und Energie geben kann, wenn sie Kraft, Wirkensfähigkeit, Ausdauer und Energie braucht.
[ 5 ] When one has to reflect on and try to understand such a line of reasoning, it is only natural to consider how karma operates not only in the life of the individual but also in the entire course of human development on Earth. In the individual human life, so to speak, small karma is at work; in the whole of Earth’s and humanity’s development, great karma is at work. And this is the great, uplifting thought that one may feel: Precisely because something like this happens on spiritual ground, one is in a certain sense—and this applies to all those striving for anthroposophy who are involved in the matter—the instrument, albeit a small one, yet the instrument of the Spirit who works through world karma and brings about its deeds. This feeling of being connected to the spirit of world karma—that is indeed the significant, great sensation, the feeling into which everything we can cultivate in our anthroposophical reflections should merge again and again. This feeling is what can give the soul peace when it needs peace, what can give the soul harmony when it needs harmony, but what can also give it strength, the ability to act, endurance, and energy when it needs strength, the ability to act, endurance, and energy.
[ 6 ] Wenn die spirituellen Weltbegriffe in ihrer Wahrheit in unsere Seele einfließen, dann werden sie in uns auch zu so etwas wie einem innerlich pulsierenden Leben, das sich in Kraft umsetzt, das wir fühlen und empfinden können, das in uns rege ist sowohl bei dem Höchsten, zu dem wir unsere Gedanken aufschwingen können, als auch bei dem Kleinsten im alltäglichen Leben, zu dem uns unsere Arbeit zwingt; sie werden etwas, zu dem wir immer greifen können, wenn wir einen Kraftanreger brauchen, zu dem wir immer wieder hinblicken können, wenn wir Trost im Leben brauchen. Auch echte Moralität, echte sittliche Kraft wird der Menschheit hervorsprießen nur aus diesem Hinlenken des Seelenblickes nach der wahren Spiritualität, nach dem echten spirituellen Leben.
[ 6 ] When spiritual concepts of the world flow into our souls in their truth, they become within us something like an inner, pulsating life that translates into power, that we can feel and sense, that is active within us both in the highest realms to which we can raise our thoughts, and in the smallest details of everyday life to which our work compels us; they become something we can always turn to when we need a source of strength, something we can look to again and again when we need comfort in life. True morality, true moral strength, will also spring forth for humanity only from this turning of the soul’s gaze toward true spirituality, toward genuine spiritual life.
[ 7 ] Denn in anderer Art stehen wir gegenwärtig im Weltenkarma darinnen, als die Menschheit im Weltenkarma stand in der Zeit, in welcher sich abgespielt hat, was wir oftmals als den Mittelpunkt, den Schwerpunkt der menschlichen Erdenentwickelung bezeichnet haben: das Mysterium von Golgatha. Und wie ich an anderen Orten in den letzten Zeiten — gerade im Zusammenhang mit dem Zeitpunkt unserer eigenen geisteswissenschaftlichen Entwickelung, in dem wir jetzt stehen - auf ganz merkwürdige Verhältnisse aufmerksam machte in bezug auf das Mysterium von Golgatha, so möchte ich es gerade heute, wo wir uns nach langer Zeit in diesem Raume wieder treffen, auch vor Ihre Herzen, Ihre Seelen bringen.
[ 7 ] For we are currently situated within world karma in a different way than humanity was situated within world karma at the time when what we have often referred to as the center, the focal point of human development on Earth took place: the Mystery of Golgotha. And just as I have recently drawn attention elsewhere—particularly in connection with the current stage of our own spiritual-scientific development—to some very remarkable circumstances regarding the Mystery of Golgotha, so I would like to bring it before your hearts and souls today, as we meet again in this room after such a long time.
[ 8 ] Das Mysterium von Golgatha, das Einleben des Christus-Impulses kam in die Welt. Zu welcher Zeit kam es in die Welt? Wir wissen heute durch unsere spirituelle Vertiefung, was dazumal in einen Menschenleib eingeflossen ist, um Eigentum der Erdenentwickelung, der Erden-Menschheitsentwickelung zu werden. Dasjenige, was wir gleichsam an vorbereitenden Studien unternommen haben, hat uns in die Lage versetzt, einigermaßen die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha zu begreifen. Künftige Zeiträume, das haben wir oft betont, werden es noch deutlicher begreifen. Wie steht es denn aber, so kann man fragen, mit dem Begreifen des Mysteriums von Golgatha gerade in jener Zeit, in welcher es sich abgespielt hat? Es handelt sich ja darum, daß wir dieses Mysterium von Golgatha seiner Tatsächlichkeit nach auffassen, daß wir begreifen, um was es sich dabei wirklich handelt. Handelt es sich denn darum, was damals der Menschheit gelehrt worden ist? Käme es darauf an, dann könnten diejenigen vielleicht einen Schein des Rechtes beanspruchen, die da sagen, daß die meisten Lehren des Christus Jesus schon in früheren Zeiträumen vorhanden gewesen seien; obwohl es, wie wir wissen, auch nicht vollständig wahr ist. Aber darauf kommt es gar nicht in erster Linie an, sondern es handelt sich um etwas ganz anderes, nämlich darum: was auf Golgatha und damit zusammenhängend geschehen ist, was geschehen wäre, auch wenn keine menschliche Seele im weiten Erdenumkreis es verstanden hätte. Denn es handelt sich nicht darum, daß eine Tatsache gleich verstanden werde, sondern darum, daß sie geschieht. Die Bedeutung der Golgatha-Tatsache beruht zunächst nicht auf dem, was die Menschen davon verstanden haben, sondern darauf, was für die Menschheit so geschehen ist, daß der Strom dieses Geschehens in den spirituellen Weltentatsachen zum Ausdruck gekommen ist.
[ 8 ] The Mystery of Golgotha, the incarnation of the Christ impulse, came into the world. At what time did it come into the world? Through our spiritual deepening, we now know what flowed into a human body at that time to become part of the development of the Earth and of humanity. The preparatory studies we have undertaken, so to speak, have enabled us to grasp the significance of the Mystery of Golgotha to some extent. Future generations, as we have often emphasized, will understand it even more clearly. But what, one might ask, is the situation regarding the understanding of the Mystery of Golgotha precisely in the time in which it took place? The point is, after all, that we grasp this Mystery of Golgotha in its factual reality, that we understand what it is really about. Is it a matter of what was taught to humanity at that time? If that were the case, then perhaps those who say that most of the teachings of Christ Jesus had already existed in earlier times might claim a semblance of justification; although, as we know, that is not entirely true either. But that is not what matters in the first place; rather, it is about something entirely different, namely: what happened on Golgotha and in connection with it, what would have happened even if no human soul in the vast expanse of the earth had understood it. For it is not a matter of a fact being understood immediately, but of it happening. The significance of the Golgotha event does not rest primarily on what people have understood of it, but on what has thus happened for humanity, such that the current of this event has found expression in the spiritual realities of the world.
[ 9 ] In welche Zeit fiel denn das Mysterium von Golgatha? Es fiel wirklich in eine merkwürdige Zeit. Betrachten wir nur, um das Merkwürdige dieses Zeitraumes ins Auge zu fassen, die nachatlantische Entwickelung. Wir haben oft darauf hingewiesen, daß sich die Menschheit in dieser nachatlantischen Zeit zuerst in der sogenannten urindischen Kulturepoche entwickelt hat. Wir haben auf das Hohe, auf das Bedeutsame der urindischen Kultur hingewiesen, haben darauf hingewiesen, wie ganz andersgeartet die Seelen in dieser Epoche waren, wie sie viel intimer zugänglich waren für das spirituelle Leben, und wie diese Zugänglichkeit dann von Epoche zu Epoche abgenommen hat. Wir haben ferner darauf hingewiesen, wie in der urpersischen Zeit, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit die unmittelbare Anteilnahme des Menschen an den spirituellen Welten geringer wurde. Denn in der urindischen Epoche hatte der Mensch hereingenommen in seinen Ätherleib alles, was ihm die Welt mitteilen konnte, und er hatte es erlebt in seinem Ätherleib; wenigstens diejenigen haben es erlebt, die diese indische Kulturepoche in jenen alten Zeiten im wahren Sinne mitmachten. Was man da im Ätherleib erlebt, trägt in hohem Grade den Charakter der Hellsichtigkeit. In der urpersischen Zeit hat man das Seelische erlebt im Empfindungsleibe; das war schon erlebt mit einem geringeren Grade von Hellsichtigkeit. In der ägyptisch-chaldäischen Epoche erlebte man das Seelische in der Empfindungsseele; da war schon wieder ein geringerer Grad von Hellsichtigkeit vorhanden. Dann kam die vierte, die griechisch-lateinische Kulturepoche: in diese fiel hinein das Mysterium von Golgatha. Es ist die Kulturepoche, in welcher die Menschenseele bereits herausgegangen war zu dem Wahrnehmen nur auf dem äußeren physischen Plan. Die Kultur des Verstandes, die sich auf die äußeren Dinge bezieht, beginnt. Die Seele entwickelt die Kräfte, die sich auf die äußere Welt beziehen,
[ 9 ] When exactly did the Mystery of Golgotha take place? It truly occurred during a remarkable period. To grasp the remarkable nature of this era, let us consider post-Atlantean development. We have often pointed out that in this post-Atlantean era, humanity first developed during the so-called Proto-Indian cultural epoch. We have pointed out the loftiness and significance of the Proto-Indian culture; we have pointed out how very different the souls were in this epoch, how much more intimately open they were to spiritual life, and how this openness then diminished from epoch to epoch. We have also pointed out how, in the Proto-Persian era and the Egyptian-Chaldean era, humanity’s direct participation in the spiritual worlds diminished. For in the ancient Indian epoch, human beings had taken into their etheric bodies everything the world could impart to them, and they had experienced it in their etheric bodies; at least those who truly participated in that Indian cultural epoch in those ancient times experienced it. What is experienced there in the etheric body bears a high degree of the character of clairvoyance. In the Proto-Persian period, the soul was experienced in the sensory body; this was already experienced with a lesser degree of clairvoyance. In the Egyptian-Chaldean epoch, the soul was experienced in the feeling soul; there was already a lesser degree of clairvoyance present. Then came the fourth, the Greek-Latin cultural epoch: the Mystery of Golgotha fell within this period. It is the cultural epoch in which the human soul had already turned toward perception solely on the outer physical plane. The culture of the intellect, which relates to external things, begins. The soul develops the powers that relate to the outer world,
[ 10 ] In unserer Zeitepoche, im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, hat sich bisher das Erleben der Menschheit auf die Beobachtung der Außenwelt, auf das Erleben der Sinneseindrücke beschränkt. Aber dieser fünfte nachatlantische Kulturzeitraum wird wieder hinführen müssen zueinerneuen, erneuerten Empfänglichkeitfür dasspirituelleLeben, denn er muß voll ausleben das Leben in der Bewußtseinsseele.
[ 10 ] In our present era, the fifth post-Atlantean cultural epoch, human experience has so far been limited to the observation of the external world and the experience of sensory impressions. But this fifth post-Atlantean cultural epoch will have to lead back to a renewed, revitalized receptivity to spiritual life, for it must fully live out life in the conscious soul.
[ 11 ] Wenn man sich nun frägt, hinblickend nur auf die vier ersten Zeiträume der nachatlantischen Entwickelung, welcher von diesen Zeiträumen denn am wenigsten geeignet war, das Mysterium von Golgatha, das Herabsteigen des Christus zu verstehen, wirklich mit spirituellem Verständnis zu verfolgen, so könnte man sich sagen: Hätte — wie es ja nach dem Weltenkarma nicht hat geschehen können, aber wie man hypothetisch einmal annehmen kann — das Mysterium von Golgatha stattgefunden, wäre der Christus herabgekommen in einen menschlichen Leib in der Zeit der urindischen Kultur, so wären unzählige Seelen dagewesen, um dieses Ereignis zu verstehen; denn sie hatten noch dieses spirituelle Verständnis. Auch noch in der urpersischen, selbst noch in der ägyptisch-chaldäischen Epoche wäre in gewissem Sinne ein Verständnis für das Mysterium von Golgatha den Seelen noch leicht gewesen, wenn es sich hätte nach dem Weltenkarma damals abspielen können. Im vierten nachatlantischen Zeitraume war die Menschenseele in einer Entwickelung, in welcher ihr dieses Verständnis für das Mysterium von Golgatha, dieses unmittelbare spirituelle Verständnis, gerade durch ihren Entwickelungszustand verschlossen war.
[ 11 ] If one were to ask, considering only the first four periods of post-Atlantean development, which of these periods was least suited to truly grasping the Mystery of Golgotha—the descent of the Christ—with spiritual understanding, one might say: Had—as indeed could not have happened according to world karma, but as one might hypothetically assume—the Mystery of Golgotha taken place, had the Christ descended into a human body during the time of the ancient Indian culture, there would have been countless souls present to understand this event; for they still possessed this spiritual understanding. Even in the ancient Persian, and indeed even in the Egyptian-Chaldean epoch, an understanding of the Mystery of Golgotha would still have come easily to the souls, had it been possible for it to unfold according to world karma at that time. In the fourth post-Atlantean epoch, the human soul was at a stage of development in which this understanding of the Mystery of Golgotha—this direct spiritual understanding—was precisely closed off to it by its state of development.
[ 12 ] Wir werden noch oft sprechen müssen von der eigenartigen Tatsache, daß das Mysterium von Golgatha in der nachatlantischen Zeit auf denjenigen Kulturzeitraum wartete, in welchem das spirituelle Verständnis für die zu geschehende Tatsache schon geschwunden, schon nicht mehr da war. Die Verstandes- oder Gemütsseele war im griechisch-lateinischen Zeitraum daran, sich besonders zu entwickeln. Sie richtete vor allem den Blick liebevoll hin auf die äußere Welt, wie an der ganzen griechischen Kultur zu sehen ist. Dem Mysterium von Golgatha, das nur mit dem inneren Blick zu verfolgen wat, stand im Grunde genommen die ganze zeitgenössische Kultur so gegenüber wie jene Frauen, die an das Grab des Christus Jesus kamen und den Leichnam suchten, aber das Grab geöffnet fanden und den Leichnam nicht mehr darinnen, und die auf ihre Frage, wo der Leib des Herrn geblieben wäre, die Antwort vernehmen mußten: Der, den ihr suchet, der ist nicht mehr hier!
[ 12 ] We will have to speak often of the peculiar fact that, in the post-Atlantean era, the Mystery of Golgotha had to wait for a cultural epoch in which spiritual understanding of the event that was to take place had already faded, had already ceased to exist. The intellectual or emotional soul was in the process of developing particularly during the Greco-Roman period. It directed its gaze lovingly toward the outer world, as can be seen throughout Greek culture. The Mystery of Golgotha, which could only be grasped with the inner gaze, was essentially met by the entire contemporary culture in the same way as those women who came to the tomb of Christ Jesus seeking the body, but found the tomb open and the body no longer there, and who, when they asked where the Lord’s body had gone, had to hear the answer: “The one you seek is no longer here!”
[ 13 ] So wie sie in der äußeren Welt den Christus suchten, aber ihnen die Antwort kam: Der, den ihr suchet, der ist nicht mehr hier! -, so ging es im Grunde genommen dem ganzen Zeitalter in bezug auf das Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Die Menschen des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes suchten etwas, was dort nicht war, wo sie suchten. Und sie suchten auch noch, als dieser vierte nachatlantische Zeitraum zu Ende ging — er endete mit dem 15. Jahrhundert -, sie suchten auch da noch in derselben Weise. Denn wie die Umsetzung ins Große, das heißt nur ins räumlich Große, dessen, was den Frauen am Grabe des Christus Jesus geschehen war, erscheinen uns die Kreuzzüge. Durch zahlreiche europäische Gemüter geht zur Zeit der Kreuzzüge die Sehnsucht: Wir müssen suchen, was uns teuer ist, am Grabe des Christus Jesus! -— Und ganze Scharen von Menschen bewegten sich nach dem Orient hinüber, um auf diesem Wege zu finden, was sie finden wollten, weil es so ihren Empfindungen entsprach. Und wie kann man charakterisieren, was gerade diejenigen empfunden haben, welche nach dem Oriente in den Kreuzzügen gezogen waren? Es war, wie wenn ihnen der ganze Orient geantwortet hätte: Der, den ihr suchet, der ist nicht mehr hier! Drückt sich darin nicht symbolisch tief aus, daß während des ganzen vierten nachatlantischen Zeitraumes die Menschheit suchen mußte auf dem äußeren physisch-sinnlichen Plane, daß aber der Christus gesucht werden muß auf dem geistigen Plan, auch insofern er in der Erdenwelt ist.
[ 13 ] Just as they sought the Christ in the outer world, but the answer came to them: “The one you seek is no longer here!”—so, in essence, it was with the entire age regarding the understanding of the Mystery of Golgotha. The people of the fourth post-Atlantean cultural epoch sought something that was not where they were looking. And they were still seeking even as this fourth post-Atlantean epoch came to an end—it ended with the 15th century—they were still seeking in the same way even then. For the Crusades appear to us as the transposition into the great—that is, merely the spatially great—of what had happened to the women at the tomb of Christ Jesus. At the time of the Crusades, a longing ran through numerous European minds: We must seek what is dear to us at the tomb of Christ Jesus! — And whole multitudes of people set out for the Orient to find in this way what they sought, because it corresponded so closely to their feelings. And how can one characterize what precisely those who had journeyed to the Orient on the Crusades felt? It was as if the whole Orient had answered them: “The one you seek is no longer here!” Does this not symbolically express, in a profound way, that throughout the entire fourth post-Atlantean epoch humanity had to seek on the outer, physical-sensory plane, but that Christ must be sought on the spiritual plane, even insofar as He is in the earthly world?
[ 14 ] Wo war denn der Christus, als die Frauen ihn am Grabe suchten? Er war im Geistigen, dort, wo er den Aposteln erscheinen konnte, als sie ihre Herzen, ihre Seelen aufschlossen, um durch die nicht bloß sinnlichen Kräfte den im ätherischen Leibe eine Zeitlang nach dem Mysterium von Golgatha herumwandelnden Christus zu schauen.
[ 14 ] Where was Christ when the women sought him at the tomb? He was in the spiritual realm, where he could appear to the apostles when they opened their hearts and souls to behold, through powers not merely sensory, the Christ who, for a time after the Mystery of Golgotha, walked about in his etheric body.
[ 15 ] Wo war denn der Christus, als die Kreuzfahrer ihn äußerlich auf dem physischen Plane im Osten suchten? Auf die Art, wie er als Tatsache in die Menschenseelen einziehen kann, sehen wir ihn zu gleicher Zeit, als ihn die Kreuzfahrer im Osten suchten, einziehen in die Mystiker des Abendlandes. Da ist diese Christus-Kraft, da ist der Christus-Impuls! Während die Kreuzfahrer nach dem Osten ziehen, um den Christus auf ihre Art zu suchen, lebt der lebendige Impuls des Christus — so, wie er in Europa nach den Zeitverhältnissen aufleben konnte - auf in den Seelen eines Johannes Tauler, eines Meister Eckhart und anderer, die ihn nach den Verhältnissen der damaligen Zeit aufnehmen konnten, lebte auf im Geistigen. Er war mittlerweile herübergezogen in die abendländische Kultur und hinweggezogen von dem Orte, wo er gewesen war und wo denjenigen, die ihn suchten, die Antwort gegeben werden mußte: Der, den ihr suchet, der ist nicht mehr hier!
[ 15 ] Where, then, was Christ when the Crusaders were searching for him outwardly on the physical plane in the East? In the way that he can enter human souls as a reality, we see him entering the souls of the mystics of the West at the very same time that the Crusaders were searching for him in the East. There is this Christ-force, there is the Christ-impulse! While the Crusaders were heading east to seek the Christ in their own way, the living impulse of the Christ—as it was able to revive in Europe according to the conditions of the time—was reviving in the souls of a Johannes Tauler, a Meister Eckhart, and others who were able to receive it according to the conditions of that time; it was reviving in the spiritual realm. It had meanwhile moved over into Western culture and away from the place where it had been and where the answer had to be given to those who sought it: “The one you seek is no longer here!”
[ 16 ] Der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum ist die Zeit der Ausbildung des Ich, das heißt, eigentlich der Bewußtseinsseele gewidmet, Aber der Mensch geht ja durch die Bewußtseinsseele hindurch, damit er sich seines Ichs vollständig bewußt werden kann. Von diesen geisteswissenschaftlichen Wahrheiten haben wir ja oftmals gesprochen. Ich spreche gerade in dieser Stunde über diese Wahrheiten noch mit einer ganz besonderen Empfindung.
[ 16 ] The fifth post-Atlantean cultural epoch is the time of the development of the ego; that is to say, it is actually dedicated to the soul of consciousness. But human beings pass through the soul of consciousness so that they may become fully conscious of their ego. We have, of course, spoken often of these spiritual-scientific truths. I am speaking about these truths with a very special feeling in this very hour.
[ 17 ] Es ist begreiflich, daß die Verkündigung dieser Anschauungen in der Gegenwart noch Gegnerschaft über Gegnerschaft hervorruft. Aber bedeutsam für dieses Gefühl, das ich meine, bleibt es doch, wenn man zum Beispiel sagen muß: Sehen Sie, es ist jetzt notwendig geworden, daß ich die zweite Auflage meines Buches «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» fertigstelle. Nun war dieses Buch, als es seinerzeit erschien, ein «Jahrhundertbuch», ein Rückblick auf das verflossene Jahrhundert. Eine zweite Auflage kann natürlich nicht dasselbe sein, denn es hat keinen Sinn, im Jahre 1913 einen Rückblick auf das vorherige Jahrhundert zu schreiben. So mußte denn dieses Buch vielfach in seiner äußeren Fassung umgestaltet werden. Unter anderem sah ich mich auch veranlaßt, eine lange Ausführung als Einleitung zu geben, die einen Überblick von den ältesten griechischen Zeiten bis eben zum 19. Jahrhundert vermitteln soll. So war ich gerade in dieser letzten Zeit genötigt, auch in dieser mehr philosophischen Weise, an meinem Blick vorüberziehen zu lassen die Weltanschauungen von Thales, von Pherekydes aus Syros und so weiter - eben mehr vom philosophischen Standpunkte aus — bis herein in unsere Zeit. Da hat man nicht nur das Spirituelle vor sich, sondern das, was geschichtliche Überlieferung ist; und ich habe mir geradezu die Aufgabe gestellt, nur das zu schildern, was sich auf den philosophischen Fortschritt bezieht und alle religiösen Impulse auszuschlieBen. Gerade dabei stellte sich mit einer tiefgehenden Klarheit die Wahrheit jenes merkwürdigen Umschwunges heraus, der sich beim Aufgange des griechisch-lateinischen Zeitraumes vollzogen hat, wo aus dem alten bildhaften Auffassen der Welt, das noch im ägyptischchaldäischen Zeitraume da war, sich das gedankliche Auffassen der Welt entwickelte, und wie sich dann vom 14., 15. Jahrhundert an das Bewußtsein vom Ich-Impuls - nicht der Ich-Impuls selbst, der zieht ja schon früher in die Menschheit ein — herausentwickelt hat.
[ 17 ] It is understandable that the proclamation of these views still provokes opposition upon opposition in the present day. But it remains significant for this sentiment I am referring to when, for example, one must say: Look, it has now become necessary for me to complete the second edition of my book *Worldviews and Lifestyles in the 19th Century*. Now, when it was first published, this book was a “century book,” a retrospective on the past century. A second edition, of course, cannot be the same, for it makes no sense to write a retrospective on the previous century in 1913. Thus, this book had to be extensively revised in its external form. Among other things, I also felt compelled to provide a lengthy introduction intended to offer an overview from the earliest Greek times right up to the 19th century. Thus, especially in recent times, I have been compelled to let the worldviews of Thales, of Pherecydes of Syros, and so on—precisely from a philosophical standpoint—pass before my eyes, right up to our own time. Here one is confronted not only with the spiritual, but with what constitutes historical tradition; and I have set myself the task of describing only that which relates to philosophical progress, while excluding all religious impulses. It was precisely in doing so that the truth of that remarkable turning point, which took place at the dawn of the Greco-Roman era, emerged with profound clarity—where the old pictorial conception of the world, which was still present in the Egyptian-Chaldean era, gave way to the conceptual conception of the world, and how this then developed from the 14th 15th centuries onward, the awareness of the ego impulse—not the ego impulse itself, which had already entered humanity earlier—developed.
[ 18 ] Da wird es gleichsam, wenn man die einzelnen Philosophen auf ihren Wahrheitsgehalt hin durchnimmt, greifbar, geschichtlich greifbar, wie wahr diese Dinge sind. Deshalb rede ich heute über diese Dinge von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus als es in jenem Buche geschehen kann und mit einer ganz besonderen Empfindung. Aber auch an der äußeren Geschichte kann man betrachten, wie das Ich-Bewußtsein, das Ich-Gefühl sich hereindrängt in die menschliche Seele ungefähr um das 15. Jahrhundert herum.
[ 18 ] When one examines the individual philosophers for the truth of their teachings, it becomes tangible—historically tangible—just how true these things are. That is why I am speaking about these matters today from a completely different perspective than is possible in that book, and with a very special sense of feeling. But one can also observe in external history how self-consciousness, the sense of self, began to make its way into the human soul around the 15th century.
[ 19 ] Diese neuere Epoche seit jener Zeit ist also vorzüglich dafür bestimmt, daß der Mensch gezwungen werde, die Energien, die Kräfte seines Ichs an die Oberfläche zu bringen, sich seines Ichs immer mehr und mehr bewußt zu werden. Dazu ist besonders geeignet die Beschränkung des Blickes auf die nur äußeren Sinneserscheinungen, eine solche Beschränkung, wie sie die moderne naturwissenschaftliche Entwickelung zeigt. Wenn der Mensch in seiner Umwelt nicht mehr dasjenige findet, was ihm in mächtigen Imaginationen, in Bildern erschien im ägyptisch-chaldäischen Zeitraume, oder was sich im griechisch-lateinischen in großen Gedankentableaus auslebt wie bei Plato und Aristoteles und den zu ihnen gehörigen Denkern noch, sondern wenn der Mensch — ohne das Tableau der Imaginationen, ohne das Tableau des Gedankens, wie er noch bei Aristoteles im griechischlateinischen Zeitalter wahrgenommen worden ist — darauf angewiesen ist, nur das im Umkreise seiner Anschauung zu erblicken, was die Sinne bieten, dann muß das Ich, weil es das einzige Geistige nur in sich selber erahnen kann, sich selber ergreifen in seiner Wesenheit und suchen nach der Kraft seines Selbstbewußtseins. Und alle ernstzunehmenden Philosophen seit dem 15. Jahrhundert, wenn man sie in ihrem Nerv betrachtet, sieht man darnach ringen, eine Weltanschauung aufzubauen, die ein solches Weltbild ergibt, daß darin das Ich des Menschen, die selbstbewußte Seele möglich ist und bestehen kann.
[ 19 ] This newer era since that time is therefore primarily intended to compel human beings to bring the energies and powers of their ego to the surface, to become more and more aware of their ego. Particularly conducive to this is the restriction of vision to mere external sensory phenomena—a restriction such as that demonstrated by modern scientific development. When human beings no longer find in their environment what appeared to them in powerful imaginings, in images, during the Egyptian-Chaldean period, or what played out in the Greek-Latin era in grand intellectual tableaux as with Plato and Aristotle and the thinkers associated with them, but when human beings—without the tableau of imaginings, without the tableau of thought as it was still perceived in Aristotle during the Greek-Latin era—is compelled to perceive within the scope of his perception only what the senses offer, then the ego, because it can only intuit the sole spiritual within itself, must grasp itself in its essence and seek the power of its self-consciousness. And all serious philosophers since the 15th century, when viewed at their core, are seen striving to construct a worldview that yields such a picture of the world that within it the human self, the self-conscious soul, is possible and can exist.
[ 20 ] Der vierte nachatlantische Kulturzeitraum, der die Verstandes- oder Gemütsseele entwickelte, hatte aber, wenn auch seinem Verständnis die Auffassung des Mysteriums von Golgatha ferne, ganze ferne lag, noch etwas, was ihm dieses Mysterium von Golgatha nahebringen konnte. Wir nennen die Verstandesseele ja auch Gemütsseele, weil diese Seele wirklich eine Zweiheit ist, weil in der menschlichen Natur in dem Zeitraume, den wir den vierten nachatlantischen nennen, ebenso wie der Verstand auch das Gemüt, das Gefühl, die Empfindung wirkte. Weil auch das Gemüt wirkte, so konnte, was dem Verstande verschlossen war, das Herz fühlen, und es entstand jenes Gefühlsverständnis, das man auch nennen kann den Glauben, für das Mysterium von Golgatha, das heißt, die Menschenseele hatte innerlich ein Gefühl für den Christus-Impuls. Die Menschen fühlten den Christus-Impuls sich einwohnend; sie fühlten sich innerlich, seelisch mit dem Christus-Impuls verbunden, auch wenn sie seine Bedeutung, sein Wesen nicht verstehen konnten. Es war der Christus für sie da. Dieses Da-Sein mußte aber im Zeitalter der Ich-Kultur, in der wir jetzt stehen, noch weiter dahinschwinden; denn das Ich muß gerade, damit es sich in seiner Vereinzelung voll erfassen kann, sich abschließen von allem, was an spirituellen Impulsen unmittelbar zur Seele dringt. So sehen wir denn ein sehr merkwürdiges Schauspiel. Wir sehen mit dem Heraufkommen des neuen Zeitraumes, schon als er sich ankündigt, so recht klar, wie zu dem alten Nichtverstehen ein neues Nichtverstehen kommt, ja, ein Nichtverstehen, das noch weiter geht als das alte. Wer die Tatsachen des spirituellen Lebens prüft, muß es begreiflich finden, daß der vierte nachatlantische Kulturzeitraum nur mit dem Gemüt den Christus-Impuls aufnehmen konnte, ihn aber nicht geistig wirklich erfassen konnte. Aber man wußte durch das, was man aufnehmen konnte, daß der Christus da ist, daß er wirksam ist in der Menschheitsentwickelung. Man fühlte es.
[ 20 ] The fourth post-Atlantean cultural epoch, which developed the intellectual or emotional soul, had, however—even though the concept of the Mystery of Golgotha lay far, very far from its understanding—something else that could bring this Mystery of Golgotha closer to it. We also call the intellectual soul the soul of feeling, because this soul is truly a duality; for in human nature during the period we call the fourth post-Atlantean, just as the intellect was active, so too were the soul of feeling, emotion, and sensation. Because the soul of feeling was also active, what was closed to the intellect could be felt by the heart, and that emotional understanding arose—which one might also call faith—for the Mystery of Golgotha; that is, the human soul had an inner feeling for the Christ impulse. People felt the Christ impulse dwelling within them; they felt inwardly, soulfully connected to the Christ impulse, even if they could not understand its meaning or its essence. Christ was there for them. But this presence had to fade away even further in the age of the ego-culture in which we now find ourselves; for the ego, precisely in order to fully grasp itself in its isolation, must shut itself off from everything that directly penetrates the soul as spiritual impulses. Thus we witness a very strange spectacle. With the advent of the new epoch, even as it announces itself, we see quite clearly how a new incomprehension is added to the old one—indeed, an incomprehension that goes even further than the old. Anyone who examines the facts of spiritual life must find it understandable that the fourth post-Atlantean cultural epoch could only receive the Christ impulse with the soul, but could not truly grasp it spiritually. Yet through what could be received, one knew that Christ is present, that he is active in human development. One felt it.
[ 21 ] Mit dem neuen, dem fünften Zeitraum, kündigte sich noch etwas ganz anderes an. Nicht nur, daß man jetzt Unverständnis gegenüber dem Christus-Wesen entwickelte, sondern auch Unverständnis überhaupt gegenüber allem Göttlich-Geistigen. Und was ist der Beweis dafür - man könnte viele Beweise finden, aber einer spricht besonders klar und&deutlich dafür -, wie man vorrückte in dem Unverständnis, das heißt, daß die Menschen nicht mehr unmittelbar aufnehmen konnten nicht nur das Christus-Prinzip, sondern auch das göttlichgeistige Prinzip überhaupt? Im 12. Jahrhundert, wie vorausverkündend die Ich-Kultur, erfindet Anselmus, der Erzbischof von Canterbury, den sogenannten Gottesbeweis; das heißt, dieser Mann findet sich genötigt, die Gottheit zu «beweisen». Was beweist man denn in solcher Art? Das, was man weiß oder das, was man nicht weiß? Wenn beispielsweise in meinem Garten gestohlen worden ist, und ich kann vom Fenster aus den Dieb beobachten, wie er die Tatsache des Diebstahls vollzieht, dann habe ich nicht nötig zu beweisen, daß dieser Mensch es war, der gestohlen hat. Ich suche es nur dann zu beweisen, wenn ich ihn nicht kenne. Die Tatsache, daß man Gott zu beweisen sucht, ist ein Beweis dafür, daß man ihn nicht mehr kennt, nicht mehr erlebt. Denn was man erlebt, beweist man nicht, sondern was man nicht erlebt, das beweist man. Und dann ging es mit dem Nichtverstehen eigentlich immer weiter und weiter, und heute stehen wir in dieser Beziehung an einem merkwürdigen Punkt. Öfter ist auch von dieser Stelle aus berührt worden, welche unendlichen Mißverständnisse sich in den letzten Jahrhunderten, insbesondere im letzten, aufgetürmt haben gegenüber dem Verständnisse dessen, was das Mysterium von Golgatha, was der Christus Jesus ist, bis zum jetzigen Zeitpunkt, wo selbst von theologischer Seite der Christus Jesus nicht nur herabgewürdigt, herabgewertet worden ist zu einem wenn auch hervorragenden menschlichen Lehrer, sondern, sogar auch von theologischer Seite, in seiner Existenz vollständig geleugnet wird.
[ 21 ] With the new, fifth period, something entirely different began to emerge. Not only did people now develop a lack of understanding toward the Christ Being, but also a lack of understanding toward all things divine and spiritual in general. And what is the proof of this—one could find many proofs, but one speaks particularly clearly and distinctly for it—how did this lack of understanding advance, that is, that people could no longer immediately grasp not only the Christ principle, but also the divine-spiritual principle in general? In the 12th century, as a harbinger of the “I-culture,” Anselm, the Archbishop of Canterbury, invents the so-called “proof of God”; that is, this man feels compelled to “prove” the divinity. What does one prove in such a way? That which one knows, or that which one does not know? If, for example, a theft has occurred in my garden, and I can observe the thief from the window as he commits the act of theft, then I have no need to prove that it was this person who stole. I seek to prove it only if I do not know him. The fact that one seeks to prove God is proof that one no longer knows him, no longer experiences him. For one does not prove what one experiences, but rather what one does not experience, that is what one proves. And then this lack of understanding actually went on and on, and today we stand at a strange point in this regard. It has also often been touched upon from this vantage point just how many endless misunderstandings have piled up over the last few centuries, especially in the last one, have piled up against the understanding of what the Mystery of Golgotha is, what Christ Jesus is, up to the present time, when even from a theological standpoint Christ Jesus has not only been belittled and reduced to an albeit outstanding human teacher, but, even from a theological standpoint, his very existence is completely denied.
[ 22 ] Aber alles dieses hängt ja zusammen mit viel, viel tieferen, charakteristischen Eigenschaften unseres Zeitalters. Nur ist die schnellebige Art unserer Zeit eigentlich nicht dazu bereit, auf das besonders Charakteristische unserer Zeit zu achten; aber die Tatsachen sprechen für den, der beobachten will, eine deutliche, eine nur allzudeutliche Sprache.
[ 22 ] But all of this is, of course, connected to much, much deeper, characteristic features of our age. It is just that the fast-paced nature of our times is not really prepared to pay attention to what is particularly characteristic of our age; yet the facts speak a clear, all-too-clear language to those who are willing to observe.
[ 23 ] Nehmen wir eine Tatsache; ich führe Kleinigkeiten an, aber solche Kleinigkeiten sind eben Symptome. In einer sehr bekannten Wochenschrift fand sich vor kurzer Zeit ein höchst merkwürdiger Aufsatz, der gegenwärtig öfter genannt wird, mit Respekt genannt wird. Er lief auf etwas Sonderbares hinaus, nämlich darauf: Wenn man so die Weltanschauungen, die in den letzten Jahrhunderten aufgetreten sind, betrachte, so habe man eigentlich zu sehr «Begriffe» vor sich; diese Begriffe seien zu unanschaulich. In unsere Sprache übersetzt, heißt es: Sie sind nicht in der Sinneswelt, auf die man sich beschränken will, begreifbar. So findet dieser betreffende Schriftsteller sonderbarerweise, daß der Philosoph Spinoza schwer verständlich sei, wie er aus einem einzigen Begriff heraus, dem Begriff der göttlichen Substanz, die Welt zu begreifen sucht. Da macht denn dieser Schriftsteller zur Reform des philosophischen Verständnisses unserer Zeit einen gewissen Vorschlag, der darauf hinausläuft, anschaulich darzustellen, wie ein Begriff oben die Spitze bildet, und wie dann die Begriffe auseinandergehen, sich spalten; kurz, er macht den Vorschlag, Spinozas Gedankengebäude so zu «veranschaulichen», wie man oft ein Schema hinstellt, damit man nicht mehr zu verfolgen brauche, wie sich die Gedanken in der Seele des Spinoza darstellen, sondern es sinnlich im Film vor sich haben könne. — So wird man vielleicht, wenn sich solche «Ideale» erfüllen, nächstens in die Kinematographentheater gehen, um so die kinematographischen — nicht Aufnahmen, sondern «Übersetzungen», die Gedanken- und Ideengebäude bedeutender Männer zu sehen, zu verfolgen!
[ 23 ] Let’s take a fact; I’m citing trivialities, but such trivialities are precisely symptoms. A highly peculiar essay appeared recently in a very well-known weekly magazine, one that is currently being cited frequently and spoken of with respect. It amounted to something strange, namely this: If one considers the worldviews that have emerged over the past few centuries, one is actually confronted with too many “concepts”; these concepts are too abstract. Translated into our language, this means: They are not comprehensible within the sensory world to which one wishes to confine oneself. Thus, this writer strangely finds that the philosopher Spinoza is difficult to understand, as he seeks to comprehend the world from a single concept, the concept of divine substance. This writer then makes a certain proposal for reforming the philosophical understanding of our time, which amounts to illustrating how a concept forms the apex at the top, and how the concepts then diverge and split apart; in short, he proposes to “illustrate” Spinoza’s conceptual edifice in the same way one often presents a diagram, so that one no longer needs to follow how the thoughts are represented in Spinoza’s mind, but can instead have them sensually before one’s eyes in a film. — Thus, perhaps, if such “ideals” are realized, people will soon go to the movie theaters to see and follow the cinematic—not recordings, but “translations”—of the structures of thought and ideas of great men!
[ 24 ] Es ist das ein bedeutsames Symptom dafür, wozu es die Menschenseele in unserer Zeit gebracht hat, ein Symptom, das man wohl erwähnen muß aus einem ganz bestimmten Grunde: Weil man nicht wahrgenommen hat, was man hätte wahrnehmen müssen, wenn in gesunder Weise ein solches Symptom betrachtet worden wäre: daß ein Hohngelächter sich hätte entwickeln müssen über diese Narretei, über den Wahnsinn, der in einer solchen Philosophiereform liegt! Denn der Eifer, der sich in einem solchen Hohngelächter ausdrücken würde, der ist wohl schon eine heilige Notwendigkeit zu nennen.
[ 24 ] This is a significant symptom of where the human soul has ended up in our time, a symptom that must be mentioned for a very specific reason: Because people have failed to perceive what they should have perceived had such a symptom been viewed in a healthy manner: that a mocking laugh should have arisen at this folly, at the madness inherent in such a reform of philosophy! For the zeal that would be expressed in such a mocking laugh can surely be called a sacred necessity.
[ 25 ] Das ist ein Symptom — denn es ist eben als ein Symptom zu betrachten - dafür, wie notwendig unserem Zeitalter die spirituelle Vertiefung ist, aber die wahre spirituelle Vertiefung. Denn nicht nur spirituelle Vertiefung überhaupt ist notwendig, sondern jene spirituelle Vertiefung, die, wenn sie die echte ist, in die Wahrheit führen muß; die ist es, die den Seelen der Gegenwart not tut. Unsere Zeit ist gerade dort, wo Bildung und gar Weltanschauungsbildung zu Hause sein will, nur zu sehr geneigt, sich mit dem zu begnügen, was von wirklicher Spiritualität weit, weit wegführt. Denn unsere Zeit begnügt sich leicht mit dem Schein; aber der Schein führt auf irgendeinem Wege doch, wenn er für die Strömung auftritt, für die er hier gemeint ist, zur inneren Unwahrheit und Unwahrhaftigkeit. Dafür ein anderes Symptom.
[ 25 ] This is a symptom—for it must indeed be regarded as a symptom—of how much our age needs spiritual deepening, but true spiritual deepening. For it is not merely spiritual deepening in general that is necessary, but that spiritual deepening which, if it is genuine, must lead to the truth; it is this that the souls of the present need. Our age, precisely where education and even the formation of a worldview ought to be at home, is all too inclined to be content with what leads far, far away from true spirituality. For our time is easily satisfied with appearances; but appearances, when they represent the current of thought to which they are here referred, lead in one way or another to inner untruth and insincerity. Here is another symptom.
[ 26 ] Man kann heute vielfach eine Weltanschauung rühmen hören, die viel Aufsehen gemacht hat: die des Philosophen Eucken. Nicht nur, daß Eucken einen weltberühmten Preis, den Nobel-Preis erhalten hat für seine Weltanschauung, sondern er wird auch gerühmt als derjenige, der den Menschen wieder vom Geist zu reden wagt. Dieses Rühmen geschieht aber nicht, weil dieser Eucken so schön vom Geist spricht, sondern weil sich die Menschen, wenn es sich um den Geist handelt, sich heute so leicht begnügen mit dem Allergeringsten, wenn ihnen nur etwas von dem Geiste vorgepredigt wird und weil Eucken immerzu, in unzähligen Umwandelungen, von dem Satze redet, den man in seinen Büchern immer wieder lesen kann, nur merken die Menschen nicht, daß es ewige Wiederholungen sind: Es genüge nicht, zu begreifen, daß die Welt sinnlich ist, sondern der Mensch müsse sich innerlich erfassen und sich so - innerlich — mit dem Geiste zusammenschließen. - Nun haben wir es: Der Mensch muß sich innerlich erfassen und muß sich innerlich mit dem Geiste zusammenschließen! Immer wieder tritt einem dieser Satz in den Büchern Euckens entgegen, und nicht bloß drei- oder viermal, sondern gleich fünf- oder sechsmal: also ist das eine «geistige» Weltanschauung! Gerade solche Symptome sind bedeutsam, weil wir an ihnen sehen, was heute für «groß» gehalten werden kann bei denen, die sich zu den besten Verstehern rechnen müssen. Aber könnte man doch nur lesen! Denn wenn man das letzte Buch von Eucken, «Können wir noch Christen sein?», aufschlägt, dann findet man dort einen merkwürdigen Satz, der ungefähr so heißt: Heute sei der Mensch darüber hinaus, noch an Dämonen zu glauben, wie man unmittelbar in dem Zeitalter des Christus an Dämonen geglaubt habe; man brauche heute eine andere Christus-Darstellung, die nicht mehr die Dämonen darstelle und als Wahrheit hinnehme. — Sehr schmeichelhaft ist es für jeden Menschen der heutigen aufgeklärten Zeit, daß ihm der große Lehrer Eucken vorhält, daß er darüber hinaus sei, heute noch an Dämonen zu glauben. Liest man aber das Buch weiter, so findet man einen merkwürdigen Satz: «Die Berührung von Göttlichem und Menschlichem erzeugt dämonische Mächte.»
[ 26 ] Today, one often hears praise for a worldview that has caused quite a stir: that of the philosopher Eucken. Not only did Eucken receive a world-famous prize, the Nobel Prize, for his worldview, but he is also praised as the one who dares to speak to people about the spirit again. But this praise does not arise because Eucken speaks so beautifully of the spirit, but because, when it comes to the spirit, people today are so easily satisfied with the very least—provided only that something about the spirit is preached to them—and because Eucken constantly, in countless variations, speaks of the proposition that can be read again and again in his books, only people do not realize that these are endless repetitions: It is not enough to grasp that the world is sensory, but rather man must grasp himself inwardly and thus—inwardly—unite himself with the Spirit. —Now we have it: Man must grasp himself inwardly and must unite himself inwardly with the Spirit! Time and again this sentence confronts one in Eucken’s books, and not just three or four times, but as many as five or six times: so this is a “spiritual” worldview! It is precisely such symptoms that are significant, because in them we see what can be considered “great” today among those who must count themselves among the best interpreters. But if only one could read! For when one opens Eucken’s latest book, “Can We Still Be Christians?”, one finds there a curious sentence that goes something like this: Today, humanity has moved beyond believing in demons in the same way that people believed in them directly in the age of Christ; today we need a different portrayal of Christ, one that no longer depicts demons and accepts them as truth. — It is very flattering for every person in today’s enlightened age that the great teacher Eucken tells them they have moved beyond believing in demons today. But if one reads on, one finds a curious sentence: “The contact between the divine and the human generates demonic powers.”
[ 27 ] Ich möchte einmal fragen, ob wirklich alle Leute, die das Euckensche Buch gelesen haben, gelacht haben über diese Euckensche Naivität, will sagen «Weisheit», die es zustande bringt, auf der einen Seite zu sagen, man sei über den Glauben an Dämonen hinaus und auf der anderen Seite über ein «Dämonisches» redet. Selbstverständlich werden die Eucken-Leute sagen: Da ist das Dämonische in übertragenem Sinne gemeint, da ist es nicht so ernst gemeint. -— Aber darum handelt es sich gerade, daß die Leute Worte und Ideen gebrauchen und sie nicht ernst nehmen. Ja, darin liegt die tiefe innere Unwahrhaftigkeit! Zu der wirklichen geisteswissenschaftlichen Weltanschauung aber gehört es, sich bewußt zu werden, daß man die Worte ernst zu nehmen hat und nicht von einem Dämonischen spricht, wenn man nicht die Absicht hat, das Wort ernst zu nehmen.
[ 27 ] I would like to ask whether really everyone who has read Eucken’s book has laughed at this Euckenian naivety—or rather, “wisdom”—that leads him to claim, on the one hand, that he has moved beyond belief in demons, while on the other hand speaking of something “demonic.” Of course, Eucken’s followers will say: The “demonic” is meant in a figurative sense; it is not meant to be taken so seriously. — But that is precisely the point: that people use words and ideas without taking them seriously. Yes, therein lies the deep inner insincerity! But part of a genuine spiritual-scientific worldview is becoming aware that one must take the words seriously and not speak of the “demonic” unless one intends to take the word seriously.
[ 28 ] Es könnte sonst den Leuten immer wieder so gehen, wie es dem Vorsitzenden eines Weltanschauungsvereins gegangen ist, in dem ich einen Vortrag zu halten hatte. Ich machte in dem Vortrag darauf aufmerksam, daß in dem Buche von Adolf von Harnack «Das Wesen des Christentums» steht, daß es nicht das Wesentliche sei, zu erfahren, was auf Golgatha geschehen sei, das könne man dahingestellt sein lassen; aber nicht dürfe man dahingestellt sein lassen, daß von jener Zeit ausgegangen sei der Glaube an das Mysterium von Golgatha gleichgültig, ob der Glaube sich auf etwas Wirkliches bezieht oder nicht. Der Betreffende — er war Vorsitzender eines Berliner Weltanschauungsvereins und selbstverständlich Protestant — sagte zu mir: Ich habe das Buch gelesen, aber das nicht darin gefunden; das kann Harnack nicht gesagt haben, denn das wäre ja eine katholische Idee. Die Katholiken sagen zum Beispiel: Was auch hinter dem Heiligen Rock zu Trier steht, das ist nicht das Wichtige, der Glaube daran ist das Wichtige. — Ich mußte ihm dann die Seite aufschreiben, wo der Satz steht. Vielleicht geht es vielen Leuten so, daß sie ein Buch lesen, aber gerade das Wichtige, das symptomatisch ist, nicht gelesen haben.
[ 28 ] Otherwise, people might repeatedly find themselves in the same situation as the chairman of an ideological association where I was scheduled to give a lecture. In the lecture, I pointed out that Adolf von Harnack’s book *The Essence of Christianity* states that it is not essential to know what happened on Golgotha; that can be left open; but one must not leave open the question of whether the belief in the mystery of Golgotha originated from that time, regardless of whether that belief refers to something real or not. The man in question—he was the chairman of a Berlin philosophical society and, of course, a Protestant—said to me: “I have read the book, but I did not find that in it; Harnack cannot have said that, for that would be a Catholic idea.” Catholics say, for example: Whatever lies behind the Holy Robe in Trier is not what matters; belief in it is what matters. — I then had to write down the page where the sentence appears. Perhaps it is the case for many people that they read a book but have failed to read precisely what is important, what is symptomatic.
[ 29 ] So haben wir ein Streiflicht auf unsere Zeit geworfen. Hier entdecken wir eine Notwendigkeit, die besonders für unsere Zeit vorliegt, aus den Symptomen der Gegenwart heraus: die Notwendigkeit, daß sich wirklich geistige Gewissenhaftigkeit in unserem Zeitalter entwickeln möge, daß wir lernen mögen, so etwas nicht mit Gleichgültigkeit hinzunehmen, wenn der Vertreter einer geistigen Weltanschauung einmal sagt, man sei über die Dämonen hinaus und nachher das Wort «dämonisch» in einem sonderbaren Sinne gebraucht. Wenn man aber bedenkt, daß wir im Zeitalter der « Zeitungskultur» leben, dann darf man nicht etwa sagen, man habe wenig Hoffnung, daB eine solche Kultur der Gewissenhaftigkeit sich schon entwickeln könne; sondern man muß sagen, daß es um so notwendiger ist, alles zu tun, was zu einer solchen Kultur der Gewissenhaftigkeit führen könne. Es wird das ja intensiv durch die Geisteswissenschaft vorbereitet; aber man muß die Augen aufmachen, um die Symptome unserer Zeit zu sehen.
[ 29 ] In this way, we have shed some light on our times. Here we discover a necessity that is particularly relevant to our era, emerging from the symptoms of the present: the necessity that true spiritual conscientiousness may develop in our age, that we may learn not to accept with indifference when the proponent of a spiritual worldview claims that we have moved beyond demons, only to subsequently use the word “demonic” in a peculiar sense. But when one considers that we live in the age of “newspaper culture,” one must not say that there is little hope that such a culture of conscientiousness could develop; rather, one must say that it is all the more necessary to do everything that could lead to such a culture of conscientiousness. This is, of course, being intensively prepared for by spiritual science; but one must open one’s eyes to see the symptoms of our time.
[ 30 ] Auf noch eine Tatsache will ich hinweisen. Von den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts an hat das Buch von Ernest Renan «Das Leben Jesu» einen ungeheuren Eindruck gemacht. Ich erwähne besonders diese Tatsache, um zu zeigen, wie es in unserer Zeit um das Verständnis des Mysteriums von Golgatha steht. Wenn man das Buch von Ernest Renan liest, so sagt man sich: Nun, da schreibt erstens ein Mensch in einem wunderschönen Stile, ein Mensch, der alle die Stätten des Heiligen Landes durchwandert hat und daher schönstes Lokalkolorit zu geben vermag; und dann schreibt darin ein Mensch, der nicht an die Gottheit Christi glaubt, der aber mit unendlicher Verehrung von der erhabenen Gestalt des Jesus spricht. Aber nun gehe man auf die Darstellung genauer ein. Da schildert sonderbarerweise Ernest Renan den Fortgang in dem Leben Jesu so, daß er eigentlich zeigt, daß es dem Jesus geht, wie es so jedem geht — manchem in größerem, manchem in kleinerem Maßstabe -, der irgendeine Weltanschauung vor irgendeiner größeren oder geringeren Anzahl von Menschen zu vertreten hat. Und so ungefähr geht es einem solchen Menschen: Zuerst tritt er mit dem auf, was er nur allein glaubt und tritt damit vor die Menge hin; dann kommen die Menschen heran; der eine hat dies Bedürfnis, der andere jenes, der eine versteht die Sache so, der andere so, der eine hat diese Schwäche, der andere jene, und dann kommt der, welcher zuerst aus einer inneren Wahrheit heraus gesprochen hat, dazu, sozusagen klein beizugeben. Kurz, Renan meint, mancher, der Bedeutendes zu sagen habe, zeige, daß ihm dies im Grunde genommen die Anhänger verdorben haben. Und er hat die Ansicht, auch der Christus Jesus sei von seinen Anhängern verdorben worden. Man nehme zum Beispiel das Lazarus-Wunder. So wie es dargestellt ist, sei ja doch das darin enthalten, daß man sagen müsse: Das Ganze wäre doch so etwas wie ein Schwindel, ließ sich aber gut gebrauchen, damit die Sache sich ausbreite; darum habe Jesus es geschehen lassen. Und so sind andere Dinge dargestellt. Dann aber, nachdem dargestellt worden ist, wie nach und nach das Leben des Christus Jesus ein Niedergang ist, folgt wieder am Schlusse ein Hymnus, der nur wie an das Allerhöchste gerichtet werden kann. -— Nun nehmen wir einmal diese innere Unwahrheit! In dem Buch von Renan ist Tatsache eine Mischung von zwei Dingen: etwas außerordentlich Schönes, eine glänzende, in manchen Partien erhabene Darstellung durchmischt sich mit einem Hintertreppenroman — aber zum Schlusse ein ungeheurer Hymnus auf das erhabene Bild des Jesus. Auf was richtet sich dieser Hymnus? Auf den Jesus? Auf den, den Renan selbst schildert, kann er sich eigentlich nicht recht richten, wenn man eine gesunde Seele hat; denn diese Lobeserhebungen würde man nicht sprechen auf den Christus Jesus, den Renan darstellt. Also ist das Ganze doch innerlich unwahr!
[ 30 ] I would like to point out one more fact. From the 1860s onward, Ernest Renan’s book *The Life of Jesus* made an immense impression. I mention this fact in particular to show the state of our understanding of the mystery of Golgotha in our time. When one reads Ernest Renan’s book, one says to oneself: Well, here is a man who writes in a beautiful style, a man who has wandered through all the sites of the Holy Land and is therefore able to convey the most beautiful local color; and here is a man who does not believe in the divinity of Christ, yet speaks with infinite reverence of the sublime figure of Jesus. But let us now examine the account more closely. Strangely enough, Ernest Renan describes the course of Jesus’ life in such a way that he actually shows that Jesus is like everyone else—some to a greater extent, some to a lesser—who has to represent some worldview before a greater or lesser number of people. And this is roughly how it goes for such a person: First, he steps forward with what he alone believes and presents it to the crowd; then people approach him; one has this need, another that; one understands the matter this way, another that way; one has this weakness, another that; and then the one who initially spoke from an inner truth ends up, so to speak, backing down. In short, Renan believes that some who have something significant to say reveal that, fundamentally, their followers have corrupted them. And he holds the view that even Jesus Christ was corrupted by his followers. Take, for example, the miracle of Lazarus. As it is presented, it implies that one must say: The whole thing would be something of a hoax, but it was useful for spreading the message; that is why Jesus allowed it to happen. And other things are portrayed in this way. But then, after it has been shown how the life of Jesus Christ gradually declines, a hymn follows at the end that can only be addressed to the Most High. — Now let us consider this inner untruth! In Renan’s book, the reality is a mixture of two things: something extraordinarily beautiful, a brilliant, in some parts sublime portrayal, is intermingled with a soap opera—but at the end, a tremendous hymn to the sublime image of Jesus. To whom is this hymn directed? To Jesus? It cannot really be directed to the Jesus whom Renan himself depicts, if one has a sound mind; for one would not utter such words of praise about the Christ Jesus whom Renan portrays. Thus, the whole thing is, after all, intrinsically untrue!
[ 31 ] Was habe ich Ihnen denn eigentlich mit diesen Betrachtungen andeuten wollen? Ich möchte es zum Schluß in wenige Worte zusammenfassen. Ich habe andeuten wollen, daß das Mysterium von Golgatha gefallen ist in ein Zeitalter der Menschheitsentwickelung, in welchem die Menschheit nicht vorbereitet war, es zu verstehen, daß aber auch in unserem Zeitalter die Menschheit noch immer nicht dazu vorbereitet ist.
[ 31 ] What, then, was I actually trying to convey to you with these reflections? I would like to summarize it in a few words at the end. I wanted to suggest that the Mystery of Golgotha occurred in an era of human development in which humanity was not prepared to understand it, and that even in our own era, humanity is still not prepared for it.
[ 32 ] Aber seine Wirkung besteht seit zweitausend Jahren! Diese Wirkung ist da. Wie ist sie da? So, daß sie unabhängig ist von dem Verständnis, das ihr die Menschheit bis heute entgegengebracht hat. Hätte der Christus in der Menschheit nur in dem Maße wirken können, als er «verstanden» worden ist, so hätte er nur wenig wirken können. Aber auch das werden wir in zukünftigen Betrachtungen sehen, daß wir im gegenwärtigen Zeitraum in einem Entwickelungspunkte leben, wo es eben notwendig ist, jenes Verständnis zu entwickeln, das bisher nicht da war. Denn wir leben in dem Zeitraum, in welchem eine gewisse Notwendigkeit entstehen wird, den Christus nicht mehr dort zu suchen, wo er nicht ist, sondern da, wo er wirklich ist. Denn er wird im Geistigen erscheinen und nicht im Leibe, und die ihn im Leibe suchen werden, werden immer wieder die Antwort bekommen: Der, den ihr im Leibe suchet, der ist nicht im Leibe! — Ein neues Verständnis, das vielleicht in vieler Beziehung sogar ein erstes Verständnis des Mysteriums von Golgatha sein wird, brauchen wir. Die Zeit des Nichtverstehens muß der Zeit des ersten Verstehens weichen. Das ist es, was ich mit den heutigen Betrachtungen andeuten wollte und was wir bei den nächsten Betrachtungen fortsetzen werden.
[ 32 ] But his influence has been at work for two thousand years! This influence is present. How is it present? In such a way that it is independent of the understanding that humanity has shown toward it up to the present day. If Christ had been able to work within humanity only to the extent that he was “understood,” he would have been able to accomplish very little. But we will also see in future reflections that we are living in a period of development where it is precisely necessary to develop that understanding which has not existed until now. For we are living in a time when a certain necessity will arise to no longer seek the Christ where he is not, but where he truly is. For he will appear in the spiritual realm and not in the body, and those who seek him in the body will repeatedly receive the answer: He whom you seek in the body is not in the body! — We need a new understanding, which in many respects may even be a first understanding of the Mystery of Golgotha. The time of non-understanding must give way to the time of first understanding. This is what I wanted to suggest with today’s reflections, and what we will continue in the next reflections.
