Christ and the Spiritual World
The Search for the Holy Grail
GA 149
29 December 1913, Leipzig
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Christ and the Spiritual World, tr. Davy, et. al.
Zweiter Vortrag
Lecture Two
[ 1 ] Wenn wir uns noch einmal zurückrufen die Gedanken der gestrigen Betrachtung, so können wir sie zusammenfassen in die Worte, daß das Zeitalter im Beginne unserer Zeitrechnung sich aus dem Schatze seiner Weisheit heraus alle mögliche Mühe gegeben hat, das Mysterium von Golgatha zu verstehen, und daß diese Weisheit bei diesem Unternehmen die allergrößten Schwierigkeiten gefunden hat. Wir müssen bei dieser Erscheinung noch etwas verweilen, denn es wäre unmöglich, ohne das rechte Verständnis für dieses notwendige Mißverstehen dessen, was geschehen war durch das Mysterium von Golgatha, ohne ein Verständnis dieser Erscheinung eine bedeutsame Tatsache der späteren Jahrhunderte ins gehörige Licht zu fassen: das Aufkommen der Grals-Ideen, die gerade in unserem Zusammenhang mit einigen Worten zu besprechen sein werden. Gerade wenn wir auf die bedeutsamste, weisheitsvolle Richtung der Epoche vom Beginne unserer Zeitrechnung, auf die Gnostiker blicken, so können wir im Sinne der gestrigen Ausführungen sehen, wie tief eindringlich, wie grandios-genialisch ihre Ideen auf der einen Seite waren, um in ein gewaltiges Weltbild hineinzustellen den Gottessohn. Wenn wir aber nur auf dasjenige blicken, was uns möglich war über dieses Mysterium von Golgatha heute schon herauszufinden aus der geistigen Chronik der Zeiten, so müssen wir doch sagen: nichts Rechtes ist anzufangen mit den Begriffen und Ideen der Gnostiker. Und das sehen wir insbesondere genau, wenn wir hinblicken auf mancherlei Vorstellungen, die sich die Gnostiker über das Erscheinen des Christus im Jesus von Nazareth gebildet haben. Da gab es solche, welche aus der Gnosis heraus sich wohl sagten: Ja, diese Christus-Wesenheit ist eine über alles Irdische hinausgehende, in den geistigen Reichen wurzelnde Wesenheit; eine solche Wesenheit kann nur zeitweilig sich aufhalten in einem Leibe, der ein Menschenleib ist, wie der Leib des Jesus von Nazareth.
[ 1 ] If we call to mind once more the thoughts of yesterday's lecture, we can draw them together by saying that the period at the beginning of our era took all possible pains to understand the Mystery of Golgotha out of the treasure of its wisdom, and that this endeavour encountered the very greatest difficulties. We must pause to consider this, for unless we are clear about this inevitable misunderstanding of what came about through the Mystery of Golgotha, we shall not be able to comprehend an essential fact of later centuries: the advent of the Grail idea, concerning which we shall have something to say in connection with our subject. When we recall the beginning of our era and look at its most significant, wisdom-filled current of thought—when we look, that is, at the Gnostics—then on the one hand we can see, in the light of yesterday's lecture, how grandly original were the ideas with which they sought to place the Son of God in the centre of an imposing world-picture. But if on the other hand we look at what can be learnt about the Mystery of Golgotha from the spiritual chronicle of the time, then we must say that no real truth can be had from the concepts and ideas of the Gnostics. And this is particularly evident when we consider the various ways in which the Gnostics pictured the manifestation of the Christ in Jesus of Nazareth.
[ 2 ] Diese Gnostiker, die so sprachen, sie haben ja das getroffen, was wir heute immer wieder und wieder betonen müssen: daß es richtig ist, daß durch drei Jahre hindurch die Christus-Wesenheit zeitweilig, vorübergehend, in dem Leibe des Jesus von Nazareth wohnte. Allein, diese Gnostiker kamen nicht zurecht mit der Art, wie die ChristusWesenheit in dem Leibe des Jesus von Nazareth lebte. Denn erstens war ihnen das Geheimnis des Leibes des Jesus von Nazareth selber nicht klar; sie wußten nicht, daß in diesem Leibe ja das Ich des Zarathustra wohnte, daß die drei Leiber des Jesus von Nazareth solche waren, daß sie in ihrer Zusammenfügung eine Menschheitssubstanz darstellten, die vorher niemals auf der Erde im Fleisch verkörpert war. Die ganze Beziehung des Christus zu den beiden Jesusknaben überschauten diese Gnostiker nicht. Daher kam es ihnen immer unbefriedigend vor, was sie selber sagen konnten, oder wenigstens kam es ihren Anhängern bald unbefriedigend vor, was sie sagen konnten über das zeitweilige Verweilen des Christus im Leibe des Jesus von Nazareth. Auch die Art der Geburt, dieses gewaltigste Mysterium der Menschheitsentwickelung, berührten die Gnostiker in ihrer Weise. Wohl wußten sie, daß dasjenige, was die Erscheinung des Christus auf Erden notwendig gemacht hat, zusammenhängt mit dem Durchgang durch die fleischliche Empfängnis. Aber die Mutter des Jesus von Nazareth in Beziehung zu bringen zu der Geburt des Christus-Jesus, das vermochten sie nicht völlig durchzuführen. Und diejenigen — es gab auch solche —, die es durchzuführen versuchten, die wurden eigentlich sehr wenig verstanden. Auch gab es Gnostiker, welche aus den eben charakterisierten Schwierigkeiten heraus ganz die fleischliche Erscheinung des Christus auf Erden leugneten, die sich die Vorstellung machten, daß vor und nach dem Tode auf Golgatha auf Erden nur herumgegangen wäre ein Scheinleib, also was wir einen astralischen Leib nennen würden, der da oder dort eben erschien, der aber nicht ein physischer Leib war. Weil man Schwierigkeiten darin fand, zu einer Vorstellung zu kommen, wie der Christus sich mit einem fleischlichen Leibe verbinden kann, so sagte man, er habe sich überhaupt nicht mit einem solchen verbunden. Maja sei es gewesen, wenn die Menschen geglaubt haben, daß er in einem fleischlichen Leibe herumgegangen sei. Auch dieses fand keine Anerkennung. Man sieht überall, daß die Gnostiker sich mit ihren Begriffen und Ideen bemühten, das historisch größte Problem der Erdenentwickelung zu bewältigen, daß aber in gewisser Beziehung doch ihre Begriffe und Ideen nicht ausreichten; sie erwiesen sich gleichsam ohnmächtig gegenüber dem, was geschehen war.
[ 2 ] There were some Gnostics who said: “Yes, the Christ is a Being who transcends everything earthly and comes from spiritual realms; such a Being can remain for only a limited time in a human body, as was the body of Jesus of Nazareth.” These Gnostics had discerned something which today we must emphasise again and again: that in truth the Christ Being dwelt for three years only in the body of Jesus of Nazareth. But these Gnostics went wrong over the way in which the Christ Being dwelt in the body of Jesus. First of all, the mystery of the body of Jesus of Nazareth was not clear to them. They did not know that the Ego of Zarathustra had lived in this body; that the three bodies of Jesus of Nazareth represented in their conjunction an essence of humanity which had never before been incarnated in the flesh on Earth. The whole relation of the Christ to the two Jesus-boys1See, among others, the following references in lecture courses by Dr. Steiner: The Gospel of St. Luke, notably lectures 4 to 7; The Gospel of St. Matthew, notably lecture 6; The Spiritual Guidance of Man and of Mankind; Deeper Secrets of Human History in the Light of St. Matthew's Gospel. was hidden from these Gnostics. Hence they were never satisfied—or at least their followers were never satisfied—with what they could say about the temporary inhabiting of the body of Jesus of Nazareth by the Christ. Another question touched on by the Gnostics was the manner of the birth of Christ, the most tremendous mystery in human evolution. They knew well enough that the necessary reason for the appearance of Christ on Earth is connected with the passage through conception in the flesh, but they could not quite see how to bring the mother of Jesus into relation with the birth of Christ. And those who tried to work this out—there were some—were very little understood. Again, there were Gnostics who because of these various difficulties denied entirely that the Christ had appeared on Earth in bodily form. They formed the idea that it was only a phantom body—what we should call an astral body—which had gone about on, Earth before and after the death on Golgotha: it had appeared here and there, but it was not a physical body. Because of the difficulty of conceiving how the Christ could have been united with a physical body, it was said that no such union had occurred and that when people thought He had gone about in a physical body, this was illusion, Maya. This notion, too, gained no recognition. So we can see everywhere that the Gnostics tried to master with their concepts the greatest historical mystery in the Earth's evolution; but their ideas were inadequate, powerless in face of what had actually occurred.
[ 3 ] Nun werden wir ja noch zu sprechen haben über die Art, in welcher Paulus mit dem Problem fertig zu werden versuchte. Aber es wird zuerst gut sein, wenn wir uns klarmachen, was denn eigentlich vorgelegen hat, daß ein solches Mißverstehen uns sozusagen wie eine Notwendigkeit entgegentritt. Wenn wir mit den Mitteln der Geistesforschung uns eine Reihe von Fragen stellen und diese dann versuchen zu beantworten, so wird uns zunächst abstrakt, möchte man sagen, klarwerden, was eigentlich vorlag.
[ 3 ] Now we must speak of the way in which Paul tried to come to terms with the problem, but first it will be well to grasp clearly how it was that such misunderstandings were inevitable. If with the help of spiritual investigation we ask ourselves a series of questions and try to answer them, the course of events will become apparent to us in—one might say—an abstract form.
[ 4 ] Man kann zum Beispiel so fragen: Wenn das Zeitalter des Christus Jesus so wenig in der Lage war, seine Wesenheit zu verstehen, wäre ein anderes Zeitalter imstande gewesen, ihn zu verstehen? Wenn man sich zurückversetzt in die Seelen der Menschen der verschiedenen Epochen, so kommt man allerdings als Geistesforscher zu einem sonderbaren Resultat. Man kann sich zunächst in die Seelen der großen Lehrer des uralten Indiens versetzen, der indischen Kultur, die die erste war der nachatlantischen Zeit. Wir stehen da, wie wir das oftmals betont haben, mit allertiefster Bewunderung vor der umfassenden und tiefgründigen, überall von hellsichtigen Ausblicken durchzogenen Weisheit der heiligen indischen Rishis der alten Zeit. Wir wissen, daß in die Seelen dieser großen Lehrer ihrer Epoche hereingezogen sind die Weltengeheimnisse, die den späteren Epochen für die Weisheitserkenntnis verlorengegangen sind. Und wenn man sich mit dem hellseherischen Bewußtsein, so gut es geht, in die Seele eines solchen großen Lehrers Altindiens versetzt, dann muß man sagen: Wenn es möglich gewesen wäre, daß die Christus-Wesenheit dazumal, meinetwillen inmitten der heiligen Rishis, auf Erden erschienen wäre, dann wäre die Weisheit dieser Rishis im höchsten Maße fähig gewesen, das Wesen des Christus zu verstehen. Da hätte es keine Schwierigkeiten gegeben, man hätte gewußt, um was es sich handelt. Und weil man so bedeutsame Erscheinungen wie die eben charakterisierte eigentlich in abstrakten Worten gar nicht ordentlich aussprechen kann, so gestatten Sie, meine lieben Freunde, ein Bild.
[ 4 ] For example, we can ask: If the epoch of Christ Jesus was so poorly equipped to understand His nature, would another epoch have been in a position to understand Him? If as a spiritual investigator one enters into the souls of men at different periods of the past, one certainly comes to a strange result. First of all, one can enter into the souls of the great teachers of the ancient Indian civilisation, the first of the post-Atlantean culture-epochs. There, as we have often emphasised, we stand with deepest admiration before the comprehensive, deeply-grounded wisdom, permeated throughout with clairvoyant vision, of the holy Indian Rishis of that ancient time. We know that the souls of those great teachers were open to cosmic mysteries which were lost to the wisdom-knowledge of later times. And when one tries to enter clairvoyantly, as well as one can, into the soul of one of these great teachers of ancient India, one must say that if it had been possible for the Christ Being to have appeared on Earth among the holy Rishis at that time, their wisdom would have been in the highest degree capable of understanding the nature of Christ. Then there would have been no difficulties; they would have known what it was all about. And since one cannot properly express in abstract words such significant phenomena as those I have just described, let me evoke a picture.
[ 5 ] Ich möchte sagen: Die heiligen Rishis Altindiens würden, wenn sie vernommen hätten den Glanz der Weisheit, der die Welt durchpulsenden Weisheit des Logos in einem Menschen, sie würden dem Logos ihren Opferweihrauch dargebracht haben, das Symbolum der Anerkennung des Göttlichen, das in die Menschheitssphäre hereinarbeitet. Aber diese Christus-Wesenheit konnte in jener Zeit keinen Körper finden. Die Körper wären in jener Zeit für sie nicht geeig: net gewesen. So konnte sie nicht — wir werden die Gründe dafür später anführen — in dem Zeitalter erscheinen, in dem alle Mittel für das Verständnis vorhanden gewesen wären.
[ 5 ] If the holy Rishis of ancient India had perceived in a man the splendour of the wisdom of the Logos, the wisdom that pulses through the world, they would have brought to the Logos their offering of frankincense, symbolising a recognition of the Divine that works in the realms of humanity. But the Christ Being could find no body at that period; the bodies of that time would not have been suitable for Him. So He could not appear—the reasons for this will be given later—in the epoch when all the means of understanding were present.
[ 6 ] Und wenn wir weitergehen und uns versetzen in die Seelen der alten Zarathustra-Kultur, so können wir sagen: Mit jenen hohen Mitteln der uralt indischen Kultur waren diese Seelen der Zarathustra-Kultur zwar nicht mehr ausgerüstet; aber verstanden würden sie haben, daß der Sonnengeist sich vorgesetzt hätte, in einem menschlichen Leib zu leben, und sie würden in der Lage gewesen sein, das Sonnengeistmäßige einer solchen Tatsache zu verstehen. Wenn ich wieder bildlich sprechen wollte, so müßte ich sagen: Es würden die Schüler Zarathustras ihren Sonnengeist im Menschen mit dem leuchtenden Gold gefeiert haben, dem Symbolum der Weisheit.
[ 6 ] If we go further and enter into the souls of the old Zarathustrian civilisation, we can say: These souls were certainly not endowed with the high spiritual resources of the old Indian civilisation, but they would have understood that the Sun-Spirit had elected to live in a human body, and they would have been able to grasp the significance of this fact in relation to the Sun-Spirit. To speak pictorially again: the disciples of Zarathustra would have honoured their Sun-Spirit with an offering of shining gold, the symbol of wisdom.
[ 7 ] Und wenn wir noch weiter gehen in die chaldäisch-ägyptische Kulturperiode: Wiederum hätte die Möglichkeit abgenommen, den Christus Jesus zu verstehen. Aber so gering wäre sie nicht gewesen wie in der vierten nachatlantischen Kulturperiode, wie in der griechisch-lateinischen, wo nicht einmal die Gnosis mächtig genug war, diese Erscheinung zu verstehen. Man würde verstanden haben, daß ein Stern aus geistigen Höhen erschienen ist und in einem Menschen geboren worden ist. Man würde also die göttlich-geistige Abkunft aus außerirdischen Sphären gut begriffen haben. Man würde dargebracht haben die Myrrhen zum Opfer. Und wenn wir uns in die Seelen derjenigen versetzen, die in der Bibel als die drei Magier aus dem Morgenlande kommen und die Bewahrer sind der aus den drei nachatlantischen Kulturepochen stammenden Weisheitsschätze, so wird uns durch die Bibel selber angezeigt, wie ein gewisses Verständnis dadurch vorliegt, daß diese drei Magier wenigstens bei der Geburt des Jesuskindes erscheinen. Eines wird uns allerdings auffallen, woran heute vielleicht die wenigsten denken: daß gerade diesen drei Magiern gegenüber die Bibel in einer sonderbaren Lage ist. Denn will uns nicht diese Bibel sagen: Das sind drei bedeutsame Weise, die schon bei der Geburt verstanden, um was es sich handelte? Aber man möchte fragen: Wo bleiben denn diese drei Weisen später? Was wird eigentlich aus ihrer Weisheit? Haben wir irgend etwas, was wir zum Verständnis der Christus-Erscheinung auf diese drei Weisen aus dem Morgenlande zurückführen können? Das, wie gesagt, soll nur als Frage aufgeworfen werden. Es gehört zu den zahlreichen Fragen, welche gegenüber der Bibel gewiß aufgeworfen werden müssen und die bedeutsamer sein werden als alle pedantischen Bibelkritiken des neunzehnten Jahrhunderts.
[ 7 ] If we go further still into the Chaldean-Egyptian culture-epoch, we find that the possibility of understanding Christ Jesus would have again decreased; but it would not have narrowed down as far as it did in the fourth post-Atlantean epoch, the Graeco-Latin epoch, when even the Gnosis was not powerful enough to understand this manifestation. It would have been understood that a Star from spiritual heights had appeared and had been born in a human being. This divine-spiritual line of descent from spheres beyond the earthly would have been clearly grasped; and myrrh would have been brought as an offering. And if we enter into the souls of those who figure in the Bible as the three Magi, who come from the East and are the guardians of the treasures of wisdom derived from the three preceding culture-epochs, we find the Bible itself indicating that a certain understanding was present, since these three Magi do at least appear at the birth of the Jesus-child. One thing that very few people think about today will certainly strike us—that the Bible is in a strange position with regard to the three Magi. For does it not wish to say that here were three men of exceptional wisdom who even at the time of the birth understood its significance? But one might ask—where were the three Wise Men later on? What came of their wisdom in the end? Have we anything that could lead us back to an understanding of the Christ manifestation by way of these three Wise Men? This must be thrown out only as a question. It is one of the many questions which must certainly be put to the Bible, and which will be more significant than all the pedantic Bible-criticism of the nineteenth century.
[ 8 ] Und wenn wir nunmehr in den vierten nachatlantischen Zeitraum gehen, so können wir von ihm das eine sagen: Jetzt ist der Körper da, in dem die Christus-Wesenheit sich verkörpern kann. Dieser Körper war nicht da in der ersten, zweiten, dritten nachatlantischen Zeit. Jetzt ist er aber da. Aber jetzt ist bei den Menschen nicht die Möglichkeit vorhanden, das, was geschieht, zu verstehen, wirklich begreifend zu durchdringen. Eine eigentümliche Erscheinung, nicht wahr? Denn nichts anderes tritt da vor unsere Secle als die Tatsache, daß der Christus auf der Erde in einem Zeitalter erscheint, das am wenigsten geeignet ist, ihn zu verstehen. Und wenn man auf die folgenden Zeitalter blickt und insbesondere die Unternehmungen ins Auge faßt, die wiederum aufgekommen sind in den folgenden Jahrhunderten, um die Wesenheit des Christus Jesus zu verstehen, so finden wir ein unendliches theologisches Gezank. Wir finden endlich, im Mittelalter, die scharfe Trennung zwischen Wissen und Glauben, das heißt ein völliges Verzichten auf ein Wissen von dem Wesen des Christus Jesus überhaupt — von der neuen Zeit gar nicht zu reden, die bis in unsere Tage ohnmächtig geblieben ist dieser Erscheinung gegenüber. Also eine merkwürdige Erscheinung! Gerade in dasjenige Zeitalter wird der Christus hereingeboren, das am wenigsten geeignet ist, ihn zu verstehen. Und käme es darauf an in der Menschheitsentwickelung, daß der Christus hätte durch das Verständnis der Menschenseelen auf Erden wirken sollen, dann wäre es um diese Wirkung wahrhaftig, man muß sagen, traurig bestellt gewesen. Vielleicht könnte man sagen, es sei radikal ausgedrückt, aber um nicht mißverstanden zu werden, möchte ich doch dieses Wort gebrauchen: Eigentlich hat es für denjenigen, der die theologisch-geistige Entwickelung, die sich an die Christus-Erscheinung knüpft, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus anblickt, den Anschein, als ob diese theologische Entwickelung sich die Aufgabe gesetzt hätte, soviel wie möglich dazu beizutragen, um Hindernis über Hindernis dem Verständnisse der Christus-Wesenheit entgegenzubringen. Denn diese theologische Gelehrsamkeit scheint in ihrem Gange sich immer weiter und weiter von diesem Verständnis zu entfernen. Das ist etwas radikal ausgesprochen; aber derjenige, der eingehen will auf den Sinn dieses radikalen Ausspruches, der wird sich schon den tieferen Sinn dieser Worte klarmachen können.
[ 8 ] When we come to the fourth post-Atlantean epoch, we can say of it: Now there is present a body in which the Christ can incarnate. It was not there in the preceding epochs; but now it is there. In this fourth epoch, however, men lack the possibility of finding their way to a real understanding of what is happening. Indeed a strange paradox, is it not? For the fact that confronts us is actually this: the Christ appeared on Earth in an epoch that was least adapted to understanding Him. And when we look at all the attempts that were made in subsequent centuries to understand the nature of Christ Jesus, we find endless theological wrangling; and finally in the Middle Ages a sharp distinction is drawn between knowledge and faith—which implies a complete abandonment of any knowledge about the being of Christ Jesus ... not to speak of modern times, which up to the present have remained powerless in face of this manifestation. A truly remarkable phenomenon! The Christ was born in the very epoch that was least adapted to understanding Him. And if in the evolution of humanity the essential thing had been for Christ to work on the understanding of human souls on Earth, then—one must say it—this working would have been in a sad way. One might perhaps call that putting it very strongly; but in order not to be misunderstood I want to say this: To anyone who looks from the standpoint of Spiritual Science at the history of theology in relation to the Christ Event, it must seem as though theology had deliberately set out to place one hindrance after another in the way of understanding the Christ Being. For theological erudition seems to take a course which leads it farther and farther away from this understanding. That is radically expressed, but anyone ready to enter into this way of putting it will be able to grasp the deeper meaning of my words.
[ 9 ] Nun ist im Grunde genommen die Aufdeckung des damit ausgesprochenen Rätsels gar nicht so leicht, und ich gestehe Ihnen, daß ich die verschiedensten Wege der Geistesforschung im Laufe der Zeit versucht habe, um diesem Rätsel beizukommen. Es ist naheliegend, daß — aus Mangel an Zeit — nicht von diesen verschiedenen Wegen gesprochen werden kann. Aber einen unter den mancherlei Wegen möchte ich heute anführen. Es ist der Weg, der um den Beginn unserer Zeitrechnung herum durch eine sehr merkwürdige Erscheinung des Geisteslebens führt, nämlich durch die Erscheinung des Lebens der Sibyllen.
[ 9 ] Now, fundamentally speaking, it is certainly not easy to unravel the riddle I have been speaking of, and I avow that in the course of time I have tried to come near it through the most varied ways of spiritual research. Obviously there is not time to speak of these ways now. But there is one way among the many that I should like to mention. It is the way that leads round at the beginning of our era through a very remarkable manifestation of spiritual life, the life of the Sibyls.
[ 10 ] Merkwürdige Erscheinungen mit einem höchst eigentümlichen Prophetencharakter sind diese Sibyllen. Die äußere Wissenschaft kann nicht einmal angeben, aus welcher Sprache das Wort Sibylle stammt. Wenn wir zunächst auf das blicken, was durch äußerliche Dokumente eigentlich ziemlich ausführlich über die Sibyllen bekannt ist, so können wir sagen, daß wir gleich im Beginne des Sibyllenlebens eine höchst merkwürdige Erscheinung zu verzeichnen haben. So etwa vom achten Jahrhundert an und dann weiter fortgehend begegnet uns in Erythräa in Ionien der erste Sibyllenort, wo sozusagen die ersten Sibyllen ihre mannigfaltigsten Prophezeiungen in die Welt hinausschickten, Prophezeiungen, die, schon wie sie äußerlich überliefert sind, uns anzeigen, daß diese Aussprüche der Sibyllen aus merkwürdigen Untergründen des menschlichen Wesens und Seelenlebens herrühren. Wie aus chaotischen Untergründen des Seelenlebens pressen diese Sibyllen allerlei hervor, was sie über die Zukunft der Erdenentwickelung diesem oder jenem Volk zu sagen haben; namentlich zunächst, was sie zu sagen haben an Grauenvollem, aber zuweilen auch an Gutem. Entfernt von alledem, was man geordnetes Denken nennt, wie aus den chaotischen Untergründen der Seele hervorgehend, preßt sich aus den Sibyllen heraus dasjenige, was sie so sagen, daß man fast jeder Sibylle anhört — wenn man sie jetzt nachträglich prüft mit den Mitteln der Geisteswissenschaft —, daß sie mit einem durchgeistigten Fanatismus vor die Menschheit hintritt und den Menschen aufdrängen will, was sie zu sagen hat. Sie wartet nicht, bis sie gefragt wird, wie etwa die Pythia Griechenlands mit ihren Prophezeiungen, sondern sie tritt heraus, das Volk versammelt sich, und wie gewaltsam sich aufdrängend klingen die Aussprüche der Sibylle über Menschen, Völker, Erdenzyklen. Daß sie in Ionien auftreten, ist eine merkwürdige Erscheinung, sagte ich; denn in Ionien nimmt zugleich ihren Anfang die griechische Philosophie, jene Weisheit, die von Thales und Aristoteles her bis in die römische Zeit hinein so ganz aus dem geordneten Seelenleben des Menschen hervorgeht, aus dem, was dem Chaos entgegengesetzt ist, was heraussucht aus dem Seelenleben alles das, was an klaren, hellen, lichtvollen Begriffen zu erreichen ist. Von Ionien geht sie aus, die Philosophie der Klarheit, des Lichtvollen, man möchte sagen des Himmlischen, das sie angenommen hat dann in Plato. Und wie ihr Schatten erscheinen die Sibyllen mit ihren Geistprodukten, die aus dem Seelenchaos hervorkommen, manchmal lichtvoll ankündigend solches, das sich dann erfüllt, manchmal auch solches, das gefälscht werden muß von Anhängern des Sibyllentums, um von einer Erfüllung sprechen zu können. Und dann sehen wir weiter, wie der Schatten der Weisheit die vierte Kulturepoche eben begleitend, dieses Sibyllentum sich über Griechenland, über Italien ausbreiten. Von den mannigfaltigsten Arten der Sibyllen wird uns gesprochen, und wir sehen, wie bis herein nach Italien sich das Sibyllentum ausbreitet. Allmählich kommt es herauf in die Zeit, in der das Mysterium von Golgatha erscheint. Wir sehen dann, wie es Einfluß gewinnt auf die römischen Dichter, wie es selbst in die Dichtungen Virgils hineinspielt, wie das Leben gerade durch geistvolle Leute zu gestalten versucht wird, indem man sich beruft auf die Aussprüche der Sibyllen.
[ 10 ] These Sibyls were indeed a remarkable phenomenon, with a prophetic character entirely their own. External scholarship cannot say from which language the word ‘Sibyl’ comes. As soon as we start looking at the fairly detailed knowledge about the Sibyls that external documents provide, we come upon something quite extraordinary, at the very beginning of the Sibylline age. From about the eighth century B.C. onwards we encounter the first abode of the Sibyls, in Ionian Erithrea; from there the first Sibyls sent out into the world their manifold prophecies. And these prophecies, even in the form handed down by external tradition, show that they arose from strange subconscious regions of human nature and soul-life. As though out of chaotic psychic depths the Sibyls utter all kinds of prophecies about the future development of this or that people, telling mainly of awful things to come, but sometimes also of good things. Far removed from anything like orderly thought, the utterances of the Sibyls pour out in such a way that—if they are studied with the means of Spiritual Science—it seems as one listens that every Sibyl is a spiritual fanatic who wants to force upon people what she has to say. She does not wait to be questioned, in the manner of the Greek Pythian oracle; she steps forth, the people assemble, and her utterances about men and peoples and Earth-cycles seem to ring out with overbearing force. It is remarkable, as I said, that the Sibyls should appear first in Ionia, for Ionia was at the same time the birthplace of Greek philosophy: the wisdom which from Thales and Aristotle on into the Roman epoch is so preeminently an expression of a well ordered soul life, entirely opposed to anything chaotic. It draws forth from the soul-life all that can be expressed in clear, lucid, light-filled concepts. From Ionia sprang the philosophy of clarity and light, which with Plato—one might say—became the philosophy of the heavenly. And like its shadow appear the Sibyls, with their psychic products emanating from the chaos of the soul, often shedding a true illumination on the future, but also often announcing things which their followers had to falsify in order to make it seem that the prophecy had been fulfilled. And then we see further how the Sibyls, always accompanying the fourth culture-epoch like a shadow of its wisdom, spread through Greece, through Italy. We hear tell of the most varied kinds of Sibyls, and we see Sibyllism spreading on through Italy, until we come to the time of the Mystery of Golgotha. Then we see how Sibyllism gains influence over the Roman poets; how it even plays into the poems of Virgil; how it is just the intellectuals who try to shape their lives by appealing to the sayings of the Sibyls.
[ 11 ] Wieviel auf das gegeben wird, was in Sibyllenaussprüchen gegeben ist, sieht man an den sogenannten Sibyllinischen Büchern, die man um Rat anspricht. Und wir sehen da wiederum auch in der äußeren Welt in bezug auf die Sibyllenaussprüche merkwürdig chaotisch sich mischen Geistvollstes mit vollständig Humbugartigem. Und dann sehen wir dieses Sibyllentum selbst in das Christentum hereingreifen. Es klingt uns ja noch aus dem Gesang des Thomas von Celano entgegen:
[ 11 ] How much importance was attached to these sayings is shown by the so-called Sibylline Books, which were turned to for guidance. And again in the external world we see how in connection with the Sibylline sayings great intelligence is chaotically mixed up with arrant humbug. And then we see Sibyllism even gaining a foothold in Christianity. We hear its voice in Thomas of Celano's hymn:*
Dies irae, dies illa
solvet saeclum in favilla
teste David cum Sibylla!
Dies irae, Dies illa,
Solvet saeclum in favilla,
Teste David cum Sibylla.
[ 12 ] Tag des Zornes, o Tag, der zunichte führt dies Weltalter nach dem Zeugnis des David wie auch der Sibylle!
[ 12 ] Day of Wrath, O Day which leads this World-Age into destruction, according to the witness of David and of the Sibyl.
[ 13 ] Also bis in die Zeit der Entwickelung des Christentums herein steht mancherlei Geistern die Sibylle vor Augen mit ihren Aussprüchen, namentlich auf das gehend, was sich auf die Vernichtung der bisherigen und auf das Kommen einer neuen Weltenordnung bezieht. So kann man sagen, daß durch viele, viele Jahrhunderte, ja durch den ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum hindurch, und ihre Strahlen, wenn auch nur noch spärlich, bis in den fünften Zeitraum hereinwerfend, die Sibylle uns gegenübertritt in der Menschheitsentwickelung. Nur wer, von rationalistischen Vorstellungen der Gegenwart beherrscht, sich um solche Sachen nicht kümmern will, kann übersehen, welchen tiefgehenden Einfluß gerade das Sibyllentum auf die Welt gehabt hat, innerhalb welcher sich das Christentum ausbreitete. Was heute als Geschichte erzählt wird, ist, wie ich öfter ausgesprochen habe, namentlich wo es sich um Dinge geistiger Art handelt, in vieler Beziehung eine Fable convenue. Viel mehr, als man glaubt, waren die Vorstellungen in den breitesten Schichten des Volkes bis in späte Jahrhunderte herauf von dem beherrscht, was von den Sibyllen ausging. Es ist eine merkwürdige, rätselhafte Erscheinung, die sich hineinstellt in den vierten nachatlantischen Zeitraum, diese Welt der Sibyllen.
[ 13 ] And so, right into the time of the development of Christianity, many minds were aware of the Sibyls and their prophecies, especially those that bore on doom and destruction and the coming of a new world-order. Hence one can say that through many, many centuries—indeed all through the fourth post-Atlantean epoch and with an influence extending, if only sparsely, into the fifth epoch—the Sibyls are encountered in the history of mankind. Only someone dominated by present day rationalistic ideas can overlook the far-reaching influence of Sibyllism on the world in which Christianity grew up. As I have often said, the history we are given to read is in many respects a fable convenue, especially where anything of a spiritual nature is concerned. Until quite recent centuries the ideas of all classes of people were influenced much more widely than is generally believed by what came from the Sibyls. Sibyllism is a remarkable, enigmatic phenomenon, occurring as it did in the fourth post-Atlantean epoch.
[ 14 ] Uns muß interessieren, was sich eigentlich in den Seelen dieser Sibyllen abspielt. Solche Dinge müssen wir wiederum durch unsere Geistesforschung herausholen aus dem, was heute sozusagen durch eine Schicht materialistischer Geisteskultur bedeckt ist, was aber so, wie es ist, nicht gebraucht werden kann, sondern erneuert werden muß mit den Mitteln der Geistesforschung unseres Zeitalters. Aber aufmerksam darf doch darauf gemacht werden, daß das Wesen des Sibyllentums in verhältnismäßig nicht weit zurückliegenden Zeiten nicht so vergessen war wie in der unstigen. Und wir haben ja, ich möchte sagen, ein bedeutsames Dokument, welches uns hinweist auf Überlieferungen über die Bedeutung des Sibyllentums. Vielleicht schauen wir dieses Dokument nicht immer auf diese Bedeutsamkeit hin an, aber es ist doch vorhanden und sollte die Menschen zum Nachdenken veranlassen. Es ist vorhanden in der großen Schöpfung Michelangelos, wo er in den bedeutsamen Bildern der Sixtinischen Kapelle nicht nur die Entwickelung der Erde und der Menschheit, sondern auch die Propheten und die Sibyllen darstellt. Und wir sollten, gerade wenn wir diese Bilder betrachten, nicht vorbeigehen an der Art, wie Michelangelo die Sibyllen darstellt, insbesondere wie er kontrastiert die Sibyllen und die Propheten. Denn ganz unbefangen betrachtet, stellt sich dar in dieser Kontrastierung etwas von dem, was wir wiederum erkennen können durch Geisteswissenschaft über mancherlei Geheimnisse des vierten nachatlantischen Zeitraums, in den das Mysterium von Golgatha hereinfällt.
[ 14 ] What really went on in the souls of the Sibyls must be of interest to us, for through spiritual research we must unearth such things from beneath the layer of materialistic culture which covers them nowadays. In this condition they are useless; they must be brought to light and renewed by the resources of spiritual research which are available in our epoch. But attention must also be drawn to the fact that in comparatively recent times the nature of Sibyllism was not forgotten to the extent it is today. We have indeed an important work of art which points to the traditions concerning the significance of Sibyllism. Perhaps we do not always look at this work with an awareness of its significance in this respect, but the significance exists and should give occasion for reflection. I mean the great paintings in the Sistine Chapel, where Michelangelo depicted not only the development of Earth and Humanity, but also the Prophets and the Sibyls. And in looking at these paintings we ought to notice the way in which Michelangelo portrays the Sibyls, and particularly how he contrasts them with the Prophets. In this contrast, if we look at it impartially, we find something which through Spiritual Science we can recognise as having to do with various hidden aspects of the fourth post-Atlantean epoch, during which the Mystery of Golgotha was fulfilled.
[ 15 ] Da sehen wir ja zunächst, als künstlerisches Werk so bewunderungswürdig, die Darstellung der Propheten: des Zacharias, des Joel, Jesaias, Hesekiel, Daniel, Jeremias und Jonas. Und eingereiht in diese Prophetenreihe sehen wir die Sibyllen: die persische, die deiphische, die erythräische, die libysche, die cumäische Sibylle. Wenn wir uns die Propheten ansehen, fast alle haben sie mehr oder weniger etwas von dem Charakter, der uns gleich bei Jeremias entgegentritt, der uns aber insbesondere signifikant erscheint bei Zacharias: tief sinnende Menschen, zum großen Teil in Bücher oder sonstiges vertieft, ruhig mit gleichmäßig geordneter Seele aufnehmend, was sie lesen oder sonst an sich heranbringen. Das, was ruhig in der Seele lebt, tritt uns auch aus den Antlitzen dieser Propheten entgegen. Eine kleine Ausnahme macht, aber auch nur scheinbar, Daniel, der vor einem Buche sitzt, das auf den Rücken eines Knaben gestützt ist, und der etwas zum Schreiben in der Hand hat, um das, was er liest, in ein anderes Buch zu schreiben: ein leiser Übergang von dem sinnigen Aufnehmen der Weltengeheimnisse zum Niederschreiben, während die anderen sinnend verharren und mit gelassener, ruhiger Seele ganz hingegeben sind den Weltengeheimnissen. Ihnen allen sehen wir an — das müssen wir festhalten —, daß sie ins Überirdische versenkt sind, daß ihre Seele im Geistigen ruht und das Menschheitswerden aus dem Geistigen zu ergründen sucht. Ihnen sehen wir an, daß sie mit ihren Gedanken hinaus sind über das, was sie unmittelbar umgibt, über das, was in den menschlichen Leidenschaften und in dem Fanatismus enthalten ist und in der Ekstase, die aus dem Fanatismus und der menschlichen Leidenschaft kommt; daß sie nicht nur hinaus sind über das, was der Mensch erblickt, sondern auch über das, was er in sich erlebt, insofern er auf Erden Mensch ist. Das ist das Große in dieser Prophetendarstellung des Michelangelo.
[ 15 ] In this wonderful work of art we see first the portrayal of the Prophets—Zechariah, Joel, Isaiah, Ezekiel, Daniel, Jeremiah, Jonah. And ranged with them are the Sibyls—the Persian, Delphic, Erythrean, Libyan and Cumaean Sibyls. Almost all the Prophets, we find, have to a greater or lesser degree something of the character which strikes us immediately in Jeremiah and comes out with particular significance in Zechariah; they are deeply reflective men, for the most part absorbed in books or something similar, quietly taking into well-ordered minds whatever it is they are studying. In the countenances of these Prophets we encounter the calmness of their souls. Daniel looks like a slight exception, but only an apparent one. He stands before a book which is supported on the back of a boy; he has in his hand something to write with, in order to write down in another book what he is reading. Here there is a slight effect of transition from reading the world-secrets to writing them down; while the other Prophets remain in meditation, calm and relaxed in soul, entirely devoted to the world-secrets. In gazing at them we see—and this must be kept firmly in mind—that they are all absorbed in super-earthly things; their souls are at rest in the spiritual and they are seeking to fathom the emergence of humanity, from out of the spiritual. We see that in their thinking they are far removed from their immediate surroundings, far above human passion and fanaticism, untouched by the ecstasy that may spring from these emotions; they are not only beyond human ken, but beyond anything a human being can experience in himself in so far as he is a man on Earth. That is the greatness of this portrayal of the Prophets by Michelangelo.
[ 16 ] Dann wenden wir den Blick hin zur Darstellung der Sibyllen. Da haben wir zuerst die persische Sibylle in der Nähe des Propheten Jeremias, merkwürdig kontrastierend mit dem sinnigen Verhalten des Jeremias. Wie wenn sie das, was sie eben erfahren hat, aufdrängen wollte der Menschheit, so erhebt sie die Hand; wie wenn sie, nach dem Muster schlechter Redner, unmittelbar mit aller Macht beweisen wollte das, was sie zu sagen hatte, und wie wenn sie gar nicht anders könne, vermöge ihrer fanatischen Leidenschaft, als in die beweisende Hand hineinfließen zu lassen dasjenige, wovon sie überreden möchte die ganze Menschheit! Dann wenden wir den Blick hin zu der erythräischen Sibylle. Da verspüren wir, wie sie verknüpft ist mit dem, was dem Menschen sozusagen von den Geheimnissen der Erdenelemente zukommen kann. Eine Lampe hat sie über dem Haupt; ein nackter Knabe zündet die Lampe mit einer Fackel an. Wie kann man das, was man ausdrücken will, deutlicher ausdrücken: Da zündet menschliche Leidenschaft das an, was sie aus den unbewußten Seelenkräften heraus der Menschheit mit aller Gewalt als Prophetie einpflanzen möchte. Die Propheten sind hingegeben in ihrer Seele dem Urewigen im Geiste; die Sibyllen sind mitgerissen von allem Irdischen, insofern das Irdische das GeistigSeelische offenbart. Die delphische Sibylle zeigt uns das ganz besonders, wenn wir sehen, wie sogar ihr Haar von einem Windhauch nach der einen Seite getrieben wird, wie dieser Wind bis hinein in den bläulichen Schleier bläst, so daß sie dem Elemente der Luft das verdankt, was sie mitzuteilen hat. In diesem Windhauch, der Haar und Schleier der Sibylle durchbläst, tritt uns entgegen, was die Erde damals offenbaren wollte durch den Mund dieser Sibylle, mit Gewalt überredend. Dann die cumäische Sibylle: Sie redet mit halbgeöffnetem Mund wie lallend. Wie eine aus dem Unbewußten stammende Prophetie hervorstammelnd, so erscheint sie uns. Die libysche Sibylle, die hastig, wie sich umkehrend, etwas ergreift, worin sie Geheimnisse lesen kann — so etwa! Alles ist sozusagen in diesen Sibyllen hingegeben dem unmittelbaren Erdenelement.
[ 16 ] Then we turn our gaze to his depiction of the Sibyls. Here we have first the Persian Sibyl, close to the Prophet Jeremiah, contrasting remarkably with his meditative demeanour. She raises her hand as though wishing to force on humanity what she has experienced; as though in the style of a bad speaker she wants to add all possible emphasis to her words; as though impelled by the passion of a fanatic to impose with imperious gesture her message on all mankind. Then we turn to the Erythrean Sibyl; we see how she is connected with everything that can accrue to man from the elemental secrets of the Earth. Above her head is a lamp; a naked boy is lighting the lamp with a torch. How could the intention of the painting be more clearly expressed? Here is human passion kindling out of the unconscious soul-forces the message that is to be instilled with all the power of prophecy into mankind. The Prophets are devoted in their souls to the primal eternity of the spirit; the Sibyls are carried away by the earthly, in so far as the earthly reveals the psychic-spiritual. The Delphic Sibyl shows this particularly clearly; we see how her hair is even blown to one side by a gust of wind, and the same wind catches her blue veil, so that she has the air element to thank for what she imparts. In this gust of wind we see pictured what the Earth wished to reveal through the lips of this Sibyl, with forcibly persuasive power. Then the Cumaean Sibyl! She speaks with half-open mouth, as though muttering; as though stammering out a prophecy from the unconscious, the unknown. The Libyan Sibyl, the hasty one, looks as though she is turning round to grasp something from which secrets can be read—something like that! In these Sibyls everything is devoted, so to speak, to the immediate element of Earth.
[ 17 ] Es ist vieles gerade solchen Dokumenten anvertraut in derjenigen Zeit, wo man, wie das ja selbstverständlich war für dieses Zeitalter, viel besser in der Malerei, in der Kunst, ausdrücken konnte, was man zu sagen hatte, als in einer späteren Zeit, wo uns mehr der Begriff, die Idee dienen muß.
[ 17 ] Much was entrusted to images of this kind in the days when—as we can readily understand—things could be much more effectively expressed in paintings and other forms of art than they would be in our time, when concepts and ideas are more to the purpose.
[ 18 ] Was ist denn die eigentümliche Natur dieser Sibyllen? Was sind sie denn eigentlich? Was bedeutet ihre Prophetie? Man muß tief hineinbohren, möchte man sagen, in die Geheimnisse der Menschheitsentwickelung, wenn man ergründen will, was in den Seelen dieser Sibyllen vorgeht.
[ 18 ] What then is the special character of these Sibyls? What are they? What does their prophesying signify? We must penetrate deeply into the mysteries of human evolution if we want to fathom what went on in the souls of these Sibyls.
[ 19 ] Fragen wir uns zu diesem Zwecke noch einmal: Warum hätten denn die alten indischen Rishis mit ihrer uns ja kaum ergründlichen Weisheit den Christus Jesus so leicht verstehen können? Nun, es ist eine Trivialität, aber wahr ist es doch: weil sie eben die nötigen Weisheiten und Begriffe hatten, die die vierte nachatlantische Kulturperiode nicht hatte. Sie hatten das alles, wonach vergebens zum Beispiel lechzten die Gnostiker und auch die Antignostiker und die apostolischen Väter, wie man sie nennt. Sie hatten das alles; aber wie hatten sie es? Nicht als erarbeitete Ideen, nicht als etwas, was sie sich etwa wie Plato oder Aristoteles an Ideen erarbeitet hatten, sondern wie Eingebungen, wie Inspirationen, wie etwas, was wie in aller Gewalt als konkrete Inspiration vor ihnen stand. Ihr Astralleib wurde ergriffen von dem, was einströmte aus dem Weltenall, und aus den Wirkungen des Kosmos auf ihren astralischen Leib gingen hervor die Begriffe, die ihnen dann vor die Seele hätten zaubern können die Wesenheit des Christus Jesus. Man möchte sagen, es ward den Menschen gegeben; die Menschen haben es sich nicht erarbeitet, es kam wie herausgesprüht aus den Tiefen des Astralleibes. Und mit einer wunderbaren Klarheit kam es herausgesprüht aus dem Astralleib der heiligen Rishis und ihrer Schüler und im Grunde genommen der ganzen, der ersten nachatlantischen Kulturperiode angehörigen altindischen Kultur. Und das war immer geringer geworden, war aber noch da in der zweiten, in der dritten nachatlantischen Kulturperiode und erhielt sich als ein Rest bis in die vierte nachatlantische Kulturperiode hinein. Aber wie? Als was für ein Rest?
[ 19 ] With this aim in view, let us ask again: Why would it have been so easy for the old Indian Rishis, with their scarcely conceivable wisdom, to understand Christ Jesus? It seems trivial, yet it is true to say—because they had the necessary concepts and gifts of wisdom, and in the fourth post-Atlantean epoch these were lacking. They had everything for which the Gnostics, and the anti-Gnostics, and the Apostolic Fathers, as they are called, thirsted in vain. They had it all, but in what form did they have it? Not as ideas that had been worked out, somewhat as the ideas of Plato and Aristotle were worked out, but as inspirations, as something that stood before them with the full power of concrete inspirations. Their astral bodies were laid hold of by that which streamed into them from the great Universe, and out of this working of the Cosmos on their astral bodies came the concepts which could have conjured up before their souls the Being of Christ Jesus. One might say that this was given to them. They had not worked it up for themselves; it came as though showered forth from the depth of the astral body. And with wonderful clarity it showered upon the holy Rishis and their pupils, and fundamentally speaking upon the whole Indian culture of the first post-Atlantean epoch. It became more and more narrowed down, but in the second and third post-Atlantean epochs it was still there, and the remains of it passed over into the fourth epoch. But what was this remainder?
[ 20 ] Wenn wir untersuchen würden, wie es noch in der dritten nachatlantischen Kulturperiode war, so würden wir finden, daß wenigstens diejenigen Menschen, die sich auf die Höhe ihrer Zeit hinaufgeschwungen hatten — und dazumal waren dem Prozentsatz nach viel mehr Gebildete als heute —, Begriffe hatten über Zusammenhänge des Außerirdischen, über das, was sich symbolisierte am Sternenhimmel. Sie konnten in den Bewegungen der Sterne Geheimnisse des Weltendaseins lesen. Der dritte nachatlantische Zeitraum hätte ganz gewiß, wenn der Christus Jesus auf Erden erschienen wäre, aus der Sternenschrift erkannt, welche Bewandtnis es mit ihm gehabt hat. Aber das war ja das notwendige Schicksal, das wir dem Prinzip nach öfters hervorgehoben haben in bezug auf Menschheitsentwickelung: daß immer mehr und mehr zurücktrat im menschlichen Astralleib die Gabe, so mit den Geheimnissen der Welt durch lebendige Bilder zusammenzuhängen. Diese Bilder wurden immer chaotischer und chaotischer. Das, was auf diese Weise in die Menschenseele hereinkam, war immer weniger maßgebend — nicht daß es gar nicht maßgebend war, sage ich, sondern nur immer weniger und weniger maßgebend — für die Ergründung der eigentlichen Weltengeheimnisse.
[ 20 ] If we were to examine what things were like in the third post-Atlantean epoch, we should find that at least those who had raised themselves to the height of their epoch—and proportionately there were many more spiritually developed persons than there are today—had ideas about the interconnections of the super-earthly and the symbolic significance of the starry heavens. They could read world-secrets in the motions of the stars. It is quite certain that the third post-Atlantean epoch, if Christ had appeared on Earth then, would have known from the writing in the stars what relationship it had with Him. But—in accordance with the principle we have often mentioned with regard to the evolution of humanity—it was necessary that the gift of entering into relation with the mysteries of the world through living pictures should recede more and more into the background of the astrality of man. These pictures became increasingly chaotic. That which flowed by this channel into the human soul became less and less authoritative—I am not saying that it lost all authority—but it became less and less authoritative as a means of fathoming the real mysteries of the Universe.
[ 21 ] Und so war es dann gekommen, daß zweierlei entstanden war. Auf der einen Seite die Begriffswelt, sagen wir des Plato und des Aristoteles, die Ideenwelt, man möchte sagen, die durchgesiebteste Geisteswelt, die geistige Welt, die am wenigsten noch in sich hat vom Geiste, die unmittelbar aus dem Ich selber erfaßt und ergründet wird, nicht mehr aus dem Astralleibe kommt. Denn das ist das Charakteristische der griechischen Philosophie, daß in ihr zum erstenmal der Geist sich aus dem Ich heraus manifestierte, wie er sich aus dem Ich heraus manifestieren kann in den ganz und gar durchsichtigen, aber dem eigentlichen Geistesleben doch fernestehenden Begriffen. Nur daß der griechische Philosoph in dieser Beziehung, ungleich dem neueren Philosophen, noch fühlte, daß die Gedanken herstammten aus der geistigen Welt, während der neuere Philosoph notwendigerweise ein Zweifler, ein Skeptiker geworden ist, weil er nicht mehr den lebendigen Zusammenhang fühlt zwischen seinen Gedanken und den Weltengeheimnissen. Geringer wurde in der neueren Zeit die Fähigkeit, zu sagen: Das, was ich denke, denkt der Weltengeist in mir. Man muß schon, wie ich in «Die Schwelle der geistigen Welt» darzustellen versucht habe, ein wenig durch Meditation dazu kommen, Vertrauen zum Denken zu gewinnen, jenes Vertrauen zum Äusgestalten der Begriffe und Ideen, das dem griechischen Philosophen naiv gegeben war, weil er seine Gedanken für die Gedanken des Weltengeistes selber halten durfte. Es war also gleichsam die äußerste Haut des Weltengeistes, was in der griechischen Philosophie an die Menschheit herantrat, aber es war eben doch noch von dem lebendigen Leben des Weltengeistes durchdrungene Haut; das fühlte man. Das zweite, was geblieben war aus alten Zeiten, war atavistisch, war ein Vererbungsstück. Und es blieb gewissermaßen in deutlichster Weise in der Prophetie der Sibyllen, die aus dem Chaos ihrer Welt heraus gleichsam noch einmal auferstehen ließen die Kräfte der Menschenseele, die durch den zweiten, dritten nachatlantischen Zeitraum in harmonischer Weise gewirkt hatten und die jetzt chaotisch heraufbrachten Schauer der geistigen Welt.
[ 21 ] And so two quite different developments can be traced. On the one hand there was the world of concepts, let us say of Plato and Aristotle: a world of ideas which could be called the most attenuated form of the spiritual world, a world which had in it the least of spirit, a world grasped and explored directly by the Ego and no longer experienced through the astral body. For that is the distinguishing mark of Greek philosophy: there for the first time the spirit spoke out of the Ego, as it can do, in concepts that were perfectly lucid, but far removed from real spiritual life. But the Greek philosopher still felt that his thoughts emanated from the spiritual world, whereas a modern philosopher is by necessity a doubter, a sceptic, because he no longer feels any connection between his thoughts and the mysteries of the world. In modern times there has been a decline in the faculty for saying: When I think, the world-spirit is thinking in me. As I have tried to show in The Threshold of the Spiritual World, it is necessary to gain, through meditation, a little of that confidence in the forming of concepts and ideas which came naturally to the Greek philosopher, because he was able to accept his thoughts as thoughts of the world-spirit itself. Only the outermost fringe of the world-spirit approached humanity through Greek philosophy, but it was a fringe permeated with the actual life of the world-spirit; and this was felt to be so. The second element which persisted from older times was atavistic, an heirloom, and it persisted most plainly in the prophecies of the Sibyls. Out of the chaos of their inner life they brought forth once more the human soul forces which had worked harmoniously during the second and third post-Atlantean epochs and now gave confused glimpses of the spiritual world.
[ 22 ] Nehmen wir einmal eine Hypothese an, die ja vielleicht in unserem Zusammenhange gestattet sein mag, die Hypothese, die man so aussprechen könnte: Was wäre geschehen, wenn kein Christus und auch keine griechischen Philosophen gekommen wären? Nun, dann hätte die Menschheit eben fortbestehen müssen mit dem, was sie als Erbgut gehabt hat, mit dem, was in der vierten nachatlantischen Periode bereits auf der Stufe des Sibyllismus angekommen war. Denken Sie sich das geradeswegs fortentwickelt im Abendlande ohne Christus-Impuls, ohne Philosophie und ohne die Wissenschaft, die auf ihr beruht, dann haben Sie das geistige Chaos des Abendlandes vor Ihre Vorstellung gestellt, das, was hätte werden können ohne Christus und ohne die Philosophie, was aus demjenigen hätte entstehen müssen, was in den Seelen der Sibyllen vorgegangen ist. Aber Kräfte wirken nach. Und wenn man mit den Mitteln der Geisteswissenschaft gerade diese elementare Stärke prüft, mit der sich sozusagen die im unmittelbaren Umkreis der Erde lebenden geistigen Gewalten in Wind und Wasser und Feuer aussprechen, und wenn man prüft, wie sich diese in die menschliche Seele eingenistet hätten, wenn man namentlich die Stärke prüft, mit der die Wind-, Feuer-, Wasser-, Erdengeister von den Seelen der Menschen Besitz ergriffen hätten, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie zwar Harmonie und Ordnung gewichen ist aus der alten Art, die Welt zu erkennen, die in der ersten, zweiten, dritten nachatlantischen Periode da war, wie aber noch die Kräfte in den menschlichen Seelen geblieben wären. Die menschlichen Seelen hätten nicht mehr die Fähigkeit gehabt, wirklich einen Zusammenhang mit den großen Erscheinungen des Weltalls in ihren Seelen herzustellen, wohl aber mit den Wind-Geistern, Feuer-Geistern und so weiter, namentlich mit all dem Gespenster- und Dämonengezücht, das sich losgelöst gezeigt hätte von den großen Weltenzusammenhängen. Ganz in die Gewalt der elementaren Geister wären die Menschen gekommen, und ihre Lehrer wären sibyllenartige Lehrer geworden, und die Kraft wäre so stark, daß sie heute und bis ans Ende der Erdentage verblieben wäre. Und wenn wir uns fragen: Wodurch ist das unterblieben? Wer hat bewirkt, daß diese Kraft allmählich abgeschwächt worden ist, die uns anschaulich in den Sibyllen lebt, so müssen wir antworten: der Christus, der durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenaura ausgeflossen ist und der aus den Menschenseelen heraus zerstört hat die sibyllinische Kraft, weggenommen hat die sibyllinische Kraft.
[ 22 ] Let us take a hypothesis which in our present context is perhaps permissible: What would have happened if neither the Christ nor Greek philosophy had come into the world? Humanity would then have had to get along with what it had received as inheritance from the past, and in the fourth post-Atlantean epoch this had reached the stage of Sibyllism. Imagine this developing on its own lines in the West, without the Christ Impulse and without philosophy, and without the science that followed philosophy—then you will have a picture of the spiritual chaos that would have overtaken the West, arising inevitably from all that had been active in the souls of the Sibyls. But forces have after effects. If with the resources of Spiritual Science one examines this elemental strength, through which the spiritual powers connected with wind and water and fire find expression in the immediate circumference of the Earth, and if one studies how these powers would have found an abode in human souls—especially if one tests the strength with which the spirits of wind and fire, water and earth, would have taken possession of the souls of men—then one can see how harmony and order had faded out of the old way of knowing the world, prevalent during the first three post-Atlantean epochs, and how the forces only would have remained in human souls. Human souls would have lost the capacity for relating themselves truly to the great phenomena of the Cosmos, but they would have assuredly had a relation with the spirits of wind and water, fire and earth, and particularly with the whole tribe of spectres and demons which would have got loose from their cosmic connections. Men would have fallen quite under the sway of the elemental spirits; their teachers would have been of the Sibylline kind, and the force would have been so strong that it would have persisted right up to the present, and indeed up to the very end of Earth days. And if we ask why this has not happened, and who has brought it about that the force so apparent in the Sibyls has gradually declined, then we must answer: the Christ, who through the Mystery of Golgotha infused the Earth's aura with His Being; thus He destroyed the Sibylline force in the souls of men and has driven it away.
[ 23 ] Und so erblickt man, auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehend, die merkwürdige Tatsache, daß Menschen mit ihrer Weisheit nicht viel von dem Christus-Impuls verstehen; Begriffe und Ideen erweisen sich als ziemlich ohnmächtig. Aber in bezug auf den Christus-Impuls kommt es zunächst nicht darauf an, daß er als Lehre in die Welt tritt, es kommt auf den Tatsachencharakter an, auf das, was ausgeflossen ist als unmittelbarer Impuls von dem Mysterium von Golgatha. Und das muß man nicht allein suchen in dem, was Menschen lehren, nicht suchen in dem, was Menschen verstehen, sondern in dem, was geschieht, geschieht für die Menschenseele. Und eine der Taten, den Kampf des in die Erdenaura ausgeflossenen Christus gegen das Sibyllentum, diese Tat wollte ich Ihnen durch die heutige Betrachtung vorführen.
[ 23 ] And so on the ground of Spiritual Science we observe the remarkable fact that men with their wisdom have not understood much about the Christ Impulse: their concepts and ideas have turned out to be virtually powerless in this respect. But the essential thing is not that the Christ Impulse came into the world primarily as a teaching. The essential thing is the character of the facts, the direct impulse that flowed from the Mystery of Golgotha. And this we must look for not only in what is taught or understood, but in what is accomplished for human souls. And one of these deeds, the struggle waged by Christ, who had permeated the Earth-aura, against Sibyllism—it is this deed that I wished to bring before you today.
[ 24 ] So hatte der Christus in der Tat ein Richteramt zu vollführen. Diejenigen, die es materialistisch verstanden haben, daß der Christus nach seiner Auferstehung bald wiederkommen werde, die hatten es mißverstanden. Menschliche Begriffe der damaligen Zeit reichten ja nicht hin, um diese Dinge zu verstehen. Aber in dem, was da chaotisch als Wiederkunftsideen baldiger Zeit zutage trat, lebte die Wahrheit, daß der Christus erschienen war auf einem Boden, den äußerlich vorbereitete Paulus, wie wir morgen sehen werden, aber vor allen Dingen erschienen war in dem Gebiete, das hinter der Sinneswelt liegt, auf dem sich der Kampf abspielt zwischen Christus und den Sibyllen, ein geistiger Kampf. Den Schleier müssen wir lüften, der uns die Ausbreitung des Christentums auf dem physischen Plan zeigt. Hinter den physischen Plan müssen wir schauen auf jenen Geisterkampf, wo aus den Seelen herausgetrieben wird, was sonst zu immer größerer und größerer Stärke gerade in seinem chaotischen Charakter hätte heranwachsen müssen. Und der versteht schon falsch diese einzige Tat, der nicht einsieht, daß durch diese metaphysische Tat ein Unendliches für die Menschheit durch den Christus geleistet worden ist.
[ 24 ] Thus the Christ had in fact to fulfil the office of a judge. This was misunderstood by those who took it materialistically to imply that Christ would return soon after His resurrection. Human concepts at that time could not reach to an understanding of these things. But in the chaotic ideas of an early return there was the truth that there had been this early manifestation of Christ. He had manifested on ground which (as we shall see tomorrow) had been prepared externally by Paul; but above all He had manifested in the region behind the sense-world where the spiritual conflict between Christ and the Sibyls had been waged. We must pierce the veil that shows us the spreading of Christianity on the physical plane. We must look behind the physical plane at the spiritual conflict whereby the souls of men were freed from that chaotic element which would otherwise have gone on from strength to strength. And this fact is seen in a false light by anyone who fails to comprehend that through this supra-physical deed something of endless value was accomplished for mankind by the Christ.
[ 25 ] Wer aber hat wenigstens noch einiges, ja vieles für das Verständnis dieser Tat leisten können? Diejenigen, die mit einer gewissen Inspiration oder Offenbarung aus der geistigen Welt begabt waren, diejenigen, die die Evangelien geschrieben haben, und Paulus. Von anderen Seiten werden wir auch die Erscheinung der Evangelisten und des Paulus zu würdigen haben. Wir werden aber jetzt ins Auge fassen können, wie gleichsam Paulus inmitten einer Welt steht, in der etwas vorgeht auch ohne sein Wort, ohne das, was er mit seinen mächtigen, feurigen Worten zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha hat beitragen können. Aber man hat doch — das lassen Sie mich zum Schluß des heutigen Vortrags noch aussprechen —, gerade wenn man diese Erscheinung ins Auge faßt, die jetzt als der Kampf des Christus gegen die Sibyllen charakterisiert worden ist, gegenüber dem Paulus ein Gefühl, das ich in die Worte zusammenfassen möchte: Bei Paulus erscheint alles so, als ob zwischen seinen Worten noch viel mehr läge als das, was man zunächst liest, als ob die Kraft, die von der Erscheinung von Damaskus auf ihn übergegangen ist, sich durch ihn zum Ausdruck brächte und als ob durch ihn doch ein Ton hereindringe in die Menschheit, der entgegengesetzt ist dem prophetischen Tone der Sibyllen; als ob bei ihm sich fortsetzte etwas von dem Ton der alten Propheten, die Michelangelo so schön in seinen Figuren dargestellt hat. Die Sibyllen, sie haben etwas gehabt, sagte ich, was von dem Elementaren der Erde ausging, was nicht hätte in ihnen sein können, wenn nicht die Elementargeister der Erde zu ihnen gesprochen hätten. Bei Paulus ist etwas Ähnliches da, etwas, was merkwürdigerweise, aber ganz exoterisch, schon die äußere Wissenschaft bemerkt hat, was einen aber wirklich, man möchte sagen, vor eine Welt des Staunens bringt, wenn man es geisteswissenschaftlich betrachtet.
[ 25 ] But who were they who achieved at least something, indeed much, towards this comprehension? They were the writers of the Gospels, and Paul, who were endowed with a certain inspiration or revelation from the spiritual world. We shall have to appreciate from other points of view the emergence of the Evangelists and of Paul. But we can now see how Paul stands in the midst of a world where something is going on beyond the reach of his words, beyond all that he could contribute through his powerful, fiery words towards an understanding of the Mystery of Golgotha. And yet—particularly if one grasps the nature of the struggle waged by the Christ against the Sibyls—one has a feeling about Paul that I would like to sum up in a few concluding words. With Paul it always seems that there is much more between his words than one gets from simply reading them. It is as though the Damascus vision had come to expression through him; as though there penetrated into humanity through him a note which was opposed to the prophetic note of the Sibyls; as though through him there rang out again the note of the old Prophets whom Michelangelo has represented so beautifully in his paintings. As I have said, the Sibyls had something that came from the elementals of the Earth; something that could not have been there if the elemental spirits of the Earth had not spoken to them. With Paul there was something similar, something which external scholarship has noted in a remarkable but quite exoteric way; and this, if one examines it from the standpoint of Spiritual Science, really leaves one standing before a world of amazement.
[ 26 ] Auch Paulus hat in gewisser Weise aus dem Elementarischen der Erde geschöpft, aber aus einem eigentümlichen Gebiet des Elementarischen der Erde. Und man kann theologisch-rationalistisch-abstrakt Paulus selbstverständlich ganz gut verstehen, wenn man das nicht in Betracht zieht, was ich jetzt sagen will, was von der äußeren Wissenschaft nicht erklärt werden kann; man kann ihn ganz gut auslegen, wenn man nur vom Standpunkte der gewöhnlichen Rationalität heraus Paulus begreifen will. Will man aber begreifen, was geistig, spirituell in Paulus gelebt hat, in und zwischen seinen Worten, will man begreifen, warum man durch seine Worte durchfühlt etwas Ähnliches wie in den Prophetien der Sibyllen, aber bei ihm ausgehend von einem guten Elemente der Erdenentwickelung, dann kommt die Erscheinung in Betracht, die die Frage beantwortet: Wie weit geht die Welt des Paulus? Wie begrenzt sich die Welt des Paulus? Und das Merkwürdige, was wir als Antwort bekommen, ist: Paulus wurde groß in derjenigen Welt, die gerade so weit geht wie die Ölbaumkultur. Ich sage etwas Sonderbares, ich weiß es; aber wir werden sehen, daß dieses Sonderbare doch in gewisser Weise sich auflöst, wenn wir morgen auf die Gestalt des Paulus ein wenig eingehen werden. Die Erde ist auch geographisch voller Geheimnisse. Und ein Gebiet der Erde, auf dem der Ölbaum gedeiht, ist ein anderes als dasjenige, auf dem die Eiche oder Esche gedeiht. Und der Mensch steht als physisches Wesen in physischer Verkörperung mit den elementaren Geistern in Beziehung. Anders raunt und rauscht und wallt und webt es in der Welt des Ölbaumes als in der Welt der Eiche oder Esche oder Eibe. Und wenn man den Zusammenhang des Erdenwesens mit dem Menschheitswesen begreifen will, dann ist es nicht unnötig, auch auf solche eigentümliche Erscheinungen aufmerksam zu machen wie diejenige, daß Paulus gerade so weit kommt mit seinem Wort auf der Erde, wie der Ölbaum reicht. Paulus’ Welt ist die Welt des Ölbaums.
[ 26 ] Paul also, in a certain way, created something out of the elemental nature of the Earth, but in a distinctive region of the Earth. Naturally one can understand Paul quite well in a theological, rationalistic, abstract way if one leaves out of account what I am going to say, for this cannot be explained in terms of external science. One can understand Paul quite well, if one wants to understand him only from the standpoint of ordinary rationalism. But if one wants to grasp what it was that lived spiritually in Paul, in and between his words, and why one feels through his words something akin to the prophecies of the Sibyls, but with him proceeding from a good element in Earth evolution, then one comes to the phenomenon which answers the question: How far does Paul's world extend? What are its boundaries? And the remarkable answer we receive is: Paul is great throughout the world where the olive tree is cultivated. I know I am saying something strange, but we shall see that this strangeness explains itself, in a certain sense, when tomorrow we enter a little into the character of Paul. Geographically, too, the world is full of secrets. And the region of the Earth where the olive tree flourishes is different from the regions where flourish the oak or the ash. Man as a physically embodied being has a relationship with the elemental spirits. In the world of the olive tree the rustle and movement, the whisper and gesture, are not the same as in the world of the oak or the ash or the yew. And if we want to grasp the connection of the Earth-nature with human beings, we need to pay attention to such peculiar facts as this—the fact that Paul carries his message just as far over the Earth as the domain of the olive tree extends. The world of Paul is the world of the olive tree.
