Christ and the Spiritual World
The Search for the Holy Grail
GA 149
28 December 1913, Leipzig
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Christ and the Spiritual World, tr. Davy, et. al.
Erster Vortrag
Lecture One
[ 1 ] Für viele Seelen in unserer Gegenwart, welche geneigt sind, aufzunehmen, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu sagen hat, ist es notwendig, mancherlei Widersprüche, die da auftreten, im Gemüte hinwegzuräumen. Insbesondere auf einen Widerspruch kann die Seele gelenkt werden, wenn sie vermag, die Erinnerungen einer solchen Festeszeit ernst zu nehmen wie diejenige, die um Weihnachten und den Jahresbeginn herum liegt. Daß wir mit dem, was wir an Erkenntnissen zu gewinnen versuchen, auch eindringen wollen in den geistigen Gang der Menschheit, um unsere eigene geistige Entwickelung recht zu verstehen, das wird uns ja besonders durch das Ernstnehmen solcher Festeserinnerungen klar. Wir brauchen nur einen Gedanken aufzuwerfen, und er wird gleich, man möchte sagen, auf der einen Seite lichtvoll und auf der anderen Seite beunruhigend darauf aufmerksam machen, wie Widersprüche, Schwierigkeiten sich vor der Seele auftürmen müssen, wenn diese Seele im rechten Sinne unsere anthroposophischen Erkenntnisse über den Menschen und die Weltentwickelung hinnehmen will.
[ 1 ] Many people who are naturally fitted to receive Anthroposophy in our present age will find it necessary to clear away various contradictions that may arise in their minds. In particular, the soul can be brought up against a certain contradiction when it wants to take seriously the memories of such a season of festival as that which includes Christmas and the New Year. When we take these memories seriously, then it becomes clear to us that at the same time as we try to gain knowledge, we must penetrate into the spiritual history of mankind if we are to understand rightly our own spiritual evolution. We need only take a certain thought, and we shall find it on the one hand full of light, while on the other it makes us disturbingly aware of how contradictions, difficulties, must pile up before the soul of anyone who wants to accept in the right sense our anthroposophical knowledge concerning man and the evolution of the world.
[ 2 ] Unter den mancherlei Erkenntnissen, die wir gewinnen wollen durch unsere anthroposophische Vertiefung, ist ja auch die ChristusErkenntnis, ist die Erkenntnis des grundbedeutsamen Impulses, der eingeschlagen hat im Beginne unserer Zeitentwickelung, den wir genannt haben den Christus-Impuls. Wir werden uns gewiß oftmals fragen müssen: Wie kommt es denn, daß unsere Zeit die Hoffnung hegen darf, mit vertieften anthroposophischen Erkenntnissen besser, intensiver in den Gang der Weltentwickelung einzudringen, um den Christus-Impuls zu verstehen, als die Zeit eingedrungen ist, in der die Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha gelebt haben? Man könnte fragen: War es denn nicht diesen Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha viel leichter, einzudringen in das Geheimnis, das mit diesem Mysterium für die Menschheitsentwickelung im speziellen verbunden ist, als unserer Zeit, die so weit getrennt ist von dem Mysterium von Golgatha? Das könnte eine belastende Frage werden für die Seelen der Gegenwart, die anthroposophisch dem Christus-Verständnisse folgen wollen. Es könnte einer jener Widersprüche werden, die bedrückend wirken müssen gerade dann, wenn wir die tieferen Prinzipien unserer anthroposophischen Erkenntnis ganz ernst nehmen. Eine Auflösung dieses Widerspruchs ergibt sich uns nur, wenn wir gewissermaßen einmal vor unsere Seele rücken die ganze geistige Situation, in welcher die Menschheit war zu jener Zeit, von der aus wir mit unserer Jahresrechnung zu zählen beginnen.
[ 2 ] Among the varied forms of knowledge that we try to reach through our anthroposophical studies we must of course include knowledge of the Christ; knowledge of the fundamentally important impulse—we have called it the Christ Impulse—which came in at the beginning of our era. And we are bound often to ask ourselves how we can hope to penetrate more effectively, with deepened anthroposophical knowledge, into the course of human evolution, in order to understand the Christ Impulse, than those who lived at the time of the Mystery of Golgotha were able to do. Was it not much easier for them to penetrate into this Mystery, whose secret is specially bound up with the evolution of humanity, than it is for us, at this great distance in time? That might be a troublesome question for persons who want to seek an understanding of Christ in the light of Anthroposophy. It might become one of those contradictions which have a depressing effect just when we want to take most earnestly the deeper principles of our anthroposophical knowledge. This contradiction can be cleared away only when we call up before our souls the whole spiritual situation of humanity at the beginning of our era.
[ 3 ] Wer es versucht, zunächst ganz ohne irgendwelche religiöse oder ähnliche Gefühle einzudringen in die Seelenverfassung der Menschen vom Beginne unserer Zeitrechnung, der kann eine höchst eigentümliche Entdeckung machen. Dieses Eindringen kann man zunächst ja auf folgende Art versuchen: Man halte sich an das, was auch die nur dem Äußerlichsten hingegebenen Seelen nicht leugnen können, man halte sich an die alte Überlieferung, wie sie erhalten ist in der Geschichte; aber man versuche, in denjenigen Teil einzudringen, der das Geistesleben in seiner Reinheit umfaßt. Denn man kann ja hoffen, daß man durch solches Eindringen einiges erhascht von den eigentlichen Impulsen der Menschheitsentwickelung. Man halte sich an das Gedankenleben der Zeit, die am Beginne unserer Zeitrechnung liegt. Man versuche einmal einzudringen, rein geschichtlich, in das, was Menschen meinetwillen zweihundert Jahre vor dem Mysterium von Golgatha und noch anderthalb Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha aufgebracht haben an Gedankenvertiefung, um in die Weltengeheimnisse, in die Weltenrätsel einzudringen. Da finden wir allerdings, daß in den Jahrhunderten vor und nach dem Mysterium von Golgatha eine unendlich bedeutungsvolle Veränderung vorgegangen ist in der Seelenverfassung der Menschheit in bezug auf das Gedankenleben. Man wird gewahr, daß in einer gewissen Weise auf einen großen Teil der damals in Betracht kommenden Kulturwelt dasjenige übergegangen ist, was die griechische Philosophie und andere Gedankenvertiefungen seit mehreren Jahrhunderten schon der Menschheit gebracht haben. Wenn man betrachtet, wozu die Menschheit rein von sich selbst aus, ohne zu reflektieren auf irgendeinen Impuls von außen, in der damaligen Zeit gekommen ist, wozu gekommen sind diejenigen, die man etwa mit dem stoischen Ausdruck «Weise» genannt hat, wozu gekommen sind zahlreiche Persönlichkeiten der römischen Geschichte, so muß man sagen: In bezug auf die Eroberung von Gedanken, die Eroberung von Ideen hat uns eigentlich das abendländische Leben nach dieser Zeit, nach der Wende im Beginne unserer Zeitrechnung, nicht außerordentlich viel mehr gebracht. Gebracht hat uns dieses abendländische Leben unendlich viel an Eindringen in die Naturtatsachen; unendliche Revolutionen des Denkens über die äußere Welt hat es uns gebracht. Die Gedanken, die Ideen selbst aber, mit denen alle diese Eroberungen gemacht worden sind, mit denen die Menschheit versucht hat, einzudringen in die äußeren räumlichen Geheimnisse des Daseins, die sind eigentlich wenig fortgebildet worden seit jenem Zeitalter; sie lebten, selbst bis zu dem Gedanken, auf den die heutige Zeit so stolz ist, bis zum Gedanken der Entwickelung, sie lebten alle in den Seelen der damaligen Zeit. Was man so nennen könnte ein gedankliches Welterfassen, ein Leben in Ideen, war zu einer gewissen Höhe, zu einem Gipfel gekommen und hatte nicht nur einzelne Geister ergriffen wie einige Zeit vorher die Schüler des Sokrates, sondern es war in gewisser Weise populär geworden, hatte sich ausgebreitet über Südeuropa und andere Gebiete der Welt. Man ist erstaunt über die Vertiefung, die der Gedanke erfahren hat. Wenn man unbefangen eine Geschichte der Philosophie in Betracht ziehen wollte, so würde man gerade diesen Sieg des Gedankens in der damaligen Zeit ganz besonders berücksichtigen.
[ 3 ] If we try—at first without any kind of religious or similar feeling—to enter into the psychic disposition of man at that time, we can make a most peculiar discovery. We can say to ourselves that we will rely on what cannot be denied even by minds most given over to externals; we will draw on the old tradition as found in history, but we will try to penetrate into that part of it which embraces the purest spiritual life. In this way we may hope to lay hold of essential elements in the evolution of humanity. Let us therefore try to enter quite historically into the endeavours that were made by men, say two hundred years before the Mystery of Golgotha and a hundred and fifty years after it, to deepen their thinking in order to understand the secrets, the riddles, of the world. Then we realise that during the centuries before and after the Mystery of Golgotha a change of far-reaching significance occurred in the souls of men with regard to the life of thought. We find that a large part of the civilised world received the influence of that which Greek culture and other deepened forms of thinking had achieved some centuries previously. When we consider what mankind had accomplished in this way by its own efforts, not in response to any impulse from without, and how much had been attained by men called “sages” in the Stoic sense (and a good many personalities in Roman history were so ranked), then we are bound to say: These conquests in the realm of thought and ideas were made at the beginning of our era, and Western life has not added very much to them. We have gained an endless amount of knowledge concerning the facts of Nature and have been through revolutions in our ways of thinking about the external world. But the thoughts, the ideas themselves, through which these advances have been made, and with which men have tried to discern the secrets of existence in external, spatial terms, have really developed very little since the beginning of our era. They were all present—even those of which the modern world is so proud, including the idea of evolution—in the souls of that period. What might be called an intellectual laying hold of the world, a life of ideas, had reached a certain summit, and not only among particular individuals, such as the pupils of Socrates a little earlier; it had become popular in a limited sense and had spread widely over Southern Europe and other regions. This deepening of thought is truly astonishing. An impartial history of philosophy would have to pay special attention to this triumph of human thinking at that time.
[ 4 ] Wenn man nun auf der einen Seite diesen Sieg des Gedankens nimmt, diese unendlich bedeutungsvolle Ausarbeitung der Ideenwelten, und auf der anderen Seite — in dem Sinn, wie wir heute versuchen einzudringen — so etwas vor die Seele hinstellt wie die Geheimnisse, die sich um das Ereignis von Golgatha herum gruppieren, dann wird man aber noch ein anderes gewahr. Dann wird man gewahr, daß, als sich die Kunde von dem Mysterium von Golgatha in der damaligen Zeit verbreitete, ein ungeheures Ringen des Gedankens mit diesem Mysterium stattfand. Wir sehen, wie die Philosophien in der damaligen Zeit, insbesondere die so sehr vertiefte Philosophie der Gnosis, sich bemühen, all die Ideen, die errungen worden sind, nach diesem einen Ziele hinzulenken. Und bedeutungsvoll ist es, dieses Ringen des menschlichen Gedankens mit dem Mysterium von Golgatha einmal auf sich wirken zu lassen. Denn das, was sich herausstellt, ist, daß dieses Ringen im Grunde genommen ein vergebenes ist, daß diese gewaltige Vertiefung des Gedankens, die die Menschheitsentwickelung erreicht hat, zwar da ist, zwar alle Anstrengungen macht, um das Mysterium von Golgatha zu begreifen, daß aber alle diese Anstrengungen nicht hinreichen; daß gewissermaßen das Mysterium von Golgatha, wie in einer weiten Entfernung durch geistige Welten geschieden, an das Menschenverständnis herankommt und sich nicht enthüllen will.
[ 4 ] But if we now take these highly significant advances in the realm of ideas, and on the other hand the secrets bound up with the Mystery of Golgotha, we become aware of something different. We realise that as the story of the event on Golgotha became known in that age, an immense wrestling of thought with that Mystery occurred. We see how the philosophies of the period, especially the Gnostic philosophy in its much profounder form, struggled to bring all the ideas it had gained to bear on this one purpose. And it is most important to let this struggle work upon us. For we then come to recognise that the struggle was in vain; that the Mystery of Golgotha appeared to human understanding as though it were dispersed through far-distant spiritual worlds and would not unveil itself.
[ 5 ] Nun möchte ich gleich von vornherein darauf aufmerksam machen, meine lieben Freunde, daß ich für diese Vorträge, wenn ich von dem Mysterium von Golgatha spreche, zunächst gar nichts in diesen Ausdruck hineinmischen möchte von dem, was aus irgendwelchen religiösen Überlieferungen und Überzeugungen in diesem Ausdruck liegen könnte; sondern daß rein genommen werden soll die objektive Tatsachenwelt, die der Menschheitsentwickelung zugrunde liegt, das, was der physischen und geistigen Beobachtung sich darbietet. Gleichsam eine Betrachtung möchte ich in Anspruch nehmen für uns, welche absieht von all dem, was man gewonnen hat über das Mysterium von Golgatha, was in den einzelnen religiösen Bekenntnissen vorhanden ist, und ich möchte den Blick nur hinwenden auf das, was in der Menschheitsentwickelung geschehen ist.
[ 5 ] Now from the outset I would like to say that when in these lectures I speak of the Mystery of Golgotha, I do not wish to invest this term with any colouring drawn from religious traditions or convictions. We shall be concerned purely with objective facts that are fundamental to human evolution, and with what physical and spiritual observation can bring to light. I shall leave aside everything that individual religious creeds have to say about the Mystery of Golgotha and shall look only at what has happened in the course of human evolution.
[ 6 ] Nun werde ich mancherlei zu sagen haben, vorausnehmend, was in den folgenden Tagen erst deutlich und beweiskräftig gesagt werden kann.
[ 6 ] I shall have to say many things which will be made clear and substantiated later on.
[ 7 ] Das erste, was einem auffällt bei einer solchen Gegenüberstellung des Geheimnisses des Mysteriums von Golgatha und der ungeheuer vertieften Gedankenentwickelung der damaligen Zeit, das ist, daß man den Eindruck empfängt, den ich so ausgedrückt habe: Weit, weit hinter dem, was die Gedankenentwickelung erreichen kann, steht das Wesen dieses Mysteriums. Und je genauer man eindringt in das, was ein solches Gegenüberstellen bieten kann, desto mehr muß man sich gestehen: Man kann auf der einen Seite seine Seele ganz vertiefen in die Gedankenwelten, die den Beginn unserer Zeitrechnung charakterisieren; man kann versuchen, sich in der Seele lebendig zu machen, wie die Seelenverfassung war, was die Menschen im Römischen Reiche, in Griechenland gedacht haben; man kann gleichsam diese Ideen, die die Menschen gedacht haben, vor seine Seele wieder heraufrufen, und dann wird man das Gefühl bekommen: Ja, es ist die Zeit, in der der Gedanke eine Vertiefung erlebt hat wie niemals vorher. Es geschieht etwas mit dem Gedanken, er tritt gleichsam an die menschliche Seele so heran, wie er nie vorher an sie herangetreten ist. Aber wenn man dann mit derjenigen Seelenverfassung, die man als die hellseherische bezeichnen kann, gleichsam in sich voll lebendig machen will, was man über diese Vertiefung des Gedankens und in dieser Verlebendigung der Gedankenwelten der damaligen Zeit vor seine Seele stellen konnte, wenn man also das in seiner Seele trägt, aber jetzt wirksam sein läßt in der Seele, was die hellseherische Seelenverfassung geben kann, taucht plötzlich etwas Überraschendes auf, man fühlt dann: Weit, weit in den geistigen Welten geht eigentlich das vor, wovon auch diese Vertiefung des Gedankens eine Wirkung ist.
[ 7 ] In setting the Mystery of Golgotha by the side of the deepest thought of that time, the first thing that strikes one is what I expressed by saying: The nature of this Mystery lies far, far beyond what can be reached by the development of thinking. And the more exactly one studies this contrast, the more is one brought to the following recognition. One can enter deeply into the thought-world that belongs to the beginning of our era; one can try to bring livingly before one's soul what thinking meant for those men of Greece and Rome; one can call up before one's soul the ideas that sprang from their thinking, and then one comes to the feeling: Yes, that was the time when thought underwent an unprecedented deepening. Something happened with thought; it approached the human soul in a quite new way. But if then, after living back into the thought-world of that time and recreating it in one's soul, one brings clairvoyant perception to bear on this experience, then suddenly something surprising emerges. One feels that something is happening far, far away in the spiritual worlds and that the deepening of thought is a consequence of it.
[ 8 ] Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht, daß hinter unserer Welt andere Welten liegen. Gebräuchliche Ausdrücke seien angewendet: die astralische Welt, die devachanische Welt, die höhere devachanische Welt. Wollen wir zunächst uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß diese drei Welten hinter der unsrigen liegen. Wenn man dann wirklich diese hellseherische Seelenverfassung in sich rege werden läßt, dann hat man den Eindruck: Auch wenn man in die nächste, in die astralische Welt eintreten würde, so würde sich auch da noch nicht vollständig aufklären, was eigentlich der Ursprung ist dessen, was im Gedankenleben der damaligen Zeit zum Ausdruck kommt. Selbst wenn man in die niedere devachanische Welt hineinblicken würde, würde sich noch nicht vollständig aufklären, was eigentlich geschehen ist. Und erst wenn man in die höhere devachanische Welt seine Seele hineinversetzen könnte — so sagt die hellseherische Seelenverfassung —, würde man in ihr erleben können, was durch die beiden anderen Welten hindurchstrahlt, was bis in unsere physische Welt herunterdringt, und was in unserer physischen Welt erkennbar ist in der radikalen Umgestaltung der Gedankenwelt der Menschheit durch Jahrhunderte hindurch.
[ 8 ] We have already called attention to the fact that behind our world lie other worlds—the Astral, the Devachanic, and the Higher Devachanic. Let us first remind ourselves that these three worlds lie behind our own! Then, if the clairvoyant state of soul is raised to full activity within oneself, the impression is received that neither in the Astral world nor in the lower Devachanic world can a complete explanation of the deepening of thought at that time be found. Only if one could place one's soul in the higher Devachanic world—so says clairvoyant insight—would one experience what it is that streams through the other two worlds and penetrates right down into our physical world.
[ 9 ] Man kann sich zunächst nur versetzen auf den physischen Plan und seine Betrachtung: Man braucht gar nicht gewahr zu werden, während man in die Ideenwelt der damaligen Zeit sich vertieft, was mitgeteilt wird über das Mysterium von Golgatha, man kann dies zunächst ganz außer acht lassen, und man kann sich fragen: Gleichgültig, was da drüben in Palästina vor sich gegangen ist, was zeigt uns die äußere Geschichte? Nun, sie zeigt uns, daß in Griechenland und Rom eine unendliche Gedankenvertiefung Platz gegriffen hat. Säumen wir gleichsam wie eine Insel unseres Seelenerlebens diese griechische und römische Gedankenwelt ein, denken wir sie abgeschlossen von all dem, was außerhalb vor sich gegangen ist, denken wir, es wäre noch nichts hineingedrungen in diese Welt von der Kunde des Mysteriums von Golgatha. Wenn wir dann unsere Seelenbetrachtung auf diese Welt hinlenken, so finden wir gewiß nichts von dem, was wir heute über das Mysterium von Golgatha erkunden, aber wir finden jene unendliche Vertiefung des Gedankenlebens, die uns zeigt: Hier ist etwas geschehen im Laufe der Menschheitsentwickelung, das das innerste Wesen der Seele auf dem physischen Plan ergriffen hat. Was wir auch zunächst glauben mögen, so wie damals war der Gedanke nie da, bei keinem Volk und in keinem Zeitalter! Möge also jemand auch noch so ungläubig sein oder nichts wissen wollen von dem Mysterium von Golgatha, eines muß er zugeben: daß in der Inselwelt, die wir jetzt umfriedet haben, eine Gedankenvertiefung lebt, die früher nie da war.
[ 9 ] On this physical plane there is no need to be aware, while steeping oneself in that past world of ideas, of anything told concerning the Mystery of Golgotha. One can leave that quite out of account and ask simply: No matter what happened over there in Palestine, what does external history indicate? It shows that in Greece and Rome an infinite deepening of thought took place. Let us put a circle round this Greek and Roman thought-world and make it an enclosed island, as it were, in our soul-life—an island shut off from everything outside; let us imagine that no report of the Mystery of Golgotha has reached it. Then, when we inwardly contemplate this world, we certainly find there nothing that is known to-day about the Mystery of Golgotha, but we find an infinite deepening of thought which indicates that here in the evolution of humanity something happened which took hold of the innermost being of the soul on the physical plane. We are persuaded that in no previous age and among no other people had thinking ever been like that! However sceptical anyone may be, however little he may care to know about the Mystery of Golgotha, he must admit one thing—that in this island world that we have enclosed there was a deepening of thought never previously known.
[ 10 ] Jetzt aber, wenn man sich in diese Gedankenwelt versetzt und im Hintergrunde die hellseherische Seelenverfassung hat, dann fühlt man sich so recht hineingestellt in die Eigentümlichkeit des Gedankens. Jetzt sagt man sich: Ja, so wie er aufgeblüht ist, dieser Gedanke, als Idee bei Plato oder anderen, wie er übergegangen ist in die Welt, die wir versuchten einzugrenzen, so ist dieser Gedanke etwas, was die Seele frei macht, was die Seele ergreift und sozusagen zu einer erhöhten Anschauung über sich selbst bringt, so daß sie sagen kann: Was du sonst auch ergreifen magst in der Außenwelt und in der geistigen Welt, es macht dich abhängig von diesen Welten; in dem Gedanken ergreifst du etwas, was in dir lebt, was du ganz durchdringen kannst. Du magst dich zurückziehen von der äußeren physischen Welt, magst ein Ungläubiger werden gegenüber der geistigen Welt, magst nichts wissen wollen von hellseherischen Eindrücken, magst nichts in dich hineindringen lassen wollen von physischen Eindrücken: Mit dem Gedanken kannst du in dir leben; du ergreifst gleichsam dein eigenes Wesen in deinem Gedanken!
[ 10 ] But if one places oneself in this thought-world, and has a clairvoyant faculty in the background, then one feels truly immersed in the individual character of this thought. And then one says to oneself: Yes, as this thinking flowers into idea, with Plato and others, as it passes over into the world we tried to enclose, it has a quality which sets the soul free, which lays hold of the soul and brings it to a loftier view of itself. Whatever else you may apprehend in the external world or in the spiritual world makes you dependent on those worlds; in thinking you take hold of something which lives in you and which you can experience completely. You may draw back from the physical world, you may disbelieve in a spiritual world, you may refuse to know anything about clairvoyant impressions, you may shut out all physical impressions—with thoughts you can live in yourself; in your thinking you lay hold, as it were, of your own being!
[ 11 ] Das kann man einsehen. Dann aber tritt — und das kann gar nicht anders sein, wenn man sich mit der hellseherischen Seelenverfassung in dieses, ich möchte sagen, Meer des Gedankens hineinbegibt — das Gefühl auf von der Isoliertheit der Gedanken, das Gefühl, daß der Gedanke eben doch nur Gedanke ist, das Gefühl, daß der Gedanke nur in der Seele zunächst lebt und man nicht in ihm selber finden kann die Macht, hinauszutreten in eine Welt, in der man auch das, was wir sonst sind, in seinem Urgrund finden kann. Gerade indem man die höchste Herrlichkeit des Gedankens verspürt, verspürt man auch sozusagen sein unreales Wesen. Dann kann man auch verspüren, wie eigentlich rings herum in der Welt, die man vor dem hellseherischen Blick kennengelernt hat, nichts ist, was im Grunde genommen doch diesen Gedanken tragen könnte.
[ 11 ] But then—and it cannot be otherwise if one enters with clairvoyant perception into this sea of thought, as I might call it—a feeling of the isolation of thought comes over one; a feeling that thought is still only thought; that it lives first of all only in the soul, and that one cannot draw from it the power to go out into a world where the ground of the rest of our being—the ground of what else we are—is to be found. In the very moment when one discerns the grandeur of thought, one discerns also its unreality. Then one can see also how in the surrounding world that one has come to know through clairvoyance, there is fundamentally nothing to sustain thought.
[ 12 ] Denn warum sollte er überhaupt da sein, dieser Gedanke? — so fragt man sich. Die physische Welt, die kann er ja doch eigentlich nur verfälschen. Diejenigen, die reine Materialisten sein wollen, die dem Gedanken kein ihm ureigenes Wesen zuschreiben können, die sollten eigentlich lieber das Denken verbieten. Denn wenn die materielle Welt die einzig wirkliche ist, so kann sie der Gedanke nur fälschen. Nur weil die Materialisten unkonsequent sind, kommt ihnen nicht die einzig mögliche Erkenntnistheorie des Materialismus, des Monismus: das Sich-Enthalten vom Denken, das Gar-nicht-mehr-Denken. Dem aber, der mit hellseherischer Seelenverfassung sich in das Gedankenleben vertieft, dem steht vor der Seele das, man möchte sagen, Bedrohliche dieser Isoliertheit des Gedankens, dieses Alleinstehens mit dem Gedanken. Und dann gibt es für ihn nur eines. Das aber gibt es, das kommt an ihn heran, wenn es auch nur herankommt wie etwas, was in einer weiten geistigen Entfernung steht: Durch zwei Welten getrennt, in einer dritten Welt ist der eigentliche Ursprung — so sagt sich die hellseherisch gewordene Seele — dessen, was im Gedankenleben ist. Das könnte für die in unserer Zeit hellseherisch empfindenden Seelen ein gewaltigster Eindruck sein, sich einmal mit seinem Denken isoliert in die Zeit zu versetzen, in der der Gedanke seine Vertiefung erfahren hat; abzusehen von allem, was rundherum ist, also auch von dem Mysterium von Golgatha, und nur zu reflektieren darauf, wie in der griechisch-römischen Welt aufgeht das, von dessen Gedankeninhalt wir jetzt noch zehren.
[ 12 ] Then why should thought be there at all? The physical world can do nothing but falsify it. Those who wish to be pure materialists, who refuse to ascribe to thought any primal reality of its own, should really prefer to prohibit it. For if the natural world is the only real world, thought can only falsify it. It is only because materialists are illogical that they do not embrace the only theory of cognition that goes with monistic Materialism—the refrain-from-thinking, think-no-more theory. But to anyone who immerses himself with clairvoyant perception in the world of thought there comes this disquieting awareness of the isolation of thought, as though he were standing quite alone with it. And then only one thing remains for him; but it does remain. Something comes towards him, even though it be from a far spiritual distance, separated from him by two worlds; and it becomes apparent—so the clairvoyant soul says to itself—that in this third world lies the true origin, the fountain-head, of that which is in the life of thought. For clairvoyant souls in our time it could be a powerful experience to immerse themselves, alone with their thinking, in the time when thought underwent its deepening; to shut out everything else, including knowledge of the Mystery of Golgotha, and to reflect how the thought-content on which we still nourish ourselves came forth in the Graeco-Roman world.
[ 13 ] Und dann sollte man den Aufblick machen zu anderen Welten und erst über der devachanischen Welt aufgehen fühlen in einer höheren geistigen Welt den Stern, von dem ausstrahlt an Kraft, was sich auch in dieser Gedankenwelt des griechisch-römischen Altertums geltend macht. Dann fühlt man sich hier auf der Erde zunächst entrückt der gegenwärtigen Welt, man fühlt sich hineinversetzt in die griechisch-römische Welt mit ihren Ausstrahlungen in die übrigen Erdengebiete der damaligen Zeit, meinetwegen vor dem Mysterium von Golgatha. Aber sobald man den Eindruck der geistigen Welt auf sich wirken läßt, so erscheint noch über dem Devachan gelegen der Stern — symbolisch sage ich der Stern —, die geistige Wesenheit, von der man sich sagt: Ja, auch das, was du hier erlebst in der Isoliertheit des Gedankens und in der Möglichkeit, daß der Gedanke eine solche Vertiefung erfahren hat wie in der Zeit des Beginnes unserer Zeitrechnung, ist die Folge der Strahlen, die von diesem Stern in der höheren geistigen Welt ausgehen.
[ 13 ] Then one should turn one's gaze to other worlds and feel rising over the Devachanic world a star that belongs to a higher spiritual world; the star from which rays out the power that makes itself felt in the thought world of Graeco-Roman antiquity. Then one feels oneself here on Earth, but carried away from the world of today and plunged into the Graeco-Roman world, with its influence spreading out over other regions at that time, before the Mystery of Golgotha. But as soon as one lets the spiritual world make its impression on one, there appears again, shining over Devachan, the star (I speak symbolically), or the spiritual Being of whom one says to oneself: Yes, the experience of the isolation of thought, and of the possibility of thought having undergone such a deepening at the beginning of our era—this is a consequence of the rays that shine out from this star in the higher spiritual world.
[ 14 ] Und nun ergibt sich eine Empfindung, die zunächst gar nichts weiß von dem, was historische Tradition vom Mysterium von Golgatha ist, sondern eine Empfindung, die sich so ausdrücken läßt: Du stehst da mit der römisch-griechischen Ideenwelt, mit dem, was Plato und was die anderen haben geben können der allgemeinen Menschheitsbildung, was sie hineinversetzt haben in die Seelen —, mit dem stehst du da und fühlst dich darinnen lebendig. Und dann wartest du... Du wartest wahrhaftig nicht vergebens; denn dann taucht auf, wie tief, tief in den Hintergründen des geistigen Lebens, der Stern, der seine Kraftstrahlen sendet und von dem du sagen darfst: Eine Wirkung dieser Kraftstrahlen ist, was du eben erlebt hast.
[ 14 ] And then comes a feeling which at first knows nothing of the historical tradition of the Mystery of Golgotha but can be expressed thus: Yes, you are there in the Graeco-Roman world of ideas, with all that Plato and others were able to give to the general education of mankind, with what they have imparted to the souls of men—you feel yourself living in the midst of that. And then you wait ... and truly not in vain, for as though deep in the background of spiritual life appears the star which sends forth its rays of power; and you can say that what you have experienced is a result of that power.
[ 15 ] Diese Erfahrung kann gemacht werden. Wenn man diese Erfahrung macht, dann hat man noch gar nichts sich vorgehalten von irgendeiner Tradition, sondern hat nur unbefangen die Gründe gesucht für das, was in der griechisch-römischen Welt vor sich gegangen ist. Aber man hat auch die Erfahrung gemacht, daß man durch drei Welten getrennt ist von dem Verständnis des eigentlichen Grundes der damaligen Welt. Und dann läßt man sich vielleicht darauf ein, hinzusehen auf diejenigen Geister, die in der damaligen Zeit versucht haben, diesen Umschwung in ihrer Art zu begreifen. Man kommt selbst in der äußerlichen Wissenschaft der Gegenwart etwas darauf, daß in dieser Zeit des Überganges, von dem wir unsere Zeitrechnung beginnen, gleichsam religiös-philosophische Genies gelebt haben. Und man wird am besten noch auf diese religiös-philosophischen Genies treffen, wenn man auf das hinsieht, was in der Gnosis sich auslebt. Diese Gnosis ist in der mannigfaltigsten Weise bekannt. Äußerlich kennt man sie ja außerordentlich wenig, aber man kann doch auch nach den äußerlichen Dokumenten schon einen Eindruck gewinnen von der unendlichen Tiefe dieser Gnosis. Wir wollen von ihr nur insofern sprechen, als sie wichtig ist für unsere Betrachtung der Menschheit.
[ 15 ] This experience can be gone through. And in going through it one has not relied on any kind of tradition, but has quite impartially sought the origin of what took place in the Graeco-Roman world. But one has also had the experience of being separated by three worlds from understanding the root-causes of that Graeco-Roman world. And then, perhaps, one turns to the men of that time who tried in their own way to understand the change. Even the external scholarship of today has come to recognise that in this period of transition at the beginning of our era some religious-philosophic geniuses lived. And they can best be encountered by looking at Gnosticism. The Gnosis is known in the most varied ways. Externally, remarkably little is really known about it, but from the available documents one can still get an impression of its endless depth. We will speak of it only in so far as it bears on our present considerations.
[ 16 ] Da können wir vor allen Dingen sagen: Die Gnostiker haben ein Gefühl gehabt von dem, was jetzt eben ausgesprochen worden ist: daß man in unendlich weit zurückliegenden Welten die Gründe suchen muß für das, was in der äußeren Welt der damaligen Zeit sich ereignet hat. Und dieses Bewußtsein hat sich auf andere übertragen, und wir sehen es noch durchschimmern, wenn wir nur wollen, wenn wir nicht oberflächlich sind, in demjenigen, was wir nennen können die Theologie des Paulus. Aber auch noch in mancherlei anderen Erscheinungen. Nun, wer sich heute in die Gnosis der damaligen Zeit vertieft, wird große Schwierigkeiten des Verständnisses haben. Unsere Seelen sind doch gar zu sehr afliziert und auch infiziert von dem, was die materialistische Entwickelung der letzten Jahrhunderte in ihnen hervorgebracht hat. Man denkt da zu sehr, wenn man die Weltentwickelung zurückverfolgt, an den Kant-Laplaceschen Weltennebel, an etwas rein Materielles. Und selbst diejenigen, die nach einer mehr geistigen Weltanschauung suchen, sie denken, wenn sie in die ältesten Zeiten zurückschauen, an diesen Weltennebel oder an etwas Ähnliches, und sie fühlen sich doch recht wohl, die Menschen heute, selbst die geistigsten, wenn ihnen sozusagen die Sorge abgenommen wird, das Geistige .auch in den Urzeiten der Weltentwickelung des Kosmos aufzufinden. Sie fühlen sich gar so erleichtert, diese Seelen der Gegenwart, wenn sie, forschend nach den Urgründen der Welt, sich sagen können: Dieses oder jenes feine substantielle Äußere war damals da, und aus ihm hat sich entwickelt alles Geistige neben allem Physischen. Und so finden wir denn manchmal Seelen, die sich recht getröstet fühlen, wenn sie die materialistischen Forschungen an den Anfang des Kosmos setzen können, wenn sie sozusagen die abstraktesten Begriffe von irgendeinem gasförmigen Gebilde an den Anfang unseres Kosmos setzen können.
[ 16 ] Above all we can say that the Gnostics had a feeling for what I have just described; that for the causes of what happened in that past epoch one must look to worlds lying infinitely far away in the background. This awareness was passed on to others, and if we are not superficial we can, if we will, see it glimmering through what we may call the theology of Paul, and in many other manifestations also. Now, anyone who steeps himself in the Gnosis of that period will have great difficulty in understanding it. Our souls are too much affected and infected by the fruits of the materialistic developments of the last few centuries. In tracing back the evolution of the world they are too readily inclined to think in terms of the Kant-Laplace theory of a cosmic nebula, of something quite material. And even those who seek for a more spiritual conception of the world—even they, when they look back to the beginning of time, think of this cosmic nebula or something similar. These modern people, even the most spiritual, feel very happy when they are spared the trouble of discerning the spiritual in the primal beginnings of cosmic evolution. They find it a great relief, these souls of today, when they can say to themselves: “This or that rarefied form of material substance was there to start with, and out of it everything spiritual developed side by side with everything physical.” And so we often find souls who are greatly comforted when they can apply the most materialistic methods of inquiry to the beginning of the cosmos and arrive at the most abstract conception of some kind of gaseous body.
[ 17 ] Deshalb ist es für die Menschen so schwierig, sich in die Gedanken der Gnosis hineinzuversetzen. Denn die Gnosis setzt wahrhaftig alles, was gar nicht irgendwie an das Materielle erinnert, zunächst an den Ausgangspunkt ihrer Weltbetrachtung. Vielleicht wird sich sogar ein Geist, der so recht in der Gegenwartsbildung drinnensteckt, eines leisen Lächelns nicht enthalten können, wenn ihm im Sinne der Gnosis zugemutet wird, zu denken, daß die Welt, in der er sich befindet, die er mit seinem Darwinismus so herrlich schön erklärt, daß diese Welt gar nichts zu tun haben soll mit dem, was in Wirklichkeit die Urgründe unserer Welt darstellt. Eines leisen Lächelns wird sich der heutige Mensch, der in der Gegenwartsbildung drinnensteckt, wirklich nicht enthalten können, wenn ihm zugemutet wird, zu denken, die Urgründe der Welt seien bei jenen Weltenwesen, zu denen überhaupt Begriffe zunächst nicht reichen, zu denen nichts reicht von all dem, was man heute aufwendet zum Weltenverständnis: In dem göttlichen Urvater liegt das, was der Weltengrund genannt werden kann. Und gleichsam von ihm ausgehend, ihm zur Seite, ist erst dasjenige, wozu die Seele sich hindurchringen kann, wenn sie abseits aller materialistischen Vorstellungen ein wenig nur ihr Tiefstes sucht: Schweigen, das unendliche Schweigen, in dem noch nicht Zeit und Raum ist, sondern nur Schweigsamkeit ist. Zu dem Paar des Urvaters der Welt und des Schweigens, das noch vor Raum und Zeit ist, schaute der Gnostiker auf, und dann ließ er hervorgehen gleichsam aus der Vermählung des Urvaters mit dem Schweigen andere — man kann sie ebensogut Welten wie Wesen nennen. Und aus diesen wieder andere und wieder andere und wieder andere, und so durch dreißig Stufen hindurch. Und auf der dreißigsten Stufe steht erst das, was unserem Gegenwartssinn vorliegt, und was mit dem Darwinismus so herrlich nach diesem Gegenwattssinn erklärt wird. Auf der dreißigsten Stufe steht es erst, eigentlich auf der einunddreißigsten; denn dreißig solche Wesenheiten, die man ebensogut Welten wie Wesenheiten nennen kann, gehen voran dieser Welt. Äon ist der Ausdruck, den man gewöhnlich annimmt für diese dreißig unserer Welt vorangehenden Wesenheiten oder Welten.
[ 17 ] That is why it is so difficult to enter into the thoughts of the Gnosis. For what the Gnosis places at the beginning of the world carries no suggestion of anything at all material. Anyone thoroughly attuned to modern education will perhaps be unable to restrain a slight smile if he is invited to think in the sense of the Gnosis that the world in which he finds himself, the world he explains so beautifully with his Darwinism, bears no relation to a true picture of how the world began! Indeed, he will hardly be able to help smiling when he is asked to think that the origin of the world resides in that cosmic Being who is beyond all concepts, not to be reached by any of the means that are applied nowadays to explaining the world. In the primal Divine Father—says the Gnosis—lies the ground of the world, and only in what proceeds from Him do we find something to which the soul can struggle through if it turns away from all material conceptions and searches a little for its own innermost depth. And this is Silence: the eternal Silence in which there is neither space nor time, but silence only. It was to this duality of the primal Father and the Silence preceding time and space that the Gnostic looked up; and then, from the union of the primal Father with the Silence, as it were, he conceived other existences proceeding: one can equally well call them Worlds or Beings. And from them others, and again others, and again others—and so on through thirty stages. And only at the thirtieth stage did the Gnostic posit a condition prior to our present mentality—a condition so delightfully explained by Darwinism in terms of that mentality. Or, strictly speaking, at the thirty-first stage, for thirty of these existences, which can be called Worlds or Beings, precede our world. “Aeon” is the name generally given to these thirty Beings or Worlds that precede our own.
[ 18 ] Man bekommt nur dann eine Vorstellung von dem, was mit dieser Äonenwelt gemeint ist, wenn man sich klar und deutlich sagt: Nicht nur das, was die Sinne wahrnehmen, was du deine Welt um dich herum nennst, gehört sozusagen der einunddreißigsten Welt an, sondern auch das, was du aufbringst als physischer Mensch mit deinen Gedanken als Erklärungen dieser Welt, gehört dieser einunddreißigsten Stufe an. Es ist ja noch leicht, sich abzufinden mit einer spirituellen Weltanschauung, wenn man sagt: Nun ja, die äußere Welt ist ja allerdings Maja, aber durch unser Denken dringen wir in die geistige Welt ein —, und wenn man dann die Hoffnung hat, daß dieses Denken wirklich hinaufkommen kann in die geistigen Welten. Das war aber nach der Ansicht der Gnostiker nicht der Fall. Dieses Denken gehört zum einunddreißigsten Äon, zur physischen Welt, nach der Ansicht der Gnostiker. So daß zunächst nicht nur der sinnlich wahrnehmende, sondern auch der denkende Mensch herausversetzt war aus den dreißig Äonen, die stufenweise aufwärts angeschaut werden können durch die geistige Entwickelung und die in immer größerer und größerer Vollkommenbheit sich darstellen. Man braucht wirklich nur sich einmal hineinzuversetzen in das Lächeln, das einem heutigen, auf der Höhe seiner Zeit stehenden Monisten sich abringt, wenn man ihm zumutet, zu glauben: DreiBig Welten gehen voran, in denen etwas ganz anderes ist, als du selbst zu denken vermagst. — Das aber war die Anschauung der Gnostiker.
[ 18 ] One can get a clear idea of what is meant by this Aeon-world only by saying to oneself: To the thirty-first stage there belongs not only what your senses perceive as the external world, but also the way in which your thinking as physical man tries to explain the sense world. It is easy enough to come to terms with a spiritual conception of the world if one says: Yes, the external world is certainly Maya, but with thinking we penetrate into a spiritual world—and if one hopes that this thinking really can reach the spiritual world. But according to the Gnostic this is not so; for him, this thinking belongs to the thirty-first Aeon, to the physical world. So not only sense perception, but human thinking, lies outside the thirty Aeons, who can be looked up to through the stages of spiritual evolution, and who reveal themselves in ever-mounting perfection. One can easily imagine the smile that comes to a Monist, standing at the summit of his time, if he is asked to believe in thirty preceding worlds—thirty worlds with a content entirely different from anything his thinking can conceive. But that was the view of the Gnostics. And then they asked themselves:
[ 19 ] Und dann fragten sie sich: Wie ist es denn eigentlich in dieser Welt?
[ 19 ] How is it with this world?
[ 20 ] Wir wollen eine Weile davon absehen, was wir selbst über diese Welt gesagt haben im Sinne des Beginnes des zwanzigsten Jahrhunderts. Das, was ich jetzt sage, soll nicht für uns als irgendeine uns etwa überzeugende Ideenwelt dargestellt werden — in der Anthroposophie des zwanzigsten Jahrhunderts wird selbstverständlich die Gnosis zu überwinden sein —, aber wir wollen uns in diese Gnosis versetzen. Die umliegende Welt, auch mit dem, was der Mensch über sie denken kann, warum ist sie denn abgeschlossen von den dreißig Äonen? — Da muß man hinblicken, sagte sich der Gnostiker, auf den untersten, aber noch rein geistigen Äon. Was ist da vorhanden? Da ist vorhanden die göttliche Sophia, die göttliche Weisheit. In geistiger Art abstammend durch die 29 Stufen hindurch, zu dem höchsten Äon schaute sie hinauf innerhalb der geistigen Welt, zu dieser Reihe der geistigen Wesenheiten oder Welten. Aber es wurde ihr eines Tages, eines Weltentages, klar, daß sie etwas von sich auszusondern habe, wenn sie den freien Ausblick erhalten wollte in die geistige Welt der Äonen. Und sie sonderte von sich aus dasjenige, was in ihr vorhanden war als Begierde. Und das, was fortan nicht mehr in ihr vorhanden ist, in dieser göttlichen Sophia, in dieser göttlichen Weisheit, das irrt nunmehr herum in der Raumeswelt, das durchdringt alles Werden der Raumeswelt. Es lebt nicht nur in der Sinneswahrnehmung, es lebt auch im Menschendenken, lebt da mit der Sehnsucht nach der geistigen Welt, lebt aber doch wie ausgeworfen in die menschlichen Seelen. Gleichsam als die andere Seite, das Ebenbild, aber als das in die Außenseite geworfene Ebenbild der göttlichen Sophia lebt die Begierde, die in alles hineingeworfen ist, die Weit durchdringend: Achamod. Schaust du in deine Welt, ohne dich aufzuschwingen in die geistigen Welten, so schaust du in die begierdenerfüllte Welt von Achamod. Weil sie die von Begierden erfüllte Welt ist, deshalb kann sich in ihr zunächst nicht darstellen, was sich als Ausblick ergibt in die Welt der Äonen.
[ 20 ] We will disregard for a while what we have ourselves said about the world in the sense of the early twentieth century. What I am now telling you must not be taken as offering a convincing world-picture. In the Anthroposophy of the twentieth century we have naturally to get beyond the Gnosis, but just now we want to sink ourselves in it. Why is this surrounding world, including the human faculty of thinking about it, shut off from the thirty Aeons? We must look, said the Gnostic, to the lowest but still purely spiritual Aeon. And there we find the Divine Sophia, the Divine Wisdom. She had evolved in a spiritual way through the twenty-nine stages, and in the spiritual world she looked up to the highest Aeon through the ranks of spiritual Beings or Worlds. But one day, one cosmic day, it became evident, to her that if she was to maintain a free vision into the spiritual world of the Aeons, she had to separate something from herself. And she separated from herself that which existed in her as desire. And this desire, being no longer present in the Divine Sophia, the Divine Wisdom, now wanders through the realms of space and permeates everything that comes into being in the realms of space. Desire does not live only in sense perception, but also in human thinking, and in the longing that looks back to the spiritual world; but always as something cast out into the souls of men. As an image, but as an image of the Divine Sophia cast out from her, lives this desire, Achamod, thrown out into the world and permeating it.
[ 21 ] Weit, weit zurückliegend in der Welt der Äonen, erzeugt aus der reinen Geistigkeit der Äonen heraus, dachte sich die Gnosis, was sie nannte den Sohn des Vatergottes, und auch das, was sie nannte den reinen, Heiligen Geist. So daß wir in ihnen gleichsam eine andere Generationsreihe, eine andere Reihe der Entwickelung haben als diejenige, die dann zu der göttlichen Sophia geführt hat. Wie sich im physischen Leben in der Fortpflanzungsströmung die Geschlechter sondern, so sonderte sich einmal im Fortgang der Äonen, durchaus auf einer Hochstufe der geistigen Welt, eine andere Strömung heraus, die Strömung des vom Vater stammenden Sohngeistes und des Heiligen Geistes. So daß man fließend hat in der Welt der Äonen das, was auf der einen Seite zur göttlichen Sophia führte und auf der anderen Seite zum Sohngeist und Heiligen Geist. Wenn man hinaufgeht durch die Äonen, so begegnet man einmal einem Äon, von dem abstammt auf der einen Seite die Äonenfolge, die dann zur göttlichen Sophia hinführte, wie auf der anderen Seite die Äonenfolge, von der abstammen der Gottessohn und der Heilige Geist. Dann kommen wir hinauf zum Vatergott und dem göttlichen Schweigen.
[ 21 ] If you look into yourself, without raising yourself into spiritual worlds, you look into the desire-filled world of Achamod. Because this world is filled with desire, it cannot disclose within itself that which is revealed by looking out into the world of the Aeons. Far, far away in the world of the Aeons—so thought the Gnosis—the pure spirituality of the Aeons engenders what the Gnostics called the Son of the Father-God, and also what they called the pure Holy Spirit. So we have here another generation, as it were, another evolutionary line, different from that which led to the Divine Sophia. As in the propagation of physical life the sexes are separate, so in the progression of the Aeons another stream took its origin from a very high level in the spiritual world: the stream of the Son and the Holy Spirit stemming from the Father. So in the world of Aeons there was one stream leading to the Divine Sophia and another to the Son and the Holy Spirit. If one rises through the Aeons, one comes eventually to an Aeon from whom there arose on the one hand the succession leading to the Divine Sophia, and on the other the succession leading to the Son and the Holy Spirit. And then we ascend to the Father-God and the Divine Silence.
[ 22 ] Dadurch nun, daß die menschliche Seele mit Achamod versetzt ist in die materielle Welt, dadurch lebt in ihr im Sinne der Gnosis die Sehnsucht nach der geistigen Welt, lebt in ihr vor allen Dingen die Sehnsucht nach der göttlichen Sophia, nach der göttlichen Weisheit, von der sie aber durch ihr Erfülltsein mit Achamod getrennt ist. Dieses Gefühl der Trennung von der göttlichen Äonenwelt, dieses Gefühl, nicht in dem Göttlich-Geistigen zu sein, das wird nach der Anschauung der Gnostiker als die materielle Welt empfunden. Und abstammend von der göttlich-geistigen Welt, doch verbunden mit Achamod, erscheint der Gnosis das, was man nennen könnte, an die griechische Sprache sich anlehnend, den Weltenbaumeister, den Demiurgos. Dieser Demiurgos, dieser Weltenbaumeister, ist der eigentliche Durchschöpfer und Durcherhalter dessen, was von Achamod und dem Materiellen durchzogen ist. In seine Welt sind einverflochten die Menschenseelen. Die Menschenseelen sind einverflochten mit ihrer Sehnsucht zunächst nach der göttlichen Sophia, und in der Welt der Äonen erscheint rein göttlich-geistig, wie in der Ferne, der Gottessohn und der Heilige Geist, aber nur für den, der — im Sinne der Gnosis — sich erhebt über all das, in das hinein Achamod, die im Raume schweifende Begierde, einverleibt ist.
[ 22 ] Because the human soul is shut off with Achamod in the material world, it has in the sense of the Gnosis a longing for the spiritual world, and above all for the Divine Sophia, from whom it is separated through being filled with Achamod. This feeling of being separated from the Divine, of not being within the Divine—this feeling is actually experienced, according to the Gnostic, as the material world. And the Gnostic sees originating from the divine-spiritual world, but bound up with Achamod, what one might call (to borrow a Greek word) the Demiurgos, the cosmic Architect. This Demiurgos is the real arch-creator and sustainer of that which is permeated with Achamod and the material. The souls of men are woven into his world. But they are imbued also with longing for the Divine Sophia. As though in the far distance of the Aeon-world appear the Son and the Holy Spirit in their pure divine spirituality, but they appear only to someone who has—in the sense of the Gnosis—raised himself above everything in which is embodied Achamod, the desire that pervades space.
[ 23 ] Warum ist in den Seelen, die in die Welt der Achamod versetzt sind, doch die Sehnsucht? Warum fühlen sie nach der Trennung von der göttlich-geistigen Welt die Sehnsucht nach der göttlichgeistigen Welt? Auch diese Frage legte sich die Gnosis vor, und sie sagte: Achamod ist herausgeworfen aus der göttlichen Weisheit, der göttlichen Sophia; aber bevor sie diese völlig materielle Welt wurde, in der der Mensch jetzt lebt, kam ihr wie eine kurze Überstrahlung ein Licht von dem Gottessohn, das gleich wieder verschwand. Das ist ein wichtiger Begriff der Gnostiker, daß Achamod, wie sie in den Menschenseelen lebt, ansichtig wurde in urferner Vergangenheit des Gotteslichtes, das ihr nur gleich wiederum entschwunden war. Aber die Erinnerung lebt jetzt in der Menschenseele, wie sehr sie auch verstrickt sein kann in die materielle Welt. In der Welt der Achamod lebe ich — so hätte eine solche Seele sagen können — in der materiellen Welt. Mit einer Hülle bin ich umgeben, die dieser materiellen Welt entnommen ist. Aber indem ich mich in mich versenke, lebt in mir eine Erinnerung auf. Das, was mich gefesselt hält an die materielle Welt, sehnt sich nach der göttlichen Sophia, nach der göttlichen Weisheit, weil das Wesen Achamod, das in mir lebt, einstmals überleuchtet worden ist von dem Gottessohn, der in der Welt der Äonen lebt. — Man mache sich diese Verfassung einer Seele, die sozusagen eine Schülerseele der Gnostiker war, einmal klar. Solche Seelen lebten; sie sind nicht eine hypothetische Konstruktion, sie lebten. Und die verständig schauenden Geschichtsforscher werden durch äußere Dokumente darauf kommen, daß zahlreiche solche Seelen gelebt haben in jener Zeit, von der wir eben sprechen.
[ 23 ] Why is there this longing in the souls that have been drawn into the world of Achamod? Why, after their separation from the divine-spiritual world, do they feel a longing for it? The Gnostics also asked themselves these questions, and they said: Achamod was cast out from the Divine Wisdom, the Divine Sophia, but before Achamod had completely become this material world, where men now live, there came to her something like a brief raying-out of light from the Son of God; and then immediately the light vanished again. For the Gnostic this was an important concept: that Achamod—the same Achamod that lives in the souls of men—had been granted in the primal remote past a glimpse of Divine light, which had then immediately disappeared. But the memory of it lives on today in human souls, however deeply enmeshed in the material world the soul may be. “I live in the world of Achamod, the material world”, such a soul might have said. “I am surrounded with a sheath drawn from the material world, but when I sink into my inner being, a memory comes to life within me. The element that holds me bound to the material world longs after the Divine Sophia, the Divine Wisdom; for the being of Achamod, which lives in me, was once illuminated by a ray from the Son of God, who dwells in the world of the Aeons.” We should try to picture clearly to ourselves such a soul as this, a disciple of the Gnosis. There were such souls: they are not a hypothetical invention. Anyone who studies history with understanding will come to realise through the external documents that many souls of this kind lived in that period.
[ 24 ] Es ist nicht unnötig, sich einmal klarzumachen, warum man in der Gegenwart so viel hat gegen das, was ich eben gesagt habe. Was wird so ein recht gescheiter Mensch der Gegenwart über die Gnosis zu sagen haben? Wir haben es ja hören müssen, daß schon die Theologie des Paulus empfunden wird als eine rabbinistische Spintisiererei, als etwas, was viel zu knifflig ist, als daß sich der gescheite Monist darauf einlassen könnte, der so stolz in die Welt hineinblickt und mit dem einfachen Entwickelungsbegriff oder mit dem noch einfacheren Energiebegriff diese Welt umspannt und sagt: Jetzt sind wir endlich Männer geworden, haben die Begriffe gewonnen, die uns eine energetische Weltanschauung aufbauen, und blicken zurück auf diese Kinder, diese armen, lieben Kinder, die vor Jahrhunderten ihre Gnosis auferbaut haben aus der Kindlichkeit, auferbaut haben allerlei Geister, dreißig Äonen: so macht es die «spielende Kinderseele» der Menschheit. Über solche Spielerei ist die mannhaft gewordene Seele von heute im großen Monismus der Gegenwart längst hinaus! Mit Nachsicht blicke man auf diese gnostischen, recht anmutigen Kindereien!
[ 24 ] We need to see clearly why there are such strong objections nowadays to what I have been saying. What will a thoroughly level-headed man of today have to say about the Gnosis? We have already had to listen to the view that the theology of Paul gives an impression of rabbinical subtleties, far too intricate for a sensible Monist to concern himself with—a Monist who looks out proudly over the world and draws it all together with the simple concept of evolution or with the still simpler concept of energy, and says: “Now at last we have grown up; we have acquired the ideas which give us a picture of the world based on energy, and we look back at these children, these poor dear children, who centuries ago built up the Gnosis out of childishness—they imagined all sorts of spirits, thirty Aeons! That is what the human soul does in its time of nursery play. The grown-up soul of today, with its far-reaching Monism, has left such fancies far behind. We must look back indulgently at these Gnostic infantilisms—they are really charming!”
[ 25 ] So ist eben heute die Stimmung, und diese Stimmung wird nicht leicht zu belehren sein. Man könnte ihr freilich sagen: Ein Gnostiker, der heute mit seiner aus der Gnosis herausgeborenen Seele vor dir stehen würde, der würde sich auch die Freiheit herausnehmen, dir seine Ansicht zu sagen, und er würde dann etwa so sprechen: Ich begreife ganz gut, daß du so stolz, so hochmütig geworden bist mit deinem Entwickelungs- und Energiegedanken; aber das kommt davon her, daß dein Gedankenleben recht grob, einfach, primitiv geworden ist, daß du dich begnügst aus deinen Nebeln heraus mit den allerabstraktesten Gedanken. Du sprichst das Wort Entwickelung und Energie aus und glaubst etwas zu haben. Du kannst eben nicht hineinschauen in jenes feinere geistige Leben, das hinaufdringt zu dem, was in dreißig Stufen sich erhebt über dem, was du hast.
[ 25 ] Such is the prevailing mood today, and it is not easily teachable. One might say to it: Yes, if a Gnostic, with his soul born out of the Gnosis, were to stand before you, he might also take the liberty of expressing his outlook, somewhat like this: “I understand very well how you have become so proud and arrogant, with your ideas of evolution and energy, but this is because your thinking has become so crude and simple and primitive that you are satisfied with your nebulae and your entirely abstract concepts. You say the words ‘evolution’ and ‘energy’ and think you have got something, but you are blind to the finer spiritual life that seeks its way up into that which rises through thirty stages above anything you have.”
[ 26 ] Für uns aber, meine lieben Freunde, wird der Gegensatz, den ich im Beginne der heutigen Betrachtung vor Sie hingestellt habe, dadurch nur noch schroffer. Wir sehen auf der einen Seite unsere Zeit mit ihren ganz groben, primitiven Begriffen und sehen auf der anderen Seite diese Gnosis. Und eben haben wir auseinandergesetzt, wie unendlich komplizierte Begriffe diese Gnosis aufwendet — dreißig Äonen —, um im Verlaufe ihrer Entwickelung den Gottessohn und den Heiligen Geist zu finden und in der Seele zu finden die Sehnsucht nach der göttlichen Sophia und dem Gottessohn und dem Heiligen Geist.
[ 26 ] But for us the antithesis mentioned at the beginning of this lecture becomes all the sharper. We see on the one hand our own time, with its quite crude and primitive concepts, and on the other the Gnosis. And we have seen how the Gnosis employs endlessly complicated concepts—thirty Aeons—in order to find in the course of evolution the Son of God and the Holy Spirit, and to find in the soul the longing for the Divine Sophia and the Holy Spirit.
[ 27 ] Dann fragen wir uns: Ja, ist denn nicht aus dem, was damals in der griechisch-römischen Welt an Gedankenvertiefung geschah, dasjenige hervorgegangen, was wir heute haben, womit wir es so herrlich weit gebracht haben in unserem Entwickelungs- und Energiegedanken? Und blicken wir nicht auf diese Gnosis mit ihren komplizierten Begriffen, die der Gegenwart so unsympathisch sind, wie auf etwas in der Tat ganz Fremdes? Sind das nicht kolossale Gegensätze? Ja, sie sind es. Der Widerspruch, der sich uns von da aus bedrückend in die Seele legt, wird immer größer, wenn wir jetzt wiederum zurückreflektieren auf das, was wir über die hellseherisch gestimmte Seele gesagt haben: daß sie sich versetzen kann in die Gedankenwelt der Griechen und Römer, und dann die Welt mit dem Stern sieht, von der wir gesprochen haben. Und überall eingestreut in diese Vertiefung des griechischen Gedankens finden wir jene Vertiefung, die die Gnosis darstellt. Doch wenn wir sie mit dem, was uns die Anthroposophie heute geben soll, ansehen, ohnmächtig eigentlich, zu verstehen, was der Stern bedeuten soll, von dem wir durch drei Welten getrennt sind, und wenn wir bei den Gnostikern anfragen: Haben sie verstanden, was damals in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit geschehen ist? — dann können auch wir auf dem Boden der Anthroposophie uns von den Gnostikern die Antwort nicht geben lassen, denn sie würde uns niemals befriedigen können; sie würde kein Licht bringen können in das, was sich heute der hellseherischen Seele ergibt.
[ 27 ] Then we ask ourselves: Is it not from the deepening of thought in the Graeco-Roman world that we have gained what we have carried so splendidly far in our thoughts about energy and evolution? And in this Gnosis, with its complicated ideas, so unsympathetic to the present day, are we not looking at something quite strange? Are not these colossal contrasts? Indeed they are. And the contradiction, lying like a weight on the soul, becomes even greater if we reflect on what was said about clairvoyant souls: that they can transpose themselves into the thought-world of the Greeks and Romans, and then see the world with the star, of which we have spoken. And mingled everywhere with this deepening of Greek thought we find that other deepening which the Gnosis exemplifies. Yet when we look at this with the aid of what Anthroposophy should give us today, and are yet powerless to understand what the star should signify, separated as we are from it by three worlds—and if we ask the Gnostics: Have you understood what happened at that time in the historical evolution of humanity? ... then, standing on the ground of Anthroposophy, we cannot take the answer from the Gnostics, for it could never satisfy us; it would throw no light on what is shown to the clairvoyant soul.
[ 28 ] Ich möchte Ihnen heute mit dieser Betrachtung nicht eine Erklärung für irgend etwas gegeben haben. Je mehr Sie empfinden, daß das, was ich ausgesprochen habe, keine Erklärung ist, je mehr Sie empfinden, daß ich eigentlich Widerspruch über Widerspruch vor Sie hingestellt habe und nur eine okkulte Erfahrung, die der Wahrnehmung des Sternes, Ihnen zeigte, desto besser haben Sie mich für heute verstanden. Daß Sie sich klar sind darüber, daß etwas in der Welt erschienen ist im Beginne unserer Zeitrechnung, von dem das menschliche Verständnis weit, weit ab war und doch von ihm bewirkt war, das möchte ich gerne, daß Sie es empfinden. Daß die Epoche des Ausgangspunktes unserer Zeitrechnung ein großes Rätsel ist, das möchte ich, daß Sie es empfinden. Ich möchte, daß Sie ein Empfinden dafür haben, daß in der Menschheitsentwickelung etwas geschieht, was sich in der griechisch-römischen Welt zunächst wie eine Vertiefung des Gedankens oder wie eine Entdeckung des Gedankens ausnimmt, und daß die Urgründe selbst dafür tief im Rätselvollen liegen. In verborgenen Welten mögen Sie suchen dasjenige, was in der Maja der physisch-sinnlichen Welt als die Vertiefung des griechisch-römischen Gedankens erscheint. Und nicht eine Idee, eine Erklärung selber für das, was vorliegt, sondern die Aufstellung eines Rätsels wollte ich mit den heutigen Auseinandersetzungen geben, die wir dann morgen abend fortsetzen wollen.
[ 28 ] It is not my wish that you should treat our considerations today as offering an explanation of anything. The more you feel that what I have told you is not an explanation; the more you feel that I have put before you contradiction after contradiction and have shown you only one occult experience, the perception of the star, the better will you have understood me for today. I would wish you to see clearly that at the beginning of our era there appeared in the world something which influenced human understanding and was yet far, far from being understood; I would like you to feel that the period at the beginning of our era was a great riddle. I want you to feel that in human evolution there happened something which seemed at first like a deepening of thought, or a discovery of thought; and that the root causes of this are a profound enigma. You must seek in hidden worlds for that which appeared in the Maya of the physical sense-world as a deepening of Graeco-Roman thought. And it is not an explanation of what we have heard, but the setting out of a riddle, that I wished to give you today. We will continue tomorrow.
