Christus und die geistige Welt
Von der Suche nach dem heiligen Gral
GA 149
28 Dezember 1913, Leipzig
Erster Vortrag
[ 1 ] Für viele Seelen in unserer Gegenwart, welche geneigt sind, aufzunehmen, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu sagen hat, ist es notwendig, mancherlei Widersprüche, die da auftreten, im Gemüte hinwegzuräumen. Insbesondere auf einen Widerspruch kann die Seele gelenkt werden, wenn sie vermag, die Erinnerungen einer solchen Festeszeit ernst zu nehmen wie diejenige, die um Weihnachten und den Jahresbeginn herum liegt. Daß wir mit dem, was wir an Erkenntnissen zu gewinnen versuchen, auch eindringen wollen in den geistigen Gang der Menschheit, um unsere eigene geistige Entwickelung recht zu verstehen, das wird uns ja besonders durch das Ernstnehmen solcher Festeserinnerungen klar. Wir brauchen nur einen Gedanken aufzuwerfen, und er wird gleich, man möchte sagen, auf der einen Seite lichtvoll und auf der anderen Seite beunruhigend darauf aufmerksam machen, wie Widersprüche, Schwierigkeiten sich vor der Seele auftürmen müssen, wenn diese Seele im rechten Sinne unsere anthroposophischen Erkenntnisse über den Menschen und die Weltentwickelung hinnehmen will.
[ 2 ] Unter den mancherlei Erkenntnissen, die wir gewinnen wollen durch unsere anthroposophische Vertiefung, ist ja auch die ChristusErkenntnis, ist die Erkenntnis des grundbedeutsamen Impulses, der eingeschlagen hat im Beginne unserer Zeitentwickelung, den wir genannt haben den Christus-Impuls. Wir werden uns gewiß oftmals fragen müssen: Wie kommt es denn, daß unsere Zeit die Hoffnung hegen darf, mit vertieften anthroposophischen Erkenntnissen besser, intensiver in den Gang der Weltentwickelung einzudringen, um den Christus-Impuls zu verstehen, als die Zeit eingedrungen ist, in der die Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha gelebt haben? Man könnte fragen: War es denn nicht diesen Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha viel leichter, einzudringen in das Geheimnis, das mit diesem Mysterium für die Menschheitsentwickelung im speziellen verbunden ist, als unserer Zeit, die so weit getrennt ist von dem Mysterium von Golgatha? Das könnte eine belastende Frage werden für die Seelen der Gegenwart, die anthroposophisch dem Christus-Verständnisse folgen wollen. Es könnte einer jener Widersprüche werden, die bedrückend wirken müssen gerade dann, wenn wir die tieferen Prinzipien unserer anthroposophischen Erkenntnis ganz ernst nehmen. Eine Auflösung dieses Widerspruchs ergibt sich uns nur, wenn wir gewissermaßen einmal vor unsere Seele rücken die ganze geistige Situation, in welcher die Menschheit war zu jener Zeit, von der aus wir mit unserer Jahresrechnung zu zählen beginnen.
[ 3 ] Wer es versucht, zunächst ganz ohne irgendwelche religiöse oder ähnliche Gefühle einzudringen in die Seelenverfassung der Menschen vom Beginne unserer Zeitrechnung, der kann eine höchst eigentümliche Entdeckung machen. Dieses Eindringen kann man zunächst ja auf folgende Art versuchen: Man halte sich an das, was auch die nur dem Äußerlichsten hingegebenen Seelen nicht leugnen können, man halte sich an die alte Überlieferung, wie sie erhalten ist in der Geschichte; aber man versuche, in denjenigen Teil einzudringen, der das Geistesleben in seiner Reinheit umfaßt. Denn man kann ja hoffen, daß man durch solches Eindringen einiges erhascht von den eigentlichen Impulsen der Menschheitsentwickelung. Man halte sich an das Gedankenleben der Zeit, die am Beginne unserer Zeitrechnung liegt. Man versuche einmal einzudringen, rein geschichtlich, in das, was Menschen meinetwillen zweihundert Jahre vor dem Mysterium von Golgatha und noch anderthalb Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha aufgebracht haben an Gedankenvertiefung, um in die Weltengeheimnisse, in die Weltenrätsel einzudringen. Da finden wir allerdings, daß in den Jahrhunderten vor und nach dem Mysterium von Golgatha eine unendlich bedeutungsvolle Veränderung vorgegangen ist in der Seelenverfassung der Menschheit in bezug auf das Gedankenleben. Man wird gewahr, daß in einer gewissen Weise auf einen großen Teil der damals in Betracht kommenden Kulturwelt dasjenige übergegangen ist, was die griechische Philosophie und andere Gedankenvertiefungen seit mehreren Jahrhunderten schon der Menschheit gebracht haben. Wenn man betrachtet, wozu die Menschheit rein von sich selbst aus, ohne zu reflektieren auf irgendeinen Impuls von außen, in der damaligen Zeit gekommen ist, wozu gekommen sind diejenigen, die man etwa mit dem stoischen Ausdruck «Weise» genannt hat, wozu gekommen sind zahlreiche Persönlichkeiten der römischen Geschichte, so muß man sagen: In bezug auf die Eroberung von Gedanken, die Eroberung von Ideen hat uns eigentlich das abendländische Leben nach dieser Zeit, nach der Wende im Beginne unserer Zeitrechnung, nicht außerordentlich viel mehr gebracht. Gebracht hat uns dieses abendländische Leben unendlich viel an Eindringen in die Naturtatsachen; unendliche Revolutionen des Denkens über die äußere Welt hat es uns gebracht. Die Gedanken, die Ideen selbst aber, mit denen alle diese Eroberungen gemacht worden sind, mit denen die Menschheit versucht hat, einzudringen in die äußeren räumlichen Geheimnisse des Daseins, die sind eigentlich wenig fortgebildet worden seit jenem Zeitalter; sie lebten, selbst bis zu dem Gedanken, auf den die heutige Zeit so stolz ist, bis zum Gedanken der Entwickelung, sie lebten alle in den Seelen der damaligen Zeit. Was man so nennen könnte ein gedankliches Welterfassen, ein Leben in Ideen, war zu einer gewissen Höhe, zu einem Gipfel gekommen und hatte nicht nur einzelne Geister ergriffen wie einige Zeit vorher die Schüler des Sokrates, sondern es war in gewisser Weise populär geworden, hatte sich ausgebreitet über Südeuropa und andere Gebiete der Welt. Man ist erstaunt über die Vertiefung, die der Gedanke erfahren hat. Wenn man unbefangen eine Geschichte der Philosophie in Betracht ziehen wollte, so würde man gerade diesen Sieg des Gedankens in der damaligen Zeit ganz besonders berücksichtigen.
[ 4 ] Wenn man nun auf der einen Seite diesen Sieg des Gedankens nimmt, diese unendlich bedeutungsvolle Ausarbeitung der Ideenwelten, und auf der anderen Seite — in dem Sinn, wie wir heute versuchen einzudringen — so etwas vor die Seele hinstellt wie die Geheimnisse, die sich um das Ereignis von Golgatha herum gruppieren, dann wird man aber noch ein anderes gewahr. Dann wird man gewahr, daß, als sich die Kunde von dem Mysterium von Golgatha in der damaligen Zeit verbreitete, ein ungeheures Ringen des Gedankens mit diesem Mysterium stattfand. Wir sehen, wie die Philosophien in der damaligen Zeit, insbesondere die so sehr vertiefte Philosophie der Gnosis, sich bemühen, all die Ideen, die errungen worden sind, nach diesem einen Ziele hinzulenken. Und bedeutungsvoll ist es, dieses Ringen des menschlichen Gedankens mit dem Mysterium von Golgatha einmal auf sich wirken zu lassen. Denn das, was sich herausstellt, ist, daß dieses Ringen im Grunde genommen ein vergebenes ist, daß diese gewaltige Vertiefung des Gedankens, die die Menschheitsentwickelung erreicht hat, zwar da ist, zwar alle Anstrengungen macht, um das Mysterium von Golgatha zu begreifen, daß aber alle diese Anstrengungen nicht hinreichen; daß gewissermaßen das Mysterium von Golgatha, wie in einer weiten Entfernung durch geistige Welten geschieden, an das Menschenverständnis herankommt und sich nicht enthüllen will.
[ 5 ] Nun möchte ich gleich von vornherein darauf aufmerksam machen, meine lieben Freunde, daß ich für diese Vorträge, wenn ich von dem Mysterium von Golgatha spreche, zunächst gar nichts in diesen Ausdruck hineinmischen möchte von dem, was aus irgendwelchen religiösen Überlieferungen und Überzeugungen in diesem Ausdruck liegen könnte; sondern daß rein genommen werden soll die objektive Tatsachenwelt, die der Menschheitsentwickelung zugrunde liegt, das, was der physischen und geistigen Beobachtung sich darbietet. Gleichsam eine Betrachtung möchte ich in Anspruch nehmen für uns, welche absieht von all dem, was man gewonnen hat über das Mysterium von Golgatha, was in den einzelnen religiösen Bekenntnissen vorhanden ist, und ich möchte den Blick nur hinwenden auf das, was in der Menschheitsentwickelung geschehen ist.
[ 6 ] Nun werde ich mancherlei zu sagen haben, vorausnehmend, was in den folgenden Tagen erst deutlich und beweiskräftig gesagt werden kann.
[ 7 ] Das erste, was einem auffällt bei einer solchen Gegenüberstellung des Geheimnisses des Mysteriums von Golgatha und der ungeheuer vertieften Gedankenentwickelung der damaligen Zeit, das ist, daß man den Eindruck empfängt, den ich so ausgedrückt habe: Weit, weit hinter dem, was die Gedankenentwickelung erreichen kann, steht das Wesen dieses Mysteriums. Und je genauer man eindringt in das, was ein solches Gegenüberstellen bieten kann, desto mehr muß man sich gestehen: Man kann auf der einen Seite seine Seele ganz vertiefen in die Gedankenwelten, die den Beginn unserer Zeitrechnung charakterisieren; man kann versuchen, sich in der Seele lebendig zu machen, wie die Seelenverfassung war, was die Menschen im Römischen Reiche, in Griechenland gedacht haben; man kann gleichsam diese Ideen, die die Menschen gedacht haben, vor seine Seele wieder heraufrufen, und dann wird man das Gefühl bekommen: Ja, es ist die Zeit, in der der Gedanke eine Vertiefung erlebt hat wie niemals vorher. Es geschieht etwas mit dem Gedanken, er tritt gleichsam an die menschliche Seele so heran, wie er nie vorher an sie herangetreten ist. Aber wenn man dann mit derjenigen Seelenverfassung, die man als die hellseherische bezeichnen kann, gleichsam in sich voll lebendig machen will, was man über diese Vertiefung des Gedankens und in dieser Verlebendigung der Gedankenwelten der damaligen Zeit vor seine Seele stellen konnte, wenn man also das in seiner Seele trägt, aber jetzt wirksam sein läßt in der Seele, was die hellseherische Seelenverfassung geben kann, taucht plötzlich etwas Überraschendes auf, man fühlt dann: Weit, weit in den geistigen Welten geht eigentlich das vor, wovon auch diese Vertiefung des Gedankens eine Wirkung ist.
[ 8 ] Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht, daß hinter unserer Welt andere Welten liegen. Gebräuchliche Ausdrücke seien angewendet: die astralische Welt, die devachanische Welt, die höhere devachanische Welt. Wollen wir zunächst uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß diese drei Welten hinter der unsrigen liegen. Wenn man dann wirklich diese hellseherische Seelenverfassung in sich rege werden läßt, dann hat man den Eindruck: Auch wenn man in die nächste, in die astralische Welt eintreten würde, so würde sich auch da noch nicht vollständig aufklären, was eigentlich der Ursprung ist dessen, was im Gedankenleben der damaligen Zeit zum Ausdruck kommt. Selbst wenn man in die niedere devachanische Welt hineinblicken würde, würde sich noch nicht vollständig aufklären, was eigentlich geschehen ist. Und erst wenn man in die höhere devachanische Welt seine Seele hineinversetzen könnte — so sagt die hellseherische Seelenverfassung —, würde man in ihr erleben können, was durch die beiden anderen Welten hindurchstrahlt, was bis in unsere physische Welt herunterdringt, und was in unserer physischen Welt erkennbar ist in der radikalen Umgestaltung der Gedankenwelt der Menschheit durch Jahrhunderte hindurch.
[ 9 ] Man kann sich zunächst nur versetzen auf den physischen Plan und seine Betrachtung: Man braucht gar nicht gewahr zu werden, während man in die Ideenwelt der damaligen Zeit sich vertieft, was mitgeteilt wird über das Mysterium von Golgatha, man kann dies zunächst ganz außer acht lassen, und man kann sich fragen: Gleichgültig, was da drüben in Palästina vor sich gegangen ist, was zeigt uns die äußere Geschichte? Nun, sie zeigt uns, daß in Griechenland und Rom eine unendliche Gedankenvertiefung Platz gegriffen hat. Säumen wir gleichsam wie eine Insel unseres Seelenerlebens diese griechische und römische Gedankenwelt ein, denken wir sie abgeschlossen von all dem, was außerhalb vor sich gegangen ist, denken wir, es wäre noch nichts hineingedrungen in diese Welt von der Kunde des Mysteriums von Golgatha. Wenn wir dann unsere Seelenbetrachtung auf diese Welt hinlenken, so finden wir gewiß nichts von dem, was wir heute über das Mysterium von Golgatha erkunden, aber wir finden jene unendliche Vertiefung des Gedankenlebens, die uns zeigt: Hier ist etwas geschehen im Laufe der Menschheitsentwickelung, das das innerste Wesen der Seele auf dem physischen Plan ergriffen hat. Was wir auch zunächst glauben mögen, so wie damals war der Gedanke nie da, bei keinem Volk und in keinem Zeitalter! Möge also jemand auch noch so ungläubig sein oder nichts wissen wollen von dem Mysterium von Golgatha, eines muß er zugeben: daß in der Inselwelt, die wir jetzt umfriedet haben, eine Gedankenvertiefung lebt, die früher nie da war.
[ 10 ] Jetzt aber, wenn man sich in diese Gedankenwelt versetzt und im Hintergrunde die hellseherische Seelenverfassung hat, dann fühlt man sich so recht hineingestellt in die Eigentümlichkeit des Gedankens. Jetzt sagt man sich: Ja, so wie er aufgeblüht ist, dieser Gedanke, als Idee bei Plato oder anderen, wie er übergegangen ist in die Welt, die wir versuchten einzugrenzen, so ist dieser Gedanke etwas, was die Seele frei macht, was die Seele ergreift und sozusagen zu einer erhöhten Anschauung über sich selbst bringt, so daß sie sagen kann: Was du sonst auch ergreifen magst in der Außenwelt und in der geistigen Welt, es macht dich abhängig von diesen Welten; in dem Gedanken ergreifst du etwas, was in dir lebt, was du ganz durchdringen kannst. Du magst dich zurückziehen von der äußeren physischen Welt, magst ein Ungläubiger werden gegenüber der geistigen Welt, magst nichts wissen wollen von hellseherischen Eindrücken, magst nichts in dich hineindringen lassen wollen von physischen Eindrücken: Mit dem Gedanken kannst du in dir leben; du ergreifst gleichsam dein eigenes Wesen in deinem Gedanken!
[ 11 ] Das kann man einsehen. Dann aber tritt — und das kann gar nicht anders sein, wenn man sich mit der hellseherischen Seelenverfassung in dieses, ich möchte sagen, Meer des Gedankens hineinbegibt — das Gefühl auf von der Isoliertheit der Gedanken, das Gefühl, daß der Gedanke eben doch nur Gedanke ist, das Gefühl, daß der Gedanke nur in der Seele zunächst lebt und man nicht in ihm selber finden kann die Macht, hinauszutreten in eine Welt, in der man auch das, was wir sonst sind, in seinem Urgrund finden kann. Gerade indem man die höchste Herrlichkeit des Gedankens verspürt, verspürt man auch sozusagen sein unreales Wesen. Dann kann man auch verspüren, wie eigentlich rings herum in der Welt, die man vor dem hellseherischen Blick kennengelernt hat, nichts ist, was im Grunde genommen doch diesen Gedanken tragen könnte.
[ 12 ] Denn warum sollte er überhaupt da sein, dieser Gedanke? — so fragt man sich. Die physische Welt, die kann er ja doch eigentlich nur verfälschen. Diejenigen, die reine Materialisten sein wollen, die dem Gedanken kein ihm ureigenes Wesen zuschreiben können, die sollten eigentlich lieber das Denken verbieten. Denn wenn die materielle Welt die einzig wirkliche ist, so kann sie der Gedanke nur fälschen. Nur weil die Materialisten unkonsequent sind, kommt ihnen nicht die einzig mögliche Erkenntnistheorie des Materialismus, des Monismus: das Sich-Enthalten vom Denken, das Gar-nicht-mehr-Denken. Dem aber, der mit hellseherischer Seelenverfassung sich in das Gedankenleben vertieft, dem steht vor der Seele das, man möchte sagen, Bedrohliche dieser Isoliertheit des Gedankens, dieses Alleinstehens mit dem Gedanken. Und dann gibt es für ihn nur eines. Das aber gibt es, das kommt an ihn heran, wenn es auch nur herankommt wie etwas, was in einer weiten geistigen Entfernung steht: Durch zwei Welten getrennt, in einer dritten Welt ist der eigentliche Ursprung — so sagt sich die hellseherisch gewordene Seele — dessen, was im Gedankenleben ist. Das könnte für die in unserer Zeit hellseherisch empfindenden Seelen ein gewaltigster Eindruck sein, sich einmal mit seinem Denken isoliert in die Zeit zu versetzen, in der der Gedanke seine Vertiefung erfahren hat; abzusehen von allem, was rundherum ist, also auch von dem Mysterium von Golgatha, und nur zu reflektieren darauf, wie in der griechisch-römischen Welt aufgeht das, von dessen Gedankeninhalt wir jetzt noch zehren.
[ 13 ] Und dann sollte man den Aufblick machen zu anderen Welten und erst über der devachanischen Welt aufgehen fühlen in einer höheren geistigen Welt den Stern, von dem ausstrahlt an Kraft, was sich auch in dieser Gedankenwelt des griechisch-römischen Altertums geltend macht. Dann fühlt man sich hier auf der Erde zunächst entrückt der gegenwärtigen Welt, man fühlt sich hineinversetzt in die griechisch-römische Welt mit ihren Ausstrahlungen in die übrigen Erdengebiete der damaligen Zeit, meinetwegen vor dem Mysterium von Golgatha. Aber sobald man den Eindruck der geistigen Welt auf sich wirken läßt, so erscheint noch über dem Devachan gelegen der Stern — symbolisch sage ich der Stern —, die geistige Wesenheit, von der man sich sagt: Ja, auch das, was du hier erlebst in der Isoliertheit des Gedankens und in der Möglichkeit, daß der Gedanke eine solche Vertiefung erfahren hat wie in der Zeit des Beginnes unserer Zeitrechnung, ist die Folge der Strahlen, die von diesem Stern in der höheren geistigen Welt ausgehen.
[ 14 ] Und nun ergibt sich eine Empfindung, die zunächst gar nichts weiß von dem, was historische Tradition vom Mysterium von Golgatha ist, sondern eine Empfindung, die sich so ausdrücken läßt: Du stehst da mit der römisch-griechischen Ideenwelt, mit dem, was Plato und was die anderen haben geben können der allgemeinen Menschheitsbildung, was sie hineinversetzt haben in die Seelen —, mit dem stehst du da und fühlst dich darinnen lebendig. Und dann wartest du... Du wartest wahrhaftig nicht vergebens; denn dann taucht auf, wie tief, tief in den Hintergründen des geistigen Lebens, der Stern, der seine Kraftstrahlen sendet und von dem du sagen darfst: Eine Wirkung dieser Kraftstrahlen ist, was du eben erlebt hast.
[ 15 ] Diese Erfahrung kann gemacht werden. Wenn man diese Erfahrung macht, dann hat man noch gar nichts sich vorgehalten von irgendeiner Tradition, sondern hat nur unbefangen die Gründe gesucht für das, was in der griechisch-römischen Welt vor sich gegangen ist. Aber man hat auch die Erfahrung gemacht, daß man durch drei Welten getrennt ist von dem Verständnis des eigentlichen Grundes der damaligen Welt. Und dann läßt man sich vielleicht darauf ein, hinzusehen auf diejenigen Geister, die in der damaligen Zeit versucht haben, diesen Umschwung in ihrer Art zu begreifen. Man kommt selbst in der äußerlichen Wissenschaft der Gegenwart etwas darauf, daß in dieser Zeit des Überganges, von dem wir unsere Zeitrechnung beginnen, gleichsam religiös-philosophische Genies gelebt haben. Und man wird am besten noch auf diese religiös-philosophischen Genies treffen, wenn man auf das hinsieht, was in der Gnosis sich auslebt. Diese Gnosis ist in der mannigfaltigsten Weise bekannt. Äußerlich kennt man sie ja außerordentlich wenig, aber man kann doch auch nach den äußerlichen Dokumenten schon einen Eindruck gewinnen von der unendlichen Tiefe dieser Gnosis. Wir wollen von ihr nur insofern sprechen, als sie wichtig ist für unsere Betrachtung der Menschheit.
[ 16 ] Da können wir vor allen Dingen sagen: Die Gnostiker haben ein Gefühl gehabt von dem, was jetzt eben ausgesprochen worden ist: daß man in unendlich weit zurückliegenden Welten die Gründe suchen muß für das, was in der äußeren Welt der damaligen Zeit sich ereignet hat. Und dieses Bewußtsein hat sich auf andere übertragen, und wir sehen es noch durchschimmern, wenn wir nur wollen, wenn wir nicht oberflächlich sind, in demjenigen, was wir nennen können die Theologie des Paulus. Aber auch noch in mancherlei anderen Erscheinungen. Nun, wer sich heute in die Gnosis der damaligen Zeit vertieft, wird große Schwierigkeiten des Verständnisses haben. Unsere Seelen sind doch gar zu sehr afliziert und auch infiziert von dem, was die materialistische Entwickelung der letzten Jahrhunderte in ihnen hervorgebracht hat. Man denkt da zu sehr, wenn man die Weltentwickelung zurückverfolgt, an den Kant-Laplaceschen Weltennebel, an etwas rein Materielles. Und selbst diejenigen, die nach einer mehr geistigen Weltanschauung suchen, sie denken, wenn sie in die ältesten Zeiten zurückschauen, an diesen Weltennebel oder an etwas Ähnliches, und sie fühlen sich doch recht wohl, die Menschen heute, selbst die geistigsten, wenn ihnen sozusagen die Sorge abgenommen wird, das Geistige .auch in den Urzeiten der Weltentwickelung des Kosmos aufzufinden. Sie fühlen sich gar so erleichtert, diese Seelen der Gegenwart, wenn sie, forschend nach den Urgründen der Welt, sich sagen können: Dieses oder jenes feine substantielle Äußere war damals da, und aus ihm hat sich entwickelt alles Geistige neben allem Physischen. Und so finden wir denn manchmal Seelen, die sich recht getröstet fühlen, wenn sie die materialistischen Forschungen an den Anfang des Kosmos setzen können, wenn sie sozusagen die abstraktesten Begriffe von irgendeinem gasförmigen Gebilde an den Anfang unseres Kosmos setzen können.
[ 17 ] Deshalb ist es für die Menschen so schwierig, sich in die Gedanken der Gnosis hineinzuversetzen. Denn die Gnosis setzt wahrhaftig alles, was gar nicht irgendwie an das Materielle erinnert, zunächst an den Ausgangspunkt ihrer Weltbetrachtung. Vielleicht wird sich sogar ein Geist, der so recht in der Gegenwartsbildung drinnensteckt, eines leisen Lächelns nicht enthalten können, wenn ihm im Sinne der Gnosis zugemutet wird, zu denken, daß die Welt, in der er sich befindet, die er mit seinem Darwinismus so herrlich schön erklärt, daß diese Welt gar nichts zu tun haben soll mit dem, was in Wirklichkeit die Urgründe unserer Welt darstellt. Eines leisen Lächelns wird sich der heutige Mensch, der in der Gegenwartsbildung drinnensteckt, wirklich nicht enthalten können, wenn ihm zugemutet wird, zu denken, die Urgründe der Welt seien bei jenen Weltenwesen, zu denen überhaupt Begriffe zunächst nicht reichen, zu denen nichts reicht von all dem, was man heute aufwendet zum Weltenverständnis: In dem göttlichen Urvater liegt das, was der Weltengrund genannt werden kann. Und gleichsam von ihm ausgehend, ihm zur Seite, ist erst dasjenige, wozu die Seele sich hindurchringen kann, wenn sie abseits aller materialistischen Vorstellungen ein wenig nur ihr Tiefstes sucht: Schweigen, das unendliche Schweigen, in dem noch nicht Zeit und Raum ist, sondern nur Schweigsamkeit ist. Zu dem Paar des Urvaters der Welt und des Schweigens, das noch vor Raum und Zeit ist, schaute der Gnostiker auf, und dann ließ er hervorgehen gleichsam aus der Vermählung des Urvaters mit dem Schweigen andere — man kann sie ebensogut Welten wie Wesen nennen. Und aus diesen wieder andere und wieder andere und wieder andere, und so durch dreißig Stufen hindurch. Und auf der dreißigsten Stufe steht erst das, was unserem Gegenwartssinn vorliegt, und was mit dem Darwinismus so herrlich nach diesem Gegenwattssinn erklärt wird. Auf der dreißigsten Stufe steht es erst, eigentlich auf der einunddreißigsten; denn dreißig solche Wesenheiten, die man ebensogut Welten wie Wesenheiten nennen kann, gehen voran dieser Welt. Äon ist der Ausdruck, den man gewöhnlich annimmt für diese dreißig unserer Welt vorangehenden Wesenheiten oder Welten.
[ 18 ] Man bekommt nur dann eine Vorstellung von dem, was mit dieser Äonenwelt gemeint ist, wenn man sich klar und deutlich sagt: Nicht nur das, was die Sinne wahrnehmen, was du deine Welt um dich herum nennst, gehört sozusagen der einunddreißigsten Welt an, sondern auch das, was du aufbringst als physischer Mensch mit deinen Gedanken als Erklärungen dieser Welt, gehört dieser einunddreißigsten Stufe an. Es ist ja noch leicht, sich abzufinden mit einer spirituellen Weltanschauung, wenn man sagt: Nun ja, die äußere Welt ist ja allerdings Maja, aber durch unser Denken dringen wir in die geistige Welt ein —, und wenn man dann die Hoffnung hat, daß dieses Denken wirklich hinaufkommen kann in die geistigen Welten. Das war aber nach der Ansicht der Gnostiker nicht der Fall. Dieses Denken gehört zum einunddreißigsten Äon, zur physischen Welt, nach der Ansicht der Gnostiker. So daß zunächst nicht nur der sinnlich wahrnehmende, sondern auch der denkende Mensch herausversetzt war aus den dreißig Äonen, die stufenweise aufwärts angeschaut werden können durch die geistige Entwickelung und die in immer größerer und größerer Vollkommenbheit sich darstellen. Man braucht wirklich nur sich einmal hineinzuversetzen in das Lächeln, das einem heutigen, auf der Höhe seiner Zeit stehenden Monisten sich abringt, wenn man ihm zumutet, zu glauben: DreiBig Welten gehen voran, in denen etwas ganz anderes ist, als du selbst zu denken vermagst. — Das aber war die Anschauung der Gnostiker.
[ 19 ] Und dann fragten sie sich: Wie ist es denn eigentlich in dieser Welt?
[ 20 ] Wir wollen eine Weile davon absehen, was wir selbst über diese Welt gesagt haben im Sinne des Beginnes des zwanzigsten Jahrhunderts. Das, was ich jetzt sage, soll nicht für uns als irgendeine uns etwa überzeugende Ideenwelt dargestellt werden — in der Anthroposophie des zwanzigsten Jahrhunderts wird selbstverständlich die Gnosis zu überwinden sein —, aber wir wollen uns in diese Gnosis versetzen. Die umliegende Welt, auch mit dem, was der Mensch über sie denken kann, warum ist sie denn abgeschlossen von den dreißig Äonen? — Da muß man hinblicken, sagte sich der Gnostiker, auf den untersten, aber noch rein geistigen Äon. Was ist da vorhanden? Da ist vorhanden die göttliche Sophia, die göttliche Weisheit. In geistiger Art abstammend durch die 29 Stufen hindurch, zu dem höchsten Äon schaute sie hinauf innerhalb der geistigen Welt, zu dieser Reihe der geistigen Wesenheiten oder Welten. Aber es wurde ihr eines Tages, eines Weltentages, klar, daß sie etwas von sich auszusondern habe, wenn sie den freien Ausblick erhalten wollte in die geistige Welt der Äonen. Und sie sonderte von sich aus dasjenige, was in ihr vorhanden war als Begierde. Und das, was fortan nicht mehr in ihr vorhanden ist, in dieser göttlichen Sophia, in dieser göttlichen Weisheit, das irrt nunmehr herum in der Raumeswelt, das durchdringt alles Werden der Raumeswelt. Es lebt nicht nur in der Sinneswahrnehmung, es lebt auch im Menschendenken, lebt da mit der Sehnsucht nach der geistigen Welt, lebt aber doch wie ausgeworfen in die menschlichen Seelen. Gleichsam als die andere Seite, das Ebenbild, aber als das in die Außenseite geworfene Ebenbild der göttlichen Sophia lebt die Begierde, die in alles hineingeworfen ist, die Weit durchdringend: Achamod. Schaust du in deine Welt, ohne dich aufzuschwingen in die geistigen Welten, so schaust du in die begierdenerfüllte Welt von Achamod. Weil sie die von Begierden erfüllte Welt ist, deshalb kann sich in ihr zunächst nicht darstellen, was sich als Ausblick ergibt in die Welt der Äonen.
[ 21 ] Weit, weit zurückliegend in der Welt der Äonen, erzeugt aus der reinen Geistigkeit der Äonen heraus, dachte sich die Gnosis, was sie nannte den Sohn des Vatergottes, und auch das, was sie nannte den reinen, Heiligen Geist. So daß wir in ihnen gleichsam eine andere Generationsreihe, eine andere Reihe der Entwickelung haben als diejenige, die dann zu der göttlichen Sophia geführt hat. Wie sich im physischen Leben in der Fortpflanzungsströmung die Geschlechter sondern, so sonderte sich einmal im Fortgang der Äonen, durchaus auf einer Hochstufe der geistigen Welt, eine andere Strömung heraus, die Strömung des vom Vater stammenden Sohngeistes und des Heiligen Geistes. So daß man fließend hat in der Welt der Äonen das, was auf der einen Seite zur göttlichen Sophia führte und auf der anderen Seite zum Sohngeist und Heiligen Geist. Wenn man hinaufgeht durch die Äonen, so begegnet man einmal einem Äon, von dem abstammt auf der einen Seite die Äonenfolge, die dann zur göttlichen Sophia hinführte, wie auf der anderen Seite die Äonenfolge, von der abstammen der Gottessohn und der Heilige Geist. Dann kommen wir hinauf zum Vatergott und dem göttlichen Schweigen.
[ 22 ] Dadurch nun, daß die menschliche Seele mit Achamod versetzt ist in die materielle Welt, dadurch lebt in ihr im Sinne der Gnosis die Sehnsucht nach der geistigen Welt, lebt in ihr vor allen Dingen die Sehnsucht nach der göttlichen Sophia, nach der göttlichen Weisheit, von der sie aber durch ihr Erfülltsein mit Achamod getrennt ist. Dieses Gefühl der Trennung von der göttlichen Äonenwelt, dieses Gefühl, nicht in dem Göttlich-Geistigen zu sein, das wird nach der Anschauung der Gnostiker als die materielle Welt empfunden. Und abstammend von der göttlich-geistigen Welt, doch verbunden mit Achamod, erscheint der Gnosis das, was man nennen könnte, an die griechische Sprache sich anlehnend, den Weltenbaumeister, den Demiurgos. Dieser Demiurgos, dieser Weltenbaumeister, ist der eigentliche Durchschöpfer und Durcherhalter dessen, was von Achamod und dem Materiellen durchzogen ist. In seine Welt sind einverflochten die Menschenseelen. Die Menschenseelen sind einverflochten mit ihrer Sehnsucht zunächst nach der göttlichen Sophia, und in der Welt der Äonen erscheint rein göttlich-geistig, wie in der Ferne, der Gottessohn und der Heilige Geist, aber nur für den, der — im Sinne der Gnosis — sich erhebt über all das, in das hinein Achamod, die im Raume schweifende Begierde, einverleibt ist.
[ 23 ] Warum ist in den Seelen, die in die Welt der Achamod versetzt sind, doch die Sehnsucht? Warum fühlen sie nach der Trennung von der göttlich-geistigen Welt die Sehnsucht nach der göttlichgeistigen Welt? Auch diese Frage legte sich die Gnosis vor, und sie sagte: Achamod ist herausgeworfen aus der göttlichen Weisheit, der göttlichen Sophia; aber bevor sie diese völlig materielle Welt wurde, in der der Mensch jetzt lebt, kam ihr wie eine kurze Überstrahlung ein Licht von dem Gottessohn, das gleich wieder verschwand. Das ist ein wichtiger Begriff der Gnostiker, daß Achamod, wie sie in den Menschenseelen lebt, ansichtig wurde in urferner Vergangenheit des Gotteslichtes, das ihr nur gleich wiederum entschwunden war. Aber die Erinnerung lebt jetzt in der Menschenseele, wie sehr sie auch verstrickt sein kann in die materielle Welt. In der Welt der Achamod lebe ich — so hätte eine solche Seele sagen können — in der materiellen Welt. Mit einer Hülle bin ich umgeben, die dieser materiellen Welt entnommen ist. Aber indem ich mich in mich versenke, lebt in mir eine Erinnerung auf. Das, was mich gefesselt hält an die materielle Welt, sehnt sich nach der göttlichen Sophia, nach der göttlichen Weisheit, weil das Wesen Achamod, das in mir lebt, einstmals überleuchtet worden ist von dem Gottessohn, der in der Welt der Äonen lebt. — Man mache sich diese Verfassung einer Seele, die sozusagen eine Schülerseele der Gnostiker war, einmal klar. Solche Seelen lebten; sie sind nicht eine hypothetische Konstruktion, sie lebten. Und die verständig schauenden Geschichtsforscher werden durch äußere Dokumente darauf kommen, daß zahlreiche solche Seelen gelebt haben in jener Zeit, von der wir eben sprechen.
[ 24 ] Es ist nicht unnötig, sich einmal klarzumachen, warum man in der Gegenwart so viel hat gegen das, was ich eben gesagt habe. Was wird so ein recht gescheiter Mensch der Gegenwart über die Gnosis zu sagen haben? Wir haben es ja hören müssen, daß schon die Theologie des Paulus empfunden wird als eine rabbinistische Spintisiererei, als etwas, was viel zu knifflig ist, als daß sich der gescheite Monist darauf einlassen könnte, der so stolz in die Welt hineinblickt und mit dem einfachen Entwickelungsbegriff oder mit dem noch einfacheren Energiebegriff diese Welt umspannt und sagt: Jetzt sind wir endlich Männer geworden, haben die Begriffe gewonnen, die uns eine energetische Weltanschauung aufbauen, und blicken zurück auf diese Kinder, diese armen, lieben Kinder, die vor Jahrhunderten ihre Gnosis auferbaut haben aus der Kindlichkeit, auferbaut haben allerlei Geister, dreißig Äonen: so macht es die «spielende Kinderseele» der Menschheit. Über solche Spielerei ist die mannhaft gewordene Seele von heute im großen Monismus der Gegenwart längst hinaus! Mit Nachsicht blicke man auf diese gnostischen, recht anmutigen Kindereien!
[ 25 ] So ist eben heute die Stimmung, und diese Stimmung wird nicht leicht zu belehren sein. Man könnte ihr freilich sagen: Ein Gnostiker, der heute mit seiner aus der Gnosis herausgeborenen Seele vor dir stehen würde, der würde sich auch die Freiheit herausnehmen, dir seine Ansicht zu sagen, und er würde dann etwa so sprechen: Ich begreife ganz gut, daß du so stolz, so hochmütig geworden bist mit deinem Entwickelungs- und Energiegedanken; aber das kommt davon her, daß dein Gedankenleben recht grob, einfach, primitiv geworden ist, daß du dich begnügst aus deinen Nebeln heraus mit den allerabstraktesten Gedanken. Du sprichst das Wort Entwickelung und Energie aus und glaubst etwas zu haben. Du kannst eben nicht hineinschauen in jenes feinere geistige Leben, das hinaufdringt zu dem, was in dreißig Stufen sich erhebt über dem, was du hast.
[ 26 ] Für uns aber, meine lieben Freunde, wird der Gegensatz, den ich im Beginne der heutigen Betrachtung vor Sie hingestellt habe, dadurch nur noch schroffer. Wir sehen auf der einen Seite unsere Zeit mit ihren ganz groben, primitiven Begriffen und sehen auf der anderen Seite diese Gnosis. Und eben haben wir auseinandergesetzt, wie unendlich komplizierte Begriffe diese Gnosis aufwendet — dreißig Äonen —, um im Verlaufe ihrer Entwickelung den Gottessohn und den Heiligen Geist zu finden und in der Seele zu finden die Sehnsucht nach der göttlichen Sophia und dem Gottessohn und dem Heiligen Geist.
[ 27 ] Dann fragen wir uns: Ja, ist denn nicht aus dem, was damals in der griechisch-römischen Welt an Gedankenvertiefung geschah, dasjenige hervorgegangen, was wir heute haben, womit wir es so herrlich weit gebracht haben in unserem Entwickelungs- und Energiegedanken? Und blicken wir nicht auf diese Gnosis mit ihren komplizierten Begriffen, die der Gegenwart so unsympathisch sind, wie auf etwas in der Tat ganz Fremdes? Sind das nicht kolossale Gegensätze? Ja, sie sind es. Der Widerspruch, der sich uns von da aus bedrückend in die Seele legt, wird immer größer, wenn wir jetzt wiederum zurückreflektieren auf das, was wir über die hellseherisch gestimmte Seele gesagt haben: daß sie sich versetzen kann in die Gedankenwelt der Griechen und Römer, und dann die Welt mit dem Stern sieht, von der wir gesprochen haben. Und überall eingestreut in diese Vertiefung des griechischen Gedankens finden wir jene Vertiefung, die die Gnosis darstellt. Doch wenn wir sie mit dem, was uns die Anthroposophie heute geben soll, ansehen, ohnmächtig eigentlich, zu verstehen, was der Stern bedeuten soll, von dem wir durch drei Welten getrennt sind, und wenn wir bei den Gnostikern anfragen: Haben sie verstanden, was damals in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit geschehen ist? — dann können auch wir auf dem Boden der Anthroposophie uns von den Gnostikern die Antwort nicht geben lassen, denn sie würde uns niemals befriedigen können; sie würde kein Licht bringen können in das, was sich heute der hellseherischen Seele ergibt.
[ 28 ] Ich möchte Ihnen heute mit dieser Betrachtung nicht eine Erklärung für irgend etwas gegeben haben. Je mehr Sie empfinden, daß das, was ich ausgesprochen habe, keine Erklärung ist, je mehr Sie empfinden, daß ich eigentlich Widerspruch über Widerspruch vor Sie hingestellt habe und nur eine okkulte Erfahrung, die der Wahrnehmung des Sternes, Ihnen zeigte, desto besser haben Sie mich für heute verstanden. Daß Sie sich klar sind darüber, daß etwas in der Welt erschienen ist im Beginne unserer Zeitrechnung, von dem das menschliche Verständnis weit, weit ab war und doch von ihm bewirkt war, das möchte ich gerne, daß Sie es empfinden. Daß die Epoche des Ausgangspunktes unserer Zeitrechnung ein großes Rätsel ist, das möchte ich, daß Sie es empfinden. Ich möchte, daß Sie ein Empfinden dafür haben, daß in der Menschheitsentwickelung etwas geschieht, was sich in der griechisch-römischen Welt zunächst wie eine Vertiefung des Gedankens oder wie eine Entdeckung des Gedankens ausnimmt, und daß die Urgründe selbst dafür tief im Rätselvollen liegen. In verborgenen Welten mögen Sie suchen dasjenige, was in der Maja der physisch-sinnlichen Welt als die Vertiefung des griechisch-römischen Gedankens erscheint. Und nicht eine Idee, eine Erklärung selber für das, was vorliegt, sondern die Aufstellung eines Rätsels wollte ich mit den heutigen Auseinandersetzungen geben, die wir dann morgen abend fortsetzen wollen.
