Human and Cosmic Thought
GA 151
23 January 1914, Berlin
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Human and Cosmic Thought, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Wir haben uns befaßt mit den möglichen Weltanschauungsnuancen, Weltanschauungsstimmungen und so weiter, die in der menschlichen Seele Platz greifen können, und ich möchte, da ich ja wirklich nur einzelne Gesichtspunkte aus dem weiten Gebiete dieses Themas herausheben kann, einen dieser Gesichtspunkte durch ein besonderes Beispiel herausheben.
[ 1 ] We have been examining the various ideological nuances, ideological moods, and so on that can take root in the human soul, and since I can really only highlight a few specific aspects from the vast scope of this topic, I would like to illustrate one of these aspects with a particular example.
[ 2 ] Nehmen wir an, daß ein Mensch so in der Welt sich darlebt, daß er in seinen Anlagen enthalten hat die besonderen Kräfte, die ihn bestimmen, die Weltanschauungsnuance des Idealismus auf sich wirken zu lassen. Ich will also sagen: Er macht die Weltanschauungsnuance des Idealismus in sich wirksam. Er macht sie, nehmen wir an, dadurch zu einem herrschenden Faktor in seinem Innenleben, daß gleichsam auf den Idealismus hinweist und von seinen Kräften gespeist wird diejenige Weltanschauungsstimmung in seiner Seele, die ich gestern als die der Mystik, als Venusstimmung, bezeichnet habe. Daher würde man sagen, wenn man die Symbole der Astrologie gebrauchen wollte, die geistige Konstellation eines solchen Menschen in seinen geistigen Anlagen sei die, daß Venus im Widder steht.
[ 2 ] Let us assume that a person lives in the world in such a way that he possesses within his nature the particular faculties that determine him to allow the ideological nuance of idealism to take effect upon him. What I mean to say is: He allows the worldview nuance of idealism to take effect within himself. He makes it, let us assume, a dominant factor in his inner life in such a way that the worldview mood in his soul—which I described yesterday as that of mysticism, as a Venusian mood—points, as it were, toward idealism and is nourished by its forces. Therefore, if one were to use the symbols of astrology, one might say that the spiritual constellation of such a person in his spiritual constitution is that Venus is in Aries.
[ 3 ] Ich bemerke ausdrücklich, damit kein Mißverständnis entsteht, daß diese Konstellationen zwar viel bedeutungsvoller noch im Leben des Menschen bestehen als die Konstellationen des äußeren Horoskopes, daß sie aber nicht etwa zusammenfallen mit der «Nativität», dem äußeren Horoskop. Denn es ist so, daß der verstärkte Einfluß, der dadurch auf eine Menschenseele ausgeübt wird, daß Mystik im Zeichen des Idealismus steht, daß dieser Einfluß auf denjenigen günstigen Zeitpunkt wartet, in dem er die Seele ergreifen kann, damit sie das, was durch das Stehen der Mystik im Zeichen des Idealismus herauskommen kann, am stärksten herausholt. Das braucht nicht so zu sein, daß diese Einflüsse, die sich dadurch geltend machen, daß Mystik im Zeichen des Idealismus steht, gerade bei der Geburt sich geltend machen; sie können sich vor der Geburt geltend machen, auch nachher. Kurz, es wird der Zeitpunkt abgewartet, der nach der inneren organischen Konfiguration des Menschen diese Anlagen am besten in den menschlichen Organismus hineinorganisieren kann.
[ 3 ] I would like to make it explicitly clear, so that there is no misunderstanding, that while these constellations are indeed far more significant in a person’s life than the constellations of the external horoscope, they do not coincide with the “nativity,” the external horoscope. For it is the case that the intensified influence exerted on a human soul by the fact that mysticism is under the sign of idealism awaits that favorable moment when it can seize the soul, so that it may draw out most strongly what can emerge from mysticism’s position under the sign of idealism. It need not be the case that these influences, which assert themselves through mysticism being under the sign of idealism, assert themselves precisely at birth; they can assert themselves before birth, and also afterward. In short, the moment is awaited that, according to the inner organic configuration of the human being, can best integrate these predispositions into the human organism.
[ 4 ] Also die gewöhnliche astrologische Nativität kommt hier nicht in Betracht. Aber man kann sagen, eine gewisse Seele habe so die Veranlagung, daß, geistig genommen, Venus im Widder steht, die Mystik im Zeichen des Idealismus. Nun bleiben die Kräfte, die auf solche Weise entstehen, nicht das ganze Leben hindurch bestehen. Sie ändern sich, das heißt, der Mensch kommt unter andere Einflüsse, unter andere Geistes-Tierkreiszeichen und auch unter andere Seelenstimmungen. Nehmen wir an, ein Mensch ändere sich so, daß er dann im Verlaufe seines Lebens in die Seelenstimmung des Empirismus hineinkommt, daß gleichsam die Mystik vorgeschritten ist zum Empirismus, und der Empirismus stehe im Zeichen des Rationalismus.
[ 4 ] So the usual astrological birth chart does not apply here. But one can say that a certain soul has a disposition such that, spiritually speaking, Venus is in Aries, mysticism in the sign of idealism. Now, the forces that arise in this way do not persist throughout one’s entire life. They change; that is to say, the person comes under different influences, under different spiritual zodiac signs, and also under different soul moods. Let us suppose that a person changes in such a way that, in the course of his life, he enters into the soul mood of empiricism, so that, as it were, mysticism has progressed to empiricism, and empiricism stands under the sign of rationalism.
[ 5 ] Sie sehen, wie ich es gestern aufgezeichnet habe, reiht sich, von innen nach außen gegangen, im symbolischen Bilde der Empirismus an die Mystik an wie die Sonne an die Venus. Die Seele ist in bezug auf die Stimmung zum Empirismus vorgeschritten und hat sich zugleich in das Zeichen des Rationalismus gestellt. Im Leben der Seele drückt sich das so aus, daß eine solche Seele in ihrer Weltanschauung sich ändert. Was sie hervorgebracht hat, vielleicht gerade wenn sie eine besonders kraftvolle Persönlichkeit war in der Zeit, in welcher bei ihr die Mystik im Zeichen des Idealismus gestanden hat, das wird sie ändern, in eine andere Weltanschauungsnuance übergehen lassen. Sie wird anderes behaupten und sagen, wenn auf diese Weise die Weltanschauungsstimmung der Mystik in Empirismus übergegangen ist und dieser sich in das Zeichen des Rationalismus gestellt hat. Aus dem aber, was ich hier eben auseinandergesetzt habe, können Sie zugleich entnehmen, daß die Menschenseelen einen Zug haben können, Zeichen und Stimmung ihrer Weltanschauung zu ändern. — Für «diese» Seele ist gewissermaßen schon die Tendenz der Änderung angegeben. Nehmen wir an, sie will diese Tendenz im Leben weiterführen. Sie will vorrücken vom Empirismus zur nächsten Seelenstimmung, zum Voluntarismus. Und würde sie auch in den Tierkreiszeichen so vorrücken, so würde sie in den Mathematizismus hineinkommen. Sie würde dann übergehen zu einer Weltanschauung, welche in diesem symbolischen Bilde in einem Winkel von 60 Grad abweicht von der ersten Linie, wo die Mystik im Zeichen des Idealismus gestanden hat. Und es würde eine solche Seele dann im Verlaufe derselben Inkarnation zum Ausdruck bringen ein vom Willen durchdrungenes, auf dem Willen basierendes mathematisches Weltgebäude. Das würde sie zum Ausdruck bringen.
[ 5 ] As I noted yesterday, in the symbolic image, moving from the inner to the outer, empiricism follows mysticism just as the sun follows Venus. In terms of its mood, the soul has progressed toward empiricism and has at the same time placed itself under the sign of rationalism. In the life of the soul, this is expressed in such a way that such a soul changes in its worldview. What it has produced—perhaps especially if it was a particularly powerful personality during the time when mysticism stood under the sign of idealism—it will change, allowing it to transition into a different nuance of worldview. It will assert and say different things once the worldview mood of mysticism has shifted in this way toward empiricism, and the latter has aligned itself with rationalism. But from what I have just explained here, you can also infer that human souls may have a tendency to change the character and mood of their worldview. — For “this” soul, the tendency toward change is, so to speak, already indicated. Let us assume that it wishes to continue this tendency in life. It wishes to advance from empiricism to the next soul mood, to voluntarism. And if it were to advance in this way through the signs of the zodiac, it would enter into mathematism. It would then transition to a worldview that, in this symbolic image, deviates by an angle of 60 degrees from the first line, where mysticism stood in the sign of idealism. And such a soul would then, in the course of the same incarnation, express a mathematical world structure permeated by the will and based on the will. That is what it would express.


[ 6 ] Da zeigt sich aber eines - und ich bitte, das zu beachten -, es zeigt sich, daß zwei solche Konstellationen, die in der Seele vorhanden sind im Verlaufe der Zeit, sich dann stören, ungünstig beeinflussen, wenn sie so stehen, daß sie einen Winkel von 60 Grad bilden. In der physischen Astrologie ist das eine günstige Konstellation, in der geistigen Astrologie ist diese sogenannte Sextilstellung ungünstig. Das kommt dadutch zum Ausdruck, daß diese letzte Stellung — Voluntarismus im Mathematizismus - ein scharfes Hindernis in der Seele findet, so daß sie sich nicht ausbilden kann, weil sie gar keine Angriffspunkte findet, da der Betreffende gar keine Anlagen zeigt für das, was Mathematik ist. Darin drückt sich das Ungünstige der Sextilstellung aus, daß gar keine mathematischen Anlagen vorhanden sind. Es kann sich also diese Stellung nicht bilden: Voluntarismus im Zeichen des Mathematizismus. Die Folge davon ist nun, daß auch nicht der Versuch gemacht wird, daß die Seelenstimmung in dieser Weise vorrückt. Sondern weil die betreffende Seele jetzt nicht diesen Weg machen kann zum Voluntarismus im Mathematizismus, so legt sie sich von der Stellung, die sie jetzt hat - Empirismus im Rationalismus -, um (siehe Zeichnung) und sucht den Ausweg - stellt sich in Opposition zu der Richtung, die sie noch einhalten kann. Es würde also eine solche Seele nicht so vorrücken zum Voluntarismus, wie es in der Zeichnung durch die punktierte Linie angedeutet ist, sondern sie würde sich mit dem Voluntarismus in Opposition zu ihrem Empirismus im Rationalismus stellen.
[ 6 ] But one thing becomes clear here—and I ask you to take note of this—it becomes clear that two such constellations, which exist in the soul over the course of time, interfere with and adversely influence one another when they are positioned in such a way that they form an angle of 60 degrees. In physical astrology, this is a favorable constellation; in spiritual astrology, this so-called sextile position is unfavorable. This is expressed in that this latter position—voluntarism within mathematicism—encounters a sharp obstacle in the soul, so that it cannot develop because it finds no foothold at all, since the person in question shows no aptitude whatsoever for what mathematics is. The unfavorable nature of the sextile position is expressed in the fact that no mathematical aptitude is present at all. This position—voluntarism in the sign of mathematicism—cannot therefore form. The consequence of this is that no attempt is made for the soul’s disposition to advance in this way. Rather, because the soul in question cannot now take this path toward voluntarism within mathematicism, it shifts from the position it currently holds—empiricism within rationalism—(see diagram) and seeks a way out—placing itself in opposition to the direction it can still maintain. Such a soul would therefore not advance toward voluntarism as indicated by the dotted line in the diagram, but would position itself in opposition to its empiricism within rationalism through voluntarism.


[ 7 ] Das würde auftreten im Zeichen des Dynamismus. Es würde der Voluntarismus in Opposition zum Rationalismus im Zeichen des Dynamismus stehen. Und im Verlaufe ihres Lebens würde eine solche Seele als die ihr mögliche Konstellation die haben, daß sie eine Weltanschauung vertritt, die sich stützt auf ein besonderes Eindringen von Kräften, von Dynamismus in die Welt, durchdrungen von Willen; Wille - der von Kraft durchsetzte Wille. In der spirituellen Astrologie ist es wieder anders als in der physischen Astrologie; in der physischen hat die Opposition eine ganz andere Bedeutung als in der spirituellen. Hier wird die Opposition dadurch hervorgebracht, daß die Seele nicht weiter kann auf einem Wege, der ungünstig ist; sie schlägt um in die Oppositionsstellung.
[ 7 ] This would manifest itself under the banner of dynamism. Voluntarism would stand in opposition to rationalism under the sign of dynamism. And in the course of its life, such a soul would have as its possible constellation the fact that it represents a worldview based on a special penetration of forces, of dynamism into the world, permeated by will; will—the will imbued with power. In spiritual astrology, things are different again than in physical astrology; in physical astrology, opposition has a completely different meaning than in spiritual astrology. Here, opposition arises because the soul cannot proceed further along a path that is unfavorable; it shifts into the position of opposition.
[ 8 ] Ich habe Ihnen hier aufgezeichnet, was die Seele von Nietzsche im Verlaufe ihres Lebens durchgemacht hat. Versuchen Sie zu verstehen den Weg in seinen ersten Werken, so wird er erklärlich durch die Stellung der Mystik im Zeichen des Idealismus. Aus dieser Zeit stammen «Die Geburt der Tragödie» und die «Unzeitgemäßen Betrachtungen> in ihren vier Stücken: «David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller», «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», «Schopenhauer als Erzieher», «Richard Wagner in Bayreuth». Das ist Mystik im Zeichen des Idealismus. Dann dringt die Seele vor. Es kommt eine zweite Epoche. In diese fällt die Entstehung von «Menschliches, Allzumenschliches», «Morgenröte», «Die fröhliche Wissenschaft». Hier steht Empirismus im Zeichen des Rationalismus. In der dritten Periode, hervorgegangen aus der Oppositionsstellung, sind die Schriften, die sich begründen auf den Willen zur Macht, auf den Willen, durchdrungen von Kraft, von Macht: JJenseits von Gut und Böse», «Zur Genealogie der Moral, «Der Fall Wagner, «Götzendämmerung», «Der Antichris», «Also sprach Zarathustra».
[ 8 ] I have recorded here what Nietzsche’s soul went through in the course of his life. If you try to understand the path taken in his early works, it becomes clear through the role of mysticism within the framework of idealism. From this period come The Birth of Tragedy and Untimely Meditations in its four parts: “David Strauss, the Confessor and the Writer,” “On the Use and Abuse of History for Life,” “Schopenhauer as Educator,” and “Richard Wagner in Bayreuth.” This is mysticism under the banner of idealism. Then the soul pushes forward. A second epoch begins. This is when Human, All Too Human, Dawn” and The Gay Science were written. Here, empiricism is shaped by rationalism. In the third period, emerging from a position of opposition, are the writings grounded in the will to power, in the will imbued with strength and power: Beyond Good and Evil, On the Genealogy of Morals, The Case of Wagner, Twilight of the Idols, The Antichrist, Thus Spoke Zarathustra.
[ 9 ] So sehen Sie, wie eine innere Gesetzmäßigkeit besteht zwischen dem geistigen Kosmos und der Art, wie der Mensch in diesem geistigen Kosmos drinnensteht. Man kann sagen, wenn man sich der Symbole der Astrologie bedient, die aber jetzt etwas anderes bedeuten: Bei Nietzsche war es so, daß sich zu einer gewissen Zeit seines Lebens Venus im Widder zeigte, daß er aber, als diese Konstellation für seine Seele überging zur Sonne im Zeichen des Stieres, nicht weiterkommen konnte, daß er nicht mit dem Mars in das Zeichen der Zwillinge kommen konnte, sondern in die Oppositionsstellung ging, also mit dem Mars in das Zeichen des Skorpions ging. Seine letzte philosophische Phase ist dadurch charakterisiert, daß er mit dem Mars im Zeichen des Skorpions stand. Diese Konstallation hält man aber nur aus - nämlich die, wenn man in die unteren Stellungen eindringt, unterhalb der Linie Idealismus-Realismus (siehe das Schema auf Seite 69) -—, wenn man in eine geistige Weltanschauungsstimmung eintaucht, Okkultismus oder dergleichen; sonst müssen diese Konstellationen in ungünstiger Weise auf den Menschen selber zurückwirken. Daher das tragische Geschick Nietzsches. Die oberen Konstellationen hält man aus, wenn man sich in entsprechender Weise durch äußere Verhältnisse in die Welt hineinzustellen vermag. Was unter der Linie liegt, die vom Idealismus zum Realismus geht, das hält man nur aus, wenn man untertaucht in die Geisteswissenschaft, was Nietzsche nicht hat tun können. Mit dem «sich außen hineinstellen in die Welt» meine ich alles, was zum Beispiel durch Erziehung, durch äußere Lebensverhältnisse zu erreichen ist; sie kommen in Betracht für alles, was oberhalb der IdealismusRealismus-Linie liegt. Meditatives Leben, ein Leben in Studium und Verständnis für die Geisteswissenschaft kommt in Betracht für alles, was unterhalb der Linie Idealismus-Realismus liegt.
[ 9 ] So you can see how there is an inner lawfulness between the spiritual cosmos and the way in which human beings are situated within this spiritual cosmos. One might say, using the symbols of astrology—which now, however, have a different meaning: In Nietzsche’s case, Venus was in Aries at a certain time in his life, but when this constellation shifted for his soul to the Sun in the sign of Taurus, he could not move forward; he could not enter the sign of Gemini with Mars, but instead moved into an opposition position, that is, with Mars in the sign of Scorpio. His final philosophical phase is characterized by the fact that he stood with Mars in the sign of Scorpio. However, one can only endure this constellation—namely, when one enters the lower positions, below the line of idealism-realism (see the diagram)—if one immerses oneself in a spiritual worldview, occultism, or the like; otherwise, these constellations must have an unfavorable effect on the person themselves. Hence Nietzsche’s tragic fate. One can endure the upper constellations if one is able to position oneself in the world in an appropriate manner through external circumstances. What lies below the line running from idealism to realism can only be endured if one immerses oneself in spiritual science, which Nietzsche was unable to do. By “positioning oneself externally in the world,” I mean everything that can be achieved, for example, through education or external living conditions; these apply to everything above the idealism-realism line. A meditative life, a life of study and understanding of spiritual science, applies to everything below the idealism-realism line.
[ 10 ] Um die Tragweite dessen einzusehen, was hier in diesen Vorträgen skizziert worden ist, muß man folgende Sache kennen. Man muß sich klarmachen, was eigentlich im menschlichen Erleben der Gedanke ist, wie sich der Gedanke in das menschliche Erleben hineinstellt.
[ 10 ] To grasp the significance of what has been outlined in these lectures, one must understand the following. One must realize what thought actually is in human experience, and how thought relates to human experience.
[ 11 ] Der grobe Materialist unserer Zeit findet es seinen Intentionen gemäß, davon zu sprechen, daß das Gehirn den Gedanken bildet, respektive, daß das Zentralnervensystem den Gedanken bildet. Für den, der die Dinge durchschaut, ist das geradeso wahr, wie es wahr wäre, zu meinen, wenn man in einen Spiegel hineinschaut, der Spiegel habe das Gesicht gemacht, das man sieht. Aber er macht gar nicht das Gesicht, das man sieht, sondern das Gesicht ist außerhalb des Spiegels. Der Spiegel reflektiert nur das Gesicht, wirft es zurück. Ich habe das sogar schon in öffentlichen Vorträgen wiederholt auseinandergesetzt. In ganz ähnlicher Weise verhält es sich mit dem, was der Mensch an Gedanken erlebt. Wir wollen jetzt von anderen Seeleninhalten absehen. Das Gedankenerlebnis, das in der Seele regsam, real ist, indem der Mensch den Gedanken erlebt, entsteht sowenig durch das Gehirn, wie durch den Spiegel das Bild des Gesichtes produziert wird. Das Gehirn wirkt in der Tat nur als Reflektionsapparat, damit es die Seelentätigkeit zurückwirft und diese sich selber sichtbar wird. Mit dem, was der Mensch als Gedanken wahrnimmt, hat wirklich das Gehirn so wenig zu tun, wie der Spiegel mit Ihrem Gesicht zu tun hat, wenn Sie Ihr Gesicht im Spiegel sehen.
[ 11 ] The crude materialist of our time, in keeping with his intentions, speaks of the brain forming thought, or rather, of the central nervous system forming thought. For those who see through things, this is just as true as it would be to think, when looking into a mirror, that the mirror has created the face one sees. But it does not create the face one sees at all; rather, the face is outside the mirror. The mirror merely reflects the face, casting it back. I have even discussed this at length on several occasions in public lectures. The situation is very similar with regard to what a person experiences in terms of thoughts. Let us now set aside other aspects of the soul. The experience of thought, which is active and real within the soul as the person experiences the thought, arises no more from the brain than the image of the face is produced by the mirror. The brain, in fact, functions merely as a reflecting apparatus, so that it reflects back the activity of the soul and makes it visible to itself. The brain has as little to do with what a person perceives as thoughts as the mirror has to do with your face when you see your face in the mirror.
[ 12 ] Aber etwas anderes ist vorhanden. Der Mensch nimmt, indem er denkt, eigentlich nur die letzte Phase seiner denkerischen Tätigkeit, seines denkerischen Erlebens wahr. Um das klarzumachen, möchte ich wiederum den Spiegelvergleich nehmen. Denken Sie sich einmal, Sie würden sich hinstellen und Ihr Gesicht in einem Spiegel sehen wollen. Wenn Sie keinen Spiegel da haben, können Sie Ihr Gesicht nicht sehen. Sie können noch so lange hinstarren, Ihr Gesicht sehen Sie nicht. Wollen Sie es sehen, so müssen Sie irgend etwas, was an Materie daliegt, so bearbeiten, daß es ein Spiegel wird. Das heißt, Sie müssen es erst zubereiten, damit es das Spiegelbild hervorbringen kann. Wenn Sie das getan haben und dann hineinschauen, sehen Sie Ihr Gesicht. - Dasselbe muß die Seele machen mit dem Gehirn, was ein Mensch mit dem Spiegel machen würde. Es geht der eigentlichen denkerischen Tätigkeit der Wahrnehmung des Gedankens eine solche Tätigkeit voraus, die, wenn Sie zum Beispiel den Gedanken «Löwe» wahrnehmen wollen, erst tief drinnen die Teile des Gehirns so in Bewegung versetzt, daß diese Spiegel werden für die Wahrnehmung des Gedankens «Löwe». Und der, welcher das Gehirn erst zum Spiegel macht, das sind Sie selber. Was Sie als Gedanken zuletzt wahrnehmen, das sind Spiegelbilder; was Sie erst präparieren müssen, damit das betreffende Spiegelbild erscheint, das ist irgendeine Partie des Gehirnes. Sie sind es selbst mit Ihrer Seelentätigkeit, der das Gehirn in diejenige Struktur und in die Fähigkeit bringt, um das, was Sie denken, als Gedanke spiegeln zu können. Wollen Sie auf die Tätigkeit zurückgehen, die dem Denken zugrunde liegt, so ist es die Tätigkeit, die von der Seele aus ins Gehirn eingreift und sich im Gehirn betätigt. Und wenn Sie eine gewisse Tätigkeit von der Seele aus im Gehirn verrichten, dann wird eine solche Spiegelung im Gehirn bewirkt, daß Sie den Gedanken «Löwe» wahrnehmen. - Sie sehen, ein Geistig-Seelisches muß erst da sein. Das muß am Gehirn arbeiten. Dann wird das Gehirn durch diese geistig-seelische Tätigkeit zum Spiegelapparat, um den Gedanken zurückzuspiegeln. Das ist der wirkliche Vorgang, der sich für so viele Leute der Gegenwart so konfundiert, daß sie ihn überhaupt nicht fassen können.
[ 12 ] But there is something else at work here. When a person thinks, they are actually only perceiving the final phase of their mental activity, of their mental experience. To make this clear, I would like to use the mirror analogy again. Imagine you were to stand in front of a mirror and try to see your face. If you don’t have a mirror there, you cannot see your face. No matter how long you stare, you won’t see your face. If you want to see it, you must take some material object and prepare it so that it becomes a mirror. That is, you must first prepare it so that it can produce the mirror image. Once you have done that and look into it, you see your face. - The soul must do with the brain what a person would do with a mirror. The actual mental activity of perceiving a thought is preceded by an activity which, for example, when you want to perceive the thought “lion,” first sets the parts of the brain deep inside in motion so that they become mirrors for the perception of the thought “lion.” And the one who first turns the brain into a mirror is you yourself. What you ultimately perceive as thoughts are mirror images; what you must first prepare so that the relevant mirror image appears is some part of the brain. It is you yourself, through your soul’s activity, who brings the brain into the structure and capacity to reflect what you think as a thought. If you wish to go back to the activity underlying thinking, it is the activity that reaches into the brain from the soul and operates within the brain. And when you perform a certain activity from the soul within the brain, such a reflection is brought about in the brain that you perceive the thought “lion.” - You see, a spiritual-soul element must first be present. It must be at work in the brain. Then, through this spiritual-soul activity, the brain becomes a mirroring apparatus to reflect the thought back. This is the actual process that is so confusing to so many people today that they cannot grasp it at all.
[ 13 ] Wer im okkulten Wahrnehmen ein wenig vordringt, kann die beiden Phasen seelischer Tätigkeit auseinanderhalten. Er kann verfolgen, wie er zuerst, wenn er irgend etwas denken will, notwendig hat, nicht bloß den Gedanken zu fassen, sondern ihn vorzubereiten; das heißt, er hat sein Gehirn zu präparieren. Hat er es präpariert soweit, daß es spiegelt, dann hat er den Gedanken. Man hat immer, wenn man okkult forschen will, so daß man die Dinge vorstellen kann, zuerst die Aufgabe, nicht gleich vorzustellen, sondern erst die Tätigkeit auszuüben, die das Vorstellen vorbereitet. Das ist es, was so außerordentlich wichtig zu berücksichtigen ist. Diese Dinge müssen wir deshalb ins Auge fassen, weil wir jetzt erst, wenn wir sie ins Auge fassen, die wirkliche Wirksamkeit des menschlichen Gedankens vor uns haben. Jetzt wissen wir erst, wie die menschliche Denkertätigkeit arbeitet. Zuerst ergreift diese Denkertätigkeit das Gehirn, respektive das Zentralnervensystem irgendwo, übt eine Tätigkeit aus, bewegt, sagen wir, meinetwillen, die atomistischen Teile in irgendeiner Weise, bringt sie in irgendwelche Bewegungen. Dadurch werden sie zum Spiegelapparat, und der Gedanke wird reflektiert und der Seele als solcher Gedanke bewußt. Wir haben also zwei Phasen zu unterscheiden: erst vom Geistig-Seelischen aus die Gehirnarbeit; dann kommt die Wahrnehmung zustande, nachdem für diese Wahrnehmung durch die Seele die vorbereitende Gehirnarbeit getan ist. Beim gewöhnlichen Menschen bleibt die Gehirnarbeit ganz im Unterbewußten; er nimmt nur die Spiegelung wahr. Beim okkult forschenden Menschen ist wirklich das vorhanden, daß man zunächst die Vorbereitung erleben muß. Man muß erleben, wie man die Seelentätigkeit hineingießen muß und das Gehirn erst zubereiten muß, damit es sich herbeiläßt, einem den Gedanken vorzustellen.
[ 13 ] Anyone who delves a little into occult perception can distinguish between the two phases of mental activity. They can observe how, when they want to think of something, they must first not only grasp the thought but also prepare it; that is, they must prepare their brain. Once they have prepared it to the point where it reflects, then they have the thought. Whenever one wishes to engage in occult research so as to be able to visualize things, one’s first task is not to visualize immediately, but rather to first perform the activity that prepares the way for visualization. This is what is so extraordinarily important to take into account. We must therefore take these things into consideration, because only now, when we take them into consideration, do we have the true efficacy of human thought before us. Only now do we know how human thought activity works. First, this thought activity takes hold of the brain, or rather the central nervous system somewhere, performs an activity, moves—let us say, for the sake of argument—the atomic particles in some way, sets them in motion. Through this, they become a mirror apparatus, and the thought is reflected and becomes conscious to the soul as such a thought. We must therefore distinguish between two phases: first, the brain activity originating from the spiritual-soul aspect; then perception comes about after the preparatory brain work for this perception has been done by the soul. In the ordinary person, the brain activity remains entirely in the subconscious; they perceive only the reflection. In the occult researcher, it is truly the case that one must first experience the preparation. One must experience how one must pour the soul activity into it and first prepare the brain so that it allows itself to present the thought to one.
[ 14 ] Was ich jetzt auseinandergesetzt habe, geschieht beim Menschen fortwährend zwischen Aufwachen und Einschlafen. Immer arbeitet die denkerische Tätigkeit am Gehirn und macht so für den ganzen Wachzustand das Gehirn zum Spiegelapparat für die Gedanken. Aber es genügt nicht, daß in uns nur das durch Gedankentätigkeit bearbeitet wird, was wir so selbst bearbeiten. Denn das ist, man möchte sagen, eine engbegrenzte Tätigkeit, die da durch das GeistigSeelische ausgeübt wird. Wenn wir des Morgens aufwachen, den Tag über wachen, abends wieder einschlafen, so besteht die geistigseelische Tätigkeit, die zum Denken gehört, darin, daß diese Tätigkeit den ganzen Tag über am Gehirn arbeitet und daß dadurch das Gehirn zum Spiegelapparat wird. Aber das Gehirn muß zunächst da sein; dann kann die geistig-seelische Tätigkeit eingraben ihre kleinen Eingrabungen, man möchte sagen, ihre Notizen und Gravierungen ins Gehirn eintragen. Das Gehirn muß also in seiner Hauptform, in seiner Hauptmasse da sein. Aber das genügt nicht für unser Menschenleben.
[ 14 ] What I have just explained takes place continuously in human beings between waking and falling asleep. Thought activity is always at work in the brain, thus making the brain a mirror for thoughts throughout the entire waking state. But it is not enough that only what we ourselves process through thought activity is processed within us. For this is, one might say, a narrowly limited activity exercised by the spiritual-soul aspect. When we wake up in the morning, remain awake throughout the day, and fall asleep again in the evening, the spiritual-soul activity that belongs to thinking consists in this activity working on the brain throughout the day, thereby turning the brain into a mirror apparatus. But the brain must first be there; then the spiritual-soul activity can carve its little indentations—one might say, its notes and engravings—into the brain. The brain must therefore be present in its main form, in its main mass. But that is not enough for our human life.
[ 15 ] Unser Gehirn könnte nicht von der alltäglichen Lebensarbeit bearbeitet werden, wenn nicht unser ganzer Organismus so zubereitet wäre, daß er eine Grundlage wäre für die Alltagsarbeit. Und diese Arbeit, die dem Menschen seinen Organismus zubereitet, geschieht aus dem Kosmos heraus. So wie wir alltäglich vom Aufwachen bis zum Einschlafen an der - trivial gesagt — Durchgravierung des Gehirns arbeiten, was es zum Spiegelungsapparat für die alltäglichen Gedanken macht, so muß, wo wir nicht selber gravieren, das heißt, uns Form geben können, vom Kosmos herein uns Form gegeben werden. So wie unsere kleinen Gedanken arbeiten im Gehirn und ihre kleinen Eingravierungen machen, so muß unser ganzer Organismus vom Kosmos herein nach demselben Muster gedanklicher Tätigkeit aufgebaut werden. Und er wird das, weil dasselbe, was in uns an den kleinen Eingravierungen arbeitet, im Kosmos vorhanden ist, diesen Kosmos als Gedankentätigkeit durchwellend und durchwebend. Was uns zum Beispiel zuletzt erscheint an Ideen, was wir haben als Idealismus, das ist als die den Idealismus bewirkende Tätigkeit im geistigen Kosmos vorhanden und kann auf einen Menschen so wirken, daß sie seinen ganzen Organismus so zubereitet, daß er eben zum Idealismus hinneigt. Ebenso werden die anderen Nuancen in den Stimmungen und Zeichen aus dem geistigen Kosmos in den Menschen hereingearbeitet.
[ 15 ] Our brain could not handle the daily demands of life if our entire organism were not prepared in such a way as to serve as a foundation for this daily work. And this work, which prepares the human organism, comes from the cosmos. Just as we work every day—from waking up to falling asleep—on the—to put it simply—engraving of the brain, which makes it a mirror for our daily thoughts, so too, where we cannot engrave ourselves—that is, give ourselves form—must form be given to us from the cosmos. Just as our small thoughts work in the brain and make their small engravings, so must our entire organism be built up from the cosmos according to the same pattern of thought activity. And it becomes so because the very same thing that works within us on these small engravings is present in the cosmos, permeating and interweaving this cosmos as thought activity. What, for example, appears to us most recently in terms of ideas—what we have as idealism—exists in the spiritual cosmos as the activity that brings about idealism, and can act upon a person in such a way that it prepares their entire organism so that they are inclined toward idealism. In the same way, the other nuances in moods and signs are worked into human beings from the spiritual cosmos.
[ 16 ] Der Mensch ist nach den Gedanken des Kosmos aufgebaut. Der Kosmos ist der große Denker, der bis zum letzten Fingernagel so unsere Form in uns eingraviert, wie unsere kleine Gedankenarbeit die kleinen Eingravierungen ins Gehirn während des Alltages macht. Wie unser Gehirn - das heißt nur in bezug auf die kleinen Partien, wo Eingravierungen geschehen können — unter dem Einflusse der Gedankenarbeit steht, so steht unser ganzer Mensch unter dem Einfluß der kosmischen Gedankenarbeit.
[ 16 ] Human beings are structured according to the thoughts of the cosmos. The cosmos is the great Thinker who engraves our form within us down to the very last fingernail, just as our own small mental activities make small engravings in the brain during the course of everyday life. Just as our brain—that is, only in regard to the small areas where engravings can occur—is under the influence of mental activity, so is our entire being under the influence of cosmic mental activity.
[ 17 ] Was heißt das? - Für das, was ich hier als ein Beispiel an Nietzsche vorgeführt habe, heißt es: Unter dem Einfluß des Kosmos war Nietzsche durch seine frühere Inkarnation in seinem Karma so vorbereitet, daß in einem bestimmten Zeitpunkte vermöge seiner früheren Inkarnation die Kräfte des Idealismus und der Mystik - die zusammenwirkten, weil Mystik im Zeichen des Idealismus stand — auf seine ganze Körperkonstitution so wirkten, daß er zunächst fähig war, mystischer Idealist zu werden. Dann änderte sich die Konstellation in der angedeuteten Weise.
[ 17 ] What does that mean?—In the context of the example I have presented here regarding Nietzsche, it means: Under the influence of the cosmos, Nietzsche was so prepared by his previous incarnation in his karma that, at a certain point in time, by virtue of his previous incarnation, the forces of idealism and mysticism—which interacted because mysticism was under the sign of idealism—acted upon his entire physical constitution in such a way that he was initially capable of becoming a mystical idealist. Then the constellation changed in the manner indicated.
[ 18 ] Wir werden aus dem Kosmos heraus gedacht. Der Kosmos denkt uns. Und wie wir in unserer kleinen Alltagsgedankenarbeit kleine Eingravierungen in unser Gehirn machen und dann die Vorstellungen Löwe, Hund, Tisch, Rose, Buch, auf, ab, links, rechts uns zum Bewußtsein kommen als die Spiegelungen dessen, was wir vorher im Gehirn präparieren — das heißt, wie wir dutch die Bearbeitung des Gehirns zuletzt wahrnehmen Löwe, Hund, Tisch, Rose, Buch, auf, ab, schreiben, lesen -, so wirken die Wesen der Weltenhierarchien in der Weise, daß sie die große denkerische Tätigkeit verrichten, die Bedeutsameres in der Welt eingraviert als wir mit unserer alltäglichen Denkertätigkeit. So kommt es denn zustande, daß nicht nur die kleinen winzigen Eingravierungen entstehen, die dann als unsere Gedanken sich einzeln spiegeln, sondern daß wir selbst es sind in unserem ganzen Wesen, was wieder den Wesen der höheren Hierarchien als ihre Gedanken erscheint. Wie unsere kleinen Gehirnptozesse unsere kleinen Gedanken spiegeln, so spiegeln wir, indem in die Welt eingraviert wird, die Gedanken des Kosmos. Indem die Hierarchien des Kosmos denken, denken sie zum Beispiel uns Menschen. Wie von unseren kleinen Gehirnpartikelchen unsere kleinen Gedanken kommen, so kommen von dem, was die Hierarchien machen und wozu wir selber gehören, ihre Gedanken. Wie die Teile in unserem Gehirn für uns die Spiegelungsapparate sind, die wir erst für unsere Gedanken bearbeiten, so sind wir, wir kleine Wesen, dasjenige, was sich für ihre Gedanken die Hierarchien des Kosmos zubereiten. Also in einer gewissen Beziehung können wir sagen: Wir können uns dem Kosmos gegenüber so fühlen, wie sich eine kleine Partie unseres Gehirns gegenüber uns selber fühlen könnte. Sowenig wir aber geistig-seelisch das sind, was unser Gehirn ist, so wenig sind natürlich die Wesenheiten der geistigen Hierarchien «wir». Daher sind wir selbständig gegenüber den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Und wir können sagen: In gewisser Weise dienen wir ihnen, damit sie durch uns denken können; wir sind aber zugleich selbständige Wesenheiten, die ihr Eigensein in sich haben, wie sogar in gewisser Weise die Partikel unseres Gehirns ihr Eigenleben haben.
[ 18 ] We are conceived from within the cosmos. The cosmos conceives us. And just as we make small engravings in our brains through our daily mental work, and then the concepts of lion, dog, table, rose, book, up, down, left, right come to our consciousness as reflections of what we have previously prepared in the brain—that is, just as we ultimately perceive, through the brain’s processing, lion, dog, table, rose, book, up, down, writing, reading—so do the beings of the world hierarchies act in such a way that they perform the great intellectual activity that engraves more significant things into the world than we do with our everyday thinking. Thus it comes to pass that not only do the small, minute engravings arise, which are then reflected individually as our thoughts, but that it is we ourselves, in our entire being, that appear to the beings of the higher hierarchies as their thoughts. Just as our small brain processes reflect our small thoughts, so do we, by being engraved into the world, reflect the thoughts of the cosmos. As the hierarchies of the cosmos think, they think, for example, of us humans. Just as our small thoughts arise from our tiny brain particles, so do the thoughts of the hierarchies arise from what they do—and to which we ourselves belong. Just as the parts of our brain serve as the mirroring mechanisms that we first process for our own thoughts, so are we, we small beings, that which the hierarchies of the cosmos prepare for their own thoughts. So in a certain sense we can say: We can feel toward the cosmos as a small part of our brain might feel toward ourselves. But just as we are not, spiritually and soul-wise, what our brain is, so too, of course, are the beings of the spiritual hierarchies not “us.” Therefore, we are independent of the beings of the higher hierarchies. And we can say: In a certain sense, we serve them so that they can think through us; but at the same time, we are independent beings who possess our own being within ourselves, just as, in a certain sense, the particles of our brain have their own life.
[ 19 ] So finden wir den Zusammenhang zwischen dem menschlichen und dem kosmischen Gedanken. Der menschliche Gedanke ist der Regent des Gehirns; der kosmische Gedanke ist ein solcher Regent, daß zu dem, was er auszuführen hat, wir selber mit unserem ganzen Wesen gehören. Nur müssen wir, weil er vermöge unseres Karma nicht immer alle seine Gedanken in gleicher Art auf uns wenden kann, nach seiner Logik aufgebaut werden. So haben wir Menschen eine Logik, nach der wir denken, und so haben auch die geistigen Hierarchien des Kosmos ihre Logik. Und ihre Logik besteht in dem, was wir als Schema aufgezeichnet haben (Seite 69). Wie wir zum Beispiel, wenn wir denken, «der Löwe ist ein Säugetier», zwei Begriffe zusammenbringen zu einem Utteil, so denken die geistigen Hierarchien des Kosmos zwei Dinge zusammen, Mystik und Idealismus: Mystik erscheine im Idealismus. Denken Sie sich dieses zunächst als vorbereitende Tätigkeit des Kosmos: Mystik erscheine im Idealismus - so erklingt das schöpferische «fiat», das schöpferische Wort. Die vorbereitende Tat besteht für die Wesen der geistigen Hierarchien darin, daß ein Mensch ergriffen wird, dessen Karma es entspricht, daß sich in ihm die Anlage ausbildet, ein mystischer Idealist zu werden. Zurückgestrahlt in die Hierarchien des Kosmos ist das, was wir für uns einen Gedanken nennen würden, für sie der Ausdruck eines Menschen, der mystischer Idealist ist, der iht Gedanke ist, nachdem sie sich das kosmische Urteil vorbereitet haben: Mystik erscheine im Idealismus!
[ 19 ] Thus we find the connection between human and cosmic thought. Human thought is the ruler of the brain; cosmic thought is a ruler such that we ourselves, with our entire being, are part of what it is to carry out. However, because, due to our karma, it cannot always direct all its thoughts toward us in the same way, we must be structured according to its logic. Thus, we humans have a logic by which we think, and so too do the spiritual hierarchies of the cosmos have their logic. And their logic consists of what we have outlined as a diagram (page 69). Just as we, for example, when we think, “the lion is a mammal,” bring two concepts together into a single unit, so the spiritual hierarchies of the cosmos bring two things together, mysticism and idealism: mysticism appears in idealism. Imagine this first as a preparatory act of the cosmos: mysticism appears in idealism—thus resounds the creative “fiat,” the creative word. The preparatory act consists, for the beings of the spiritual hierarchies, in seizing a human being whose karma corresponds to the development within him of the predisposition to become a mystical idealist. Reflected back into the hierarchies of the cosmos is what we would call a thought; for them, it is the expression of a human being who is a mystical idealist, who is their thought, after they have prepared the cosmic judgment: Mysticism appears in idealism!
[ 20 ] Wir haben gewissermaßen das Innere des kosmischen Wortes aufgezeichnet, des kosmischen Denkens. Was wir in einem Schema aufgezeichnet haben als kosmische Logik, das stellt uns dar, wie gedacht wird von den geistigen Hierarchien des Kosmos, zum Beispiel: Empitismus erscheine im Zeichen des Rationalismus! — und so weiter. Versuchen wir uns einmal zu vergegenwärtigen, was auf diese Weise im Kosmos gedacht werden kann. Es kann gedacht werden: Es erscheine Mystik im Zeichen des Idealismus! Sie wandle sich! Es werde Empirismus im Zeichen des Rationalismus! — Widerstand! Was weiter kommen würde, würde ein falsches kosmisches Urteil sein. Der Gedanke wird umgelenkt - wir haben ein korrigiertes «falsches Denken», wie wir einen Gedanken verifizieren. Es muß erscheinen der dritte Standpunkt: Voluntarismus im Zeichen des Dynamismus. Das Ergebnis dieser durch die Zeiten in den kosmischen Welten gesprochenen drei Urteile erscheint in dem Menschen «Nietzsche». Und er strahlt zurück als der Gedanke des Kosmos.
[ 20 ] We have, so to speak, mapped out the inner workings of the cosmic Word, of cosmic thought. What we have outlined in a diagram as cosmic logic shows us how the spiritual hierarchies of the cosmos think; for example: Let empiricism appear under the sign of rationalism! — and so on. Let us try to imagine what can be thought in this way in the cosmos. It can be thought: Let mysticism appear under the sign of idealism! Let it transform! Let empiricism become rationalism! — Resistance! What would follow would be a false cosmic judgment. The thought is redirected—we have a corrected “false thinking,” just as we verify a thought. The third standpoint must appear: voluntarism under the sign of dynamism. The result of these three judgments spoken through the ages in the cosmic worlds appears in the man “Nietzsche.” And it radiates back as the thought of the cosmos.
[ 21 ] So spricht die Summe der geistigen Hierarchien im Kosmos. Und unsere menschliche Gedankentätigkeit ist ein Abbild, ein kleines Abbild davon. Welten verhalten sich zum Geiste oder zu den Geistern des Kosmos, wie sich unser Gehirn zu unserer Seele verhält. So können wir hineinblicken in das, was wir allerdings nur mit einer gewissen Ehrfurcht, mit einer heiligen Scheu anschauen sollten. Denn wir stehen gewissermaßen mit einer solchen Sache vor den Geheimnissen der Menschenindividualitäten. Wir lernen begreifen, daß - wenn ich mich bildlich ausdrücken darf - die Augen der Wesen der höheren Hierarchien hinschweifen über die einzelnen Menschenindividualitäten und daß ihnen die Individualitäten das sind, was uns die individuellen Buchstaben eines Buches sind, in dem wir lesen. Das ist das, was wir nur mit einer heiligen Scheu anschauen dürfen. Wir belauschen die Gedankentätigkeit des Kosmos.
[ 21 ] Thus speaks the sum of the spiritual hierarchies in the cosmos. And our human thought activity is a reflection, a small reflection of this. Worlds relate to the spirit or to the spirits of the cosmos as our brain relates to our soul. Thus we can look into what we should, however, view only with a certain reverence, with a sacred awe. For we stand, so to speak, before the mysteries of human individualities with such a matter. We come to understand that—if I may speak figuratively—the eyes of the beings of the higher hierarchies roam over the individual human personalities, and that these personalities are to them what the individual letters of a book are to us as we read it. This is what we may gaze upon only with a sacred reverence. We eavesdrop on the thought activity of the cosmos.
[ 22 ] Es muß in unserer Zeit der Schleier eines solchen Geheimnisses bis zu einem gewissen Grade gelüftet werden. Denn die Gesetze, die hier als die Gesetze der Gedanken des Kosmos aufgezeigt worden sind, sie sind tätig im Menschen. Und ihre Erkenntnis kann in uns bewirken, daß wir das Leben verstehen und daß wir, verstehend dieses Leben, uns selbst verstehen lernen, so verstehen lernen, daß wir wissen, auch wenn wir in einer gewissen Weise durch das oder jenes einseitig ins Leben hineingestellt werden müssen: Wir gehören einem großen Ganzen an, denn wir sind Glieder in der Denkerlogik des Kosmos. Und zu durchschauen diese Verhältnisse, dazu leitet uns dann die Geisteswissenschaft an, die uns damit eine Anweisung gibt, um ebensosehr unsere Einseitigkeit bezüglich unserer Anlagen zu verstehen, als uns dutch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft allseitiget zu machen. Dann werden wir die Stimmung finden, die gerade in unserer Zeit notwendig ist.
[ 22 ] In our time, the veil of such a mystery must be lifted to a certain degree. For the laws that have been presented here as the laws of the thoughts of the cosmos are at work within human beings. And our understanding of them can bring about within us an understanding of life, and through this understanding of life, we learn to understand ourselves—to understand in such a way that we know, even if we must be placed into life in a one-sided manner through this or that: We belong to a great whole, for we are members of the cosmic logic of thought. And to see through these relationships, spiritual science then guides us, thereby giving us an instruction to understand our one-sidedness regarding our dispositions just as much as to make us all-round through the insights of spiritual science. Then we will find the mood that is necessary precisely in our time.
[ 23 ] In unserer Zeit, wo bei vielen der tonangebenden Geister auch nicht eine Spur vorhanden ist von einer Einsicht in die Verhältnisse, die hier berührt worden sind, erleben wir es, daß die Menschen dennoch unter diesen Verhältnissen stehen, aber nicht zu leben wissen unter diesen Verhältnissen. Dadurch aber bewirken sie etwas, was einen Ausgleich notwendig macht. Nehmen Sie einmal das Beispiel von Wundt, das ich Ihnen gestern vorgetragen habe. Seine Einseitigkeit wird durch eine ganz bestimmte Konstellation bewirkt. Nehmen wir an, daß Wundt sich jemals zum Verständnis der Geisteswissenschaft durchringen könnte; dann würde er seine Einseitigkeit so fassen, daß er sich sagen würde: Nun, dadurch, daß ich mit dem Empirismus dastehe und so weiter, dadurch bin ich imstande, auf gewissen Gebieten Gutes zu arbeiten. Ich bleibe auf diesen Gebieten und ergänze das übrige durch die Geisteswissenschaft. - Zu einem solchen Urteil würde er kommen. Er will aber von der Geisteswissenschaft nichts wissen. Was tut er deshalb? Während er Gutes leisten könnte, produktiv in der Konstellation, die gerade seine eigene ist, macht Wundt das, was er vermöge dieser Konstellation leisten kann, zur Gesamtphilosophie, während er sonst wahrscheinlich noch Größeres, weit Größeres, ja, dann erst Nützliches leisten könnte, wenn er das Philosophieren sein ließe und über Seelenerscheinungen experimentieren würde — was er versteht - und die Natur der mathematischen Urteile untersuchen würde - was er auch versteht -, anstatt es zu allerlei Philosophie zusammenzubrauen; denn dann würde er im richtigen Geleise sein.
[ 23 ] In our time, when even many of the leading minds show not the slightest trace of insight into the conditions discussed here, we see that people nevertheless find themselves in these circumstances but do not know how to live under them. As a result, however, they bring about something that necessitates a counterbalance. Take, for example, the case of Wundt, which I presented to you yesterday. His one-sidedness is brought about by a very specific constellation of factors. Let us assume that Wundt could ever bring himself to understand spiritual science; then he would grasp his one-sidedness in such a way that he would say to himself: Well, because I stand with empiricism and so on, I am able to do good work in certain fields. I will remain in these fields and supplement the rest through spiritual science. - He would arrive at such a judgment. But he wants nothing to do with the science of the spirit. What does he do, therefore? While he could achieve good results, being productive within the very constellation that is his own, Wundt elevates what he can accomplish by virtue of this constellation to a comprehensive philosophy, whereas otherwise he could likely achieve even greater, far greater, indeed, only then could he achieve something useful if he were to give up philosophizing and experiment with phenomena of the soul—which he understands—and investigate the nature of mathematical judgments—which he also understands—instead of brewing it all up into all sorts of philosophy; for then he would be on the right track.
[ 24 ] Das aber muß von vielen gesagt werden. Daher muß die Geisteswissenschaft, geradeso wie sie die Gesinnung hervorrufen muß, zu erkennen, wie Friede zwischen den Weltanschauungen bestehen soll, auf der anderen Seite scharf hinweisen auf die Überschreitung desjenigen, was notwendig ist durch Einhalten der Konstellation durch die Persönlichkeiten der Gegenwart, die dadurch großen Schaden anrichten, daß sie die Welt suggestiv beeinflussen mit Urteilen, die gefällt sind, ohne daß auf ihre Konstellation dabei Rücksicht genommen worden ist. Scharf zurückgewiesen werden müssen die Einseitigkeiten, die sich als Ganzes geltend machen wollen. Die Welt läßt sich nicht erklären durch einen Menschen, der Anlagen hat für das eine oder das andere. Und wenn er sie dadurch erklären will und eine Philosophie begründen will, dann bewirkt diese Philosophie Ungünstiges, und es erwächst der Geisteswissenschaft die Aufgabe, die hochmütigen Prätentionen dieser Einseitigkeit zurückzuweisen, die sich als ein Ganzes in der Welt aufspielt. Je weniger in unserer Zeit Sinn und Gesinnung für die Geisteswissenschaft vorhanden ist, desto stärker muß die charakterisierte Einseitigkeit hervortreten.
[ 24 ] But this must be said by many. Therefore, spiritual science must, just as it must foster the attitude of recognizing how peace between worldviews is to be maintained, must on the other hand sharply point out the overstepping of what is necessary by adhering to the constellation by the personalities of the present, who thereby cause great harm by suggestively influencing the world with judgments that have been passed without taking their constellation into account. The one-sided views that seek to assert themselves as the whole must be sharply rejected. The world cannot be explained by a person who has a predisposition for one thing or another. And if he seeks to explain it in this way and to establish a philosophy, then this philosophy brings about adverse effects, and it becomes the task of spiritual science to reject the arrogant pretensions of this one-sidedness, which presents itself as a whole in the world. The less sense and disposition there is for spiritual science in our time, the more strongly this characterized one-sidedness must come to the fore.
[ 25 ] Wir sehen daher, daß gerade die Erkenntnis vom Wesen des menschlichen und kosmischen Gedankens uns dahin führen kann, recht die Bedeutung und die Aufgabe der Geisteswissenschaft in unserer Zeit einzusehen und das in ihr einzusehen, was sie in das rechte Verhältnis bringen kann zu anderen sogenannten Geistesströmungen, namentlich philosophischen Strömungen, in unserer Zeit. Wünschenswert wäre es, daß gerade Erkenntnisse der Art, wie wir sie in diesen Vorträgen an uns heranzubringen versuchten, sich recht tief in die Herzen und Seelen unserer Freunde einschrieben, damit der Gang der anthroposophischen Geistesströmung durch die Welt ein solcher werde, daß eine ganz bestimmte, echte Richtung eingeschlagen werde. Man wird dann immer mehr und mehr erkennen, wenn man solches berücksichtigt, wie der Mensch durch das, was als kosmische Gedanken in ihm lebt, geformt wird.
[ 25 ] We see, therefore, that it is precisely the understanding of the nature of human and cosmic thought that can lead us to truly grasp the significance and mission of spiritual science in our time, and to recognize within it what can place it in the proper relationship to other so-called spiritual currents—namely, philosophical currents—of our time. It would be desirable for insights of the kind we have sought to present in these lectures to be deeply inscribed in the hearts and souls of our friends, so that the course of the anthroposophical spiritual movement through the world may take on a very definite, genuine direction. If one takes this into account, one will then recognize more and more how the human being is shaped by what lives within them as cosmic thoughts.
[ 26 ] Tiefer noch erscheint uns, als er sonst erscheinen könnte, gerade durch eine solche Darlegung ein Gedanke wie der Fichtes, der da sagt: Was für eine Philosophie einer hat, das hängt davon ab, was er für ein Mensch ist. Ja, wahrhaftig, was einer für eine Philosophie hat, das hängt davon ab, was er für ein Mensch ist! Daß Fichte in der ersten Zeit seiner damaligen Inkarnation, in der er als Fichte lebte, als den Grundnerv seiner Weltanschauung aussprechen konnte: «Unsere Welt ist das versinnlichte Material unserer Pflicht», das zeigt ebenso wie das obige Wort, das er später ausgesprochen hat, wie seine Seele ihre Konstellation im geistigen Kosmos verändert hat, das heißt, wie reich diese Seele gestaltet war, so daß die geistigen Hierarchien sie umformen konnten, um durch sie verschiedenes zu denken für sich. Ähnliches könnte zum Beispiel für Nietzsche gesagt werden.
[ 26 ] It is precisely through such an exposition that a thought like Fichte’s—who says: “The kind of philosophy one has depends on the kind of person one is”—seems to us even more profound than it might otherwise appear. Yes, truly, what kind of philosophy one has depends on what kind of person one is! That Fichte, in the early days of his incarnation at that time, when he lived as Fichte, was able to articulate as the fundamental nerve of his worldview: “Our world is the sensed material of our duty,” shows, just as the above statement he later uttered does, how his soul changed its constellation within the spiritual cosmos—that is, how richly this soul was formed, so that the spiritual hierarchies could transform it in order to think various things through it for themselves. Something similar could be said, for example, of Nietzsche.
[ 27 ] Mancherlei Aspekte der Weltbetrachtung treten auf, gerade wenn man solches, wie es in diesen vier Vorträgen charakterisiert worden ist, sich vor die Seele hält. Das Beste, was wir dabei gewinnen können, ist allerdings, daß wir durch solche Dinge immer tiefer und tiefer in das geistige Gefüge der Welt hineinschauen, auch fühlend und empfindend hineinschauen. Wenn nur eines durch einen solchen Vortragszyklus erreicht werden könnte, daß möglichst viele Ihrer Seelen sich sagten: Ja, man muß, wenn man in die geistige Welt, das heißt in die Welt der Wahrheit und nicht in die Welt des Irrtums, eintauchen will, sich wirklich einmal auf den Weg begeben! Denn vieles, vieles muß auf diesem Wege berücksichtigt werden, um zu den Quellen der Wahrheit zu kommen. Und wenn es mir anfangs auch so scheinen könnte, als ob da oder dort ein Widerspruch auftauchte, daß ich da oder dort dieses oder jenes nicht verstehen könnte, so will ich mir doch sagen, daß ja doch die Welt nicht dazu da ist, um für jede Lage des menschlichen Verstehens begreiflich zu sein, und daß ich lieber ein Sucher werden will als ein Mensch, der sich immer nur so zur Welt stellt, daß er darnach fragt: Was kann ich begreifen? Was kann ich nicht begreifen? - Wird man ein Sucher, begibt man sich ernsthaft auf den Weg des Suchens, so lernt man erkennen, daß man von den verschiedensten Seiten die Impulse zusammentragen muß, um einiges Verständnis für die Welt zu gewinnen. Dann verlernt man ganz und gar jene Art, die sich so zur Welt stellen will wie: Verstehe ich das? Verstehe ich das nicht? sondern man sucht und sucht und sucht weiter. Die schlimmsten Feinde der Wahrheit sind die abgeschlossenen und nach Abschluß trachtenden Weltanschauungen, die ein paar Gedanken hinzimmern wollen und glauben, ein Weltgebäude mit ein paar Gedanken aufbauen zu dürfen.
[ 27 ] Various aspects of our view of the world emerge precisely when we hold before our soul what has been characterized in these four lectures. The greatest benefit we can gain from this, however, is that through such things we look ever deeper and deeper into the spiritual fabric of the world—looking into it with feeling and sensitivity as well. If only one thing could be achieved through such a lecture series—that as many of your souls as possible might say to themselves: Yes, if one wishes to immerse oneself in the spiritual world—that is, in the world of truth and not in the world of error—one must truly set out on the path! For much, much must be taken into account along this path in order to reach the sources of truth. And even if it might seem to me at first as though a contradiction were to arise here or there, that I might not be able to understand this or that here or there, I will nevertheless tell myself that the world is not meant to be comprehensible to every capacity of human understanding, and that I would rather become a seeker than a person who always approaches the world in such a way that they ask: What can I understand? What cannot I understand?—If one becomes a seeker, if one seriously sets out on the path of seeking, one learns to recognize that one must gather impulses from the most diverse sources in order to gain some understanding of the world. Then one completely outgrows that way of approaching the world that asks: Do I understand this? Do I not understand this? Instead, one seeks and seeks and seeks further. The worst enemies of truth are the closed-off worldviews that seek closure, which want to cobble together a few thoughts and believe they are entitled to construct a worldview with just a few thoughts.
[ 28 ] Die Welt ist ein Unendliches, qualitativ und quantitativ. Und ein Segen wird es sein, wenn sich einzelne Seelen finden, die klar sehen wollen gerade in bezug auf das, was in unserer Zeit so furchtbar auftritt an sich überhebender Einseitigkeit, die ein Ganzes sein will. Ich möchte sagen, mit blutendem Herzen spreche ich es aus: Das größte Hindernis für eine Erkenntnis der Tatsache, wie eine vorbereitende Arbeit der denkerischen Tätigkeit im Gehirn geübt wird, wie das Gehirn dadurch zum Spiegel gemacht wird und das Seelenleben zurückstrahlt - eine Tatsache, deren Erkenntnis unendliches Licht auf viele andere physiologische Erkenntnisse werfen könnte -, das größte Hindernis für die Erkenntnis dieser Tatsache ist die wahnsinnig gewordene Physiologie der Gegenwart, welche da von zweierlei Nerven spricht, von den motorischen und den sensitiven Nerven. Ich habe auch diese Sache schon in manchen Vorträgen berührt. Um diese überall in der Physiologie herumspukende Lehre hervorzubringen, mußte tatsächlich die Physiologie vorher allen Verstand verlieren. Dennoch ist das heute eine über die ganze Erde hin anerkannte Lehre, die sich jeder wahren Erkenntnis von der Natur des Gedankens und der Natur der Seele hindernd in den Weg legt. Niemals wird der menschliche Gedanke erkannt werden können, wenn die Physiologie ein solches Hindernis der Erkenntnis des Gedankens bildet. Wir haben es aber so weit gebracht, daß eine haltlose Physiologie heute jedes Lehrbuch der Psychologie, der Seelenkunde, eröffnet und von sich abhängig macht. Damit versperrt man sich zugleich den Weg zur Erkenntnis des kosmischen Gedankens.
[ 28 ] The world is infinite, both qualitatively and quantitatively. And it will be a blessing if individual souls can be found who wish to see clearly, especially with regard to what appears so terribly in our time: an arrogant one-sidedness that claims to be the whole. I would like to say, and I say this with a bleeding heart: The greatest obstacle to recognizing the fact that preparatory work for intellectual activity is carried out in the brain, that the brain is thereby made into a mirror and reflects the life of the soul —a fact whose recognition could shed infinite light on many other physiological insights—the greatest obstacle to the recognition of this fact is the modern physiology that has gone mad, which speaks of two kinds of nerves: the motor and the sensory nerves. I have also touched on this matter in several lectures. To produce this doctrine, which haunts physiology everywhere, physiology actually had to lose all reason beforehand. Nevertheless, this is today a doctrine recognized throughout the world, one that stands in the way of any true understanding of the nature of thought and the nature of the soul. Human thought will never be understood as long as physiology constitutes such an obstacle to the understanding of thought. Yet we have reached the point where a baseless physiology now opens every textbook of psychology—the study of the soul—and makes it dependent on itself. In doing so, we simultaneously block the path to the understanding of cosmic thought.
[ 29 ] Was der Gedanke im Kosmos ist, das lernt man erst erkennen, wenn man erfühlt, was der Gedanke im Menschen ist, wenn man sich in der Wahrheit dieses Gedankens fühlt, der als Gedanke mit dem Gehirn nichts anderes zu tun hat, als daß er selber der Herr dieses Gehirnes ist. Aber wenn man also den Gedanken in seiner Wesenheit in sich selber als menschlichen Gedanken erkannt hat, dann fühlt man sich schon mit diesem Gedanken im Kosmischen darinnen, und unsere Erkenntnis von der wahren Natur des menschlichen Gedankens weitet sich aus auch zur Erkenntnis der wahren Natur des kosmischen Gedankens. Wenn wir richtig erkennen lernen, wie wir denken, dann lernen wir auch erkennen, wie wir von den Mächten des Kosmos gedacht werden. Ja, wir gewinnen sogar die Möglichkeit, einen Blick in die Logik der Hierarchien hinein zu tun. Die einzelnen Bestandteile der Urteile der Hierarchien, die Begriffe der Hierarchien, ich habe sie Ihnen hingeschrieben. In den zwölf Geistes-Tierkreiszeichen, in den sieben Weltanschauungsstimmungen und so weiter liegen die Begriffe der Hierarchien. Und das, was die Menschen sind, sind Urteile des Kosmos, die aus diesen Begriffen hervorgehen. So fühlen wir uns in der Logik des Kosmos, das heißt, real gefaßt, in der Logik der Hierarchien des Kosmos darinnen, fühlen uns als Seelen in kosmischen Gedanken gebettet, wie wir den kleinen Gedanken, den wir denken, in unserem Seelenleben gebettet fühlen.
[ 29 ] One can only begin to understand what thought is in the cosmos when one senses what thought is in human beings, when one feels the truth of this thought—a thought that, as a thought, has nothing to do with the brain other than that it is itself the master of that brain. But once one has recognized thought in its essence within oneself as human thought, then one already feels oneself with this thought within the cosmic, and our understanding of the true nature of human thought expands to include an understanding of the true nature of cosmic thought. When we learn to recognize correctly how we think, then we also learn to recognize how we are thought of by the powers of the cosmos. Indeed, we even gain the ability to glimpse into the logic of the hierarchies. The individual components of the hierarchies’ judgments, the concepts of the hierarchies—I have written them down for you. The concepts of the hierarchies lie within the twelve spiritual zodiac signs, the seven worldview moods, and so on. And what human beings are, are judgments of the cosmos that emerge from these concepts. Thus we feel ourselves within the logic of the cosmos—that is, truly grasped—within the logic of the hierarchies of the cosmos; we feel ourselves as souls embedded in cosmic thoughts, just as we feel the small thoughts we think to be embedded in our soul life.
[ 30 ] Meditieren Sie einmal über die Idee: «Ich denke meine Gedanken. - Und ich bin ein Gedanke, der von den Hierarchien des Kosmos gedacht wird. Mein Ewiges besteht darin, daß das Denken der Hierarchien ein Ewiges ist. Und wenn ich einmal von einer Kategorie der Hierarchien ausgedacht bin, dann werde ich übergeben - wie der Gedanke des Menschen vom Lehrer an den Schüler übergeben wird von einer Kategorie an die andere, damit diese mich in meinem ewigen, wahren Wesen weiter denke. So fühle ich mich drinnen in der Gedankenwelt des Kosmos.» Damit ist dieser kurze Zyklus von Vorträgen abgeschlossen.
[ 30 ] Meditate for a moment on this idea: “I think my thoughts. — And I am a thought conceived by the hierarchies of the cosmos. My eternity consists in the fact that the thinking of the hierarchies is eternal. And once I have been conceived by one category of the Hierarchies, I am passed on—just as the thought of a human being is passed from the teacher to the student—from one category to another, so that they may continue to think me in my eternal, true being. This is how I feel within the world of thought of the cosmos.” This concludes this short series of lectures.
