Precursors to the Mystery of Golgotha
GA 152
5 March 1914, Stuttgart
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Precursors to the Mystery of Golgotha, tr. SOL
6. Die Drei geistigen Vorstufen des Mysteriums von Golgatha
6. The Three Spiritual Stages Leading Up to the Mystery of Golgotha
[ 1 ] Anknüpfend an die Betrachtungen des Fünften Evangeliums wollen wit uns heute vor die Seele führen die Wirksamkeit des ChristusGeistes auf die Menschenentwickelung, wie sie sich in den geistigen Welten vollzog vor dem Mysterium von Golgatha.
[ 1 ] Building on the reflections in The Fifth Gospel, we wish today to bring to mind the influence of the Christ Spirit on human evolution, as it unfolded in the spiritual worlds prior to the Mystery of Golgotha.
[ 2 ] Wir müssen uns dabei erinnern an die Tatsache der zwei Jesusknaben: den salomonischen, in dem das Zarathustra-Ich lebte, und den nathanischen Jesusknaben. Wir müssen hinschauen auf den nathanischen Jesusknaben und uns jetzt fragen: Was für eine Wesenheit war dieser Knabe, in den später das Ich des Zarathustra einzog?
[ 2 ] We must remember the fact of the two Jesus boys: the Solomonic one, in whom the Zarathustra ego lived, and the Nathanic Jesus boy. We must look at the Nathanic Jesus-child and ask ourselves now: What kind of being was this child, into whom the I of Zarathustra later entered?
[ 3 ] Um diese Wesenheit zu verstehen, müssen wir weit zurückgehen in der Entwickelung der Erde und der Menschen. Diese Wesenheit, die in dem nathanischen Jesusknaben wirkte, war zum ersten Male in eine physische Verkörperung getreten in dem Jesus von Bethlehem. Vorher hatte sie von der geistigen Welt aus Anteil genommen an der Menschheitsentwickelung, nie aber in einem physischen Menschenleib gelebt. Sie hatte mitgelebt die Zeiten, als die Menschenhüllen geschaffen wurden, mitgelebt die Saturnzeit, in der der Keim zum physischen Leib veranlagt wurde, die Sonnen- und Mondenzeit, wo Äther- und Astralleib sich bildeten, mitgelebt auch die die großen Zeitperioden wiederholenden kleineren Etappen. Als aber das Menschen-Ich in der lemurischen Zeit herabstieg in die drei Hüllen, da war dieses Wesen gleichsam als ein Teil des göttlichen Menschenseins zurückgeblieben in den geistigen Welten und hatte nicht mitgemacht die Entwickelung des Ich in den drei Hüllen und seine Verführung durch den luziferisch-ahrimanischen Einschlag. Dieser sich in den geistigen Welten zurückhaltende Teil des göttlichen Menschenwesens, dieses Geisteswesen ist zum ersten Male in einen physischen Leib herabgestiegen als nathanischer Jesusknabe, um als solcher sich von dem Christus durchleuchten zu lassen. Die Johannestaufe stellt dar die Durchdringung des Jesus von dem Christus-Geist.
[ 3 ] To understand this being, we must go far back in the evolution of the Earth and humankind. This being, which worked within the Nathanic Jesus child, had entered a physical incarnation for the first time in the Jesus of Bethlehem. Previously, it had participated in human evolution from the spiritual world, but had never lived in a physical human body. It had lived through the times when the human sheaths were created, lived through the Saturn era, in which the seed for the physical body was laid, the Sun and Moon eras, when the etheric and astral bodies formed, and also lived through the smaller stages that repeated the great periods of time. But when the human ego descended into the three bodies during the Lemurian epoch, this being remained, as it were, in the spiritual worlds as a part of the divine human being and had not participated in the development of the ego within the three bodies nor in its seduction by the Luciferic-Ahrimanic influence. This part of the divine human being that remained in the spiritual worlds—this spiritual being—descended for the first time into a physical body as the Nathanic Jesus child, in order to be permeated by the Christ as such. The baptism by John represents the permeation of Jesus by the Christ Spirit.
[ 4 ] Da war es aber nicht das erste Mal, daß es sich von dem Christus hat durchdringen lassen dürfen. Während es als Geistwesen in den geistigen Welten lebte, hatte es schon vermocht, sich wiederholt von dem Sonnengeist durchdringen zu lassen. Vorbereitend das ChristusEreignis im physischen Leib, hatte sich vorher Ähnliches vollzogen in geistigen Welten und hereingewirkt auf die Menschenentwickelung.
[ 4 ] However, this was not the first time it had allowed itself to be permeated by the Christ. While living as a spiritual being in the spiritual worlds, it had already been able to allow itself to be permeated by the Sun Spirit on several occasions. In preparation for the Christ event in the physical body, something similar had previously taken place in the spiritual worlds and had an impact on human development.
[ 5 ] Blicken wir auf die lemurische Zeit zurück, als der Mensch sich mit seinen Hüllen verband, und schauen wir, wie damals das Menschenwesen sich gestaltet hätte, hätten allein die Kräfte aus dem Kosmos auf den Menschen gewirkt, mit denen er damals in Verbindung stand. Es drohte in jener Zeit, daß die zwölf kosmischen Kräfte, die auf den Menschen wirken, durch dämonische Wesen in Unordnung gerieten. Dadurch hätte sich der Mensch ganz anders entwickeln müssen, als er heute geworden ist. Die Sinne des Menschen, die sich damals herausbildeten, sie wären unter der Wirkung der in Unordnung geratenwollenden Kräfte überempfindlich geworden. Die Lichtempfindung, alle Wahrnehmung vermag heute der Mensch in Gelassenheit aufzunehmen. Unter der Wirkung des luziferisch-ahrimanischen Einschlags hätte das Sinnesleben die stärksten Begierden und Impulse auslösen müssen. Hätte der Mensch zum Beispiel eine rote Farbe gesehen und so hätten vor allem die Sonnenstrahlen wirken müssen, so hätte in brennendem Schmerz die begehrende Seele fliehen müssen, und bei der Wahrnehmung von Blau hätte sie sich, in sich verzehrend, in Qual überwinden müssen. Die Seele hätte furchtbar leiden müssen bei jeder Sinnesempfindung, gejagt von tierischer Wollust und Begehren zu versengendem Schmerz und Qual.
[ 5 ] Let us look back to the Lemurian epoch, when human beings were connected to their physical bodies, and consider how human beings would have developed at that time if only the cosmic forces with which they were then connected had acted upon them. At that time, there was a danger that the twelve cosmic forces acting upon humanity would be thrown into disorder by demonic beings. As a result, humanity would have had to develop quite differently from how it has today. The human senses, which were developing at that time, would have become hypersensitive under the influence of the forces seeking to throw them into disorder. Today, humanity is able to take in the sensation of light and all perception with equanimity. Under the influence of the Luciferic-Ahrimanic impact, sensory life would have had to trigger the strongest desires and impulses. If, for example, a human being had seen the color red—and the sun’s rays would have had to act in this way above all—the desiring soul would have had to flee in burning pain, and upon perceiving blue, it would have had to overcome itself in agony, consumed from within. The soul would have had to suffer terribly with every sensory perception, driven by animal lust and desire to scorching pain and torment.
[ 6 ] Da drang der Schmerzensschrei der gequälten Menschheit hinauf zu jenem Geisteswesen. Er trieb es hin zu dem Sonnengeist, so daß es sich von dem Christus durchdringen lassen durfte. Dadurch wurde abgemildert die innerliche Stärke der Sinneswahrnehmung, dadurch schlug das Wesen die stärkste Versuchung des Luzifer und Ahriman ab. Indem es die zu starke Wirkung der Kräfte auf die Sinne milderte, gestaltete es das Wahrnehmungsleben in ein maßvolles passives um.
[ 6 ] Then the cry of pain from tormented humanity rose up to that spiritual being. It drew it toward the Sun Spirit, so that it could allow itself to be permeated by Christ. This tempered the inner intensity of sensory perception, and through this the being repelled the strongest temptation of Lucifer and Ahriman. By tempering the excessive effect of the forces on the senses, it transformed the life of perception into a moderate, passive one.
[ 7 ] Und gehen wir weiter in die atlantische Zeit herein. Eine neue Gefahr schwebte da über den Menschen: Durch den luziferischahrimanischen Einfluß waren bedroht die Lebensverrichtungen, die Lebensorgane des Menschen. Hätte zum Beispiel eine Speise vor dem Menschen gestanden, wäre tierische Gier, sie zu verschlingen, erwacht. Seine Seele wäre ganz Gier gewesen. Besonders empfindsam wäre das Atmen gewesen, das Ein- und Ausatmen. Schlechte Luft hätte den Menschen mit schauderndem Ekel erfüllt. Alles, was mit den Ernährungs- und Lebensfunktionen zusammenhing, löste eine ungeheure Aufstachelung von Sympathie und Antipathie aus, trieb die Seele von verschlingender Gier zu abstoßendem Ekel.
[ 7 ] And let us move further into the Atlantean epoch. A new danger loomed over humanity: the Luciferic-Ahrimanic influence threatened the vital functions, the life organs of human beings. If, for example, a meal had been set before a person, an animalistic greed to devour it would have been aroused. His soul would have been entirely consumed by greed. Breathing—inhaling and exhaling—would have been particularly sensitive. Bad air would have filled the human being with shuddering revulsion. Everything connected with the functions of nutrition and life triggered an immense stirring of sympathy and antipathy, driving the soul from devouring greed to repulsive revulsion.
[ 8 ] Und wiederum war es jenes Geistwesen, das diese Gefahr für den Menschen abwandte. Ein zweites Mal ließ es sich mit dem ChristusGeist durchdringen und rettete dadurch die sonst in Unordnung geratenden Lebenskräfte des Menschen.
[ 8 ] And once again, it was that spiritual being that averted this danger for humanity. A second time, it allowed itself to be permeated by the Christ Spirit, thereby saving the life forces of humanity that would otherwise have fallen into disorder.
[ 9 ] Und am Ende der atlantischen Zeit erstand eine dritte Gefahr für den Menschen durch den luziferisch-ahrimanischen Einfluß. Es drohte, daß die menschlichen Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen, in Unordnung, in Disharmonie zueinander gerieten, daß die drei Kräfte nicht mehr recht zusammenklingen konnten in der menschlichen Seele. In Leidenschaft erglüht wäre der Mensch jedem Impulse gefolgt, oder von Furcht und Haß erfüllt geflohen, ohne daß Vernunft die Kräfte hätte regeln können. Wie brachte da das Geisteswesen Hilfe? Das Geisteswesen mußte untertauchen in die von Leidenschaft erfüllte menschliche Seele, mußte selbst die Leidenschaft werden, mußte zum Drachen werden, um umzuwandeln die Seelenkräfte, und ein drittes Mal von dem Christus-Geist sich durchleuchten lassen.
[ 9 ] And at the end of the Atlantean epoch, a third danger arose for humanity due to the Luciferic-Ahrimanic influence. There was a threat that the human soul forces—thinking, feeling, and willing—would fall into disorder and disharmony with one another, that the three forces would no longer be able to resonate properly within the human soul. Consumed by passion, human beings would have followed every impulse, or, filled with fear and hatred, would have fled, without reason being able to regulate these forces. How did the spiritual being bring help? The spiritual being had to immerse itself in the human soul filled with passion, had to become the passion itself, had to become a dragon, in order to transform the soul forces, and to allow itself to be illuminated a third time by the Christ Spirit.
[ 10 ] Widergespiegelt finden wir dieses geistige Geschehnis in den Mythen aller Völker, in dem Mythos von Sankt Georg, dem Erzengel Michael, den Drachen besiegend. In den nachatlantischen Kulturen sehen wir ein Bewußtsein lebendig von den in geistigen Welten sich vollziehenden Einwirkungen des Christus auf das Menschenwerden durch jenes Geisteswesen. In dem Zarathustra-Kult tritt uns das hohe Sonnenwesen entgegen, und wie ein Abbild davon zeigt sich im griechischen Bewußtsein der Apollo-Dienst. Am kastalischen Quell ist der Tempel des Apollo, wohin wohlvorbereitet die Griechen ziehen, um sich bei Apollo Rat zu holen. Python, der über den Dämpfen ruht, die aus dem Spalt aufsteigen und den Berg Parnaß umwinden wie eine Schlange, er wird durch Apollo besiegt, und an seine Stelle tritt die Priesterin Pythia, durch deren Mund Apollo seine Weisheit den Griechen offenbart. Von Frühling bis Herbst weilt Apollo in seiner Stätte, dann zieht er nach Norden in das Land der Hyperboräer. Nach Norden muß Apollo ziehen als der Geist der Sonne, während die physische Sonne nach Süden zieht. Und verbunden finden wir mit Apollo die Musik, das Saitenspiel. Es stellt dar den Ausdruck des Zusammenstimmens der drei menschlichen Seelenkräfte. Und von einem berühmten Manne mit zu großen Ohren, dem König Midas, wird gesagt, daß Apollo ihm die Eselsohren wachsen ließ als Strafe dafür, daß Midas beim musischen Wettkampf zwischen Apollo und Marsyas gegen Apollo entschied, weil er Marsyas Flöte dem Saitenspiel Apollos vorzog.
[ 10 ] We find this spiritual event reflected in the myths of all peoples, in the myth of Saint George, the Archangel Michael, slaying the dragon. In post-Atlantean cultures, we see a consciousness alive with the spiritual influences of Christ on the becoming of humanity through that spiritual being, as they unfold in the spiritual worlds. In the Zoroastrian cult, the high solar being appears before us, and the worship of Apollo in Greek consciousness presents itself as a reflection of this. At the Castalian Spring stands the temple of Apollo, to which the Greeks journey well-prepared to seek counsel from Apollo. Python, who rests upon the vapors rising from the crevice and winding around Mount Parnassus like a serpent, is vanquished by Apollo, and in his place stands the priestess Pythia, through whose mouth Apollo reveals his wisdom to the Greeks. From spring to autumn, Apollo dwells in his sanctuary; then he journeys north to the land of the Hyperboreans. Apollo must journey north as the spirit of the sun, while the physical sun journeys south. And we find music, the playing of strings, associated with Apollo. It represents the expression of the harmony of the three human soul forces. And of a famous man with ears too large, King Midas, it is said that Apollo caused donkey ears to grow on him as punishment for Midas having ruled against Apollo in the musical contest between Apollo and Marsyas, because he preferred Marsyas’ flute to Apollo’s stringed instrument.
[ 11 ] Dreimal also, ehe das Mysterium von Golgatha eintrat, hatte von den geistigen Welten aus der Christus sich mit der Menschheit verbunden, durch dreimaliges Durchdringen jenes Geistwesens, das später der nathanische Jesusknabe war: Erstens maßvoll die Sinneserfahrung zu regeln in der lemurischen Zeit, zweitens die Lebenskräfte zu regeln im Anfang der atlantischen Zeit, drittens zu regeln die Seelenkräfte am Ende der atlantischen Zeit. Dann erst vollzog sich als viertes das Mysterium von Golgatha, um zu regeln das Ich in seinem Verhältnis zur Welt.
[ 11 ] Thus, three times before the Mystery of Golgotha took place, Christ had connected with humanity from the spiritual worlds by threefold penetration of that spiritual being who later became the boy Jesus of Nazareth: First, to regulate sensory experience in a measured way during the Lemurian epoch; second, to regulate the life forces at the beginning of the Atlantean epoch; third, to regulate the soul forces at the end of the Atlantean epoch. Only then did the Mystery of Golgotha take place as the fourth event, to regulate the ego in its relationship to the world.
[ 12 ] Vorgefühlt wurde die Gefahr für das menschliche Ich, in die es durch die Versuchungen Luzifers und Ahrimans geführt wurde, in den ägyptischen Priesterstätten in der griechisch-lateinischen Zeit. Man fühlte das Ich herannahen, und man suchte mit den Kräften, die es in Unordnung bringen wollten, zu ringen. Da sah man in den Tempeln an vielen Orten etwa folgende Zeremonien und oft sich wiederholend: Der Priester formte ein scheußliches, unförmliches Gebilde, ein Krokodil, spuckte es an, warf es zur Erde und verbrannte es. Andere Priester erzählten dem Volk: Re, die Sonnengottheit, zieht ihre Bahn am Himmelsraum von Ost nach West. Im Westen wird sie fahl, stürzt hinab, weil sie gegen dämonische Wesenheiten zu kämpfen hat.
[ 12 ] The danger to the human ego—into which it had been led by the temptations of Lucifer and Ahriman—was sensed in the Egyptian priestly sanctuaries during the Greco-Roman period. People sensed the ego approaching and sought to struggle against the forces that sought to throw it into disorder. Thus, in many places within the temples, one witnessed ceremonies such as the following, often repeated: The priest fashioned a hideous, misshapen figure—a crocodile—spat upon it, threw it to the ground, and burned it. Other priests told the people: Re, the sun god, travels his path across the sky from east to west. In the west, he grows pale and plunges downward because he must fight against demonic beings.
[ 13 ] Man fühlte die Kräfte des Ich herausdrängen. In zweifacher Form tritt es uns entgegen. Wir sehen im 7. bis 8. Jahrhundert vor Christus auftreten und durch alle südlichen europäischen Länder hindurchziehend das Sibyllentum. In ihm lebte das, was zeigte, daß das Ich sich herausbilden kann. Aber das Sibyllenwesen hing mit den elementarischen Kräften der Erde zusammen, die im Unterbewußten der Seele wirken und in leidenschaftlicher Art sich herausdrängen. Diesem Sibyllenwesen steht gegenüber die Prophetie des jüdischen Volkes. Die Propheten wollen in ihrer Seele alles Sibyllenwesen zurückdrängen und nur lauschen auf die Offenbarung, die sich den Kräften des Ich eröffnet, die bewußt sind. In sinnender Versunkenheit stellt Michelangelo die Propheten dar und ihnen gegenüber die Sibyllen mit elementarischen Kräften der Erde, mit Wind, Feuer, Luft verbunden.
[ 13 ] One could feel the forces of the ego pushing their way out. It confronts us in two forms. We see the Sibylline tradition emerge in the 7th to 8th centuries B.C. and spread throughout all the southern European countries. Within it lived that which demonstrated that the ego can develop. But the Sibylline phenomenon was connected to the elemental forces of the earth, which work in the subconscious of the soul and push their way out in a passionate manner. Opposed to this Sibylline phenomenon is the prophecy of the Jewish people. The prophets seek to repress all Sibylline elements in their souls and listen only to the revelation that opens itself to the conscious forces of the ego. Michelangelo depicts the prophets in contemplative absorption, and opposite them the Sibyls, connected to the elemental forces of the earth—wind, fire, and air.
[ 14 ] Ohne das Mysterium von Golgatha hätte das Sibyllenelement über die bewußten Ich-Kräfte gesiegt, hätte die Ich-Kräfte zurückgedrängt. Das Ich wäre der Menschheitsentwickelung verlorengegangen. Als Kraft sehen wir den Christus-Impuls in dem Menschheitsgang wirken, auch ohne daß das menschliche Bewußtsein ihn aufgenommen hat, als Kraft, die die Kulturen gestaltet, die die Geschichte der europäischen Völker gestaltet, die die Gestaltung Europas bestimmt. Am 28.Oktober des Jahres 312 ist die Besiegung des Maxentius durch Konstantin. Maxentius befrägt die Sibyllen und ihm wird die Antwort: Ziehst du mit deinem Heere hinaus vor die Tore Roms, wirst du Roms größten Feind besiegen. — Maxentius hat darauffolgend einen Traum, und dem Sibyllenspruch und Traum folgt er. Er zieht vor Rom hinaus, entgegen aller Vernunft, dem Rat und aller Pläne seiner Feldherren. Auch Konstantin träumt: Er sieht, wie er, das Banner Christi vor sich tragend, über den viermal stärkeren Gegner siegt. Entgegen aller menschlichen Vernunft kommt es zum Kampf, und Konstantin siegt, das Kreuz vor seinem Heere tragend.
[ 14 ] Without the Mystery of Golgotha, the Sibylline element would have triumphed over the conscious ego forces and pushed them back. The ego would have been lost to human development. We see the Christ impulse at work in the course of human history as a force—even without human consciousness having taken it in—as a force that shapes cultures, that shapes the history of the European peoples, that determines the shaping of Europe. On October 28 of the year 312, Maxentius was defeated by Constantine. Maxentius consults the Sibyls and receives the answer: If you march out with your army before the gates of Rome, you will defeat Rome’s greatest enemy. — Maxentius subsequently has a dream, and he follows the Sibyl’s prophecy and his dream. He marches out before Rome, against all reason, the advice, and all the plans of his generals. Constantine also has a dream: He sees himself, carrying the banner of Christ before him, defeating an enemy four times his strength. Against all human reason, battle ensues, and Constantine is victorious, carrying the cross before his army.
[ 15 ] Wir können den geschichtlichen Gang der Menschheit vor uns stellen von 800 vor Christi bis in unsere Zeit herein. In den Jahrhunderten vor Christi sehen wir die tiefe griechische Weisheit bis zu ihrem höchsten Punkte emporkommen. In ihr zehrt die Menschheit die letzten vererbten Götterkräfte auf. Da tritt im Punkt Null das Mysterium von Golgatha ein und es wirkt in die Menschheit herein. Die anregenden Kräfte des Christus-Impulses wirkten in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha in verschiedener Art ein, gingen von verschiedenen Plänen der geistigen Welten aus.
[ 15 ] We can trace the course of human history from 800 B.C. to the present day. In the centuries before Christ, we see profound Greek wisdom rising to its zenith. In it, humanity draws upon the last of the inherited divine powers. Then, at the zero point, the Mystery of Golgotha enters and begins to work within humanity. The inspiring forces of the Christ impulse worked in various ways in the time following the Mystery of Golgotha, emanating from different planes of the spiritual worlds.
| I | II | III | IV | |
|---|---|---|---|---|
| 0–800 | Höhere Geistwelt | |||
| 800–1600 | Niedere Geistwelt | |||
| 1600–2400 | Seelische Welt | |||
| 2400– | Physische Welt |
| I | II | III | IV | |
|---|---|---|---|---|
| 0–800 | Higher Spirit World | |||
| 800–1600 | Lower Spirit World | |||
| 1600–2400 | Soul World | |||
| 2400– | Physical World |
[ 16 ] Einteilend können wir zuerst die Zeit der ersten acht Jahrhunderte nach Christus erfassen. Wir sahen, wie da die menschliche Vernunft gegenüber dem Christus-Impuls versagt (Gnosis), wie dieser aber als Tatsache wirksam ist im Menschengeschehen (Maxentius und Konstantin). In den ersten acht Jahrhunderten wirkte die Kraft aus den höchsten geistigen Welten herein, aus dem oberen Devachan. Einen Übergang, Ausklang dieser Periode sehen wir in dem Werk des Scotus Erigena um 850. In seinem Gedankensystem wirkt noch der ChristusImpuls wie eine Kraftwelle aus der höchsten geistigen Welt in die physische herein.
[ 16 ] To begin with, we can consider the period of the first eight centuries after Christ. We saw how human reason fails in the face of the Christ impulse (Gnosis), yet how this impulse is at work as a reality in human history (Maxentius and Constantine). During the first eight centuries, the force from the highest spiritual worlds, from the upper Devachan, was at work. We see a transition and culmination of this period in the work of Scotus Erigena around 850. In his system of thought, the Christ impulse still acts like a wave of force from the highest spiritual world into the physical world.
[ 17 ] Dann, von 800 bis 1600, wirkt der Impuls vom niederen Devachan aus in die physische Welt. Die Menschen suchen in Vorstellungen, in vielerlei Formen ihren Seelen den Christus-Impuls nahezubringen. Aber der Gedanke erweist sich als ungeschickt, die Bemühungen als unfruchtbar. Weder die Kreuzzüge noch die Versuche der Gottesbeweise können eine innerlich lebendige Verbindung herstellen.
[ 17 ] Then, from 800 to 1600, the impulse from the lower Devachan works its way into the physical world. People seek, through various mental images, to bring the Christ impulse closer to their souls. But thought proves to be clumsy, and their efforts fruitless. Neither the Crusades nor attempts to prove the existence of God can establish a living inner connection.
[ 18 ] Am Übergang zur nächsten Epoche steht die Jungfrau von Orleans. Ihrem seelischen Erleben wurden aus geistigen Welten die Impulse des Christus geoffenbart, in deren Namen sie in die Gestaltung der Menschheitsgeschichte eingreift.
[ 18 ] The Virgin of Orleans stands at the threshold of the next epoch. The impulses of the Christ were revealed to her in her inner life from the spiritual worlds, and it is in His name that she intervenes in the shaping of human history.
[ 19 ] Die unmittelbar aus hohen Geistesreichen sich im Menschen geltend machende Kraft geht immer mehr verloren. Die Kräfte werden immer schwächer, der Impuls wirkt von 1600 an bis in unsere Zeit herein nur mehr noch aus der Astralwelt, der Seelenwelt. Daher wird die Theologie immer gelehrter, immer abstrakter. An Stelle des kosmischen Gotteswesens, des Christus, setzt sie den «schlichten Mann aus Nazareth». Doch wäre unsere Zeit noch viel weiter im Materialismus vorgeschritten, noch viel stärker vom antichristlichen Moment durchdrungen, hätten sich nicht die aus der Astralwelt hereinwirkenden Kräfte des Christus in besonderer Weise noch geltend gemacht: Im 15. und 16. Jahrhundert tauchten überall merkwürdige Erzählungen auf, die sich durch das ganze europäische Abendland verbreiteten. Es traten an den verschiedensten Orten, in allen Ländern Europas Männer auf, die Füße voller Schwielen, in armseliger Kleidung, langwallenden Haaren, und erzählten, daß sie dabeigewesen waren bei dem Mysterium von Golgatha, den Christus auf der Erde hatten wandeln sehen, aber als er an ihrem Hause vorüberging, hatten sie ihm nicht Ehrfurcht erwiesen, hatten ihn beleidigt. Daher müssen sie seit jener Zeit unaufhörlich umhetziehen, ohne Rast und Ruhe, und erzählen, als Buße, was sie einst erlebt. (Ewiger Jude.) Sie erzählten das alles wie aus der Erinnerung. Sie wurden überall aufgenommen, von Bischöfen und Prälaten empfangen. In ihnen lebte sich ein Einblick in die Akasha-Chronik aus, und diese Menschen konnten nicht anders, als durch ihr ganzes Leben so auftreten und für das Christus-Ereignis zeugen. Ihr übriges Bewußtsein war getrübt, aber durch die Impulse aus der astralen Welt konnten sie zu dieser Schau gelangen. Dadurch wurden die Menschen gerettet vor dem Umsichgreifen des Antichristentums, gerettet vor dem ärgsten Materialismus.
[ 19 ] The power that once manifested itself directly in human beings from the higher spiritual realms is increasingly being lost. These forces are growing ever weaker; since 1600, their influence has been felt only from the astral world, the world of souls. Consequently, theology is becoming ever more scholarly and abstract. In place of the cosmic divine being, Christ, it sets the “simple man from Nazareth.” Yet if our age had advanced even further into materialism, had been even more deeply permeated by the anti-Christian element, the forces of Christ working in from the astral world would not have made themselves felt in a special way: In the 15th and 16th centuries, strange tales began to appear everywhere, spreading throughout the entire European West. In the most diverse places, in all the countries of Europe, men appeared, their feet covered in calluses, in ragged clothing, with long, flowing hair, and told that they had been present at the Mystery of Golgotha, had seen Christ walking on earth, but when he passed by their house, they had not shown him reverence; they had insulted him. Therefore, since that time, they have had to wander ceaselessly, without rest or respite, and recount, as penance, what they once experienced. (The Eternal Jew.) They recounted all this as if from memory. They were welcomed everywhere, received by bishops and prelates. In them, an insight into the Akashic Records was realized, and these people could do nothing else but live their entire lives in this manner and bear witness to the Christ event. The rest of their consciousness was clouded, but through the impulses from the astral world they were able to attain this vision. Through this, people were saved from the spread of anti-Christianity, saved from the worst materialism.
[ 20 ] Dann wird von 2400 ab die Epoche kommen, wo die Kräfte zum Christus-Verständnis von der Erde allein ausgehen, wo der Christus vom physischen Plane aus auf die Menschen wirkt. In unsere Zeit aber greifen die Vorboten dessen herein, was nach 2400 wesentlich sein wird: Der Christus wird sich auf dem physischen Plane in äthetischer Gestalt offenbaren. So sehen wir von achthundert zu achthundert Jahren Geschichte sich abwickeln im Zusammenhang mit Impulsen aus den geistigen Welten. In meinem Buche «Welt- und Lebensanschauungen des 19. Jahrhunderts», so wie es in der Neuausarbeitung erweitert ist als «Die Rätsel der Philosophie», wird man die Entwickelung des menschlichen Bewußtseins in demselben periodischen Schreiten verfolgen können.
[ 20 ] Then, starting in 2400, the epoch will dawn in which the forces for understanding Christ will emanate from the Earth alone, and Christ will work upon humanity from the physical plane. But in our time, the harbingers of what will be essential after 2400 are already making their presence felt: Christ will reveal himself on the physical plane in an aesthetic form. Thus we see history unfolding in cycles of eight hundred years in connection with impulses from the spiritual worlds. In my book Worldviews and Life-Views of the 19th Century, as expanded in the new edition titled The Riddles of Philosophy, one will be able to trace the development of human consciousness in this same periodic progression.
[ 21 ] Die Geschichte des menschlichen Gedankenlebens zeigt uns, wenn die zum künftigen Christus-Verständnis notwendigen Kräfte da sein sollen, daß der Gedanke selbst eine andere Form annehmen muß, die Denktätigkeit eine Umwandlung erfahren muß. Heute sehen wir das Gedankenleben zwischen zwei Anschauungen hineingestellt, und der Mensch leidet unter diesem «Dazwischengequetschtsein» und kann den Übergang von einer zur anderen Ansicht nicht finden. Auf der einen Seite steht Haeckel, der allein die äußere Wahrnehmung gelten lassend, ein Wirklichkeits-Weltenbild erstellt hat, das aber die Wirklichkeit des Gedankens nicht anerkennen kann. Und auf der andern Seite steht F7ege/, der, ausgehend von dem Gedanken als geistige Realität — das Weben und Leben des Gedankens in der Wahrheit ist der wirkende Geist — ein Gedanken-Weltenbild aufbaut, das aber seine Zeit nicht als Wirklichkeit anerkennen kann. Was der Gedanke nötig hat, ist, ihn lebendige Wirklichkeit werden zu lassen.
[ 21 ] The history of human thought shows us that, if the powers necessary for a future understanding of Christ are to be present, thought itself must take on a different form, and the act of thinking must undergo a transformation. Today we see the life of thought caught between two perspectives, and humanity suffers from this “being squeezed in between” and cannot find the transition from one view to the other. On one side stands Haeckel, who, relying solely on external perception, has constructed a worldview of reality that cannot, however, acknowledge the reality of thought. And on the other side stands F7ege/, who, starting from the thought as spiritual reality—the weaving and life of thought in truth is the active spirit—constructs a worldview of thought, which, however, cannot acknowledge its time as reality. What thought needs is to be allowed to become living reality.
[ 22 ] Es gilt, die Gedanken lebendig zu gestalten, gleich einem Pflanzensamen. Samenkörner können ausgesät, geerntet und dann zur Nahrung verwendet werden. Dadurch kommen sie von ihrem eigentlichen Wege ab, der aus dem Samenkorn neue Pflanzen sprießen ließe. So hat der Mensch die Gedankensamen gesammelt in die Scheunen der Naturwissenschaft und Philosophie, sie angehäuft und sie vertrocknen lassen. Der Pflanzensamen muß, seinem Wesen nach, in die ihn belebende Umwelt versenkt werden, soll er zu neuem Sprießen kommen. So gilt es, die Gedankensamen Hegels hineinzuversenken in den Boden der Geisteswissenschaft, dort können sie zu fruchttragendem Leben emporwachsen, zu den Geistfähigkeiten der Imagination, Inspiration und Intuition. An Stelle des kategorischen Imperativs wird das Ich aus der Kraft des erwachten Denkens die «moralische Phantasie» betätigen. Dann aber wird auch möglich sein, aus den Erdenkräften heraus den kommenden Christus-Impuls zu verstehen. Das ist der Zusammenhang zwischen der Welt des Gedankens in der «Philosophie der Freiheit» und den in unserer Seele aufgehenden höheren Erkenntniskräften, durch die Wege, die die Geisteswissenschaft weist.
[ 22 ] Thoughts must be brought to life, just like a plant seed. Seeds can be sown, harvested, and then used for food. In doing so, they stray from their true path, which would allow new plants to sprout from the seed. In the same way, humanity has gathered the seeds of thought into the barns of natural science and philosophy, piled them up, and allowed them to wither. By its very nature, the plant seed must be planted in the environment that gives it life if it is to sprout anew. Thus, Hegel’s seeds of thought must be planted in the soil of Spiritual Science, where they can grow into fruitful life, into the spiritual faculties of imagination, inspiration, and intuition. In place of the categorical imperative, the “moral imagination” will be activated by the ego through the power of awakened thinking. Then, however, it will also be possible to understand the coming Christ impulse from within the forces of the earth. This is the connection between the world of thought in the “Philosophy of Freedom” and the higher powers of knowledge arising in our soul, through the paths shown by Spiritual Science.
[ 23 ] Im Zusammenklang mit dem kommenden Christus-Ereignis mußte ich so heute zu Ihnen von der Verlebendigung des Denkens zu künftiger Geist-Erkenntnis sprechen.
[ 23 ] In harmony with the coming Christ event, I felt compelled today to speak to you about the revitalization of thought leading to future spiritual insight.
