Vorstufen zum Mysterium von Golgatha
GA 152
5 März 1914, Stuttgart
6. Die Drei geistigen Vorstufen des Mysteriums von Golgatha
[ 1 ] Anknüpfend an die Betrachtungen des Fünften Evangeliums wollen wit uns heute vor die Seele führen die Wirksamkeit des ChristusGeistes auf die Menschenentwickelung, wie sie sich in den geistigen Welten vollzog vor dem Mysterium von Golgatha.
[ 2 ] Wir müssen uns dabei erinnern an die Tatsache der zwei Jesusknaben: den salomonischen, in dem das Zarathustra-Ich lebte, und den nathanischen Jesusknaben. Wir müssen hinschauen auf den nathanischen Jesusknaben und uns jetzt fragen: Was für eine Wesenheit war dieser Knabe, in den später das Ich des Zarathustra einzog?
[ 3 ] Um diese Wesenheit zu verstehen, müssen wir weit zurückgehen in der Entwickelung der Erde und der Menschen. Diese Wesenheit, die in dem nathanischen Jesusknaben wirkte, war zum ersten Male in eine physische Verkörperung getreten in dem Jesus von Bethlehem. Vorher hatte sie von der geistigen Welt aus Anteil genommen an der Menschheitsentwickelung, nie aber in einem physischen Menschenleib gelebt. Sie hatte mitgelebt die Zeiten, als die Menschenhüllen geschaffen wurden, mitgelebt die Saturnzeit, in der der Keim zum physischen Leib veranlagt wurde, die Sonnen- und Mondenzeit, wo Äther- und Astralleib sich bildeten, mitgelebt auch die die großen Zeitperioden wiederholenden kleineren Etappen. Als aber das Menschen-Ich in der lemurischen Zeit herabstieg in die drei Hüllen, da war dieses Wesen gleichsam als ein Teil des göttlichen Menschenseins zurückgeblieben in den geistigen Welten und hatte nicht mitgemacht die Entwickelung des Ich in den drei Hüllen und seine Verführung durch den luziferisch-ahrimanischen Einschlag. Dieser sich in den geistigen Welten zurückhaltende Teil des göttlichen Menschenwesens, dieses Geisteswesen ist zum ersten Male in einen physischen Leib herabgestiegen als nathanischer Jesusknabe, um als solcher sich von dem Christus durchleuchten zu lassen. Die Johannestaufe stellt dar die Durchdringung des Jesus von dem Christus-Geist.
[ 4 ] Da war es aber nicht das erste Mal, daß es sich von dem Christus hat durchdringen lassen dürfen. Während es als Geistwesen in den geistigen Welten lebte, hatte es schon vermocht, sich wiederholt von dem Sonnengeist durchdringen zu lassen. Vorbereitend das ChristusEreignis im physischen Leib, hatte sich vorher Ähnliches vollzogen in geistigen Welten und hereingewirkt auf die Menschenentwickelung.
[ 5 ] Blicken wir auf die lemurische Zeit zurück, als der Mensch sich mit seinen Hüllen verband, und schauen wir, wie damals das Menschenwesen sich gestaltet hätte, hätten allein die Kräfte aus dem Kosmos auf den Menschen gewirkt, mit denen er damals in Verbindung stand. Es drohte in jener Zeit, daß die zwölf kosmischen Kräfte, die auf den Menschen wirken, durch dämonische Wesen in Unordnung gerieten. Dadurch hätte sich der Mensch ganz anders entwickeln müssen, als er heute geworden ist. Die Sinne des Menschen, die sich damals herausbildeten, sie wären unter der Wirkung der in Unordnung geratenwollenden Kräfte überempfindlich geworden. Die Lichtempfindung, alle Wahrnehmung vermag heute der Mensch in Gelassenheit aufzunehmen. Unter der Wirkung des luziferisch-ahrimanischen Einschlags hätte das Sinnesleben die stärksten Begierden und Impulse auslösen müssen. Hätte der Mensch zum Beispiel eine rote Farbe gesehen und so hätten vor allem die Sonnenstrahlen wirken müssen, so hätte in brennendem Schmerz die begehrende Seele fliehen müssen, und bei der Wahrnehmung von Blau hätte sie sich, in sich verzehrend, in Qual überwinden müssen. Die Seele hätte furchtbar leiden müssen bei jeder Sinnesempfindung, gejagt von tierischer Wollust und Begehren zu versengendem Schmerz und Qual.
[ 6 ] Da drang der Schmerzensschrei der gequälten Menschheit hinauf zu jenem Geisteswesen. Er trieb es hin zu dem Sonnengeist, so daß es sich von dem Christus durchdringen lassen durfte. Dadurch wurde abgemildert die innerliche Stärke der Sinneswahrnehmung, dadurch schlug das Wesen die stärkste Versuchung des Luzifer und Ahriman ab. Indem es die zu starke Wirkung der Kräfte auf die Sinne milderte, gestaltete es das Wahrnehmungsleben in ein maßvolles passives um.
[ 7 ] Und gehen wir weiter in die atlantische Zeit herein. Eine neue Gefahr schwebte da über den Menschen: Durch den luziferischahrimanischen Einfluß waren bedroht die Lebensverrichtungen, die Lebensorgane des Menschen. Hätte zum Beispiel eine Speise vor dem Menschen gestanden, wäre tierische Gier, sie zu verschlingen, erwacht. Seine Seele wäre ganz Gier gewesen. Besonders empfindsam wäre das Atmen gewesen, das Ein- und Ausatmen. Schlechte Luft hätte den Menschen mit schauderndem Ekel erfüllt. Alles, was mit den Ernährungs- und Lebensfunktionen zusammenhing, löste eine ungeheure Aufstachelung von Sympathie und Antipathie aus, trieb die Seele von verschlingender Gier zu abstoßendem Ekel.
[ 8 ] Und wiederum war es jenes Geistwesen, das diese Gefahr für den Menschen abwandte. Ein zweites Mal ließ es sich mit dem ChristusGeist durchdringen und rettete dadurch die sonst in Unordnung geratenden Lebenskräfte des Menschen.
[ 9 ] Und am Ende der atlantischen Zeit erstand eine dritte Gefahr für den Menschen durch den luziferisch-ahrimanischen Einfluß. Es drohte, daß die menschlichen Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen, in Unordnung, in Disharmonie zueinander gerieten, daß die drei Kräfte nicht mehr recht zusammenklingen konnten in der menschlichen Seele. In Leidenschaft erglüht wäre der Mensch jedem Impulse gefolgt, oder von Furcht und Haß erfüllt geflohen, ohne daß Vernunft die Kräfte hätte regeln können. Wie brachte da das Geisteswesen Hilfe? Das Geisteswesen mußte untertauchen in die von Leidenschaft erfüllte menschliche Seele, mußte selbst die Leidenschaft werden, mußte zum Drachen werden, um umzuwandeln die Seelenkräfte, und ein drittes Mal von dem Christus-Geist sich durchleuchten lassen.
[ 10 ] Widergespiegelt finden wir dieses geistige Geschehnis in den Mythen aller Völker, in dem Mythos von Sankt Georg, dem Erzengel Michael, den Drachen besiegend. In den nachatlantischen Kulturen sehen wir ein Bewußtsein lebendig von den in geistigen Welten sich vollziehenden Einwirkungen des Christus auf das Menschenwerden durch jenes Geisteswesen. In dem Zarathustra-Kult tritt uns das hohe Sonnenwesen entgegen, und wie ein Abbild davon zeigt sich im griechischen Bewußtsein der Apollo-Dienst. Am kastalischen Quell ist der Tempel des Apollo, wohin wohlvorbereitet die Griechen ziehen, um sich bei Apollo Rat zu holen. Python, der über den Dämpfen ruht, die aus dem Spalt aufsteigen und den Berg Parnaß umwinden wie eine Schlange, er wird durch Apollo besiegt, und an seine Stelle tritt die Priesterin Pythia, durch deren Mund Apollo seine Weisheit den Griechen offenbart. Von Frühling bis Herbst weilt Apollo in seiner Stätte, dann zieht er nach Norden in das Land der Hyperboräer. Nach Norden muß Apollo ziehen als der Geist der Sonne, während die physische Sonne nach Süden zieht. Und verbunden finden wir mit Apollo die Musik, das Saitenspiel. Es stellt dar den Ausdruck des Zusammenstimmens der drei menschlichen Seelenkräfte. Und von einem berühmten Manne mit zu großen Ohren, dem König Midas, wird gesagt, daß Apollo ihm die Eselsohren wachsen ließ als Strafe dafür, daß Midas beim musischen Wettkampf zwischen Apollo und Marsyas gegen Apollo entschied, weil er Marsyas Flöte dem Saitenspiel Apollos vorzog.
[ 11 ] Dreimal also, ehe das Mysterium von Golgatha eintrat, hatte von den geistigen Welten aus der Christus sich mit der Menschheit verbunden, durch dreimaliges Durchdringen jenes Geistwesens, das später der nathanische Jesusknabe war: Erstens maßvoll die Sinneserfahrung zu regeln in der lemurischen Zeit, zweitens die Lebenskräfte zu regeln im Anfang der atlantischen Zeit, drittens zu regeln die Seelenkräfte am Ende der atlantischen Zeit. Dann erst vollzog sich als viertes das Mysterium von Golgatha, um zu regeln das Ich in seinem Verhältnis zur Welt.
[ 12 ] Vorgefühlt wurde die Gefahr für das menschliche Ich, in die es durch die Versuchungen Luzifers und Ahrimans geführt wurde, in den ägyptischen Priesterstätten in der griechisch-lateinischen Zeit. Man fühlte das Ich herannahen, und man suchte mit den Kräften, die es in Unordnung bringen wollten, zu ringen. Da sah man in den Tempeln an vielen Orten etwa folgende Zeremonien und oft sich wiederholend: Der Priester formte ein scheußliches, unförmliches Gebilde, ein Krokodil, spuckte es an, warf es zur Erde und verbrannte es. Andere Priester erzählten dem Volk: Re, die Sonnengottheit, zieht ihre Bahn am Himmelsraum von Ost nach West. Im Westen wird sie fahl, stürzt hinab, weil sie gegen dämonische Wesenheiten zu kämpfen hat.
[ 13 ] Man fühlte die Kräfte des Ich herausdrängen. In zweifacher Form tritt es uns entgegen. Wir sehen im 7. bis 8. Jahrhundert vor Christus auftreten und durch alle südlichen europäischen Länder hindurchziehend das Sibyllentum. In ihm lebte das, was zeigte, daß das Ich sich herausbilden kann. Aber das Sibyllenwesen hing mit den elementarischen Kräften der Erde zusammen, die im Unterbewußten der Seele wirken und in leidenschaftlicher Art sich herausdrängen. Diesem Sibyllenwesen steht gegenüber die Prophetie des jüdischen Volkes. Die Propheten wollen in ihrer Seele alles Sibyllenwesen zurückdrängen und nur lauschen auf die Offenbarung, die sich den Kräften des Ich eröffnet, die bewußt sind. In sinnender Versunkenheit stellt Michelangelo die Propheten dar und ihnen gegenüber die Sibyllen mit elementarischen Kräften der Erde, mit Wind, Feuer, Luft verbunden.
[ 14 ] Ohne das Mysterium von Golgatha hätte das Sibyllenelement über die bewußten Ich-Kräfte gesiegt, hätte die Ich-Kräfte zurückgedrängt. Das Ich wäre der Menschheitsentwickelung verlorengegangen. Als Kraft sehen wir den Christus-Impuls in dem Menschheitsgang wirken, auch ohne daß das menschliche Bewußtsein ihn aufgenommen hat, als Kraft, die die Kulturen gestaltet, die die Geschichte der europäischen Völker gestaltet, die die Gestaltung Europas bestimmt. Am 28.Oktober des Jahres 312 ist die Besiegung des Maxentius durch Konstantin. Maxentius befrägt die Sibyllen und ihm wird die Antwort: Ziehst du mit deinem Heere hinaus vor die Tore Roms, wirst du Roms größten Feind besiegen. — Maxentius hat darauffolgend einen Traum, und dem Sibyllenspruch und Traum folgt er. Er zieht vor Rom hinaus, entgegen aller Vernunft, dem Rat und aller Pläne seiner Feldherren. Auch Konstantin träumt: Er sieht, wie er, das Banner Christi vor sich tragend, über den viermal stärkeren Gegner siegt. Entgegen aller menschlichen Vernunft kommt es zum Kampf, und Konstantin siegt, das Kreuz vor seinem Heere tragend.
[ 15 ] Wir können den geschichtlichen Gang der Menschheit vor uns stellen von 800 vor Christi bis in unsere Zeit herein. In den Jahrhunderten vor Christi sehen wir die tiefe griechische Weisheit bis zu ihrem höchsten Punkte emporkommen. In ihr zehrt die Menschheit die letzten vererbten Götterkräfte auf. Da tritt im Punkt Null das Mysterium von Golgatha ein und es wirkt in die Menschheit herein. Die anregenden Kräfte des Christus-Impulses wirkten in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha in verschiedener Art ein, gingen von verschiedenen Plänen der geistigen Welten aus.
| I | II | III | IV | |
|---|---|---|---|---|
| 0–800 | Höhere Geistwelt | |||
| 800–1600 | Niedere Geistwelt | |||
| 1600–2400 | Seelische Welt | |||
| 2400– | Physische Welt |
[ 16 ] Einteilend können wir zuerst die Zeit der ersten acht Jahrhunderte nach Christus erfassen. Wir sahen, wie da die menschliche Vernunft gegenüber dem Christus-Impuls versagt (Gnosis), wie dieser aber als Tatsache wirksam ist im Menschengeschehen (Maxentius und Konstantin). In den ersten acht Jahrhunderten wirkte die Kraft aus den höchsten geistigen Welten herein, aus dem oberen Devachan. Einen Übergang, Ausklang dieser Periode sehen wir in dem Werk des Scotus Erigena um 850. In seinem Gedankensystem wirkt noch der ChristusImpuls wie eine Kraftwelle aus der höchsten geistigen Welt in die physische herein.
[ 17 ] Dann, von 800 bis 1600, wirkt der Impuls vom niederen Devachan aus in die physische Welt. Die Menschen suchen in Vorstellungen, in vielerlei Formen ihren Seelen den Christus-Impuls nahezubringen. Aber der Gedanke erweist sich als ungeschickt, die Bemühungen als unfruchtbar. Weder die Kreuzzüge noch die Versuche der Gottesbeweise können eine innerlich lebendige Verbindung herstellen.
[ 18 ] Am Übergang zur nächsten Epoche steht die Jungfrau von Orleans. Ihrem seelischen Erleben wurden aus geistigen Welten die Impulse des Christus geoffenbart, in deren Namen sie in die Gestaltung der Menschheitsgeschichte eingreift.
[ 19 ] Die unmittelbar aus hohen Geistesreichen sich im Menschen geltend machende Kraft geht immer mehr verloren. Die Kräfte werden immer schwächer, der Impuls wirkt von 1600 an bis in unsere Zeit herein nur mehr noch aus der Astralwelt, der Seelenwelt. Daher wird die Theologie immer gelehrter, immer abstrakter. An Stelle des kosmischen Gotteswesens, des Christus, setzt sie den «schlichten Mann aus Nazareth». Doch wäre unsere Zeit noch viel weiter im Materialismus vorgeschritten, noch viel stärker vom antichristlichen Moment durchdrungen, hätten sich nicht die aus der Astralwelt hereinwirkenden Kräfte des Christus in besonderer Weise noch geltend gemacht: Im 15. und 16. Jahrhundert tauchten überall merkwürdige Erzählungen auf, die sich durch das ganze europäische Abendland verbreiteten. Es traten an den verschiedensten Orten, in allen Ländern Europas Männer auf, die Füße voller Schwielen, in armseliger Kleidung, langwallenden Haaren, und erzählten, daß sie dabeigewesen waren bei dem Mysterium von Golgatha, den Christus auf der Erde hatten wandeln sehen, aber als er an ihrem Hause vorüberging, hatten sie ihm nicht Ehrfurcht erwiesen, hatten ihn beleidigt. Daher müssen sie seit jener Zeit unaufhörlich umhetziehen, ohne Rast und Ruhe, und erzählen, als Buße, was sie einst erlebt. (Ewiger Jude.) Sie erzählten das alles wie aus der Erinnerung. Sie wurden überall aufgenommen, von Bischöfen und Prälaten empfangen. In ihnen lebte sich ein Einblick in die Akasha-Chronik aus, und diese Menschen konnten nicht anders, als durch ihr ganzes Leben so auftreten und für das Christus-Ereignis zeugen. Ihr übriges Bewußtsein war getrübt, aber durch die Impulse aus der astralen Welt konnten sie zu dieser Schau gelangen. Dadurch wurden die Menschen gerettet vor dem Umsichgreifen des Antichristentums, gerettet vor dem ärgsten Materialismus.
[ 20 ] Dann wird von 2400 ab die Epoche kommen, wo die Kräfte zum Christus-Verständnis von der Erde allein ausgehen, wo der Christus vom physischen Plane aus auf die Menschen wirkt. In unsere Zeit aber greifen die Vorboten dessen herein, was nach 2400 wesentlich sein wird: Der Christus wird sich auf dem physischen Plane in äthetischer Gestalt offenbaren. So sehen wir von achthundert zu achthundert Jahren Geschichte sich abwickeln im Zusammenhang mit Impulsen aus den geistigen Welten. In meinem Buche «Welt- und Lebensanschauungen des 19. Jahrhunderts», so wie es in der Neuausarbeitung erweitert ist als «Die Rätsel der Philosophie», wird man die Entwickelung des menschlichen Bewußtseins in demselben periodischen Schreiten verfolgen können.
[ 21 ] Die Geschichte des menschlichen Gedankenlebens zeigt uns, wenn die zum künftigen Christus-Verständnis notwendigen Kräfte da sein sollen, daß der Gedanke selbst eine andere Form annehmen muß, die Denktätigkeit eine Umwandlung erfahren muß. Heute sehen wir das Gedankenleben zwischen zwei Anschauungen hineingestellt, und der Mensch leidet unter diesem «Dazwischengequetschtsein» und kann den Übergang von einer zur anderen Ansicht nicht finden. Auf der einen Seite steht Haeckel, der allein die äußere Wahrnehmung gelten lassend, ein Wirklichkeits-Weltenbild erstellt hat, das aber die Wirklichkeit des Gedankens nicht anerkennen kann. Und auf der andern Seite steht F7ege/, der, ausgehend von dem Gedanken als geistige Realität — das Weben und Leben des Gedankens in der Wahrheit ist der wirkende Geist — ein Gedanken-Weltenbild aufbaut, das aber seine Zeit nicht als Wirklichkeit anerkennen kann. Was der Gedanke nötig hat, ist, ihn lebendige Wirklichkeit werden zu lassen.
[ 22 ] Es gilt, die Gedanken lebendig zu gestalten, gleich einem Pflanzensamen. Samenkörner können ausgesät, geerntet und dann zur Nahrung verwendet werden. Dadurch kommen sie von ihrem eigentlichen Wege ab, der aus dem Samenkorn neue Pflanzen sprießen ließe. So hat der Mensch die Gedankensamen gesammelt in die Scheunen der Naturwissenschaft und Philosophie, sie angehäuft und sie vertrocknen lassen. Der Pflanzensamen muß, seinem Wesen nach, in die ihn belebende Umwelt versenkt werden, soll er zu neuem Sprießen kommen. So gilt es, die Gedankensamen Hegels hineinzuversenken in den Boden der Geisteswissenschaft, dort können sie zu fruchttragendem Leben emporwachsen, zu den Geistfähigkeiten der Imagination, Inspiration und Intuition. An Stelle des kategorischen Imperativs wird das Ich aus der Kraft des erwachten Denkens die «moralische Phantasie» betätigen. Dann aber wird auch möglich sein, aus den Erdenkräften heraus den kommenden Christus-Impuls zu verstehen. Das ist der Zusammenhang zwischen der Welt des Gedankens in der «Philosophie der Freiheit» und den in unserer Seele aufgehenden höheren Erkenntniskräften, durch die Wege, die die Geisteswissenschaft weist.
[ 23 ] Im Zusammenklang mit dem kommenden Christus-Ereignis mußte ich so heute zu Ihnen von der Verlebendigung des Denkens zu künftiger Geist-Erkenntnis sprechen.
