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Vorstufen zum Mysterium von Golgatha
GA 152

14 Oktober 1913, Copenhagen

5. Der Weg des Christus durch die Jahrhunderte

[ 1 ] Den Vortrag des heutigen Abends möchte ich in einer aphoristischen Weise halten. Ich möchte etwas vorbringen, was mir gerade in der Gegenwart vor unseren Freunden zu besprechen wichtig scheint.

[ 2 ] Wir haben ja oftmals die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen an den Christus-Impuls angeknüpft, an denjenigen Impuls, der durch die Menschheitsevolution geht, seitdem das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat. Und an den Christus-Impuls und seine Bedeutung für die Menschheitsentwickelung möchte ich heute abend die Betrachtung für Sie anknüpfen. Dabei wollen wir sogleich das eine betonen, daß eine Schwierigkeit ja vorliegen muß, auch bis in die Gegenwart herein, diesen Christus-Impuls in der richtigen Weise zu betrachten, und zwar aus dem Grunde, weil man den Christus-Impuls eigentlich nur dann einigermaßen betrachten kann, wenn man von den verschiedenen, bis in unsere Zeit herein sich entwickelnden christlichen Konfessionen, von den Lehren über den Christus absieht, auf diese möglichst wenig Rücksicht nimmt. Vielleicht werden Sie sagen: Ja, wie kann man denn überhaupt den Christus-Impuls betrachten, wenn man die Lehren über den Christus ganz außer acht lassen will? Lernen wir denn die Wirkungen des Christus-Impulses durch irgend etwas anderes kennen als durch die Bekenntnisse der Jahrhunderte? Da muß man antworten: Ein jeder wird zugeben, daß es mißlich sein würde, wenn man warten müßte auf die Wirkungen der Sonne auf die einzelnen Menschen auf Erden, bis eine allgemein anerkannte Lehre über die Sonne sich verbreitet hat. Die Sonne wirkt, gleichgültig welche Hypothesen die Menschen auf Erden über die Sonne aufstellen. Auch betont die Wissenschaft immer, daß sie noch nicht wisse, was Elektrizität eigentlich sei; trotzdem wenden die Menschen die Elektrizität an. So kann man ganz gewiß von einer Wirkung des Christus-Impulses sprechen, ohne zu glauben, daß irgend etwas in der Betrachtung des Christus-Impulses davon abhänge, was man in den verschiedenen Jahrhunderten über den Christus gedacht hat. Das hängt wieder mit etwas anderem zusammen.

[ 3 ] Das Mysterium von Golgatha, das Eintreten des Christus-Impulses in unsere Erdensphäre, hat sich ja zu einer bestimmten Zeit vollzogen und der Zeitpunkt ist wenigstens annähernd genau bestimmt, denn wir rechnen im Abendlande unsere Zeitrechnung danach. Durch das Mysterium von Golgatha ist, wie wir wissen, der Christus-Impuls in die Menschheitsevolution der Erde eingezogen. Was war das für eine Zeit? Nun, wir wissen ja, daß verschiedene Zeitalter in der Menschheitsentwickelung abgelaufen sind. Wenn wir nur die nachatlantische Zeit betrachten, so wissen wir, daß davon abgelaufen sind der urindische, der urpersische, der ägyptisch-chaldäische, der griechischlateinische Zeitraum — und der unsere, in dem wir selber noch drinnenstehen. Diese verschiedenen Zeitalter sind unter anderem dadurch charakterisiert, daß sie auch eine verschiedene Art des menschlichen Verständnisses, der menschlichen Weisheit gehabt haben, und in gewisser Weise war ein hohes, intensives menschliches Verständnis und eine hohe menschliche Einsicht in gewisse Weltengeheimnisse in dem urindischen Zeitraum vorhanden. Da hat in der Menschennatur vorzugsweise das gewirkt, was wir den Ätherleib des Menschen nennen. Dann trat im Laufe der Evolution der Ätherleib mehr zurück und im urpersischen Zeitraum wirkte vorzugsweise der Empfindungsleib, der Astralleib; in dem ägyptisch-chaldäischen Zeitraum die Empfindungsseele, in dem griechisch-lateinischen die Verstandesseele oder Gemütsseele, in unserer Zeit die Bewußtseinsseele, und in der Zukunft wird kommen das Zeitalter des Geistselbstes. Dadurch, daß in den verschiedenen Zeitepochen so verschiedene Glieder der Menschennatur im Menschen walten, bringt auch der Mensch ein immer verschiedenes Verständnis der Welt entgegen. Anders war das Verhältnis in der griechisch-lateinischen, anders in der ägyptisch-chaldäischen, anders in der persischen Zeit und so weiter.

[ 4 ] Nun kann man eine eigentümliche Tatsache erkennen, und diese Tatsache, so frappierend sie ist, ist ungeheuer lichtverbreitend. Wir können den griechisch-lateinischen Zeitraum, den Zeitraum der Verstandes- oder Gemütsseele, von etwa dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, ungefähr von der Zeit der Gründung Roms ab bis in das 14., 15. Jahrhundert herein rechnen. Da entwickelt sich die Verstandes- oder Gemütsseele, da kommen insbesondere diejenigen Kräfte in der Menschennatur zur Geltung, die an diese am meisten seelischen Kräfte der Menschennatur gebunden sind. Wir haben also etwas über zwei Jahrtausende, die dieses Gebiet der menschlichen Seele besonders entwickeln. Seit dem 15. Jahrhundert stehen wir in der Entwickelung der Bewußtseinsseele darinnen. Wir sind noch nicht sehr weit darinnen, denn erst wenn unser Jahrhundert und noch ein weiteres Jahrhundert abgelaufen sein werden, wird ein Drittel abgelaufen sein von der Zeit, die dazu bestimmt ist, die Bewußtseinsseele zu entwickeln. Dann werden andere Zeitalter folgen, die ganz andere Fähigkeiten in der Seele erwecken werden, Sieben solche Zeitalter gibt es für die nachatlantische Zeit.

[ 5 ] Fragen wir uns nun: Welche von diesen Zeitepochen war am wenigsten geeignet, die Wesenheit des Christus zu begreifen? Verschiedenartig war ja das Verständnis der Menschennatur in diesen verschiedenen Zeitaltern. Welches war nun am wenigsten geeignet, sich ordentliche Begriffe von der Christus-Natur zu verschaffen? — Das war das Zeitalter der Verstandes- oder Gemütsseele vom 8. vorchristlichen bis ins 15. nachchristliche Jahrhundert. Und gerade in dieses Zeitalter hinein fiel das Mysterium von Golgatha! So merkwürdig vollzog sich diese Tatsache der Menschheitsevolution.

[ 6 ] Wäre — hypothetisch einmal angenommen — der Christus wirklich auf Erden erschienen, zum Beispiel unter den heiligen Rishis des alten Indien, es wäre ein weitgehendes Verständnis für die Natur der Christus-Wesenheit dagewesen, ebenso noch im alten Persien, wo von dem Sonnengeiste gelehrt wurde. Da hätte man, wenn der Christus damals in einen Menschenleib herabgestiegen wäre, gesehen: dieser Geist, der in einem Menschenleibe auf der Erde geht, ist der Sonnengeist, der auf die Erde herabgestiegen ist. Auch noch in der Zeit der ägyptischen Tempelweisheit hätte etwas Ähnliches geschehen können. Diejenige Zeit aber, in der die Menschheit am meisten von einem Verständnis der Christus-Natur entfernt war, sie sah den Christus unter sich erscheinen.

[ 7 ] Es ist eigentlich nicht leicht, zu dieser eigentümlichen Tatsache etwas hinzuzufügen, das sie illustrieren soll, denn man kann aus dieser Tatsache den wichtigen Schluß ziehen, daß ja dann selbstverständlich über die Natur und die Wesenheit des Christus kaum etwas zu finden ist in den Lehren, die man über den Christus bildete in jener Zeit, und man wird verstehen, daß erst kommende Jahrhunderte mehr Verständnis haben werden für dasjenige, was der Christus ist.

[ 8 ] Es könnten nun die Menschen unserer Zeit, die Menschen seit dem 15. Jahrhundert, anfangen, stolz zu sein auf unsere Geisteskraft, und glauben, daß jetzt vielleicht die besseren Zeiten des Christus-Verständnisses gekommen seien. Solche Zeiten sind ja mit unserem fünften nachatlantischen Zeitraum in einer gewissen Weise gekommen und in einer gewissen Weise doch nicht gekommen.

[ 9 ] Wie steht es nun mit den Geisteskräften der Menschen der Gegenwart, das heißt seit dem 15. Jahrhundert? Im allgemeinen sind diese Geisteskräfte keineswegs höhere geworden, als sie in den vorangegangenen Zeiträumen waren. In gewissem Sinne hat der Mensch sich mit seinem Seelischen noch mehr in die Materie hineinversenkt, und das mußte er auch tun, um zu der Bewußtseinsseele zu gelangen. So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft, die noch vor dem 15., 16. Jahrhundert in der Erinnerung bewahrt geblieben war, verschwand und wie der Materialismus immer mehr zunahm. Die Geisteswissenschaft, die wir in einer gewissen Weise blühend finden bei einzelnen Geistern des Mittelalters, die gleichsam wie aus dem Elementarischen heraus durch einzelne Mystiker noch eine gewisse Höhe erreichte, sehen wir zurückgehen. Dagegen sehen wir vom 11., 12. Jahrhundert an etwas anderes sich vorbereiten. Ein Symptom dafür ist, daß man beginnt, das Dasein Gottes zu beweisen. Nun müßte man wirklich sehr sonderbare Auffassungen haben über die Welt, wenn man nicht bald klar einsehen würde, was das bedeutet. Was beweist man denn? Für gewöhnlich doch dasjenige, was man nicht weiß, was man nicht kennt! Daß einer gestohlen hat, versucht man zu beweisen, wenn man ihn nicht geschen hat bei dem Diebstahl. Man hatte das innere Erlebnis Gottes verloren, man wußte nicht mehr, auf welchem Seelenwege man Gott zu suchen habe, da begann man Gott zu beweisen. Das ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, daß man die Erkenntnis von dem Gotte anfing zu verlieren. Das fünfte Zeitalter muß das materialistische Zeitalter sein, denn nur dadurch, daß der Mensch seit der Zeit gezwungen ist, sich die Natur so anzuschauen, wie sie sich den Sinnen und dem Verstande darbietet, um durch die Sinne überwunden zu werden, kann das Ich in all seiner Kraft sich zum Bewußtsein kommen.

[ 10 ] Wenn wir uns verständigen wollen über dasjenige, was ich eigentlich meine, dann wollen wir noch einmal zurückweisen auf den urpersischen Zeitraum. In dem urindischen Zeitraum würde es sich noch deutlicher zeigen, auch in dem ägyptischen Zeitraum war es noch in einer gewissen Weise da. Sehr sonderbar wäre es einem Menschen der persischen Kultur erschienen, die Planetenbewegungen zu betrachten und daraus ein Weltsystem abzuleiten, wie es Kopernikus tat. Und nun muß ich etwas sehr Paradoxes aussprechen. Ein Mensch der alten persischen Kultur hätte wahrscheinlich große Augen gemacht, wenn man ihn in der heutigen Art die Astronomie hätte lehren wollen. Er hätte gesagt: Sollte ich denn so töricht sein, daß, wenn ich gehen will, jemand mir zeigen muß, wie ich gehe? Wenn die Sonne ihren Weg durch den Weltenraum geht, geht dort meine Seele. Das muß ich doch bemerken. — Er wußte das, so wie ein Mensch heute weiß, welchen Weg er geht, wenn sein Körper geht. Aus diesem alten Erkennen heraus haben die Urperser eine Spirale aufgezeichnet, die wirklich der Sonnenbahn durch den Himmelsraum entspricht. Diese Sonnenbahn ist durch ein inneres Wahrnehmen gefunden. Die Menschenseele fühlte sich in Verbindung mit der Erdenseele und zeichnete durch den Caduceus-Merkurstab den Weg der Erde auf. Daß der Mensch aus seiner spirituellen Umgebung so geworfen wurde, daß er ausspintisieren und berechnen mußte den Weg der Erde als den Weg eines Planeten, das entstand erst später.

[ 11 ] Wäre aber andererseits der Mensch so geblieben in bezug auf die äußere Welt, so hätte er niemals zum vollen Selbstbewußtsein kommen können. Er wäre durch die griechisch-lateinische Kulturperiode gegangen, es würden Verstand und Gemüt auf sich selbst angewiesen sein, gleichsam in sich selbst wühlend, es wäre ein Zustand eingetreten, wo die Seele nicht mehr unmittelbar weiß, wie sie zur Welt steht, sondern nur in sich selber Fortschritte macht. Auch darüber mußte die Menschenseele hinauskommen und in das Zeitalter der . Bewußtseinsseele eintreten. Da soll der Mensch lernen, in seinem Ich, und nur in seinem Ich zu leben. Er soll alles Äußere abgesondert von seinem Ich darstellen und es soll alles nur durch die Logik erkannt werden. So wird der Mensch aus dem geistigen Inhalt der Welt herausgeworfen.

[ 12 ] In dem griechisch-lateinischen Zeitalter hatte die Seele in sich noch das unmittelbare tätige Verstandesprinzip, und das erlebte zwar die Vorgänge nicht mehr unmittelbar in der Außenwelt, hatte aber den Gott in sich. Im neuen Zeitalter verlor der Mensch den Gott auch in sich selbst. Aristoteles würde gar nicht daran gedacht haben, den Gott zu beweisen, denn die Verstandes- oder Gemütsseele erlebte noch den Gott in sich. Den Christus konnte sie nicht beweisen, aber den Gott hatte sie noch in sich. Dann ging vom 15., 16. Jahrhundert ab auch das verloren. Wenn auch dieses vorbei ist, wird der Mensch unmittelbar zu einer Gottesidee durch eigene Kraft kommen können.

[ 13 ] So haben wir also vom 15. Jahrhundert ab durch vierhundert Jahre den auf sich selbst gestellten Menschenverstand, der unmöglich in die Gottesidee eindringen kann. Da ist etwas sehr Eigentümliches passiert, was uns sehr übelgenommen worden ist, daß wir es bemerkt haben. Da lebte in der Morgenröte dieses Zeitraumes, im 18. Jahrhundert, der Philosoph Immanuel Kant. Kant passierte nichts Geringeres, als daß er die Eigenart der menschlichen Seele seit dem 15. Jahrhundert verwechselte mit der Natur der menschlichen Seele überhaupt. Und daher kam er zu der sonderbaren Schlußfolgerung, daß der Mensch unmöglich aus sich heraus zu einer Gotteserkenntnis kommen könne, während er doch nur hätte sagen dürfen, daß dieses erst seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts unmöglich ist. Aber da Luzifer ihn besonders am Kragen hatte und ihn zu einem hochmütigen Menschen machte, glaubte er, daß das für das ganze Menschengeschlecht überhaupt so sei.

[ 14 ] Nun könnte man sagen, dann müßten die Aussichten für das Erkennen der Christus-Wesenheit noch schlimmer sein als in den vorangegangenen Jahrhunderten. Das ist aber doch nicht der Fall. Denn die Menschheit hat noch andere Erkenntnisfähigkeiten als damals in der vierten nachatlantischen Kulturperiode und als diejenigen, die jetzt einzig und allein dazu gebraucht werden, um das Ich voll zu verstehen. Diese anderen Erkenntniskräfte liegen mehr auf dem Untergrunde der menschlichen Seele, sie müssen erst heraufgeholt werden. Aber das tut der heutige Mensch erst, wenn er dazu gezwungen wird. Solange noch die menschliche Natur an der Oberfläche die Möglichkeit hatte, zu der Erkenntnis des Gottes zu kommen, bemühte der Mensch sich nicht weiter, zu seinen tieferen Kräften durchzudringen. Nun aber, in unserem Zeitalter, da der Mensch nicht an den Gott heran kann, wird er gezwungen durch die Reaktion, tiefer in sich selber zu graben und andere Kräfte aus sich herauszuheben, als diejenigen sind, welche an der Oberfläche der menschlichen Natur liegen. Damit hängt es zusammen, daß wir einer Zeit entgegengehen, in der eine auf tiefere Kräfte der Menschennatur gebaute Erkenntnis der Christus-Wesenheit beginnt Platz zu greifen.

[ 15 ] Ich durfte vor einigen Tagen in Kristiania von einem Fünften Evangelium sprechen. Da handelt es sich um Mitteilungen über die Christus-Wesenheit, die nicht in den anderen Evangelien vorhanden sind. Durch das Fünfte Evangelium lernt man noch anderes von der Christus-Wesenheit erkennen als durch das, was in den vier anderen Evangelien steht. Dieses führt uns noch mehr in die Natur der Christus-Wesenheit hinein. Indem man solche gewissermaßen neuen Dinge über die Natur der Christus-Wesenheit spricht, kann im Grunde von einem Begehen einer Unbescheidenheit keine Rede sein, denn solche Dinge teilt man nur mit, wenn die Zeit es verlangt. Aber auch das, was zum Beispiel hier in Kopenhagen über die ChristusWesenheit gesagt worden ist, was ja gedruckt vorliegt in der Schrift «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», und in verschiedenen Zyklen, gehört schon in gewisser Weise zu diesem Fünften Evangelium. Solche Dinge werden eben gesagt, wenn die Zeit dazu drängt, daß die Menschheit sie erfahre. Wenn Sie nur dieses eine nehmen, was in der «Geistigen Führung des Menschen und der Menschheit » besprochen ist von den zwei Jesusknaben, so werden Sie ja zugeben, daß all das, was Verständnis ist in unserer Gegenwart — was die an der Oberfläche befindlichen Kräfte der Menschenseele sind —, nicht nur diese Dinge nicht versteht, sondern recht sehr dagegen wütet, wenn sie gesagt werden.

[ 16 ] Vor einer neuen Art der Christus-Auffassung stehen wir also, die eben eine nicht verstandesmäßige sein wird. Sie wird zwar verstanden werden können, aber gefunden wird sie durch tiefergelegene Seelenkräfte. Wenn man mit dem Blick der hellseherischen Forschung eine Art Vorschau sich verschaffen will von der Zukunft der Menschheit in den nächsten Jahrhunderten, auch in den nächsten Reinkarnationen der jetzt lebenden Menschen, dann muß gesagt werden, daß die an der Oberfläche liegenden Seelenkräfte wirklich immer geringer und geringer werden. Die Menschheit wird sich immer mehr angewiesen fühlen auf die Offenbarungen der tiefergelegenen Seelenkräfte.

[ 17 ] Von dem griechisch-lateinischen Zeitraum wird mit Recht gerühmt, daß die Menschen, die recht in ihm lebten, eine gewisse innere Geschlossenheit ihres Wesens hatten. Das kann im Grunde genommen bei gesunden Seelennaturen schon heute nicht mehr der Fall sein und wird in der Zukunft immer weniger der Fall sein. Würde man die Menschheit in der Zukunft nur allein dasjenige lehren wollen, was mit den an der Oberfläche liegenden Kräften erforscht werden kann, dann würden die Menschen in ihren Seelen immer mehr veröden, in einer merkwürdigen Weise veröden.

[ 18 ] Heute sind wir noch nicht so weit, daß in der Schule keine religiösen Überlieferungen mehr gelehrt werden, aber wie viele verlangen nicht schon, daß nur dasjenige gelehrt wird, was die Naturwissenschaft bringt. Für das äußere Leben werden ja die Forderungen dieser Menschen so mächtig werden, daß in sehr kurzer Zeit die Menschheit ungeheuer veräußerlicht sein wird. Heute lernt der Mensch noch schreiben. In einer nicht sehr fernen Zukunft wird man sich nur noch daran erinnern, daß die Menschen in früheren Jahrhunderten geschrieben haben. Es wird eine Art der mechanischen Stenographie geben, die dazu noch auf der Maschine geschrieben werden wird. Mechanisierung des Lebens! Ich will sie nur andeuten durch das eine Symptom: Denken Sie sich die Höhe einer Kultur, in der man ausgraben wird die historische Wahrheit, daß einmal Menschen waren, die Handschriften gehabt haben, so wie wir ausgraben, was in den ägyptischen Tempeln gefunden wird. Handschriften wird man ausgraben wie wir die Denkmäler der Ägypter. Aber auch die Reaktion des seelischen Lebens dagegen wird eintreten. Und so wahr es ist, daß unsere Handschrift für die Zukunft so etwas sein wird wie für uns die Hieroglyphen der Ägypter, etwas, das man anstaunen wird, so wahr ist es, daß daneben die Menschenseelen drängen werden, die unmittelbaren Offenbarungen des Geistes wieder zu erhalten. Das äußere Leben wird veräußerlicht werden, aber das innere Leben wird sein Recht fordern.

[ 19 ] Dasjenige, was wir heute als Geisteswissenschaft treiben, mögen die Leute jetzt verspotten, aber vor dem Sehnsuchtsschrei der Menschen nach der geistigen Welt werden sich die Materialisten zurückziehen müssen. Und so wird man anfangen, den Christus zu erkennen in denjenigen Zeitepochen, die einen offenen Sinn für die Spiritualität haben werden, dann allerdings durch die Reaktion gegen das äußere Leben.

[ 20 ] Sehen wir, um uns darüber noch mehr zu verständigen, die Sache noch von einer anderen Seite an. Vielleicht werden Ihre Seelen mitschwingen, wenn ich versuche, das Folgende vor Ihre Seelen hinzustellen. Wir können auf das Bild der Frauen blicken, die — nach dem Evangelium — hingehen, um den Leichnam Christi zu suchen, das geöffnete Grab finden, den Leichnam nicht finden, aber den Engel finden, der da sagt: Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hie, er ist auferstanden! — Er lebt im Geiste. Denn derjenige, den sie gesucht haben in der Materie, der erscheint nachher den Aposteln und unterrichtet sie während einiger Zeit, als Ausnahmemenschen, die für ihn eine Empfänglichkeit und Verständnis erlangt hatten. So erschien Christus in geistiger Gestalt. Und er zog im Geiste durch Griechenland, Rom, bis zu den Germanen herauf, von Osten nach Westen und von da nach Norden. Ein Verständnis, ideelles, begriffliches, wissenschaftliches Verständnis werden wir für die Christus-Wesenheit nicht suchen bei den großen römischen Philosophen, die wahrhaftig von dem Christus als von etwas sprechen, was sie nicht verstehen. Aber auch nicht bei den gleichsam stammelnden germanischen Völkern werden wir ein Verständnis für den Christus finden, der zwar die Seelen hinreißt, aber wahrhaftig nicht verstanden wird, der nur in den Herzen wohnt.

[ 21 ] Und kommen wir in das 11., 12., 13. Jahrhundert hinein, da sind es nicht die Frauen, die zum Grabe gehen, um den Leichnam des Christus zu suchen, und ihn nicht finden — den Leichnam, der physisch zu begreifen wäre —, da sind es ganze Scharen europäischer Völker, die zum Grabe Christi ziehen. Wir kommen in die Zeit der Kreuzzüge, die vom Westen nach Osten hin sich begeben nach dem Grabe, wohin einstmals die Frauen gegangen sind. Und was vernehmen diese Scharen, die zum Grabe wallen?: Was ihr suchet, ist nicht hie! — Wahrhaftig, was sie suchten entsprang ihrem Gemüt, dem, was in ihrer Seele lebte, aber sie verstanden es so wenig, daß sie nach dem Osten zogen, das physische Grab zu suchen, und erst nach langen Enttäuschungen, nach vielen Leiden erfuhren: Der, den ihr suchet, ist nicht hie! — Was war es denn, was sie suchten?

[ 22 ] Wir sehen auf der einen Seite die Züge nach dem Osten und sehen auf der anderen Seite die europäische Mystik sich vorbereiten in Tauler, Meister Eckhart, und später in Jakob Böhme einen Höhepunkt erreichen. Da war derjenige, den sie im Osten suchten und nicht fanden! Da war er hingegangen. Aber in einer eigenartigen Weise lebte er dort. Wenn wir auf diese mittelalterliche Mystik eingehen, was ist denn ihr bedeutsamster Zug?

[ 23 ] Diese Geister: Eckhart, Tauler und die anderen, machen nicht Anspruch darauf, den Gott, den Christus zu verstehen, aber sie wollen, wie sie sagen, ein sehr «gelassenes» Leben führen, um den Christus in ihrer Seele zu erleben. Und je mehr sie den Christus in sich erlebten, desto mehr wußten sie, daß sie sich mit dem Göttlichen, mit dem Christus im Sinne ihrer Zeit durchdringen lassen wollten. Die Kreuzfahrer hatten nur die Auskunft erhalten: Der, den ihr suchet, ist nicht hie! — Das, was sie gesucht hatten, lebte wiederum auf in der Form der europäischen Mystik.

[ 24 ] Wir leben wieder in einem eigentümlichen Zeitalter. An dem, was wir erleben, sind nicht nur die europäischen Völker, sondern auch die Völker Amerikas beteiligt. Das merkwürdige Schauspiel, das wir erleben können, kann einem wirklich an Tausenden und Abertausenden Symptomen entgegentreten. Lassen Sie mich nur eines davon — aus Berlin-charakterisieren. Ein berühmter Theologe der Gegenwart hat am 1. Februar 1910 folgenden «genialen» Satz ausgesprochen: Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, bringen Sie mir einen einzigen Satz, der von dem Christus Jesus berichtet wird, von dem ich Ihnen nicht nachweisen kann, daß er nicht schon im vorchristlichen Geistesleben lebendig war. — Das ist so recht die heutige Art. Man beweist, daß dasjenige, was in unserem Christentum enthalten ist, schon früher da war, sogar das ganze Vaterunser. Dieser Theologe spricht also etwas aus, was ganz im Sinne unserer Zeit ist, und man wird Ähnliches immer mehr und mehr hören. Was kann man für einen Eindruck haben, wenn man solch einen Herrn behaupten hört, daß alle Aussprüche des Christus schon früher da waren? Ich hörte einmal einen sehr belesenen Menschen eine Rede halten und ein Kind stand dabei. Das Kind wurde gefragt: Was hast du denn gehört? Da sagte es: Der gibt mir nichts Neues, ich kannte schon alle Worte! — So vernimmt auch der Theologe alle Sätze und hört gar nichts Neues, das durch die Sätze hindurchklingen würde.

[ 25 ] Diese Dinge sollten eigentlich selbstverständlich sein, dennoch werden sie in der Gegenwart nur mit Widerspruch aufgenommen. Denn in unserer Gegenwart ist von der Gesinnung, daß ein studierter Mensch noch etwas lernen könne, wenig vorhanden, wohl aber ist die Gesinnung verbreitet, daß man alles aus sich beurteilen könne. Mit solcher Gesinnung haben wir eben ein merkwürdiges Schauspiel erlebt. Als der Materialismus in den letzten Jahrhunderten heraufkam, gefiel es den Menschen nicht, von dem Christus Jesus zu sprechen, und da entstand eine "Theologie, die nach und nach .alles Göttliche aus dem Christus Jesus herauswarf und nur von dem Menschen, wenn auch von einem hochstehenden Menschen Jesus sprach. Das ist im 19. Jahrhundert besonders weit gekommen und hat dann einen grotesken Ausdruck in dem berühmten Werke von Ernest Renan: «Das Leben Jesu», erhalten, das 1863 erschienen ist. Er hat wunderbar Schönes und in schöner Sprache über Jesus gesagt. Aber schon das Lazarus-Wunder beschreibt er so, als habe Jesus in Wirklichkeit keinen Toten auferweckt, sondern als habe er zugelassen, daß seine Anhänger das so berichtet und verbreitet hatten. Es wäre also eine Konzession an seine Anhänger gewesen, eine Art von Hokuspokus oder Schwindel, so daß sich hier in ein im übrigen wirklich schönes Werk hineinmischt etwas Hintertreppenromanhaftes. Man findet eigentlich keinen bestimmten Grund, warum Renan solche verehrenden Worte gebraucht, denn denjenigen, den er beschreibt, könnte man wahrhaftig nicht so besonders verehren. Aber ein halbes Jahrhundert hat das gedankenlos so hingenommen. Das ist nur ein Beispiel aus der Literatur, die den Christus Jesus nur als einen Menschen gelten lassen will.

[ 26 ] Nun hat man aber die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß doch vieles, was von diesem Christus Jesus berichtet wird, unmöglich wäre, wenn der Christus Jesus ein einfacher Mensch gewesen wäre, besonders das Wort, daß Jesus sich selbst für den Christus gehalten hat, also für etwas, was nicht nur ein bloßer Mensch ist. Da ist man auf manches gestoßen, was nun doch nicht stimmt. Da fanden dann die Menschen in der letzten Zeit die Auskunft, an die Stelle des Menschen nun wieder den Gott zu setzen, aber den bloß gedachten Gott. Da erscheint der Christus Jesus nur wie ein Schatten, ein Schemen, ein Fetisch, aber wie ein geistiger Fetisch. Ein merkwürdiges Schauspiel! Jahrhundertelang hatten die Menschen aus dem Christus Jesus den Gott verdrängt und einen Menschen aus ihm gemacht, und jetzt erleben wir, daß der Gott wieder den Menschen unmöglich macht. So wird es immer weiter- und weitergehen, und dies zeigt hinlänglich, daß wir auf einer Bahn sind, auf der den an der Oberfläche gelegenen Kräften ein Verständnis unmöglich ist. Das will sagen, daß die Menschen im 20. Jahrhundert eine Art Kreuzzug versucht haben nach dem historischen Christus Jesus. Und wiederum wird die Antwort kommen: Den, den ihr suchet, findet ihr nicht hier. — Denn diejenigen, die den historischen Menschen Jesus in dieser Weise suchen, werden ihn ebensowenig finden können wie die Frauen am Grabe oder wie die Kreuzfahrer, die zum Grabe wallten. Aber ebenso, wie die Kreuzfahrer den Christus nicht finden konnten, weil sie ihn nicht in ihrem Innern suchten, ebenso können die heutigen Kreuzfahrer den Christus Jesus nicht finden, weil sie ihn nicht suchen mit den Kräften, die im Inneren der Menschenseele gelegen sind, weil sie sich nicht an diejenigen Geisteskräfte wenden, die allein den Christus finden können.

[ 27 ] Es bereitet sich im Schoße der spirituellen Geistesströmung eine Vertiefung der geistig-seelischen Kräfte vor. Und während immer mehr und mehr den Christus leugnen werden die an der Oberfläche gelegenen Geisteskräfte, werden tiefere Seelenkräfte auftreten, die den Christus immer mehr suchen werden. Es werden die Menschen sich mehren, die schauen werden den Christus, der die Äthersphäre beleben wird, den diejenigen finden werden, die dafür empfänglich sind. Darum sprechen wir von einem ätherischen Dasein des Christus im 20. Jahrhundert. Dann werden wir aus eigener Erfahrung wissen, daß bei dem Mysterium von Golgatha wirklich in die Erdensphäre eingetreten ist diejenige Wesenheit, die der Christus genannt wird, und immer mehr Menschen werden wissen, wer der Christus ist, da sie ihn schauen werden.

[ 28 ] Die Bekanntschaft mit der Geisteswissenschaft wird die Seelen so vertiefen, daß dadurch der Blick der Menschen erwachen wird für den Christus. Eine wunderbare Perspektive tut sich für den hellseherischptophetischen Blick auf! Die äußeren, an der Oberfläche liegenden Seelenkräfte werden immer unzulänglicher und unzulänglicher, und die Menschen werden nach und nach so geboren werden, daß sie mit diesen an der Oberfläche liegenden Seelenkräften in ihrem Seelenleben verhältnismäßig bald fertig werden. Aber ein Zeitalter steht bald vor der Tür, das in einer merkwürdigen Weise an das ChristusEreignis erinnern wird. |

[ 29 ] Im dreißigsten Jahre seines Lebens sah der Jesus von Nazareth in sich den Christus einziehen. Ein neues Seelenleben begann in dem Leibe des Jesus von Nazareth, da der Christus in ihn eingezogen war an die Stelle des Zarathustra-Ich, das ihn verlassen hatte, Das war am Beginn unserer Zeitrechnung. Eine Zeit steht jetzt vor der Tür, in welcher die Menschen immer zahlreicher werden, bei denen vom dreißigsten Jahre ihres Lebens an, zwar nicht der Christus in seiner Fülle, aber die Christus-Erkenntnis wie durch eine Erleuchtung einziehen wird. Im dreißigsten Lebensjahre wird bei diesen Menschen ein neues, umfassendes Seelenleben beginnen dadurch, daß sie den Christus in seiner ätherischen Wesenheit schauen werden.

[ 30 ] Man versteht im Sinne der Geisteswissenschaft unsere Zeit, wenn man sich Verständnis erwirbt für diese Perspektive. Wenn die Seelen, die jetzt leben, wieder verkörpert sein werden — von denen viele früher wiedergeboren werden als nach der normalen, durchschnittlichen Regel —, für manche aber wird es sich auch schon früher vollziehen, daß von einem bestimmten Lebensalter an die Menschen in sich einziehen fühlen werden durch ihr Erleben, wovon sie früher nur durch Unterweisung wissen konnten. Sie werden sagen können: Es tritt in mein Leben die Schauung ein, und ich weiß jetzt selber, wer der Christus ist, ich habe ein Verständnis durch Schauen erlangt. — Dann wird man den Christus nicht mehr beweisen wollen, denn die Anzahl derer wird immer größer werden, die darüber berichten können, daß sie den Christus als Geistwesen auf der Erde herumwandelnd finden. Man wird nicht mehr bloß den historischen Christus suchen.

[ 31 ] Das sind die beiden Seiten des Zukunftsbildes: Auf der einen Seite wird immer mehr eine Verödung eintreten durch die an der Oberfläche befindlichen Seelenkräfte, andererseits durch Reaktion eben gegen die Verödung, ein Hervorrufen der in den Tiefen liegenden Seelenkräfte. Um dieses zu erkennen, dazu verbreiten wir die Anthroposophie.

[ 32 ] Die Menschen dürfen die Eindrücke, die sie empfangen werden, die meistens nur leise auftreten, nicht achtlos an sich vorübergehen lassen, denn nur selten finden vehemente Eindrücke statt. Durch die Verbreitung wahrer Anthroposophie werden die Menschenseelen so werden, daß sie nicht achtlos an sich werden vorübergehen lassen die Erleuchtung, wenn sie kommt, denn sonst würde man sie während mehrerer Inkarnationen nicht bekommen können. Die anderen aber, die von den oberflächlichen Seelenkräften ausgehen, werden gerade diese, die die Erleuchtung bekommen haben, als Narren, als Wahnsinnige verschreien. Ein Anfang dazu ist ja schon in einer fürchterlichen Weise gemacht worden. Psychiater haben sich schon auf die Christus Jesus-Forschung geworfen. Man studiert die Evangelien auf Symptome des Wahnsinns hin. An solchen Erscheinungen sollte man nicht achtlos vorbeigehen, sondern man sollte dadurch zur Einsicht kommen, daß die andere Seite sehr einer Pflege bedarf; jene andere Seite, die darstellt ein Verständnis für den Christus, der in die Menschheit eingetreten ist in einer Zeit, in der er am wenigsten verstanden werden konnte und der fortwirkt, um vorzubereiten das Verständnis, das in Zukunftszeiten kommen wird.

[ 33 ] Der Mensch, der in die Zukunft blickt, sollte nicht mit einer abstrakten, allgemeinen Phrase dasjenige abtun, was sich in der Zukunft zeigt. Die Zukunft zeigt sich von zwei Seiten, von der Seite der Verödung, des Aufgehens im Materialismus, aber auch von dem Geborenwerden einer neuen geistigen Welt, nicht nur in den Gedanken, oder, sagen wir, in der Anschauung, sondern für das Dasein. Denn der Christus wird dem Menschen an die Seite treten und sein Rater werden. Nicht als Bild allein ist das gemeint, sondern in Wirklichkeit werden die Menschen die Ratschläge, die sie brauchen, von dem lebenden Christus empfangen, der ihnen Berater und Freund sein wird, der zu den Menschenseelen sprechen wird so wie ein Mensch, der physisch neben uns geht. Hat die Menschheit eine prophetische Vorverkündigung gebraucht damals, als der Christus physisch in einem Menschenleibe erscheinen sollte, noch viel mehr braucht sie diese jetzt, da er in einer ätherischen Erscheinung für die Menschen kommen wird. Betrachten Sie das Gesagte daher als eine vorbereitende Verkündigung dessen, was da kommen wird und kommen muß.

[ 34 ] Machen Sie sich über die Zukunft keine Illusion. Aber wir geben uns über die Zukunft keiner Illusion hin, wenn wir uns vorhalten, wie es ausschaut im äußeren materiellen Leben, wenn wir ausgehen von der Betrachtung, daß man in der Zukunft so von der Handschrift sprechen wird, wie wir von den Hieroglyphen der Ägypter sprechen. Es sind die letzten Reste einer geistigen Kultur noch vorhanden, noch erscheint in der Schrift eine Physiognomie der Seele, aber bald wird die Spur des Seelischen aus der äußeren Kultur so verschwunden sein wie für uns die ägyptische Kultur. Von manchem, was für uns noch Seelisches ist, wird man als von einem lang Vergangenen sprechen. Derselbe Mund aber, der verkündigen wird, es war einmal so etwas wie eine menschliche Handschrift, wird verkünden aus dem Spirituellen, aus dem Geistigen heraus, daß der Christus im Geiste lebendig wieder unter den Menschen herumgeht. Den Geist des bloß Gedachten werden die Menschen eintauschen müssen für den Geist der unmittelbaren Anschauung, des unmittelbaren Mitfühlens und Miterlebens von dem an der Seite aller Menschenseelen geistig-lebendig schreitenden Christus.