Building Stones for an Understanding
of the Mystery of Golgotha
GA 175
27 March 1917
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Building Stones for an Understanding of the Mystery of Golgotha, tr. Parker
Achter Vortrag
Lecture I
[ 1 ] In dieser Zeit muß ich wiederholt aufmerksam machen auf einen Zug der Betrachtung, welcher durch unsere ganze Geisteswissenschaft in der Gegenwart gehen muß. Ich habe diesen Zug der Betrachtung einen solchen genannt, daß wir überall darauf sehen müssen, daß hinter den Begriffen und Vorstellungen und Ideen, die sich der Mensch bildet und in denen er lebt, nicht bloß dasjenige steht, was man oftmals im Leben Logik nennt, sondern daß in den Begriffen und Vorstellungen der Menschen dasjenige lebt, was man Wirklichkeit nennen kann. Nach wirklichkeitsgesättigten Begriffen muß gesucht werden. Und es kann immer wiederum und wiederum nicht unnötig sein, gerade bei den Betrachtungen, die nun hinauslaufen sollen auf ein ganz bestimmtes Ziel, das ich gleich bezeichnen werde, darauf aufmerksam zu machen, wie begreiflich es werden kann, daß ein Begriff, irgendeine Vorstellung, die im Leben vorhanden ist, zwar in einer gewissen Art wahr sein kann, aber nicht in die Wirklichkeit hinunterlangen kann. Gewiß, was eigentlich mit diesen wirklichkeitsgesättigten Begriffen gemeint ist, das wird erst allmählich klar werden; aber man kann sich auch, ich möchte sagen, durch einfache Vergleiche allmählich dahin bringen, die Vorstellung des Wirklichkeitsgesättigten zu haben. Daher will ich heute einleitungsweise durch einen Vergleich wiederum einmal auf das, was ich eigentlich meine, aufmerksam machen.
[ 1 ] In the course of these lectures I shall be obliged to draw your attention again and again to a characteristic of our inquiry that must pervade every aspect of Spiritual Science today. We must endeavour to ensure that the concepts, ideas and representations that we form and with which we live, are not only firmly grounded in logic, but also in reality. We must strive for ideas that are steeped in reality. In the matter of our inquiries which have a specific end in view—I will indicate this presently—it will not be superfluous to remind you that an idea may be true in a certain sense and yet fail to reach down to reality. Of course what we really mean by ideas steeped in reality will only emerge gradually, but one may arrive at an understanding of such ideas by means of simple analogies. I propose therefore by way of introduction to use an analogy to illustrate my meaning.
[ 2 ] Das, was ich jetzt sagen will, hat scheinbar, aber nur scheinbar, keinen Zusammenhang mit den nachfolgenden Betrachtungen, sondern ist nur eine einleitende Auseinandersetzung. Bis zum Jahre 1839 haben seit dem sechzehnten Jahrhundert alle römischen Kardinäle einen wichtigen Schwur ablegen müssen. Es hatte nämlich in den Jahren seiner päpstlichen Regierungszeit der Papst Sixtus V. — er regierte vom Jahre 1585 bis 1590 — in der Engelsburg 5 Millionen Scudi niedergelegt als einen Schatz, der für schlimme Fälle da sein sollte. Und weil man das für so wichtig hielt, daß ein solcher Schatz für schlimme Fälle da sei, ließ man immer die Kardinäle schwören, daß sie diesen Schatz sorgfältig behüten würden. Im Jahre 1839 unter der Regierung des Papstes Gregor XVI. hat der spätere Kardinal Acton gegen diesen Schwur Einspruch erhoben; er wollte die Kardinäle nicht mehr schwören lassen, daß sie diesen Schatz bewahren wollen. — Wenn man nun von dieser Geschichte nichts anderes hört, so könnte man alle möglichen schönen Hypothesen aufstellen darüber, warum denn dieser merkwürdige Acton die Kardinäle nicht schwören lassen will, wie es in der damaligen Zeit noch verlangt wurde, den Schatz, der für die päpstliche Regierung so wichtig sein könne, zu bewahren. Und alles, was man darüber sagt, könnte viel Logik enthalten. Aber alles, was man eventuell sehr schön sagen könnte darüber, wird verschwinden gegenüber dem, was Acton durch gewisse Tatsachenzusammenhänge wußte, und die Kardinäle nicht wußten. Er wußte nämlich, daß dieser Schatz seit dem Jahre 1797 gar nicht mehr vorhanden war, daß er bereits weg war. So hatte man die Kardinäle schwören lassen, daß sie einen Schatz bewahren werden, der aber gar nicht mehr da war, und Acton wollte sich einfach nicht herbeilassen, einen Schwur über etwas, was gar nicht vorhanden ist, ablegen zu lassen. Sie sehen, alle schönen Diskussionen und Hypothesen, die etwa derjenige aufstellen würde, der nicht weiß, daß der ganze Schatz nicht da war, daß er unter Pius VI. bereits aufgebraucht worden war — alle diese Hypothesen würden in nichts zerfallen.
[ 2 ] What I am about to say seems unrelated to, or apparently unrelated to our subsequent inquiry; it is simply an introductory exposition. From the sixteenth century until 1839 all the Roman Cardinals were obliged to swear a solemn oath. During the pontificate of Pope Sixtus V (1585–90) a sum of five million scudi had been deposited in the Castel Sant’ Angelo to be used only in times of need. And since the Church attached great importance to this, the Cardinals were obliged to swear a solemn oath to preserve the fund intact. In 1839, under the pontificate of Pope Gregory XVI, Cardinal Acton 1Cardinal Acton—Charles Januarius Acton (1803–47) Cardinal 1842. Uncle of the famous historian, Lord Acton (1834–1902). refused to take the oath; he wanted the Cardinals to be released from their oath to preserve the fund. If nothing more had been heard of the story, all kinds of plausible theories might have been advanced to explain why this remarkable prince of the Church sought to prevent the Cardinals from swearing an oath, still required of them at that time, to preserve the fund which was so important to the Holy See. And all these plausible theories might have been perfectly logical, but they broke down in the face of certain pertinent facts that were known only to Cardinal Acton, namely, that since 1797 the fund no longer existed, for it was already exhausted. The Cardinals therefore had been permitted to swear an oath to preserve a treasure that no longer existed. Acton refused to be a witness to the deception. Thus all the ingenious arguments that might have been advanced by those who were unaware that the fund was already exhausted would have collapsed.
[ 3 ] An einem solchen Beispiel könnte man, wenn man ein wenig darüber meditiert — es scheint manchmal unnötig, über solche Dinge zu meditieren, die so auf der flachen Hand liegen, aber man muß darüber meditieren und so etwas auf der Hand Liegendes mit manchen anderen Dingen in der Welt vergleichen —, gerade durch dasjenige, was sich ergibt aus einer solchen Tatsache, könnte man darauf kommen, was es eigentlich mit wirklichkeitsgesättigten und nicht-wirklichkeitsgesättigten Begriffen für eine Bewandtnis hat. Nun muß ich aufmerksam machen auf dieses Nicht-Wirklichkeitsgesättigtsein von Vorstellungen der Gegenwart aus dem einfachen Grunde, weil dies, wie Sie später, vielleicht erst das nächste Mal, sehen werden, gerade mit dem "Thema zusammenhängt, welches in der gegenwärtigen Zeit von unserem Gesichtspunkte aus wiederum einmal besprochen werden muß. Ich will mich nämlich bestreben, die Betrachtungen, die wir schon angestellt haben, auslaufen zu lassen in die Besprechung eines besonderen Verhältnisses, das sich auf das Christus-Mysterium bezieht. Was ich das letzte Mal hierzu herbeigetragen habe, wird Ihnen eine Unterstützung gerade derjenigen Seite des Christus-Mysteriums sein können, die wir jetzt betrachten wollen. Ich möchte nur heute manches, was scheinbar noch keinen Bezug zu unserem eigentlichen Thema hat, vor Ihre Seele führen, weil es uns als eine Grundlage bedeutsame Dienste wird leisten können.
[ 3 ] If we meditate upon such an example as this—it often seems superfluous to reflect upon such obvious cases, but we must think about them and compare them with other situations in life—if we meditate upon such an example as this, we can grasp the difference between concepts rooted in reality and those which are not. Now I must draw your attention to the unreality of ideas today because, as you will see later, this is closely connected with the subject of these lectures, a subject that I must touch upon once again from the point of view of Spiritual Science. I will endeavour to relate the investigations which we have already undertaken to the study of a certain aspect of the Mystery of Christ. My last contribution to this subject will serve as a framework for that aspect of the Christ Mystery which I now propose to examine. But first of all I should like to put before you certain things which are seemingly unrelated to our main theme because they will provide an invaluable background to our studies.
[ 4 ] Sie wissen ja, ich habe behutsam begonnen hinzuweisen auf eine gewisse Art der Betrachtung des Christus-Mysteriums in meinem nun schon vor längerer Zeit erschienenen Buch «Das Christentum als mystische Tatsache». Dieses «Christentum als mystische Tatsache» — welches, das sei nur nebenbei gesagt, eines der letzten Bücher war, das noch das alte Regime in Rußland vor wenigen Wochen in seiner neuen Auflage konfisziert hat — ist, ich möchte sagen, ein erster Anhub, das Christentum selbst zu begreifen vom geistigen Standpunkte aus; vom Standpunkte, der im Laufe der Jahrhunderte innerhalb der christlichen Entwickelung des Abendlandes selber mehr oder weniger verschwunden ist. Nun möchte ich vorerst eines besonders hervorheben, was ja eigentlich so liegt, daß alle Ausführungen des Buches «Das Christentum als mystische Tatsache» damit stehen und fallen. Eine bestimmte Anschauung über die Evangelien ist darin vertreten. Auf diese Anschauung soll weiter nicht eingegangen werden. Sie können sie ja in dem Buche nachlesen. Aber wenn diese Anschauung berechtigt ist, so ist gleichzeitig notwendig vorauszusetzen, daß die Evangelien keineswegs so spät entstanden sind, als man heute oftmals auch in der christlichen Theologie annimmt, sondern daß die Evangelien in unbestimmter Weise früh in ihrer Entstehung angesetzt werden müssen. Sie wissen ja, daß nach dieser Anschauung die Elemente der evangelischen Lehre in den alten Mysterienbüchern zu suchen sind, und daß es sich nur darum handelt, das Mysterium von Golgatha als eine Erfüllung desjenigen, was in den alten Mysterienbüchern enthalten ist, zu erkennen. Nun wird man gerade mit einer solchen geistigen Auffassung des Christentums in der gegenwärtigen Zeit auch gegenüber manchen theologisch-historischen Ausführungen auf Widerspruch stoßen. Es wird eine solche Ausführung auch gerade von den modernsten Theologen vielleicht als historisch unbegründet angesehen werden; es soll ja gewissermaßen klar sein, daß die Evangelien im ersten Jahrhundert, oder wenigstens in den ersten zwei Dritteln des ersten Jahrhunderts, noch keine besondere Rolle gespielt haben. Und sogar theologische Vertreter des Christentums gibt es schon, welche anzweifeln, daß irgendein Beweis dafür erbracht werden könne, daß im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung Leute, auf die es ankommt, an die Person des Christus Jesus gedacht oder, wie man es nennen will, geglaubt haben.
[ 4 ] In my book Christianity As Mystical Fact, which appeared some years ago, I ventured to indicate a certain way in which one could approach the Mystery of Christ. This book (which in its new edition was one of the last books to be confiscated by the old régime in Russia) was a first attempt to interpret Christianity from a spiritual standpoint, a standpoint which in the course of centuries has been more or less lost to Christianity during its development in the West. Now I should like to emphasize one thing in particular, for this will determine whether the arguments advanced in my book are valid or not. In this book I have adopted a definite attitude towards the Gospels. I do not wish to enter into further details at the moment, for my point of view is explicitly stated in the book. But if I am justified in my point of view we shall have to assume that the origin of the Gospels is not nearly so late as contemporary Christian theology often assumes, but that an early date must probably be assigned to them. You know that from the standpoint of Spiritual Science the origins of the Gospel teaching are to be found in the ancient Mystery teachings. We must see the Mystery of Golgotha as a fulfilment of these ancient teachings. Now such a spiritual conception will run counter to the exegeses of modern historians and theologians who will regard it no doubt as historically unsound. Now it is fairly evident that the Gospels did not exercise any significant influence during the first century, or at least during the first two-thirds of this century. There are indeed Christian theologians today who doubt whether any evidence can be adduced that in the first century of the Christian era people of consequence thought of, or even believed in, the person of Jesus Christ.
[ 5 ] Nun, es wird sich immer mehr und mehr herausstellen, daß, wenn die nur scheinbar so sorgfältige Forschung der Gegenwart nach allen Seiten hin ausgreifen wird und nicht nur sorgfältig, sondern allseitig sein wird, dann gerade viele Bedenken der sorgfältigen Forschung zerfallen werden. Natürlich kann man heute über die Fragen, die sich ergeben aus gewissen Widersprüchen zwischen den christlichen Urkunden und den jüdischen Urkunden zum Beispiel, allerlei Schlüsse ziehen. Aber diesen Schlüssen steht das entgegen, daß die außerchristlichen Urkunden, das heißt die nicht offiziell als christlich anerkannten Urkunden, sehr wenig bekannt sind, und namentlich von christlichen Theologen wenig berücksichtigt werden. Ein großer Teil der NichtBerücksichtigung liegt eigentlich daran, daß man das Christentum und namentlich das Mysterium von Golgatha selbst nicht geistig genug aufgefaßt hat; daß man keinen rechten Begriff verbinden konnte mit der paulinischen Vorstellung, die da unterscheidet zwischen dem psychischen Menschen und dem pneumatischen Menschen. Nehmen Sie nur unsere elementarste Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Im Grunde genommen hat Paulus, der bekannt war mit alten Mysterienwahrheiten in ihrem atavistischen Charakter, mit seinem Unterscheiden des psychischen und des pneumatischen Menschen nichts anderes gemeint, als was wir in erneuerter Form wiederum meinen müssen, wenn wir von der Seele und vom Geiste als zwei Gliedern der menschlichen Natur sprechen. Aber gerade diese Unterscheidung des psychischen und pneumatischen Menschen, diese Unterscheidung von Seele und Geist, sie ist der abendländischen Betrachtung mehr oder weniger ganz abhanden gekommen. Man kann aber das Mysterium von Golgatha in seiner eigentlichen Wesenheit nicht betrachten, wenn man nicht Begriffe hat über den pneumatischen Menschen im Unterschied von dem psychischen Menschen.
[ 5 ] Now it will become increasingly evident that if the careful research of the present day broadens its scope and shows itself to be catholic as well as conscientious, then there will be an end to its many scruples. Of course it is possible to draw all kinds of conclusions from certain discrepancies between the Christian and Jewish records. But the fact that the Apocryphal Gospels, i.e. those not officially recognized by the Christian church, are very little known today and are virtually ignored, especially by Christian theologians, militates against these conclusions. The reason for this lack of recognition is that, to a large extent, Christianity, and especially the Mystery of Golgotha, are not apprehended with sufficient spirituality. There was no real understanding of the Pauline distinction between the psychic and the spiritual man. (Corinthians I, chap. XV, 44, 45.) Consider for a moment our division of man into body, soul and spirit, one of the fundamental conceptions of Anthroposophy. In reality, Paul who was familiar with the atavistic character of the truths of the ancient Mysteries implied the same as we imply today when we speak of soul and spirit as two members of human nature. This distinction between soul and spirit has virtually been lost in the West. But we cannot understand the real nature of the Mystery of Golgotha unless we have a clear understanding of the distinction between psychic man and spiritual man.
[ 6 ] Nun möchte ich zunächst nur einiges anführen, was ich in früheren Jahren auch schon angeführt habe, einiges, was Ihnen zeigen kann, daß man manches auch rein äußerlich Historische doch falsch sieht, namentlich da, wo man von der Leben-Jesu-Forschung spricht in der allerletzten Zeit. Ich will sagen, man spricht davon, daß die Evangelien spät entstanden sind. Ja, sehen Sie, dem kann auch manches rein Historische entgegengehalten werden. Dem kann zum Beispiel entgegengehalten werden, daß der Rabbi Gamaliel II. im Jahre 70 des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung einen Prozeß hatte. Bei diesem Prozeß handelte es sich um folgendes. Der Rabbi Gamaliel II. war der Sohn des Rabbi Simeon, welcher der Sohn war des Gamaliel, desjenigen Gamaliel, dessen Schüler Paulus war; und jener Gamaliel II. hatte eine Schwester, und mit dieser Schwester kam er in einen Erbschaftsprozeß. Sie wurden vor den Richter geführt, und der Richter war ein dem Christentum geneigter Römer, vielleicht auch ein dem Christentum geneigter Jude, das ist schwer festzustellen. Nun machte Gamaliel geltend, daß er alleiniger Erbe sei, weil nach dem mosaischen Gesetze Töchter nicht erben können. Da wandte der Richter ein: Seit ihr Juden euer Land verloren habt, gilt nicht mehr die Thora Mosis, sondern es gilt das Evangelium und nach dem Evangelium muß auch die Schwester erben. — Da war zunächst nichts zu machen auf geradem Wege. Doch was geschah? Gamaliel II., der nicht nur erbschaftssüchtig, sondern auch schlau war — man würde heute sagen: er stellte den Antrag auf Vertagung des Prozesses. Und das kam auch zustande. Der Prozeß wurde zunächst vertagt, und Gamaliel II. bestach in der Zwischenzeit den Richter. Bei der zweiten Verhandlung stand er also vor dem bestochenen Richter, und der entschied nun anders und sagte: Ja, er habe sich beim ersten Prozeß geirrt. Es sei zwar das Evangelium auf solche Prozesse anzuwenden, aber im Evangelium stünde, daß nicht aufgehoben werden solle durch das Evangelium die Thora Mosis. Und dabei wird zur Bekräftigung zitiert der Vers, der heute bei Matthäus 5., Vers 17 steht vom Nichtaufheben des Gesetzes in der Fassung, die er auch heute hat, selbstverständlich mit den Abweichungen, die sich ergeben aus der griechischen Sprache und derjenigen Sprache, in der damals das Evangelium vorhanden war, als im Jahre 70 dieser Richterspruch gefällt wurde. Aber bei diesem Richterspruch wird einfach von dem Matthäus-Evangelium gesprochen, und der Talmud, der diese Dinge mitteilt, redet wie von etwas ganz Selbstverständlichem von diesem Matthäus-Evangelium.
[ 6 ] Now first of all I should like to cite an example (which I also referred to some years ago), in order to show you that the facts of external history are often falsely interpreted, especially in relation to the recent investigations into the life of Jesus. I refer to the generally accepted view that the Gospels are of late provenance.2The dating of the Synoptic Gospels by Protestant theologians is as follows: Matthew, A.D. 70–75; Mark, circa A.D. 65; Luke, A.D. 50–55; and John, post A.D. 100. Roman Catholic theologians give the following dates: Matthew, post A.D. 70; Mark, A.D. 65–75; Luke, A.D. 70–80; John, A.D. 100. Now many objections can be raised against this view on purely historical grounds. It can be shown, for example, that in the year A.D. 70 Rabbi Gamaliel II was involved in a lawsuit with his sister over an inheritance. Rabbi Gamaliel II was the son of Rabbi Simeon who was the son of that Gamaliel of whom Paul was a pupil. The case came before a judge and it was difficult to determine whether the judge was a Roman with leanings towards Christianity, or perhaps a Jew with leanings towards Christianity. Now Gamaliel pleaded that he was the sole heir because, according to the Mosaic law, daughters could not inherit. The judge demurred: “Since you Jews have lost your country the Thora is no longer valid; only the Gospel is valid, and according to the Gospel a sister can also inherit.” There was no straightforward solution. What happened? Gamaliel II was not only covetous, but also cunning. He requested an adjournment of the proceedings. This was granted and in the interval he bribed the judge. At the second trial he appeared before the same judge who reversed the verdict. The judge confessed that at the first trial he had erred, that the Gospel could indeed apply to such cases, but did not annul the Mosaic law. And to confirm this he quoted Matthew V, 17, in the version which we have today, but with the textual variations arising from the Greek text and the Aramaic text of the Gospel which existed at the time when this judgement was pronounced in the year A.D. 70. In his ruling the judge quoted the Matthew Gospel, whilst the Talmud which recounts the story takes the Matthew Gospel for granted.
[ 7 ] So könnte gar mancherlei angeführt werden, was zeigen würde, daß man bei einer Erweiterung der ja sonst sehr sorgfältigen Forschung auch rein äußerlich historisch nicht auf einem so ganz sicheren Boden steht, wenn man nicht die Entstehung der Evangelien weit zurückversetzt. Auch die äußere historische Forschung wird durchaus einmal dasjenige rechtfertigen, was ja aus ganz anderen, nämlich aus rein geistigen Quellen heraus die Unterlage meines Buches «Das Christentum als mystische Tatsache» bildet.
[ 7 ] It would be possible to adduce considerable evidence to show that there is no reliable historical evidence for not assigning an early date to the Gospels. Historical research will one day vindicate completely the evidence from purely spiritual sources which forms the basis of my book Christianity As Mystical Fact.
[ 8 ] Nun birgt tatsächlich alles dasjenige, was Bezug hat auf das Mysterium von Golgatha, auch für die heutige Zeit noch tiefste Geheimnisse, die sich lösen werden, wenn geisteswissenschaftliche Anschauung immer weiter und weiter vorschreiten wird. Viele Dinge können die Menschen heute darauf hinweisen, daß die Fragen doch nicht so einfach liegen, wie man sie gerade heute sehr häufig sich vorstellt. So berücksichtigt man zum Beispiel heute wenig das Verhältnis des damaligen Judentums zu den Anschauungen über den Christus Jesus für das erste christliche Jahrhundert. Es gibt Theologen, welche gewisse jüdische Schriften studieren, um mancherlei zu zeigen. Allein man kann leicht nachweisen, daß diese jüdischen Schriften, auf die so manches gestützt wird, im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung noch gar nicht vorhanden waren. Aber eines scheint auch historisch durchaus nachweisbar zu sein: das ist, daß im ersten Jahrhundert, namentlich im zweiten Drittel des ersten Jahrhunderts, ein gutes, ein verhältnismäßig gutes Verhältnis bestanden hat zwischen dem Judentum und dem Christentum, wenn man das Wort für jene Zeit schon gebrauchen will; daß im allgemeinen, wenn gewisse aufgeklärte Juden der damaligen Zeit in Diskussionen kamen mit Anhängern des Christus Jesus über gewisse Fragen, es nicht allzu schwierig war, eine Übereinstimmung der Anschauungen herzustellen. Man braucht dabei nur zu erinnern an solche Fälle, wie etwa, daß der berühmte Rabbi Elieser kennenlernte um die Mitte des ersten Jahrhunderts einen gewissen Jakob — wie er ihn nennt —, welcher sich dazu bekannte, ein Schüler Jesu zu sein, und der heilte auf den Namen des Christus Jesus. Der berühmte Rabbi Elieser besprach sich mit jenem Jakob, und er kam im Gespräch dazu zu sagen: Eigentlich ist es durchaus nicht gegen den inneren Geist des Judentums, was da dieser Jakob sagt, und namentlich nicht, daß er auf den Namen Jesu Kranke heilt.
[ 8 ] Now everything relating to the Mystery of Golgotha conceals the most profound mysteries for the present age. These mysteries will be resolved with the progressive advance of Spiritual Science. There are many pointers which indicate that these questions are not so simple as people fondly imagine today. For example, the relationship between Judaism and primitive Christianity in the first century of our era is virtually ignored. There are theologians who study certain Jewish writings in order to find evidence for their various theories. But one can easily demonstrate that these Jewish writings on which they rely did not exist in the first century. One thing appears to be demonstrable historically, namely, that in the second third of the first century a relatively harmonious relationship existed between Judaism and Christianity—in so far as one can speak of Christianity at that period. Generally speaking, when enlightened Jews discussed certain questions with the followers of Jesus Christ they easily arrived at an understanding. One need only recall the case of the celebrated Rabbi Elieser who made the acquaintance of a certain Jacob (as he calls him) towards the middle of the first century. The latter admitted to being a disciple of Jesus and had healed in His name. Rabbi Elieser conferred with the aforesaid Jacob and declared in the course of the conversation that what Jacob had said, and especially the fact that he had healed the sick in the name of Jesus, was in no way contrary to the spirit of Judaism.
[ 9 ] Man kann nun sehen, daß diese mehr oder weniger vorhandene leichte Übereinstimmbarkeit der älteren Zeit namentlich gegen das Ende des ersten Jahrhunderts schwindet; daß mit anderen Worten auch aufgeklärte Juden furchtbare Gegner, Hasser alles Christlichen werden. Und so kam es auch, daß, als im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die ja heute für wichtig geltenden jüdischen Schriften verfaßt wurden, in die Abfassung dieser jüdischen Schriften eine ganz andere Stimmung hereinkam, als eigentlich gerade im Judentum mit Bezug auf das Christentum im ersten Jahrhundert vorhanden war. Man kann die Dinge wirklich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt so verfolgen, daß man sieht: ein gewisser Haß des Christentums bildet sich besonders im Judentum erst heraus. Damit geht Hand in Hand ein Umschwung im Judentum selber. Man kann eigentlich sagen: Wenn auch die heutigen Vertreter des Judentums das Alte Testament natürlich kennen in ihrer Art, aber nicht kennen dasjenige, was zur Zeit des Mysteriums von Golgatha im Judentum außerdem noch gelebt hat, so verkennen auch sie vielfach dasjenige, um was es sich der Hauptsache nach bei einer wirklich geschichtlichen Betrachtung eigentlich handelt. Man muß sich klar sein darüber, daß das Alte Testament auch noch im ersten christlichen Jahrhundert ganz anders gelesen worden ist, als es heute auch von den gelehrtesten jüdischen Rabbinern gelesen werden kann. Besonders seit dem neunzehnten Jahrhundert ist die Möglichkeit des Lesens alter Schriften mehr oder weniger verlorengegangen. Denn bei gewissen Dingen, die sogar noch im achtzehnten Jahrhundert als eine geheime Tradition an alten atavistischen Hellseher-Wahrheiten vorhanden waren, wußte sich der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts schon gar nichts mehr vorzustellen. Und der heutige Mensch weiß sich nichts anderes mehr vorzustellen, als daß er diejenigen, die von solchen Dingen sprechen, auch wenn sie der früheren Zeit angehören — nun, für verwirrte Köpfe hält!
[ 9 ] Now this relatively easy harmony between Christian and Jew peculiar to earlier times came to an end towards the close of the first century. From that time even enlightened Jews became implacable enemies of everything Christian. The Jewish texts which are held to be of importance today date from the second century and testify to a growing discord between Christian and Jew. As we follow the deterioration of this relationship we see how a hatred of Christianity first emerged in Judaism and was associated with a progressive transformation within Judaism itself. Although the modern Hebrew scholars are versed in the Old Testament from their own standpoint, they are unaware of other forces that were still active in Judaism at the time of the Mystery of Golgotha and so frequently failed to grasp the major issues with which a serious historical investigation of this period is concerned. We must realize that in the first century the learned Jewish Rabbis gave a totally different interpretation of the Old Testament from that which is given today. Since the nineteenth century the capacity to interpret ancient texts has largely been lost. Certain things which still existed even in the eighteenth century as a sacred tradition in the form of truths derived from the old atavistic clairvoyance, no longer had any meaning to nineteenth-century man. Those who speak of such matters today, even when they refer to a much earlier epoch, are regarded as addlepated!
[ 10 ] Ich habe Sie das letzte Mal aufmerksam gemacht auf ein bedeutsames Buch, auf das Buch «Des erreurs et de la vérité» von Saint-Martin. Dieses Buch ist ja gewiß ein Spätprodukt seiner Art, insofern ein Spätprodukt seiner Art, als es aus schon recht schattenhaft gewordenen Traditionen von alten Einsichten heraus spricht, aber eben doch noch aus diesen Traditionen heraus spricht. Nun habe ich Ihnen schon neulich mancherlei angeführt aus diesem Buche, bei dem der moderne Mensch nicht recht etwas sich denken kann. Aber wenn man nun folgende Anschauung nimmt, die sich bei Saint-Martin findet, so wird man erst recht sehen, wie bei Saint-Martin eben Dinge leben, die dem modernen Menschen, wenn man sie nicht als Dichtung nehmen darf — und als Dichtung nimmt man ja heute ungefähr alles —, der hellste Wahnsinn sind. So gibt Saint-Martin die Andeutung, daß das Menschengeschlecht, wie es jetzt ist, aus einem alten, uralten Zustand heruntergesunken ist in den gegenwärtigen Zustand. Mit einer gewissen Abstraktheit lassen sich ja das heute manche Menschen, die nicht auf die materialistische Weltanschauung schwören, noch gefallen, daß man das heutige Menschengeschlecht zurückverfolgt in ältere Zeiten, in denen es gewissermaßen mit einem Teil seines Wesens höher stand. Es gibt ja immerhin, trotz der materialistischen Färbung des Darwinismus, die da annimmt, daß der Mensch sich bloß von der Tierheit herauf entwickelt hat, noch andere Menschen, die der Meinung sind, daß der Mensch von einer gewissen Ursprungshöhe, in der es ja, wie ich ausgeführt habe, göttliche Urtraditionen gegeben hat, heruntergestiegen sei. Aber wenn es über dieses Abstrakte hinausgeht und zu solchen konkreten Behauptungen kommt, wie sie bei Saint-Martin sich finden, und bei Saint-Martin nur deshalb sich finden, weil sie an uralte Traditionen anknüpfen aus der alten Hellseherzeit, dann, ja dann kann sich eben der moderne Mensch bei solchen Dingen gar nichts mehr vorstellen.
[ 10 ] In my last lecture I drew your attention to an important book Des Erreurs et de la Vérité by Saint-Martin.3Louis Claude de Saint-Martin (1743–1803). Under the pseudonym of “The Unknown Philosopher” wrote on occultism and mysticism. Influenced by Pasqually, Swedenborg and Boehme. Alleged to have founded a Martinist Rite, a modification of the Rite des Elus Coëns. Was a firm opponent of the prevailing materialism of his day and emphasised the need for faith and good works. In later life withdrew from Lodge activities into mysticism. This book is undoubtedly a late product of its kind since it is inspired by ancient traditions which are now outmoded. None the less it still speaks from out of these traditional insights. I have recently quoted to you several extracts from this book which modern man is at a loss to understand. But if we accept the point of view of Saint-Martin we shall find that his book presents certain ideas which seem absurd to modern man, unless we are prepared to regard them as pure fantasy—and today almost everything of this nature is regarded as fantasy. Saint-Martin suggests that the human race has fallen from spiritual heights to the world of terrestrial existence. Today, many who are not confirmed materialists are still willing to tolerate theoretically the idea that the present human race can be traced back to a far-distant time when, with a certain part of its being, it stood at a far higher level than at the present time. Despite the materialistic character of Darwinism which assumes that man is descended from animal ancestry, there are others however who believe in his divine origin where he was originally in touch with divine traditions. But when we pass from these abstract notions to the concrete statements of Saint-Martin, statements which are found in Saint-Martin only because they are associated with primeval traditions from the ancient epoch of clairvoyance, we discover that modern man is at a loss to understand them.
[ 11 ] Was soll sich denn der heutige Mensch, der seine Chemie, seine Geologie, seine Biologie, Physiologie und so weiter von Grund aus kennt und auch jenes merkwürdige Gebilde, das man heute Philosophie nennt, in sich aufgenommen hat, was soll er sich denn vorstellen, wenn Saint-Martin sagt: So wie das Menschengeschlecht heute ist, so ist es erst nach dem Fall geworden; es war ursprünglich ganz anders. Der Mensch hatte ursprünglich eine Art undurchdringlicher Rüstung. Diese Rüstung ist ihm verlorengegangen. Sie gehörte ursprünglich zu seiner organischen Wesenheit. Mit dieser Rüstung konnte er den großen Streit bestehen, der ihm eigentlich auferlegt war in der Urzeit. Und es hatte der Mensch in der Urzeit eine eherne Lanze. Diese eherne Lanze konnte so verwunden, wie Feuer verwundet. Und mit dieser ehernen Lanze konnte der Mensch jenen Streit bestehen gegen ganz andere als menschliche Wesen, der ihm auferlegt war in jener Zeit. Und es hatte der Mensch zu seiner Verfügung an jenem Orte, wo er ursprünglich war, sieben Bäume. Jeder dieser Bäume hatte 16 Wurzeln und 490 Zweige. Diesen Ort hat der Mensch verlassen. Er ist heruntergesunken.
[ 11 ] What can the man of today who has a thorough knowledge of chemistry, geology, biology and physiology, etc. and who has also assimilated that curious amalgam called philosophy—what can such a man think when he learns from Saint-Martin that our present human condition is the consequence of the “Fall”. Originally the human race had been differently constituted. Man, according to Saint-Martin, was originally equipped with a crossbow and a coat of mail. Thanks to the coat of mail he was able to prove himself in the hard struggle which was his lot. He has now lost the coat of mail which was originally part of his organism. He was also armed with a lance of bronze which could inflict wounds like fire. With this lance he could overcome elementary beings in the spiritual battle which faced him. And in the place where he originally dwelt he had seven trees at his disposal and each of these trees had 16 roots and 490 branches. He has now forsaken his former dwelling; he has fallen from his high estate.
[ 12 ] Ich glaube nicht, daß man vom modernen Menschen für noch vollsinnig angesehen würde, wenn man dasselbe täte, was Saint-Martin ganz zweifellos tat: für diese seine Anschauung eine so vollwertige Realität zu verlangen, wie der Geologe sie für die schönen Konstruktionen, die er für die Urzeit macht, verlangt. Man müßte schon mit allerlei abstrakten Allegorien oder Symbolen kommen, dann würde einem die Geschichte ein bißchen verziehen werden. Aber das meint Saint-Martin nicht, sondern Saint-Martin meint Wirklichkeiten, die ursprünglich da waren. Es war natürlich für Saint-Martin notwendig, daß er für gewisse Dinge, die damals vorhanden waren, als die Erde in ihrem Ursprung noch geistiger war als später, Imaginationen wählte. Allein Imaginationen sind Darstellungen von Wirklichkeiten; man darf sie nicht symbolisch auslegen, sondern man muß sie in ihrem imaginativen Inhalte nehmen, wie sie sind. — Ich wollte dies anführen, nicht um auf diese Sache jetzt einzugehen, sondern nur um Ihnen zu zeigen, wie grundverschieden noch im achtzehnten Jahrhundert die Sprache war, in der solch ein Buch wie «Des erreurs et de la vérité» geschrieben ist, von der Sprache, die man heute als die allein wirkliche gelten lassen will. Diese Art zu lesen, die man bei Saint-Martin noch findet, die ist eben wirklich ausgestorben.
[ 12 ] If one were to claim for these views the same validity and reality as the geologist claims for his theories about primeval ages, I doubt if he would be considered to be in his right mind. One need only come along with all kinds of symbols and allegories and people are satisfied. But Saint-Martin was not speaking symbolically; he was speaking of realities which he believed had really existed. Of course in describing certain things which existed when the Earth in its original state was more spiritual than in later times, he had to appeal to “Imaginations”. But “Imaginations” represent realities; they should not be interpreted symbolically. Their imaginative content must be accepted at its face value. I mention this in passing. I cannot at the moment enter into details. I only wish to show the radical difference between the language of the eighteenth century in which a book such as Des Erreurs et de la Vérité was written and the language which alone passes current today. The style and idiom of Saint-Martin have completely died out.
[ 13 ] Aber da zum Beispiel das Alte Testament in seiner Tiefe nur gelesen werden kann, wenn man entweder noch oder wieder beherrscht gewisse Dinge, die mit den imaginativen Vorstellungen zusammenhängen, so können Sie begreifen, daß insbesondere mit dem neunzehnten Jahrhundert die Möglichkeit verlorengegangen ist, das Alte Testament zu lesen. Aber je weiter man zurückgeht, desto mehr findet man, daß tatsächlich gerade im Judentum lebendig war zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, neben dem äußeren Alten Testament dasjenige, was man nennen kann eine Mysterienanschauung, eine wirkliche Mysterienanschauung. Und vieles in dieser Mysterienanschauung bestand eben darin, daß sie einem die Möglichkeit gab, das Testament in der richtigen Weise zu lesen. Nun liegt keine Möglichkeit vor, das Testament in der richtigen Weise zu lesen, wenn man es nicht in seinen Behauptungen nimmt auf dem Hintergrund von geistigen Tatsachen.
[ 13 ] Since the Old Testament, for example, can only be understood if we are conversant with certain things which are related to imaginative conceptions, it is clear that in the nineteenth century especially the possibility of understanding the Old Testament has been lost. But the further back we go the more we find that at the time of the Mystery of Golgotha there existed in Judaism, in addition to the exoteric Scriptures of the Old Testament, a genuine esoteric doctrine. It is to this esoteric doctrine that must be attributed in large measure the possibility of interpreting the Old Testament in the right way. Now it is impossible to interpret the Bible in the right way unless we evaluate its statements against a background of spiritual facts.
[ 14 ] Am abgeneigtesten gerade der besonderen Färbung der jüdischen Geheimlehre war nun zur Zeit des Mysteriums von Golgatha das Römertum. Und, man kann sagen, es hat vielleicht größere Gegensätze kaum gegeben in der Erdenentwickelung, als den Gegensatz zwischen Römertum und der in Palästina von den Eingeweihten behüteten Mysterienanschauung. Doch darf man natürlich diese Mysterienanschauung, die in Palästina lebte, nicht so nehmen, wie sie damals in Palästina lebte, denn man würde dann nicht in ihr das Christentum finden, sondern nur etwas wie eine prophetische Vorverkündigung des Christentums. Aber auf der anderen Seite ist doch dasjenige, was im Christentum pulsiert hat, nur dann verständlich, wenn man es auf dem historischen Hintergrund der in Palästina vorhandenen Mysterienlehre anschauen kann. Diese Mysterienlehre war aber nun voll von Geheimnissen über den pneumatischen Menschen, war voll von demjenigen, was die menschliche Erkenntnis darauf hinweist, den Weg zu suchen in die geistige Welt hinein. Vieles von dem, was in dieser Geheimlehre lebte, lebte mehr oder weniger in Verzweigungen auch in den griechischen Mysterien. Aber wenig lebte davon in den römischen Mysterien. Das Römertum konnte nicht brauchen gerade den Grundnerv der palästinensischen Mysterien. Diesen Grundnerv konnte es nicht brauchen, denn das Römertum entwickelte ein solches Zusammensein der Menschen, eine solche besondere Art des menschlichen Zusammenseins, die nur bestehen kann, wenn man sich um den pneumatischen Menschen nicht kümmert. Das ist das eigentliche Geheimnis der römischen Geschichte, daß in dieser römischen Geschichte begründet werden sollte ein Zusammenleben der Menschen, durch welches der pneumatische Mensch mehr oder weniger ausgeschaltet wurde. Es sollte etwas begründet werden, demgegenüber es keinen Sinn hat, vom Menschen in seiner dreigliedrigen Wesenheit zu sprechen: Leib, Seele und Geist. Je weiter man zurückgeht, desto mehr sieht man, daß gerade die in den alten Zeiten vorhandene Auffassung des Mysteriums von Golgatha basiert, begründet ist auf dieser Unterscheidung des Gesamtmenschen in Leib, Seele und Geist, wie Paulus eben noch durchaus vom psychischen und pneumatischen Menschen spricht, vom seelischen und geistigen Menschen. Aber das mußte im höchsten Maße Anstoß erregen gegenüber allen Empfindungen, die ein Römer hatte. Und damit ist auch der Grund für vieles ausgesprochen, was in der Folgezeit eintrat.
[ 14 ] At the time of the Mystery of Golgotha it was Romanism that was most averse to this particular aspect of the Jewish Mysteries. There has hardly ever been perhaps in the history of the world a more deep-seated antagonism than between the spirit of Rome and the Mystery tradition preserved by the initiates of Palestine. We must not, of course, regard the Mystery tradition as it existed in Palestine at that time as Christian, but only as a prophetic prefiguration of Christianity. On the other hand, however, we can only comprehend the ferment within Christianity when we see it against the historical background of the Mystery teachings of Palestine. This Mystery teaching was full of hidden knowledge about the “spiritual man” and provided ample indications of how human cognition could find a path to the spiritual world. Ramifications of this Mystery teaching were also to be found to some extent in the Greek Mysteries and to a lesser extent in the Roman Mysteries. The essence of the Palestinian Mysteries found no place in Romanism, for Rome had evolved a special form of community or social life which was only possible if the spiritual man was ignored. The key to Roman history therefore is to be found in the establishment of a community life under Rome that more or less excluded the spirit. In such a society it would be meaningless to speak of the threefold division of man into body, soul and spirit. The further back we go the more we realize that the understanding of the Mystery of Golgotha in ancient times depended upon this tripartite division of man into body, soul and spirit. Paul for his part spoke of the psychic man and the spiritual man. But this was bound to offend Roman susceptibilities and explains much that followed later.
[ 15 ] Sie wissen ja: Jene Anschauung, welche heute nicht mehr brauchbar ist, aber dazumal retten wollte die Gliederung des Menschen und der Welt überhaupt in Leib, Seele und Geist, ist die Gnosis. Sie wurde in der Weiterentwickelung mehr oder weniger vollständig ausgeschaltet, richtig ausgeschaltet, zurückgedrängt, so daß die Gnosis ganz verschwindet. Ich will gar nicht sagen, daß sie sich hätte erhalten sollen, sondern ich will nur die geschichtliche Tatsache feststellen, daß die Gnosis noch den Ausblick enthält auf eine geistige Auffassung des Mysteriums von Golgatha und zurückgedrängt wird. Es ergibt sich nun eine sehr eigentümliche Entwickelung: es ergibt sich, daß das Christentum immer mehr und mehr hineinfließt in das römische Wesen. Aber in demselben Maße, in dem es hineinfließt in das römische Wesen, wird es mit Bezug auf sein Verhältnis zum pneumatischen Menschen von diesem römischen Wesen nicht verstanden. Und es erregte immer mehr und mehr Anstoß, daß gewisse gnostische Vertreter des Christentums noch immer sprachen von Leib, Seele und Geist. Man versuchte in den Kreisen, in denen das Christentum auf römische Art offiziell geworden ist, immer mehr und mehr zu kaschieren, zu unterdrücken den Geist, den Begriff des Geistes. Man hatte das Gefühl, man solle den Menschen nicht auf den Geist hinweisen, denn dadurch könnten alle die Anschauungen — so glaubte man — wieder aufleben von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist.
[ 15 ] Now you know that the doctrine which is outmoded today but which in the early centuries sought to preserve the threefold division of man and the cosmos was Gnosticism.4Gnosticism. The word is derived from the Greek gnosis—knowledge. The name “Gnostics” is used to designate widely different sects which flourished in the second and third centuries. They speculated on problems of human destiny and professed to teach a knowledge of God and man. Our knowledge of Gnosticism was for long confined to criticisms by its opponents: Justin, Irenaeus, Clement of Alexandria, Origen, Eusebius, St. Epiphenius and others. The leading exponents of Gnosticism were the Ophites, Simon Magnus, Carpocrates, Basildes, Marcion and Valentinus. Many documents are lost or were destroyed as heretical. Today our knowledge is based upon the Pistis Sophia (fourth century), the Bruce Codex (fifth century), the Codex Berulensis (now lost), the Manichaean writings found at Turfan in Chinese Turkistam (early in this century), the Dead Sea Scrolls and the Gnostic writings in Coptic translation discovered in 1945 at NagHammadi in Egypt, the ancient Chenoboskion. Valuable for further study are: The Gnostics and their remains, ancient and mediaeval, C. W. King, 1887, with descriptive plates of talismans, gems, sigils, etc; The Secret Book of the Egyptian Gnostics, Jean Doresse (from the French), 1960. Very important: The Gnostic Religion, Hans Jonas, Paperback 1963.
In Zeitgeschichtliche Betrachtungen, Erster Teil, lectures VIII and IX, Dr. Steiner tells us that Gnosis was a wisdom knowledge, a “survival of ancient wisdom derived from the old clairvoyant insight into the spiritual world. It was suppressed by dogmatic Christianity from motives of hostility to Mystery wisdom, for Gnosis declared that Christ had descended upon earth through the realms of the spiritual Hierarchies and incarnated in the physical body of Jesus which had been prepared for 30 years to receive the Christ Being.” In later centuries Gnosticism was proscribed and finally suppressed so that it disappeared completely. I do not say that it ought to have survived; I simply wish to register the historical fact that Gnosticism held promise of a spiritual conception of a Mystery of Golgotha and was ultimately suppressed. Events now took a strange turn. Roman traditionalism was increasingly influenced by Christianity and the further this influence penetrated the less Rome understood its relationship to the “spiritual man”, and certain gnostic Christians gave increasing offence by continuing to speak of body, soul and spirit. In circles where Catholic Christianity had become the official religion there were repeated attempts to suppress the idea of the spirit. They felt that all reference co the spirit should be ignored, otherwise the old ideas of the tripartite division of man might revive again.
[ 16 ] Und so ging denn die Entwickelung weiter. Und wenn man die ersten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung wirklich genau betrachtet, dann findet man, daß vieles, was gewöhnlich anders erklärt wird, dadurch sich im rechten Lichte darstellt, daß man weiß: Es ist dem römisch werdenden Christentum immer mehr und mehr darum zu tun, den Begriff des Geistes völlig verschwinden zu lassen. Unendlich viele Gewissensfragen, Erkenntnisfragen, gewinnen erst dadurch das rechte Licht, wenn man auf dieses Bedürfnis des europäisch gewordenen Christentums eingeht, den Geist abzusetzen. Und diese Entwickelung führt ja zuletzt dahin, daß in dem achten ökumenischen Konzil in Konstantinopel 869 eine Formel, ein Dogma aufgestellt wird, das vielleicht in seinem Wortlaut noch nicht so klar spricht, das aber dann dazu geführt hat, so ausgelegt zu werden, daß es unchristlich sei, von Leib, Seele und Geist zu sprechen; daß es einzig und allein christlich sei, nur zu sagen, der Mensch bestehe aus Leib und Seele. Das achte ökumenische Konzil hat zunächst die Sache nur so dargestellt, daß die Formel lautete: Der Mensch hat eine denkende und eine geistige Seele. Um vom Geiste nicht als besonderer Wesenheit sprechen zu müssen, wurde die Formel geprägt: Der Mensch hat eine vorstellende und eine geistige Seele. Aber alles lief darauf hinaus, den Geist herauszudrängen aus der Weltanschauung.
[ 16 ] So matters pursued their course. When we make a careful study of the early Christian centuries we find that many problems that are usually accounted for in other ways are seen in their true light when we realize that, as Christianity fell increasingly under the influence of Rome, the avowed object of Rome was progressively to eliminate the idea of the spirit. When we recognize that Western Christianity had of necessity to dethrone the spirit, innumerable questions of conscience and of epistomology are resolved. And this development ultimately led to the eighth Ecumenical Council of 869.5The eighth Ecumenical Council or the fourth Council of Constantinople, 869, condemned Photius who was responsible for the Greek schism (see filioque). A note in the German edition says that it was the abuse of the Pauline distinction between the “psychic” man and the “spiritual” man which decided the Church of Rome to reject the idea of trichotomy. This Council laid down a dogma according to which it was contrary to Christianity to speak of body, soul and spirit, but truly Christian to speak of man as consisting of body and soul alone. The actual wording may not have been quite so explicit, but was later interpreted in this way. At first the Council simply stated that man possessed an intellectual soul and a spiritual soul. This formula was coined to avoid any reference to the spirit as a special entity, for the avowed object of the Council was to suppress all knowledge of the spirit.
[ 17 ] Mit diesem ist vieles verknüpft, was die Leute nicht wissen. Unsere heutigen Philosophen stellen noch immer ihre Betrachtungen so an, daß sie untersuchen auf der einen Seite das Leibliche, auf der anderen Seite das Seelische. Wenn Sie diese Leute, zum Beispiel Wundt oder ähnliche Köpfe, fragen würden, worauf das beruht, so würden sie selbstverständlich glauben, daß das auf Wirklichkeiten beruht, auf einer wirklichen Beobachtung, die darauf hinausgeht, daß es keinen Sinn habe zu sprechen von Leib, Seele und Geist, sondern bloß vom Leib, der nach außen gerichtet ist, und von der Seele, die nach innen gerichtet ist. Was würde so ein Wundt anderes sagen als: Das ergibt ja selbstverständlich die Anschauung! — Er hat keine Ahnung davon, daß das alles die Folge ist von dem, was das achte ökumenische Konzil festgelegt hat. Die Philosophen der Gegenwart sprechen noch immer nicht vom Geiste, denn sie folgen dem Dogma des achten ökumenischen Konzils. Warum eigentlich, wenn auch nicht mit deutlichen Worten, die modernen Philosophen den Geist abschwören, das wissen sie wahrhaftig ebensowenig, wie die römischen Kardinäle gewußt haben, auf was sie eigentlich schwören, als sie geschworen haben zu bewahren den Schatz, der längst nicht mehr da war. Die fortzeugenden Dinge in der Geschichte, die wirklichen Kräfte, die berücksichtigt man oftmals eben so furchtbar wenig. Und so kann man heute als unwissend gelten, wenn man nicht zustimmt der «voraussetzungslosen» Wissenschaft — wie man es nennt —, daß der Mensch nur aus Leib und Seele bestünde, bloß weil diejenigen, die die voraussetzungslose Wissenschaft vertreten, nicht wissen, daß die Voraussetzung dazu die Festsetzungen des achten ökumenischen Konzils im Jahre 869 sind. Und so ist es mit sehr, sehr vielen Dingen. Man möchte sagen: Dieses achte Konzil ist zu gleicher Zeit ein wichtiges Fenster, durch das man hineinschauen kann in ein gutes Stück abendländischer Entwickelung.
[ 17 ] This decree had unforeseen consequences. Contemporary philosophers begin their investigations by studying body and soul as if they were independent entities. If you were to ask, for example, a man like Wundt, on what grounds he accepted only the dichotomy of man, he would reply in good faith that it was on factual grounds since, from the evidence of direct observation, there was no sense in speaking of body, soul and spirit, but only of the body which looks outward and of the soul which looks inward. This is self-evident, he would reply. He had no idea that this was the consequence of the decree of the eighth Ecumenical Council. Even today philosophers do not mention the spirit. They follow the dogma laid down by the eighth Ecumenical Council. Precisely why they deny the spirit, though not openly, they do not know, any more than the Roman Cardinals knew what they were swearing to when they took an oath to preserve intact the fund which no longer existed. The real creative forces of history are all too seldom taken into consideration. Today anyone who rejects the conclusion of “unprejudiced science”, as it is called, which maintains that man consists of body and soul alone, is decried as an ignoramus, simply because the scientists themselves are unaware that their assumptions are based on the decrees of the Council of 869. And so it is with many other things. This Council is important because it sheds considerable light upon the evolution of Western thought.
[ 18 ] Sie wissen ja, daß ein tiefer Riß durch die abendländische Entwickelung geht mit Bezug auf die Spaltung in diejenigen Religionsformen, die heute in der russisch-orthodoxen Kirche fortleben, und diejenigen Religionsformen, die in der römisch-katholischen Kirche fortleben oder die von ihnen herausentwickelt sind. Rein dogmatisch genommen — natürlich liegen hinter diesen Dingen andere, viel tiefergehende Impulse —, aber rein dogmatisch genommen, gehört zu dem Unterschiede, wie Sie wissen, das ja berühmte «filioque». Die römisch-katholische Kirche erkennt nach dem späteren Konzil — die russische Kirche erkennt ja nur die ersten sieben Konzilien an — die Formel an, daß der Heilige Geist ausgehe, wie man sagt: «sowohl vom Vater wie vom Sohn»; nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohn. Das wurde ja von Konstantinopel aus als ketzerisch erklärt. Die russische Kirche — wie gesagt, dahinter liegen viel tiefere Impulse, aber das soll heute nur konstatiert werden — erkennt an, daß der Heilige Geist vom Vater ausgeht. — Die große Verwirrung in bezug auf dieses Dogma hat natürlich nur dadurch entstehen können, daß man überhaupt über den Begriff des Geistes in Verwirrung kam, daß man den Begriff des Geistes nach und nach überhaupt ganz verlor. Allerdings hängt das ja zusammen damit, daß gegen die fünfte nachatlantische Kulturperiode herauf der Mensch eine Zeitlang von der Anschauung des Geistes ausgeschlossen sein sollte. Gegenüber dieser Wahrheit ist dasjenige, was da geschah, man möchte sagen, das an der Oberfläche sich abspielende Spiegelbild. Aber man muß doch dasjenige, was in diesem Spiegelbild liegt, durchschauen, wenn man zu einer gültigen wirklichkeitsgesättigten Anschauung kommen will.
[ 18 ] You know that Western Christendom was deeply divided by the schism between the Eastern Church and the Church of Rome on doctrinal questions which still divide them today. The dogmatic ground of dissension—for which, of course, there are other, deep-seated motives—stemmed from the famous question of filioque.6Filioque controversy. Filioque (“and the Son”) was an addition by the Western Church to the Constantinopolitan Creed, namely, that the Holy Ghost proceeds from the Father and the Son (called the double Procession of the Holy Ghost). This was the origin of the Greek schism and the chief ground of attack upon the Church of Rome by the Orthodox Church, which follows the Byzantine rite. Photius refused to accept the insertion of filioque in the Nicene Creed and the Photian schism finally triumphed in the Orthodox Church. The addition of filioque was first met with at the third Council of Toledo 589, and was defended by Patriarch Paulinus at the Synod of Friuli 796. When introduced into the monastery at Jerusalem by Frankish monks in 847 it met with immediate opposition from Eastern monks. It was adopted at Rome after A.D. 1000 and declared to be a dogma of faith in the fourth Lateran Council 1215. In a later Council (the Orthodox Church recognized only the first seven Councils) the Latin Church recognized the double Procession, namely, that the Holy Ghost proceeds from the Father and the Son. This was declared to be heretical by the Eastern Church which maintained that the Holy Ghost proceeds only from the Father. The great confusion over this dogma could only arise because the conception of the spirit had become blurred. All understanding of the spirit had been gradually lost. This is undoubtedly connected with the fact that, from the beginning of the Fifth postAtlantean epoch onwards, man had to be denied for a time all perception of the spirit. In face of this truth, the events described above are only, so to speak, the tip of the iceberg. We must probe beneath the surface if we are to arrive at a valid point of view which is rooted in reality.
[ 19 ] Nun ist die Entwickelung nicht abgeschlossen, welche ein wichtiges Moment in der dogmatischen Festsetzung hatte, daß es keinen Geist gibt, daß der Mensch nur aus Leib und Seele besteht. Die christlichen Theologen des Mittelalters, die noch mitten drinnen lebten in den fortlaufenden Traditionen — denn eigentlich war es nur rechtgläubige Kirchenlehre, daß der Mensch aus Leib und Seele besteht, während die Alchimisten und die anderen Leute, die noch mit den alten Traditionen vertraut waren, selbstverständlich wußten, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht —, sie wußten außerordentlich schwer den Weg zu finden, rechtgläubig zu sein auf der einen Seite und auf der anderen Seite doch anerkennen zu müssen, daß hinter den ketzerischen Lehren, die überall lebten von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist, etwas steckt. Wir sehen überall, wie sich gerade die christlichen Theologen des Mittelalters wenden und drehen und nicht zurechtkommen, um, wie sie sagten, die sogenannte Trichotomie, die Gliederung des Menschen in drei Teile, zu vermeiden. Wer die christliche Theologie des Mittelalters nicht auf diese Schwierigkeiten hin, welche die Theologie hatte, die Trichotomie zu vermeiden, studiert, der kann sie überhaupt gar nicht verstehen.
[ 19 ] Now the period of evolution which played an important part in the establishment of this dogma of the dichotomy of man has not yet ended. The Christian theologians of the Middle Ages who still subscribed to the existing traditions—for it was only orthodox Church doctrine that maintained that man consisted of body and soul, whilst the alchemists and others who were still familiar with the old traditions knew of course that he was a trichotomy—these theologians knew how difficult it was to hold orthodox opinions whilst at the same time they had to admit that the heretical doctrine of man's trichotomy contained a kernel of truth. We see the frantic attempts of these theologians to evade this issue. If we do not recognize this dilemma we shall fail altogether to understand mediaeval theology.
[ 20 ] Nun ist aber diese Entwickelung, die damit angedeutet ist, noch lange nicht abgeschlossen, denn sie entspricht einem außerordentlich wichtigen Impulse in der abendländischen Kulturentwickelung. Und weil im zwanzigsten Jahrhundert sich so manches abspielen wird, von dem man wissen muß, wenn man die jetzige Zeit verstehen will, so muß auch auf dieses wieder hingewiesen werden. Sehen Sie, ursprünglich — also wenn wir dasjenige, was in dieser verhältnismäßig späteren Zeit entstanden ist, «ursprünglich» nennen —, gliederte man den Menschen in Leib, Seele und Geist. Die Entwickelung war so weit gediehen, daß im neunten Jahrhundert der Geist abgeschafft werden konnte. Nun aber geht die Sache weiter. Man merkt sie nur heute noch nicht ordentlich, weil man ja überhaupt solche gewichtigen Dinge, wie die ganze Umwandlung des Denkens zum Beispiel von Saint-Martin bis heute gar nicht ins Auge faßt. Die Sache geht weiter, und es ist nicht allein damit getan, daß der Geist nur abgeschafft worden ist, die Menschheit tendiert dahin, auch die Seele abzuschaffen. Nach dieser Richtung sind ja bis jetzt nur Präliminarien geschehen, Vorboten, aber die Zeit ist heute schon reif auch für das Abschaffen der Seele. Nur macht sich der Mensch solche wichtigen Tendenzen, die in der Zeit liegen, nicht klar. Wir haben schon gewichtige Entwickelungsmomente, welche vorbereiten das Abschaffen der Seele. Konzilien wird man ja nicht so wie im neunten Jahrhundert veranstalten, die Dinge vollziehen sich heute anders. Ich muß immer wieder bemerken: ich kritisiere diese Dinge nicht, ich stelle nur die Tatsachen vor Ihre Seele.
[ 20 ] Now this evolutionary period is far from concluded for it coincides with an important impulse in the development of Western civilization. And because, in the course of the twentieth century, many changes will be wrought which we must be aware of if we wish to understand our present epoch, I must refer to this period once again. Originally (if such a word may be used of something that has arisen in comparatively recent times) the being of man was divided into body, soul and spirit. The course of evolution was such that by the ninth century it had become possible to abolish the spirit. But matters did not rest there. These important changes are simply overlooked today. The complete transformation of thinking by Saint-Martin, for example, has been completely ignored hitherto. Having abolished the spirit, matters did not end there. There is now a growing tendency to abolish the soul in its turn. As yet only the first steps in this direction have been taken; but today the time is ripe for the abolition of the soul. But man fails to recognize contemporary tendencies which are of decisive importance. Already powerful evolutionary impulses are at work which are preparing to abolish the soul.7In this context it is interesting to note that, in 1926, at an International Psychological Conference, Pavlov declared that we must abandon the misleading term “soul”. “The proper study of psychology is physiology”, he declared. There will be no need to summon Councils as in the ninth century. Things are done differently today. I must repeat that I have no wish to criticize, I merely place the facts before you.
[ 21 ] Ein sehr weitgehender Anfang zur Abschaffung der Seele liegt auf den verschiedensten Gebieten vor. So ist im neunzehnten Jahrhundert das heraufgezogen, was man den historischen Materialismus nennt, der die grundlegende geschichtliche Anschauung für die heutige Sozialdemokratie geworden ist. Wenn man in Engels und Marx die hauptsächlichsten — ja, wie soll man sagen, ein altes Wort darf man vielleicht nicht anwenden, aber vielleicht unter uns doch —, diese hauptsächlichsten «Propheten» des historischen Materialismus ins Auge faßt, so sind sie die direkten, die unmittelbaren Nachkommen — historisch gefaßt — der Väter vom achten ökumenischen Konzil. Da haben Sie die kontinuierliche Fortentwickelung. Was die Väter dazumal getan haben in der Abschaffung des Geistes, das setzten die Marx und Engels fort in ihrem schon sehr weitgehenden Versuche der Abschaffung der Seele. Nicht wahr, alle seelischen Impulse gelten ja nach dieser Anschauung nicht mehr, sondern dasjenige, was die Geschichte vorwärtstreibt, sind nur die materiellen Impulse, ist der Kampf um materielle Güter. Und das Seelische ist nur, wie man es ausgedrückt hat, der Oberbau zu dem eigentlichen Grundbau des rein materiell fortschreitenden Geschehens. Aber ganz besonders wichtig ist die Erkenntnis der echten Katholizität, der Katholizität von Marx und Engels. Das ist vor allen Dingen wichtig, daß man in diesen Bestrebungen des neunzehnten Jahrhunderts die echte, wahre Fortsetzung desjenigen sieht, was mit Bezug auf die Abschaffung des Geistes geschehen ist.
[ 21 ] Considerable progress has been made towards the abolition of the soul in many spheres. The nineteenth century, for example, saw the rise of dialectical materialism which is the basic tenet of (German) social democracy today. If we look upon Engels and Marx as the major “prophets” of dialectical materialism—the Biblical term is perhaps out of place in this context, but we may perhaps risk it here—they are also the direct descendants, historically speaking, of the Church Fathers of the eighth Ecumenical Council. We see here an unbroken line of development. The steps taken by the Church Fathers towards the abolition of the spirit were carried a stage further by Marx and Engels in their comprehensive attempt to abolish the soul. According to the materialistic theory of history spiritual impulses are of no account, the driving forces of history are material forces or economic factors—the struggle for material well-being. What appertains to the soul is simply a superstructure on the solid foundation of material processes. It is important to recognize the genuine catholicity of Marx and Engels and to note in these aspirations of the nineteenth century the true consequence of the abolition of the spirit.
[ 22 ] Ein weiterer Impuls zur Abschaffung der Seele liegt ja in der Entwikkelung der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Die naturwissenschaftliche Weltanschauung — ich meine jetzt nicht die Naturwissenschaft, sondern die naturwissenschaftliche Weltanschauung, welche vor allen Dingen nur das Körperliche als real gelten lassen will, und alles Seelische nur wie eine Erscheinung, auch wie so einen Oberbau des Körperlichen gelten lassen will —, sie ist die direkte Fortsetzung jener Entwickelung, die wir eben in den wichtigen Momenten erfaßt haben beim achten ökumenischen Konzil. Nur wird vielleicht ein großer Teil der Menschheit an die Sache nicht glauben, bis, von gewissen Zentren der Erdenentwickelung herkommend, die Abschaffung der Seele Gesetzeskraft erlangen wird; mehr oder weniger Gesetzeskraft erlangen wird. Denn es wird gar nicht lange dauern, so werden in mancherlei Staaten Gesetze entstehen, welche darauf hinauslaufen werden, jeden, der im Ernste von einer Seele spricht, als nicht vollsinnig zu erklären, und für einen ganz vollsinnigen Menschen nur denjenigen zu erklären, welcher die «Wahrheit» einsieht, daß Denken, Fühlen und Wollen aus gewissen Vorgängen des Leibes entstehen auf ganz notwendige Weise. Begonnen hat ja nach dieser Richtung Verschiedenes, aber solange das, was da begonnen hat, nur theoretische Anschauung ist, so lange hat es nicht seine große, tief einschneidende Wirkung und Bedeutung. Es erlangt diese tief einschneidende Wirkung und Bedeutung, wenn es in die soziale Ordnung, in das soziale Leben der Menschen übergeht. Und da wird kaum die erste Hälfte dieses Jahrhunderts zu Ende gehen, ohne daß auf diesen Gebieten dasjenige geschieht, was für den Einsichtigen ein Furchtbares ist: eben ein solches Perhorreszieren der Seele, wie dazumal im neunten Jahrhundert der Geist perhorresziert worden ist.
[ 22 ] The development of the modern scientific outlook is another factor which has contributed to the abolition of the soul. This outlook—I am speaking not of the positive achievements of the scientific “Weltanschauung”, which accepts only the reality of the corporeal and regards everything pertaining to the soul as an epiphenomenon, a superstructure on what is corporeal—this scientific outlook is the direct consequence of that development which we have just seen in the decisive impulses of the eighth Ecumenical Council. But the majority of mankind will probably not believe in this possibility until, originating from certain centres of world evolution, the abolition of the soul will receive more or less legal sanction. It will not be long before decrees are promulgated in several States declaring that those who take seriously the existence of the soul are not of sound mind, and only those will be regarded of sound mind who recognize the “truth”, namely that thinking, feeling and willing are the necessary by-products of certain physiological processes. Various steps have already been taken in this direction, but so long as they are confined to the realm of theory they can have no deep or lasting influence or significance. It is only when they are translated into practice in the social order that they exercise a deep and lasting influence. The first half of the present century will scarcely be over before those who are clear-sighted will be faced with an alarming situation by the abolition of the soul, akin to the abolition of the spirit that occurred in the ninth century.
[ 23 ] Man kann immer wieder und wiederum nur sagen: Dasjenige, um was es sich handelt, ist die Einsicht in solche Dinge, ist die Einsicht in die Impulse, innerhalb welcher der Mensch im Laufe der geschichtlichen Entwickelung lebt: die Einsicht in diese Dinge. Denn nur allzusehr gilt es für die Menschheit der Gegenwart, daß sie unter der Erziehung, welche die rein materialistische Weltanschauung gibt, sich einem gewissen Schlafzustand überläßt. Die materialistische Weltanschauung schließt in einer gewissen Weise den Menschen vom wirklichen Denken ab, vom wirklich gesunden Anschauen der Wirklichkeit ab, lullt ihn ein in bezug auf Wichtiges, was in der geschichtlichen Entwickelung wirklich lebt. Und so ist heute noch immer, auch bei denjenigen, die gern einer bestimmten Sehnsucht nach Geist-Erkenntnis nachgehen wollen, kein starker Wille vorhanden, aufzuwachen über gewisse Impulse, die in unserer Entwickelung drinnenliegen, wirklich aufzuwachen; wirklich zu versuchen, die Dinge in ihren Zusammenhängen anzuschauen, wie sie sind.
[ 23 ] It cannot be repeated too often that it is insight into these things which matters, insight into the impulses which have determined man's destiny in the course of historical evolution. It is only too true that the materialist education of today induces a more or less soporific condition. It inhibits clear thinking, precludes a healthy perception of reality and blinds man to the really important factors in historical evolution. And so today, even those who would fain satisfy their longing for spiritual knowledge lack the strength of will to kindle an awareness of certain impulses inherent in our evolution and to make serious efforts to see things as they really are.
[ 24 ] Es gab also in Palästina drüben eine Art Geheimlehre, welche vorbereitet hat das Mysterium von Golgatha, der gegenüber das Mysterium von Golgatha wie eine Erfüllung war. Ich habe das ja so ausgesprochen, daß ich sagte, das Mysterium von Golgatha stellte das größte Geheimnis der Erdenzeit auf den historischen Schauplatz heraus. Wenn das so ist, dann kann man die Frage aufwerfen: Warum entwickelte sich eine so starke Antipathie des Römertums gegenüber dem, was sich da als Christentum in Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha ergeben hat? Und warum ergab es sich aus diesen Impulsen heraus, daß geradezu der Geist abgeschafft worden ist?
[ 24 ] Now there existed in Palestine certain Mystery teachings which were a preparation for the Mystery of Golgotha and in respect of which the Mystery of Golgotha was seemingly a fulfilment. I referred to this when I said that in the Mystery of Golgotha the greatest mystery drama of all time was enacted on the stage of world history. In that event, we may ask, why did Romanism develop such a strong antipathy to Christianity in connection with the Mystery of Golgotha, and how was it that this apathy entailed in particular the abolition of the spirit?
[ 25 ] Die Dinge haben immer viel tiefere Zusammenhänge, als man eigentlich merkt, wenn man sie bloß ihrer Oberfläche nach betrachtet. Denn, daß Marx und Engels Kirchenväter sind, werden nicht viele Leute heute zugeben wollen; aber das ist noch keine ganz besonders tiefe Wahrheit. Auf eine tiefere Wahrheit führt es schon, wenn man folgendes ins Auge ‘faßt: Im Gerichtshofe, durch den der Christus Jesus verurteilt worden ist, wirkten vorzugsweise Sadduzäer, diejenigen, die man Sadduzäer nannte. Was waren die in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich abspielte? Was waren die eigentlich, die dazumal mit Recht mit dem Namen Sadduzäer bezeichnet worden sind? Es waren diejenigen Leute, welche alles, was aus dem Mysterium kam, hinwegeskamotieren wollten, hinweghaben, hinwegschaffen wollten. Diese Sadduzäer waren geradezu diejenigen, welche einen gewissen Horror, einen Schrecken, Schauder hatten vor allem Mysterienkult. Sie waren aber diejenigen, die den Gerichtshof in Händen hatten. Und sie waren es auch, die die Verwaltung dazumal in Palästina in Händen hatten. Sie standen aber ganz unter dem Einfluß des römischen Staates, durchaus unter dem Einfluß des römischen Staates. Sie waren im Grunde die Knechte des römischen Staates, was sich äußerlich schon dadurch ausdrückte, daß sie ihre Stellen durch Riesensummen erkauften, und dann wiederum diese Riesensummen erpreßten von der jüdischen Bevölkerung Palästinas. Sie waren es, deren Blick sich vor allen Dingen darauf richtete — weil sie, man könnte sagen, ihr ahrimanischer Materialismus zu diesem Blick geschärft hatte —, sie waren es, deren Blick sich vor allen Dingen darauf richtete, zu sehen, daß eine große Gefahr für das Römertum vorliege, wenn dasjenige irgendwie Geltung bekäme, was mit dem Christus im Einklange mit dem Mysterienwesen geschähe. Sie hatten eine instinktive Ahnung davon, daß vom Christentum etwas ausgeht, was das Römertum allmählich zertrümmern wird. Und damit hängt es zusammen, daß im Grunde genommen im Laufe des ersten Jahrhunderts und auch noch in spätere Jahrhunderte hinein von seiten des Römertums aus diese furchtbaren Vernichtungskriege geführt wurden gegen das palästinensische Judentum. Und diese Vernichtungskriege, die furchtbarer Art waren, sie wurden hauptsächlich geführt unter dem Gesichtspunkte, mit den hinzuschlachtenden Juden auch auszurotten alle diejenigen, welche etwas wußten von der Tradition und der Wirklichkeit der Mysterien. Es sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden dasjenige, was sich an das Mysterienwesen angliederte, das gerade in Palästina vorhanden war.
[ 25 ] These things are more closely related than is suspected by those who only study them superficially. Today few are prepared to admit that Marx and Engels are the direct heirs of the Church Fathers. That is of no great moment, but it leads to something of far greater moment if we bear the following in mind. At the trial before the Sanhedrin, which condemned Jesus Christ, the Sadducees played a leading part. Who were the Sadducees (those who have rightly been given the name of Sadducees) 8The Sadducees adhered to the letter of the law. They were the dominant priestly party and were subservient to the Roman procurators of Judaea. at the time of the Mystery of Golgotha? They were a sect which wished to eradicate, to suppress everything that proceeded from the ancient Mysteries. They had a fear, a horror of every form of Mystery cult. The courts and the administration were in their hands. They were completely under the influence of the Roman State; in effect they were the servile agents of Rome. There is unmistakable evidence that they purchased preferment for large sums of money and then recouped themselves by dunning the Jewish population of Palestine. It was they who realized—and thanks to their Ahrimanic, materialistic outlook they were quick to perceive this—that Rome was threatened if it should come to be accepted in any way that the drama of Christ was related to the fundamental teachings of the Mysteries. They had an instinctive feeling that Christianity would give birth to something that would gradually overthrow the authority of Rome. And this accounts for those fierce wars of extermination which Rome waged against Judaism in Palestine during the first century and in later centuries. These wars of extermination were prosecuted with the avowed object of exterminating not only the Jews but all those who knew anything of the reality and traditions of the ancient Mysteries. Everything associated in any way with the Mystery teachings, especially in Palestine, was to be destroyed root and branch.
[ 26 ] Und mit dieser Ausrottung hängt es vielfach zusammen, daß auch die Anschauung vom pneumatischen Menschen, der Weg zum pneumatischen Menschen, zunächst, ich möchte sagen, verschlagen, vermauert wurde. Es wäre gefährlich geworden für diejenigen, die auch später von Rom aus, aus dem romanisierten Christentum heraus, den Geist abschaffen wollten, es wäre gefährlich für sie geworden, wenn noch viele vorhanden gewesen wären, die aus den alten Schulen Palästinas heraus etwas gewußt hätten über die Wege zum Geiste hin, die noch Zeugnis davon hätten ablegen können, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Denn es mußte mit demjenigen, was vom Römertum ausging, etwas in bezug auf die äußere Menschenordnung begründet werden, bei dem der Geist nichts zu suchen hatte. Es mußte eine Entwickelungsströmung eingeleitet werden mit Ausschluß spiritueller Impulse. Das wäre nicht gegangen, wenn zu viele Menschen etwas gewußt hätten von der Mysterieninterpretation des Mysteriums von Golgatha. Denn instinktiv fühlte man, daß dasjenige, was sich aus dem römischen Staate entwickeln sollte, nichts vom Geist in sich haben durfte. Die Kirche und der römische Staat gingen eine Ehe ein, gliederten ja insbesondere dann aus dieser Ehe heraus auch noch die Jurisprudenz ein. Bei alledem durfte der Geist kein Wort mitreden. Das war wichtig.
[ 26 ] As a consequence of this suppression of the Mystery teachings the perception of the spiritual in man was lost, the path to the spiritual in man was closed. It would have been dangerous for those who later sought to abolish the spirit under the influence of Rome, of Romanized Christianity, if many of those who had been initiated in the ancient Mystery schools of Palestine had still survived, if those who still preserved a memory of the spirit and could still bear witness to the fact that man consisted of body, soul and spirit. The policy of Romanism was to establish a social order in which the spirit had no place, to encourage an evolutionary trend that would exclude all spiritual impulses. This could not have been realized if too many people had known the interpretation of the Mystery of Golgotha that was adumbrated in the Mysteries. It was instinctively felt that nothing of a spiritual nature could emerge from the Roman State. From the union of the Church and the Roman State was born jurisprudence. In this the spirit had no part. It is important to bear this in mind.
[ 27 ] Aber ebenso wichtig ist es, daß eingesehen werde, daß wir jetzt in dem Zeitalter leben, in dem der Geist wiederum aufgerufen werden muß, angerufen werden muß, damit er bei den Angelegenheiten der Menschen mitrede. Nun können Sie sich denken, wie schwierig das werden wird, da die Dinge doch so tief sitzen. Ich glaube, daß ein weiter Weg sein wird bis dahin, wo man in weiteren Kreisen anerkennen wird, daß die materialistische Geschichtsforschung eine richtige Fortsetzung ist des achten ökumenischen Konzils. Ich glaube auch, daß ein weiter Weg sein wird bis dahin, wo man verstehen wird, was eigentlich in den paar Buchstaben liegt, durch die sich das östliche Christentum in Europa von dem westlichen Christentum in Europa unterscheidet. Heute begnügt man sich, über alle diese Dinge nur an der Oberfläche zu sprechen, nur an der Oberfläche Urteile zu fällen. Von der Empfindung wird manches ausgehen müssen, und die Empfindung kann gut geleitet werden, wenn man eines berücksichtigt. Die Empfindung, die ich meine, mit der ich heute abschließe, ist diese:
[ 27 ] It is important to realize that we are now living in an age when we must awaken the spirit once more, so that it can participate in the affairs of men. You can imagine how difficult this will be since materialism is so deeply ingrained. I believe it will be long before it is generally recognized that dialectical materialism is a true continuation of the eighth Ecumenical Council, before people understand the real implication of the term filioque which was responsible for the schism between the Western Church and the Eastern Church, between Rome and Byzantium. Today people are content to speak of these matters in a superficial way, to pass surface judgements. For the understanding of many things we shall have to appeal to feeling, and feeling can be wisely directed if one thing is kept clearly in mind. The feeling to which I refer and with which I will conclude this lecture today is the following:
[ 28 ] Wer die wirkliche Geschichte Europas seit der Entstehung des Christentums studiert und sich nicht begnügt mit jener Fable convenue, welche in so entsetzlicher Weise heute als Geschichte gelehrt wird und von vielem Unheil die geheime Schuld ist, wer einen Sinn hat für das wirkliche Studium der Geschichte, wer den Mut hat, in genügend starker Weise jene entsetzliche Fable convenue, die man heute Geschichte nennt, von sich zu weisen, der wird gerade mit Bezug auf die Entwikkelung des Christentums eben zu einer Empfindung kommen, die ein Leitmotiv im Suchen der Gegenwart sein kann. Er wird nämlich finden, daß nichts so viele Hemmnisse, nichts so viele Verdunklungen und Entstellungen erfahren hat, als die Entwickelung des Christentums. Nichts ist so schwierig geworden als das, daß sich das Christentum fortgepflanzt hat. Und daraus entsteht dann die weitere Empfindung, daß es überhaupt, wenn man von Wundern sprechen will, kein größeres Wunder gibt als dieses, daß das Christentum sich erhalten hat, daß das Christentum da ist. Aber es ist nicht bloß da, sondern wir leben heute in einer Zeit, wo sich dieses Christentum zwar durchzusetzen haben wird auch gegen die Abschaffung der Seele, nicht nur gegen die Abschaffung des Geistes, wo es sich aber durchsetzen wird! Denn gerade zur Zeit des größten Widerstandes wird das Christentum seine größte Kraft entwickeln! Und in dem Widerstande, der entwickelt werden muß gegen die Abschaffung der Seele, wird auch die Kraft gefunden werden, den Geist wieder zu erkennen. Wenn aus dem Geiste — verzeihen Sie jetzt die uneigentliche Anwendung des Wortes —, wenn aus dem Geiste, der die Gegenwart beherrscht, jene Gesetze entstehen werden, wodurch diejenigen Menschen, welche die Seele als etwas Wirkliches ansehen, für nicht vollsinnig erklärt werden — natürlich werden die Gesetze nicht so lauten, daß derjenige für nicht vollsinnig erklärt wird, der die Seele anerkennt, aber sie werden so sein, daß unter der brutalen naturwissenschaftlichen Weltanschauung solches stattfindet —, wenn dieser moderne verwandelte, metamorphosierte Konzilsbeschluß da sein wird, dann wird auch die Zeit da sein, dem Geiste wiederum sein Recht zu verschaffen.
[ 28 ] When we study the history of Europe from the rise of Christianity onwards, we are no longer satisfied with that “fable convenue” which passes for history and which is the hidden cause of so much misery today. And when we have sufficient courage to reject this parody of history, we shall develop a feeling which will serve as a guiding principle in our enquiries into the evolution of Christianity today. We shall discover that nothing has met with so many hindrances, so much incomprehension and misrepresentation as the evolution of Christianity. And nothing has been so difficult as its propagation. When one speaks of miracles, there is no greater miracle than this, namely, that Christianity has survived. Not only has it established itself, but we live in an age when it must prevail, not only against those who would abolish the spirit, but also against those who would abolish the soul. And it will prove victorious, for Christianity will develop its greatest strength in face of bitterest opposition. By actively resisting the abolition of the soul we shall develop the power to perceive the spirit once again. When, under the influence of the spirit prevailing today (you will forgive the misuse of the word in this context) laws will be promulgated declaring those who regard the spirit as a reality to be of unsound mind—of course these laws will not be couched in specific terms, but under the brutal impact of the modern scientific outlook they will find their way on to the statute book—when this new modernized version of the decree of the eighth Ecumenical Council appears, then the time will have come for the spirit to be restored to its rightful place.
[ 29 ] Dann wird man allerdings einsehen müssen, daß es mit schattenhaften Begriffen nicht geht, wenn man nicht die tieferen Ursprünge, die Gefühlsuntergründe dieser schattenhaften Begriffe sieht. Denn in den schattenhaften Begriffen birgt sich manchmal dasjenige, was der moderne Mensch sich ganz und gar nicht gestehen will, dem er aber unterworfen ist. Weil er sich es nicht gestehen will, weil er das äußerlich nicht anerkennt, tritt es in seinen Begriffen zur Strafe auf. Doch Saint-Martin sagt an wichtigeren Stellen: Über diese Dinge kann man nicht reden. — Gewiß, man wird noch lange Zeit über manche Dinge nicht reden können, aber manche Dinge müßte man doch schon als eherne Tafeln aufstellen, um die Menschheit heute darauf hinzuweisen, was eigentlich ist. Und eine solche Tafel wird einstmals zeigen, in nicht allzu ferner Zeit, aus welchen geheimen Neigungen die materialistische Ausdeutung des Darwinismus hervorgegangen ist, aus welchen sinnlichen, perversen Neigungen der materialistisch geartete Darwinismus entstanden ist.
[ 29 ] We shall then be forced to recognize that vague, nebulous concepts are of no avail. We must become aware of the deep origin, of the deep-seated feelings underlying these nebulous concepts, for they often conceal the materialism to which modern man has succumbed and which he refuses to admit to himself. And because he refuses to admit this to himself, because he will not acknowledge this openly, he pays the penalty; materialism corrupts his thinking. But Saint-Martin says in the more important passages of his book: “These things are not to be spoken of.” Certainly, it will be a long time before certain things can be discussed openly. None the less many things will have to be proclaimed loud and clear in order to awaken mankind to the true state of affairs. And in the not too far-distant future this warning will serve to reveal the origin of those hidden tendencies behind the evolutionism of Darwin, the source from which the sensual, perverse tendencies of the present materialistically orientated Darwinism has sprung.
[ 30 ] Doch ich will Ihre Gemüter nicht bedrücken mit etwas, das Ihnen die heutige Nacht verderben könnte, daher will ich den Satz nicht weiter zu Ende führen, sondern will nur die Empfindungen auf solche Dinge hinlenken. Das nächste Mal wollen wir dann ein Gebäude wenigstens zu skizzieren versuchen, zu dem ich Bausteine vor Ihre Seelen hinlegen wollte, als Grundlage für eine besondere Betrachtung des Mysteriums von Golgatha.
[ 30 ] But I do not wish to end on a melancholy note. I will not pursue the matter further, but simply direct your attention to these questions. Today I wished to prepare an outline plan which will serve as a basis for a special study of the Mystery of Golgotha. In my next lecture I will endeavour to fill in the details.
