Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Building Stones for an Understanding
of the Mystery of Golgotha
GA 175

27 March 1917

Translate the original German text into any language:

Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] In dieser Zeit muß ich wiederholt aufmerksam machen auf einen Zug der Betrachtung, welcher durch unsere ganze Geisteswissenschaft in der Gegenwart gehen muß. Ich habe diesen Zug der Betrachtung einen solchen genannt, daß wir überall darauf sehen müssen, daß hinter den Begriffen und Vorstellungen und Ideen, die sich der Mensch bildet und in denen er lebt, nicht bloß dasjenige steht, was man oftmals im Leben Logik nennt, sondern daß in den Begriffen und Vorstellungen der Menschen dasjenige lebt, was man Wirklichkeit nennen kann. Nach wirklichkeitsgesättigten Begriffen muß gesucht werden. Und es kann immer wiederum und wiederum nicht unnötig sein, gerade bei den Betrachtungen, die nun hinauslaufen sollen auf ein ganz bestimmtes Ziel, das ich gleich bezeichnen werde, darauf aufmerksam zu machen, wie begreiflich es werden kann, daß ein Begriff, irgendeine Vorstellung, die im Leben vorhanden ist, zwar in einer gewissen Art wahr sein kann, aber nicht in die Wirklichkeit hinunterlangen kann. Gewiß, was eigentlich mit diesen wirklichkeitsgesättigten Begriffen gemeint ist, das wird erst allmählich klar werden; aber man kann sich auch, ich möchte sagen, durch einfache Vergleiche allmählich dahin bringen, die Vorstellung des Wirklichkeitsgesättigten zu haben. Daher will ich heute einleitungsweise durch einen Vergleich wiederum einmal auf das, was ich eigentlich meine, aufmerksam machen.

[ 1 ] At this time, I must repeatedly draw attention to a line of thought that must run through our entire Spiritual Science at present. I have called this line of thought one in which we must see everywhere that behind the concepts, mental images, and ideas that human beings form and in which they live, there is not only what is often called logic in life, but that what can be called reality lives in human concepts and mental images. We must search for concepts saturated with reality. And it can never be unnecessary, especially in the considerations that are now to lead to a very specific goal, which I will describe in a moment, to draw attention to how understandable it can be that a concept, any mental image that exists in life, may be true in a certain sense, but cannot reach down into reality. Certainly, what is actually meant by these concepts saturated with reality will only gradually become clear; but I would say that one can also gradually arrive at the mental image of what is saturated with reality through simple comparisons. Therefore, by way of introduction, I would like to draw attention once again to what I actually mean by means of a comparison.

[ 2 ] Das, was ich jetzt sagen will, hat scheinbar, aber nur scheinbar, keinen Zusammenhang mit den nachfolgenden Betrachtungen, sondern ist nur eine einleitende Auseinandersetzung. Bis zum Jahre 1839 haben seit dem sechzehnten Jahrhundert alle römischen Kardinäle einen wichtigen Schwur ablegen müssen. Es hatte nämlich in den Jahren seiner päpstlichen Regierungszeit der Papst Sixtus V. — er regierte vom Jahre 1585 bis 1590 — in der Engelsburg 5 Millionen Scudi niedergelegt als einen Schatz, der für schlimme Fälle da sein sollte. Und weil man das für so wichtig hielt, daß ein solcher Schatz für schlimme Fälle da sei, ließ man immer die Kardinäle schwören, daß sie diesen Schatz sorgfältig behüten würden. Im Jahre 1839 unter der Regierung des Papstes Gregor XVI. hat der spätere Kardinal Acton gegen diesen Schwur Einspruch erhoben; er wollte die Kardinäle nicht mehr schwören lassen, daß sie diesen Schatz bewahren wollen. — Wenn man nun von dieser Geschichte nichts anderes hört, so könnte man alle möglichen schönen Hypothesen aufstellen darüber, warum denn dieser merkwürdige Acton die Kardinäle nicht schwören lassen will, wie es in der damaligen Zeit noch verlangt wurde, den Schatz, der für die päpstliche Regierung so wichtig sein könne, zu bewahren. Und alles, was man darüber sagt, könnte viel Logik enthalten. Aber alles, was man eventuell sehr schön sagen könnte darüber, wird verschwinden gegenüber dem, was Acton durch gewisse Tatsachenzusammenhänge wußte, und die Kardinäle nicht wußten. Er wußte nämlich, daß dieser Schatz seit dem Jahre 1797 gar nicht mehr vorhanden war, daß er bereits weg war. So hatte man die Kardinäle schwören lassen, daß sie einen Schatz bewahren werden, der aber gar nicht mehr da war, und Acton wollte sich einfach nicht herbeilassen, einen Schwur über etwas, was gar nicht vorhanden ist, ablegen zu lassen. Sie sehen, alle schönen Diskussionen und Hypothesen, die etwa derjenige aufstellen würde, der nicht weiß, daß der ganze Schatz nicht da war, daß er unter Pius VI. bereits aufgebraucht worden war — alle diese Hypothesen würden in nichts zerfallen.

[ 2 ] What I am about to say now seems, but only seems, to have no connection with the following considerations; it is merely an introductory discussion. Until 1839, all Roman cardinals since the sixteenth century had to take an important oath. During his papacy, Pope Sixtus V—who reigned from 1585 to 1590 — deposited 5 million scudi in Castel Sant'Angelo as a treasure to be used in case of emergency. And because it was considered so important to have such a treasure available for emergencies, the cardinals were always made to swear that they would guard this treasure carefully. In 1839, during the reign of Pope Gregory XVI, the future Cardinal Acton objected to this oath; he no longer wanted the cardinals to swear that they would preserve this treasure. — If one hears nothing else about this story, one could come up with all sorts of beautiful hypotheses as to why this strange Acton did not want the cardinals to swear, as was still required at the time, to preserve the treasure that could be so important for the papal government. And everything that is said about it could contain a lot of logic. But everything that could possibly be said about it would pale in comparison to what Acton knew from certain facts that the cardinals did not know. He knew that this treasure had not existed since 1797, that it was already gone. So the cardinals had been made to swear that they would preserve a treasure that was no longer there, and Acton simply did not want to allow them to take an oath about something that did not exist. You see, all the fine discussions and hypotheses that someone who did not know that the entire treasure was not there, that it had already been used up under Pius VI, might put forward—all these hypotheses would come to nothing.

[ 3 ] An einem solchen Beispiel könnte man, wenn man ein wenig darüber meditiert — es scheint manchmal unnötig, über solche Dinge zu meditieren, die so auf der flachen Hand liegen, aber man muß darüber meditieren und so etwas auf der Hand Liegendes mit manchen anderen Dingen in der Welt vergleichen —, gerade durch dasjenige, was sich ergibt aus einer solchen Tatsache, könnte man darauf kommen, was es eigentlich mit wirklichkeitsgesättigten und nicht-wirklichkeitsgesättigten Begriffen für eine Bewandtnis hat. Nun muß ich aufmerksam machen auf dieses Nicht-Wirklichkeitsgesättigtsein von Vorstellungen der Gegenwart aus dem einfachen Grunde, weil dies, wie Sie später, vielleicht erst das nächste Mal, sehen werden, gerade mit dem "Thema zusammenhängt, welches in der gegenwärtigen Zeit von unserem Gesichtspunkte aus wiederum einmal besprochen werden muß. Ich will mich nämlich bestreben, die Betrachtungen, die wir schon angestellt haben, auslaufen zu lassen in die Besprechung eines besonderen Verhältnisses, das sich auf das Christus-Mysterium bezieht. Was ich das letzte Mal hierzu herbeigetragen habe, wird Ihnen eine Unterstützung gerade derjenigen Seite des Christus-Mysteriums sein können, die wir jetzt betrachten wollen. Ich möchte nur heute manches, was scheinbar noch keinen Bezug zu unserem eigentlichen Thema hat, vor Ihre Seele führen, weil es uns als eine Grundlage bedeutsame Dienste wird leisten können.

[ 3 ] If one meditates a little on such an example—it sometimes seems unnecessary to meditate on such things that are so obvious, but one must meditate on them and compare such obvious things with some other things in the world— precisely from what emerges from such a fact, one could arrive at what is actually the case with reality-saturated and non-reality-saturated concepts. Now I must draw your attention to this non-reality-saturated nature of present mental images for the simple reason that, as you will see later, perhaps next time, this is precisely related to the “topic” which, from our point of view, must once again be discussed in the present time. I will endeavor to let the considerations we have already made flow into a discussion of a special relationship that relates to the Christ mystery. What I contributed last time will be of support to you in considering the very aspect of the Christ mystery that we now want to examine. Today, I would like to bring to your attention some things that may not seem to have any connection with our actual topic, because they can serve as an important foundation for us.

[ 4 ] Sie wissen ja, ich habe behutsam begonnen hinzuweisen auf eine gewisse Art der Betrachtung des Christus-Mysteriums in meinem nun schon vor längerer Zeit erschienenen Buch «Das Christentum als mystische Tatsache». Dieses «Christentum als mystische Tatsache» — welches, das sei nur nebenbei gesagt, eines der letzten Bücher war, das noch das alte Regime in Rußland vor wenigen Wochen in seiner neuen Auflage konfisziert hat — ist, ich möchte sagen, ein erster Anhub, das Christentum selbst zu begreifen vom geistigen Standpunkte aus; vom Standpunkte, der im Laufe der Jahrhunderte innerhalb der christlichen Entwickelung des Abendlandes selber mehr oder weniger verschwunden ist. Nun möchte ich vorerst eines besonders hervorheben, was ja eigentlich so liegt, daß alle Ausführungen des Buches «Das Christentum als mystische Tatsache» damit stehen und fallen. Eine bestimmte Anschauung über die Evangelien ist darin vertreten. Auf diese Anschauung soll weiter nicht eingegangen werden. Sie können sie ja in dem Buche nachlesen. Aber wenn diese Anschauung berechtigt ist, so ist gleichzeitig notwendig vorauszusetzen, daß die Evangelien keineswegs so spät entstanden sind, als man heute oftmals auch in der christlichen Theologie annimmt, sondern daß die Evangelien in unbestimmter Weise früh in ihrer Entstehung angesetzt werden müssen. Sie wissen ja, daß nach dieser Anschauung die Elemente der evangelischen Lehre in den alten Mysterienbüchern zu suchen sind, und daß es sich nur darum handelt, das Mysterium von Golgatha als eine Erfüllung desjenigen, was in den alten Mysterienbüchern enthalten ist, zu erkennen. Nun wird man gerade mit einer solchen geistigen Auffassung des Christentums in der gegenwärtigen Zeit auch gegenüber manchen theologisch-historischen Ausführungen auf Widerspruch stoßen. Es wird eine solche Ausführung auch gerade von den modernsten Theologen vielleicht als historisch unbegründet angesehen werden; es soll ja gewissermaßen klar sein, daß die Evangelien im ersten Jahrhundert, oder wenigstens in den ersten zwei Dritteln des ersten Jahrhunderts, noch keine besondere Rolle gespielt haben. Und sogar theologische Vertreter des Christentums gibt es schon, welche anzweifeln, daß irgendein Beweis dafür erbracht werden könne, daß im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung Leute, auf die es ankommt, an die Person des Christus Jesus gedacht oder, wie man es nennen will, geglaubt haben.

[ 4 ] As you know, I began cautiously to point to a certain way of looking at the Christ mystery in my book Christianity as Mystical Fact, which was published some time ago. This “Christianity as Mystical Fact” — which, incidentally, was one of the last books confiscated by the old regime in Russia a few weeks ago in its new edition — is, I would say, a first attempt to understand Christianity itself from a spiritual point of view; from a standpoint that has more or less disappeared over the centuries in the course of Christian development in the West itself. Now I would like to emphasize one thing in particular, which is so fundamental that all the arguments in the book “Christianity as a Mystical Fact” stand or fall with it. A certain view of the Gospels is represented in it. This view will not be discussed further here. You can read about it in the book. But if this view is justified, it must also be assumed that the Gospels did not originate as late as is often assumed today, even in Christian theology, but that the Gospels must be dated to an indeterminate early period. You know that according to this view, the elements of evangelical teaching are to be found in the ancient mystery books, and that it is only a matter of recognizing the mystery of Golgotha as a fulfillment of what is contained in the ancient mystery books. Now, with such a spiritual view of Christianity in the present time, one will encounter opposition to some theological-historical explanations. Such an explanation will perhaps be regarded as historically unfounded, even by the most modern theologians; for it should be clear, so to speak, that the Gospels did not yet play a special role in the first century, or at least in the first two-thirds of the first century. And there are even theological representatives of Christianity who doubt that any proof can be provided that in the first century of the Christian era, people who mattered thought about or, as one might call it, believed in the person of Christ Jesus.

[ 5 ] Nun, es wird sich immer mehr und mehr herausstellen, daß, wenn die nur scheinbar so sorgfältige Forschung der Gegenwart nach allen Seiten hin ausgreifen wird und nicht nur sorgfältig, sondern allseitig sein wird, dann gerade viele Bedenken der sorgfältigen Forschung zerfallen werden. Natürlich kann man heute über die Fragen, die sich ergeben aus gewissen Widersprüchen zwischen den christlichen Urkunden und den jüdischen Urkunden zum Beispiel, allerlei Schlüsse ziehen. Aber diesen Schlüssen steht das entgegen, daß die außerchristlichen Urkunden, das heißt die nicht offiziell als christlich anerkannten Urkunden, sehr wenig bekannt sind, und namentlich von christlichen Theologen wenig berücksichtigt werden. Ein großer Teil der NichtBerücksichtigung liegt eigentlich daran, daß man das Christentum und namentlich das Mysterium von Golgatha selbst nicht geistig genug aufgefaßt hat; daß man keinen rechten Begriff verbinden konnte mit der paulinischen Vorstellung, die da unterscheidet zwischen dem psychischen Menschen und dem pneumatischen Menschen. Nehmen Sie nur unsere elementarste Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Im Grunde genommen hat Paulus, der bekannt war mit alten Mysterienwahrheiten in ihrem atavistischen Charakter, mit seinem Unterscheiden des psychischen und des pneumatischen Menschen nichts anderes gemeint, als was wir in erneuerter Form wiederum meinen müssen, wenn wir von der Seele und vom Geiste als zwei Gliedern der menschlichen Natur sprechen. Aber gerade diese Unterscheidung des psychischen und pneumatischen Menschen, diese Unterscheidung von Seele und Geist, sie ist der abendländischen Betrachtung mehr oder weniger ganz abhanden gekommen. Man kann aber das Mysterium von Golgatha in seiner eigentlichen Wesenheit nicht betrachten, wenn man nicht Begriffe hat über den pneumatischen Menschen im Unterschied von dem psychischen Menschen.

[ 5 ] Well, it will become increasingly clear that when the seemingly careful research of the present day is extended in all directions and becomes not only careful but comprehensive, many of the concerns of careful research will disappear. Of course, today one can draw all kinds of conclusions about the questions that arise from certain contradictions between Christian documents and Jewish documents, for example. But these conclusions are contradicted by the fact that non-Christian documents, that is, documents not officially recognized as Christian, are very little known and, in particular, are given little consideration by Christian theologians. A large part of this lack of consideration is actually due to the fact that Christianity, and in particular the mystery of Golgotha itself, has not been understood spiritually enough; that it has not been possible to form a proper concept of the Pauline mental image, which distinguishes between the psychic man and the pneumatic man. Take, for example, our most elementary division of man into body, soul, and spirit. Basically, Paul, who was familiar with ancient mystery truths in their atavistic character, meant nothing else by his distinction between the psychic and the pneumatic human being than what we must mean in a renewed form when we speak of the soul and the spirit as two members of human nature. But it is precisely this distinction between the psychic and the pneumatic human being, this distinction between soul and spirit, that has more or less been lost in Western thinking. However, one cannot contemplate the mystery of Golgotha in its true essence without having concepts of the pneumatic human being as distinct from the psychic human being.

[ 6 ] Nun möchte ich zunächst nur einiges anführen, was ich in früheren Jahren auch schon angeführt habe, einiges, was Ihnen zeigen kann, daß man manches auch rein äußerlich Historische doch falsch sieht, namentlich da, wo man von der Leben-Jesu-Forschung spricht in der allerletzten Zeit. Ich will sagen, man spricht davon, daß die Evangelien spät entstanden sind. Ja, sehen Sie, dem kann auch manches rein Historische entgegengehalten werden. Dem kann zum Beispiel entgegengehalten werden, daß der Rabbi Gamaliel II. im Jahre 70 des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung einen Prozeß hatte. Bei diesem Prozeß handelte es sich um folgendes. Der Rabbi Gamaliel II. war der Sohn des Rabbi Simeon, welcher der Sohn war des Gamaliel, desjenigen Gamaliel, dessen Schüler Paulus war; und jener Gamaliel II. hatte eine Schwester, und mit dieser Schwester kam er in einen Erbschaftsprozeß. Sie wurden vor den Richter geführt, und der Richter war ein dem Christentum geneigter Römer, vielleicht auch ein dem Christentum geneigter Jude, das ist schwer festzustellen. Nun machte Gamaliel geltend, daß er alleiniger Erbe sei, weil nach dem mosaischen Gesetze Töchter nicht erben können. Da wandte der Richter ein: Seit ihr Juden euer Land verloren habt, gilt nicht mehr die Thora Mosis, sondern es gilt das Evangelium und nach dem Evangelium muß auch die Schwester erben. — Da war zunächst nichts zu machen auf geradem Wege. Doch was geschah? Gamaliel II., der nicht nur erbschaftssüchtig, sondern auch schlau war — man würde heute sagen: er stellte den Antrag auf Vertagung des Prozesses. Und das kam auch zustande. Der Prozeß wurde zunächst vertagt, und Gamaliel II. bestach in der Zwischenzeit den Richter. Bei der zweiten Verhandlung stand er also vor dem bestochenen Richter, und der entschied nun anders und sagte: Ja, er habe sich beim ersten Prozeß geirrt. Es sei zwar das Evangelium auf solche Prozesse anzuwenden, aber im Evangelium stünde, daß nicht aufgehoben werden solle durch das Evangelium die Thora Mosis. Und dabei wird zur Bekräftigung zitiert der Vers, der heute bei Matthäus 5., Vers 17 steht vom Nichtaufheben des Gesetzes in der Fassung, die er auch heute hat, selbstverständlich mit den Abweichungen, die sich ergeben aus der griechischen Sprache und derjenigen Sprache, in der damals das Evangelium vorhanden war, als im Jahre 70 dieser Richterspruch gefällt wurde. Aber bei diesem Richterspruch wird einfach von dem Matthäus-Evangelium gesprochen, und der Talmud, der diese Dinge mitteilt, redet wie von etwas ganz Selbstverständlichem von diesem Matthäus-Evangelium.

[ 6 ] Now I would like to begin by mentioning a few things that I have already mentioned in previous years, things that can show you that some purely external historical facts are viewed incorrectly, particularly when it comes to recent research into the life of Jesus. I mean, people say that the Gospels were written late. Yes, you see, there are some purely historical facts that can be used to counter this. For example, it can be countered that Rabbi Gamaliel II had a trial in the year 70 of our era. This trial concerned the following. Rabbi Gamaliel II was the son of Rabbi Simeon, who was the son of Gamaliel, the Gamaliel whose disciple was Paul; and that Gamaliel II had a sister, and he became involved in an inheritance dispute with this sister. They were brought before the judge, and the judge was a Roman who was sympathetic to Christianity, or perhaps a Jew who was sympathetic to Christianity; it is difficult to determine. Gamaliel claimed that he was the sole heir because, according to Mosaic law, daughters cannot inherit. The judge objected: since you Jews lost your land, the Torah of Moses no longer applies, but the Gospel applies, and according to the Gospel, the sister must also inherit. At first, there was nothing that could be done by straightforward means. But what happened? Gamaliel II, who was not only greedy for inheritance but also cunning—today we would say—he requested that the trial be postponed. And that is what happened. The trial was initially postponed, and in the meantime Gamaliel II bribed the judge. At the second hearing, he stood before the bribed judge, who now decided differently and said: Yes, he had been wrong in the first trial. Although the Gospel should be applied to such trials, the Gospel states that the Torah of Moses should not be abolished by the Gospel. And to reinforce this, the verse from Matthew 5:17 is quoted, which states that the law should not be abolished in the version that it has today, of course with the deviations that result from the Greek language and the language in which the Gospel was available at the time when this judgment was passed in the year 70. But this ruling simply refers to the Gospel of Matthew, and the Talmud, which reports these things, speaks of this Gospel of Matthew as something completely self-evident.

[ 7 ] So könnte gar mancherlei angeführt werden, was zeigen würde, daß man bei einer Erweiterung der ja sonst sehr sorgfältigen Forschung auch rein äußerlich historisch nicht auf einem so ganz sicheren Boden steht, wenn man nicht die Entstehung der Evangelien weit zurückversetzt. Auch die äußere historische Forschung wird durchaus einmal dasjenige rechtfertigen, was ja aus ganz anderen, nämlich aus rein geistigen Quellen heraus die Unterlage meines Buches «Das Christentum als mystische Tatsache» bildet.

[7] Many other examples could be cited to show that, even if one expands the otherwise very careful research, one is not on entirely secure ground, even from a purely external historical point of view, unless one pushes back the origin of the Gospels much further. External historical research will also justify what forms the basis of my book “Christianity as a Mystical Fact” from completely different, namely purely spiritual sources.

[ 8 ] Nun birgt tatsächlich alles dasjenige, was Bezug hat auf das Mysterium von Golgatha, auch für die heutige Zeit noch tiefste Geheimnisse, die sich lösen werden, wenn geisteswissenschaftliche Anschauung immer weiter und weiter vorschreiten wird. Viele Dinge können die Menschen heute darauf hinweisen, daß die Fragen doch nicht so einfach liegen, wie man sie gerade heute sehr häufig sich vorstellt. So berücksichtigt man zum Beispiel heute wenig das Verhältnis des damaligen Judentums zu den Anschauungen über den Christus Jesus für das erste christliche Jahrhundert. Es gibt Theologen, welche gewisse jüdische Schriften studieren, um mancherlei zu zeigen. Allein man kann leicht nachweisen, daß diese jüdischen Schriften, auf die so manches gestützt wird, im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung noch gar nicht vorhanden waren. Aber eines scheint auch historisch durchaus nachweisbar zu sein: das ist, daß im ersten Jahrhundert, namentlich im zweiten Drittel des ersten Jahrhunderts, ein gutes, ein verhältnismäßig gutes Verhältnis bestanden hat zwischen dem Judentum und dem Christentum, wenn man das Wort für jene Zeit schon gebrauchen will; daß im allgemeinen, wenn gewisse aufgeklärte Juden der damaligen Zeit in Diskussionen kamen mit Anhängern des Christus Jesus über gewisse Fragen, es nicht allzu schwierig war, eine Übereinstimmung der Anschauungen herzustellen. Man braucht dabei nur zu erinnern an solche Fälle, wie etwa, daß der berühmte Rabbi Elieser kennenlernte um die Mitte des ersten Jahrhunderts einen gewissen Jakob — wie er ihn nennt —, welcher sich dazu bekannte, ein Schüler Jesu zu sein, und der heilte auf den Namen des Christus Jesus. Der berühmte Rabbi Elieser besprach sich mit jenem Jakob, und er kam im Gespräch dazu zu sagen: Eigentlich ist es durchaus nicht gegen den inneren Geist des Judentums, was da dieser Jakob sagt, und namentlich nicht, daß er auf den Namen Jesu Kranke heilt.

[ 8 ] Now, everything that relates to the mystery of Golgotha actually holds still holds profound mysteries for the present day, which will be solved as Spiritual Science insight continues to advance. Many things can point out to people today that the questions are not as simple as the mental images suggest today. For example, little attention is paid today to the relationship of Judaism at that time to the views about Christ Jesus in the first Christian century. There are theologians who study certain Jewish writings in order to demonstrate various points. However, it can easily be proven that these Jewish writings, on which so much is based, did not even exist in the first century of the Christian era. But one thing also seems to be historically verifiable: that in the first century, particularly in the second third of the first century, there was a good, relatively good relationship between Judaism and Christianity, if one wants to use that word for that time; that in general, when certain enlightened Jews of that time entered into discussions with followers of Christ Jesus about certain questions, it was not too difficult to to reach a consensus of views. One need only recall cases such as that of the famous Rabbi Eliezer, who in the middle of the first century met a certain Jacob—as he calls him—who professed to be a disciple of Jesus and who healed in the name of Christ Jesus. The famous Rabbi Elieser discussed this with Jacob, and in the course of the conversation he said: “Actually, what this Jacob says is not at all contrary to the inner spirit of Judaism, and in particular not that he heals the sick in the name of Jesus.”

[ 9 ] Man kann nun sehen, daß diese mehr oder weniger vorhandene leichte Übereinstimmbarkeit der älteren Zeit namentlich gegen das Ende des ersten Jahrhunderts schwindet; daß mit anderen Worten auch aufgeklärte Juden furchtbare Gegner, Hasser alles Christlichen werden. Und so kam es auch, daß, als im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die ja heute für wichtig geltenden jüdischen Schriften verfaßt wurden, in die Abfassung dieser jüdischen Schriften eine ganz andere Stimmung hereinkam, als eigentlich gerade im Judentum mit Bezug auf das Christentum im ersten Jahrhundert vorhanden war. Man kann die Dinge wirklich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt so verfolgen, daß man sieht: ein gewisser Haß des Christentums bildet sich besonders im Judentum erst heraus. Damit geht Hand in Hand ein Umschwung im Judentum selber. Man kann eigentlich sagen: Wenn auch die heutigen Vertreter des Judentums das Alte Testament natürlich kennen in ihrer Art, aber nicht kennen dasjenige, was zur Zeit des Mysteriums von Golgatha im Judentum außerdem noch gelebt hat, so verkennen auch sie vielfach dasjenige, um was es sich der Hauptsache nach bei einer wirklich geschichtlichen Betrachtung eigentlich handelt. Man muß sich klar sein darüber, daß das Alte Testament auch noch im ersten christlichen Jahrhundert ganz anders gelesen worden ist, als es heute auch von den gelehrtesten jüdischen Rabbinern gelesen werden kann. Besonders seit dem neunzehnten Jahrhundert ist die Möglichkeit des Lesens alter Schriften mehr oder weniger verlorengegangen. Denn bei gewissen Dingen, die sogar noch im achtzehnten Jahrhundert als eine geheime Tradition an alten atavistischen Hellseher-Wahrheiten vorhanden waren, wußte sich der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts schon gar nichts mehr vorzustellen. Und der heutige Mensch weiß sich nichts anderes mehr vorzustellen, als daß er diejenigen, die von solchen Dingen sprechen, auch wenn sie der früheren Zeit angehören — nun, für verwirrte Köpfe hält!

[ 9 ] One can now see that this more or less existing slight compatibility of the older times, especially towards the end of the first century, is disappearing; that, in other words, even enlightened Jews are becoming terrible opponents, haters of everything Christian. And so it came to pass that when the Jewish writings that are considered important today were composed in the second century of our era, a completely different mood entered into the composition of these Jewish writings than was actually present in Judaism with regard to Christianity in the first century. One can actually follow things from decade to decade and see that a certain hatred of Christianity is developing, especially in Judaism. This goes hand in hand with a reversal within Judaism itself. One can actually say that even though today's representatives of Judaism naturally know the Old Testament in their own way, they do not know what else was alive in Judaism at the time of the Mystery of Golgotha, and so they too often misunderstand what is actually the main point of a truly historical view. It must be clearly understood that even in the first Christian century, the Old Testament was read in a completely different way than it can be read today, even by the most learned Jewish rabbis. Especially since the nineteenth century, the ability to read ancient writings has been more or less lost. For certain things that even in the eighteenth century were still present as a secret tradition among ancient atavistic clairvoyants truths, the people of the nineteenth century could no longer create any mental images at all. And today's people can no longer create any mental images other than that those who speak of such things, even if they belong to earlier times, are confused minds!

[ 10 ] Ich habe Sie das letzte Mal aufmerksam gemacht auf ein bedeutsames Buch, auf das Buch «Des erreurs et de la vérité» von Saint-Martin. Dieses Buch ist ja gewiß ein Spätprodukt seiner Art, insofern ein Spätprodukt seiner Art, als es aus schon recht schattenhaft gewordenen Traditionen von alten Einsichten heraus spricht, aber eben doch noch aus diesen Traditionen heraus spricht. Nun habe ich Ihnen schon neulich mancherlei angeführt aus diesem Buche, bei dem der moderne Mensch nicht recht etwas sich denken kann. Aber wenn man nun folgende Anschauung nimmt, die sich bei Saint-Martin findet, so wird man erst recht sehen, wie bei Saint-Martin eben Dinge leben, die dem modernen Menschen, wenn man sie nicht als Dichtung nehmen darf — und als Dichtung nimmt man ja heute ungefähr alles —, der hellste Wahnsinn sind. So gibt Saint-Martin die Andeutung, daß das Menschengeschlecht, wie es jetzt ist, aus einem alten, uralten Zustand heruntergesunken ist in den gegenwärtigen Zustand. Mit einer gewissen Abstraktheit lassen sich ja das heute manche Menschen, die nicht auf die materialistische Weltanschauung schwören, noch gefallen, daß man das heutige Menschengeschlecht zurückverfolgt in ältere Zeiten, in denen es gewissermaßen mit einem Teil seines Wesens höher stand. Es gibt ja immerhin, trotz der materialistischen Färbung des Darwinismus, die da annimmt, daß der Mensch sich bloß von der Tierheit herauf entwickelt hat, noch andere Menschen, die der Meinung sind, daß der Mensch von einer gewissen Ursprungshöhe, in der es ja, wie ich ausgeführt habe, göttliche Urtraditionen gegeben hat, heruntergestiegen sei. Aber wenn es über dieses Abstrakte hinausgeht und zu solchen konkreten Behauptungen kommt, wie sie bei Saint-Martin sich finden, und bei Saint-Martin nur deshalb sich finden, weil sie an uralte Traditionen anknüpfen aus der alten Hellseherzeit, dann, ja dann kann sich eben der moderne Mensch bei solchen Dingen gar nichts mehr vorstellen.

[ 10 ] Last time, I drew your attention to an important book, Saint-Martin's Des erreurs et de la vérité. This book is certainly a late product of its kind, insofar as it speaks from traditions of ancient insights that have already become quite shadowy, but nevertheless still speaks from these traditions. I have already quoted several passages from this book, which modern man cannot really comprehend. But if we consider the following view, which is found in Saint-Martin, we will see even more clearly how Saint-Martin deals with things that, if we are not to regard them as fiction — and today we regard almost everything as fiction — are the purest madness to modern man. Saint-Martin suggests that the human race, as it is now, has sunk from an ancient, primeval state into its present condition. With a certain degree of abstraction, some people today who do not swear by the materialistic worldview can still accept that the present human race can be traced back to older times, in which it was, in a sense, higher in part of its being. After all, despite the materialistic coloring of Darwinism, which assumes that man has merely evolved from animality, there are still other people who believe that man has descended from a certain height of origin, in which, as I have explained, there were divine primordial traditions. But when it goes beyond this abstract notion and comes to such concrete assertions as those found in Saint-Martin, and found in Saint-Martin only because they tie in with ancient traditions from the old clairvoyant era, then, yes, then modern man can no longer create a mental image of such things.

[ 11 ] Was soll sich denn der heutige Mensch, der seine Chemie, seine Geologie, seine Biologie, Physiologie und so weiter von Grund aus kennt und auch jenes merkwürdige Gebilde, das man heute Philosophie nennt, in sich aufgenommen hat, was soll er sich denn vorstellen, wenn Saint-Martin sagt: So wie das Menschengeschlecht heute ist, so ist es erst nach dem Fall geworden; es war ursprünglich ganz anders. Der Mensch hatte ursprünglich eine Art undurchdringlicher Rüstung. Diese Rüstung ist ihm verlorengegangen. Sie gehörte ursprünglich zu seiner organischen Wesenheit. Mit dieser Rüstung konnte er den großen Streit bestehen, der ihm eigentlich auferlegt war in der Urzeit. Und es hatte der Mensch in der Urzeit eine eherne Lanze. Diese eherne Lanze konnte so verwunden, wie Feuer verwundet. Und mit dieser ehernen Lanze konnte der Mensch jenen Streit bestehen gegen ganz andere als menschliche Wesen, der ihm auferlegt war in jener Zeit. Und es hatte der Mensch zu seiner Verfügung an jenem Orte, wo er ursprünglich war, sieben Bäume. Jeder dieser Bäume hatte 16 Wurzeln und 490 Zweige. Diesen Ort hat der Mensch verlassen. Er ist heruntergesunken.

[ 11 ] What is modern man, who has a thorough knowledge of chemistry, geology, biology, physiology, and so on, and who has also absorbed that strange construct we now call philosophy, supposed to have in his mind when Saint-Martin says: The human race today is only what it has become after the Fall; it was originally quite different. Man originally had a kind of impenetrable armor. He has lost this armor. It originally belonged to his organic being. With this armor, he was able to survive the great struggle that was actually imposed on him in primeval times. And in primeval times, man had a bronze lance. This bronze lance could wound as fire wounds. And with this bronze lance, man was able to withstand the battle against beings quite different from human beings, which was imposed on him in those days. And man had seven trees at his disposal in the place where he originally was. Each of these trees had 16 roots and 490 branches. Man has left this place. He has sunk down.

[ 12 ] Ich glaube nicht, daß man vom modernen Menschen für noch vollsinnig angesehen würde, wenn man dasselbe täte, was Saint-Martin ganz zweifellos tat: für diese seine Anschauung eine so vollwertige Realität zu verlangen, wie der Geologe sie für die schönen Konstruktionen, die er für die Urzeit macht, verlangt. Man müßte schon mit allerlei abstrakten Allegorien oder Symbolen kommen, dann würde einem die Geschichte ein bißchen verziehen werden. Aber das meint Saint-Martin nicht, sondern Saint-Martin meint Wirklichkeiten, die ursprünglich da waren. Es war natürlich für Saint-Martin notwendig, daß er für gewisse Dinge, die damals vorhanden waren, als die Erde in ihrem Ursprung noch geistiger war als später, Imaginationen wählte. Allein Imaginationen sind Darstellungen von Wirklichkeiten; man darf sie nicht symbolisch auslegen, sondern man muß sie in ihrem imaginativen Inhalte nehmen, wie sie sind. — Ich wollte dies anführen, nicht um auf diese Sache jetzt einzugehen, sondern nur um Ihnen zu zeigen, wie grundverschieden noch im achtzehnten Jahrhundert die Sprache war, in der solch ein Buch wie «Des erreurs et de la vérité» geschrieben ist, von der Sprache, die man heute als die allein wirkliche gelten lassen will. Diese Art zu lesen, die man bei Saint-Martin noch findet, die ist eben wirklich ausgestorben.

[ 12 ] I do not believe that modern man would consider it entirely sensible to do what Saint-Martin undoubtedly did: to demand that his view be regarded as a reality in the same way that geologists demand that the beautiful constructions they make for primeval times be regarded as reality. One would have to come up with all kinds of abstract allegories or symbols, then one would be forgiven a little for the story. But that is not what Saint-Martin means; Saint-Martin means realities that were originally there. It was, of course, necessary for Saint-Martin to choose imaginations for certain things that existed at that time, when the earth was still more spiritual in its origin than it was later. . But imaginations are representations of realities; they must not be interpreted symbolically, but must be taken at face value in their imaginative content. — I wanted to mention this, not to go into this matter now, but only to show you how fundamentally different the language was in the eighteenth century, in which a book such as " Des erreurs et de la vérité" is written, from the language that is considered today to be the only real one. This way of reading, which can still be found in Saint-Martin, has really died out.

[ 13 ] Aber da zum Beispiel das Alte Testament in seiner Tiefe nur gelesen werden kann, wenn man entweder noch oder wieder beherrscht gewisse Dinge, die mit den imaginativen Vorstellungen zusammenhängen, so können Sie begreifen, daß insbesondere mit dem neunzehnten Jahrhundert die Möglichkeit verlorengegangen ist, das Alte Testament zu lesen. Aber je weiter man zurückgeht, desto mehr findet man, daß tatsächlich gerade im Judentum lebendig war zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, neben dem äußeren Alten Testament dasjenige, was man nennen kann eine Mysterienanschauung, eine wirkliche Mysterienanschauung. Und vieles in dieser Mysterienanschauung bestand eben darin, daß sie einem die Möglichkeit gab, das Testament in der richtigen Weise zu lesen. Nun liegt keine Möglichkeit vor, das Testament in der richtigen Weise zu lesen, wenn man es nicht in seinen Behauptungen nimmt auf dem Hintergrund von geistigen Tatsachen.

[ 13 ] But since, for example, the Old Testament can only be read in depth if one still or once again masters certain things related to mental images, you can understand that, especially with the nineteenth century, the possibility of reading the Old Testament has been lost. But the further back one goes, the more one finds that, especially in Judaism, at the time when the mystery of Golgotha took place, there was, alongside the outer Old Testament, what can be called a mystery view, a real mystery view. And much of this mystery view consisted precisely in the fact that it gave one the opportunity to read the Testament in the right way. Now there is no possibility of reading the Testament in the right way if one does not take its assertions against the background of spiritual facts.

[ 14 ] Am abgeneigtesten gerade der besonderen Färbung der jüdischen Geheimlehre war nun zur Zeit des Mysteriums von Golgatha das Römertum. Und, man kann sagen, es hat vielleicht größere Gegensätze kaum gegeben in der Erdenentwickelung, als den Gegensatz zwischen Römertum und der in Palästina von den Eingeweihten behüteten Mysterienanschauung. Doch darf man natürlich diese Mysterienanschauung, die in Palästina lebte, nicht so nehmen, wie sie damals in Palästina lebte, denn man würde dann nicht in ihr das Christentum finden, sondern nur etwas wie eine prophetische Vorverkündigung des Christentums. Aber auf der anderen Seite ist doch dasjenige, was im Christentum pulsiert hat, nur dann verständlich, wenn man es auf dem historischen Hintergrund der in Palästina vorhandenen Mysterienlehre anschauen kann. Diese Mysterienlehre war aber nun voll von Geheimnissen über den pneumatischen Menschen, war voll von demjenigen, was die menschliche Erkenntnis darauf hinweist, den Weg zu suchen in die geistige Welt hinein. Vieles von dem, was in dieser Geheimlehre lebte, lebte mehr oder weniger in Verzweigungen auch in den griechischen Mysterien. Aber wenig lebte davon in den römischen Mysterien. Das Römertum konnte nicht brauchen gerade den Grundnerv der palästinensischen Mysterien. Diesen Grundnerv konnte es nicht brauchen, denn das Römertum entwickelte ein solches Zusammensein der Menschen, eine solche besondere Art des menschlichen Zusammenseins, die nur bestehen kann, wenn man sich um den pneumatischen Menschen nicht kümmert. Das ist das eigentliche Geheimnis der römischen Geschichte, daß in dieser römischen Geschichte begründet werden sollte ein Zusammenleben der Menschen, durch welches der pneumatische Mensch mehr oder weniger ausgeschaltet wurde. Es sollte etwas begründet werden, demgegenüber es keinen Sinn hat, vom Menschen in seiner dreigliedrigen Wesenheit zu sprechen: Leib, Seele und Geist. Je weiter man zurückgeht, desto mehr sieht man, daß gerade die in den alten Zeiten vorhandene Auffassung des Mysteriums von Golgatha basiert, begründet ist auf dieser Unterscheidung des Gesamtmenschen in Leib, Seele und Geist, wie Paulus eben noch durchaus vom psychischen und pneumatischen Menschen spricht, vom seelischen und geistigen Menschen. Aber das mußte im höchsten Maße Anstoß erregen gegenüber allen Empfindungen, die ein Römer hatte. Und damit ist auch der Grund für vieles ausgesprochen, was in der Folgezeit eintrat.

[ 14 ] At the time of the mystery of Golgotha, it was Roman culture that was most averse to the particular coloring of Jewish secret teaching. And it can be said that there have perhaps been no greater contrasts in the evolution of the earth than the contrast between Roman culture and the mystery view of the world preserved by the initiates in Palestine. But of course, one must not take this mystery view of the world that existed in Palestine as it existed in Palestine at that time, because then one would not find Christianity in it, but only something like a prophetic foreshadowing of Christianity. On the other hand, however, what pulsated in Christianity can only be understood if one can view it against the historical background of the mystery teachings that existed in Palestine. This mystery teaching, however, was full of secrets about the pneumatic human being, full of that which points human knowledge to the path into the spiritual world. Much of what lived in this secret teaching also lived, more or less, in branches of the Greek mysteries. But little of it lived in the Roman mysteries. Roman culture had no use for the fundamental nerve of the Palestinian mysteries. It had no use for this fundamental nerve because Roman culture developed a kind of human coexistence, a special kind of human coexistence, that can only exist if one does not concern oneself with the pneumatic human being. This is the real secret of Roman history, that in this Roman history a coexistence of people was to be established in which the pneumatic human being was more or less eliminated. Something was to be established in which it made no sense to speak of human beings in their threefold nature: body, soul, and spirit. The further back one goes, the more one sees that the ancient conception of the mystery of Golgotha was based precisely on founded on this distinction of the whole human being into body, soul, and spirit, just as Paul still speaks quite clearly of the psychic and pneumatic human being, of the soul and spirit human being. But this had to be highly offensive to all the sensibilities of a Roman. And this also explains the reason for much of what happened in the following period.

[ 15 ] Sie wissen ja: Jene Anschauung, welche heute nicht mehr brauchbar ist, aber dazumal retten wollte die Gliederung des Menschen und der Welt überhaupt in Leib, Seele und Geist, ist die Gnosis. Sie wurde in der Weiterentwickelung mehr oder weniger vollständig ausgeschaltet, richtig ausgeschaltet, zurückgedrängt, so daß die Gnosis ganz verschwindet. Ich will gar nicht sagen, daß sie sich hätte erhalten sollen, sondern ich will nur die geschichtliche Tatsache feststellen, daß die Gnosis noch den Ausblick enthält auf eine geistige Auffassung des Mysteriums von Golgatha und zurückgedrängt wird. Es ergibt sich nun eine sehr eigentümliche Entwickelung: es ergibt sich, daß das Christentum immer mehr und mehr hineinfließt in das römische Wesen. Aber in demselben Maße, in dem es hineinfließt in das römische Wesen, wird es mit Bezug auf sein Verhältnis zum pneumatischen Menschen von diesem römischen Wesen nicht verstanden. Und es erregte immer mehr und mehr Anstoß, daß gewisse gnostische Vertreter des Christentums noch immer sprachen von Leib, Seele und Geist. Man versuchte in den Kreisen, in denen das Christentum auf römische Art offiziell geworden ist, immer mehr und mehr zu kaschieren, zu unterdrücken den Geist, den Begriff des Geistes. Man hatte das Gefühl, man solle den Menschen nicht auf den Geist hinweisen, denn dadurch könnten alle die Anschauungen — so glaubte man — wieder aufleben von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist.

[ 15 ] As you know, the view that is no longer useful today, but which at that time sought to preserve the division of the human being and the world in general into body, soul, and spirit, is Gnosticism. In the course of further development, it was more or less completely eliminated, correctly eliminated, suppressed, so that Gnosticism disappeared entirely. I do not mean to say that it should have been preserved, but I only want to state the historical fact that Gnosticism still contains the prospect of a spiritual understanding of the mystery of Golgotha and is being suppressed. A very peculiar development now ensues: Christianity flows more and more into the Roman essence. But to the same extent that it flows into the Roman essence, it is not understood by this Roman essence in relation to its relationship to the pneumatic human being. And it caused more and more offense that certain Gnostic representatives of Christianity still spoke of body, soul, and spirit. In the circles where Christianity had become official in the Roman way, attempts were made to conceal and suppress the spirit, the concept of the spirit, more and more. There was a feeling that people should not be made aware of the spirit, because this could revive all the old ideas — so it was believed — about the division of the human being into body, soul, and spirit.

[ 16 ] Und so ging denn die Entwickelung weiter. Und wenn man die ersten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung wirklich genau betrachtet, dann findet man, daß vieles, was gewöhnlich anders erklärt wird, dadurch sich im rechten Lichte darstellt, daß man weiß: Es ist dem römisch werdenden Christentum immer mehr und mehr darum zu tun, den Begriff des Geistes völlig verschwinden zu lassen. Unendlich viele Gewissensfragen, Erkenntnisfragen, gewinnen erst dadurch das rechte Licht, wenn man auf dieses Bedürfnis des europäisch gewordenen Christentums eingeht, den Geist abzusetzen. Und diese Entwickelung führt ja zuletzt dahin, daß in dem achten ökumenischen Konzil in Konstantinopel 869 eine Formel, ein Dogma aufgestellt wird, das vielleicht in seinem Wortlaut noch nicht so klar spricht, das aber dann dazu geführt hat, so ausgelegt zu werden, daß es unchristlich sei, von Leib, Seele und Geist zu sprechen; daß es einzig und allein christlich sei, nur zu sagen, der Mensch bestehe aus Leib und Seele. Das achte ökumenische Konzil hat zunächst die Sache nur so dargestellt, daß die Formel lautete: Der Mensch hat eine denkende und eine geistige Seele. Um vom Geiste nicht als besonderer Wesenheit sprechen zu müssen, wurde die Formel geprägt: Der Mensch hat eine vorstellende und eine geistige Seele. Aber alles lief darauf hinaus, den Geist herauszudrängen aus der Weltanschauung.

[ 16 ] And so development continued. And if one looks closely at the first centuries of Christian development, one finds that much of what is usually explained differently can be seen in the right light when one knows that Roman Christianity was increasingly concerned with making the concept of the spirit disappear completely. Countless questions of conscience and questions of knowledge, only come into the right light when one responds to this need of European Christianity to abolish the spirit. And this development ultimately led to the Eighth Ecumenical Council in Constantinople in 869 establishing a formula, a dogma, which may not yet have been so clear in its wording, but which then led to it being interpreted as unchristian to speak of body, soul, and spirit; that it was solely Christian to say that man consists of body and soul. The Eighth Ecumenical Council initially presented the matter only in such a way that the formula read: Man has a thinking and a spiritual soul. In order not to have to speak of the spirit as a special entity, the formula was coined: Man has an imagining and a spiritual soul. But everything boiled down to pushing the spirit out of the worldview.

[ 17 ] Mit diesem ist vieles verknüpft, was die Leute nicht wissen. Unsere heutigen Philosophen stellen noch immer ihre Betrachtungen so an, daß sie untersuchen auf der einen Seite das Leibliche, auf der anderen Seite das Seelische. Wenn Sie diese Leute, zum Beispiel Wundt oder ähnliche Köpfe, fragen würden, worauf das beruht, so würden sie selbstverständlich glauben, daß das auf Wirklichkeiten beruht, auf einer wirklichen Beobachtung, die darauf hinausgeht, daß es keinen Sinn habe zu sprechen von Leib, Seele und Geist, sondern bloß vom Leib, der nach außen gerichtet ist, und von der Seele, die nach innen gerichtet ist. Was würde so ein Wundt anderes sagen als: Das ergibt ja selbstverständlich die Anschauung! — Er hat keine Ahnung davon, daß das alles die Folge ist von dem, was das achte ökumenische Konzil festgelegt hat. Die Philosophen der Gegenwart sprechen noch immer nicht vom Geiste, denn sie folgen dem Dogma des achten ökumenischen Konzils. Warum eigentlich, wenn auch nicht mit deutlichen Worten, die modernen Philosophen den Geist abschwören, das wissen sie wahrhaftig ebensowenig, wie die römischen Kardinäle gewußt haben, auf was sie eigentlich schwören, als sie geschworen haben zu bewahren den Schatz, der längst nicht mehr da war. Die fortzeugenden Dinge in der Geschichte, die wirklichen Kräfte, die berücksichtigt man oftmals eben so furchtbar wenig. Und so kann man heute als unwissend gelten, wenn man nicht zustimmt der «voraussetzungslosen» Wissenschaft — wie man es nennt —, daß der Mensch nur aus Leib und Seele bestünde, bloß weil diejenigen, die die voraussetzungslose Wissenschaft vertreten, nicht wissen, daß die Voraussetzung dazu die Festsetzungen des achten ökumenischen Konzils im Jahre 869 sind. Und so ist es mit sehr, sehr vielen Dingen. Man möchte sagen: Dieses achte Konzil ist zu gleicher Zeit ein wichtiges Fenster, durch das man hineinschauen kann in ein gutes Stück abendländischer Entwickelung.

[ 17 ] There is much associated with this that people do not know. Our philosophers today still approach their considerations in such a way that they examine the physical on the one hand and the spiritual on the other. If you were to ask these people, for example Wundt or similar minds, what this is based on, they would naturally believe that it is based on realities, on real observation, which boils down to the conclusion that it makes no sense to speak of body, soul, and spirit, but only of the body, which is directed outward, and of the soul, which is directed inward. What else would someone like Wundt say other than: That is, of course, the obvious conclusion! — He has no idea that all this is the result of what the Eighth Ecumenical Council established. Contemporary philosophers still do not speak of the spirit, because they follow the dogma of the Eighth Ecumenical Council. Why, even if not in clear words, modern philosophers renounce the spirit, they know as little as the Roman cardinals knew what they were actually swearing to when they swore to preserve the treasure that had long since ceased to exist. The enduring things in history, the real forces, are often given so little consideration. And so today one can be considered ignorant if one does not agree with “unconditional” science — as it is called — that human beings consist only of body and soul, simply because those who represent unconditional science do not know that the prerequisite for this is the determinations of the Eighth Ecumenical Council in 869. And so it is with very, very many things. One might say: this Eighth Council is at the same time an important window through which one can look into a good part of Western development.

[ 18 ] Sie wissen ja, daß ein tiefer Riß durch die abendländische Entwickelung geht mit Bezug auf die Spaltung in diejenigen Religionsformen, die heute in der russisch-orthodoxen Kirche fortleben, und diejenigen Religionsformen, die in der römisch-katholischen Kirche fortleben oder die von ihnen herausentwickelt sind. Rein dogmatisch genommen — natürlich liegen hinter diesen Dingen andere, viel tiefergehende Impulse —, aber rein dogmatisch genommen, gehört zu dem Unterschiede, wie Sie wissen, das ja berühmte «filioque». Die römisch-katholische Kirche erkennt nach dem späteren Konzil — die russische Kirche erkennt ja nur die ersten sieben Konzilien an — die Formel an, daß der Heilige Geist ausgehe, wie man sagt: «sowohl vom Vater wie vom Sohn»; nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohn. Das wurde ja von Konstantinopel aus als ketzerisch erklärt. Die russische Kirche — wie gesagt, dahinter liegen viel tiefere Impulse, aber das soll heute nur konstatiert werden — erkennt an, daß der Heilige Geist vom Vater ausgeht. — Die große Verwirrung in bezug auf dieses Dogma hat natürlich nur dadurch entstehen können, daß man überhaupt über den Begriff des Geistes in Verwirrung kam, daß man den Begriff des Geistes nach und nach überhaupt ganz verlor. Allerdings hängt das ja zusammen damit, daß gegen die fünfte nachatlantische Kulturperiode herauf der Mensch eine Zeitlang von der Anschauung des Geistes ausgeschlossen sein sollte. Gegenüber dieser Wahrheit ist dasjenige, was da geschah, man möchte sagen, das an der Oberfläche sich abspielende Spiegelbild. Aber man muß doch dasjenige, was in diesem Spiegelbild liegt, durchschauen, wenn man zu einer gültigen wirklichkeitsgesättigten Anschauung kommen will.

[ 18 ] You know, of course, that there is a deep rift in Western development with regard to the division between those forms of religion that continue today in the Russian Orthodox Church and those forms of religion that continue in the Roman Catholic Church or that have developed out of it. From a purely dogmatic point of view — of course there are other, much deeper impulses behind these things — but from a purely dogmatic point of view, one of the differences, as you know, is the famous “filioque.” After the later council—the Russian Church only recognizes the first seven councils—the Roman Catholic Church recognizes the formula that the Holy Spirit proceeds, as they say, “from both the Father and the Son”; not only from the Father, but also from the Son. This was declared heretical by Constantinople. The Russian Church — as I said, there are much deeper impulses behind this, but that is just to be noted today — recognizes that the Holy Spirit proceeds from the Father. — The great confusion regarding this dogma could, of course, only have arisen because people became confused about the concept of the Spirit in the first place, because they gradually lost the concept of the Spirit altogether. However, this is connected with the fact that, towards the end of the fifth post-Atlantean cultural period, human beings were to be excluded from the perception of the Spirit for a time. In contrast to this truth, what happened then is, one might say, the mirror image playing out on the surface. But one must see through what lies in this mirror image if one wants to arrive at a valid perception saturated with reality.

[ 19 ] Nun ist die Entwickelung nicht abgeschlossen, welche ein wichtiges Moment in der dogmatischen Festsetzung hatte, daß es keinen Geist gibt, daß der Mensch nur aus Leib und Seele besteht. Die christlichen Theologen des Mittelalters, die noch mitten drinnen lebten in den fortlaufenden Traditionen — denn eigentlich war es nur rechtgläubige Kirchenlehre, daß der Mensch aus Leib und Seele besteht, während die Alchimisten und die anderen Leute, die noch mit den alten Traditionen vertraut waren, selbstverständlich wußten, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht —, sie wußten außerordentlich schwer den Weg zu finden, rechtgläubig zu sein auf der einen Seite und auf der anderen Seite doch anerkennen zu müssen, daß hinter den ketzerischen Lehren, die überall lebten von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist, etwas steckt. Wir sehen überall, wie sich gerade die christlichen Theologen des Mittelalters wenden und drehen und nicht zurechtkommen, um, wie sie sagten, die sogenannte Trichotomie, die Gliederung des Menschen in drei Teile, zu vermeiden. Wer die christliche Theologie des Mittelalters nicht auf diese Schwierigkeiten hin, welche die Theologie hatte, die Trichotomie zu vermeiden, studiert, der kann sie überhaupt gar nicht verstehen.

[ 19 ] Now, the development that had an important moment in the dogmatic assertion that there is no spirit, that human beings consist only of body and soul, is not complete. The Christian theologians of the Middle Ages, who still lived in the midst of the continuing traditions—for it was actually only orthodox church doctrine that man consists of body and soul, while the alchemists and other people who were still familiar with the old traditions knew, of course, that man consists of body, soul, and spirit— found it extremely difficult to find a way to be orthodox on the one hand and yet recognize on the other that there was something behind the heretical teachings that were widespread about the division of man into body, soul, and spirit. We see everywhere how Christian theologians of the Middle Ages twisted and turned and could not cope with avoiding, as they said, the so-called trichotomy, the division of the human being into three parts. Anyone who does not study medieval Christian theology in terms of these difficulties that theology had in avoiding trichotomy cannot understand it at all.

[ 20 ] Nun ist aber diese Entwickelung, die damit angedeutet ist, noch lange nicht abgeschlossen, denn sie entspricht einem außerordentlich wichtigen Impulse in der abendländischen Kulturentwickelung. Und weil im zwanzigsten Jahrhundert sich so manches abspielen wird, von dem man wissen muß, wenn man die jetzige Zeit verstehen will, so muß auch auf dieses wieder hingewiesen werden. Sehen Sie, ursprünglich — also wenn wir dasjenige, was in dieser verhältnismäßig späteren Zeit entstanden ist, «ursprünglich» nennen —, gliederte man den Menschen in Leib, Seele und Geist. Die Entwickelung war so weit gediehen, daß im neunten Jahrhundert der Geist abgeschafft werden konnte. Nun aber geht die Sache weiter. Man merkt sie nur heute noch nicht ordentlich, weil man ja überhaupt solche gewichtigen Dinge, wie die ganze Umwandlung des Denkens zum Beispiel von Saint-Martin bis heute gar nicht ins Auge faßt. Die Sache geht weiter, und es ist nicht allein damit getan, daß der Geist nur abgeschafft worden ist, die Menschheit tendiert dahin, auch die Seele abzuschaffen. Nach dieser Richtung sind ja bis jetzt nur Präliminarien geschehen, Vorboten, aber die Zeit ist heute schon reif auch für das Abschaffen der Seele. Nur macht sich der Mensch solche wichtigen Tendenzen, die in der Zeit liegen, nicht klar. Wir haben schon gewichtige Entwickelungsmomente, welche vorbereiten das Abschaffen der Seele. Konzilien wird man ja nicht so wie im neunten Jahrhundert veranstalten, die Dinge vollziehen sich heute anders. Ich muß immer wieder bemerken: ich kritisiere diese Dinge nicht, ich stelle nur die Tatsachen vor Ihre Seele.

[ 20 ] However, this development, which is indicated here, is far from complete, for it corresponds to an extraordinarily important impulse in the development of Western culture. And because so many things will happen in the twentieth century that one must know about if one wants to understand the present time, this must also be pointed out again. You see, originally — that is, if we call what arose in this relatively later period “original” — human beings were divided into body, soul, and spirit. Development had progressed so far that in the ninth century the spirit could be abolished. But now the matter is going further. One does not notice it properly today because one does not even consider such weighty matters as the complete transformation of thinking, for example, from Saint-Martin to the present day. The matter is progressing, and it is not enough that the spirit has been abolished; humanity is tending toward abolishing the soul as well. So far, only preliminary steps have been taken in this direction, harbingers, but the time is already ripe today for the abolition of the soul as well. It's just that people are not aware of such important trends that are taking place in our time. We already have significant moments of development that are preparing the way for the abolition of the soul. Councils will not be held as they were in the ninth century; things are done differently today. I must emphasize again and again: I am not criticizing these things, I am merely presenting the facts to your soul.

[ 21 ] Ein sehr weitgehender Anfang zur Abschaffung der Seele liegt auf den verschiedensten Gebieten vor. So ist im neunzehnten Jahrhundert das heraufgezogen, was man den historischen Materialismus nennt, der die grundlegende geschichtliche Anschauung für die heutige Sozialdemokratie geworden ist. Wenn man in Engels und Marx die hauptsächlichsten — ja, wie soll man sagen, ein altes Wort darf man vielleicht nicht anwenden, aber vielleicht unter uns doch —, diese hauptsächlichsten «Propheten» des historischen Materialismus ins Auge faßt, so sind sie die direkten, die unmittelbaren Nachkommen — historisch gefaßt — der Väter vom achten ökumenischen Konzil. Da haben Sie die kontinuierliche Fortentwickelung. Was die Väter dazumal getan haben in der Abschaffung des Geistes, das setzten die Marx und Engels fort in ihrem schon sehr weitgehenden Versuche der Abschaffung der Seele. Nicht wahr, alle seelischen Impulse gelten ja nach dieser Anschauung nicht mehr, sondern dasjenige, was die Geschichte vorwärtstreibt, sind nur die materiellen Impulse, ist der Kampf um materielle Güter. Und das Seelische ist nur, wie man es ausgedrückt hat, der Oberbau zu dem eigentlichen Grundbau des rein materiell fortschreitenden Geschehens. Aber ganz besonders wichtig ist die Erkenntnis der echten Katholizität, der Katholizität von Marx und Engels. Das ist vor allen Dingen wichtig, daß man in diesen Bestrebungen des neunzehnten Jahrhunderts die echte, wahre Fortsetzung desjenigen sieht, was mit Bezug auf die Abschaffung des Geistes geschehen ist.

[ 21 ] A very far-reaching beginning toward the abolition of the soul is present in the most diverse areas. In the nineteenth century, for example, what is known as historical materialism emerged, which has become the fundamental historical view of today's social democracy. If one considers Engels and Marx to be the most important — well, how should one put it, perhaps one should not use an old word, but perhaps among ourselves — if one considers them to be the most important " prophets" of historical materialism, they are the direct, immediate descendants — historically speaking — of the fathers of the Eighth Ecumenical Council. There you have the continuous development. What the fathers did back then in abolishing the spirit, Marx and Engels continued in their already very far-reaching attempt to abolish the soul. According to this view, all spiritual impulses are no longer valid, but what drives history forward are only material impulses, the struggle for material goods. And the spiritual is only, as it has been expressed, the superstructure to the actual foundation of purely material progress. But it is particularly important to recognize the genuine catholicity, the catholicity of Marx and Engels. Above all, it is important to see in these endeavors of the nineteenth century the genuine, true continuation of what has happened with regard to the abolition of the spirit.

[ 22 ] Ein weiterer Impuls zur Abschaffung der Seele liegt ja in der Entwikkelung der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Die naturwissenschaftliche Weltanschauung — ich meine jetzt nicht die Naturwissenschaft, sondern die naturwissenschaftliche Weltanschauung, welche vor allen Dingen nur das Körperliche als real gelten lassen will, und alles Seelische nur wie eine Erscheinung, auch wie so einen Oberbau des Körperlichen gelten lassen will —, sie ist die direkte Fortsetzung jener Entwickelung, die wir eben in den wichtigen Momenten erfaßt haben beim achten ökumenischen Konzil. Nur wird vielleicht ein großer Teil der Menschheit an die Sache nicht glauben, bis, von gewissen Zentren der Erdenentwickelung herkommend, die Abschaffung der Seele Gesetzeskraft erlangen wird; mehr oder weniger Gesetzeskraft erlangen wird. Denn es wird gar nicht lange dauern, so werden in mancherlei Staaten Gesetze entstehen, welche darauf hinauslaufen werden, jeden, der im Ernste von einer Seele spricht, als nicht vollsinnig zu erklären, und für einen ganz vollsinnigen Menschen nur denjenigen zu erklären, welcher die «Wahrheit» einsieht, daß Denken, Fühlen und Wollen aus gewissen Vorgängen des Leibes entstehen auf ganz notwendige Weise. Begonnen hat ja nach dieser Richtung Verschiedenes, aber solange das, was da begonnen hat, nur theoretische Anschauung ist, so lange hat es nicht seine große, tief einschneidende Wirkung und Bedeutung. Es erlangt diese tief einschneidende Wirkung und Bedeutung, wenn es in die soziale Ordnung, in das soziale Leben der Menschen übergeht. Und da wird kaum die erste Hälfte dieses Jahrhunderts zu Ende gehen, ohne daß auf diesen Gebieten dasjenige geschieht, was für den Einsichtigen ein Furchtbares ist: eben ein solches Perhorreszieren der Seele, wie dazumal im neunten Jahrhundert der Geist perhorresziert worden ist.

[ 22 ] Another impulse toward the abolition of the soul lies in the development of the modern scientific worldview. The scientific worldview — I do not mean science itself, but the scientific worldview, which above all wants to accept only the physical as real, and regards everything spiritual as merely an appearance, or as a superstructure of the physical — is the direct continuation of the development that we have just summarized in its important moments at the Eighth Ecumenical Council. However, a large part of humanity will perhaps not believe in this until, coming from certain centers of earthly development, the abolition of the soul will attain the force of law; will attain more or less the force of law. For it will not be long before laws are enacted in many countries which will amount to declaring anyone who seriously speaks of a soul to be insane, and declaring only those to be completely sane who recognize the “truth” that thinking, feeling, and willing arise from certain processes of the body in a completely necessary way. Various things have already begun in this direction, but as long as what has begun is only a theoretical view, it will not have a great, profound effect and significance. It will attain this profound effect and significance when it enters into the social order, into the social life of human beings. And the first half of this century will hardly come to an end without something happening in these areas that is terrible for those who understand: namely, an abhorrence of the soul, just as the spirit was abhorred in the ninth century.

[ 23 ] Man kann immer wieder und wiederum nur sagen: Dasjenige, um was es sich handelt, ist die Einsicht in solche Dinge, ist die Einsicht in die Impulse, innerhalb welcher der Mensch im Laufe der geschichtlichen Entwickelung lebt: die Einsicht in diese Dinge. Denn nur allzusehr gilt es für die Menschheit der Gegenwart, daß sie unter der Erziehung, welche die rein materialistische Weltanschauung gibt, sich einem gewissen Schlafzustand überläßt. Die materialistische Weltanschauung schließt in einer gewissen Weise den Menschen vom wirklichen Denken ab, vom wirklich gesunden Anschauen der Wirklichkeit ab, lullt ihn ein in bezug auf Wichtiges, was in der geschichtlichen Entwickelung wirklich lebt. Und so ist heute noch immer, auch bei denjenigen, die gern einer bestimmten Sehnsucht nach Geist-Erkenntnis nachgehen wollen, kein starker Wille vorhanden, aufzuwachen über gewisse Impulse, die in unserer Entwickelung drinnenliegen, wirklich aufzuwachen; wirklich zu versuchen, die Dinge in ihren Zusammenhängen anzuschauen, wie sie sind.

[ 23 ] One can only say again and again: what is at stake is insight into such things, insight into the impulses within which human beings live in the course of historical development: insight into these things. For it is all too true of humanity today that, under the influence of a purely materialistic worldview, it has surrendered to a kind of sleep. The materialistic worldview in a certain way shuts people off from real thinking, from a truly healthy view of reality, lulling them into complacency with regard to the important things that really live in historical development. And so even today, even among those who would like to pursue a certain longing for spiritual knowledge, there is still no strong will to awaken to certain impulses that lie within our development, to truly awaken; to truly try to see things in their context, as they are.

[ 24 ] Es gab also in Palästina drüben eine Art Geheimlehre, welche vorbereitet hat das Mysterium von Golgatha, der gegenüber das Mysterium von Golgatha wie eine Erfüllung war. Ich habe das ja so ausgesprochen, daß ich sagte, das Mysterium von Golgatha stellte das größte Geheimnis der Erdenzeit auf den historischen Schauplatz heraus. Wenn das so ist, dann kann man die Frage aufwerfen: Warum entwickelte sich eine so starke Antipathie des Römertums gegenüber dem, was sich da als Christentum in Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha ergeben hat? Und warum ergab es sich aus diesen Impulsen heraus, daß geradezu der Geist abgeschafft worden ist?

[ 24 ] So there was a kind of secret teaching in Palestine that prepared the way for the Mystery of Golgotha, which was like a fulfillment of that teaching. I have expressed this by saying that the Mystery of Golgotha brought the greatest mystery of the earth's history to the historical stage. If that is the case, then one may ask: Why did Roman culture develop such a strong antipathy toward what emerged as Christianity in connection with the Mystery of Golgotha? And why did these impulses result in the spirit being virtually abolished?

[ 25 ] Die Dinge haben immer viel tiefere Zusammenhänge, als man eigentlich merkt, wenn man sie bloß ihrer Oberfläche nach betrachtet. Denn, daß Marx und Engels Kirchenväter sind, werden nicht viele Leute heute zugeben wollen; aber das ist noch keine ganz besonders tiefe Wahrheit. Auf eine tiefere Wahrheit führt es schon, wenn man folgendes ins Auge ‘faßt: Im Gerichtshofe, durch den der Christus Jesus verurteilt worden ist, wirkten vorzugsweise Sadduzäer, diejenigen, die man Sadduzäer nannte. Was waren die in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich abspielte? Was waren die eigentlich, die dazumal mit Recht mit dem Namen Sadduzäer bezeichnet worden sind? Es waren diejenigen Leute, welche alles, was aus dem Mysterium kam, hinwegeskamotieren wollten, hinweghaben, hinwegschaffen wollten. Diese Sadduzäer waren geradezu diejenigen, welche einen gewissen Horror, einen Schrecken, Schauder hatten vor allem Mysterienkult. Sie waren aber diejenigen, die den Gerichtshof in Händen hatten. Und sie waren es auch, die die Verwaltung dazumal in Palästina in Händen hatten. Sie standen aber ganz unter dem Einfluß des römischen Staates, durchaus unter dem Einfluß des römischen Staates. Sie waren im Grunde die Knechte des römischen Staates, was sich äußerlich schon dadurch ausdrückte, daß sie ihre Stellen durch Riesensummen erkauften, und dann wiederum diese Riesensummen erpreßten von der jüdischen Bevölkerung Palästinas. Sie waren es, deren Blick sich vor allen Dingen darauf richtete — weil sie, man könnte sagen, ihr ahrimanischer Materialismus zu diesem Blick geschärft hatte —, sie waren es, deren Blick sich vor allen Dingen darauf richtete, zu sehen, daß eine große Gefahr für das Römertum vorliege, wenn dasjenige irgendwie Geltung bekäme, was mit dem Christus im Einklange mit dem Mysterienwesen geschähe. Sie hatten eine instinktive Ahnung davon, daß vom Christentum etwas ausgeht, was das Römertum allmählich zertrümmern wird. Und damit hängt es zusammen, daß im Grunde genommen im Laufe des ersten Jahrhunderts und auch noch in spätere Jahrhunderte hinein von seiten des Römertums aus diese furchtbaren Vernichtungskriege geführt wurden gegen das palästinensische Judentum. Und diese Vernichtungskriege, die furchtbarer Art waren, sie wurden hauptsächlich geführt unter dem Gesichtspunkte, mit den hinzuschlachtenden Juden auch auszurotten alle diejenigen, welche etwas wußten von der Tradition und der Wirklichkeit der Mysterien. Es sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden dasjenige, was sich an das Mysterienwesen angliederte, das gerade in Palästina vorhanden war.

[ 25 ] Things always have much deeper connections than one actually notices when looking at them only superficially. For not many people today would admit that Marx and Engels are Church Fathers; but that is not a particularly profound truth. A deeper truth can be found if we consider the following: in the court where Christ Jesus was condemned, it was mainly Sadducees who were active, those who were called Sadducees. What were they at the time when the mystery of Golgotha took place? What were they, really, who were rightly called Sadducees at that time? They were the people who wanted to sweep away, get rid of, and eliminate everything that came from the mystery. These Sadducees were precisely those who had a certain horror, a dread, a shudder at all mystery cults. But they were the ones who controlled the court. And they were also the ones who controlled the administration in Palestine at that time. But they were completely under the influence of the Roman state, entirely under the influence of the Roman state. They were basically the servants of the Roman state, which was already evident in the fact that they bought their positions with huge sums of money and then extorted these huge sums from the Jewish population of Palestine. It was they whose gaze was directed above all toward this — because, one might say, their Ahrimanic materialism had sharpened their gaze — it was they whose gaze was directed above all toward seeing that a great danger to Romanism would arise if what happened with Christ in harmony with the mystery beings were to gain acceptance in any way. They had an instinctive sense that something was emanating from Christianity that would gradually destroy Roman civilization. And this is connected with the fact that, basically, during the first century and even into later centuries, these terrible wars of extermination were waged by Roman civilization against Palestinian Judaism. And these wars of extermination, which were of a terrible nature, were waged mainly with the aim of eradicating, along with the Jews who were to be slaughtered, all those who knew anything about the tradition and reality of the mysteries. Everything connected with the mystery cults that existed in Palestine was to be eradicated root and branch.

[ 26 ] Und mit dieser Ausrottung hängt es vielfach zusammen, daß auch die Anschauung vom pneumatischen Menschen, der Weg zum pneumatischen Menschen, zunächst, ich möchte sagen, verschlagen, vermauert wurde. Es wäre gefährlich geworden für diejenigen, die auch später von Rom aus, aus dem romanisierten Christentum heraus, den Geist abschaffen wollten, es wäre gefährlich für sie geworden, wenn noch viele vorhanden gewesen wären, die aus den alten Schulen Palästinas heraus etwas gewußt hätten über die Wege zum Geiste hin, die noch Zeugnis davon hätten ablegen können, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Denn es mußte mit demjenigen, was vom Römertum ausging, etwas in bezug auf die äußere Menschenordnung begründet werden, bei dem der Geist nichts zu suchen hatte. Es mußte eine Entwickelungsströmung eingeleitet werden mit Ausschluß spiritueller Impulse. Das wäre nicht gegangen, wenn zu viele Menschen etwas gewußt hätten von der Mysterieninterpretation des Mysteriums von Golgatha. Denn instinktiv fühlte man, daß dasjenige, was sich aus dem römischen Staate entwickeln sollte, nichts vom Geist in sich haben durfte. Die Kirche und der römische Staat gingen eine Ehe ein, gliederten ja insbesondere dann aus dieser Ehe heraus auch noch die Jurisprudenz ein. Bei alledem durfte der Geist kein Wort mitreden. Das war wichtig.

[ 26 ] And this eradication is closely connected with the fact that the view of the pneumatic human being, the path to the pneumatic human being, was initially, I would say, blocked and walled up. It would have become dangerous for those who later wanted to abolish the spirit from Rome, from Romanized Christianity; it would have become dangerous for them if there had still been many who knew something about the paths to the spirit from the old schools of Palestine, who could still have testified that man consists of body, soul, and spirit. For something had to be established in relation to the external human order, based on what emanated from Roman culture, in which the spirit had no place. A current of development had to be initiated that excluded spiritual impulses. This would not have been possible if too many people had known about the mystery interpretation of the mystery of Golgotha. For instinctively it was felt that what was to develop out of the Roman state must have nothing of the spirit in it. The Church and the Roman state entered into a marriage, and out of this marriage they also incorporated jurisprudence. In all this, the spirit was not allowed to have a say. That was important.

[ 27 ] Aber ebenso wichtig ist es, daß eingesehen werde, daß wir jetzt in dem Zeitalter leben, in dem der Geist wiederum aufgerufen werden muß, angerufen werden muß, damit er bei den Angelegenheiten der Menschen mitrede. Nun können Sie sich denken, wie schwierig das werden wird, da die Dinge doch so tief sitzen. Ich glaube, daß ein weiter Weg sein wird bis dahin, wo man in weiteren Kreisen anerkennen wird, daß die materialistische Geschichtsforschung eine richtige Fortsetzung ist des achten ökumenischen Konzils. Ich glaube auch, daß ein weiter Weg sein wird bis dahin, wo man verstehen wird, was eigentlich in den paar Buchstaben liegt, durch die sich das östliche Christentum in Europa von dem westlichen Christentum in Europa unterscheidet. Heute begnügt man sich, über alle diese Dinge nur an der Oberfläche zu sprechen, nur an der Oberfläche Urteile zu fällen. Von der Empfindung wird manches ausgehen müssen, und die Empfindung kann gut geleitet werden, wenn man eines berücksichtigt. Die Empfindung, die ich meine, mit der ich heute abschließe, ist diese:

[ 27 ] But it is equally important to realize that we are now living in an age in which the spirit must once again be called upon, must be invoked, so that it can have a say in human affairs. Now you can imagine how difficult that will be, since things are so deeply ingrained. I believe that there is a long way to go before wider circles will recognize that materialistic historical research is a proper continuation of the Eighth Ecumenical Council. I also believe that it will be a long road until people understand what is actually contained in the few letters that distinguish Eastern Christianity in Europe from Western Christianity in Europe. Today, people are content to talk about all these things only superficially, to make judgments only superficially. Much will have to come from feeling, and feeling can be well guided if one takes one thing into account. The feeling I mean, with which I conclude today, is this:

[ 28 ] Wer die wirkliche Geschichte Europas seit der Entstehung des Christentums studiert und sich nicht begnügt mit jener Fable convenue, welche in so entsetzlicher Weise heute als Geschichte gelehrt wird und von vielem Unheil die geheime Schuld ist, wer einen Sinn hat für das wirkliche Studium der Geschichte, wer den Mut hat, in genügend starker Weise jene entsetzliche Fable convenue, die man heute Geschichte nennt, von sich zu weisen, der wird gerade mit Bezug auf die Entwikkelung des Christentums eben zu einer Empfindung kommen, die ein Leitmotiv im Suchen der Gegenwart sein kann. Er wird nämlich finden, daß nichts so viele Hemmnisse, nichts so viele Verdunklungen und Entstellungen erfahren hat, als die Entwickelung des Christentums. Nichts ist so schwierig geworden als das, daß sich das Christentum fortgepflanzt hat. Und daraus entsteht dann die weitere Empfindung, daß es überhaupt, wenn man von Wundern sprechen will, kein größeres Wunder gibt als dieses, daß das Christentum sich erhalten hat, daß das Christentum da ist. Aber es ist nicht bloß da, sondern wir leben heute in einer Zeit, wo sich dieses Christentum zwar durchzusetzen haben wird auch gegen die Abschaffung der Seele, nicht nur gegen die Abschaffung des Geistes, wo es sich aber durchsetzen wird! Denn gerade zur Zeit des größten Widerstandes wird das Christentum seine größte Kraft entwickeln! Und in dem Widerstande, der entwickelt werden muß gegen die Abschaffung der Seele, wird auch die Kraft gefunden werden, den Geist wieder zu erkennen. Wenn aus dem Geiste — verzeihen Sie jetzt die uneigentliche Anwendung des Wortes —, wenn aus dem Geiste, der die Gegenwart beherrscht, jene Gesetze entstehen werden, wodurch diejenigen Menschen, welche die Seele als etwas Wirkliches ansehen, für nicht vollsinnig erklärt werden — natürlich werden die Gesetze nicht so lauten, daß derjenige für nicht vollsinnig erklärt wird, der die Seele anerkennt, aber sie werden so sein, daß unter der brutalen naturwissenschaftlichen Weltanschauung solches stattfindet —, wenn dieser moderne verwandelte, metamorphosierte Konzilsbeschluß da sein wird, dann wird auch die Zeit da sein, dem Geiste wiederum sein Recht zu verschaffen.

[ 28 ] Anyone who studies the real history of Europe since the emergence of Christianity and is not satisfied with that fable convenue, which is taught in such a terrible way as history today and is the secret cause of much evil, who has a sense for the real study of history, who has the courage to reject in a sufficiently strong manner that appalling fable convenue which is called history today, will come to a feeling, precisely with regard to the development of Christianity, which can be a leitmotif in the search for the present. For they will find that nothing has encountered so many obstacles, nothing has experienced so much obscurity and distortion as the development of Christianity. Nothing has become as difficult as the propagation of Christianity. And from this arises the further feeling that, if one wants to speak of miracles, there is no greater miracle than this, that Christianity has survived, that Christianity exists. But it is not merely there; we are living today in a time when Christianity will have to assert itself, not only against the abolition of the spirit, but also against the abolition of the soul, and it will assert itself! For it is precisely at the time of greatest resistance that Christianity will develop its greatest strength! And in the resistance that must be developed against the abolition of the soul, the strength will also be found to recognize the spirit again. When from the spirit — forgive me for the improper use of the word — when from the spirit that dominates the present, those laws will arise whereby those people who regard the soul as something real will be declared insane — of course, the laws will not say that those who recognize the soul are insane, but they will be such that under the brutal scientific worldview, such a thing will take place — when this modern, transformed, metamorphosed council decision is in place, then the time will also be ripe to restore the spirit to its rightful place.

[ 29 ] Dann wird man allerdings einsehen müssen, daß es mit schattenhaften Begriffen nicht geht, wenn man nicht die tieferen Ursprünge, die Gefühlsuntergründe dieser schattenhaften Begriffe sieht. Denn in den schattenhaften Begriffen birgt sich manchmal dasjenige, was der moderne Mensch sich ganz und gar nicht gestehen will, dem er aber unterworfen ist. Weil er sich es nicht gestehen will, weil er das äußerlich nicht anerkennt, tritt es in seinen Begriffen zur Strafe auf. Doch Saint-Martin sagt an wichtigeren Stellen: Über diese Dinge kann man nicht reden. — Gewiß, man wird noch lange Zeit über manche Dinge nicht reden können, aber manche Dinge müßte man doch schon als eherne Tafeln aufstellen, um die Menschheit heute darauf hinzuweisen, was eigentlich ist. Und eine solche Tafel wird einstmals zeigen, in nicht allzu ferner Zeit, aus welchen geheimen Neigungen die materialistische Ausdeutung des Darwinismus hervorgegangen ist, aus welchen sinnlichen, perversen Neigungen der materialistisch geartete Darwinismus entstanden ist.

[ 29 ] Then, of course, it will have to be recognized that shadowy concepts are not enough if one does not see the deeper origins, the emotional underpinnings of these shadowy concepts. For sometimes shadowy concepts conceal what modern man does not want to admit to himself at all, but to which he is subject. Because he does not want to admit it to himself, because they do not acknowledge it outwardly, it appears in their concepts as punishment. But Saint-Martin says in more important places: One cannot talk about these things. — Certainly, it will not be possible to talk about some things for a long time to come, but some things should already be set up as iron tablets in order to point out to humanity today what actually is. And such a tablet will one day, in the not too distant future, reveal the secret inclinations from which the materialistic interpretation of Darwinism arose, the sensual, perverse inclinations from which materialistic Darwinism arose.

[ 30 ] Doch ich will Ihre Gemüter nicht bedrücken mit etwas, das Ihnen die heutige Nacht verderben könnte, daher will ich den Satz nicht weiter zu Ende führen, sondern will nur die Empfindungen auf solche Dinge hinlenken. Das nächste Mal wollen wir dann ein Gebäude wenigstens zu skizzieren versuchen, zu dem ich Bausteine vor Ihre Seelen hinlegen wollte, als Grundlage für eine besondere Betrachtung des Mysteriums von Golgatha.

[ 30 ] But I do not want to weigh on your minds with something that could spoil your evening, so I will not finish that sentence, but will only direct your feelings toward such things. Next time, we will at least attempt to sketch a building for which I wanted to lay the building blocks before your souls as a basis for a special consideration of the mystery of Golgotha.