Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha
GA 175
27 March 1917
Achter Vortrag
[ 1 ] In dieser Zeit muß ich wiederholt aufmerksam machen auf einen Zug der Betrachtung, welcher durch unsere ganze Geisteswissenschaft in der Gegenwart gehen muß. Ich habe diesen Zug der Betrachtung einen solchen genannt, daß wir überall darauf sehen müssen, daß hinter den Begriffen und Vorstellungen und Ideen, die sich der Mensch bildet und in denen er lebt, nicht bloß dasjenige steht, was man oftmals im Leben Logik nennt, sondern daß in den Begriffen und Vorstellungen der Menschen dasjenige lebt, was man Wirklichkeit nennen kann. Nach wirklichkeitsgesättigten Begriffen muß gesucht werden. Und es kann immer wiederum und wiederum nicht unnötig sein, gerade bei den Betrachtungen, die nun hinauslaufen sollen auf ein ganz bestimmtes Ziel, das ich gleich bezeichnen werde, darauf aufmerksam zu machen, wie begreiflich es werden kann, daß ein Begriff, irgendeine Vorstellung, die im Leben vorhanden ist, zwar in einer gewissen Art wahr sein kann, aber nicht in die Wirklichkeit hinunterlangen kann. Gewiß, was eigentlich mit diesen wirklichkeitsgesättigten Begriffen gemeint ist, das wird erst allmählich klar werden; aber man kann sich auch, ich möchte sagen, durch einfache Vergleiche allmählich dahin bringen, die Vorstellung des Wirklichkeitsgesättigten zu haben. Daher will ich heute einleitungsweise durch einen Vergleich wiederum einmal auf das, was ich eigentlich meine, aufmerksam machen.
[ 2 ] Das, was ich jetzt sagen will, hat scheinbar, aber nur scheinbar, keinen Zusammenhang mit den nachfolgenden Betrachtungen, sondern ist nur eine einleitende Auseinandersetzung. Bis zum Jahre 1839 haben seit dem sechzehnten Jahrhundert alle römischen Kardinäle einen wichtigen Schwur ablegen müssen. Es hatte nämlich in den Jahren seiner päpstlichen Regierungszeit der Papst Sixtus V. — er regierte vom Jahre 1585 bis 1590 — in der Engelsburg 5 Millionen Scudi niedergelegt als einen Schatz, der für schlimme Fälle da sein sollte. Und weil man das für so wichtig hielt, daß ein solcher Schatz für schlimme Fälle da sei, ließ man immer die Kardinäle schwören, daß sie diesen Schatz sorgfältig behüten würden. Im Jahre 1839 unter der Regierung des Papstes Gregor XVI. hat der spätere Kardinal Acton gegen diesen Schwur Einspruch erhoben; er wollte die Kardinäle nicht mehr schwören lassen, daß sie diesen Schatz bewahren wollen. — Wenn man nun von dieser Geschichte nichts anderes hört, so könnte man alle möglichen schönen Hypothesen aufstellen darüber, warum denn dieser merkwürdige Acton die Kardinäle nicht schwören lassen will, wie es in der damaligen Zeit noch verlangt wurde, den Schatz, der für die päpstliche Regierung so wichtig sein könne, zu bewahren. Und alles, was man darüber sagt, könnte viel Logik enthalten. Aber alles, was man eventuell sehr schön sagen könnte darüber, wird verschwinden gegenüber dem, was Acton durch gewisse Tatsachenzusammenhänge wußte, und die Kardinäle nicht wußten. Er wußte nämlich, daß dieser Schatz seit dem Jahre 1797 gar nicht mehr vorhanden war, daß er bereits weg war. So hatte man die Kardinäle schwören lassen, daß sie einen Schatz bewahren werden, der aber gar nicht mehr da war, und Acton wollte sich einfach nicht herbeilassen, einen Schwur über etwas, was gar nicht vorhanden ist, ablegen zu lassen. Sie sehen, alle schönen Diskussionen und Hypothesen, die etwa derjenige aufstellen würde, der nicht weiß, daß der ganze Schatz nicht da war, daß er unter Pius VI. bereits aufgebraucht worden war — alle diese Hypothesen würden in nichts zerfallen.
[ 3 ] An einem solchen Beispiel könnte man, wenn man ein wenig darüber meditiert — es scheint manchmal unnötig, über solche Dinge zu meditieren, die so auf der flachen Hand liegen, aber man muß darüber meditieren und so etwas auf der Hand Liegendes mit manchen anderen Dingen in der Welt vergleichen —, gerade durch dasjenige, was sich ergibt aus einer solchen Tatsache, könnte man darauf kommen, was es eigentlich mit wirklichkeitsgesättigten und nicht-wirklichkeitsgesättigten Begriffen für eine Bewandtnis hat. Nun muß ich aufmerksam machen auf dieses Nicht-Wirklichkeitsgesättigtsein von Vorstellungen der Gegenwart aus dem einfachen Grunde, weil dies, wie Sie später, vielleicht erst das nächste Mal, sehen werden, gerade mit dem "Thema zusammenhängt, welches in der gegenwärtigen Zeit von unserem Gesichtspunkte aus wiederum einmal besprochen werden muß. Ich will mich nämlich bestreben, die Betrachtungen, die wir schon angestellt haben, auslaufen zu lassen in die Besprechung eines besonderen Verhältnisses, das sich auf das Christus-Mysterium bezieht. Was ich das letzte Mal hierzu herbeigetragen habe, wird Ihnen eine Unterstützung gerade derjenigen Seite des Christus-Mysteriums sein können, die wir jetzt betrachten wollen. Ich möchte nur heute manches, was scheinbar noch keinen Bezug zu unserem eigentlichen Thema hat, vor Ihre Seele führen, weil es uns als eine Grundlage bedeutsame Dienste wird leisten können.
[ 4 ] Sie wissen ja, ich habe behutsam begonnen hinzuweisen auf eine gewisse Art der Betrachtung des Christus-Mysteriums in meinem nun schon vor längerer Zeit erschienenen Buch «Das Christentum als mystische Tatsache». Dieses «Christentum als mystische Tatsache» — welches, das sei nur nebenbei gesagt, eines der letzten Bücher war, das noch das alte Regime in Rußland vor wenigen Wochen in seiner neuen Auflage konfisziert hat — ist, ich möchte sagen, ein erster Anhub, das Christentum selbst zu begreifen vom geistigen Standpunkte aus; vom Standpunkte, der im Laufe der Jahrhunderte innerhalb der christlichen Entwickelung des Abendlandes selber mehr oder weniger verschwunden ist. Nun möchte ich vorerst eines besonders hervorheben, was ja eigentlich so liegt, daß alle Ausführungen des Buches «Das Christentum als mystische Tatsache» damit stehen und fallen. Eine bestimmte Anschauung über die Evangelien ist darin vertreten. Auf diese Anschauung soll weiter nicht eingegangen werden. Sie können sie ja in dem Buche nachlesen. Aber wenn diese Anschauung berechtigt ist, so ist gleichzeitig notwendig vorauszusetzen, daß die Evangelien keineswegs so spät entstanden sind, als man heute oftmals auch in der christlichen Theologie annimmt, sondern daß die Evangelien in unbestimmter Weise früh in ihrer Entstehung angesetzt werden müssen. Sie wissen ja, daß nach dieser Anschauung die Elemente der evangelischen Lehre in den alten Mysterienbüchern zu suchen sind, und daß es sich nur darum handelt, das Mysterium von Golgatha als eine Erfüllung desjenigen, was in den alten Mysterienbüchern enthalten ist, zu erkennen. Nun wird man gerade mit einer solchen geistigen Auffassung des Christentums in der gegenwärtigen Zeit auch gegenüber manchen theologisch-historischen Ausführungen auf Widerspruch stoßen. Es wird eine solche Ausführung auch gerade von den modernsten Theologen vielleicht als historisch unbegründet angesehen werden; es soll ja gewissermaßen klar sein, daß die Evangelien im ersten Jahrhundert, oder wenigstens in den ersten zwei Dritteln des ersten Jahrhunderts, noch keine besondere Rolle gespielt haben. Und sogar theologische Vertreter des Christentums gibt es schon, welche anzweifeln, daß irgendein Beweis dafür erbracht werden könne, daß im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung Leute, auf die es ankommt, an die Person des Christus Jesus gedacht oder, wie man es nennen will, geglaubt haben.
[ 5 ] Nun, es wird sich immer mehr und mehr herausstellen, daß, wenn die nur scheinbar so sorgfältige Forschung der Gegenwart nach allen Seiten hin ausgreifen wird und nicht nur sorgfältig, sondern allseitig sein wird, dann gerade viele Bedenken der sorgfältigen Forschung zerfallen werden. Natürlich kann man heute über die Fragen, die sich ergeben aus gewissen Widersprüchen zwischen den christlichen Urkunden und den jüdischen Urkunden zum Beispiel, allerlei Schlüsse ziehen. Aber diesen Schlüssen steht das entgegen, daß die außerchristlichen Urkunden, das heißt die nicht offiziell als christlich anerkannten Urkunden, sehr wenig bekannt sind, und namentlich von christlichen Theologen wenig berücksichtigt werden. Ein großer Teil der NichtBerücksichtigung liegt eigentlich daran, daß man das Christentum und namentlich das Mysterium von Golgatha selbst nicht geistig genug aufgefaßt hat; daß man keinen rechten Begriff verbinden konnte mit der paulinischen Vorstellung, die da unterscheidet zwischen dem psychischen Menschen und dem pneumatischen Menschen. Nehmen Sie nur unsere elementarste Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Im Grunde genommen hat Paulus, der bekannt war mit alten Mysterienwahrheiten in ihrem atavistischen Charakter, mit seinem Unterscheiden des psychischen und des pneumatischen Menschen nichts anderes gemeint, als was wir in erneuerter Form wiederum meinen müssen, wenn wir von der Seele und vom Geiste als zwei Gliedern der menschlichen Natur sprechen. Aber gerade diese Unterscheidung des psychischen und pneumatischen Menschen, diese Unterscheidung von Seele und Geist, sie ist der abendländischen Betrachtung mehr oder weniger ganz abhanden gekommen. Man kann aber das Mysterium von Golgatha in seiner eigentlichen Wesenheit nicht betrachten, wenn man nicht Begriffe hat über den pneumatischen Menschen im Unterschied von dem psychischen Menschen.
[ 6 ] Nun möchte ich zunächst nur einiges anführen, was ich in früheren Jahren auch schon angeführt habe, einiges, was Ihnen zeigen kann, daß man manches auch rein äußerlich Historische doch falsch sieht, namentlich da, wo man von der Leben-Jesu-Forschung spricht in der allerletzten Zeit. Ich will sagen, man spricht davon, daß die Evangelien spät entstanden sind. Ja, sehen Sie, dem kann auch manches rein Historische entgegengehalten werden. Dem kann zum Beispiel entgegengehalten werden, daß der Rabbi Gamaliel II. im Jahre 70 des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung einen Prozeß hatte. Bei diesem Prozeß handelte es sich um folgendes. Der Rabbi Gamaliel II. war der Sohn des Rabbi Simeon, welcher der Sohn war des Gamaliel, desjenigen Gamaliel, dessen Schüler Paulus war; und jener Gamaliel II. hatte eine Schwester, und mit dieser Schwester kam er in einen Erbschaftsprozeß. Sie wurden vor den Richter geführt, und der Richter war ein dem Christentum geneigter Römer, vielleicht auch ein dem Christentum geneigter Jude, das ist schwer festzustellen. Nun machte Gamaliel geltend, daß er alleiniger Erbe sei, weil nach dem mosaischen Gesetze Töchter nicht erben können. Da wandte der Richter ein: Seit ihr Juden euer Land verloren habt, gilt nicht mehr die Thora Mosis, sondern es gilt das Evangelium und nach dem Evangelium muß auch die Schwester erben. — Da war zunächst nichts zu machen auf geradem Wege. Doch was geschah? Gamaliel II., der nicht nur erbschaftssüchtig, sondern auch schlau war — man würde heute sagen: er stellte den Antrag auf Vertagung des Prozesses. Und das kam auch zustande. Der Prozeß wurde zunächst vertagt, und Gamaliel II. bestach in der Zwischenzeit den Richter. Bei der zweiten Verhandlung stand er also vor dem bestochenen Richter, und der entschied nun anders und sagte: Ja, er habe sich beim ersten Prozeß geirrt. Es sei zwar das Evangelium auf solche Prozesse anzuwenden, aber im Evangelium stünde, daß nicht aufgehoben werden solle durch das Evangelium die Thora Mosis. Und dabei wird zur Bekräftigung zitiert der Vers, der heute bei Matthäus 5., Vers 17 steht vom Nichtaufheben des Gesetzes in der Fassung, die er auch heute hat, selbstverständlich mit den Abweichungen, die sich ergeben aus der griechischen Sprache und derjenigen Sprache, in der damals das Evangelium vorhanden war, als im Jahre 70 dieser Richterspruch gefällt wurde. Aber bei diesem Richterspruch wird einfach von dem Matthäus-Evangelium gesprochen, und der Talmud, der diese Dinge mitteilt, redet wie von etwas ganz Selbstverständlichem von diesem Matthäus-Evangelium.
[ 7 ] So könnte gar mancherlei angeführt werden, was zeigen würde, daß man bei einer Erweiterung der ja sonst sehr sorgfältigen Forschung auch rein äußerlich historisch nicht auf einem so ganz sicheren Boden steht, wenn man nicht die Entstehung der Evangelien weit zurückversetzt. Auch die äußere historische Forschung wird durchaus einmal dasjenige rechtfertigen, was ja aus ganz anderen, nämlich aus rein geistigen Quellen heraus die Unterlage meines Buches «Das Christentum als mystische Tatsache» bildet.
[ 8 ] Nun birgt tatsächlich alles dasjenige, was Bezug hat auf das Mysterium von Golgatha, auch für die heutige Zeit noch tiefste Geheimnisse, die sich lösen werden, wenn geisteswissenschaftliche Anschauung immer weiter und weiter vorschreiten wird. Viele Dinge können die Menschen heute darauf hinweisen, daß die Fragen doch nicht so einfach liegen, wie man sie gerade heute sehr häufig sich vorstellt. So berücksichtigt man zum Beispiel heute wenig das Verhältnis des damaligen Judentums zu den Anschauungen über den Christus Jesus für das erste christliche Jahrhundert. Es gibt Theologen, welche gewisse jüdische Schriften studieren, um mancherlei zu zeigen. Allein man kann leicht nachweisen, daß diese jüdischen Schriften, auf die so manches gestützt wird, im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung noch gar nicht vorhanden waren. Aber eines scheint auch historisch durchaus nachweisbar zu sein: das ist, daß im ersten Jahrhundert, namentlich im zweiten Drittel des ersten Jahrhunderts, ein gutes, ein verhältnismäßig gutes Verhältnis bestanden hat zwischen dem Judentum und dem Christentum, wenn man das Wort für jene Zeit schon gebrauchen will; daß im allgemeinen, wenn gewisse aufgeklärte Juden der damaligen Zeit in Diskussionen kamen mit Anhängern des Christus Jesus über gewisse Fragen, es nicht allzu schwierig war, eine Übereinstimmung der Anschauungen herzustellen. Man braucht dabei nur zu erinnern an solche Fälle, wie etwa, daß der berühmte Rabbi Elieser kennenlernte um die Mitte des ersten Jahrhunderts einen gewissen Jakob — wie er ihn nennt —, welcher sich dazu bekannte, ein Schüler Jesu zu sein, und der heilte auf den Namen des Christus Jesus. Der berühmte Rabbi Elieser besprach sich mit jenem Jakob, und er kam im Gespräch dazu zu sagen: Eigentlich ist es durchaus nicht gegen den inneren Geist des Judentums, was da dieser Jakob sagt, und namentlich nicht, daß er auf den Namen Jesu Kranke heilt.
[ 9 ] Man kann nun sehen, daß diese mehr oder weniger vorhandene leichte Übereinstimmbarkeit der älteren Zeit namentlich gegen das Ende des ersten Jahrhunderts schwindet; daß mit anderen Worten auch aufgeklärte Juden furchtbare Gegner, Hasser alles Christlichen werden. Und so kam es auch, daß, als im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die ja heute für wichtig geltenden jüdischen Schriften verfaßt wurden, in die Abfassung dieser jüdischen Schriften eine ganz andere Stimmung hereinkam, als eigentlich gerade im Judentum mit Bezug auf das Christentum im ersten Jahrhundert vorhanden war. Man kann die Dinge wirklich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt so verfolgen, daß man sieht: ein gewisser Haß des Christentums bildet sich besonders im Judentum erst heraus. Damit geht Hand in Hand ein Umschwung im Judentum selber. Man kann eigentlich sagen: Wenn auch die heutigen Vertreter des Judentums das Alte Testament natürlich kennen in ihrer Art, aber nicht kennen dasjenige, was zur Zeit des Mysteriums von Golgatha im Judentum außerdem noch gelebt hat, so verkennen auch sie vielfach dasjenige, um was es sich der Hauptsache nach bei einer wirklich geschichtlichen Betrachtung eigentlich handelt. Man muß sich klar sein darüber, daß das Alte Testament auch noch im ersten christlichen Jahrhundert ganz anders gelesen worden ist, als es heute auch von den gelehrtesten jüdischen Rabbinern gelesen werden kann. Besonders seit dem neunzehnten Jahrhundert ist die Möglichkeit des Lesens alter Schriften mehr oder weniger verlorengegangen. Denn bei gewissen Dingen, die sogar noch im achtzehnten Jahrhundert als eine geheime Tradition an alten atavistischen Hellseher-Wahrheiten vorhanden waren, wußte sich der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts schon gar nichts mehr vorzustellen. Und der heutige Mensch weiß sich nichts anderes mehr vorzustellen, als daß er diejenigen, die von solchen Dingen sprechen, auch wenn sie der früheren Zeit angehören — nun, für verwirrte Köpfe hält!
[ 10 ] Ich habe Sie das letzte Mal aufmerksam gemacht auf ein bedeutsames Buch, auf das Buch «Des erreurs et de la vérité» von Saint-Martin. Dieses Buch ist ja gewiß ein Spätprodukt seiner Art, insofern ein Spätprodukt seiner Art, als es aus schon recht schattenhaft gewordenen Traditionen von alten Einsichten heraus spricht, aber eben doch noch aus diesen Traditionen heraus spricht. Nun habe ich Ihnen schon neulich mancherlei angeführt aus diesem Buche, bei dem der moderne Mensch nicht recht etwas sich denken kann. Aber wenn man nun folgende Anschauung nimmt, die sich bei Saint-Martin findet, so wird man erst recht sehen, wie bei Saint-Martin eben Dinge leben, die dem modernen Menschen, wenn man sie nicht als Dichtung nehmen darf — und als Dichtung nimmt man ja heute ungefähr alles —, der hellste Wahnsinn sind. So gibt Saint-Martin die Andeutung, daß das Menschengeschlecht, wie es jetzt ist, aus einem alten, uralten Zustand heruntergesunken ist in den gegenwärtigen Zustand. Mit einer gewissen Abstraktheit lassen sich ja das heute manche Menschen, die nicht auf die materialistische Weltanschauung schwören, noch gefallen, daß man das heutige Menschengeschlecht zurückverfolgt in ältere Zeiten, in denen es gewissermaßen mit einem Teil seines Wesens höher stand. Es gibt ja immerhin, trotz der materialistischen Färbung des Darwinismus, die da annimmt, daß der Mensch sich bloß von der Tierheit herauf entwickelt hat, noch andere Menschen, die der Meinung sind, daß der Mensch von einer gewissen Ursprungshöhe, in der es ja, wie ich ausgeführt habe, göttliche Urtraditionen gegeben hat, heruntergestiegen sei. Aber wenn es über dieses Abstrakte hinausgeht und zu solchen konkreten Behauptungen kommt, wie sie bei Saint-Martin sich finden, und bei Saint-Martin nur deshalb sich finden, weil sie an uralte Traditionen anknüpfen aus der alten Hellseherzeit, dann, ja dann kann sich eben der moderne Mensch bei solchen Dingen gar nichts mehr vorstellen.
[ 11 ] Was soll sich denn der heutige Mensch, der seine Chemie, seine Geologie, seine Biologie, Physiologie und so weiter von Grund aus kennt und auch jenes merkwürdige Gebilde, das man heute Philosophie nennt, in sich aufgenommen hat, was soll er sich denn vorstellen, wenn Saint-Martin sagt: So wie das Menschengeschlecht heute ist, so ist es erst nach dem Fall geworden; es war ursprünglich ganz anders. Der Mensch hatte ursprünglich eine Art undurchdringlicher Rüstung. Diese Rüstung ist ihm verlorengegangen. Sie gehörte ursprünglich zu seiner organischen Wesenheit. Mit dieser Rüstung konnte er den großen Streit bestehen, der ihm eigentlich auferlegt war in der Urzeit. Und es hatte der Mensch in der Urzeit eine eherne Lanze. Diese eherne Lanze konnte so verwunden, wie Feuer verwundet. Und mit dieser ehernen Lanze konnte der Mensch jenen Streit bestehen gegen ganz andere als menschliche Wesen, der ihm auferlegt war in jener Zeit. Und es hatte der Mensch zu seiner Verfügung an jenem Orte, wo er ursprünglich war, sieben Bäume. Jeder dieser Bäume hatte 16 Wurzeln und 490 Zweige. Diesen Ort hat der Mensch verlassen. Er ist heruntergesunken.
[ 12 ] Ich glaube nicht, daß man vom modernen Menschen für noch vollsinnig angesehen würde, wenn man dasselbe täte, was Saint-Martin ganz zweifellos tat: für diese seine Anschauung eine so vollwertige Realität zu verlangen, wie der Geologe sie für die schönen Konstruktionen, die er für die Urzeit macht, verlangt. Man müßte schon mit allerlei abstrakten Allegorien oder Symbolen kommen, dann würde einem die Geschichte ein bißchen verziehen werden. Aber das meint Saint-Martin nicht, sondern Saint-Martin meint Wirklichkeiten, die ursprünglich da waren. Es war natürlich für Saint-Martin notwendig, daß er für gewisse Dinge, die damals vorhanden waren, als die Erde in ihrem Ursprung noch geistiger war als später, Imaginationen wählte. Allein Imaginationen sind Darstellungen von Wirklichkeiten; man darf sie nicht symbolisch auslegen, sondern man muß sie in ihrem imaginativen Inhalte nehmen, wie sie sind. — Ich wollte dies anführen, nicht um auf diese Sache jetzt einzugehen, sondern nur um Ihnen zu zeigen, wie grundverschieden noch im achtzehnten Jahrhundert die Sprache war, in der solch ein Buch wie «Des erreurs et de la vérité» geschrieben ist, von der Sprache, die man heute als die allein wirkliche gelten lassen will. Diese Art zu lesen, die man bei Saint-Martin noch findet, die ist eben wirklich ausgestorben.
[ 13 ] Aber da zum Beispiel das Alte Testament in seiner Tiefe nur gelesen werden kann, wenn man entweder noch oder wieder beherrscht gewisse Dinge, die mit den imaginativen Vorstellungen zusammenhängen, so können Sie begreifen, daß insbesondere mit dem neunzehnten Jahrhundert die Möglichkeit verlorengegangen ist, das Alte Testament zu lesen. Aber je weiter man zurückgeht, desto mehr findet man, daß tatsächlich gerade im Judentum lebendig war zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, neben dem äußeren Alten Testament dasjenige, was man nennen kann eine Mysterienanschauung, eine wirkliche Mysterienanschauung. Und vieles in dieser Mysterienanschauung bestand eben darin, daß sie einem die Möglichkeit gab, das Testament in der richtigen Weise zu lesen. Nun liegt keine Möglichkeit vor, das Testament in der richtigen Weise zu lesen, wenn man es nicht in seinen Behauptungen nimmt auf dem Hintergrund von geistigen Tatsachen.
[ 14 ] Am abgeneigtesten gerade der besonderen Färbung der jüdischen Geheimlehre war nun zur Zeit des Mysteriums von Golgatha das Römertum. Und, man kann sagen, es hat vielleicht größere Gegensätze kaum gegeben in der Erdenentwickelung, als den Gegensatz zwischen Römertum und der in Palästina von den Eingeweihten behüteten Mysterienanschauung. Doch darf man natürlich diese Mysterienanschauung, die in Palästina lebte, nicht so nehmen, wie sie damals in Palästina lebte, denn man würde dann nicht in ihr das Christentum finden, sondern nur etwas wie eine prophetische Vorverkündigung des Christentums. Aber auf der anderen Seite ist doch dasjenige, was im Christentum pulsiert hat, nur dann verständlich, wenn man es auf dem historischen Hintergrund der in Palästina vorhandenen Mysterienlehre anschauen kann. Diese Mysterienlehre war aber nun voll von Geheimnissen über den pneumatischen Menschen, war voll von demjenigen, was die menschliche Erkenntnis darauf hinweist, den Weg zu suchen in die geistige Welt hinein. Vieles von dem, was in dieser Geheimlehre lebte, lebte mehr oder weniger in Verzweigungen auch in den griechischen Mysterien. Aber wenig lebte davon in den römischen Mysterien. Das Römertum konnte nicht brauchen gerade den Grundnerv der palästinensischen Mysterien. Diesen Grundnerv konnte es nicht brauchen, denn das Römertum entwickelte ein solches Zusammensein der Menschen, eine solche besondere Art des menschlichen Zusammenseins, die nur bestehen kann, wenn man sich um den pneumatischen Menschen nicht kümmert. Das ist das eigentliche Geheimnis der römischen Geschichte, daß in dieser römischen Geschichte begründet werden sollte ein Zusammenleben der Menschen, durch welches der pneumatische Mensch mehr oder weniger ausgeschaltet wurde. Es sollte etwas begründet werden, demgegenüber es keinen Sinn hat, vom Menschen in seiner dreigliedrigen Wesenheit zu sprechen: Leib, Seele und Geist. Je weiter man zurückgeht, desto mehr sieht man, daß gerade die in den alten Zeiten vorhandene Auffassung des Mysteriums von Golgatha basiert, begründet ist auf dieser Unterscheidung des Gesamtmenschen in Leib, Seele und Geist, wie Paulus eben noch durchaus vom psychischen und pneumatischen Menschen spricht, vom seelischen und geistigen Menschen. Aber das mußte im höchsten Maße Anstoß erregen gegenüber allen Empfindungen, die ein Römer hatte. Und damit ist auch der Grund für vieles ausgesprochen, was in der Folgezeit eintrat.
[ 15 ] Sie wissen ja: Jene Anschauung, welche heute nicht mehr brauchbar ist, aber dazumal retten wollte die Gliederung des Menschen und der Welt überhaupt in Leib, Seele und Geist, ist die Gnosis. Sie wurde in der Weiterentwickelung mehr oder weniger vollständig ausgeschaltet, richtig ausgeschaltet, zurückgedrängt, so daß die Gnosis ganz verschwindet. Ich will gar nicht sagen, daß sie sich hätte erhalten sollen, sondern ich will nur die geschichtliche Tatsache feststellen, daß die Gnosis noch den Ausblick enthält auf eine geistige Auffassung des Mysteriums von Golgatha und zurückgedrängt wird. Es ergibt sich nun eine sehr eigentümliche Entwickelung: es ergibt sich, daß das Christentum immer mehr und mehr hineinfließt in das römische Wesen. Aber in demselben Maße, in dem es hineinfließt in das römische Wesen, wird es mit Bezug auf sein Verhältnis zum pneumatischen Menschen von diesem römischen Wesen nicht verstanden. Und es erregte immer mehr und mehr Anstoß, daß gewisse gnostische Vertreter des Christentums noch immer sprachen von Leib, Seele und Geist. Man versuchte in den Kreisen, in denen das Christentum auf römische Art offiziell geworden ist, immer mehr und mehr zu kaschieren, zu unterdrücken den Geist, den Begriff des Geistes. Man hatte das Gefühl, man solle den Menschen nicht auf den Geist hinweisen, denn dadurch könnten alle die Anschauungen — so glaubte man — wieder aufleben von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist.
[ 16 ] Und so ging denn die Entwickelung weiter. Und wenn man die ersten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung wirklich genau betrachtet, dann findet man, daß vieles, was gewöhnlich anders erklärt wird, dadurch sich im rechten Lichte darstellt, daß man weiß: Es ist dem römisch werdenden Christentum immer mehr und mehr darum zu tun, den Begriff des Geistes völlig verschwinden zu lassen. Unendlich viele Gewissensfragen, Erkenntnisfragen, gewinnen erst dadurch das rechte Licht, wenn man auf dieses Bedürfnis des europäisch gewordenen Christentums eingeht, den Geist abzusetzen. Und diese Entwickelung führt ja zuletzt dahin, daß in dem achten ökumenischen Konzil in Konstantinopel 869 eine Formel, ein Dogma aufgestellt wird, das vielleicht in seinem Wortlaut noch nicht so klar spricht, das aber dann dazu geführt hat, so ausgelegt zu werden, daß es unchristlich sei, von Leib, Seele und Geist zu sprechen; daß es einzig und allein christlich sei, nur zu sagen, der Mensch bestehe aus Leib und Seele. Das achte ökumenische Konzil hat zunächst die Sache nur so dargestellt, daß die Formel lautete: Der Mensch hat eine denkende und eine geistige Seele. Um vom Geiste nicht als besonderer Wesenheit sprechen zu müssen, wurde die Formel geprägt: Der Mensch hat eine vorstellende und eine geistige Seele. Aber alles lief darauf hinaus, den Geist herauszudrängen aus der Weltanschauung.
[ 17 ] Mit diesem ist vieles verknüpft, was die Leute nicht wissen. Unsere heutigen Philosophen stellen noch immer ihre Betrachtungen so an, daß sie untersuchen auf der einen Seite das Leibliche, auf der anderen Seite das Seelische. Wenn Sie diese Leute, zum Beispiel Wundt oder ähnliche Köpfe, fragen würden, worauf das beruht, so würden sie selbstverständlich glauben, daß das auf Wirklichkeiten beruht, auf einer wirklichen Beobachtung, die darauf hinausgeht, daß es keinen Sinn habe zu sprechen von Leib, Seele und Geist, sondern bloß vom Leib, der nach außen gerichtet ist, und von der Seele, die nach innen gerichtet ist. Was würde so ein Wundt anderes sagen als: Das ergibt ja selbstverständlich die Anschauung! — Er hat keine Ahnung davon, daß das alles die Folge ist von dem, was das achte ökumenische Konzil festgelegt hat. Die Philosophen der Gegenwart sprechen noch immer nicht vom Geiste, denn sie folgen dem Dogma des achten ökumenischen Konzils. Warum eigentlich, wenn auch nicht mit deutlichen Worten, die modernen Philosophen den Geist abschwören, das wissen sie wahrhaftig ebensowenig, wie die römischen Kardinäle gewußt haben, auf was sie eigentlich schwören, als sie geschworen haben zu bewahren den Schatz, der längst nicht mehr da war. Die fortzeugenden Dinge in der Geschichte, die wirklichen Kräfte, die berücksichtigt man oftmals eben so furchtbar wenig. Und so kann man heute als unwissend gelten, wenn man nicht zustimmt der «voraussetzungslosen» Wissenschaft — wie man es nennt —, daß der Mensch nur aus Leib und Seele bestünde, bloß weil diejenigen, die die voraussetzungslose Wissenschaft vertreten, nicht wissen, daß die Voraussetzung dazu die Festsetzungen des achten ökumenischen Konzils im Jahre 869 sind. Und so ist es mit sehr, sehr vielen Dingen. Man möchte sagen: Dieses achte Konzil ist zu gleicher Zeit ein wichtiges Fenster, durch das man hineinschauen kann in ein gutes Stück abendländischer Entwickelung.
[ 18 ] Sie wissen ja, daß ein tiefer Riß durch die abendländische Entwickelung geht mit Bezug auf die Spaltung in diejenigen Religionsformen, die heute in der russisch-orthodoxen Kirche fortleben, und diejenigen Religionsformen, die in der römisch-katholischen Kirche fortleben oder die von ihnen herausentwickelt sind. Rein dogmatisch genommen — natürlich liegen hinter diesen Dingen andere, viel tiefergehende Impulse —, aber rein dogmatisch genommen, gehört zu dem Unterschiede, wie Sie wissen, das ja berühmte «filioque». Die römisch-katholische Kirche erkennt nach dem späteren Konzil — die russische Kirche erkennt ja nur die ersten sieben Konzilien an — die Formel an, daß der Heilige Geist ausgehe, wie man sagt: «sowohl vom Vater wie vom Sohn»; nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohn. Das wurde ja von Konstantinopel aus als ketzerisch erklärt. Die russische Kirche — wie gesagt, dahinter liegen viel tiefere Impulse, aber das soll heute nur konstatiert werden — erkennt an, daß der Heilige Geist vom Vater ausgeht. — Die große Verwirrung in bezug auf dieses Dogma hat natürlich nur dadurch entstehen können, daß man überhaupt über den Begriff des Geistes in Verwirrung kam, daß man den Begriff des Geistes nach und nach überhaupt ganz verlor. Allerdings hängt das ja zusammen damit, daß gegen die fünfte nachatlantische Kulturperiode herauf der Mensch eine Zeitlang von der Anschauung des Geistes ausgeschlossen sein sollte. Gegenüber dieser Wahrheit ist dasjenige, was da geschah, man möchte sagen, das an der Oberfläche sich abspielende Spiegelbild. Aber man muß doch dasjenige, was in diesem Spiegelbild liegt, durchschauen, wenn man zu einer gültigen wirklichkeitsgesättigten Anschauung kommen will.
[ 19 ] Nun ist die Entwickelung nicht abgeschlossen, welche ein wichtiges Moment in der dogmatischen Festsetzung hatte, daß es keinen Geist gibt, daß der Mensch nur aus Leib und Seele besteht. Die christlichen Theologen des Mittelalters, die noch mitten drinnen lebten in den fortlaufenden Traditionen — denn eigentlich war es nur rechtgläubige Kirchenlehre, daß der Mensch aus Leib und Seele besteht, während die Alchimisten und die anderen Leute, die noch mit den alten Traditionen vertraut waren, selbstverständlich wußten, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht —, sie wußten außerordentlich schwer den Weg zu finden, rechtgläubig zu sein auf der einen Seite und auf der anderen Seite doch anerkennen zu müssen, daß hinter den ketzerischen Lehren, die überall lebten von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist, etwas steckt. Wir sehen überall, wie sich gerade die christlichen Theologen des Mittelalters wenden und drehen und nicht zurechtkommen, um, wie sie sagten, die sogenannte Trichotomie, die Gliederung des Menschen in drei Teile, zu vermeiden. Wer die christliche Theologie des Mittelalters nicht auf diese Schwierigkeiten hin, welche die Theologie hatte, die Trichotomie zu vermeiden, studiert, der kann sie überhaupt gar nicht verstehen.
[ 20 ] Nun ist aber diese Entwickelung, die damit angedeutet ist, noch lange nicht abgeschlossen, denn sie entspricht einem außerordentlich wichtigen Impulse in der abendländischen Kulturentwickelung. Und weil im zwanzigsten Jahrhundert sich so manches abspielen wird, von dem man wissen muß, wenn man die jetzige Zeit verstehen will, so muß auch auf dieses wieder hingewiesen werden. Sehen Sie, ursprünglich — also wenn wir dasjenige, was in dieser verhältnismäßig späteren Zeit entstanden ist, «ursprünglich» nennen —, gliederte man den Menschen in Leib, Seele und Geist. Die Entwickelung war so weit gediehen, daß im neunten Jahrhundert der Geist abgeschafft werden konnte. Nun aber geht die Sache weiter. Man merkt sie nur heute noch nicht ordentlich, weil man ja überhaupt solche gewichtigen Dinge, wie die ganze Umwandlung des Denkens zum Beispiel von Saint-Martin bis heute gar nicht ins Auge faßt. Die Sache geht weiter, und es ist nicht allein damit getan, daß der Geist nur abgeschafft worden ist, die Menschheit tendiert dahin, auch die Seele abzuschaffen. Nach dieser Richtung sind ja bis jetzt nur Präliminarien geschehen, Vorboten, aber die Zeit ist heute schon reif auch für das Abschaffen der Seele. Nur macht sich der Mensch solche wichtigen Tendenzen, die in der Zeit liegen, nicht klar. Wir haben schon gewichtige Entwickelungsmomente, welche vorbereiten das Abschaffen der Seele. Konzilien wird man ja nicht so wie im neunten Jahrhundert veranstalten, die Dinge vollziehen sich heute anders. Ich muß immer wieder bemerken: ich kritisiere diese Dinge nicht, ich stelle nur die Tatsachen vor Ihre Seele.
[ 21 ] Ein sehr weitgehender Anfang zur Abschaffung der Seele liegt auf den verschiedensten Gebieten vor. So ist im neunzehnten Jahrhundert das heraufgezogen, was man den historischen Materialismus nennt, der die grundlegende geschichtliche Anschauung für die heutige Sozialdemokratie geworden ist. Wenn man in Engels und Marx die hauptsächlichsten — ja, wie soll man sagen, ein altes Wort darf man vielleicht nicht anwenden, aber vielleicht unter uns doch —, diese hauptsächlichsten «Propheten» des historischen Materialismus ins Auge faßt, so sind sie die direkten, die unmittelbaren Nachkommen — historisch gefaßt — der Väter vom achten ökumenischen Konzil. Da haben Sie die kontinuierliche Fortentwickelung. Was die Väter dazumal getan haben in der Abschaffung des Geistes, das setzten die Marx und Engels fort in ihrem schon sehr weitgehenden Versuche der Abschaffung der Seele. Nicht wahr, alle seelischen Impulse gelten ja nach dieser Anschauung nicht mehr, sondern dasjenige, was die Geschichte vorwärtstreibt, sind nur die materiellen Impulse, ist der Kampf um materielle Güter. Und das Seelische ist nur, wie man es ausgedrückt hat, der Oberbau zu dem eigentlichen Grundbau des rein materiell fortschreitenden Geschehens. Aber ganz besonders wichtig ist die Erkenntnis der echten Katholizität, der Katholizität von Marx und Engels. Das ist vor allen Dingen wichtig, daß man in diesen Bestrebungen des neunzehnten Jahrhunderts die echte, wahre Fortsetzung desjenigen sieht, was mit Bezug auf die Abschaffung des Geistes geschehen ist.
[ 22 ] Ein weiterer Impuls zur Abschaffung der Seele liegt ja in der Entwikkelung der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Die naturwissenschaftliche Weltanschauung — ich meine jetzt nicht die Naturwissenschaft, sondern die naturwissenschaftliche Weltanschauung, welche vor allen Dingen nur das Körperliche als real gelten lassen will, und alles Seelische nur wie eine Erscheinung, auch wie so einen Oberbau des Körperlichen gelten lassen will —, sie ist die direkte Fortsetzung jener Entwickelung, die wir eben in den wichtigen Momenten erfaßt haben beim achten ökumenischen Konzil. Nur wird vielleicht ein großer Teil der Menschheit an die Sache nicht glauben, bis, von gewissen Zentren der Erdenentwickelung herkommend, die Abschaffung der Seele Gesetzeskraft erlangen wird; mehr oder weniger Gesetzeskraft erlangen wird. Denn es wird gar nicht lange dauern, so werden in mancherlei Staaten Gesetze entstehen, welche darauf hinauslaufen werden, jeden, der im Ernste von einer Seele spricht, als nicht vollsinnig zu erklären, und für einen ganz vollsinnigen Menschen nur denjenigen zu erklären, welcher die «Wahrheit» einsieht, daß Denken, Fühlen und Wollen aus gewissen Vorgängen des Leibes entstehen auf ganz notwendige Weise. Begonnen hat ja nach dieser Richtung Verschiedenes, aber solange das, was da begonnen hat, nur theoretische Anschauung ist, so lange hat es nicht seine große, tief einschneidende Wirkung und Bedeutung. Es erlangt diese tief einschneidende Wirkung und Bedeutung, wenn es in die soziale Ordnung, in das soziale Leben der Menschen übergeht. Und da wird kaum die erste Hälfte dieses Jahrhunderts zu Ende gehen, ohne daß auf diesen Gebieten dasjenige geschieht, was für den Einsichtigen ein Furchtbares ist: eben ein solches Perhorreszieren der Seele, wie dazumal im neunten Jahrhundert der Geist perhorresziert worden ist.
[ 23 ] Man kann immer wieder und wiederum nur sagen: Dasjenige, um was es sich handelt, ist die Einsicht in solche Dinge, ist die Einsicht in die Impulse, innerhalb welcher der Mensch im Laufe der geschichtlichen Entwickelung lebt: die Einsicht in diese Dinge. Denn nur allzusehr gilt es für die Menschheit der Gegenwart, daß sie unter der Erziehung, welche die rein materialistische Weltanschauung gibt, sich einem gewissen Schlafzustand überläßt. Die materialistische Weltanschauung schließt in einer gewissen Weise den Menschen vom wirklichen Denken ab, vom wirklich gesunden Anschauen der Wirklichkeit ab, lullt ihn ein in bezug auf Wichtiges, was in der geschichtlichen Entwickelung wirklich lebt. Und so ist heute noch immer, auch bei denjenigen, die gern einer bestimmten Sehnsucht nach Geist-Erkenntnis nachgehen wollen, kein starker Wille vorhanden, aufzuwachen über gewisse Impulse, die in unserer Entwickelung drinnenliegen, wirklich aufzuwachen; wirklich zu versuchen, die Dinge in ihren Zusammenhängen anzuschauen, wie sie sind.
[ 24 ] Es gab also in Palästina drüben eine Art Geheimlehre, welche vorbereitet hat das Mysterium von Golgatha, der gegenüber das Mysterium von Golgatha wie eine Erfüllung war. Ich habe das ja so ausgesprochen, daß ich sagte, das Mysterium von Golgatha stellte das größte Geheimnis der Erdenzeit auf den historischen Schauplatz heraus. Wenn das so ist, dann kann man die Frage aufwerfen: Warum entwickelte sich eine so starke Antipathie des Römertums gegenüber dem, was sich da als Christentum in Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha ergeben hat? Und warum ergab es sich aus diesen Impulsen heraus, daß geradezu der Geist abgeschafft worden ist?
[ 25 ] Die Dinge haben immer viel tiefere Zusammenhänge, als man eigentlich merkt, wenn man sie bloß ihrer Oberfläche nach betrachtet. Denn, daß Marx und Engels Kirchenväter sind, werden nicht viele Leute heute zugeben wollen; aber das ist noch keine ganz besonders tiefe Wahrheit. Auf eine tiefere Wahrheit führt es schon, wenn man folgendes ins Auge ‘faßt: Im Gerichtshofe, durch den der Christus Jesus verurteilt worden ist, wirkten vorzugsweise Sadduzäer, diejenigen, die man Sadduzäer nannte. Was waren die in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich abspielte? Was waren die eigentlich, die dazumal mit Recht mit dem Namen Sadduzäer bezeichnet worden sind? Es waren diejenigen Leute, welche alles, was aus dem Mysterium kam, hinwegeskamotieren wollten, hinweghaben, hinwegschaffen wollten. Diese Sadduzäer waren geradezu diejenigen, welche einen gewissen Horror, einen Schrecken, Schauder hatten vor allem Mysterienkult. Sie waren aber diejenigen, die den Gerichtshof in Händen hatten. Und sie waren es auch, die die Verwaltung dazumal in Palästina in Händen hatten. Sie standen aber ganz unter dem Einfluß des römischen Staates, durchaus unter dem Einfluß des römischen Staates. Sie waren im Grunde die Knechte des römischen Staates, was sich äußerlich schon dadurch ausdrückte, daß sie ihre Stellen durch Riesensummen erkauften, und dann wiederum diese Riesensummen erpreßten von der jüdischen Bevölkerung Palästinas. Sie waren es, deren Blick sich vor allen Dingen darauf richtete — weil sie, man könnte sagen, ihr ahrimanischer Materialismus zu diesem Blick geschärft hatte —, sie waren es, deren Blick sich vor allen Dingen darauf richtete, zu sehen, daß eine große Gefahr für das Römertum vorliege, wenn dasjenige irgendwie Geltung bekäme, was mit dem Christus im Einklange mit dem Mysterienwesen geschähe. Sie hatten eine instinktive Ahnung davon, daß vom Christentum etwas ausgeht, was das Römertum allmählich zertrümmern wird. Und damit hängt es zusammen, daß im Grunde genommen im Laufe des ersten Jahrhunderts und auch noch in spätere Jahrhunderte hinein von seiten des Römertums aus diese furchtbaren Vernichtungskriege geführt wurden gegen das palästinensische Judentum. Und diese Vernichtungskriege, die furchtbarer Art waren, sie wurden hauptsächlich geführt unter dem Gesichtspunkte, mit den hinzuschlachtenden Juden auch auszurotten alle diejenigen, welche etwas wußten von der Tradition und der Wirklichkeit der Mysterien. Es sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden dasjenige, was sich an das Mysterienwesen angliederte, das gerade in Palästina vorhanden war.
[ 26 ] Und mit dieser Ausrottung hängt es vielfach zusammen, daß auch die Anschauung vom pneumatischen Menschen, der Weg zum pneumatischen Menschen, zunächst, ich möchte sagen, verschlagen, vermauert wurde. Es wäre gefährlich geworden für diejenigen, die auch später von Rom aus, aus dem romanisierten Christentum heraus, den Geist abschaffen wollten, es wäre gefährlich für sie geworden, wenn noch viele vorhanden gewesen wären, die aus den alten Schulen Palästinas heraus etwas gewußt hätten über die Wege zum Geiste hin, die noch Zeugnis davon hätten ablegen können, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Denn es mußte mit demjenigen, was vom Römertum ausging, etwas in bezug auf die äußere Menschenordnung begründet werden, bei dem der Geist nichts zu suchen hatte. Es mußte eine Entwickelungsströmung eingeleitet werden mit Ausschluß spiritueller Impulse. Das wäre nicht gegangen, wenn zu viele Menschen etwas gewußt hätten von der Mysterieninterpretation des Mysteriums von Golgatha. Denn instinktiv fühlte man, daß dasjenige, was sich aus dem römischen Staate entwickeln sollte, nichts vom Geist in sich haben durfte. Die Kirche und der römische Staat gingen eine Ehe ein, gliederten ja insbesondere dann aus dieser Ehe heraus auch noch die Jurisprudenz ein. Bei alledem durfte der Geist kein Wort mitreden. Das war wichtig.
[ 27 ] Aber ebenso wichtig ist es, daß eingesehen werde, daß wir jetzt in dem Zeitalter leben, in dem der Geist wiederum aufgerufen werden muß, angerufen werden muß, damit er bei den Angelegenheiten der Menschen mitrede. Nun können Sie sich denken, wie schwierig das werden wird, da die Dinge doch so tief sitzen. Ich glaube, daß ein weiter Weg sein wird bis dahin, wo man in weiteren Kreisen anerkennen wird, daß die materialistische Geschichtsforschung eine richtige Fortsetzung ist des achten ökumenischen Konzils. Ich glaube auch, daß ein weiter Weg sein wird bis dahin, wo man verstehen wird, was eigentlich in den paar Buchstaben liegt, durch die sich das östliche Christentum in Europa von dem westlichen Christentum in Europa unterscheidet. Heute begnügt man sich, über alle diese Dinge nur an der Oberfläche zu sprechen, nur an der Oberfläche Urteile zu fällen. Von der Empfindung wird manches ausgehen müssen, und die Empfindung kann gut geleitet werden, wenn man eines berücksichtigt. Die Empfindung, die ich meine, mit der ich heute abschließe, ist diese:
[ 28 ] Wer die wirkliche Geschichte Europas seit der Entstehung des Christentums studiert und sich nicht begnügt mit jener Fable convenue, welche in so entsetzlicher Weise heute als Geschichte gelehrt wird und von vielem Unheil die geheime Schuld ist, wer einen Sinn hat für das wirkliche Studium der Geschichte, wer den Mut hat, in genügend starker Weise jene entsetzliche Fable convenue, die man heute Geschichte nennt, von sich zu weisen, der wird gerade mit Bezug auf die Entwikkelung des Christentums eben zu einer Empfindung kommen, die ein Leitmotiv im Suchen der Gegenwart sein kann. Er wird nämlich finden, daß nichts so viele Hemmnisse, nichts so viele Verdunklungen und Entstellungen erfahren hat, als die Entwickelung des Christentums. Nichts ist so schwierig geworden als das, daß sich das Christentum fortgepflanzt hat. Und daraus entsteht dann die weitere Empfindung, daß es überhaupt, wenn man von Wundern sprechen will, kein größeres Wunder gibt als dieses, daß das Christentum sich erhalten hat, daß das Christentum da ist. Aber es ist nicht bloß da, sondern wir leben heute in einer Zeit, wo sich dieses Christentum zwar durchzusetzen haben wird auch gegen die Abschaffung der Seele, nicht nur gegen die Abschaffung des Geistes, wo es sich aber durchsetzen wird! Denn gerade zur Zeit des größten Widerstandes wird das Christentum seine größte Kraft entwickeln! Und in dem Widerstande, der entwickelt werden muß gegen die Abschaffung der Seele, wird auch die Kraft gefunden werden, den Geist wieder zu erkennen. Wenn aus dem Geiste — verzeihen Sie jetzt die uneigentliche Anwendung des Wortes —, wenn aus dem Geiste, der die Gegenwart beherrscht, jene Gesetze entstehen werden, wodurch diejenigen Menschen, welche die Seele als etwas Wirkliches ansehen, für nicht vollsinnig erklärt werden — natürlich werden die Gesetze nicht so lauten, daß derjenige für nicht vollsinnig erklärt wird, der die Seele anerkennt, aber sie werden so sein, daß unter der brutalen naturwissenschaftlichen Weltanschauung solches stattfindet —, wenn dieser moderne verwandelte, metamorphosierte Konzilsbeschluß da sein wird, dann wird auch die Zeit da sein, dem Geiste wiederum sein Recht zu verschaffen.
[ 29 ] Dann wird man allerdings einsehen müssen, daß es mit schattenhaften Begriffen nicht geht, wenn man nicht die tieferen Ursprünge, die Gefühlsuntergründe dieser schattenhaften Begriffe sieht. Denn in den schattenhaften Begriffen birgt sich manchmal dasjenige, was der moderne Mensch sich ganz und gar nicht gestehen will, dem er aber unterworfen ist. Weil er sich es nicht gestehen will, weil er das äußerlich nicht anerkennt, tritt es in seinen Begriffen zur Strafe auf. Doch Saint-Martin sagt an wichtigeren Stellen: Über diese Dinge kann man nicht reden. — Gewiß, man wird noch lange Zeit über manche Dinge nicht reden können, aber manche Dinge müßte man doch schon als eherne Tafeln aufstellen, um die Menschheit heute darauf hinzuweisen, was eigentlich ist. Und eine solche Tafel wird einstmals zeigen, in nicht allzu ferner Zeit, aus welchen geheimen Neigungen die materialistische Ausdeutung des Darwinismus hervorgegangen ist, aus welchen sinnlichen, perversen Neigungen der materialistisch geartete Darwinismus entstanden ist.
[ 30 ] Doch ich will Ihre Gemüter nicht bedrücken mit etwas, das Ihnen die heutige Nacht verderben könnte, daher will ich den Satz nicht weiter zu Ende führen, sondern will nur die Empfindungen auf solche Dinge hinlenken. Das nächste Mal wollen wir dann ein Gebäude wenigstens zu skizzieren versuchen, zu dem ich Bausteine vor Ihre Seelen hinlegen wollte, als Grundlage für eine besondere Betrachtung des Mysteriums von Golgatha.
