Building Stones for an Understanding
of the Mystery of Golgotha
GA 175
3 April 1917
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Building Stones for an Understanding of the Mystery of Golgotha, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Das Mysterium von Golgatha wird in dieser Zeit den Gegenstand unserer Betrachtung bilden. Vorbereitet wurde diese Betrachtung durch dasjenige, was ich in den letzten Vorträgen vorgebracht habe.
[ 1 ] The mystery of Golgotha will be the subject of our consideration during this period. This consideration has been prepared by what I have presented in the last few lectures.
[ 2 ] Rufen wir uns einmal das Allerhauptsächlichste, was dabei in Betracht kommt, ins Gedächtnis. Das letzte Mal habe ich es angeführt, daß zu einer jeglichen wirklichen, die Menschenseele befriedigenden Welterkenntnis die Einsicht gehört, daß sowohl die Weltengliederung als auch die Menschheitsgliederung, die Gliederung des Wesens des Menschen, nach den drei Prinzipien von Leib, Seele und Geist vorgenommen werden muß. Das ist ja dasjenige, was insbesondere auf unserm anthroposophischen Gebiete in der Gegenwart in allerintensivster Weise erkannt werden muß. Deshalb darf ich aufmerksam machen darauf, daß schon in meiner «Theosophie», und zwar auch in ihrer ersten Auflage, der Nerv der ganzen Auseinandersetzung aufgebaut ist auf dieser Dreigliederung. Sie werden ja alle diese «Theosophie» gelesen haben und werden wissen, daß gewissermaßen das Skelett des ganzen Buches in dieser Dreigliederung liegt, die dann noch insbesondere in den Worten ausgesprochen ist:
[ 2 ] Let us recall the most important points to consider in this regard. Last time, I mentioned that any real knowledge of the world that satisfies the human soul must include the insight that both the structure of the world and the structure of humanity, the structure of the human being, must be based on the three principles of body, soul, and spirit. This is what needs to be recognized most intensively in our anthroposophical field at present. Therefore, I would like to point out that already in my “Theosophy,” even in its first edition, the nerve center of the entire discussion is based on this threefold structure. You will all have read this Theosophy and will know that, in a sense, the skeleton of the entire book lies in this threefold structure, which is then expressed in particular in the words:
[ 3 ] «Unvergänglich ist der Geist; Geburt und Tod walten nach den Gesetzen der physischen Welt in der Körperlichkeit; das Seelenleben, das dem Schicksal unterliegt, vermittelt den Zusammenhang von beiden während eines irdischen Lebenslaufes.»
[3]“The spirit is imperishable; birth and death govern according to the laws of the physical world in physicality; the soul life, which is subject to fate, mediates the connection between the two during an earthly life.”
[ 4 ] Das heißt, es mußte dazumal als notwendig erachtet werden, auf diese Dreigliederung in möglichst deutlichen Worten hinzuweisen. Denn mit der ganz besonderen, ich möchte sagen, zentralen Betonung dieser Dreigliederung steht man eigentlich erst auf dem Boden, auf den man sich stellen muß, wenn in unserer Zeit Weltverständnis und innerhalb dieses Weltverständnisses das Verständnis des Zentralgeschehens unserer Erdenentwickelung erfaßt, beziehungsweise dessen Erfassung angestrebt werden soll: das Zentralereignis des Mysteriums von Golgatha.
[ 4 ] This means that at that time it must have been considered necessary to point out this threefold division in as clear terms as possible. For it is only with the very special, I would say central, emphasis on this threefold division that one actually stands on the ground on which one must stand if, in our time, one is to grasp, or strive to grasp, the understanding of the world and, within this understanding of the world, the understanding of the central event of our earth's development: the central event of the mystery of Golgotha.
[ 5 ] Nun habe ich Ihnen gerade das letzte Mal auseinandergesetzt, was alles sich entgegenstemmt, wenn in unserer Zeit angestrebt werden soll, Welt und Mensch so zu erkennen, daß nicht nur in nebensächlicher Erwähnung, sondern, wie auf eine Zentralidee hinweisend, die Gliederung vorgenommen wird in Leib, Seele und Geist. Ich habe Ihnen ausgeführt, was in der abendländischen Geistesentwickelung dem entgegengestellt wurde, habe Ihnen ausgeführt, wie verlorengegangen ist für diese abendländische Entwickelung der Begriff des Geistes. Ich habe erwähnt, daß durch das achte ökumenische Konzil zu Konstantinopel der Geist, beziehungsweise natürlich die Idee des Geistes, geradezu ausgeschaltet worden ist aus dem abendländischen Denken, und daß diese Ausschaltung der Idee des Geistes nicht nur etwa auf die Entwikkelung der religiösen Ideen und Empfindungen ihren Einfluß geübt hat, sondern tief hineingewirkt hat in alles Denken der neueren Zeit, so daß es gewissermaßen heute noch unter den offiziellen Philosophien keine gibt, welche in richtiger Weise unterscheiden kann Seele und Geist. Und überall begegnet man, auch bei den Leuten, die da glauben aufzubauen auf einer vorurteilslosen Grundlage, der vorurteilsvollen, das heißt nur durch das achte allgemeine Konzil herbeigeführten Behauptung, der Mensch bestünde aus Leib und Seele. Wer das Geistesleben, nicht nur, wie es in den oberflächlicheren philosophischen Gebieten liegt, sondern wie es sich hineingenistet hat in das Denken und Fühlen aller Menschen, auch derjenigen, die nicht daran denken, sich irgendwie um philosophische Ideen zu kümmern, wer dieses Geistesleben des Abendlandes wirklich kennt, der sieht überall den Einfluß der Ausschaltung der Idee des Geistes. Und als in der letzteren Zeit die Tendenz entstand, einiges herüberzunehmen aus der morgenländischen Weisheit, um von da aus einiges zu korrigieren innerhalb der abendländischen Weisheit, da wurde, was herübergenommen wurde, in einem Lichte dargestellt, in dem man kaum ahnen kann, daß der Welt und der Menschheit zugrunde liege die Gliederung: Leib, Seele, Geist. Denn in der rein aus der astralischen Beobachtung hervorgegangenen Gliederung des Menschen in dichten Leib, ätherischen Leib, astralischen Leib, sthula sharira, linga sharira — prâna, wie man dann sagte —, kâma, kâma-manas, und all die Dinge die da herübergezogen sind aus dem Orient in den Okzident — in all diesen Gliederungen, die so prinzipienlos sieben Prinzipien aneinanderreihen, ist nichts zu merken von dem, was das Wichtigste wäre: zu durchdringen unsere Weltanschauung mit der Gliederung in Leib, Seele und Geist.
[ 5 ] Now, just last time, I explained to you all the obstacles that arise when, in our time, we strive to understand the world and human beings in such a way that the division into body, soul, and spirit is not merely mentioned in passing, but is presented as a central idea. I have explained to you what has been opposed to this in Western spiritual development, and I have explained to you how the concept of the spirit has been lost in this Western development. I have mentioned that the Eighth Ecumenical Council of Constantinople virtually eliminated the spirit, or rather the idea of the spirit, from Western thinking, and that this elimination of the idea of the spirit has not only influenced the development of religious ideas and feelings, but has also had a profound effect on all thinking in modern times, so that today there is still no official philosophy that can correctly distinguish between soul and spirit. And everywhere, even among people who believe they are building on an unprejudiced foundation, one encounters the prejudiced assertion, brought about by the Eighth Ecumenical Council, that human beings consist of body and soul. Anyone who is truly familiar with the spiritual life of the West, not only as it exists in the more superficial areas of philosophy, but as it has become ingrained in the thinking and feeling of all people, even those who do not think about philosophical ideas in any way, will see everywhere the influence of the elimination of the idea of the spirit. And when, in recent times, the tendency arose to take over some elements of Eastern wisdom in order to correct certain aspects of Western wisdom, what was taken over was presented in a light that made it difficult to imagine that the world and humanity are based on the structure of body, soul, spirit. For in the structure of the human being, which emerged purely from astral observation, into dense body, etheric body, astral body, sthula sharira, linga sharira — prâna, as it was then called —, kâma, kâma-manas, and all the things that have been brought over from the Orient to the Occident — in all these divisions, which string together seven principles in such an unprincipled way, there is no trace of what would be most important: to permeate our worldview with the division into body, soul, and spirit.
[ 6 ] So könnte man geradezu sagen: Verschüttet worden ist diese Gliederung in Leib, Seele und Geist. Gewiß wird von dem Geiste auch heute viel gesprochen, aber was gesprochen wird, sind Worte. Nur können die Leute heute nicht mehr Worte von Dingen unterscheiden. Daher werden Ausführungen ernst genommen, welche in bloßen, ich möchte sagen, Kaleidoskop-Wortzusammensetzungen bestehen, wie etwa die Euckensche Philosophie.
[ 6 ] One could even say that this division into body, soul, and spirit has been buried. Certainly, there is still much talk about the spirit today, but what is spoken are words. Only today, people can no longer distinguish words from things. That is why statements consisting of mere, I would say, kaleidoscopic word combinations, such as Eucken's philosophy, are taken seriously.
[ 7 ] Nun kann das Wesen des Mysteriums von Golgatha nicht verstanden werden, wenn man verzichten will auf die Dreigliederung in Leib, Seele und Geist. Dogmatisch geworden ist der Verzicht auf den Geist allerdings, wie ich das letzte Mal ausgeführt habe, mit dem achten allgemeinen Konzil; aber vorbereitet hat sich die Sache seit längerer Zeit. Und daß sie gekommen ist, hängt im Grunde zusammen mit einer notwendigen Entwickelung im abendländischen Geistesleben. Man wird vielleicht am leichtesten hineinkommen gerade in die Art, wie man auf diese Weise sich nähern kann dem Mysterium von Golgatha, dem Verstehen des Mysteriums von Golgatha, wenn man sich ein Bild davon macht, wie der auf der Höhe des griechischen Denkens stehende Aristoteles sich sein Bild von der Seele machte. Denn Aristoteles ist zu gleicher Zeit der tonangebende Philosoph des ganzen Mittelalters gewesen, und von mittelalterlichen Begriffen zehrt das heutige Denken noch immer, so wenig die Leute das auch zugeben wollen. Außerdem sehen wir ja daran, daß, was in der Menschheitsgeschichte sich entwickelt hat, ein paar Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha in Aristoteles sich gezeigt hat, und daß man dann versucht hat, mit Hilfe der Ideen des Aristoteles bei den tonangebenden Geistern des Mittelalters das Mysterium von Golgatha zu begreifen. In diesen Dingen liegt etwas so außerordentlich Bedeutungsvolles, daß man wirklich sich einmal die Mühe nehmen muß, diese Dinge unbefangen anzuschauen.
[ 7 ] Now, the essence of the mystery of Golgotha cannot be understood if one wants to dispense with the threefold division into body, soul, and spirit. However, as I explained last time, the renunciation of the spirit became dogmatic with the Eighth Ecumenical Council, but the matter had been in preparation for a long time. And the fact that it came about is basically connected with a necessary development in Western intellectual life. Perhaps the easiest way to understand this is to approach the mystery of Golgotha in this way, the understanding of the mystery of Golgotha, by imagining how Aristotle, at the height of Greek thought, formed his picture of the soul. For Aristotle was at the same time the leading philosopher of the entire Middle Ages, and modern thinking still draws on medieval concepts, however little people want to admit it. Moreover, we can see from this that what developed in human history manifested itself in Aristotle a few centuries before the mystery of Golgotha, and that the leading minds of the Middle Ages then attempted to understand the Mystery of Golgotha with the help of Aristotle's ideas. There is something so extraordinarily significant in these things that one really must take the trouble to look at them with an open mind.
[ 8 ] Wie denkt Aristoteles über die menschliche Seele? Ich will ohne Um“ schweife einfach hinstellen, wie Aristoteles über die menschliche Seele denkt, was also in Aristoteles das griechische Denken über die menschliche Seele ergeben hat, in einem erleuchteten Geiste also ergeben hat. Aristoteles — und damit haben wir ungefähr dasjenige, was der bedeutendste Europäer ein paar Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha über die Seele denkt —, Aristoteles denkt sich: Wenn ein Mensch in die Weltentwickelung eintritt, ein einzelner Mensch durch die Geburt oder sagen wir durch die Empfängnis in die Weltentwickelung eintritt, dann verdankt er sein physisches Dasein zunächst Vater und Mutter. Aber von Vater und Mutter kann nur kommen, so meint Aristoteles, dasjenige, was das leibliche Dasein ausmacht; niemals könnte durch bloße Vereinigung von Vater und Mutter der ganze Mensch entstehen. Also der ganze Mensch kann nicht durch Vereinigung von Vater und Mutter im Sinne des Aristoteles entstehen, denn dieser ganze Mensch hat eine Seele. Und diese Seele, sie hat einen Teil — fassen wir das wohl auf, daß Aristoteles in der Seele zunächst zwei Teile unterscheidet —, diese ganze Seele hat einen Teil, der völlig an den Leib gebunden ist, der sich durch den Leib äußert, der durch die Sinnesbetätigung des Leibes seine Eindrücke von der Außenwelt bekommt. Dieser Teil der Seele, der entsteht als notwendiges Mitentwickelungsprodukt durch die materielle Entwickelung des Menschen, die von Vater und Mutter kommt. Nicht so ist es bei dem geistigen Teil der Seele, oder — wie Aristoteles die Worte noch prägt — bei dem denkenden Teil der Seele, bei jenem Teil der Seele, der teil hat an dem allgemeinen Geistesleben der Welt durch das Denken, der teil hat an dem «nus», an dem Denken der Welt. Dieser Teil der Seele ist für Aristoteles immateriell, nicht stofflich, und er könnte sich niemals aus dem ergeben, was für den Menschen entsteht aus Vater und Mutter, sondern er kann sich nur dadurch ergeben für den Menschen, daß mitwirkt in dem Entstehen des Menschen durch Vater und Mutter der Gott — «das Göttliche» würde man besser sagen, wenn man bei aristotelischen Ausdrücken stehenbleibt —, daß mitwirkt das Göttliche.
[ 8 ] How does Aristotle think about the human soul? Without further ado, I will simply state how Aristotle thinks about the human soul, that is, what Greek thinking about the human soul has produced in Aristotle, in an enlightened spirit. Aristotle — and with that we have roughly what the most significant European thought about the soul a few centuries before the Mystery of Golgotha — Aristotle thinks: When a human being enters into world development, when an individual human being enters into world development through birth or, let us say, through conception, then he owes his physical existence first and foremost to his father and mother. But, Aristotle believes, only that which constitutes physical existence can come from the father and mother; the whole human being could never arise through the mere union of father and mother. So, according to Aristotle, the whole human being cannot arise through the union of father and mother, because this whole human being has a soul. And this soul has a part — let us understand that Aristotle initially distinguishes two parts in the soul — this whole soul has a part that is completely bound to the body, that expresses itself through the body, which receives its impressions of the outside world through the sensory activity of the body. This part of the soul arises as a necessary product of co-development through the material development of the human being, which comes from the father and mother. This is not the case with the spiritual part of the soul, or — as Aristotle puts it — with the thinking part of the soul, that part of the soul that participates in the general spiritual life of the world through thinking, that participates in the “nus,” in the thinking of the world. For Aristotle, this part of the soul is immaterial, not material, and it could never arise from what comes to man from father and mother, but can only arise for man through the cooperation of God — “the divine,” one would say, if one were to stick to Aristotelian expressions — that the divine participates in the creation of man.
[ 9 ] So also entsteht der Mensch, der ganze Mensch. Das ist sehr wichtig, daß man das Wort gerade so prägt für den Aristoteles: Es entsteht der ganze Mensch durch die Zusammenwirkung des Gottes mit Vater und Mutter. Durch den Gott erhält der Mensch seinen geistigen, oder im Sinne des Aristoteles könnte man auch sagen, denkerischen Seelenteil. Dieser denkerische Seelenteil, der also bei jeder Entwickelung des einzelnen physischen Menschen durch den Gott entsteht, durch die Mitwirkung des Gottes entsteht, der ist in Entwickelung während des Lebens zwischen Geburt und Tod. Indem der Mensch durch die Todespforte schreitet, wird das Leibliche der Erde übergeben, und mit diesem Leiblichen derjenige Teil der Seele, welcher an die Organe des Leibes gebunden ist; dagegen bleibt erhalten dasjenige, was der geistige Teil der Seele ist. Dies, was nun der geistige Teil der Seele ist, lebt geistig weiter im Sinne des Aristoteles, lebt geistig weiter so, daß es gewissermaßen in eine andere Welt entrückt ist als diejenige ist, mit der man in Verbindung steht durch die körperlichen Organe, und lebt nun eben weiter ein unsterbliches Dasein. Lebt ein unsterbliches Dasein so im Sinne des Aristoteles, daß der Mensch, der sich im Leben, im Leibe, diesem oder jenem Guten hingegeben hat, zurückzuschauen vermag auf dieses Gute, das er dem Weltenbau eingefügt hat, das im Weltenbau drinnen ist, aber in diesem Weltenbau, in den es hineingestellt ist, nicht zu ändern ist. Ja, man versteht den Aristoteles wohl nur dann recht, wenn man seine Ideen so annimmt, daß er gedacht habe: in alle Ewigkeit nach dem Tode habe die Seele zurückzublicken auf irgendein Gutes, das sie verrichtet hat, auf irgendein Böses, das sie verrichtet hat.
[ 9 ] This is how the human being, the whole human being, comes into being. It is very important to coin the phrase in this way for Aristotle: the whole human being comes into being through the interaction of God with the father and mother. Through God, the human being receives its spiritual, or in Aristotle's sense, one could also say, its thinking part of the soul. This thinking part of the soul, which is created by God in the development of each individual physical human being, through the cooperation of God, is in development during the life between birth and death. When the human being passes through the gate of death, the physical body is handed over to the earth, and with this physical body, that part of the soul which is bound to the organs of the body; but what remains is the spiritual part of the soul. This spiritual part of the soul lives on spiritually in the sense of Aristotle, lives on spiritually in such a way that it is, as it were, transported to a different world than the one with which one is connected through the physical organs, and now lives on in an immortal existence. It lives an immortal existence in the sense of Aristotle, in that the person who has devoted himself to this or that good in life, in the body, is able to look back on this good that he has incorporated into the structure of the world, that is within the structure of the world, but cannot be changed in this structure of the world into which it has been placed. Yes, one can only understand Aristotle correctly if one accepts his ideas in such a way that he thought: for all eternity after death, the soul must look back on some good that it has done, on some evil that it has done.
[ 10 ] Es ist gerade im neunzehnten Jahrhundert die denkbar größte Anstrengung gemacht worden von verschiedenen Seiten her, den Aristoteles, der durch seine Ausdrucksweise zuweilen schwer zu verstehen ist, in dieser Idee klar zu verstehen. Und man kann schon sagen: Der vor kurzem verstorbene Franz Brentano hat in seinem Streite mit Eduard Zeller durch sein ganzes Leben hindurch versucht, alle Bausteine zusammenzutragen, welche dahin führen können, eine klare Idee über dasjenige zu haben, was Aristoteles über das Verhältnis des geistigen Teiles der Menschenseele zu dem ganzen Menschen gedacht hat. Aber das, was Aristoteles so gedacht hat, das ist übergegangen in die Philosophie, welche gelehrt worden ist das ganze Mittelalter hindurch bis in die neuere Zeit hinein, und auf gewissen Gebieten des kirchlichen Lebens noch immer gelehrt wird. Franz Brentano, der sich wirklich intensiv beschäftigt hat mit diesen Ideen, insofern sie aus Aristoteles quellen, hat sich folgendes klargemacht.
[ 10 ] It was precisely in the nineteenth century that the greatest conceivable effort was made from various quarters to clearly understand Aristotle, who is sometimes difficult to understand due to his manner of expression, in this idea. And it can already be said that the recently deceased Franz Brentano, in his dispute with Eduard Zeller, tried throughout his life to gather all the building blocks that could lead to a clear idea of what Aristotle thought about the relationship between the spiritual part of the human soul and the whole human being. But what Aristotle thought has been passed down into the philosophy that was taught throughout the Middle Ages and into modern times, and is still taught in certain areas of church life. Franz Brentano, who really studied these ideas intensively insofar as they originate from Aristotle, came to the following conclusion.
[ 11 ] Er hat sich klargemacht: Aristoteles war ein Geist, der wirklich durch seine innere Denker-Gesinnung erhaben war über den Materialismus, daher nicht verfallen konnte in den Glauben, daß der geistige Teil der Seele etwas Materielles sei; nicht verfallen konnte in den albernen Glauben, daß der geistige Teil der Seele sich aus dem entwickele, was der Mensch durch Vater und Mutter erhält. Daher, meint Brentano, gab es für Aristoteles nur zwei Möglichkeiten, über den geistigen Teil der Seele zu denken. Die eine Möglichkeit war diese: den geistigen Teil der Seele durch eine unmittelbare Schöpfung Gottes im Zusammenwirken mit dem, was von Vater und Mutter kommt, entstehen zu lassen, so daß der geistige Teil der Seele entsteht durch die Einwirkung Gottes in den menschlichen Embryo; daß aber dieser geistige Teil der Seele nicht zugrunde geht im Tode, sondern, indem der Mensch durch die Pforte des Todes geht, ein immerwährendes Leben antritt. Was wäre denn Aristoteles übriggeblieben, so sagt Brentano, wenn er diese Idee nicht entwickelt hätte? Und Brentano sieht es eben als richtig an, daß Aristoteles diese Idee für sich angenommen hat. Was wäre ihm, sagt er, übriggeblieben, wenn er diese Idee nicht entwickelt hätte? Nur eine zweite Möglichkeit. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht, sagt Brentano. Und diese zweite Möglichkeit ist diese: anzunehmen, daß die Seele des Menschen präexistiert, nicht bloß postexistiert, sondern präexistiert; existiert im Geistigen vor der Geburt, beziehungsweise vor der Empfängnis. Dann aber, sobald man nur überhaupt — das erkennt Brentano sehr klar —, sobald man nur überhaupt zugibt, daß die Seele vor der Empfängnis irgendwie präexistiert, vorher existiert, dann bleibt nichts anderes übrig, meint Brentano, als anzunehmen, daß diese Seele sich nicht nur einmal im Leben verkörpert, sondern in wiederholten Erdenleben immer wieder erscheint. Es gibt überhaupt keine andere Möglichkeit. Und da, meint Brentano, Aristoteles in seiner reiferen Zeit die Palingenesis, also die wiederholten Erdenleben, abgelehnt hat, so bleibt ihm nichts anderes übrig als der Kreatianismus, die Schöpfung der Menschenseele, die vollständige Neuschöpfung der Menschenseele mit jeder embryonalen Erzeugung des Menschen, die nicht der Postexistenz widerspricht, wohl aber der Präexistenz. Franz Brentano war ursprünglich Priester und war noch ganz, ich möchte sagen, als einer der letzten Geister in dem darinnenstehend, was als die gute Seite der aristotelischen scholastischen Philosophie sich entwickelt hat, daher erscheint ihm vor allen Dingen als vernünftig von Aristoteles, die Lehre von den wiederholten Erdenleben abzuweisen und den Kreatianismus mit der Postexistenz allein gelten zu lassen.
[ 11 ] He realized that Aristotle was a mind that was truly elevated above materialism by his inner disposition as a thinker, and therefore could not fall into the belief that the spiritual part of the soul was something material; could not fall into the silly belief that the spiritual part of the soul developed from what a person receives from their father and mother. Therefore, Brentano believes, there were only two possibilities for Aristotle to think about the spiritual part of the soul. One possibility was this: to have the spiritual part of the soul come into being through the direct creation of God in cooperation with what comes from the father and mother, so that the spiritual part of the soul comes into being through the influence of God in the human embryo; but that this spiritual part of the soul does not perish in death, but rather, when humans pass through the gate of death, enters into eternal life. What would Aristotle have been left with, says Brentano, if he had not developed this idea? And Brentano considers it correct that Aristotle accepted this idea for himself. What would he have been left with, he says, if he had not developed this idea? Only a second possibility. There is no third possibility, says Brentano. And this second possibility is this: to assume that the soul of man pre-exists, not merely post-exists, but pre-exists; exists in the spiritual realm before birth, or rather before conception. But then, as soon as one admits — and Brentano recognizes this very clearly — as soon as one admits that the soul somehow pre-exists before conception, exists beforehand, then there is no other option, says Brentano, but to assume that this soul is not only embodied once in a lifetime, but appears again and again in repeated earthly lives. There is no other possibility at all. And since, Brentano believes that Aristotle, in his more mature period, rejected palingenesis, i.e., repeated earthly lives, leaving him with no other option than creatianism, the creation of the human soul, the complete new creation of the human soul with each embryonic generation of humans, which does not contradict post-existence, but does contradict pre-existence. Franz Brentano was originally a priest and was still, I would say, one of the last minds to believe in what developed as the good side of Aristotelian scholastic philosophy, which is why he considers it above all reasonable for Aristotle to reject the doctrine of repeated earthly lives and to accept only creatianism with post-existence.
[ 12 ] Und diese Anschauung bildet ja dennoch, trotz aller Variationen, den Grundnerv aller christlichen Philosophie, sofern sich diese christliche Philosophie gegen die wiederholten Erdenleben wendet. Es ist merkwürdig, ich möchte sagen schauerlich-reizvoll, zu sehen, wie ein so eminent gesinnungstüchtiger Denker wie Franz Brentano, der ja den Priesterrock ausgezogen hat, danach ringt, immer klarer und klarer zu werden über diesen Kreatianismus der Seele, und wie gar keine Möglichkeit für ihn vorhanden ist, die Brücke herüberzuschlagen zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben. Warum ist das? Das ist darum, weil trotz aller tiefen Gesinnungstüchtigkeit Brentanos, trotz seines energischen und scharfsinnigen Denkerlebens, ihm der Begriff des Geistes verschlossen war, er niemals zu dem Begriff des Geistes und seiner Abtrennung von dem Begriff der Seele hat kommen können. Es gibt keine Möglichkeit zum Begriff des Geistes zu kommen, ohne zum Begriff der wiederholten Erdenleben zu kommen. Man kann die Lehre von den wiederholten Erdenleben nur verlieren, wenn man den Begriff des Geistes überhaupt verliert. Und im Grunde genommen war schon zur Zeit des Aristoteles der Begriff des Geistes, ich möchte sagen, ins Wackeln gekommen. Man merkt es den entscheidenden Stellen in Aristoteles’ Schriften an, wie er immer unklar wird, wenn er von der Präexistenz spricht. Er wird immer unklar.
[ 12 ] And this view, despite all its variations, nevertheless forms the basis of all Christian philosophy, insofar as this Christian philosophy opposes repeated earthly lives. It is strange, I would say eerily fascinating, to see how such an eminently capable thinker as Franz Brentano, who did indeed take off his priest's robe, struggles to become clearer and clearer about this creatianism of the soul, and how there is no possibility for him to bridge the gap to the doctrine of repeated earthly lives. Why is that? It is because, despite all Brentano's profound intellectual ability, despite his energetic and astute thinking, the concept of the spirit was closed to him; he was never able to arrive at the concept of the spirit and its separation from the concept of the soul. There is no way to arrive at the concept of the spirit without arriving at the concept of repeated earthly lives. One can only lose the teaching of repeated earthly lives if one loses the concept of the spirit altogether. And basically, even in Aristotle's time, the concept of the spirit had, I would say, begun to waver. One can see this in the decisive passages in Aristotle's writings, where he always becomes unclear when he speaks of pre-existence. He always becomes unclear.
[ 13 ] Aber all das hängt mit etwas ungeheuer Bedeutungsvollem und Tieferem zusammen; es hängt zusammen mit der realen Entwickelung der Menschheit. Es hängt damit zusammen, daß die Menschheit in der Zeit der Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha in ein Entwickelungsstadium eingetreten war, in dem, ich möchte sagen, sich etwas wie Nebel um die Seele lagerte, wenn vom Geist gesprochen worden ist. Es lagerte sich dazumal um die Seele des Menschen noch nicht so stark wie heute, wenn vom Geist gesprochen worden ist, aber es fing schon der ganze Korruptionsprozeß des Denkens in bezug auf den Geist eben damals an. Und das, meine lieben Freunde, hängt zusammen damit, daß in der Tat die Menschheit im Lauf der Zeiten eine Entwickelung durchgemacht hat, daß gewissermaßen die Seele im Lauf der Zeiten etwas anderes geworden ist, als sie in den Urzeiten der menschlichen Erdenentwickelung war. In diesen Urzeiten der menschlichen Erdenentwickelung war dadurch, daß das atavistische Hellsehen da war, eine unmittelbare Erfahrung vom Geiste da. Da konnte man an dem Geist nicht zweifeln. Man konnte ebensowenig an dem Geist zweifeln, wie man an der äußeren Sinneswelt zweifeln kann. Es handelt sich immer nur darum, ob die Menschen mehr oder weniger zu der Anschauung des Geistes kommen sollten. Aber daß der Weg zum Geiste der menschlichen Seele möglich ist, daran konnte in gewissen älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung niemand zweifeln. Ebensowenig konnte jemand daran zweifeln, daß während des Erdenlebens zwischen Geburt und Tod der Geist in der Seele des Menschen darinnen lebt, so daß gewissermaßen durch diesen geistigen Inhalt die Menschenseele teil hat an dem göttlichen Leben. Daran konnte niemand zweifeln. Und diese auf das unmittelbare Bewußtsein vom Geist gegründete Überzeugung, die drückte sich in den Mysterien und ihrer Pflege überall aus. Aber merkwürdig ist es, daß schon einer der ältesten griechischen Philosophen, der alte Heraklit, von den Mysterien so spricht, daß man sieht, er weiß davon, daß die Mysterien in noch älteren Zeiten etwas ungeheuer Bedeutungsvolles für den Menschen waren, aber im Grunde genommen von ihrer Höhe schon heruntergekommen waren. Also schon sehr früh sprechen gerade erleuchtete Griechen davon, daß die Mysterien von ihrer Höhe schon heruntergekommen waren.
[ 13 ] But all this is connected with something tremendously significant and profound; it is connected with the real development of humanity. It is connected with the fact that in the centuries before the Mystery of Golgotha, humanity had entered a stage of development in which, I would say, something like a fog settled around the soul when the spirit was spoken of. At that time, it did not settle around the soul of man as strongly as it does today when the spirit is spoken of, but the whole process of corruption of thinking in relation to the spirit began at that very time. And that, my dear friends, is connected with the fact that humanity has indeed undergone a development in the course of time, that in a sense the soul has become something different in the course of time than it was in the primeval times of human development on earth. In those primeval times of human development on earth, there was a direct experience of the spirit through the presence of atavistic clairvoyance. There could be no doubt about the spirit. One could no more doubt the spirit than one could doubt the external sensory world. The question was always only whether people would more or less come to perceive the spirit. But in certain earlier periods of human development, no one could doubt that the path to the spirit of the human soul was possible. Nor could anyone doubt that during earthly life between birth and death, the spirit lives in the human soul, so that through this spiritual content, the human soul participates in divine life. No one could doubt this. And this conviction, based on the immediate consciousness of the spirit, was expressed everywhere in the mysteries and their cultivation. But it is remarkable that even one of the oldest Greek philosophers, the ancient Heraclitus, speaks of the mysteries in such a way that one can see he knows that in even older times the mysteries were something tremendously significant for human beings, but that they had already declined from their former height. So very early on, enlightened Greeks were already saying that the mysteries had already declined from their height.
[ 14 ] In diesen Mysterien wurde mancherlei gepflogen. Uns kann heute in unserem Zusammenhang vorzugsweise aber nur die zentrale Idee dieser Mysterien besonders interessieren. Bei dieser zentralen Idee der Mysterien, wie sie bis in die Zeiten des Mysteriums von Golgatha herein geübt wurden, wie sie noch zu Zeiten des Kaisers Julian des Apostaten geübt wurden — bei dieser Zentralidee wollen wir einmal einen Augenblick verweilen. Denn zum Teil ist ja manches aus der Pflege dieser Mysterien in der letzten Zeit immer wiederum hervorgehoben worden, ich möchte sagen, im antichristlichen Sinne hervorgehoben worden. Es ist darauf aufmerksam gemacht worden, wie dasjenige, was erzählt wird als die Osterlegende, als das Mysterium von Golgatha, also die eigentliche Zentrallegende von dem Leiden und dem Tod und der Auferstehung des Christus, in den Mysterien überall gelebt hat. Und daraus sind dann die Schlüsse gezogen worden dahingehend, daß das Ostergeheimnis des Christentums im Grunde genommen nur eine Art Übertragung alter Mysterienbräuche wäre, alter heidnischer Mysterienbräuche auf die Person des Jesus von Nazareth. Und so sprechend scheinen manchen Menschen die Dinge zu sein, die man da sagen kann, daß sie gar nicht zweiflen an der Wahrheit der Idee, die sie also aussprechen wollen: Was die Christen erzählen darüber, daß der Gott Christus gelitten hat, dem Tod zugeführt worden ist, auferstanden ist, daß sich an diese Auferstehung knüpft Hoffnung und Heilsehnsucht der Menschen, was Christen sich als solche Ideen gebildet haben, das, sagen diese Leute, lebte in den Mysterien, in den verschiedensten Mysterienkulten. Die heidnischen Bräuche seien zusammengetragen worden und seien zur Osterlegende verschmolzen worden und übertragen worden auf die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth.
[ 14 ] Many things were practiced in these mysteries. Today, however, in our context, we are primarily interested in the central idea of these mysteries. Let us dwell for a moment on this central idea of the mysteries, as they were practiced until the time of the mystery of Golgotha, as they were still practiced in the time of Emperor Julian the Apostate. For in recent times, some aspects of the cultivation of these mysteries have been repeatedly emphasized, I would say, in an anti-Christian sense. Attention has been drawn to how what is told as the Easter legend, as the mystery of Golgotha, that is, the actual central legend of the suffering, death, and resurrection of Christ, has been lived everywhere in the mysteries. And from this, conclusions have been drawn to the effect that the Easter mystery of Christianity is basically only a kind of transfer of ancient mystery customs, ancient pagan mystery customs, to the person of Jesus of Nazareth. And speaking in this way, some people seem to be able to say things that do not cast doubt on the truth of the idea they want to express: What Christians say about God Christ suffering, being put to death, rising again, that this resurrection is linked to people's hope and longing for salvation, what Christians have formed as such ideas, these people say, lived on in the mysteries, in the most diverse mystery cults. The pagan customs were collected and merged into the Easter legend and transferred to the personality of Jesus of Nazareth.
[ 15 ] In der neueren Zeit ist man ja sogar noch weitergegangen, merkwürdigerweisesogarauf offiziell christlichen Gebieten, indemman-manbraucht nur an gewisse Bremenser Strömungen zu erinnern — das historische Dasein des Jesus von Nazareth überhaupt gleichgültig findet und sagt: Durch das soziale Leben seien zusammengetragen worden die verschiedenen Mysterienlegenden und Mysterienkulte, seien gleichsam zentralisiert worden, und es hätte sich in der christlichen Urgemeinschaft eben die Christus-Sage aus der alten heidnischen Sage herausgebildet. Bei einer Diskussion, die vor Jahren einmal hier in Berlin gepflogen worden ist- durch diese leidensvollen letzten Jahre ist ja dasjenige, was vorhergegangen ist, vielfach zur Mythe geworden und erscheint uns furchtbar weit zurückliegend, aber die Diskussion war erst vor wenigen Jahren —, bei dieser Diskussion konnte man sehen, wie von offiziellen Vertretern des Christentums die Anschauung vertreten worden ist, daß es sich eigentlich gar nicht handeln könne um einen historischen Jesus von Nazareth, sondern nur um eine «Idee des Christus», der gewissermaßen in der christlichen Urgemeinde durch allerlei soziale Impulse als Idee entstanden sei.
[ 15 ] In more recent times, people have gone even further, strangely enough even in officially Christian areas, in that — one need only recall certain currents in Bremen — they find the historical existence of Jesus of Nazareth completely irrelevant and say: Through social life, the various mystery legends and mystery cults were collected, centralized, as it were, and the Christ legend developed from the old pagan legend in the early Christian community. In a discussion that took place here in Berlin years ago—through these painful last few years, what preceded them has in many ways become myth and seems terribly distant to us, but the discussion was only a few years ago —, during this discussion it was possible to see how official representatives of Christianity held the view that it could not actually be a question of a historical Jesus of Nazareth, but only of an “idea of Christ,” which had arisen as an idea in the early Christian community through all kinds of social impulses.
[ 16 ] Man darf sagen: Unendlich Verführerisches liegt in der Betrachtung der heidnischen Mysterienkulte und ihrer Vergleichung mit dem, was sich als das christliche Ostermysterium herausgebildet hat. Denn nehmen Sie nur einmal eine, wie man sagen kann, getreuliche Schilderung der phrygischen Festfeiern, die da in Betracht kommt. Und ebenso wie man die phrygischen Festfeiern anführen könnte, so könnte man andere Festesfeiern anführen; denn in ähnlicher Weise waren diese Festesfeiern sehr verbreitet. Firmicus erzählt zum Beispiel in einem Brief an die Söhne Konstantins von der phrygischen Festfeier: Das Bild des Attis, also eines gewissen Gottes — wir brauchen gar nicht weiter einzugehen, welchen Gottes —, das Bild des Gottes sei an einen Baumstamm befestigt worden, feierlich mit diesem Baumstamm in Prozession herumgetragen worden in mitternächtigem Ritual, und dann seien auch die Leiden des Gottes zelebriert worden; dabei war neben dem Baum ein Lamm aufgestellt. Am Tage darauf wurde die Auferstehung des Gottes verkündet. Und während man am Tage vorher, da man den Gott an den Baumstamm geheftet, also gleichsam dem Tod übergeben hatte, ritualmäßig in die furchtbarsten Klagen ausbrach, verwandelte sich die Klage dann plötzlich am nächsten Tage, da die Auferstehung des Gottes gefeiert wurde, in ausgelassenste Freude. Anderwärts, so erzählt Firmicus, wurde das Bild des Gottes Attis begraben. In der Nacht, wenn die Trauer ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurde plötzlich Licht angezündet, das Grab wurde geöffnet, der Gott war auferstanden. Und der Priester sprach die Worte: Getrost, ihr Frommen, da der Gott gerettet ist, so wird auch euch das Nötige, die Rettung werden.
[ 16 ] It is fair to say that there is something infinitely seductive about contemplating the pagan mystery cults and comparing them with what has developed as the Christian mystery of Easter. Just take, for example, a faithful description of the Phrygian festivals that come to mind. And just as one could cite the Phrygian festivals, one could cite other festivals as well, for these festivals were very widespread in a similar way. Firmicus, for example, tells of the Phrygian festival in a letter to Constantine's sons: The image of Attis, a certain god—we need not go into further detail about which god—the image of the god was attached to a tree trunk, solemnly carried around in procession with this tree trunk in a midnight ritual, and then the sufferings of the god were also celebrated; a lamb was placed next to the tree. The next day, the resurrection of the god was proclaimed. And while the day before, when the god had been attached to the tree trunk, thus consigned to death, so to speak, the ritual broke out in the most terrible lamentations, the lamentation suddenly turned into exuberant joy the next day, when the resurrection of the god was celebrated. Elsewhere, Firmicus recounts, the image of the god Attis was buried. At night, when the mourning had reached its peak, lights were suddenly lit, the tomb was opened, and the god had risen. And the priest spoke the words: Take comfort, you pious ones, for since the god has been saved, you too will receive what you need, salvation.
[ 17 ] Wer könnte leugnen, daß diese Ritualfeiern, die Jahrhunderte und Jahrhunderte vor dem Ablauf des Mysteriums von Golgatha überall gefeiert worden sind, große Ähnlichkeit haben mit demjenigen, was in das Ostergeheimnis mit eingelaufen ist innerhalb des Christentums? Weil es so verführerisch war, so zu denken, hat man eben geglaubt: Nun, da wurden eben diese Anschauungen von dem leidenden, sterbenden, auferstandenen Gotte überall verbreitet, und man hat sie gewissermaßen zentralisiert unter den Christen und auf den Jesus von Nazareth übertragen.
[ 17 ] Who could deny that these ritual celebrations, which were celebrated everywhere centuries and centuries before the mystery of Golgotha, bear a great resemblance to what has become part of the Easter mystery within Christianity? Because it was so tempting to to think this way, people believed that these ideas of the suffering, dying, and risen God were spread everywhere, and they were centralized among Christians and transferred to Jesus of Nazareth.
[ 18 ] Nun ist es wichtig zu verstehen, woher alle diese Festesfeiern, diese heidnischen, diese vorchristlichen Festesfeiern, eigentlich kommen. Denn sie gehen weit zurück, weit zurück in diejenigen Zeiten, in denen man die Mysterien so bildete, daß man sie herausentwickelte aus tiefsten ursprünglichen Einsichten über das Wesen des Menschen und seinen Zusammenhang mit der Welt, wie einem das vorlag in dem atavistischen Hellsehen. Gewiß, in der Zeit, als man so die phrygischen Feiern gemacht hat, da hat man über den eigentlichen Sinn dieser Sache ungefähr so viel gewußt, nun, wie man heute in gewissen Freimaurertempeln weiß von den Zeremonien, die da vorgenommen werden. Aber trotzdem gehen diese Dinge zurück auf ein ursprünglich großartiges Wissen über Welt und Menschen, auf ein Wissen, das wirklich heute außerordentlich schwer verständlich zu machen ist. Denn bedenken Sie nur, der Mensch lebt ja wirklich nicht bloß mit seinem äußeren physischen Leibe in seiner Umgebung, ist nicht bloß mit Bezug auf den physischen Leib von seiner Umgebung abhängig, sondern der Mensch lebt auch mit seiner Seele und mit seinem Geiste in der äußeren Umgebung. Er nimmt die Ideen und Vorstellungen dieser äußeren Umgebung auf, die werden ihm geläufig, werden ihm gewohnheitsmäßig, und aus den verschiedenen Rücksichten kann er nicht von ihnen ab. $o daß man viel guten Willen haben kann und dennoch Schwierigkeiten, gewisse Dinge zu verstehen, die eben aus den schon angeführten und aus noch anderen Gründen der geistigen Menschheitsentwickelung verlorengegangen sind.
[ 18 ] Now it is important to understand where all these festivals, these pagan, these pre-Christian festivals, actually come from. For they go back a long way, far back to those times when the mysteries were formed in such a way that they were developed from the deepest, most original insights into the nature of man and his connection with the world, as presented in atavistic clairvoyance. Certainly, at the time when the Phrygian celebrations were held, people knew about as much about the actual meaning of these things as we know today in certain Masonic temples about the ceremonies that are performed there. But nevertheless, these things go back to an originally magnificent knowledge of the world and human beings, a knowledge that is really extremely difficult to understand today. For just consider that human beings do not really live in their environment only with their outer physical body, are not dependent on their environment only in relation to their physical body, but that human beings also live in their outer environment with their soul and spirit. They absorb the ideas and mental images of this external environment, which become familiar to them, become habitual, and for various reasons they cannot detach themselves from them. So that one can have a lot of good will and still have difficulty understanding certain things that have been lost for the reasons already mentioned and for other reasons related to the spiritual development of humanity.
[ 19 ] Dasjenige, was heute Wissenschaft ist — ich brauche nicht bei jeder Gelegenheit zu sagen, daß ich es bewundere, ich bewundere es gewiß, aber trotzdem —, das haftet ja an der alleralleräußersten Oberfläche der Dinge; das haftet ja an demjenigen, was zum Wesen im allergeringsten Maße nur irgendwie führt. Daß man trotzdem auf gewissen Gebieten mit dieser Wissenschaft sehr weit gekommen ist, das liegt ja nur daran, daß man manchmal unter dem «weit gekommen» eben auch — nun, eben dies oder jenes versteht. Gewiß, man kann es bewundern, daß diese Wissenschaft zur drahtlosen Telegraphie und noch zu manchem anderen, was in unseren Tagen eine große Rolle spielt, gekommen ist, und man kann die Frage aufwerfen: Was hätten wir, wenn wir zu dem nicht gekommen wären? Würde man in die Erörterung dieser Fragen eingehen, so würde man ja schon hart an dasjenige stoßen, was heute zu besprechen überhaupt verboten ist. Dasjenige, was so gegenwärtig Wissenschaft ist, für das ist natürlich die Weisheit, die dann ihre letzten Ausläufer, ihre schon korrumpierten Ausläufer gehabt hat in den angeführten Mysterienbräuchen, einfach Unsinn, einfach Torheit. Mag sein. Schon Paulus hat ja erwähnt, daß dasjenige, was die Menschen als Torheit ansehen, gar oftmals Weisheit sein könnte vor Gott.
[ 19 ] What is science today — I don't need to say at every opportunity that I admire it, I certainly do admire it, but nevertheless — clings to the very outermost surface of things; it clings to that which leads in the slightest way to the essence. The fact that this science has nevertheless made great strides in certain areas is only because what is sometimes meant by “great strides” is simply this or that. Certainly, one can admire the fact that this science has led to wireless telegraphy and many other things that play a major role in our day, and one can raise the question: What would we have if we had not arrived at this? If one were to enter into a discussion of these questions, one would already come up against something that is forbidden to discuss at all today. What is currently considered science is, of course, wisdom, which then had its last offshoots, its already corrupted offshoots, in the aforementioned mystery cults, simply nonsense, simply folly. That may be so. Paul already mentioned that what people consider folly could often be wisdom before God.
[ 20 ] Eine wirkliche Einsicht in das Wesen von Menschheit und Welt ergibt unter vielem anderen — ich will heute die Gesichtspunkte hervorheben, die uns für das Verständnis des Mysteriums von Golgatha wichtig sind — eine gewisse Anschauung über den menschlichen Organismus, die heute natürlich der Wissenschaft völlig verrückt erscheint. Dieser menschliche Organismus unterscheidet sich nämlich ganz wesentlich von dem Organismus des Tieres. Nun, wir haben viele Unterschiede schon angeführt, wir wollen heute denjenigen gerade anführen, der uns für das Mysterium von Golgatha interessieren muß. Der menschliche Organismus unterscheidet sich ganz wesentlich von dem tierischen Organismus, denn der tierische Organismus, wenn man ihn wirklich studiert mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, trägt in sich den selbstverständlichen, den natürlichen Impuls des Todes. Das heißt mit anderen Worten: Lernen Sie wirklich mit den Mitteln der Geisteswissenschaft den tierischen Organismus kennen, so können Sie sich aus der Beschaffenheit des tierischen Organismus erklären, daß der tierische Organismus durch den Tod so gehen muß, wie er eben geht, daß das Tier eines Tages zerfällt und den Elementen der Erde übergeben wird. Der Tod des Tieres ist nichts Unbegreifliches, sondern er ist aus dem Studium des tierischen Organismus ebenso begreiflich, wie aus dem Studium desselben begreiflich ist, daß das Tier fressen und trinken muß. Das Wesen des tierischen Organismus ergibt die Notwendigkeit des tierischen Todes.
[ 20 ] A true insight into the nature of humanity and the world results, among many other things — I want to emphasize today the points of view that are important for our understanding of the mystery of Golgotha — in a certain view of the human organism that today, of course, seems completely crazy to science. This human organism differs quite significantly from the organism of the animal. Now, we have already mentioned many differences, but today we want to mention the one that must interest us in relation to the mystery of Golgotha. The human organism differs very significantly from the animal organism, because the animal organism, when studied properly with the means of Spiritual Science, carries within itself the natural impulse of death. In other words, if you really get to know the animal organism through Spiritual Science, you can explain from the nature of the animal organism that the animal organism must go through death as it does, that the animal will one day decay and be returned to the elements of the earth. The death of the animal is not something incomprehensible, but is just as comprehensible from the study of the animal organism as it is comprehensible from the study of the same that the animal must eat and drink. The nature of the animal organism results in the necessity of animal death.
[ 21 ] Das ist nicht der Fall für das Wesen des menschlichen Organismus. Da kommen wir natürlich auf das Gebiet, das der modernen Wissenschaft völlig unverständlich bleiben muß. Wenn Sie mit allen Mitteln der Geisteswissenschaft den menschlichen Organismus studieren, so gibt es im menschlichen Organismus drinnen selber nichts, was die Notwendigkeit des Todes erklärt, unbedingt erklärt. Es gibt nichts, was die Notwendigkeit des Todes erklärt. Man muß beim Menschen den Tod als etwas, was man einfach erfährt, hinnehmen, und kann sich gar nicht erklären, warum eigentlich der Mensch stirbt. Denn der Mensch ist ursprünglich nicht für den Tod geboren, auch nicht als äußerer Organismus für den Tod geboren. Daß der Tod von innen heraus beim Menschen auftreten kann, das ist nicht aus der menschlichen Wesenheit selber zu erklären. So wie diese menschliche Wesenheit als menschliche Wesenheit ist, so ist es nicht zu erklären.
[ 21 ] This is not the case for the nature of the human organism. Here, of course, we enter a realm that must remain completely incomprehensible to modern science. If you study the human organism with all the means of Spiritual Science, there is nothing within the human organism itself that explains the necessity of death, that explains it unconditionally. There is nothing that explains the necessity of death. In the case of human beings, death must be accepted as something that is simply experienced, and it is impossible to explain why human beings actually die. For human beings are not originally born for death, nor are they born for death as external organisms. The fact that death can occur from within human beings cannot be explained by human nature itself. As this human being is a human being, it cannot be explained.
[ 22 ] Ich weiß sehr wohl, daß dies heute wirklich als völlig töricht angesehen wird von all denen, die auf der wissenschaftlichen Höhe stehen wollen. Es ist ja im allgemeinen recht schwierig, über alle diese Dinge sich auseinanderzusetzen, denn diese Dinge hängen eigentlich zusammen mit Gebieten tiefster Mysterien. Und auch heute stößt man noch immer, wenn man im Zusammenhang solche Dinge erklären will, auf etwas, was eben doch nicht anders ausgesprochen werden kann, als so, wie sich Saint-Martin, über den ich hier letzthin geredet habe, mehrmals in seinem Buche «Des erreurs et de la vérité» äußert. So sagt Saint-Martin an einer wichtigen Stelle, wo er davon spricht, welche Folgen für die Menschheitsentwickelung es gehabt hat, daß ein gewisser Vorgang stattgefunden hat im geistigen Gebiete, bevor der Mensch zum erstenmal sich physisch verkörpert hat, als er reden will über diesen überirdisch-geistigen Vorgang, die Worte, die jeder versteht, der mit solchen Dingen intimer bekannt ist:
[ 22 ] I am well aware that today this is considered completely foolish by all those who want to be at the forefront of science. It is generally quite difficult to deal with all these things, because they are actually connected with areas of the deepest mysteries. And even today, when one wants to explain such things in context, one still encounters something that cannot be expressed in any other way than as Saint-Martin, whom I spoke about here recently, expresses it several times in his book “Des erreurs et de la vérité” (Errors and Truth). At an important point, where he discusses the consequences for human development of a certain process that took place in the spiritual realm before humans first incarnated physically, Saint-Martin, when he wants to talk about this supernatural spiritual process, uses words that everyone who is more familiar with such things understands:
[ 23 ] «So sehr ich aber wünsche, daß man dahin komme, ebenso sehr untersagen mir meine Verbindlichkeiten die geringste Erläuterung über diesen Punkt; und übrigens, um meines eigenen Besten willen, erröte ich lieber über die Vergehungen des Menschen, als daß ich davon rede.»
[ 23 ] “However much I wish to get there, my obligations forbid me from giving the slightest explanation on this point; and besides, for my own good, I would rather blush at the transgressions of man than talk about them.”
[ 24 ] In diesem Falle müßte Saint-Martin von einem Vergehen des Menschen, bevor er in die erste Erdeninkarnation eingetreten ist, sprechen. Das kann er nicht. Nun kann man ja aus gewissen Gründen — keineswegs weil die Menschen besser geworden sind seit Saint-Martins Zeiten, aber aus manchen anderen Gründen — heute manches sagen, was Saint-Martin noch nicht sagen konnte. Aber wollte man eine solche Wahrheit, wie die, daß der Mensch eigentlich nicht für den Tod geboren ist, im Zusammenhang mit allem dabei in Betracht Kommenden erörtern, so würden auch Dinge berührt werden müssen, die vom heutigen Ohr noch nicht gehört werden können im allgemeinen. Der Mensch ist nicht für den Tod geboren, und dennoch stirbt er! Damit wird etwas ausgesprochen, was selbstverständlich für die sehr weisen Leute der heutigen Wissenschaft eine Torheit ist, was aber für den, der zum wirklichen Weltverständnis vordringen will, gerade zu den tiefsten Geheimnissen zählt. Der Mensch ist nicht für den Tod geboren, und dennoch stirbt er.
[ 24 ] In this case, Saint-Martin would have to speak of a transgression committed by man before he entered his first earthly incarnation. He cannot do that. Now, for certain reasons—not because people have become better since Saint-Martin's time, but for many other reasons—it is possible today to say many things that Saint-Martin could not yet say. But if one wanted to discuss a truth such as that man is not actually born for death, in connection with everything that comes into consideration, then one would also have to touch on things that cannot yet be heard by today's ear in general. Human beings are not born for death, and yet they die! This expresses something that is, of course, foolishness to the very wise people of today's science, but which is one of the deepest mysteries for those who want to advance to a true understanding of the world. Human beings are not born for death, and yet they die.
[ 25 ] Sehen Sie, dieses Bewußtsein, daß der Mensch nicht für den Tod geboren ist und dennoch stirbt, das ist es im Grunde genommen, das wie ein geheimnisvoller Impuls durch jene alten Mysterien geht, auch die Attis-Mysterien, auf die ich hingedeutet habe. Es wurde in diesen Mysterien gesucht gewissermaßen eine Möglichkeit des Verständnisses für dieses: Der Mensch ist nicht für den Tod geboren, und dennoch stirbt er. — Die Mysterien sollten gewissermaßen auf dieses Geheimnis eine Antwort geben. Warum beging man denn diese Mysterien? Man beging sie, um sich jedes Jahr von neuem etwas sagen zu lassen. Etwas, was man hören wollte, was man empfinden wollte, was man in seiner Seele durchmachen wollte, das wollte man sich jedes Jahr von neuem sagen lassen. Das wollte man sich sagen lassen, daß die Zeit noch nicht herangekommen sei, in der der Mensch wirklich ernsthaftig auf seinen unerklärlichen Tod hinzuschauen habe. Was erwartete denn eigentlich so ein Gläubiger von dem Attis-Priester? So ein Gläubiger hatte die instinktive Gewißheit: Es kommt einmal für die Erde eine Zeit, wo es ernst werden wird, ganz ernst werden wird, auf den unerklärlichen Tod hinzuschauen. Aber diese Zeit wird erst kommen. Und indem der Priester zelebrierte die Leiden des Gottes und die Auferstehung des Gottes, wurde dieses Zelebrieren ein Trost: Die Zeit ist noch nicht da, wo man ernst machen muß mit dem Begreifen des Todes.
[ 25 ] You see, this awareness that human beings are not born for death and yet die is, in essence, what runs like a mysterious impulse through those ancient mysteries, including the Attis mysteries to which I have referred. In these mysteries, a way of understanding this was sought, as it were: Man is not born for death, and yet he dies. — The mysteries were intended, as it were, to provide an answer to this mystery. Why were these mysteries performed? They were performed in order to hear something new each year. Something that people wanted to hear, something they wanted to feel, something they wanted to experience in their souls — they wanted to hear this anew each year. They wanted to hear that the time had not yet come when man would have to look seriously at his inexplicable death. What did such a believer actually expect from the priest of Attis? Such a believer had the instinctive certainty: There will come a time for the earth when it will become serious, very serious, to look at inexplicable death. But that time will come. And as the priest celebrated the suffering of the god and the resurrection of the god, this celebration became a consolation: The time has not yet come when one must be serious about understanding death.
[ 26 ] Denn diese alten Zeiten wußten alle, daß jenes, nun, meinetwillen nennen wir es «symbolisch», geschilderte Ereignis der Bibel gleich im Beginn des Alten Testamentes auf eine Wirklichkeit hindeutet. Das wußten diese alten Menschen instinktiv. Erst der moderne Materialismus ist darüber hinausgekommen, dies instinktiv zu fühlen, daß die Darstellung der Versuchung durch Luzifer auf ein wirkliches Ereignis hindeutet. Gewiß, die Gedanken-Sodomiterei, welche in der materialistischen Ausdeutung des Darwinismus liegt, die unterscheidet sich ja sehr erheblich von dem, was in solchem Zusammenhang als Wahrheit angesehen werden muß. Denn diese Gedanken-Sodomiterei, die denkt: In alten Zeiten hat es eben Tiere gegeben gewisser Sorte, und die haben sich allmählich heraufentwickelt zu dem heutigen Menschen. In dieser materialistischen Deutung des Darwinismus hat natürlich die Paradieses-Versuchungsgeschichte keinen Platz. Denn es bedürfte ja schon eines ganz degenerierten Verstandes, etwa zu glauben, daß ein Ur-Affe oder eine Ur-Äffin von dem Luzifer versucht worden sein könnte.
[ 26 ] For in those ancient times, everyone knew that the event described in the Bible at the very beginning of the Old Testament, which we will call “symbolic” for my sake, pointed to a reality. These ancient people knew this instinctively. Only modern materialism has gone beyond this instinctive feeling that the description of the temptation by Lucifer points to a real event. Certainly, the intellectual sodomy that lies in the materialistic interpretation of Darwinism differs very significantly from what must be regarded as truth in such a context. For this intellectual sodomy thinks: In ancient times there were animals of a certain kind, and they gradually developed into the human beings of today. In this materialistic interpretation of Darwinism, of course, there is no place for the story of the temptation in Paradise. For it would require a completely degenerate mind to believe that a primeval ape or ape-woman could have been tempted by Lucifer.
[ 27 ] Nun, eine instinktive Gewißheit war also vorhanden, daß hinter dem, was da am Ausgangspunkte des Alten Testamentes erzählt wird, eine einstige Tatsache stände. Und wie wurde diese Tatsache empfunden? So wurde diese Tatsache empfunden, daß man sich sagte: So wie der Mensch eigentlich ursprünglich physisch organisiert gewesen ist, so war er nicht sterblich; aber durch diese Tatsache ist seiner ursprünglichen Organisation etwas hinzugefügt worden, was korrumpierend eintritt in seine Organisation, und was macht, daß nun auch in ihm ein Impuls der Sterblichkeit ist. Durch einen moralischen Vorgang wurde der Mensch sterblich, durch dasjenige, was eben — wir werden noch darauf zurückkommen — in dem mysteriösen Worte der Erbsünde liegt. Der Mensch wurde nicht sterblich, so wie die anderen Naturwesen sterblich geworden sind, er wurde sterblich nicht durch die natürlichen Vorgänge, nicht durch die materiellen Vorgänge, sondern der Mensch wurde sterblich durch einen moralischen Vorgang. Von der Seele aus ist der Mensch sterblich geworden.
[ 27 ] Well, there was an instinctive certainty that behind what is told at the beginning of the Old Testament there was a former fact. And how was this fact perceived? This fact was perceived in such a way that people said to themselves: As man was originally physically organized, he was not mortal; but through this fact, something was added to his original organization that corrupts his organization and causes him to have an impulse of mortality. Through a moral process, man became mortal, through what — we will come back to this later — lies in the mysterious words of original sin. Man did not become mortal in the same way that other natural beings became mortal; he did not become mortal through natural processes, not through material processes, but man became mortal through a moral process. From the soul's point of view, man has become mortal.
[ 28 ] Die Tierseele als Gattungsseele ist unsterblich; als Gattungsseele. Sie verkörpert sich im einzelnen Individuum des Tieres, das durch seine Organe sterblich ist. Die Gattungsseele geht aus dem sterblichen Tiere so hervor, wie sie sich in ihm verkörpert hatte. Aber die tierische Organisation ist von vorneherein als Individualorganisation auf das Sterben eingerichtet. Die menschliche Organisation nicht in gleichem Maße. Die menschliche Organisation ist so, daß dasjenige, was dieser Organisation als Gattungsseele zugrunde liegt, als Menschen-Gruppenseele, im einzelnen Menschen zum Ausdruck kommen würde und ihn unsterblich machte als äußere Menschheitsorganisation. Sterblich konnte der Mensch nur werden von der Seele aus durch eine moralische Tat. In einer gewissen Weise muß die Seele beschaffen sein, damit der Mensch sterblich sein könne. Sobald man solche Dinge heute so nimmt, wie man abstrakte Begriffe nimmt, versteht man die ganze Sache nicht. Erst wenn man sich aufschwingt zum konkreten, tatsächlichen Erfassen der Sache, versteht man diese Dinge.
[ 28 ] The animal soul as a generic soul is immortal; as a generic soul. It is embodied in the individual animal, which is mortal through its organs. The generic soul emerges from the mortal animal just as it had been embodied in it. But the animal organization is from the outset designed as an individual organization for dying. The human organization is not to the same extent. The human organization is such that what underlies this organization as a generational soul, as a human group soul, would be expressed in the individual human being and make him immortal as an external human organization. Man could only become mortal from the soul through a moral act. In a certain way, the soul must be constituted so that man can be mortal. As soon as one takes such things today as one takes abstract concepts, one does not understand the whole thing. Only when one rises to a concrete, actual grasp of the matter does one understand these things.
[ 29 ] Nun hatte man in alten Zeiten — in den Zeiten auch noch kurz vor dem Mysterium von Golgatha, als diese alten Mysterien gefeiert wurden — das intensivste Wissen: Die Seele des Menschen macht es, daß der Mensch stirbt. Diese Seele des Menschen ist in einer fortwährenden Entwickelung durch die Zeiten hindurch. Worinnen besteht denn diese Entwickelung? Darinnen besteht diese Entwickelung, daß immer mehr und mehr diese Seele den Organismus korrumpiert, den Organismus verdirbt und immer mehr und mehr teilnimmt an der Korruption, durch die sie vernichtend auf den Organismus wirkt. Der Mensch sah in alte Zeiten hinauf und sagte sich: Da hat ein moralisches Ereignis stattgefunden, durch das ist die Seele so geworden, daß, wenn sie nun durch die Geburt im Leibe wohnt, sie diesen Leib verdirbt, aber dadurch, daß sie den Leib verdirbt, nicht so lebt zwischen Geburt und Tod, wie sie leben würde, wenn sie ihn unverdorben ließe. Das ist immer schlimmer und schlimmer geworden im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende. Die Seele verdirbt immer mehr und mehr den Leib! So sagten sie. — Damit aber findet die Seele immer weniger und weniger die Möglichkeit, ihren Rückweg in den Geist anzutreten. Sie korrumpiert, je weiter die Menschheitsentwickelung geht, den Leib immer mehr und mehr; dadurch impft sie diesem Leibe immer intensiver und intensiver den Tod ein. Und ein Zeitpunkt muß kommen, wo die Seelen keine Möglichkeit mehr finden, nachdem sie ihr Dasein so lange zugebracht haben zwischen Geburt und Tod, wiederum den Rückweg zu finden in die geistige Welt.
[ 29 ] Now, in ancient times — even in the times shortly before the Mystery of Golgotha, when these ancient mysteries were celebrated — people had the most intense knowledge: it is the soul of the human being that causes the human being to die. This soul of the human being is in a continuous process of development throughout the ages. What does this development consist of? This development consists of the soul increasingly corrupting the organism, spoiling the organism, and participating more and more in the corruption through which it has a destructive effect on the organism. In ancient times, man looked up and said to himself: A moral event has taken place, through which the soul has become such that when it now dwells in the body through birth, it corrupts this body, but by corrupting the body, it does not live between birth and death as it would if it left it uncorrupted. This has become worse and worse over the centuries and millennia. The soul corrupts the body more and more! So they said. — But with this, the soul finds less and less opportunity to return to the spirit. It corrupts the further human development progresses, the body more and more; in this way it instills death into this body more and more intensely. And a time must come when souls, after having spent so long between birth and death, no longer find any possibility of finding their way back to the spiritual world.
[ 30 ] Diesen Zeitpunkt erwartete man in alten Zeiten mit Schauern und Schrecken. Man sagte sich: Generation nach Generation wird vergehen, und die Generation wird einmal kommen, die solche Seelen hat, welche ihren Leib so korrumpieren und ihm den Tod so intensiv einimpfen, daß es gar nicht mehr möglich sein wird, zum Göttlichen den Weg wiederum zurückzufinden. Diese Generation wird kommen! — So sagten sie. Und man wollte sich überzeugen, ob der Zeitpunkt schon mehr oder weniger herannaht. Deshalb hatte man die Attis- und anderen Gebräuche. Man probierte gleichsam, ob noch so viel Göttliches in den Menschenseelen ist, daß die Zeit noch nicht da ist, wo die Menschenseelen alles Göttliche abgestreift haben und nicht mehr den Weg zum Gotte zurückfinden können. Deshalb hatte es eine ungeheure Bedeutung, wenn der Priester sprach: Seid getrost, ihr Frommen; da der Gott gerettet ist, so wird auch für euch die nötige Rettung werden! — Damit wollte er sagen: Seht ihr, der Gott, der hat noch Einfluß auf die Welt, die Seelen haben es noch nicht so weit gebracht, daß sie sich ganz abgeschnürt hätten von dem Gotte; der Gott, der aufersteht noch! — Das wollte ihnen der Priester verkünden; Trost war es, was der Priester verkündete. Der Gott ist noch in euch! — das sagte er.
[ 30 ] In ancient times, this moment was awaited with shudders and horror. People said to themselves: Generation after generation will pass, and the generation will come that has souls that corrupt their bodies so intensely and instill death so intensely that it will no longer be possible to find the way back to the divine. This generation will come! — So they said. And they wanted to convince themselves whether the time was more or less approaching. That is why they had the Attis and other customs. They tried, as it were, to see whether there was still so much of the divine in human souls that the time had not yet come when human souls had stripped themselves of all that was divine and could no longer find their way back to God. That is why it was of tremendous significance when the priest said: Take heart, you pious ones; since God is saved, the necessary salvation will also come to you! — By this he meant to say: See, God still has influence in the world; souls have not yet reached the point where they have completely cut themselves off from God; God still rises! — That is what the priest wanted to proclaim to them; it was comfort that the priest proclaimed. God is still in you! — that is what he said.
[ 31 ] Man berührt, wenn man diese Dinge berührt, so unendlich tiefe Empfindungs- und Gefühlszüge, die einmal vorhanden waren in der Entwickelung der Menschheit, daß der heutige Mensch, der seine Interessen ganz veräußerlicht hat, gar keine Ahnung mehr hat, womit die Menschen einmal gerungen haben. Mögen sie sonst nichts gewußt haben von dem, was man heute Kultur nennt, mögen sie noch so sehr Analphabeten gewesen sein, solche Gefühle haben sie gehabt. Und in den Priesterschulen, wo man die letzten Traditionen bewahrte, die aus alter hellsichtiger Weisheit herstammten, da sagte man den einzuweihenden Schülern das Folgende: Wenn die Entwickelung so fortgehen würde, wie sie unter dem Eindruck jenes moralischen Ereignisses im Beginne der Erdenentwickelung geht, dann müßte man sich darauf gefaßt machen, daß die Seelen der Menschen ihren Weg finden würden von Gott ab, hinein in die Welt, die sie selber erzeugen, indem sie den menschlichen Organismus zum Tode hin, zum immer intensiveren Tode hin korrumpieren. Die Seelen würden sich verbinden mit der Erde und durch die Erde mit dem, was man die Unterwelt nennt. Die Seelen würden verlorengehen. Aber da man selbstverständlich in diesen Schulen die Weisheit vom Geiste noch hatte, wußte man, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Das, was ich Ihnen jetzt sage, das sagte man von der Seele, nicht vom Geiste. Denn der Geist ist an sich ewig und hat seine eigenen Gesetze. Vom Geiste wußte man das, was einen nötigte so zu sagen: Die Seelen werden verschwinden in die Unterwelt hinein, aber der Menschengeist wird in immer wiederholten Erdenleben erscheinen. Und eine Zukunft der Erdenentwickelung stünde bevor, in der die Menschengeister sich wiederum verkörpern würden, aber zurückblicken würden auf all das verlorene Seelenhafte, das einstmals im Erdenwerden war. Die Seelen würden verlorengehen. Nicht mehr würden Seelen kommen. Geister würden sich wiederverkörpern, die wie automatisch den Menschenleib bewegen würden, ohne daß die Art und Weise, wie sie den Menschenleib bewegen, gefühlt würde, empfunden würde in seelischem Erleben.
[ 31 ] When one touches on these things, one touches on such infinitely deep feelings and emotions that once existed in the development of humanity that today's human beings, who have completely externalized their interests, have no idea what people once struggled with. They may have known nothing else of what we now call culture, they may have been completely illiterate, but they had such feelings. And in the priest schools, where the last traditions originating from ancient clairvoyant wisdom were preserved, the following was said to the students being initiated: If development were to continue as it has been under the influence of that moral event at the beginning of Earth's development, then one would have to be prepared for the souls of human beings to find their way away from God, into the world they themselves create by corrupting the human organism toward death, toward ever more intense death. The souls would connect with the earth and, through the earth, with what is called the underworld. The souls would be lost. But since, of course, the wisdom of the spirit was still known in these schools, it was understood that human beings consist of body, soul, and spirit. What I am telling you now was said about the soul, not about the spirit. For the spirit is eternal in itself and has its own laws. What was known about the spirit compelled one to say, so to speak: Souls will disappear into the underworld, but the human spirit will appear in ever-repeating earthly lives. And a future of earthly development was to come in which human spirits would incarnate again, but would look back on all the lost soulfulness that was once in earthly becoming. Souls would be lost. No more souls would come. Spirits would reincarnate, automatically moving the human body without the way in which they moved the human body being felt or sensed in spiritual experience.
[ 32 ] Was war nun demgegenüber die Empfindung derjenigen, die zum christlichen Ostermysterium hindrängten? Die Empfindung derjenigen, die zum christlichen Ostermysterium hindrängten, war die: Wenn auf der Erde nichts anderes geschieht als dasjenige was von alters her geschehen ist, dann entstehen in der Zukunft seelenlose Menschen in den wiederholten Erdenleben. — Sie warteten daher auf das Andere. Sie warteten auf dasjenige, was nicht innerhalb des Erdenwerdens selber sich bilden konnte, was von außen in dieses Erdenleben hereinkommen sollte. Sie warteten, mit anderen Worten, auf das Mysterium von Golgatha. Sie warteten darauf, daß in das Erdenwerden ein Wesen hereinkomme, welches das Seelische wieder rettet, welches das Seelische entreißt dem Tode. Den Geist brauchte man nicht dem Tode zu entreißen, aber das Seelische mußte man dem Tode entreißen. Dieses Wesen, welches in die Erdenentwickelung nun von außen sich eingefügt hat durch den Leib des Jesus von Nazareth, das empfand man als den Christus, der erschienen war zur Rettung der Seelen. So daß der Mensch in dem Christus etwas hat, mit dem er sich verbinden kann in der Seele, auf daß die Seele durch diese Verbindung mit dem Christus ihre korrumpierende Kraft für den Leib verliert und nach und nach all das, was verloren war, wiederum zurückgewonnen werden kann. Daher steht das Mysterium von Golgatha in der Mitte der Erdenentwickelung. Vom Beginn der Erdenentwickelung bis zum Mysterium von Golgatha geht immer mehr und mehr verloren, indem immer mehr und mehr korrumpierende Kraft in der Seele Platz greift, um die Menschen zu Automaten des Geistes zu machen. Und von dem Mysterium von Golgatha bis zum Ende des Erdendaseins ist diejenige Zeit, wo nach und nach wiederum gesammelt wird dasjenige, was verlorengegangen war bis zum Mysterium von Golgatha. So daß, wenn die Erde am Ende ihrer Entwickelung angekommen sein wird, die Menschengeister sich in letzten Leibern verkörpern werden, in denjenigen Leibern, die wiederum unsterblich sind. Die wiederum unsterblich sind! So empfand man das Ostergeheimnis.
[ 32 ] What, then, was the feeling of those who were drawn to the Christian mystery of Easter? The feeling of those who were drawn to the Christian mystery of Easter was this: If nothing else happens on earth than what has happened since time immemorial, then soulless human beings will arise in future repeated earth lives. — They therefore waited for something else. They waited for that which could not be formed within the earth life itself, which was to come into this earth life from outside. In other words, they waited for the mystery of Golgotha. They waited for a being to enter into earthly existence that would rescue the soul, that would snatch the soul from death. The spirit did not need to be snatched from death, but the soul had to be snatched from death. This being, who now entered into earthly development from outside through the body of Jesus of Nazareth, was felt to be the Christ who had appeared to save souls. So that in Christ, human beings have something with which they can connect in their souls, so that through this connection with Christ, the soul loses its corrupting power over the body and gradually regains all that was lost. can be regained. Therefore, the Mystery of Golgotha stands at the center of Earth's development. From the beginning of Earth's development until the Mystery of Golgotha, more and more is lost as more and more corrupting power takes hold in the soul, turning human beings into automatons of the spirit. And from the Mystery of Golgotha to the end of earthly existence is the time when, little by little, what was lost up to the Mystery of Golgotha is gathered again. So that when the earth reaches the end of its development, human spirits will incarnate in their final bodies, bodies that are immortal again. Which are immortal again! This is how the mystery of Easter was understood.
[ 33 ] Dazu aber war es notwendig, daß die Macht überwunden wurde, welche der Seele die moralische Korruption möglich macht. Diese Macht, die ist überwunden worden in dem, was das Christentum empfindet als das eigentliche Ereignis von Golgatha. Die eigentlichen mit den Dingen bekannten ursprünglichen Christen — wie klang ihnen ein wichtiges Wort? Sie erwarteten ja von außen ein Ereignis, durch das eintreten kann die Möglichkeit, daß die die Seele korrumpierende Kraft ihre Macht verliere. Da klang ihnen das Wort von Christus: «Es ist vollbracht!» als das Zeugnis dafür, daß nun die Zeit beginnt, wo die korrumpierende Kraft der Seele vorüber ist.
[ 33 ] But for this it was necessary to overcome the power that makes moral corruption possible for the soul. This power was overcome in what Christianity perceives as the actual event of Golgotha. What did an important word sound like to the original Christians who were familiar with these things? They were expecting an event from outside that would make it possible for the power corrupting the soul to lose its power. To them, the words of Christ, “It is finished!” sounded like testimony that the time was now beginning when the corrupting power of the soul would be over.
[ 34 ] Ein merkwürdiges Ereignis, ein Ereignis, das ungeheure, ungeahnte Geheimnisse einschließt. Denn solche ungeheuren Fragen stehen auf im Hinblicke auf das Mysterium von Golgatha. Wir werden sehen, indem wir in der Betrachtung weiterschreiten, daß das Mysterium von Golgatha nicht zu denken ist ohne den auferstandenen Christus. Christus der Auferstandene — das ist das Wesentliche! Und es gehört zu den tiefsten Worten das paulinische Wort: «Wäre der Christus nicht auferstanden, so wäre unsere Predigt eitel, und eitel auch euer Glaube.» Der auferstandene Christus gehört einmal ins Christentum. Und ohne den auferstandenen Christus kann es kein Christentum geben. Der Tod gehört auch hinein, der Tod des Christus. Aber denken Sie, wie wird die Sache dargestellt? Und wie muß sie dargestellt werden? Der Schuldlose wird zum Tode geführt, ins Leiden geführt, zum Tode geführt. Diejenigen, die ihn zum Tode führen, laden eine schwere Schuld offenbar auf sich. Denn ein Unschuldiger wird zum Tode geführt. Sie laden eine schwere Schuld auf sich. Dennoch, was ist diese Schuld für die Menschheit? Das Heil der Menschheit! Denn wäre der Christus nicht gestorben, so wäre das Heil der Menschheit nicht eingetreten. Man steht, indem man dem Ereignis von Golgatha gegenübersteht, dem einzigartigen Ereignis gegenüber, daß man sich sagen muß: Das größte Heil, das der Erdenmenschheit passiert ist, ist das, daß der Christus getötet worden ist. Die größte Schuld, die auf sich geladen worden ist, ist die, daß der Christus getötet worden ist. Hier fällt das höchste Heil mit der tiefsten Schuld zusammen.
[ 34 ] A remarkable event, an event that holds tremendous, unimagined secrets. For such tremendous questions arise in view of the mystery of Golgotha. As we continue our reflection, we will see that the mystery of Golgotha cannot be conceived without the risen Christ. Christ the risen one — that is the essential point! And one of the most profound statements is that of Paul: “If Christ had not been raised, our preaching would be in vain, and your faith would be in vain.” The risen Christ belongs to Christianity. And without the risen Christ, there can be no Christianity. Death also belongs to it, the death of Christ. But think about how the matter is presented. And how must it be presented? The innocent one is led to death, led to suffering, led to death. Those who lead him to death obviously bear a heavy guilt. For an innocent man is led to death. They bear a heavy guilt. Nevertheless, what is this guilt for humanity? The salvation of humanity! For if Christ had not died, the salvation of humanity would not have come about. When we face the event of Golgotha, this unique event, we must say to ourselves: The greatest salvation that has happened to humanity on earth is that Christ was killed. The greatest guilt that has been incurred is that Christ was killed. Here the highest salvation coincides with the deepest guilt.
[ 35 ] Gewiß, oberflächlicher Sinn kann über so etwas hinweggehen. Für denjenigen, der nicht an der Oberfläche der Dinge haftet, für den bedeutet dies ein tiefstes Rätsel. Der ungeheuerlichste Mord in der Entwickelung der Menschheit ist zum Heile der Menschheit ausgeschlagen! Fühlen Sie dieses Rätsel. Auch dieses Rätsel muß, wenn man dem Mysterium von Golgatha Verständnis entgegenbringen will, wenigstens versucht werden zu verstehen. Und es klingt, wenn auch in einem paradigmatischen Worte, so doch der Antrieb zur Lösung auch vom ‘Kreuze herunter: «Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun!» Wir werden sehen, in dem rechten Verständnis dieses Wortes liegt die Antwort auf die bedeutungsvolle Rätselfrage: warum der ungeheuerlichste Mord das Heil der Menschheitsentwickelung ist.
[ 35 ] Certainly, superficial understanding can gloss over such a thing. For those who do not cling to the surface of things, this is a profound mystery. The most monstrous murder in the development of humanity has turned out to be for the salvation of humanity! Feel this mystery. If one wants to understand the mystery of Golgotha, one must at least try to understand this mystery as well. And even if it is expressed in a paradigmatic word, the impetus for the solution also sounds from the cross: “Forgive them, Father, for they know not what they do!” " We shall see that the answer to the meaningful riddle question – why the most monstrous murder is the salvation of human development – lies in the right understanding of these words.
[ 36 ] Wenn Sie dies alles bedenken, dann werden Sie anfangen zu verstehen, daß man herankommen muß an das Mysterium von Golgatha mit den Begriffen von Leib, Seele und Geist. Denn für die Seelen der Menschen ist der Christus gestorben. Die Seelen der Menschen holt er wieder zurück in die geistige Welt, von der sie abgeschnürt gewesen wären, wenn er nicht gekommen wäre. Das Moralische wäre verschwunden aus der Welt. Der Geist wäre im automatischen Leibe von einer moralfreien Notwendigkeit getrieben. Damit hätte man seelisch nichts erleben können. Der Christus soll die Seelen wiederum zurückwenden. Braucht man sich zu wundern, daß drei Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha der erleuchtetste Grieche, Aristoteles, nicht richtig über die Seele und ihren Zusammenhang mit dem Geiste zu reden wußte, da gerade die Krisis der Seele bevorstand? Braucht man sich zu wundern, wo den Seelen dies bevorstand, und Aristoteles nicht wissen konnte, daß der Retter der Seelen kommen werde, daß er irre redete über die Seele? Man braucht sich nicht darüber zu wundern! Eine andere Erklärung wird allerdings notwendig sein dafür, daß so lange im Sinne des Aristoteles irre geredet worden ist über den Zusammenhang von Seele und Geist. Was der Christus für die Menschenseele bedeutet, das tritt einem entgegen in dem Lichte, das uns den Menschen wiederum in seiner dreigliedrigen Wesenheit als Leib, Seele und Geist zeigt, und in der innigen Verbindung, die besteht zwischen dem objektiven wirklichen Geschehen und dem moralischen Geschehen; welchen Zusammenhang man nie in seiner wahren Gestalt erkennen wird, wenn man nicht die Dreigliedrigkeit des Menschen, Leib, Seele und Geist, erkennt.
[ 36 ] When you consider all this, you will begin to understand that one must approach the mystery of Golgotha with the concepts of body, soul, and spirit. For Christ died for the souls of human beings. He brings the souls of human beings back into the spiritual world, from which they would have been cut off if he had not come. Morality would have disappeared from the world. The spirit would have been driven in the automatic body by a necessity devoid of morality. With that, one would have been unable to experience anything spiritually. Christ is to turn the souls back again. Is it any wonder that three centuries before the mystery of Golgotha, the most enlightened Greek, Aristotle, did not know how to speak correctly about the soul and its connection with the spirit, since the crisis of the soul was imminent? Is it any wonder, given what was in store for the souls, and given that Aristotle could not have known that the savior of souls was coming, that he spoke incorrectly about the soul? It is no wonder at all! However, another explanation is needed for the fact that for so long, in the spirit of Aristotle, people spoke incorrectly about the connection between soul and spirit. What Christ means for the human soul becomes apparent in the light that shows us the human being in his threefold nature as body, soul, and spirit, and in the intimate connection that exists between objective, real events and moral events; a connection that can never be recognized in its true form unless one recognizes the threefold nature of the human being: body, soul, and spirit.
[ 37 ] Ich habe Ihnen auch heute nur eine Vorbereitung geben können zu der Erörterung, in welche Tiefen der Menschenseele man hineinsteigen muß, wenn man nur einigermaßen das Mysterium von Golgatha verstehen will. Ich glaube, daß es uns sehr naheliegen muß, sehr nahegehen muß, gerade in unserer Zeit, über diese Dinge zu sprechen und vielleicht gerade dieses Osterfest zu benutzen, um in diese Dinge tiefer hineinzuschauen, soweit es in der gegenwärtigen Zeit den Menschen möglich ist. Dadurch kann vielleicht manches zu unseren Empfindungen zunächst gesprochen werden, das ein Same sein kann, der erst in zukünftigen Zeiten innerhalb der Menschheitsentwickelung aufgehen kann. Denn über vieles müssen wir so denken, daß wir erst nach und nach völlig wach werden, daß wir in einer Zeit leben, in der wir manches nicht in völligem Wachen auffassen, manches von diesen und manches von jenen Dingen. Das zeigt sich selbst darin, wie schwer es dem Menschen heute gemacht wird, bei völligem Wachen unmittelbar an uns herantretende Ereignisse richtig ins Auge zu fassen. Es ist leider nicht möglich, auch nur mit wenigen Strichen hinzudeuten, wie man wachend ins Auge fassen würde das schmerzliche Ereignis, von dem heute erst unter unseren Zeitereignissen die Menschheit Europas oder wenigstens Mitteleuropas Kunde erhalten hat. Solche Dinge werden heute vielfach wie im Schlafe erlebt. Aber es ist ja hier nicht möglich, Näheres über solche Dinge zu sagen. Heute wollte ich eigentlich nur Fragen anregen, um in Anknüpfung daran das nächste Mal über das Mysterium von Golgatha zu sprechen.
[ 37 ] Today, too, I have only been able to give you a preparation for the discussion of the depths of the human soul that one must descend into if one wants to understand the mystery of Golgotha to any degree. I believe that it must be very close to us, very moving for us, especially in our time, to talk about these things and perhaps to use this Easter season to look more deeply into them, as far as is possible for people in the present time. In this way, perhaps some things can be said to our feelings that can be a seed that can only sprout in future times within human development. For we must think about many things in such a way that we only gradually become fully awake, that we live in a time in which we do not perceive some things in full wakefulness, some of these things and some of those things. This is evident in how difficult it is for people today to correctly grasp events that are immediately approaching us with complete wakefulness. Unfortunately, it is not possible to indicate, even in a few strokes, how one would perceive with full awareness the painful event of which humanity in Europe, or at least in Central Europe, has only now become aware among the events of our time. Such things are often experienced today as if in a dream. But it is not possible here to say more about such things. Today, I actually only wanted to raise questions in order to talk about the mystery of Golgotha next time.
