Astronomy and Anthroposophy
by Elisabeth Vreede
September 1928
Translated by Steiner Online Library
«Da Merkurius in der Waage stand» Die Sternenschrift
Die bevorstehende Eröffnung des Goetheanums zu Michaeli führt uns jenen Septemberabend vor die Seele, da bei einbrechender Nacht der Grundstein für das der Geisteswissenschaft gewidmete Haus von Rudolf Steiner in feierlicher Handlung gelegt wurde. Unter Anrufung der Hierarchien wurde der Grundstein, der doppelte Dodekaeder, «Sinnbild in seiner doppelten Zwölfgliedrigkeit der strebenden, als Mikrokosmos in den Makrokosmos eingesenkten Menschenseele» in das «verdichtete Reich der Elemente» niedergelassen. Ihm wurde beigegeben die Urkunde, die die Angelobeformel des Menschen gegenüber der geistigen Welt enthält. Dieses Dokument schliesst mit den Worten: «Gelegt vom Johannes-Bau-Verein ... am 20. Tage des September-Monats 1880 nach dem Mysterium von Golgatha, das ist 1913 nach Christi Geburt, da Merkurius als Abendstern in der Waage stand.»
Mit diesen Worten wurde der Grundstein auch dem Sternenhimmel vermählt. Auf eine bestimmte Konstellation wird mit wenigen Worten hingewiesen, eine Konstellation, die als so bedeutsam angesehen wird, dass sie neben den gewaltigen Hierarchien-Namen auf dem Grundsteinlegungs-Dokument erscheint. Wir können fragen: Was will uns dieser Ausspruch sagen, der da in jenem Augenblick, an jenem Orte geschah, als derjenige Stein in die Erde versenkt wurde, auf dem auch das neue Goetheanum sich als auf seinem Grundstein erhebt?
Gehen wirvon der rein äusseren Konstellation aus, die da erwähnt wird: Merkur in der Waage. Schlagen wir eine sogenannte Ephemeride für den 20. September 1913 auf, so finden wir, dass an demselben Tag gegen 11 Uhr vormittags der Planet Merkur den himmlischen Äquator nach abwärts überschritten hatte, so dass er abends noch im 1. Grad des Zeichens der Waage stand. (Es handelt sich hier um den astronomischen Merkur, den immer in der Nähe der Sonne befindlichen, kleinen rötlichen Planeten, also nicht um den im landläufigen Sinne «Abendstern» genannten Planeten, die Venus. Auch ist hier von dem Zeichen der Waage die Rede, nicht von dem Sternbild der Waage. Auf diesen Unterschied wurde im 11. und 12. Rundschreiben I hingewiesen.) Unweit von ihm stand die Sonne, mit der er kurz vorher in Konjunktion gewesen war. Durch diese Konjunktion war Merkur von der Westseite der Sonne als Morgenstern zu der Ostseite übergegangen, war Abendstern geworden und hatte sich, für das äussere Auge noch ganz unwahrnehmbar, erst 31/2° von ihr entfernt. Da nun die Sonne am 20. September in Dornach um 18.30 MEZ untergeht, war in jenem Augenblick, da die eigentliche Grundsteinlegung stattfand, Merkur unmittelbar am Horizont im Untergehen begriffen. Da er aber soeben den Äquator überschritten hatte, stand er im «Herbstpunkte» der Herbst-Tag- und Nachtgleiche, die die Sonne erst am 23. September erreichen sollte. Der Äquator aber mündet beim Horizont eines jeden Ortes genau im Osten und Westen. Die Ost-Westlinie bezeichnet immer die Schnittpunkte des Himmelsäquators mit dem Horizont. Folglich war Merkur in bezug auf den Bau genau im Westpunkt stehend, das heisst, er war unmittelbar in der Längsachse unseres ja streng «orientierten» Goe-theanums gelegen, zu gleicher Zeit durch die Erddrehung den Horizont, durch seine Eigenbewegung den Äquator nach abwärts überschreitend (Zeichnung 32).
\ M
A,
s
Zeichnung 32
Was wir so rein astronomisch erforschen können, es soll uns, so wie der Grundstein selber bei dem Weiheakt, zu einem Sinnbild und zu einem Zeichen werden. Fragen wir zunächst: Ist die Tatsache, dass «Merkurius als Abendstern in der Waage stand», an sich etwas so Besonderes? Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir uns gründlich lossagen von all dem, was wir vielleicht aus einer äusseren «Astrologie» aufgenommen haben. Denn nicht darum handelt es sich bei der Aussage «Merkur in der Waage», dass auf eine einmalige, oder nur ausnahmsweise vorhandene Konstellation hingewiesen wird, bei der man sich — trivial gesagt — die Finger ablecken kann, weil sie so «interessant» ist, oder gar auf besondere
133 «Aspekte», aus denen man ganz besondere Zukunftsperspektiven oder Schicksalsverbindungen herauslesen will. Die Stellung ist an sich eine ganz gewöhnliche, in der betreffenden Jahreszeit immer wieder zurückkehrende. Da die Sonne immer am 23. oder 24. September selber den Äquator überschreitet, der Merkur sich nie sehr weit von ihr entfernen kann, so steht er als Abendstern am 20. September eigentlich fast immer im Zeichen der Waage (als Morgenstern würde er in derJungfrau stehen)50. — Die Bezeichnung: Merkur als Abendstern in der Waage würde für fast die Hälfte aller Jahre am 20. September zutreffen. Wir müssen uns zu anderen Vorstellungen aufschwingen, um die Bedeutung der Konstellation einzusehen und dabei werden wir uns von einer landläufigen Astrologie immer mehr entfernen, um zu geisteswissenschaftlichen Imaginationen aufzusteigen.
Schon die Zeichnung 32, die hier noch einmal als Grundriss gewissermassen wiedergegeben wird (Zeichnung 33), spricht eine imaginative Sprache. Wir sehen die Längsachse des Baues — die einzige Symmetrieachse, die von West nach Ost geht und die auch die Symmetrieachse des Grundsteins ist — (diese Verhältnisse treffen ja auch für das zweite Goe-theanum zu), unmittelbar hinführend zu dem unter den Horizont tauchenden Merkur, der genau seine Gleichgewichtsstellung zwischen Himmel und Erde — Äquator und Ekliptik — zwischen oberirdischer und unterirdischer Welt hat. Diese Symmetrieachse ist zu gleicher Zeit die Willensachse des Baues. In dieser Richtung strömen die Worte und Willensimpulse, die von Bühne und Rednerpult herunterfliessen, in den Raum hinein. Sie treffen ihrerseits auf das in den Weltenäther eingeschriebene Zeichen des auf Horizont und Äquator bei dem Geburtsmoment des Baues stehenden Mer-kurius. Eine Waage-Stellung, eine Gleichgewichtslage, wie sie grösser nicht sein könnte.
Was aber sagt uns dieser Merkur in der Waage zwischen Himmel und Erde? Ein Zeichen soll er uns sein, das wir lesen lernen wie einen Buchstaben aus der Sternenschrift.
Wir finden in «Das Initiaten-Bewusstsein»29, 10. Vortrag, die Schilderung, wie der Mensch, der in sich geistiges Bewusstsein erweckt, zunächst einen inneren Mond in sich aufgehen fühlt. Nicht der äussere Mond darf da hineinwirken, sonst würde der Mensch zum Nachtwandler und zuletzt zum Medium werden, sondern in das Bewusstsein des Tages hinein werden die Mondes-Nachtwirkungen gezaubert. Das Geistige beginnt zu leuchten. Da leben die Kräfte der Mondsphäre im Menschen und bilden einen zweiten Menschen in ihm aus. Der äussere Mond ist nur wie ein Zeichen für diese geistigen Mondenwirkungen, sein Licht wird zum allgemeinen Lebenselixier, in dem man sich drinnen fühlt. «Dann geht allmählich
134
Horizont
Zeichnung 33
der Geiststern Merkur in dieser in den Tag hineingezauberten Nacht auf. Heraus tritt aus diesem funkelnden Dämmern und dämmernden Funkeln, in dem einem der Merkur entgegentritt, diejenige Wesenheit, die dann als das Götterwesen Merkur bezeichnet wird. Den braucht man. Den braucht man unbedingt, sonst kommt Verwirrung zustande ... — Und dadurch, dass man ihn kennenlernt, kann man den zweiten Menschen, der in einem belebt wird, nun beherrschen, willentlich beherrschen29.» Der Mond allein würde uns bloss Visionen übermitteln, Imaginationen zwar, aber von denen man nicht wissen kann, ob sie eine Realität darstellen. «Aber indem man in die Merkurwirkungen eintritt, gehen diese Imaginationen zu ihren Wesenheiten über ... Und so werden Sie sich der Merkurwirkungen
135 bewusst, indem Ihre visionäre Welt in eine wahre Wahrnehmungswelt des Geistigen hineinfliesst29.»
So sehen wir wie eine Imagination des Kosmos selber an dem Abend der Grundsteinlegung Merkur in der Waage stehen: den Götterboten zu den wahren Imaginationen, erglimmend am Horizont, auf der Waage zwischen Himmel und Erde! Wir haben es zu tun mit einem geistigen Wesen, das für uns versinnbildlicht wird in dem Planeten Merkur, das diesen Planeten gewissermassen als Götterleib ausser sich hat. Der Planet Merkur geht seine vorgeschriebenen Wege, er ist wie das Zeichen für die in der ganzen Merkursphäre waltenden geistigen Kräftewirkungen. Er selber zeigt den Verlauf dieser Wirkungen an. In der «Werkwelt» der jetzigen Erdenepo-che entfaltet nicht der Planet selber die Wirkungen wie noch in der Zeit, da die Sternenwelt ihre «Wirksamkeit» offenbarte (vgl. Rudolf Steiners Brief «An die Mitglieder» vom 25. Oktober 19248 und auch das 1. und 2. Rundschreiben I).
Merkur gilt in der okkulten Überlieferung als der Gott des kombinierenden Verstandes. Das ist er aber nur für den an das Gehirn gebundenen Verstand. Für den Geistesforscher ist er der Führer in die Welt der wahren Imaginationen. So kannten ihn auch in ihrer Art die alten Eingeweihten. Denn Merkur war für die Griechen Hermes, dasselbe Wesen, das die Ägypter Thoth nannten. Erwar der Erfinder der Künste und Wissenschaften, die von Osiris, dem Gatten und Bruder der Isis, unter den Menschen in grauer Vorzeit verbreitet wurden. Das Wesen, die Schicksale dieser Götter wurden von den alten Ägyptern mit Hilfe der Sternenschrift geschildert, «der Schrift, welche die Himmelskörper im Weltenraume schreiben» (16. Februar 1911)51. Diese Sternenschrift bildete für den alten Ägypter ganz reale Erlebnisse ab. Er wusste: In urferner Vergangenheit war unter den Menschen das Hellsehen lebendig. Das war die Zeit, da Hermes oder Thoth die Menschen unterrichtete, da Osiris die Schrift bildete, die der Sternenschrift nachgebildet war. Die Kräfte von Isis und Osiris, von Hermes fühlte man in der Seele, sie waren von allem Anfang an dagewesen. Für diese Kräfte waren Sonne, Mond, Merkur ein Sinnbild, aber ein Sinnbild, das zugleich etwas zu tun hat mit dem, was es abbilden soll, wie die Buchstaben einer Schrift, nur nicht einer solchen Schrift, wie wir sie heute haben, sondern eben wie die Himmelsschrift, die von Thoth den Menschen gelehrt wurde. «Es ist alles oben so wie unten.» Wenn Sonne und Mond am Himmel kreisen und sich zu den Sternbildern in ein Verhältnis stellen, dann ist das wie eine Offenbarung von geistig-übersinnlichen Kräften, die diese Stellung hervorgerufen haben und sich in der Himmelsschrift ein Ausdrucksmittel für die übersinnlichen Mächte und Kräfte verschafft haben.
136
In dieser Himmelsschrift war Osiris die Sonne; die tätige Sonnenkraft des Osiris fühlte der Ägypter zugleich in sich. Sie lebte in ihm in den älteren Zeiten als Kraft des Hellsehens. Eine hellseherische Kultur war um die Menschen herum zu jener Zeit, da Osiris, da Hermes wirkte. Sie lebten in atavistischen Imaginationen. Daher verstand Osiris aus der Himmelsschrift die Bilderschrift zu gestalten, die Hieroglyphen, zu denen der Nichteingeweihte in scheuer Ehrfurcht blickte. Nun aber spielte sich dasjenige ab, was später als die Osiris-Isis-Legende erzählt wurde.
Osiris hatte einen Bruder, den bösen Typhon Lufthauch). Dieser
tötete den wohltätigen Osiris, indem er ihn durch List dazu brachte, sich in einen Sarg zu legen und ihn darin verschloss. Der Sarg wurde dann mit Blei übergossen und ins Meer hinausgeworfen. Er kam nach Byblos in Phö-nizien. Isis findet den Sarg nach langem Suchen, sie bringt ihn nach Ägypten zurück; wiederum bemächtigt sich Typhon des Osiris und zerreisst ihn in 14 Stücke. Nur mit grösster Mühe gelingt es der trauernden Isis, die Teile zu finden und diese zu begraben. Das Land schenkt sie den Priestern und lässt einen Osirisdienst einrichten. Zwischen Typhon und Isis, zwischen ihrem Sohn Horus und Hermes spielen sich nun verschiedene Ereignisse ab, die hier nicht aufgezählt zu werden brauchen.
Auf wichtige Erlebnisse der Menschenseele wird mit dieser Legende hingewiesen. Es ist das Hinschwinden des alten Hellsehens, der Übergang auch von den heiligen, der Himmelsschrift entlehnten Hieroglyphen zu der abstrakten Schreibweise der späteren Zeit. «Osiris» stellt nicht ein einmaliges Wesen dar, sondern die Zeit des Hellsehens überhaupt. Typhon ist dasjenige Wesen (er entspricht dem Ahriman), das das alte Hellsehen tötet, es durch den Intellekt — zunächst in der Form von Schlauheit, List, ersetzen will. «Der Lufthauch tötet das Lichtwesen», in diesem Bilde lebten Reminiszenzen an die alte lemurische Zeit, als die Lichtatmung durch die Luftatmung abgelöst wurde. Denn die ägyptische Kultur war ja ein Nacherleben der alten lemurischen Epoche. Nun aber kann Osiris nicht mehr die Sonne sein. Er kann nur noch das Sonnenlicht in abgedämpfter Form zurückstrahlen. Er ist Mond geworden; die 14 Stücke, in die er zerrissen wird, sind die 14 Tage um den Vollmond herum. Isis aber, die treue Gemahlin, ist der Neumond; gegenüber Osiris immer noch die dunkle, passive Hälfte.
Auch Hermes in dieser Himmelsschrift ist zweierlei. Als Thoth ist er der Morgenstern, der Gott der Weisheit, der geflügelten Fusses zur Erde herabsteigt. Als Abendstern ist er Hermes Psychopompos (Anubis oder Her-manubis bei den Ägyptern), der Führer der Seelen in die Unterwelt, der sie zu Osiris bringt. Denn Osiris ist nach seinem gewaltsamen Tode nicht
137 mehr bei den Lebenden zu finden, in der Oberwelt, sondern er muss bei den Toten gesucht werden, in der Unterwelt. Daher führt nur mehr der Tod — oder die Einweihung — zu Osiris. Im ägyptischen sogenannten «Totenbuch» findet man die Szene dargestellt, wie Toth-Hermes — oder auch der schakalköpfige Anubis — die Seelen zum Richten zu Osiris führt, wie er der Schriftführer der Unterwelt ist.
In unserer 5. nachatlantischen Kulturperiode müssen die alten Imaginationen neu erstehen. Daher brauchen wir den Merkur als Abendstern in der Waage, wir brauchen ihn unbedingt.
Als Sonne ist Osiris untergegangen; die Zeit des alten Hellsehens ist endgültig vorbei. Als Mond ist er später wieder da. Auch dieses Ereignis wird durch die Sternenschrift ausgedrückt. Es wird erzählt, dass der Tod des Osiris stattfand, als die Sonne im 17. Grad des Skorpion stand und der Vollmond auf der entgegengesetzten Seite aufging. Wir haben da eine Äusserung (sie findet sich unter anderem bei Plutarch «Über Isis und Osiris»), die ganz im Sinne der späteren astrologischen Denkweise gehalten ist, die schon Spekulatives enthält und nicht mehr die reine Bildhaftigkeit der eigentlichen Legende hat. Rudolf Steiner sagte ja auch von dieser Angabe: «So haben auch diejenigen, die an die Osirismythe ihre Gedanken anschlossen, zurückverwiesen auf ganz bestimmte Sternkonstellationen» (5. Januar 1918)52. An einer anderen Stelle bezieht Plutarch die Zahl 17 auf das Alter des Mondes, der, seit 2 Tagen über den Vollmond hinaus, deutlich zeige, dass er im Abnehmen begriffen ist.
Nehmen wir das Bild von der untergehenden Sonne im Zeichen des Skorpion, der das Zeichen der Unterwelt und des Todes war. Sie steht unweit von dem roten Antares. Osiris verschwindet in die Unterwelt, aber schon bald nachher geht er als Vollmond am Osthimmel wieder auf. Her-mes begleitet ihn. Merkur ist ja wie eine Art Mond zur Sonne, auch für die Ägypter, die schon den Merkur und die Venus um die Sonne kreisen liessen. Merkur benimmt sich in mancher Hinsicht in bezug auf die Sonne so, wie unser Mond in bezug auf die Erde.
Die hier geschilderte Konstellation: die Sonne im 17. Grad des Skorpion, der Vollmond im Stier, bei den Pleiaden, ist wiederum keine einmalige, die zum Beispiel auf ein bestimmtes historisches Datum führen könnte. Denn diese Verhältnisse zwischen Sonne und Mond kehren in regelmässigen Zeitintervallen immer wieder zurück. Wir haben hier ein Beispiel von der«rhythmischen Astronomie». Alle 19 Jahre werden sich Sonne und Mond, beide, sich annähernd, an derselben Stelle am Himmel befinden, wo sie vor diesem Zeitraum waren, so dass auch die Phase dieselbe ist. Es ist das der sogenannte Metonsche Zyklus, der noch zu den anderen
138 Sonnen-Mondrhythmen, wie Sarosperiode usw. hinzukommt. In dieser Weise betrachtet, ist das Töten des Osiris durch den Typhon auch ein immer wiederkehrendes, weiter wirkendes Ereignis. Alle 19 Jahre, so könnte man sagen, immer, wenn die Sonne in den Novembertagen im 17. Grad des Skorpion steht und es zu gleicher Zeit Vollmond ist, wird erneut ein Anstoss gegeben, dass das Hellsehen etwas mehr hinschwindet. So war es wenigstens während ganzer Zeiträume. Einmal aber ist das Ende erreicht. Weit über die ägyptische Zeit hinaus, fast bis in unsere Zeit hinein, hat es atavistisches Hellsehen gegeben. Dann aber ändern sich die Wirkungen und dieselbe Konstellation müsste jetzt in ganz anderem Sinne gelesen werden.
Für die alten Ägypter war Osiris von der Seite der Isis verschwunden. Ein Bleisarg zu Byblos in Phönizien, dem Lande der Erfindung der Buchstabenschrift, blieb auf der Erde übrig. Auf Papyrus-Nachen fährt Isis über Sümpfe und Flüsse, Osiris zu suchen. Wie eine typhonische Vorahnung der Buchdruckerkunst, die das 5. nachatlantische Zeitalter einleitete, mutet uns die alte Legende an. Wer heute Osiris suchen will, ohne von Typhon zerrissen zu werden, der muss selber zu den Toten gehen. Die Toten, so sagte Rudolf Steiner, sind heute die einzigen menschlichen Wesen, die die Himmels-schrift lesen. Von den Toten können wir sie lernen, wenn wir mit ihnen gemeinsame Formen des Erlebens finden können.
Kehren wir zu unserer Grundsteinlegungs-Konstellation zurück! Sie ist äusserlich etwas wie eine Reminiszenz an die Osiris-Typhon-Konstellation. Die untergehende Sonne; der im Stier, zwischen Vollmond und letztem Viertel stehende, noch nicht ganz aufgegangene Mond; Hermes-Merkur, die Sonne in die Unterwelt begleitend; der absteigende Mondknoten unweit von der Sonne, es ist wenige Tage nach einer Mondfinsternis. Wir dürfen das Bild nicht im alten Sinne deuten, denn die Erlebnisse und die Erlebensart des ägyptischen Zeitalters sind endgültig vorbei. Doch ist das 5. nachatlantische Zeitalter ja die Wiederholung und soll sein die verchristlichte Auferstehung des 3. Zeitraumes. Wir haben gleichsam die Aufgabe, das Gegenbild der Osiris-Isis-Legende zu schaffen. Von dem Bleisarg und den Typhonränken des irdischen Verstandes hinweg zu einer neu erstandenen Osiriskraft. Durch eine neue Himmelsschrift zu einem wahrhaft kosmischen Erleben. Nicht in Trauer wie der Ägypter sollen wir zum Himmel aufschauen. Die neue Sternenschrift wird nicht nur von Göttern geschrieben, sondern auch von Menschen in Freiheit erlebt, denn zwischen dem tragischen Schicksalserleben der vorchristlichen Zeit und dem heutigen Erleben der Sternenschrift liegt eben das Ereignis von Golgatha. Schon das Hinweisen auf die Grundsteinlegungs-Konstellation ist nicht der
139 Hinweis auf ein unentrinnbares Schicksal, sondern es ist vielmehr ein Gelöbnis !
Wiederum kann Hermes-Merkurius uns Künste und Wissenschaften lehren, wenn wir gewillt sind, als Wissenschaftler dem Hermes-Psycho-pompos in die Welt der wahren Imaginationen zu folgen, die uns zunächst wie eine Unterwelt vorkommen mag. Sonst wird er zum Typhon oder Seth —so hiess auch der Abendstern Merkur bei den Ägyptern, wenn diese, ohne seinen Zusammenhang mit dem Morgenstern Merkur zu erkennen, ihn als ein Wesen für sich betrachteten. — Der Künstler wird sich begleiten lassen von dem Sonnenboten Merkur als Morgenstern, dem Gotte der Weisheit. Die Griechen nannten ihn in dieser Gestalt auch Apollo; für die Ägypter war er Horus, der Isis und des Osiris Sohn, der mit Seth in stetigem Kampfe
lag. Beide aber führen zur Vereinigung mit der Sonne, zur unteren oder zur
oberen Konjunktion hin. Beide zusammen können wir in diesem Sinne als
den Erzengel Raphael ansprechen, der im Westen steht.
Und dieses kann unser Gelöbnis beim Betrachten der Grundsteinle-gungs-Konstellation sein: Möge uns führen das Götterwesen Raphael-Merkurius zu den wahren Imaginationen einer neuen Wissenschaft, einer neuen Kunst. Gabriel, der Mondengesandte allein soll uns nicht genügen. Merkur führe uns auch an den Klippen der Venuswesenheit vorbei. Nicht Luzifer soll uns entgegentreten, wenn die Imaginationen zu ihren Wesen hingehen, sondern das leere Bewusstsein stelle sich ein statt der bilderfüllten Welt des Merkurbewusstseins. Dann dringen wir zum Erleben der Sonne durch.
Wir haben geistig den Weg zurückgelegt, der für uns auch in einer Himmelsschrift aufgezeichnet ist durch die Planetenwelt vom Mond bis zur Sonne. Und wenn wir im Geiste bei der Sonne ankommen, dann ist kein glühender Gasball da, sondern eine Welt der Inspiration. Da tritt uns Michael entgegen in seinem Strahlenkleide der Sonnenmächten entsprossenen Geisteswesen, deren Leuchtewort einst den erharrenden, durstenden Seelen strahlen wird.
140
