Astronomy and Anthroposophy
by Elisabeth Vreede
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Translated by Steiner Online Library
Über das Wesen der Astrologie
2. Rundschreiben II, Oktober 1928
Wir leben in einer Zeit, in der unter den mannigfachen geistigen Bewegungen, die da auftreten, auch eine, die sich Astrologie nennt, zu finden ist. Sie beruft sich für ihre Lehren auf alte Erkenntnisschätze aus ferner Vergangenheit. Sie unterscheidet sich darin von der anthroposophischen Geisteswissenschaft, denn in dieser haben wir es mit Ergebnissen moderner spiritueller Erforschung zu tun, nicht mit dem Weiterbilden alter Traditionen. Doch herrscht auch unter den Mitgliedern derAnthroposophischen Gesellschaft oft eine gewisse Ratlosigkeit gegenüber solchen Erscheinungen, wie sie die sogenannte «moderne Astrologie» heute darbietet. Man findet nicht die Berechtigung, sie von vorneherein abzuweisen und weiss sie doch nicht recht mit den anthroposophischen Einsichten zu verbinden. Es soll daher versucht werden, über diesen Punkt einige Klarheit zu schaffen.
Dass es so etwas wie eine «Astrologie» neben der Astronomie geben kann, das hat Rudolf Steiner selber angedeutet, als er von der Dreiheit: Astronomie, Astrologie, Astrosophie als von drei Wissenszweigen des menschlichen Erkennens sprach. Da, wo nicht bloss auf das Dasein, sondern auf das reale Wirken der Himmelskörper eingegangen wird, da ist Astrologie. Es blühte eine solche Astrologie in der Zeit, da sich der Mensch durch die Empfindungsseele—den Astralleib— mit der Sternenwelt besonders verbunden fühlen konnte. Wir wissen, dass das während der ägyp-tisch-chaldäischen Epoche der Fall war. In der Blütezeit jener Kultur erlebte der Mensch insbesondere im Schlafzustande während der Nacht das Ver-bundensein mit der Sternenwelt. Die Stern-Konstellationen waren wie die Zeichen, die Buchstaben einer okkulten Schrift. Diese kündeten von der Wirksamkeit der geistigen Wesenheiten, deren man immer weniger selber ansichtig werden konnte. Den Menschen empfand man als ganz eingegliedert in das Sternenwirken. Wie er sich nach Leib, Seele und Geist entwik-kelte, was er in seinem Lebenslaufe tat, wie die Verhältnisse seines Erden-raumes auf ihn wirkten, das verlief alles restlos nach Sternengesetzmäs-sigkeit. Auch das äussere soziale Leben wurde nach diesen Gesetzen geregelt.
Die Fähigkeit, mit der Sternenwelt in einer solchen unmittelbaren Verbindung zu stehen, ging verhältnismässig früh verloren. Sie wurde, besonders bei den Chaldäern, allmählich durch eine andere neu-erwachende
141 Fähigkeit ersetzt, diejenige des Rechnens. Man fing an, zunächst die Konstellationen aufzuzeichnen, so dass man innerhalb der Mysterienschulen auf Tontafeln und dergleichen nachschauen konnte, wie die Planeten gestanden hatten usw. Vom 6. Jahrhundert vor Chr. an wurde jene, wenn auch zunächst primitive, doch im heutigen Sinne «rechnende Astronomie» ausgeübt. Damit war neben der alten Astrologie auch die Astronomie als ein Erkenntnisgebiet entstanden. Dies gestattete, die aus den Zeiten des alten Hellsehens gewonnenen Erkenntnisse noch immer weiter anzuwenden, aber es hatte sich zwischen den Kosmos und den Menschen eben die Rechnung eingeschaltet.
Die Griechen lernten die Kunst der Astrologie von den Chaldäern. Sie blühte bei ihnen auf, gerade auch zu der Zeit und nach der Zeit, in die das Mysterium von Golgatha hineinfiel. Und doch hatte mit dem Ereignis von Golgatha die Astrologie ihre innere Berechtigung im Grunde genommen verloren. Denn durch die Christustat sollte der Mensch allmählich frei werden vom Kosmos. Bei dem Tode am Kreuz wurden der Erde selber kosmische Kräfte eingepflanzt, die der Mensch in Freiheit aufnehmen kann. Er steht seitdem nicht mehr in demselben Verhältnis zum Sternenall wie vorher. Denn dasjenige, was durch den «Sündenfall» veranlagt war, was nach der atlantischen Zeit in besonders starkem Masse aufgetreten war, die enge Verbindung zwischen physischem Leib und Ätherleib, hatte immer mehr ein richtiges Einwirken der kosmischen Kräfte auf diese unteren Glieder der Menschenwesenheit unmöglich gemacht. Man könnte sagen: Das Horoskop stimmte für diese Glieder nicht mehr, und gerade in dem heutigen Michaelzeitalter muss es immer weniger zutreffend sein. (Rudolf Steiner sagte einmal: von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sei das zu bemerken.)
Diese Erscheinung des nicht mehr voll stimmenden Horoskopes wurde durch den Christusimpuls gleichsam von einem Verfallsphänomen in eine Tatsache der menschlichen Freiheit umgewandelt. Ja, das Erscheinen des Christus selber war für diese Tatsache ein «reales Sinnbild». Denn nach seinen astralen Zusammenhängen hätte der Christus viel früher, nämlich um die Mitte der atlantischen Zeit, kommen sollen. Dann aber hätte die Menschheit, die eben erst den Einschlag des Ich erhalten hatte, ihn nicht in Freiheit aufnehmen können. Er kam zu einer späteren Zeit, die nicht in erster Linie aus den Bedingungen der kosmischen Welt heraus bestimmt war, sondern aus den Nöten der Menschheitsentwicklung heraus, nach dem, was die Menschheit als Folge des Sündenfalles unschuldig-schuldig erleiden musste. So durchbrach der Christus Jesus mit seinem Erscheinen den astralen Zusammenhang, ebenso wie er für die Verhältnisse seiner
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Umgebung den Blutszusammenhang des jüdischen Volkes durchbrach, da er aus dem Mischling-Volke der Galiläer geboren wurde. Und so wie er die alte Form der Einweihung mit der Lazarus-Erweckung vor allem Volke aufhob und wie von dem Momente dieser «mystischen Tatsache» an die alte Einweihung nicht mehr wirksam sein konnte — wenn auch noch jahrhundertelang Menschen mehr oder weniger zu Recht in der alten Art initiiert wurden —, so wurde von der Christuszeit ab das Verhältnis des Menschen zur Sternenwelt ein anderes, freieres.
Nicht als ob die Menschheit plötzlich von der Sternenwelt losgerissen wäre! Die Dinge gehen nicht nur langsam und allmählich vor sich, auch wenn sie die Folge eines plötzlich einsetzenden neuen Impulses sind, wie es der Christusimpuls war, sondern es ist auch, man möchte sagen, im Weltall dafür gesorgt, dass die Kontinuität immer erhalten bleibt. (Es nehmen ja auch heute noch nicht alle Menschen den Christusimpuls in ihre Seele auf.) So war andererseits das Kommen des Christus durch ein bedeutsames Zeichen am Himmel eingeschrieben, das darauf hinweist, dass er im 4. nachatlantischen Zeitraum nur zu der Zeit kommen konnte, zu der er eben gekommen ist. Es ist das Übergehen des Kulturimpulses aus dem Sternbild des Widders in dasjenige der Fische, von den «hellen» in die «dunklen» Zeichen des Tierkreises (siehe 11. Rundschreiben I).
Gerade in den Jahrhunderten aber, die auf das Christusereignis folgten, verbreitete sich die chaldäisch-hellenistische Astrologie ausserordentlich. Es war, als ob die Menschen sich erst recht an dasjenige klammern wollten, was ihnen immer mehr und mehr genommen werden sollte. Und man darf auch sagen, dass mit der zunehmenden Verdunkelung des spirituellen Lebens in den folgenden Jahrhunderten, in die herein nur das aufkeimende junge Christentum ein helles Licht warf, für viele Seelen das Sich-Beschäftigen mit den Sternengesetzen wenigstens noch einen inneren Zusam-menhang mit den göttlich-geistigen Welten bedeutete. Aber immer traditioneller wurde die Astrologie, immer mehr auch blosses Rechenexempel. Und wenn man die Gelegenheit haben könnte, zu vergleichen, so würde man finden müssen: immer weniger stimmte das, was man vom Menschen auf Grund einer Geburtskonstellation oder über sein Schicksal auf Grund der während seines Lebens weiter auftretenden Konstellationen sagen konnte, mit der Wirklichkeit überein.
So kam im 15. Jahrhundert zuletzt eine kleine Gruppe von Menschen, die mit der geistigen Welt in Verbindung standen, dazu, die alte Sternen-weisheit bewusst zu opfern, Verzicht zu leisten auf die höhere Erkenntnis, die sich auf das Wirken der Sternenwelt bezieht (6. Januar 1924)53. Und das Opfer wurde von der geistigen Welt angenommen.
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Seit jener Zeit ist eine eigentliche astrologische Wissenschaft nicht mehr da. Trotzdem finden wir in den folgenden Jahrhunderten sogar erleuchtete Geister, die sich mit ihr beschäftigen. Es sind —wenigstens da, wo es sich wirklich um erleuchtete Geister handelt, auf die anderen kommt es nicht so sehr an — zunächst solche Menschen, die in der Zeit des heraufkommenden Materialismus noch einen instinktiven Zusammenhang mit dem Kosmos bewahrt haben, sei es aus einer besonderen Organisation ihres Wesens heraus, sei es durch das Heraufströmen spiritueller Impulse aus ihren früheren Inkarnationen. Rudolf Steiner hat in einem Vor-trag54 auf drei solche Geister hingewiesen.
Nostradamus, der aus seinem Beruf vertriebene Arzt, der um die Mitte des 1 6. Jahrhunderts lebte, kann sich dem Anblick des gestirnten Himmels stundenlang aussetzen; dann steigen ihm Bilder auf, die er in Verse kleidet, es sind allerdings dunkle Verse, aber sie haben prophetischen Charakter, und die Zukunft hat in der Tat bewiesen, dass die Prophetien richtig waren nicht nurfür das, was er über seine nächste Umgebung und für die nächste Zukunft gesagt hat, sondern bis in unsere Zeit hinein. Es handelt sich nicht um ein Rechnen — denn das tat er überhaupt nicht —, auch nicht um ein Deuten der beobachteten Konstellationen, sondern die Sterne selber waren es, die die in ihm zurückgedrängten Kräfte seiner früheren Berufstätigkeit in Schauungen von der Zukunft umwandelten; sie waren nur das Mittel, diese Schauungen bei ihm auszulösen. Er war darin ein für sich dastehender Fall, wie etwa Paracelsus oder auch Swedenborg, mit dem er in seinem Lebensschicksal sogar eine gewisse Verwandtschaft zeigt.
Anders war es wiederum bei Tycho Brahe (1 546-1 601), der ein nur um einige Jahrzehnte jüngerer Zeitgenosse des Nostradamus war. Auch er beschäftigte sich mit Astrologie, wenn auch zumeist auf königlichen Befehl, doch machen seine Horoskope für die kleinen Dänenprinzen [die Söhne König Friedrichs II.] durchaus den Eindruck, dass er den Einfluss des Sternenhimmels auf das Menschenschicksal ernst genommen habe, und zugleich, dass er nicht übermässig viel Rechnung anwendete, um zu einer Deutung der Geburtskonstellation zu kommen, sondern diese Deutung mehr einem instinktiven Elemente seines Wesens entnahm, das noch mit seiner früheren Inkarnation als Julian Apostata zusammenhängen mag.54a— Sein späterer Mitarbeiter und Nachfolger in der praktischen Ster-nenkunde, Kepler, ist eigentlich der Astrologie schon mehr abhold. Er schimpft über sie, und doch muss er, der wiederverkörperte ehemalige ägyptische Eingeweihte, an sie glauben, er handhabt sie sogar mit grosser Sicherheit. Aber er muss viel Rechnung anwenden, und er ist für die Deu
144 tung ganz auf die Tradition angewiesen. So sehen wir in dem kurzen Zeitraum von etwa 50 Jahren den Übergang vom Schauen zum Rechnen, vom unmittelbaren Wissen zum Traditionellen; wie rekapitulierend den Übergang vom ägyptisch-chaldäischen zum griechisch-lateinischen Zeitalter. Mit Kepler, so kann man sagen, ist es mit einer Astrologie von erleuchteten Geistern endgültig aus.
Die drei Jahrhunderte, die seitdem verflossen sind, haben den Menschen immer mehr zu einem rechnenden Wesen gemacht und ihn innerlich immer mehr vom Kosmos entfremdet. Zu gleicher Zeit ist er in seiner Seele und sogar in seinen Leibesfunktionen immer freier vom Kosmos geworden. Alle diese Momente wirken gleichsam zusammen, um den heutigen Menschen zu einem schlechten Astrologen im traditionellen Sinne zu prädestinieren. So können wir es verstehen, wenn wir bei Rudolf Steiner harte Worte ausgesprochen finden über das, was heutzutage Astrologie genannt wird. So sagt er in dem Vortrag, womit die «Zwölf Stimmungen» eingeleitet wurden":
«Nicht um Nachahmung der Methoden etwa derjenigen modernen Astrologen, die in ihren Methoden jeden Materialismus überbieten und die zur materialistischen Unwissenheit nur den unwissenden Aberglauben hinzufügen, handelt es sich hier, sondern um das Eingehen auf die gesetzmässigen Zusammenhänge einer geistigen Welt, die ihre Offenbarung im Menschen ebenso hat wie im Kosmos. Wahre Geisteswissenschaft sucht nicht aus Sternen-Konstellationen Menschengesetze, sondern aus dem Geistigen sowohl Menschengesetze wie Naturgesetze. Obgleich diese Geisteswissenschaft mit den unsinnigen mystischen Bestrebungen der modernen Zeit immer wieder zusammengeworfen wird, hat sie doch damit gar nichts zu tun. Hier, wo in gewissen Äusserungen des Menschen Analogien mit kosmischen Verhältnissen als Grundlage einer Ausdrucksweise angewendet werden, muss besonders betont werden, dass Geisteswis-senschaft nichts mit dem Dilettantismus moderner Astrologen und deren plumpen Offenbarungen zu tun haben will.»
Von einem anderen Gesichtspunkte her hörte ich einmal Dr. Steiner vor vielen Jahren gegen die Bestrebungen der Astrologie im Sinne des Horo-skopdeutens sprechen, indem er hinwies auf die Gefahren, die gerade für den esoterisch strebenden Menschen entstehen müssen. Denn es liegt, so sagte er, ein verfeinerter Egoismus darin, in solcher Weise über sich oder auch über seine Mitmenschen etwas wissen zu wollen. Und gerade, wenn der Mensch eine innere Entwicklung anstrebt, könne er leicht zu einer solchen verfeinerten Selbstsucht kommen, die, weil sie intimer wirkt, umso gefährlicher ist. Die Erkenntnis aber der wiederholten Erdenleben
145 und des Karma kann uns zeigen, wie wenig wirvon dem wahren Menschen durch das Horoskop erfassen können. Denn in dem Leben, das die Menschenseele in der geistigen Welt vor seiner Geburt durchmacht, überschaut sie dasjenige, was sie aus der vorigen Inkarnation an Erfahrungen und Erlebnissen mitgebracht hat, was ihr an Fehlern und Mängeln geblieben ist. Darnach richtet sie das neue Erdenleben ein. Sie sucht die Gelegenheiten aus, die dazu führen können, ihre Eigenschaften zu verstärken oder sie umzuwandeln. Dazu sind bestimmte Geschehnisse in der physischen Welt notwendig, und die Seele wählt sich nun ihre Wiedergeburt in derZeit und in der Umgebung, in der solche Geschehnisse stattfinden können. Solche Vorsätze aus dem vorgeburtlichen Leben werden Tatsachen, Ereignisse im Leben auf der Erde. Die Ereignisse können vielleicht in Katastrophen bestehen oder in Geschehnissen, die, nach menschlichen Begriffen gemessen, zu einem Erleben der Schande führen. Die Seele hat diese Erlebnisse trotzdem vor der Geburt gewollt und diese können nicht dadurch abgewendet werden, dass derverkörperte Mensch das Eintreten derselben sich aus dem Horoskop errechnen würde. Je mehr Anstrengungen man machen würde, sich seinem Schicksal zu entziehen (und es liegt eben in der Natur der menschlichen Selbstsucht, das zu wünschen), desto sicherer würden diese Anstrengungen zum vorbestimmten Ziele führen. Was aber der Seele dabei abgehen würde, das ist der Mut, die innere Seelenkraft, diese Ereignisse zu ertragen. Dieser Mut lebt sonst in den unterbewussten Tiefen der Menschenseele und ist ihr ein sicherer Führer. Alles Wissen um diese Dinge, das auf äussere Art erreicht wird, wie durch das Stellen eines Horoskops, kann nur lähmend auf diesen vorgeburtlichen Willen wirken. —Es sollen diese Worte Rudolf Steiners nicht so verstanden werden, als ob der Mensch sich nicht mit seinem Schicksal bekannt machen solle. Dazu hat er uns ja 1924 die «praktischen Karmaübungen»55 gegeben. Es wird auch das Entziffern der Sternenschrift immer mehr zu einem Verständnis des menschlichen Schicksals führen. Doch stellt sich dann zwischen den Menschen und sein Schicksal eben nicht das errechnete Horoskop.
Anders wiederum ist es, wenn man die Sternengesetze durch eine Betrachtung der Vergangenheit ergründen will. Denn da kann der Egoismus nicht mitsprechen, da wir auf die Vergangenheit keinen Einfluss haben können. In diesem Sinne ist auch das zu verstehen, was Rudolf Steiner über die Sternkonstellation für den Moment des Todes sagte.56, 57. Auch auf die Seele, die in die geistige Welt eingegangen ist, können wir nicht mehr so einwirken wie auf den mit uns zusammen verkörperten Menschen. Doch muss man sich klar sein, dass man auch dabei mit der land
146 läufigen Astrologie nicht weiterkommen könnte. Nur der erfahrenste Okkultist, der gewissermassen am Ende seiner Laufbahn steht, könne wirklich Astrologie treiben, — so schloss Rudolf Steiner seine Ausführungen.
Ausserordentlich aufschlussreich ist eine Fragenbeantwortung über Astrologie58, die im Heft 28 von «Lucifer-Gnosis» von Rudolf Steiner gegeben wurde. Sie soll wegen ihrer Bedeutsamkeit hier zum grössten Teil wiedergegeben werden:
«Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie?
Da muss zunächst gesagt werden, dass man gegenwärtig sehr wenig kennt, was Astrologie wirklich ist. Denn was jetzt oft als solche in Handbüchern erscheint, ist eine rein äusserliche Zusammenstellung von Regeln, deren tiefere Gründe kaum irgendwie angegeben werden. Rechnungsmethoden werden angegeben, durch die gewisse Sternkonstellationen im Augenblicke der Geburt eines Menschen bestimmt werden können, oder für den Zeitpunkt einer anderen wichtigen Tatsache. Dann wird gesagt, dass diese Konstellationen dies oder jenes bedeuten, ohne dass man aus den Andeutungen etwas entnehmen könnte, warum das alles so sei, ja nur wie es so sein könne. Es ist daher kein Wunder, dass Menschen unseres Zeitalters dies alles für Unsinn, Schwindel und Aberglauben halten. Denn es erscheint ja alles als ganz willkürliche, rein aus den Fingern gesogene Behauptung ...
Die wirkliche Astrologie ist aber eine ganz intuitive Wissenschaft und erfordert bei dem, der sie ausüben will, die Entwickelung höherer übersinnlicher Erkenntniskräfte, welche heute bei den allerwenigsten Menschen vorhanden sein können. Und schon, wenn man ihren Grundcharakter darlegen will, so ist dazu ein Eingehen auf die höchsten kosmologischen Probleme im geisteswissenschaftlichen Sinne notwendig. Deswegen können auch hier nur einige ganz allgemeine Gesichtspunkte angegeben werden. — Das Sternsystem, zu dem wir Menschen gehören, ist ein Ganzes. Und der Mensch hängt mit allen Kräften dieses Sternsystems zusammen ... Die Sonne wirkt zum Beispiel noch durch etwas ganz anderes auf die Menschen, als durch das, was die Wissenschaft Anziehungskraft, Licht und Wärme nennt. Ebenso gibt es Beziehungen übersinnlicher Art zwischen Mars, Merkur und anderen Planeten und dem Menschen. Von da ausgehend, kann, wer dazu Veranlagung hat, sich eine Vorstellung machen von einem Gewebe übersinnlicher Beziehungen zwischen den Weltkörpern und den Wesen, welche sie bewohnen. Aber diese Beziehungen zur klaren, wissenschaftlichen Erkenntnis zu erheben, dazu ist die Entwickelung der Kräfte eines ganz hohen übersinnlichen Schauens notwendig. Nur die höchsten, dem Menschen noch erreichbaren Grade der Intuition reichen
147 da heran. Und zwar nicht jenes verschwommene Ahnen und halbvisionäre Träumen, was man jetzt so häufig Intuition nennt, sondern die ausgesprochenste, nur mit dem mathematischen Denken vergleichbare innere Sinnesfähigkeit. Es hat nun in den Geheimschulen Menschen gegeben, und gibt noch solche, welche in diesem Sinne Astrologie treiben können. Und was in den zugänglichen Büchern darüber steht, ist auf irgendeine Art doch einmal von solchen Geheimlehren ausgegangen. Nur ist alles, was über diese Dinge handelt, dem landläufigen Denken auch dann unzugänglich, wenn eSin Büchern steht. Denn um diese zu verstehen, gehört selbst wieder eine tiefe Intuition. Und was nun gar den wirklichen Aufstellungen der Lehrer von solchen nachgeschrieben worden ist, die es selbst nicht verstanden haben, das ist natürlich auch nicht gerade geeignet, dem in der gegenwärtigen Vorstellungsart befangenen Menschen eine vorteilhafte Meinung von der Astrologie zu geben. Aber es muss gesagt werden, dass dennoch selbst solche Bücher über Astrologie nicht ganz wertlos sind. Denn die Menschen schreiben um so besser ab, je weniger sie das verstehen, was sie abschreiben. Sie verderben es dann nicht durch ihre eigene Weisheit. So kommt es, dass bei astrologischen Schriften, auch wenn sie noch so dunklen Ursprungs sind, für denjenigen, welcher der Intuition fähig ist, immer Perlen von Wahrheit zu finden sind — allerdings nur für einen solchen ...
Die astrologischen Gesetze beruhen nun allerdings wieder auf solchen Intuitionen, gegenüber denen auch die Erkenntnis von Wiederverkörperung und Karma noch sehr elementar ist»
Von solch tiefen Erkenntnissen, die zu einem wahren Verständnis der Astrologie notwendig sind, ist das Werk Rudolf Steiners erfüllt! Man braucht da nur auf seinen Brief «An die Mitglieder»vom 9. November 19248 hinzuweisen, der von «Michaels Mission im Weltenalter der Menschen-Freiheit» handelt. Wir finden da, den eigentlichen Leitsätzen vorangehend, die ganze Beziehung des Menschen zur kosmischen Umwelt durch den Zeitenlauf geschildert.
Der Mensch hat von den vergangenen Weltenzeitaltern her seinen physischen und Ätherleib erhalten. Sie sind ganz ein Ergebnis kosmischer Wirkungen und Kräfte, wenn auch durch die luziferische Versuchung verzerrt und, wie schon gesagt, zu stark aneinander gekoppelt. Der Astralleib ist schon eine jüngere Schöpfung, aber gerade in dem Ich, dem «Baby der Wesensglieder», erlebt der Mensch seine Freiheit. In früheren Zeiten allerdings strömte kosmisches Wirken nicht nur in den physischen und Ätherleib, sondern durch diese auch in den Astralleib und das Ich hinein. Der Mensch konnte nicht frei sein. Während er auch heute noch den physi
148 schen und Ätherleib dem göttlich-geistigen Wirken überlassen muss, kann er sich mit seinem Ich in die geistigen Welten erheben. Er muss sich für seine freie Erdentat der alten kosmischen Unterstützung entziehen und muss nun in anderer Weise in der geistigen Welt eine Stütze finden, damit die Freiheit nicht blosse Willkür, Gesetzlosigkeit sei, die zerstörend in der geistigen Welt wirken müsste. Und das, was ihm da entgegenkommt, was ihm eine wirkliche Unterlage für sein Handeln in Freiheit gibt, das ist dasjenige, was Michael auch wiederum aus der Vergangenheit herüberbringt, aber aus einer zurückgehaltenen, bewahrten Vergangenheit! Das sind Kräfte, die ebenfalls aus dem Kosmos, aus dem Sternen- und Planetensystem kommen, die aber nicht mehr zwingend sein können, da sie nicht in das Naturhafte eingreifen. In Urzeiten der Erdenentwicklung wurden geistig-moralische Kräfte aus dem Kosmos zusammen mit den äusseren Stoffen, mit der Sinneswahrnehmung auch aufgenommen; sie sublimierten sich gewissermassen in seinem geistigen Wesen zur Erkenntnis (vgl. auch den Schluss des 8. Rundschreibens I).
Dann kam die Zeit, die bis nahe an die Michaelszeit heranreicht, wo sich gewissermassen ein Zwischengebiet bildet, in das einerseits dasjenige, was aus dem Organismus heraufkommt, was also Kosmisches enthält, andererseits dasjenige, was als halbvergessene Sinneswahrnehmungen und Gedächtnisvorstellungen herabsinkt, zusammenströmt und dort eine Region des Unterbewussten bildet, gemischt eben aus kosmischer Gesetzmässigkeit und menschlichen unverdauten Seelenwirkungen. Gerade diese Region ist im 19. Jahrhundert viel erforscht worden, wenn auch nicht immer nach glücklichen Methoden, — und dahin schauen auch heute noch die Forscher, die nicht die Zeichen einer neuen Zeit deuten können.
Heute sollen diese Verhältnisse anders sein wenigstens für diejenigen Seelen, die sich im Sinne des Michaelzeitalters entwickeln wollen. Es heisst in dem angeführten Aufsatz Rudolf Steiners (9. November 1924):
«Des Menschen Stellung zum Weltwesen wird ihm fernerhin immer unverständlicher werden, wenn er sich nicht darauf einlässt, ausser seinen Beziehungen zu Naturwesen und Naturvorgängen auch noch solche anzuerkennen wie die zur Michael-Mission ... der Mensch stösst von sich kosmische Kräfte hinweg, die ihn weiterbilden wollen. Die seiner Ich-Organisation die nötigen physischen Stützen geben wollen, wie sie sie ihr gegeben haben vor dem Michael-Zeitalter ... Er (Michael) widmet sich der Aufgabe, dem Menschen aus dem geistigen Teil des Kosmos auf die hier geschilderte Art Kräfte zuzuführen, die die aus dem Naturdasein unterdrückten ersetzen können. Das erreicht er, indem er seine Wirksamkeit
149 in den vollkommensten Einklang mit dem Mysterium von Golgatha bringt8.»
Dann wird geschildert, wie der Mensch, ebenso wie er von der physischen Sonne Licht und Wärme empfängt, sich von der geistigen Sonne, Christus, mit Wärme durchdrungen fühlen kann.
«Er wird sich in dieser Durchdringung erfühlend sagen: diese Wärme löst dein menschliches Wesen aus Banden des Kosmos, in denen es nicht bleiben darf ... , das wird als Grundgefühl die Seele durchwehen und durchwellen. Und ist erst dieses Gefühl vorhanden, so kommt auch das andere, in dem der Mensch durch Christus sich hinausgehoben fühlt über das blosse Erdensein, indem er sich mit der Sternen-Umgebung der Erde Eins fühlt und mit allem, was in dieser Sternen-Umgebung zu erkennen ist als Göttlich-Geistiges.
Und so mit dem geistigen Lichte ... Der Mensch vereinigt sich in der Gegenwart mit den geistigen kosmischen Leuchtekräften der Vergangenheit, in der er noch nicht eine freie Individualität war.»
Da haben wir ein Wirken, das dem fatalistischen Wirken, das doch in dem heutigen Astrologischen liegt, ganz entgegengesetzt ist ! Auf dieses Wirken den Blick zu richten, soll uns vor allem ein Ideal sein. Erst, wenn wir dieses anstreben, werden wir zu demjenigen, was nun tatsächlich kosmisch bedingt erscheint wie die Sternkonstellation bei der Geburt, ein richtiges, das ist ein freies, weil von Erkenntnis durchdrungenes Verhältnis haben können. Die Grundlage zu dieser Erkenntnis finden wir in einem vorhergehenden Aufsatz (25. Oktober 1924) Rudolf Steiners8:
«Michael rechnet es sich zur tiefsten Befriedigung an, dass es ihm gelungen ist, die Sternenwelt durch den Menschen noch unmittelbar mit dem Göttlich-Geistigen auf die folgende Art verbunden zu erhalten. Wenn der Mensch, nachdem er das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt vollbracht hat, wieder den Weg zu einem neuen Erdendasein antritt, dann sucht er beim Hinabstieg zu diesem Dasein eine Harmonie zwischen dem Sternengang und seinen Erdenleben herzustellen. Diese Harmonie, die vor Zeiten selbstverständlich da war, weil das Göttlich-Geistige in den Sternen wirkte, in denen auch das Menschenleben seinen Quell hatte: sie würde heute, wo der Sternengang bloss die Wirksamkeit des Göttlich-Geistigen fortsetzt, nicht da sein, wenn der Mensch sie nicht suchte. Er bringt sein aus früherer Zeit bewahrtes Göttlich-Geistiges in ein Verhältnis zu den Sternen, die ihr Göttlich-Geistiges nur noch als Nachwirkung einer früheren Zeit in sich haben. Dadurch kommt ein Göttliches in das Verhältnis des Menschen zur Welt, das früheren Zeiten entspricht, doch aber in späteren Zeiten erscheint. Dass dies so ist, das ist die Tat Michaels. Und diese Tat
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gibt ihm eine so tiefe Befriedigung, dass er in dieser Befriedigung einen Teil seines Lebens-Elementes, seiner Lebensenergie, seines sonnenhaften Lebenswillens hat.»
Um unserer Freiheit willen ist die blosse Werk-Welt um uns herum ausgebreitet. Sie kann den Menschen in seinem Geistigen nicht zwingen. Zu dieser Werkwelt, dieser Maja-Welt gehört auch die äussere Maja-Erschei-nung des Sternenhimmels im Augenblick einer Geburt. Sie zeigt bloss dasjenige an, was die Menschenseele in der geistigen Welt vor der Geburt mit den «geistigen kosmischen Leuchtekräften der Vergangenheit» zusammen erlebt hat. Alles Wirkliche, Wirksame spielt sich vorher in einem rein geistigen Dasein ab. Dass dieses Wirken sich auch noch in der Sternenwelt einen Bildabdruck verschafft, der in der Geburts-Konstellation, im «Horoskop» zum Ausdruck kommt, trotzdem — trivial gesagt — dieses nach dem Stande der Weltentwicklung nicht mehr «nötig» wäre, das ist eben Michaels Tat!
In dieser Erkenntnis liegt vielleicht auch die Einsicht verborgen, warum heute so viele Menschen nach einer Erneuerung der Astrologie streben. Auch sie suchen unbewusst Michael. Da es ihnen aber an der nötigen Erkenntnis fehlt, wie sie uns zum Beispiel in den Briefen «An die Mitglieder» und in dem ganzen Lebenswerk Rudolf Steiners geschenkt worden ist, müssen sie irregeführt werden. Sie können nicht Vergangenheits- vom Gegenwartswirken, vorgeburtlichen Willen von irdischer Bestimmtheit, geistige kosmische Leuchtekräfte von irdisch-strahlendem Sternenleuchten unterscheiden; daher kann der so gegangene Weg niemals zum Christus führen. Denn: «Das Göttlich-Geistige der Urzeit leuchtet nicht mehr. Im Lichte, das der Christus dem Menschen-Ich bringt, ist das Urlicht wieder da . .. Und er kann in diesem Lichte die Wege finden, die seine Menschenwesenheit recht führen, wenn er sich verständnisvoll in seiner Seele mit der Michael-Mission verbindet» (9. November 1924)8.
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