Damit der Mensch ganz Mensch werde
GA 82
11 April 1922, The Hague
5. Wichtige anthroposophische Resultate
[ 1 ] Mein heutiger Vortrag wird in einer gewissen Beziehung das Gegenteil sein von dem gestrigen, da ich einiges von dem werde zu sagen haben, was übersinnlich geschaut werden kann auf die Art und Weise, wie ich es gestern charakterisiert habe. Jedoch werde ich Sie um Entschuldigung zu bitten haben, da ich ja selbstverständlich aus den unbegrenzten Gebieten anthroposophischer Forschungsergebnisse nur ganz aphoristisch einiges hervorheben kann. So wird die ganze heutige Betrachtung eben nur eine Art Sammlung von Einzelheiten sein, die als Beispiele herausgegriffen werden.
[ 2 ] Dasjenige, was durch die drei übersinnlichen Erkenntnisstufen, die ich gestern charakterisiert habe, zunächst für den Menschen selbst erreicht wird, das ist, daß er als vollständiges, als totales Menschenwesen vor das Seelenauge treten kann. Ich habe schon erwähnt die erste übersinnliche Erkenntnisstufe, die Stufe der imaginativen Erkenntnis. Und ich habe ja gestern schon angedeutet, wie durch diese imaginative Erkenntnis jener Zeitorganismus geschaut werden kann, der als die erste übersinnliche Wesenheit in uns Menschen aufgefunden wird, jener eben in der Zeit bestehende Bildekräfteleib, der uns organisiert, aber als übersinnlicher Organismus uns organisiert in der Zeit zwischen unserer Geburt beziehungsweise unserer Konzeption und dem Tode. Ich habe aber auch schon bemerkt, daß in dem Augenblick, wo die imaginative Erkenntnis zu wirken beginnt, der Unterschied zwischen subjektiv und objektiv in gewisser Beziehung aufhört, so daß wir zu gleicher Zeit, indem wir unseren Bildekräfteleib geistig betrachten, auch in dem gesamten ätherischen Wirken der Welt drinnenstehen; daß wir gewissermaßen ein Glied werden in dem ätherischen kosmischen Organismus und uns dann weniger abheben, weniger heraussondern aus diesem kosmischen ätherischen Organismus, als wir das in unserem physischen Organismus tun gegenüber den übrigen Naturtatsachen und Naturwesen, die uns in der physisch-sinnlichen Welt umgeben.
[ 3 ] Wenn wir dann aufsteigen zu der gestern charakterisierten inspirierten Erkenntnis, dann dehnen wir unser Schauen über dasjenige hinaus, was an uns ist zunächst zwischen Geburt und Tod. Wir dehnen unser Schauen aus zu dem, was man das eigentliche Seelenwesen des Menschen nennen kann, und man lernt dieses Seelenwesen erkennen in derjenigen Entwickelung, in der es stand innerhalb einer geistig-seelischen Umgebung, bevor es herabstieg in einen physischen Menschenleib.
[ 4 ] Indem man dann diese inspirierte Erkenntnis weiter ausbildet zu dem, was ich gestern gekennzeichnet habe als intuitive Erkenntnis, lernt man im Bilde die Tatsache des Todes kennen, den Übergang unseres seelischen Organismus durch die Pforte des Todes in eine geistig-seelische Welt. So daß sich zusammenschließen zu der Erkenntnis des ewigen Wesens der Menschenseele auf anschauende Art die Ungeborenheit und die Unsterblichkeit. Zu gleicher Zeit schauen wir aber in diesem Augenblick, indem wir zur intuitiven Erkenntnis aufgestiegen sind, die wahre Gestalt unseres Ich, unseres Selbstes. Von diesem Schauen des Selbstes werde ich noch zu sprechen haben, vorzugsweise auch im morgigen Vortrag. Aber Sie sehen aus dem, was ich charakterisiert habe, daß wir zu der Anschauung einer rein geistigen Welt kommen, zunächst unserer eigenen geistig-seelischen Wesenheit mit ihrer Umgebung. Nun haben wir aber schon während des Erdenlebens durchaus Anteil an dieser geistig-seelischen Welt. Sie ist ja immer da. Sie ist immer um uns herum, wie schon aus dem gestern Charakterisierten hervorging. Wir haben Anteil an ihr mit unserem totalen menschlichen Erleben. Dieses totale Erleben zerfällt in den Wachzustand und den Schlafzustand, mit den dazwischen liegenden Traumzuständen.
[ 5 ] Wenn man von Wachen und Schlafen spricht, so rührt man eigentlich schon an ein sehr bedeutsames Daseinsrätsel, namentlich im Leben des Menschen. Dieses Rätsel ist vielfach in Angriff genommen worden auch von seiten der rein physischen Forschung. Und wie auf anderen Gebieten, so soll auch auf diesem keineswegs irgendwelche dilettantische Opposition gemacht werden gegen dasjenige, was von seiten der Naturwissenschaft mit einem gewissen Rechte vorgebracht wird. Allein, diese naturwissenschaftlichen Hypothesen - und Hypothesen sind es ja zumeist, die in dieser Beziehung aufgestellt worden sind; ich brauche sie nicht aufzuzählen, denn ich will mich heute in der Darstellung mehr an das Positive anthroposophischer Ergebnisse halten -, diese naturwissenschaftlichen Hypothesen gehen ja immer von gewissen Voraussetzungen aus, die sich, man kann sagen, schon gegenüber den einfachsten, unbefangenen Beobachtungen des Lebens wohl partiell, aber nicht total halten lassen. So zum Beispiel legt man gewöhnlich, wenn der Übergang des Menschen aus dem Wachzustand in den Schlafzustand erklärt werden soll, die größte Bedeutung der Ermüdung bei. Und man sieht geradezu in der Ermüdung oftmals - nicht immer, denn es gibt in der Naturwissenschaft auch schon eine richtige Einsicht - eine Art Ursache für das Übergehen in den Schlafzustand. Nun, ich habe schon Rentiers kennengelernt, welche, ohne daß man sagen könnte, daß sie sich Gründe am Tage angeeignet hätten zu einer besonderen Ermüdung, bei den ersten Worten meines Abendvortrages eingeschlafen sind, und nicht nur bei dieser, ja mehr begreiflichen Gelegenheit, sondern die auch eingeschlafen sind bei mancher außerordentlich anregenden Sonate. So daß eben schon eine einfache, unbefangene Beobachtung des Lebens einem sagen kann, daß nicht unbedingt Ermüdung die einzige Veranlassung, die einzige Ursache für den Schlafzustand sein kann. Ich meine, derjenige, der sich überhaupt ein wenig hineinfindet in die Beobachtung der Lebenserscheinungen, durchaus noch ganz ohne übersinnliche Forschung, wie ich sie nachher charakterisieren will, der muß ja beobachten, wie in Schlafen und Wachen doch etwas vorliegt, was mit dem menschlichen Wesen, so wie dieses da ist in der physischen Welt, so zusammenhängt, daß Schlafen und Wachen eben zu diesem Wesen als ein Rhythmus des Lebens gehört. Gerade so, wie das Pendel nach der einen und nach der anderen Seite ausschlägt, so muß man annehmen, daß das menschliche Gesamterleben eben in diesen zwei Zuständen, Wachen und Schlafen, wie in einem pendelartigen Rhythmus sich befindet. Ich führe das nicht an als einen Beweis, sondern als etwas, worauf man auch kommen könnte als mögliche Auslegung. Aber das wird uns hinüberleiten, wenn ich nun aus der unmittelbaren Anschauung heraus, die eben erworben werden kann mit Hilfe der drei Erkenntnisstufen, die ich gestern charakterisiert habe, seelisch-geistig zunächst einmal den Schlaf- und Wachzustand darstellen möchte.
[ 6 ] Wenn wir in imaginativer Erkenntnis uns befinden, lernen wir den Ätherleib, den Bildekräfteleib des Menschen kennen. Das heißt, wir lernen anschauen dasjenige, was als erste übersinnliche Wesenheit in uns ist. Wir lernen dann das eigentlich Seelische kennen, das durch die Geburt oder Empfängnis in unseren physischen Leib und auch in diesen Bildekräfteleib hereinströmt. Wir lernen dieses Seelische kennen, wie es herausströmt durch den Tod wiederum in eine geistige Welt hinein. Wir lernen das kennen durch inspirierte Erkenntnis. Und wir lernen dann die eigentliche Ich-Wesenheit, ich möchte sagen, das tiefste Zentrum unseres Menschen kennen durch intuitive Erkenntnis.
[ 7 ] Wenden wir nun diese drei Erkenntnisse auf die Beobachtung von Schlafen und Wachen an, so zeigt sich uns eben, daß der Mensch nur während des Wachzustandes, wenn er im voll wachenden Vorstellungsleben ist, gewissermaßen normal für das Erdenleben ineinandergefügt hat den physischen Leib - den Raumesleib; den Ätherleib - den Zeitenleib; das eigentlich seelische Wesen, von dem ich gestern sagte, daß man es auch Astralleib nennen könnte, und das Ich. Der schlafende Mensch hat als physische Wesenheit nur den Bildekräfteleib noch in sich. Im wesentlichen ist aus dem physischen Leibe und dem Bildekräfteleib, die nun beobachtet werden können durch die gewöhnliche äußere Sinnesanschauung und die imaginative Anschauung, es sind aus diesen zwei Gliedern der menschlichen Wesenheit herausgetreten das eigentliche Seelenwesen, der Astralleib, und das Ich. Und die sind vom Einschlafen bis zum Aufwachen in derselben Sphäre, in welcher sie sich befunden haben, bevor der Mensch herabgestiegen ist aus dem geistigseelischen Reiche in eine physische Erdenverkörperung. So daß die vier Glieder der menschlichen Wesenheit, also physischer Raumesleib, zeitlicher Bildekräfteleib, dann das Ich und der Astralleib, das eigentlich Seelische, ich möchte sagen, zu zwei und zwei von einander getrennt sind.
[ 8 ] Nun muß man aber, wenn man verstehen will, wie sich der Schlafzustand zu dem Wachzustand verhält, eine eben auch durch die charakterisierten Erkenntnisstufen zu erlangende innerliche Anschauung bekommen von dem, was da eigentlich, sagen wir zunächst, während des Schlafens vorhanden ist. Der physische Raumesleib führt da nur dasjenige aus, was der Zeitleib ist. Es können alle diejenigen Prozesse sich fortsetzen vom Einschlafen bis zum Aufwachen, die im physischen Leibe dieser Ätherleib ausführt. Das sind alle diejenigen Prozesse, welche mit der plastischen Ausgestaltung des Menschen, zum Beispiel während der Kindheit, zusammenhängen, welche mit der Ernährung, mit dem Stoffwechsel zusammenhängen. Aber es können nicht ausgeführt werden diejenigen Vorgänge, welche zusammenhängen mit dem Vorstellen, dem Denken, Fühlen und Wollen. Der Mensch schläft hinein in einen Zustand, in dem das Vorstellungsleben herabgedämmert wird, in dem die Gefühle schweigen, wo sein Wille ohnmächtig wird, durch physischen Leib und Ätherleib irgendwie in der physischen Welt etwas auszuführen.
[ 9 ] Wenn man nun durch übersinnliche Erkenntnis dasjenige, was da aus physischem Leib und Ätherleib heraus ist, als Ich, als Astralleib, also als Träger von Denken, Fühlen und Wollen, wenn man das beobachtet, so findet man vor allen Dingen: Die bewußte Tätigkeit des Wachens ist in eine unbewußte heruntergesunken, Der Mensch ist in einem unbewußten Zustande. Man kann daher eben nur durch die übersinnliche Erkenntnis von außen dasjenige sehen, was da aus dem physischen Leibe und dem Ätherleib herausgegangen ist.
[ 10 ] Wenn man das charakterisieren will, was da eigentlich außerhalb des physischen Menschen ist, dann muß man es mit irgend etwas anderem vergleichen. Man kann es, wenn der Mensch im vollständig traumlosen Schlafe ist, nur vergleichen mit derselben Tätigkeit, die vorhanden ist beim wachenden Menschen im Wollen, in den Willensimpulsen. Die Willensimpulse - ich habe das gestern charakterisiert — verlaufen ja auch so beim wachenden Menschen, daß das Bewußtsein, das in Gedanken lebende Bewußtsein von der inneren Natur dieses Willens keine Kenntnis hat. Ich sagte gestern, wir nehmen uns etwas vor, zum Beispiel den Arm zu erheben. Wir haben den Gedanken. Wie der Gedanke dann hinunterströmt in unseren Organismus, wie da der Wille den Arm erfaßt — wenn ich mich trivial ausdrücken darf -, davon hat man auch im wachen Leben zunächst keine Ahnung für das gewöhnliche Bewußtsein. Der Arm wird erhoben. Wir sehen erst wiederum das Resultat. Eine neue Vorstellung ist die Vorstellung des Resultates. Was zwischen der Vorstellung des Resultates und der Vorstellung der Absicht als Willensimpuls liegt, davon haben wir für das gewöhnliche Bewußtsein im Wachen ebenso wenig eine Ahnung, wie wir von dem eine Ahnung haben in diesem gewöhnlichen Bewußtsein, was im tiefen, traumlosen Schlafe vor sich geht. Für die übersinnliche Beobachtung aber ist dasjenige, was als Ich und Astralleib außer dem physischen Leib und dem Ätherleib im Schlafe vorhanden ist, genau in derselben Tätigkeit, in welcher das Wollen beim Wachen ist. Ein entschiedenes Wollen drückt sich aus. Die Vorstellungstätigkeit ist heruntergedämpft. Warum diese Vorstellungstätigkeit heruntergedämpft ist, werden wir gleich nachher darstellen. Dasjenige, wofür wir schon im Wachen schlafen, das ist recht rege, nur ist es außerhalb des Leibes. Es kann nicht die Arme, die Beine bewegen, kann sich nicht des Leibes bedienen als eines Werkzeuges für den Willen, aber dieser Wille ist mächtig vorhanden. Und was ist denn nun das hauptsächlichste Charakteristikon dieses Willens? Es ist die Begierde, die sich dann steigern kann zum Wunsche und zu den anderen verschiedenen Nuancen, die man ja kennt. Gerade Wunsch und Begierde ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen in demjenigen rege, was außerhalb des physischen Leibes ist. Und man wird sich fragen müssen: Wonach ist denn Begierde rege? Kann man durch übersinnliche Erkenntnis beobachten dieses Strömen und Wirbeln und Wogen der Begierde in dem außerhalb des Leibes befindlichen seelischen Menschen, dann kommt man erst recht zu der Frage: Worauf richtet sich denn dieses Begehren, diese Begierde? Nach nichts anderem richtet sie sich, als nach dem physischen Leibe, nach dem Wiederergreifen des physischen Leibes. Der Mensch will im Grunde genommen unbewußt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, weil er draußen ist, wieder hinein in seinen physischen Leib und in seinen Ätherleib. Und da entsteht dann eine andere Frage diese Fragen werfen sich natürlich erst auf, wenn man imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis anwendet -, da entsteht die andere Frage: Warum befriedigt denn dieser seelische Mensch außerhalb seines physischen Leibes nicht sogleich die Begierde, wiederum in seinen physischen Leib zurückzukehren? - Aus dem Grunde und darüber gibt uns der Moment des Einschlafens die Aufklärung -, weil der Mensch im Wachzustande, wo er ja als seelisches Wesen, als Ich und Astralleib, ergriffen hat seinen physischen Leib, dieses physischen Leibes, der ihn ja in Verbindung bringt mit der Außenwelt, überdrüssig wird; weil er in einem gewissen Sinne an dem Besitz nach einer gewissen Zeit übersättigt ist. Nicht an dem Besitz etwa nur des Inneren des physischen Leibes. Dieser physische Leib trägt ja die Sinnesorgane. Dadurch kommt man in Zusammenhang mit der Außenwelt. Man geht mit seinem Ich und seinem Astralleib in Tönen und Farben auf, man geht in den Worten auf, die man von anderen Menschen hört. Will man nicht aufgehen, und hat man keine Möglichkeit, in irgendeiner anderen Weise zu entkommen den Eindrücken, die von der Außenwelt kommen, dann entzieht man sich eben durch Einschlafen den Eindrücken der Außenwelt, wie eben der Rentier, von dem ich gesprochen habe. So daß vom Einschlafen bis zum Aufwachen in dem Menschen als seelischem Wesen ineinander pulsieren Übersättigung am physischen Leibe, Begehren nach dem physischen Leibe. Und erst wenn die Übersättigung vollständig geschwunden ist, kann das Begehren siegen über die Übersättigung, und der Mensch kehrt aufwachend in den physischen Leib zurück. Die Zeit ist zu kurz, um noch zu schildern, warum man zum Beispiel aufwacht, wenn der Wecker weckt und dergleichen, oder warum mancher nicht schlafen kann. Diese Dinge sind auch erfahrbar, aber ich kann jetzt nur das Prinzipielle, das Allgemeine schildern.
[ 11 ] Wir haben es also zu tun, wenn wir die Wechselzustände von Schlafen und Wachen ins Auge fassen, tatsächlich mit einem Hin- und Herpendeln zwischen einer inneren Geneigtheit des menschlichen Seelenwesens, im physischen Leibe zu sein und nicht mehr darin zu sein; wir haben es zu tun mit einem Übersättigtsein, daher dem Hinausgehen aus dem physischen Leibe, und mit einem Wiederbegehren des physischen Leibes. Dieses Begehren des physischen Leibes ist für die übersinnliche Forschung ganz besonders interessant zu studieren. Denn dieses Begehren des physischen Leibes entdeckt man auch in einem besonders intensiven Maße in der Zeit, wo sich die Seele, indem sie aus der geistig-seelischen Welt zur Erde sich herunterneigt, wiederum einer physischen Verkörperung nähert. Zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, also auf dem Wege hin zu einer Geburt, entwickelt sich die Seele so, daß sie aus all den Zuständen, die sie vorher durchgemacht hat, vor allen Dingen herausgestaltet eine gewisse Leerheit gegenüber demjenigen, was ihre geistige Umgebung ist, und ein intensivstarkes Willenselement, nämlich die Begierde nach der physischen Erde. So daß wir geradezu zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen in einem gewissen Sinne wieder studieren können die letzten Zustände, die die Seele durchmacht, wenn sie sich zu einem Erdenleben neigt.
[ 12 ] Da also haben wir eine Erklärung, die sich einfach für übersinnliche Forschung ergibt, die nun nicht von dem Physischen des Wechselzustandes von Schlafen und Wachen ausgeht, sondern auf Seelisches rekurriert; welche das Aufwachen vor allen Dingen als Befriedigung der Begierde nach dem physischen Leibe erklärt, welche das Einschlafen aus einer seelischen Übersättigung am physischen Leibe erklärt. Wir kommen hin zu seelischen Eigenschaften und erklären den Wechsel zwischen Schlafen und Wachen aus dem Seelischen heraus.
[ 13 ] Fassen wir dann das Träumen ins Auge — zunächst einseitig, denn wir können, wie gesagt, nicht alles heute erklären -, fassen wir das Träumen beim Aufwachen ins Auge. Da ist es nun so, wenn man beobachtet den seelischen Menschen vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit dem darin wirbelnden Willenswesen, daß in demselben Maße, in dem der Mensch wiederum zurückkehrt in seinen Ätherleib und in seinen Raumesleib, seinen physischen Leib, daß in demselben Maße beginnen die Gedanken aufzublitzen. Beim normalen, gewöhnlichen Aufwachen ist es ja so, daß der Mensch verhältnismäßig schnell hineinschlüpft in seinen Ätherleib und seinen physischen Leib. In diesen hat er die Werkzeuge für sein Denken, Fühlen und Wollen. Das Denken, daß herabgedämpft ist während des Schlafens, das bedient sich, indem der Mensch zurückkehrt in seinen physischen Leib, vorzugsweise der Sinne und des Nervensystems als äußerer Werkzeuge. Das Fühlen, das auch herabgedämpft ist während des Schlafens, taucht beim Erwachen unter in alles dasjenige, was im physischen Organismus zum Beispiel Rhythmus ist, Rhythmus der Atmung, der Blutzirkulation, Rhythmus auch im Stoffwechsel. Auch da ist ja Rhythmus vorhanden. Überhaupt spielt ja schon der Stoffwechselrhythmus in die Zirkulation hinein. So daß man beobachten kann, wie dasjenige, was an dem Seelischen denkerische Veranlagung, denkerische Kraft ist, untertaucht ins Nervensystem, dasjenige, was fühlender Art ist, untertaucht in das rhythmische System. Und in bezug auf die Willensnatur, die also vorzugsweise während des Schlafens tätig ist und dabei zusammenhängt mit der Stoffwechseltätigkeit, ist, möchte ich sagen, keine Grenze zwischen Innen und Außen. Der Mensch ist allerdings während des Schlafens außerhalb seines physischen Leibes, und alles, was draußen ist, ist Wille, aber dieser Wille geht durch die Grenze des Leibes in bezug auf den Stoffwechsel, schlägt durch die Grenze des Leibes auch in den Leib hinein, und auch während des Schlafes umspannt die Willenstätigkeit das Stoffwechselsystem. Sie ist nur aus Sinnestätigkeit und Denkerischem heraus, aber mit seiner Willensnatur taucht der Mensch ganz unter in sein Stoffwechselsystem.
[ 14 ] Nun kann man da beobachten, wie herunterkommt gewissermaßen der Mensch mit seinem seelischen Wesen, herein in seinen ätherischen und physischen Leib. Wenn nun das geschieht, daß durch irgendeine Abnormität — trotzdem sie sich räumlich decken, kann das sein — zuerst ergriffen wird vor dem Raumesleib der Ätherleib, dann kommt der Mensch nicht gleich ganz in seinen Leib hinein. Er taucht nur in den Ätherleib unter. Allerdings nimmt der Ätherleib dann in Anspruch die flüssigen Bestandteile des Leibes, es bleibt dann das Seelische nur aus den festen Bestandteilen wirklich draußen. Aber der Moment, wo der Mensch noch nicht voll ergriffen hat den physischen Leib, sondern nur ergriffen hat den Ätherleib, der Moment ist derjenige, wo sich eben das Seelische, das herüberkommt aus dem Schlafzustand, nur teilweise des physischen und Ätherleibes bedienen kann, und da entsteht das Träumen. Das völlige Wachen entsteht erst dann, wenn voll der physische Leib ergriffen wird, das heißt alle Willensorgane und namentlich die Sinnesorgane voll ergriffen werden. Es ist also ein teilweises Ergreifen des physischen Leibes, wenn das Träumen auftritt.
[ 15 ] Aber gerade wenn man in übersinnlicher Forschung dieses Herüberkommen durch das Träumen beobachtet - und man kann ja dieses Träumen ganz besonders beobachten durch die imaginative Erkenntnis; sie ist selbst kein Träumen, sie ist eine vollbewußtere Erkenntnis als die gewöhnliche Tageserkenntnis des normalen Bewußstseins, aber man kann durch sie ganz besonders dasjenige, was eigentlich objektiv vorgeht im Traum, beobachten -, da kann man beobachten, wie das menschliche Seelenwesen ergreift den physischen Apparat, weil die Seele im gegenwärtigen Menschenleben, wenn sie von dem physischen Apparat entfernt ist, eben nicht stark genug ist, um die Denktätigkeit auszuüben. Sie braucht gewissermaßen als eine Unterstützung, um die Denktätigkeit auszuüben, das physische Werkzeug. So daß in dem Augenblick, wo der Mensch untertaucht in das physische Werkzeug, das Denken wirklich ausgeübt wird durch das physische Werkzeug.
[ 16 ] Dann aber, wenn man auch beobachtet durch inspirierte Erkenntnis das Fühlen, sowohl das ganz abgedämpfte Fühlen während des Schlafzustandes, wie auch jenes Fühlen im Wachzustande, das ja auch eine Art Traumesweben ist — die Gefühle sind ja nicht so vollbewußt wie die Vorstellungen -, dann kommt man allerdings zu bedeutsamen Unterschieden zwischen dem Denken und dem Fühlen. Jetzt erst merkt man diese Unterschiede. Beim Denken ist es so, daß tatsächlich, wenn man mit imaginativer Erkenntnis den denkenden Menschen beobachtet im Wachzustand, während des Denkens fortwährend das Nervensystem tätig ist. Das Nervensystem ist in einer beweglichen Plastik, so daß im Grunde zum größten Teil alles Seelische untergeht in das Nervensystem. Beim Hinübergehen aus dem Schlafzustand in den Wachzustand verschwindet derjenige Teil des Seelischen, der im Menschen zum Denker wird. Er verschwindet hinein in das Sinnes-Nervensystem. Das ist nicht der Fall beim fühlenden Menschen. Derjenige Teil der Seele, der den fühlenden Menschen ausmacht, der taucht unter in alles dasjenige, was rhythmischer Organismus ist im Menschen, aber nicht vollständig. Man kann sogar sagen, obwohl das nur approximativ ist, es bleibt ebensoviel Seelisches außerhalb des physischen Leibes und Ätherleibes wie untertaucht. Es ist ein fortwährendes Hin- und Herwogen zwischen Seelischem und Leiblichem in dieser Fühlenstätigkeit. Und dieses fortwährende Hin- und Herwogen drückt sich eben aus im rhythmischen System.
[ 17 ] Und derjenige Teil, der die Willensnatur des seelischen Menschen ausmacht, der taucht auch während des Wachens zwar unter in den physischen Leib, aber er taucht nicht so unter, wie das Denken untertaucht in das Nervensystem. Er taucht unter in den physischen Organismus und in den Bildekräfteleib, aber er verbindet sich nicht mit ihnen. Er bleibt, trotzdem er gewissermaßen hineinschlüpft in den physischen Leib, für sich, bleibt ein gesondertes Wesen. So daß man sagen kann: Der Mensch hat im Wachzustand eine merkwürdige Polarität an sich. Wenn wir hinsehen vorzugsweise nach seinem Nervensinnesorganismus, so finden wir diesen so ausgebildet, daß beim wachenden Menschen die Seele ganz untergetaucht ist. Sie ist fast ganz verschwunden in den Organismus hinein als denkende Seele. Und wenn wir hinschauen auf das Walten des Willens im wachenden Menschen, dann sehen wir diesen Willen eigentlich extra, neben den physischen Vorgängen im physischen Organismus. Dann spielen sich diese als zwei zwar in demselben Raum befindliche Tätigkeiten ab, aber als voneinander streng abgetrennte Tätigkeiten. So daß man durch solche Forschungsmethoden eigentlich erst die Einsicht bekommt, wie der Mensch seelisch als Willenswesen in einer ganz anderen Weise drinnensteckt in seinem Leibe, als er drinnensteckt als denkendes Wesen.
[ 18 ] Das aber wird besonders anschaulich, wenn man nun wirklich mit entwickelter imaginativer Erkenntnis und intuitiver Erkenntnis herangeht an die Beobachtung des wachenden Menschen. Man ist ja, wenn man jene Übungen absolviert hat, von denen ich gestern gesprochen habe, in der Lage, durchaus sich selbst von außen zu beobachten. Das Denken wird erkraftet. Dadurch wird es unabhängig gemacht vom physischen Leibe. Beim gewöhnlichen Bewußtsein muß der Mensch ganz untertauchen in seinen physischen Leib, das heißt in den Nervensinnesapparat. Aber darin besteht ja die Erreichung der übersinnlichen Erkenntnis, daß wir jetzt ohne diesen physischen Apparat denken lernen. Das ist das Wesentliche. Wir sind zu schwach als schlafende Menschen im normalen Bewußtsein, als daß wir im Schlafe aufraffen könnten dasjenige, was seelisch ist, so, daß es in sich die Denktätigkeit ohne die Stütze des Leibes entwickelt. Darin besteht ja gerade der Erfolg der gestern gekennzeichneten Übungen, daß die Seele so stark wird, daß sie ohne den Leib denken kann. In diesem Zustande aber, daß sie also ohne den Leib denken kann, kann sie den Leib sehen. Wie man sieht irgend etwas, was außerhalb von einem ist, wie man weiß, daß man den Tisch mit seinen Augen sieht, so sieht man für die imaginative und inspirierte und intuitive Erkenntnis auf den physischen und Ätherleib zurück. Man ist da als seelisches Wesen nur in sich, ist, was man sonst im Schlafe unbewußt ist, jetzt bewußt. Und jetzt tritt etwas sehr Eigentümliches ein. Es tritt das ein, daß man von diesem physischen Leibe keineswegs alles sieht, sondern es wird objektiv schaubar, seelisch schaubar eigentlich nur das Nervensystem. Der Mensch ist, ganz von außen angeschaut, ein NervenSinneswesen. Sein Nervenapparat mit den Sinnen zusammen wird von außen sichtbar. Ich betone, weil das ja eine Rolle gespielt hat - allerdings nicht in diesen Abendvorträgen, sondern in den Tagesvorträgen vielfach -, ich betone, daß sichtbar jetzt nicht etwa werden bloß die sogenannten sensitiven Nerven, sondern auch die sogenannten motorischen Nerven, und daß man gerade auf dieser Stufe der Erkenntnis durch unmittelbares Anschauen zu dem Forschungsergebnis gelangt: es ist kein prinzipieller Unterschied zwischen den sogenannten sensitiven und den sogenannten motorischen Nerven. Die sensitiven Nerven sind dazu da, daß sie durch unsere Sinne die Wahrnehmung der Außenwelt vermitteln; die motorischen Nerven, die auch sensitive Nerven sind, sind dazu da, daß wir in unserem Inneren selbst die Lage und das Vorhandensein unserer Glieder wahrnehmen. Daß wir in uns eine Wahrnehmung von uns selbst haben, das vermitteln die motorischen Nerven, die eigentlich in dieser Beziehung sensitive Nerven sind. Solche Forschungsresultate ergeben sich auf dem Wege der Seelenforschung.
[ 19 ] So hat man also jetzt erlangt, daß man das, was im weitesten Umfang zum Nervenapparat des Menschen gehört, wie ein objektives Ding vor sich hat. Dagegen alles das, was zum Stoffwechselsystem gehört, das hat man nicht wie ein Objektives vor sich. Das hat man in der Intuition als rein geistiges Wesen vor sich. Da verschwindet das Stoffliche, und man lernt jetzt diesen eigentümlichen Prozeß im wachenden Menschen erkennen, diesen Totalprozeß, der sich da eigentlich abspielt. Man lernt ihn so erkennen: Wenn man allmählich zuerst sich orientiert durch imaginative Erkenntnis, so kommt man darauf, wie man hinausrückt aus dem physischen Leibe, jetzt nicht wie beim Einschlafen unbewußt, sondern bewußt, wie man gewissermaßen fühlt dieses SichHerausheben, aus dem Gehirn namentlich. Dann, indem man zur inspirierten Erkenntnis übergeht, gelangt man dazu, daß man außer diesem Sich-Herausheben aus dem Gehirn noch merkt, wie nun das Gehirn zu etwas außer einem wird. Und da gelangt man dann zur Intuition, gelangt wirklich dazu, daß man das, was man als des Menschen Sinnes-Nervenapparat vor sich hat, objektiv sieht. Aber jetzt sieht man eben auch den ganzen Vorgang beim gewöhnlichen Denken.
[ 20 ] Ich habe gestern schon großen Wert darauf gelegt, daß dem Menschen, während er in anthroposophischer Forschung die zweite Persönlichkeit, die schauende Persönlichkeit entwickelt, der gesunde Menschenverstand bleibt. Die gewöhnliche Persönlichkeit bleibt intakt, sonst wird der Mensch nicht ein übersinnlich Erkennender, sondern ein Halluzinant. Indem man beobachtet, wie man da selbst herausrückt, bleibt das logische Denken, das sonst an die Sinneswelt sich hält, im Gehirn. Man erhebt sich nur mit dem, was man als höheres, seelisches Wesen ist, aus dem Gehirn heraus. Deshalb sieht man in dem ganzen Nerven-Sinnesapparat nicht einen Klotz, der da liegt, sondern einen Vorgang, etwas, was sich fortwährend abspielt, was fortwährend ein Prozeß ist. Das sieht man, wenn man so zurückschaut. Da stellt sich dann heraus etwas sehr Merkwürdiges, was fundamental hineinleuchtet in unsere gesamte Welterkenntnis. Da stellt sich nämlich heraus, daß in unserem Nerven-Sinneswesen — ich bitte um Entschuldigung, wenn ich jetzt etwas furchtbar Ketzerisches sage, es ist nur scheinbar so; es ergibt sich dieses auch direkt durch konsequente Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Denkens in die geistige Welt hinein — fortwährend aus dem Geiste heraus, der ja herüberkommt auch beim Aufwachen morgens, indem die Seele in den physischen Leib hineingeht, zwischen den Partien, die sich nur auf Stoffliches beziehen, materiell-stoffliche Partien eingelagert werden, die direkt aus dem Geist selber abgesetzt, erzeugt werden. Man wird Zeuge der Entstehung des Stoffes, sogar der plastischen Bildung des Stoffes am menschlichen Sinnesapparat. Da entsteht Stoff aus dem Geist heraus. Der Mensch wird seinem Geistig-Seelischen nach nicht nur Bewohner seines Nerven-Sinnesapparates, sondern er wird, indem er Stoff einlagert, der sich direkt aus dem Geiste bildet, stoffschöpferisch. Das ist deshalb ketzerisch, weil es gegen ein Prinzip der heutigen Naturwissenschaft verstößt, die nur nicht bis zu ihren letzten Konsequenzen geht, denjenigen, die sich auf alle Wesen erstrecken - und die Welt besteht ja aus allen Wesen, nicht nur aus leblosen Tatsachen und leblosen Wesen. Diese Naturwissenschaft hat abstrahiert aus den Vorgängen der unorganischen Welt und höchstens noch der Pflanzenwelt das sogenannte Gesetz von der Erhaltung der Energie und des Stoffes. Als ob der Stoff ein für alle Mal da wäre und nur so umgelagert würde. Das ist in einem gewissen Sinne bei allen anderen Naturreichen der Fall. Im Menschen aber findet tatsächlich eine wirkliche Schöpfung des Stoffes durch den Nerven-Sinnesapparat statt. Aber wir können doch konstatieren - lesen Sie die ersten Seiten von Psychologien, die heute geschrieben werden aus unvollendeter Erkenntnis heraus -, daß darin auch für den Menschen das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes gilt. - Das beruht auf einer Illusion. Das Gesetz gilt, aber wie? Schaut man nämlich nun mit intuitiver Erkenntnis hin auf das Walten des Willens im menschlichen Organismus, das heißt im Stoffwechselorganismus, also dem Teil des Organismus, der in Stoffwechsel besteht, dann wird durch einen Prozeß, den ich nennen möchte einen organischen Verbrennungsprozeß, fortwährend Materie zerstört. Und so findet, während der Mensch im normalen Bewußtsein das Denken entwickelt, Materie-Schöpfung statt; während der Mensch den Willen entwickelt, findet MaterieZerstörung statt. Darauf beruht das gesunde menschliche Leben, daß gewissermaßen, wie der linke Wagebalken dem rechten entspricht, fortwährend im Menschen es gleicht sich das aus im ganzen Leben — Materie erzeugt wird während des Denkens, und Materie zerstört, aufgebraucht, ins Nichts zurückgeschleudert wird durch den Willensprozeß. Und so scheint es, als ob für den menschlichen Organismus auch das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes gelte, weil immer soviel Stoff geschöpft, gestaltet wird, wie entplastiziert wird. Wir gelangen, indem wir solch ein Gesetz wie das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes, das ganz richtig ist, bewaffnet mit den Mitteln der übersinnlichen Erkenntnis, in den Menschen hinein fortsetzen, dazu, das ganz Spezifische der Menschennatur in ihrem Zusammenhang mit dem Physischen und mit dem Seelisch-Geistigen wirklich zu durchschauen. Es wird in einer gewissen Weise die menschliche Wesenheit durchschaubar auf diese Art. Aber welchen Weg geht man denn da eigentlich?
[ 21 ] Wenn man mit der heutigen Physiologie, deren Methoden in äußerlicher Beziehung von mir durchaus nicht angefochten werden sollen - sie haben ihre großen Verdienste und Ergebnisse, aber diese Ergebnisse sind zum größten Teil selbst wieder Fragen, geben wiederum Rätsel auf -, wenn man bloß mit diesen äußeren Forschungsmethoden den menschlichen Organismus verfolgt, so hat man da ja nur die eine Seite des Menschen, und dann muß man Hypothesen aufstellen, wie das eigentlich kommt, was im Stoffwechsel vor sich geht, wie das kommt, was im Nervenprozeß vor sich geht. Diese Hypothesen tendieren eigentlich darauf hin, irgend etwas Unbekanntes vorauszusetzen, das vielleicht nur in einem gesetzmäßigen Zusammenhang besteht. Das glauben ja die Materialisten. In Wirklichkeit aber kommt man nicht durch solche Hypothesen auf dasjenige, wovon der Stoffwechsel und der Nervenprozeß abhängig sind, sondern nur durch unmittelbare Anschauung des GeistigSeelischen selber.
[ 22 ] Und so sehen Sie, daß in bezug auf den Menschen durchaus die Totalforschung, die nicht sündigt gegen die Naturforschung, sondern die einfach die Naturforschung fortsetzt, sogar erst das, was sonst Physiologie und Biologie zutage fördern, ins rechte Licht zu setzen vermag, indem sie ausgeht auf den ganzen Menschen. Und man kommt ja auf dem Wege dieser Forschung zu dem außerordentlich wichtigen Ergebnis, das ich dargestellt habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln» vor ein paar Jahren, nachdem es den Gegenstand einer dreißigjährigen intensiven Forschung gebildet hat - man kommt zu dem Ergebnis, daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist. Das Wesen, das zumeist Nerven-Sinnesapparat ist, das ist der Träger des Gedankenlebens im Wachzustand. Dann ist der Mensch ein rhythmisches Wesen - Atmung, Zirkulationsrhythmus, andere Rhythmen -, und das ist der Träger des Gefühlslebens. Schließlich ist der Mensch ein Stoffwechselwesen, aber zum Stoffwechselorganismus gehören die Gliedmaßen hinzu. Der Stoffwechsel ist nur eine Fortsetzung nach innen desjenigen, was in den Gliedmaßen vor sich geht. Der Stoffwechsel ist der Träger des Willenselementes. Das hat mit dem Nervensystem nichts zu tun, sondern lediglich mit den Vorgängen des Stoffwechsels.
[ 23 ] Man gelangt also dazu, den Menschen als dreigliedriges Wesen zu erkennen. Darauf beruht gerade die eigentliche innere Wesenheit des Menschen, daß er ein solches dreigliedriges Wesen ist, indem er in seinem NervenSinnesapparat dasjenige hat, in das der denkende Teil der Seele völlig untertaucht, so daß wir eigentlich in bezug auf das Denken am meisten Materialisten sein dürfen. Und die gewöhnliche Psychologie von heute kommt ja auch dazu, in dem Gehirn, den verschiedenen Strukturen des Gehirns, treue Abbilder des Gedankenlebens zu sehen. Das gelingt ihr für Gefühls- und Willensleben nicht, wie sie selber zugibt. Man sieht, daß man in bezug auf das Vorstellungsleben am meisten Materialist sein darf, aber man kommt mit dem reinen Materialismus doch nicht zurecht. Man kommt nicht zurecht, wenn man das Gehirn geradezu so vorstellt, daß man auf der einen Seite das Gehirn als fertiges Organ hat, und auf der anderen Seite irgendwie das Seelische, das sich nun bedient des Gehirns, um die Gedanken auszugestalten. So ist die Sache doch nicht, sondern sie ist so, daß die Gedanken eine Eigenwesenheit haben. Sie ist nur zu schwach zur Betätigung, zum Beispiel dann, wenn der Gedankenteil der Seele das Gehirn nicht hat, wie im Schlafe. Aber wenn die Seele das Gehirn ergreift, benützt sie es nicht als fertiges Organ, sondern sie bildet fortwährend in diesem Gehirn das aus, was da im Gehirn als Prozeß sich abspielt. Diese Furchen sind ein immerwährender Prozeß. Das ist zugleich Tätigkeit der Seele. Wenn wir daher das Gehirn untersuchen, kommen wir nur zurecht, wenn wir uns vorstellen, daß das Gehirn ein Bild des seelischen Lebens ist, insofern das seelische Leben ein denkerisches ist. Das ist wichtiger, als man denkt. Nämlich das bestätigt sich unmittelbar, wenn man heute irgendeine Gehirnphysiologie aufschlägt und nun wirklich sieht, wie die Sachen heute schon erforscht sind. Und wenn man die Wirkungen dieser verschiedenen Gehirnpartien sieht, sind sie durchaus nicht so, daß man ihnen ansieht, die Seele könnte sich ihrer bedienen, sondern sie sind so, daß sie eigentlich das seelische Leben abbilden: Sie sind Bilder des seelischen Lebens.
[ 24 ] So daß man sagen kann: Das Gehirn ist eigentlich wie eine realisierte, wie eine Stoff-gewordene Imagination des seelischen Lebens. Es ist Bild, während der rhythmische Organismus es nicht bis zum Bild gebracht hat. Am wenigsten hat es der Stoffwechselorganismus dazu gebracht, der durchaus etwas Unplastisches, etwas Unbildhaftes ist. Man bekommt da die Möglichkeit, das Gehirn in seinem Bau zu verstehen, wenn man es begreift als Abbild des seelischen Lebens. Und erst dann wird die Gehirnphysiologie auf einer gesunden Grundlage sein, wenn man einmal auf diese Weise als materialisierte Imaginationen das Gehirn wird aufzufassen in der Lage sein. Hingegen wird man zum Beispiel den rhythmischen Organismus durchaus nicht so auffassen dürfen, daß man eine verstofflichte Imagination vor sich hat, sondern hier hat man eine äußerlich im Prozeß, im Vorgang sich abspielende Inspiration vor sich, wo das Geistige und das Stoffliche fortwährend ineinanderspielen im Rhythmus. Und im Stoffwechsel hat man ein fortwährendes Übergehen beim Menschen vom Stoff in den Geist, vom Geist in den Stoff, nach dem einen und dem anderen Pol vor sich.
[ 25 ] Man muß ja sagen: Es ist heute noch etwas mißlich, diese Dinge auszusprechen. Denn selbstverständlich sieht man, wenn man nur innerhalb desjenigen steht, was eben heute die gegenüber sich selbst noch nicht konsequente Biologie und Physiologie zutage fördern, in solchen Dingen Phantastereien, wenn nicht etwas Schlimmeres. Aber wenn die Dinge eben doch gewußt werden, so hat man die Verpflichtung, für die gewußten Wahrheiten durchaus einzutreten.
[ 26 ] Und von dem Menschen aus werden sich dann die übrigen Partien unseres gesamten Weltenwesens erreichen lassen. Gehen wir vom Menschen zum Beispiel zum Tier herunter. Zuerst handelt es sich darum, daß wir das Tierwesen wirklich kennenlernen, daß wir nicht nur von außen über es sprechen, sondern es wirklich kennenlernen. Beim Menschen müssen wir, wenn wir ihn organmäßig wirklich seinem Wesen nach erkennen wollen, von einem dreigliedrigen Wesen sprechen, nur sind die drei Glieder nicht nebeneinander. Ein ungeistgemäßer Professor wollte die Dreigliederung des Menschen dadurch verhöhnen, daß er sagte: Der Steiner unterscheidet den Kopf- und den Brust- und den Bauchmenschen. — Als ob diese drei Glieder so nebeneinanderlägen wie drei übereinanderstehende Kästen oder Schränke! Das ist durchaus nicht der Fall. Der Kopf ist zwar vorzugsweise Nerven-Sinnesapparat, aber in ihn spielt das rhythmische und das Stoffwechselsystem hinein; die Brust ist vorzugsweise rhythmischer Organismus, aber die anderen Organteile spielen hinein; und so ist es auch beim Stoffwechsel. Die drei Glieder liegen ineinander, nicht außer einander. Derjenige, der sie außer einander, sei es als Anhänger oder als Gegner, charakterisiert, trifft nicht das Richtige.
[ 27 ] Nun, sofort wird die Sache anders, wenn wir vom Menschen zum Tier kommen. Das Tier ist nicht ein dreigliedriger Organismus. Das erweist sich besonders dann, wenn wir es anschauen mit imaginativer, inspirierter und intuitiver Erkenntnis. Das Tier ist streng genommen ein zweigliedriger Organismus. Bei dem Tier spielt nämlich der rhythmische Organismus immerfort hinein in den Nerven-Sinnesorganismus, nach der einen Seite. So daß? bei dem Kopfpol des Tieres nicht ein so differenzierter Sinnesorganismus vorhanden ist wie beim Menschen. Da ist weniger differenziert, weniger getrennt der Nerven-Sinnesapparat vom rhythmischen Apparat. Es ist ein Nerven-Sinnesapparat, der immerfort durchpulst wird vom rhythmischen Leben. Und der Stoffwechselorganismus ist wiederum durchpulst vom rhythmischen Organismus. Der rhythmische Organismus ist nicht so herausgehoben aus den beiden anderen Systemen wie beim Menschen. Der Mensch hat den Denkorganismus, den Nerven-Sinnesorganismus, dann den rhythmischen Organismus und den Stoffwechselorganismus. Die drei Organsysteme sind verhältnismäßig differenziert voneinander gebildet. Beim Tier ist es so, daß allerdings der Nerven-Sinnesorganismus vorhanden ist, der Stoffwechselorganismus vorhanden ist, aber die bilden unmittelbare Polaritäten. Der rhythmische Organismus ist nicht so streng getrennt, sondern geht mehr in den beiden anderen Systemen auf, so daß man beim Tier eine Art Zweigliederung des Organismus hat.
[ 28 ] Das Wesentliche in der Bildung des Menschen besteht eigentlich nicht darin, daß sein Kopf zunächst danach tendiert, eine besondere Bildung zu haben, sondern dasjenige, was beim Menschen tendiert, eine besondere Bildung zu haben, ist sein rhythmischer Organismus. Der macht sich selbständig. Dadurch stößt er auf der einen Seite mehr differenziert als beim Tier den Kopforganismus heraus, nach der anderen Seite den Stoffwechselorganismus. So daß nun wiederum im Menschen ein intensiverer Stoffwechsel ist als beim Tier, wo fortwährend in den Stoffwechsel der rhythmische Organismus hineinspielt.
[ 29 ] Wenn man in dieser Weise die tierische und die menschliche Organisation studiert, kommt man darauf, daß der Mensch als Stoffwechselorganismus ein anderes Wesen ist denn als Nerven-Sinnesorganismus. Im Nerven-Sinnesorganismus ist die Seele ganz untergetaucht. Was haben wir daher nur im Bewußtsein? Unsere Vorstellungen, unsere Gedanken. Ja, den Gedanken gegenüber fühlen wir eine gewisse Unwirklichkeit. Die Gedanken sind nur Bilder. Es ist der vollkommenste Teil des Menschen der Kopforganismus, aber das SeelischGeistige ist am tiefsten untergetaucht in das Leibliche. Wir können mit Bezug auf die Organisation am meisten Materialisten sein gegenüber dem Denken, dem Nerven Sinnesorganismus. Denn das, was vom Geist uns zu rückbleibt, sind nur Bilder. In den Gedanken haben wir Bilder von der Wirklichkeit. Wer versteht, wie der Geist ganz bis zum Bilde verdünnt ist — wenn ich so sagen darf - und so als Geist im wachen Menschen zunächst lebt, der wird zwar indem Gedankenleben des Menschen einen deutlichen Beweis sehen, daß im Menschen Geist ist, aber er wird die Gedanken nicht selber als Geist ansprechen, sondern er wird die Gedanken ansprechen als Bilder, die der Geist erzeugt, indem er zum größten Teil untertaucht in den Nerven-Sinnesapparat und nur zurückwirft, zurückreflektiert dasjenige, was dann Bild bleibt und im Bewußtsein als Gedanke auftritt. Man lernt eben ganz und gar durchschauen die menschliche Natur und dementsprechend auch die tierische Natur.
[ 30 ] Dann aber, wenn man in dieser Weise dazu gelangt, den Menschen zu erkennen durch imaginative, inspirierte, intuitive Erkenntnis, wenn man dazu gelangt, den Menschen auch anzuschauen als geistig-seelisches Wesen, wenn er außerhalb seines Organismus ist, wenn er im Schlafe ist; wenn man dazu gelangt, Selbsterkenntnis zu haben durch Imagination, Inspiration, Intuition, also Selbsterkenntnis für den Menschen, insofern der Mensch außerhalb des physischen Leibes ist, dann hört auf der Unterschied zwischen Subjektivität und Objektivität. Wir gehören dann außerhalb des Leibes dem Kosmos an. Können wir auf uns selbst zurückschauend uns selbst erkennen, dann können wir auch im Kosmos beobachten. Und dann ergeben sich solche Beobachtungen, die uns eine wirkliche Kosmologie, eine Kosmosophie liefern, wie ich sie versucht habe zu geben in meinem Buche «Die Geheimwissenschaft». Das sind unmittelbare Beobachtungsresultate, die gemacht werden durch Imagination, Inspiration und Intuition außerhalb des physischen Menschenleibes. Und das Korrelat dazu ist die völlige Erkenntnis des Menschen.
[ 31 ] Nun wäre interessant, diese Betrachtung auch auszudehnen über das Pflanzenreich und über das Mineralreich. Dazu ist aber heute keine Zeit. Ich möchte auf einige andere Gebiete eben noch hinweisen. Ich kann immer nur Beispiele geben. Ich möchte davon ausgehen, wie wir die Metamorphose des menschlichen Organismus auf diese Art verfolgen können, wie wir schen können, wie der Mensch nach der einen Seite hin in seiner stofflichen Organisation als Nervensinnes-Mensch ein Ergebnis des seelisch-geistigen Lebens ist, wie er nach der anderen Seite, nach dem Stoffwechsel-Organismus hin, kein solches Ergebnis ist. Denn das geistige Leben verbrennt da fortwährend die Materie, gerade wenn es am meisten tätig ist als geistiges Leben. Wir sehen, wie der Mensch sich metamorphosiert, und zwar so, daß er sich verstofflicht, vergeistigt, verstoftflicht, vergeistigt. Wenn man durch übersinnliche Erkenntnis sich in die Lage versetzt, dieses Übergehen der Organe durch Metamorphose zu verfolgen, dann lernt man es verfolgen nicht nur mit Bezug auf ihren gesunden Zustand, sondern auch mit Bezug auf ihren kranken Zustand. Da möchte ich Sie zunächst nur auf eine Richtung hinweisen.
[ 32 ] In dem Augenblick, wo man durch das gestern erwähnte leere Bewußtsein die geistige Welt um sich kennenlernt, wird alles dasjenige, was vorher nur Gegenstand der Sinnesbeobachtung war, Gegenstand der geistigen Beobachtung. Wie der Mensch einem durchgeistigt erscheint, wenn man ihn so betrachtet, so wird die ganze Welt, der Kosmos, durchseelt, durchgeistigt vor dem geistigen Blicke des Menschen. Dann erscheint zum Beispiel oben die Sonne, die wir ja durch das gewöhnliche Anschauen und auch durch die gewöhnliche Wissenschaft als diesen fest begrenzten, scharf konturierten Körper sehen, sie erscheint in dem, was sie uns physisch, dem Anblicke nach darbietet, als physischer Organismus. Dagegen gibt es ein Geistig-Sonnenhaftes, das ist nicht an diesen Raumesteil gebannt, den wir mit den physischen Organen sehen, sondern das erfüllt als Sonnenhaftes den ganzen Kosmos, der uns zugänglich ist. Dieses Sonnenhafte durchdringt alle Reiche der Natur, auch den Menschen. Es ist etwas, was im Menschen wirkt. Und gerade so, wie wir sonst studieren in der Physik, wie das ätherische Sonnenlicht durch das Auge eindringt, wie wir da durch das, was am Auge physischer Apparat oder demselben ähnlich ist, die Lichtwirkungen studieren, so können wir nun auch den geistigen Teil, das Sonnenhafte, den geistigen Teil der Sonnenwirksamkeit studieren. Den treffen wir aber wiederum in allen inneren Organen des Menschen an. Und wir werden gewahr, daß ein großer Teil der Organe - eigentlich alle Organe, aber die verschiedenen Organe mehr oder weniger — nach einem Pole hin ein sprießendes, sprossendes, ein nach Wachstum drängendes Leben, ein aufsteigendes Leben haben. Das beginnt mit geringerer sprießender, sprossender Kraft und steigert sich mit sprießender, sprossender Kraft im Wachstumbilden, im Ernährungfördern, auch im Verdauen, Verzehren und so weiter.
[ 33 ] Dagegen gibt es in allen Organen ein absteigendes Leben, ein Degenerierendes. Jeder Evolution steht eine Devolution oder Involution entgegen. An dem aufsteigenden Leben der Organe, die wir in uns haben, arbeitet das Sonnenhafte, das durch den Kosmos sich ausbreitet. Das Absteigende kann man besonders am Gehirn beobachten. Dadurch, daß fortwährend durch die Vorstellungstätigkeit Gehirnmaterie herausplastiziert wird, muß fortwährend auch abgebaut werden gerade vom Gehirne aus. Und mit diesen abbauenden Kräften hat nun wiederum das Mondenhafte zu tun. Denn der Mond ist auch nicht bloß dasjenige, als was er uns physisch erscheint, sondern das Physische ist nur die physische Verkörperung desjenigen, was als Mondenhaftes den ganzen uns zugänglichen Kosmos durchdringt. Das dringt in uns und in alle Reiche der Natur ein. Dadurch aber, daß wir studieren können, sagen wir, an den Nieren, dem Herzen, den Lungen, an jedem einzelnen Organ den Sonnenprozeß und den Mondenprozeß, das Aufsteigende und Absteigende, das Fruchtende, Wachsende und das Degenerierende, dadurch begreifen wir aus dem Kosmos heraus das einzelne Organ. Es wird nicht früher eine vollständige, totale Physiologie geben, als bis man die Organe des Menschen alle aus dem Geiste des Kosmos heraus in ihrem aufsteigenden und absteigenden Leben begreift.
[ 34 ] Und ebenso, wie aus Sonnenhaftem und Mondenhaftem, kann man auch aus anderen Impulsen des Kosmos heraus die inneren Organe des Menschen verstehen. Das Gesundende gehört zum aufsteigenden, das Krankhafte zum absteigenden Leben. Zentripetales, Zentrifugales, das hängt von anderen Impulsen im Kosmos ab als vom Sonnenhaften und Mondenhaften. Dies wollte ich nur als Beispiel anführen. Dieses Sonnen- und Mondenhafte, es schleicht sich auch hinein in das Tierreich, in das Pflanzenreich und in das Mineralreich, in alle Reiche der Natur. Dadurch kommt man zu dem Studium, das zuletzt darin gipfelt: Ich studiere ein menschliches Organ in einer bestimmten Metamorphose. Ich finde, es ist nicht in normalem Zustand. Zum Beispiel sind die Atmungsorgane des Menschen nicht in normalem Zustande, sondern so wie bei Heiserkeit, bei Erkältung. Ich studiere diesen Zustand. Populär ausgedrückt würde ich also sagen, ich studiere den Zustand einer Erkältung. Was ist da im Menschen vorhanden? Es ist in Wirklichkeit dasjenige, was sonst nur beschränkt sein soll auf die menschlichen Sinne, was da als Kräfte nur in ihnen herrschen soll, gewissermaßen hinuntergerutscht in die Atmungsorgane. Sie metamorphosieren sich krankhaft so, daß sie zu stark zu Sinnesorganen werden. Das Sinnenhafte, das sonst nur in den Sinnesorganen sein soll, rutscht in die Atmungsorgane hinunter. Sie werden sporadisch zu Sinnesorganen, dadurch sind sie krank. Woher kommt das? Das kommt daher, daß dasjenige, was sonst in den Sinnesorganen besonders stark wirken kann, das Mondenhafte das Sonnenhafte überwiegt. Das überträgt sich dann aus dem Kosmos heraus auf die Luft, auf andere klimatische Zustände, daß aus der Umgebung des Menschen heraus solche krankhaften Metamorphosen entstehen.
[ 35 ] Und nun beobachte ich etwas in der äußeren Natur. Ich schaue zum Beispiel hin auf den Flieder, eine violette Blüte mit besonderen Blütenblättchen. Wenn man diese Pflanze studiert, sie innerlich kennenlernt, so findet man, daß in ihr besonders diejenigen Kräfte wirksam sind, die nun genau im entgegengesetzten Sinne das Sonnen- und Mondenhafte wirksam haben, wie das, was da krankhaft bei der Erkältung im Inneren des Menschen wirkt in dem Falle, den ich geschildert habe. Und man lernt erkennen, wie das eigentümliche Zusammenwirken von schwefelartigen Kräften mit ätherischen Ölen in der Fliederpflanze in einem polarisch entgegengesetzten Verhältnis steht zu demjenigen, was sich krankhaft bildet im Organismus.
[ 36 ] Lernt man so erkennen aus dem Geiste heraus die Metamorphose der menschlichen Organe, lernt man erkennen aus dem Geiste des Kosmos heraus wiederum die besonderen Kraftwirkungen der Umgebung, dann kommt man zu einer rationellen Heilmittellehre, zu einer rationellen Therapie. Man kann nun angeben, gerade so, wie in anderen Wissenschaften, wo man die Dinge wirklich überschaut, nicht bloß probiert, welches Heilmittel geeignet sein kann bei dieser oder jener Erkrankung. Ich kann den Prozeß nur skizzieren. Aber in dieser Beziehung kann Anthroposophie überall hineinleuchten. Sie braucht nicht darauf angewiesen zu sein, bloß zu probieren dieses oder jenes Heilmittel für diese oder jene Krankheit, sondern man sieht den Zusammenhang des Heilmittels mit der Krankheit aus dem Geiste des Kosmos heraus. Das ist ein einfachster Fall. Das läßt sich aber auf die gesamte Pathologie und Therapie anwenden. Ich kann heute nur das Axiomatische andeuten, aber man hat heute schon nach dieser Richtung eine vollständig ausgebildete Pathologie und Therapie in der Anthroposophie. Es bestehen auch Institute, in denen die Dinge äußerlich empirisch nachgeprüft werden und in denen man sich überzeugen kann, daß diejenigen Heilmittel, die man aus Erkenntnis von Geist und Natur schöpft, sich als wirksam erweisen, wenn man auf der anderen Seite nur imstande ist, die Krankheiten richtig zu diagnostizieren. Anthroposophie findet so etwas nicht in pfuscherischer, dilettantischer, laienhafter Weise. Sie anerkennt, was die Medizin gebracht hat, sie baut nur weiter. Aber es kann weitergebaut werden, und man kann viel gewinnen zum Heile der kranken und gesunden Menschheit, wenn man in dieser Weise an der Medizin weiterbaut. Da mündet, wie an so vielen Stellen, die ich heute nicht berühren kann, Anthroposophie unmittelbar in wichtigste Gebiete der Lebenspraxis hinein.
[ 37 ] Nun zum Schlusse nur noch einzelne Beispiele, wie man zu anthroposophischen Forschungsresultaten gelangt. Ich bedauere, daß ich nicht mehr anführen kann, aber ich möchte wenigstens einige auseinanderliegende Beispiele anführen, damit Sie sehen, wie tatsächlich unser Wissenschaftsgeist universell werden kann dadurch, daß man ihn eben anthroposophisch gestaltet.
[ 38 ] Die Geschichte zum Beispiel betrachtet man ja zumeist so, daß man die äußeren Tatsachen verzeichnet oder dasjenige nimmt, was an Dokumenten über äußere Tatsachen vorhanden ist, und daraus vielleicht ein wenig Schlüsse zieht auf den Geist der Zeitalter. Schließlich kommt es ja doch darauf hinaus: «Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist der Herren eigener Geist, der in den Zeiten sich bespiegelt». Man glaubt aber recht objektiv in der Geschichte zu sein, wenn man aus äußeren Dokumenten sich zusammenstellt einen Geschichtsverlauf. Aber wenn man zu einer solchen Erkenntnis aufsteigt, wie ich es gestern charakterisiert habe, und wie ich es heute an einzelnen Beispielen in der Anwendung gezeigt habe, dann kommt man auch dazu, nach der anderen, der geistigen Seite hin wirklich zu beobachten. Nach der Naturseite hin liegen uns ja die Wahrnehmungen vor. Da brauchen wir nach den Wahrnehmungen nicht zu suchen. Da müssen wir unser Denken so stark machen, daß es die Wahrnehmungen ordnen und bemeistern kann, so daß die Wahrnehmungen durch Beobachtung und Experiment ihre Gesetzmäßigkeiten verraten. Aber nach der Seite des Geistes! Ja, seit die alten, ahnenden Erkenntnisse, die nicht vollbewußt waren, wie es die heutigen anthroposophischen Erkenntnisse sind, seit sie nur noch traditionell geworden sind und nicht mehr von den Menschen gehandhabt werden können, hat das Geistige im Grunde genommen seinen ganzen Inhalt verloren, so wenig man sich das heute eingestehen will. Es ist ja doch interessant, daß es innerhalb des deutschen Geisteslebens, wo man immer nach dieser Richtung, der Seite des Intellektualismus, die letzten Konsequenzen zieht, einen Philosophen gibt, Fritz Mauthner, der den Kant noch «über-kantet» hat, indem er eine «Kritik der Sprache» geschrieben hat, in der er den Nachweis zu erbringen versucht, daß wir eigentlich keine geistigen Inhalte haben, daß wir in dem, was wir über die Dinge sagen, nur Worte sagen können. Kritik der Sprache - nicht Kritik der Vernunft! Und das ist nicht einmal so unbegründet. Fritz Mauthner, so ekelhaft seine «Kritik der Sprache» ist, ist für denjenigen, der etwas hineinsieht in den wirklichen Weltbestand, nur ehrlicher als die anderen. Die anderen gestehen es sich nur nicht ein, daß sie nur Worte haben, wenn sie von Denken, Fühlen und Wollen sprechen. Denn diese Worte müssen erst wieder einen Inhalt bekommen durch übersinnliche Erkenntnis. Auch bei den Psychologen haben sie keinen Inhalt. Nehmen Sie eine moderne Psychologie und lesen Sie eine Erklärung darüber, was ein Gedanke ist. Man redet über Gedanken, weil man das Wort «Gedanke» hat aus alten Zeiten, aber darinnen steckt nichts mehr in bezug auf das Geistige. Da muß man erst wiederum zu einer Wahrnehmung kommen. Und dazu kommt man erst, wenn man die schlummernden Kräfte in der Menschenseele so entwickelt, wie ich es gestern gekennzeichnet habe. Dann gelangt man dazu, die Gesetze der geistigen Entwickelung der Menschheit in ähnlicher Weise verfolgen zu können, wie man in der Naturwissenschaft verfolgt die physischen Gesetze.
[ 39 ] Da gibt es zum Beispiel das von Haeckel stark betonte biogenetische Grundgesetz. Gewiß, das hat mancherlei Korrekturen erfahren. Ich kenne den heutigen Stand der Forschungen in bezug auf das biogenetische Grundgesetz. Aber im wesentlichen kann man doch sagen, daß in den morphologischen, den Gestaltungsstufen, die der menschliche Embryo von der Empfängnis bis zur Geburt durchläuft, bis er ein vollgestalteter Mensch ist, wiederholt wird die Gestaltung der einzelnen Tierformen. Wenn der Menschenkeim drei Wochen alt ist, ist er ähnlich einem Fischlein, dann wird er immer ähnlicher anderen Tiertormen. Es ist ein approximatives Gesetz. Die Ontogenie, die Entwickelung des einzelnen Wesens, ist eine verkürzte Wiederholung der Phylogenie, der Entwickelung des ganzen Stammes, sagt man.
[ 40 ] Nun, wenn man auch dieses Gesetz korrigieren muß in einer gewissen Weise, so ist damit doch eine Anregung gegeben, einen gewissen Zusammenhang der äußeren physischen Wahrnehmung in bezug auf die organischen Wesen zu konstatieren. Aber nach der anderen Seite hin, der Seite der menschlichen Entwickelung im geschichtlichen Werden, läßt sich in ähnlicher Weise auf einen solchen gesetzmäßigen Zusammenhang kommen. Derjenige, der ein gewisses Lebensalter erreicht hat, der kommt nun allerdings dazu - aber das menschliche Leben gehört ja als Ganzes zum Menschen. Daher ist der Menschenwesenheit auch das eigentümlich, was man an sich selber erst im späteren Greisenalter beobachten kann -, der kann schon durch unbefangene Beobachtung etwas sehr Merkwürdiges ersehen, das dann allerdings erhärtet, klar gemacht wird durch übersinnliche Erkenntnis, wenn man deren fähig ist. Man bemerkt nämlich, daß, wenn es gegen das Alter des Menschen zugeht, allerlei Fähigkeiten da sein könnten. Sie wollen eigentlich innerlich sich entwickeln, diese Fähigkeiten, aber sie können nicht heraus. Es ist im heutigen Menschen gewissermaßen eine so stark verkalkende Tendenz vorhanden, daß gewisse Gestaltungskräfte des Inneren nicht herauskommen können. Sie deuten sich nur an. Deshalb spürt der Mensch, der heute innerlich nun wirklich zur Selbsterkenntnis geeignet ist, gegen das Alter zu dieses Entschlüpfen gewisser Fähigkeiten, die sich eigentlich ausgestalten wollen, die aber von dem hartwerdenden Organismus überwuchert werden, die nicht herauskommen können. Und verfolgt man das weiter, geht man in der Menschheitsentwickelung zurück, so kommt man zu Zeiten in dieser Menschheitsentwickelung, wo diese Fähigkeiten noch herauskommen konnten, wo der menschliche Organismus noch anders war als heute. Die oberflächliche Naturanschauung glaubt ja heute, der menschliche Organismus sei ganz so, wie er immer war, wie er war zum Beispiel auch beim alten Ägypter und vorher. Man denkt nicht daran, daß auch im geschichtlichen und vorgeschichtlichen Leben dieser menschliche ÖOrganismus in seiner inneren, tieferen Struktur, seiner Histologie, sich dauernd verändert, steifer, sklerotischer wird. So daß, wenn wir zurückgehen in ältere Zeiten und verfolgen, was Menschen in späteren Lebensaltern hervorgebracht haben in Literatur, Dichtung und Kunst, wir auch äußerlich empirisch die Bestätigung desjenigen finden, was ich jetzt ausspreche. Man findet, wenn man zurückgeht in ältere Zeiten, daß die Menschen in der Tat bis in ein viel höheres Alter hinein eine gewisse Entwickelung durchgemacht haben, wo ihre körperliche und ihre seelische Entwickelung parallel gegangen sind. Bei uns heute ist das ja eigentlich nur in der Jugend vorhanden. Beim Kinde sehen wir ganz genau: die seelischen Fähigkeiten entwickeln sich parallel mit den physischen Fähigkeiten. Wenn das Kind zum Zahnwechsel kommt, geht mit ihm eine starke seelische Veränderung vor sich. Bei der Geschlechtsreife wiederum. Wer für eine solche Sache noch einen Beobachtungssinn ‚ hat, findet auch im Anfang der zwanziger Jahre wiederum, wie im Menschen mit körperlichen Veränderungen parallel noch seelische Veränderungen gehen. Aber dann verschwimmt das ganz. Gegen das Ende der zwanziger Jahre hört es für den heutigen Menschen ganz auf. Der Mensch wird in gewisser Weise in bezug auf seinen Verstand, in bezug auf sein Gefühlsvermögen stationär. Er entwickelt ein geistiges Leben, das kann er sogar vervollkommnen, aber der Körper unterstützt ihn nicht mehr darin. Er macht nicht mehr dieselbe Entwickelung mit.
[ 41 ] Wenn wir zurückgehen zu den Griechen — und mit denjenigen Methoden, die ich geschildert habe, kann man geistig unmittelbar auch die Vergangenheit des geschichtlichen Lebens ebenso beobachten, wie man die eigene seelische Vergangenheit vor der Geburt. oder Empfängnis beobachten kann -, indem man zurückbeobachtet in der Imagination das griechische Leben, wie es eigentlich möglich geworden ist, daß es just einen Aeskulap, einen Sophokles, einen Phidias hervorgebracht hat, dann kommt man schon darauf: Es muß das ganze Seelen-Körperleben des Menschen ein anderes gewesen sein, es muß eine andere Art, sich in die Welt hineinzufühlen, hineinzuleben vorhanden gewesen sein. Das aber ist darauf zurückzuführen, daß bei den Griechen bis in die Mitte der dreißiger Jahre der physische Leib so war, wie er bei uns jetzt nur in der Jugend ist. Der Mensch, der heute am Ende der zwanziger Jahre aufhört, von seinem physischen Leibe Unterstützung zu haben für das geistige Leben, er hatte während der Griechenzeit bis Mitte der dreißiger Jahre, im ganzen aufsteigenden Leben, etwas, wodurch der physische Leib ihn unterstützte. Und gehen wir weiter zurück, zwei, drei Jahrtausende vor das Mysterium von Golgatha, da finden wir Menschen - anthroposophische Forschung kann durch unmittelbare Anschauung das erkennen -, die bis in die vierziger Jahre hinein so von ihrem Körper abhängig sind, wie bei uns das Kind bis zur Geschlechtsreife. Wir finden, daß in vorhistorischen Zeiten die Menschen bis in ihr hohes Alter hinauf ihre Körper miterlebend haben.
[ 42 ] Was heißt das aber? Das heißt, wir haben unsern Körper miterlebend, wenn er im aufsteigenden Wachstum ist, bis zum fünfunddreißigsten Jahr. Wenn er im Absteigen, im Degenerieren ist, da macht er mit dem Seelischen nicht mehr mit. Da nehmen wir nichts wahr durch die Gewalt des Körpers. Gerade wenn der Körper zerfällt, nehmen wir nicht mehr wahr durch ihn. Da sind wir schon unabhängig geworden von dem Körper. Ja, wer selbst noch die Veden studiert mit ihrem wunderbaren Duktus, mit demjenigen, was in ihnen lebt, und wer sich hineinfindet in ihre merkwürdige Spiritualität, welche auch sonst lebt in ähnlichen geistigen Hervorbringungen, der wird auch äußerlich bestätigt finden, was anthroposophische Forschung sagen kann.
[ 43 ] Es gab Zeiten, alte Zeiten in der Menschheitsentwickelung, wo der Mensch an seinem Körper nicht nur im aufsteigenden Leben eine parallel mit seinem Seelischen wirkende Wesenheit hatte. Im aufsteigenden Leben werden wir durch das sprießende, sprossende Leben halb betäubt, so daß wir nicht hineinschauen in die geistige Welt, während, indem der Körper zerfällt, wir im zerfallenden Körper mit der Seele um so geistiger schauen. Es gab Zeiten, in denen der Mensch seinen zerfallenden Leib noch miterlebte, und dadurch, daß er im zerfallenden Leibe schaute, mit der Seele um so geistiger schaute. In jener Weltperiode - man möchte sie heute als prähistorische schildern, als wäre sie primitiv gewesen, das war sie aber nicht - lebten die Menschen noch in den fünfziger, sechziger Jahren so, daß ihr geistiges Leben abhängig war von dem Mitmachen der körperlichen Entwickelung, und zwar jetzt der absteigenden Entwikkelung. Dadurch war eine gewisse Lebensstimmung in diesen alten Menschen. Wenn man jung war, wenn man noch ein Kind war oder ein Jüngling oder eine Jungfrau, sah man zu den alten Menschen hinauf und sagte sich: Oh, diese alten Menschen, sie erfahren dadurch, daß sie alt werden, etwas, was man nur als alter Mensch wissen kann. Sie wachsen hinein in eine geistige Welt, während ihr Körper zerfällt. Man sah in den ältesten Patriarchenzeiten zu den alten Menschen hinauf, indem man sich sagte: Die wachsen in eine göttlich-geistige Welt einfach vermöge ihrer körperlichen Entwickelung hinein. Oh, man lebte auch dem Altwerden ganz anders entgegen, indem man wußte: Werde ich alt, so werde ich ein Weiser. Es gab allerdings Ausnahmen, aber die gibt es ja auch jetzt in der Jugend. Denken Sie sich die Stimmung, die über eine Sozietät ausgegossen ist, wenn man in dieser Weise zu den Patriarchen aufschaut, weil sie etwas haben können, was man in der Jugend nicht haben kann.
[ 44 ] So sehen wir Epochen in der geschichtlichen Menschheit, wo die Menschheit immer jünger und jünger wird, wenn ich mich so ausdrücken darf. Zuerst machten die Menschen bis hinauf in ihr Greisenalter das Körperliche mit. Dann sehen wir solche Menschen, die bis in ihre vierziger Jahre das Körperliche mitmachten, dann die Griechen, die es mitmachten bis in die dreißiger Jahre, und dadurch gerade noch an die Klippe kamen, an jenen großen Umschwung, wo sie hineinschauen konnten in den verfallenden Körper und dadurch jene wunderbare Zusammenstimmung von Körper und Seele in ihren Kunstwerken zum Ausdruck bringen konnten.
[ 45 ] Jetzt ist die Menschheit noch jünger geworden. Der Ausdruck ist nicht ganz eigentlich gebraucht. Ich will sagen, sie lebt bewußt die körperlichen Zustände mit bis zum siebenundzwanzigsten Jahr, bis zum achtundzwanzigsten Jahr. Immer jünger und jünger wird in dieser Beziehung die Menschheit werden.
[ 46 ] Während wir also sagen, in bezug auf unsere physische Entwickelung als Embryo tragen wir wiederholend die physische Stammesentwickelung vom einfachsten bis zum vollkommensten Lebewesen in uns — der Embryo macht das durch vom Anfang bis zum Ende -, findet die umgekehrte Entwickelung statt für das Leben der Seele. Wir als ganze Menschheit machten das Leben mit bis ins höhere Alter hinauf in früheren Zeiten. Dann geht das zurück. Die Menschen werden beweglich, innerlichseelisch lebendig auch durch ihre Körper nur in ihrer Jugend. Das ist es, was man bemerkt, indem man älter wird und eigentlich herausgestalten will dasjenige, was einstmals wirklich sich herausgestaltete, als die physische Organisation noch eine andere war. Und so wie der menschliche Embryo in der dritten Woche wie ein früherer Zustand ist, so ist dasjenige, was Seelenentwickelung der Menschheit ist, im gegenwärtigen Zustande so, als ob frühere Zustände degeneriert wären, verloren gegangen wären. Es ist eine Rückentwickelung. Während die Embryo-Entwickelung, nun im physischen Sinne, eine Anfwärtsentwickelung ist, ist die geistige Entwickelung eine Rückentwickelung. Das hängt zusammen mit der ganzen Entwickelung der Menschheit. Indem der Mensch früher abhängig war in der geschichtlichen Entwickelung von dem Leibe, wird er immer mehr und mehr angewiesen, die Seele zu emanzipieren vom Leiblichen. Das Leibliche wirkt in ihm immer mehr und mehr nur als Jugend-Leibliches. Dadurch wird er angewiesen, dasjenige, was er früher durch Kräfte des Leibes von selbst in sich entwickelt hat, nun durch geistig-seelische Entwikkelung von innen heraus zu machen, so daß dasjenige, was uns im Alter nicht der Leib gibt, die Seele uns ins Alter hinauftragen muß.
[ 47 ] In diesem Stile muß die Pädagogik umgestaltet werden, muß alle menschliche Entwickelung umgestaltet werden. Ja, wenn man solche — und es gibt viele solcher Gesetze, welche als Impulse durch die Menschheitsentwickelung, durch die Entwickelung der Geschichte gehen -, wenn man solche Gesetze kennenlernt, dann ergibt sich auch die Möglichkeit, recht Tiefes aus der Geschichtsbetrachtung, die nun vergeistigt ist, für das Leben des Menschen zu lernen. Es ergibt sich einfach die Notwendigkeit der heutigen Gestaltung von Pädagogik und Didaktik im Verhältnis zur Pädagogik und Didaktik in früheren Epochen der Menschheitsentwickelung aus der Tatsache, daß die Menschheit sich gleichsam immer weniger und weniger von der Leibesentwickelung im Alter erhält und immer mehr und mehr von selbst nur hat die Leibesentwickelung der Jugend; daß sie daher durch die Geistesentwickelung in den Leib hineinwirkend dasjenige ersetzen muß, was von selber nicht mehr kommt. Finden wir die richtige Pädagogik, die richtige Methodik, um die Seele lebendig zu gestalten, dann erziehen und unterrichten wir wirklich so, daß wir zum Beispiel in der Schule nicht einfach Begriffe bekommen, die fertig sind, mit fertigen Konturen. Das wäre so, als wenn man die Hände und Arme das ganze Leben hindurch so klein behalten sollte, wie man sie als Kind hatte. Wenn man dem Kinde fertige Definitionen und Begriffe beibringen will, so ist das so, wie wenn man die Glieder des Menschen einspannen wollte, daß sie nicht wachsen können. Man muß dem Kinde solche Begriffe, Vorstellungen und Empfindungen beibringen, die leben und wachsen, so daß sie im vierzigsten, sechzigsten Jahr durch ihr eigenes inneres Wachstum nicht mehr dasselbe sind wie früher. Diese Möglichkeit gibt es. Sie wird gesucht in der Pädagogik der Freien Waldorfschule. Da wird aus Menschenerkenntnis nicht bloß nach dem Kind gefragt, sondern nach dem ganzen Menschen; wird gefragt, wie er erzogen werden muß, damit er das ganze Leben hindurch etwas von der Erziehung hat; damit er sich nicht sagen muß, wenn er dreißig Jahre alt ist: Jetzt hast du gelernt, aber deine Begriffe sind kindliche Zwerge geblieben; sie wachsen nicht. - Man muß dem Kinde so lebendige Vorstellungen, so lebendige Begriffe und Willensimpulse übermitteln, daß sie im Wachstum sind, daß sie erst im späteren Lebensalter richtig ausgebildet werden. So kann man intensiv aus wirklicher, vergeistigter Geschichtsbetrachtung heraus für das Leben unmittelbar lernen. Und wenn heute gesagt wird, man lerne aus der Geschichte nichts, so rührt das davon her, daß man nicht viel von ihr lernen kann, weil sie ja nicht viel besagt außer der Zusammenstellung der Daten, die für frühere Epochen gegeben wurden, die aber nur aus Äußerlichkeiten zusammengesetzt sind. Anthroposophisch orientierte Betrachtung führt auch da ins Innere hinein, indem sie Wahrnehmungen liefert, in denen die geistigen Entitäten nicht bloß Worte sind, sondern auch geistige Substanz haben.
[ 48 ] So konnte ich Ihnen nur in einzelnen Beispielen skizzenhaft zeigen, wie sich die Forschungsresultate der Anthroposophie ausnehmen. Sie nehmen sich eben so aus, daß wir zuerst den Menschen kennenlernen, daß wir vom Menschen aus das Weltenall kennenlernen, daß wir durch richtige Anwendung der höheren Erkenntnisse auf die menschliche Wesenheit auch zu einer entsprechenden Lebenspraxis kommen, zu einer Lebenspraxis bis in das soziale Leben hinein, wie ich an dem Beispiel der Pädagogik noch zu zeigen versuchte. So darf man auch in bezug auf diese Betrachtung in ähnlicher Weise denken, wie ich das schon am Schlusse einer anderen Betrachtung gesagt habe: Anthroposophie will eben nicht sein eine Theorie, will nicht sein eine einseitige Lehre, sondern sie will etwas sein, was aus dem Leben herausgeschöpft ist und was deshalb, weil es aus dem vollen Leben, aus dem leiblichen, seelischen und geistigen Leben herausgeschöpft ist, auch wiederum dem vollen Menschenleben dienen kann. Denn nur dann wird eine Weltanschauung richtig dem Leben dienen, wenn sie selbst Leben ist. Denn das muß festgehalten werden: Nicht abstrakte Gedanken, die an sich innerlich tot sind - morgen werde ich von dem Totsein der Gedanken noch mehr zu sprechen haben -, nicht Gedanken, die tot sind, sondern allein die Gedanken, die vom Leben durchpulst sind, können auch dem Leben dienen. Nur die Weltanschauung, die nicht in toten Gedanken lebt, sondern die selber Leben ist, kann dem Leben dienen, weil dem Leben nur das Leben selbst der richtige Diener sein kann.
