Damit der Mensch ganz Mensch werde
GA 82
12 April 1922, The Hague
6. Anthroposophie und Agnostizismus
[ 1 ] Ich habe zu Ihnen gesprochen in den vorangehenden Betrachtungen über drei aufeinander folgende, aber miteinander arbeitende übersinnliche Erkenntnisarten, über die imaginative Erkenntnis, die inspirierte Erkenntnis und die intuitive Erkenntnis. Und ich habe versucht, Ihnen auseinanderzusetzen, zu welchen Anschauungen über Welt und Leben man kommen kann durch die Anwendung dieser Erkenntnisarten. Ich werde heute nur noch hinzufügen zu dem gestern Gesagten die durch solche übersinnliche Anschauung zu erringende Erkenntnis von dem innersten Menschenwesen selbst, von demjenigen, über das der Mensch ja Aufschluß ersehnt, weil davon nicht nur abhängt irgendwie die Befriedigung eines religiösen oder eines theoretischen Bedürfnisses, sondern die Möglichkeit, daß der Mensch überhaupt erst ganz Mensch werde. Alles menschliche Streben zielt ja zuletzt nach diesem hin: Der Mensch möchte ganz Mensch werden.
[ 2 ] Dasjenige, was das eigentliche Mittelpunktswesen in uns Menschen bildet und dem wir zunächst so gegenüberstehen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, daß wir es gewissermaßen zusammenfassen in den einzigen Punkt, den wir dann mit dem Worte «Ich» zum Ausdruck bringen, dem stehen wir im gewöhnlichen Leben eigentlich doch zunächst als etwas Unbekanntem gegenüber. Und gerade die hier gemeinte und charakterisierte Erkenntnisweise führt nach und nach zu der für den Menschen zunächst erreichbaren Selbsterkenntnis. Ich möchte, damit ich verständlich mache, was ich eigentlich meine, einen Vergleich gebrauchen. Wir sehen, wenn wir mit unseren Augen um uns herumschauen, die Dinge durch das Licht, das selber übersinnlich ist, das aber in seinen Auswirkungen in den Farben die Gegenstände uns für diesen einen Sinn wahrnehmbar macht. Aber wir können sagen, wir sehen auch dasjenige, was — etwas uneigentlich gesprochen - nicht vom Licht beschienen ist. Wenn wir irgendwo eine weiße Fläche haben und in der Mitte einen Punkt, dann sehen wir, wie wir uns vorstellen können, durch die Lichtwirkung das Weiß. Wir gewahren aber auch den schwarzen Punkt, dasjenige, was uns als Dunkles, als Finsteres gegenübertritt. Wir wissen etwas von diesem schwarzen Punkt. So ungefähr ist es, wenn wir uns richtig besinnen, im gewöhnlichen Leben mit unserer Ichwahrnehmung. Wir nehmen die Dinge um uns herum wahr. Wir bringen auch aus unserem eigenen Seelenleben Gedanken, Gefühle, Willensimpulse zu unserem Bewußtsein. Das ist gewissermaßen das Beleuchtete. Aber dasjenige, was in alledem für uns auch in das Bereich dessen gehört, wovon wir reden, das Ich, das nehmen wir eigentlich nur als einen schwarzen Fleck wahr. Von dem wissen wir zunächst im gewöhnlichen Bewußtsein nur dadurch, daß wir eben nichts wahrnehmen. Ich möchte den Vergleich noch weiter ausdehnen. Ich möchte Sie erinnern, wie Sie Ihr ganzes bisheriges Erdenleben eigentlich zusammensetzen müssen in der Erinnerung aus denjenigen Partien, die Sie überschauen, weil Sie sie durchlebt haben im wachen Zustande. Wenn Sie aber zurückschauen, so verbinden Sie gewissermaßen in einer einzigen kontinuierlichen Strömung der Rückerinnerung diese während des Tagwachens verbrachten Erlebnisse. Aber diesen Erlebnissen gliedert sich ja überall dasjenige ein, was verflossen ist, während Sie im Schlafe, sagen wir im traumlosen Schlafe, waren. Und die Träume gehören ja auch meistens zum Vergessenen, so daß wir überhaupt sagen können: während Sie im Schlafe waren. Sie müßten eigentlich in der Rückerinnerung immer diese Zwischenpausen mitvorstellen, wenn Sie den vollständigen Strom Ihrer Erlebnisse vor Ihre Seele hinstellen wollten. Nun aber haben wir gestern gesehen, daß ja das Ich mit dem Astralleib - das ist das eigentliche Seelenwesen mit seinem Zentrum, dem eigentlichen Selbst - vom Einschlafen bis zum Aufwachen außerhalb des physischen Leibes weilen. Sie treten aus ihrer Unbewußtheit, in der sie sind während des Schlafens, nur heraus, wenn sie sich nicht selbst überlassen sind, sondern wenn sie untertauchen können in den Ätherleib, den Zeitleib, und in den Raumes- oder physischen Leib. Mit Hilfe dieser Stützen -— Werkzeuge können wir sie nicht in richtigem Sinne nennen, wie wir gestern gesehen haben - haben sie in sich aufleuchtend die Gedanken, die Vorstellungen und durch die Vorstellungen auch, allerdings mehr traumhaft und auch schlafend, dann die Gefühlserlebnisse und Willensimpulse. Dazu also, daß das Ich und der astralische Leib wirklich dasjenige, was sie in sich haben an Kräften, entfalten, dazu ist ja ihr Untertauchen in den Ätherleib und in den physischen Leib nötig. So also erinnert man sich im gewöhnlichen Bewußtsein, wenn man zurückschaut auf das Erdenleben, eigentlich niemals an die wahre Gestalt von Ich und Astralleib, sondern nur an dasjenige, was entsteht, wenn dieses Ich und dieser Astralleib an dem physischen und dem Ätherleib Stützen haben.
[ 3 ] Aus diesem werden Sie ersehen, daß es mehr ist als ein bloßer Vergleich, wenn ich davon spreche, daß das Ich und der Astralleib, also das eigentliche Seelenwesen, wie ein finsterer Punkt innerhalb desjenigen ist, was eigentlich wahrgenommen wird. Wir müßten in der Rückschau sehen in ihrer wahren Gestalt und Fähigkeit dieses Ich und diesen Astralleib, wenn wir sie eben nicht bloß als finstere Einschlüsse, sondern als Realitäten, wie wir sonst die Realitäten wahrnehmen, sehen würden. Allein wir heben eben aus ihrer Unbestimmtheit, ihrer Unwahrnehmbarkeit diese seelischen Wesenhaftigkeiten heraus durch imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis. Wir heben zunächst, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, den denkenden Teil unseres Seelenwesens aus der finsteren Ungewißheit heraus, indem dieser denkende Teil untertaucht in den physischen Leib. Von dem physischen Leibe nimmt dieser denkende Teil zunächst eigentlich nur dasjenige in Anspruch als eigentlich denkerische Kraft, was in diesem physischen Leibe an luftartiger Substanz vorhanden ist. Und dann, wenn zu dem Denken bei vollem Erwachen hinzukommen Sinneswahrnehmungen, Gefühlserlebnisse, Willensimpulse oder Begehrungen, wo voll in den physischen Leib untergetaucht werden muß, wo also alles durch das Seelische in Anspruch genommen werden muß, was im physischen Leibe ist, dann kann dasjenige, was sonst bloß traumhaft vorüberhuschendes Denken wäre, solange sich die Vorgänge bloß in der luftartigen Substanz des Leibes abspielen, sich gewissermaßen verdichten zu den Erinnerungsfähigkeiten und zu demjenigen, was als Gedanken, als Vorstellungen sich verbindet mit der Sinneswahrnehmung oder den Gefühlserlebnissen oder den Willensimpulsen.
[ 4 ] Wir können durchaus mit denjenigen Erkenntnismitteln, von denen ich gesprochen habe, den menschlichen Organismus in einer viel eingehenderen Weise studieren, als wir das ohne diese Erkenntnismittel können. Fragen Sie sich doch selbst, was der Mensch gewöhnlich, wenn er wenig nachdenkt — natürlich, bei einigem Nachdenken ergibt sich das andere sogleich -, von seinem physischen Leibe für eine Vorstellung hat. Er hat die Vorstellung, daß der physische Leib durch die Haut begrenzt ist, und im Innern eigentlich eine abgeschlossene Masse ist, die man mehr oder weniger fest oder halbtest denkt. Aber man muß berücksichtigen, daß ja kaum zehn Prozent des menschlichen Leibes wirklich fest sind, daß wir zum größten Teil eine Flüssigkeitssäule sind, daß wir Luftartiges fortwährend in uns tragen, daß wir durch das Luftartige fortwährend ungeschieden sind von der Außenwelt, mit der Außenwelt zusammengeschlossen. Die Luft, die eben noch draußen war, ist dann in mir drinnen; diejenige Luft, die ich eingeatmet habe, die verarbeitet worden ist im Leibe, ist dann draußen. So daß der Mensch, wenn er vollständig seinem physischen Leibe nach aufgefaßt werden soll, angesehen werden muß als feste, flüssige, luftförmige Substanz. Und das alles ist durchzogen vom Wärmeelement, das arbeitet in diesen verschiedenen Substanzen.
[ 5 ] Wenn nun beim Aufwachen das Seelische hinüberzieht in den Leib, so ist es mit dem rein Gedanklichen so, daß das allerdings nicht weiter untertaucht als nur bis zu demjenigen, was als Luftartiges in unserem Leibe ist. Das Gedankliche ergreift das Luftartige. Es ist ganz falsch, wenn man bloß vom Gedanklichen redet, zu reden davon, daß da schwingende Nervenvorgänge wären und dergleichen. Das alles enthüllt sich für die imaginative Anschauung, daß der bloße Gedanke, der auch im Traume lebt, zunächst das Luftförmige ergreift. Dann, indem dieses Luftförmige in bestimmte Vorgänge kommt, werden die Gedanken übertragen auf das wäßrige Element, und von da prägen sie sich ein dem festen, dem salzartigen Element. Dadurch ist es möglich, daß später die Reflexe heraufkommen als Erinnerungen, und zwar durch Vorgänge, deren Schilderung ich aus Mangel an Zeit leider unterlassen muß, obwohl sie sehr interessant sind.
[ 6 ] Da sieht man hinein in intimer Weise in das Walten und Weben des Seelischen im Leibe, abgestuft nach den Aggregatzuständen des menschlichen physischen Leibes. Es wird eben dieser physische Leib allmählich durchsichtig. Man sieht das Weben und Walten des Seelischen darinnen. Man sieht dasjenige, von dem ich sagen mußte, daß es für das gewöhnliche Bewußtsein eigentlich dunkel bleibt. Ich sagte das gestern so: Wenn wir den einfachsten Willensimpuls haben, haben wir zunächst die Vorstellung, daß etwas ausgeführt werden. sollte, zum Beispiel der Arm gehoben werden sollte. Da schießt dann diese Zielvorstellung in unseren Organismus, um Wille zu werden. Das entzieht sich ja dem gewöhnlichen Bewußtsein so wie die Schlafzustände. In bezug auf den Willen schläft das gewöhnliche Bewußtsein auch im Wachzustande des Menschen. Aber dann sieht man wiederum den Effekt, und den wiederum als Vorstellung. Dann aber, wenn man mit den hier charakterisierten Erkenntnismitteln die Sache studiert, so sieht man, wenn der Gedanke zu einem Willensimpuls in uns rege wird, daß dieser Gedanke sich ja zunächst auch in dem luftförmigen Element des menschlichen physischen Leibes auswirkt. Dann überträgt er sich wiederum auf das feste und das flüssige Element, und es geschieht durch den Willensimpuls, daß Materie gewissermaßen verbrannt wird. In dem flüssigen Teil des menschlichen physischen Organismus wird Materie in dem Sinne, wie ich es gestern geschildert habe, in das Nichts zurückgeführt. Dadurch aber, daß das sich vollzieht, daß Stoff in das Nichts zurückgeführt wird, entstehen gewissermaßen Leerräume in unserem physischen Leibe. Diese Leerräume rufen eine ganz andere Dynamik hervor. In sie leben wir uns ein. So daß wir dann, wenn wir mit diesen Erkenntnismitteln durchschauen etwas, was zu einer Willenstat wird, zuerst den Gedanken wahrnehmen, dann wahrnehmen, wie der Gedanke hineinschießt in den Leib, wie er dort Materie vernichtet, wie wir miterleben die Umlagerung des Materiellen. Dadurch entsteht ja die andere Gleichgewichtslage, daß Materie in das Nichts zurückgeführt wird. Dieses Miterleben einer anderen Gleichgewichtslage, das führt dazu, daß wirklich auch der physische Leib in seinen Bewegungen folgt diesem Hervorrufen einer anderen Gleichgewichtslage, daß es zur Handlung dann kommt, zu derjenigen Handlung, die sich zunächst unmittelbar an den physischen Leib des Menschen bindet. Auf diese Weise wird tatsächlich seelisch auch das Wollen des Menschen durchsichtig, durchsichtig bis in die Einzelheiten hinein.
[ 7 ] Nur um Ihnen zu zeigen, daß Anthroposophie wahrhaftig nicht etwas ist, was nur im Unbestimmten herumschwefelt und -schwafelt, sondern daß sie etwas ist, was in die ganz konkreten Tatsachen der Welt eingeht, möchte ich Ihnen ein kleines Beispiel anführen, wo auch ein Willensimpuls vorliegt. Es ist dieses Beispiel aus der Sprache hergenommen. Wir haben - ich will ein charakteristisches Wort wählen, ich könnte auch ein anderes Wort wählen -, wir haben das deutsche Wort «hier». Ich sage: «Die Schachtel liegt hier.» Was geht da eigentlich im menschlichen Organismus vor, wenn es zum Aussprechen des Wortes «hier» kommt? Das erste, was da vorgeht, das ist, daß im Unterbewußten zunächst ergriffen wird dasjenige, was im Atem lebt. Und dieses, was im Atem lebt, das ist nun der Gedanke. Der Gedanke lebt im Atem. Erst dann haben wir eine reale Vorstellung vom Gedanken, wenn wir wissen aus der anthroposophischen Erkenntnis heraus, daß der Gedanke in der Atemluft wirklich leben kann, daß er eine Kraft ist, die auf die Atemluft wirken kann. Man kommt erst dann zu all den Schwierigkeiten der Psychologie, physisch genommen, wenn man nicht in diese Einzelheiten eingehen kann. Wenn man freilich glaubt, daß der Gedanke unmittelbar einen Knochen heben soll, also auf die physische Materie wirke in solch robuster Weise, kommt man nicht zurecht. Wenn man aber weiß, daß der Gedanke etwas ist, was sich auf dem Umweg durch das Wärmeelement überträgt auf das Luftelement, dann das, was dort erregt wird, sich fortsetzt in den übrigen Organismus hinein, dann kommt man dazu, zu erfassen, was mit einem Willensimpuls da ist. So daß wir sagen können: Wir haben zunächst das Erlebnis des Atmens. Dieses Erlebnis bleibt unbewußt. Erst die hier charakterisierte Erkenntnis kann es heraufheben. Dann tritt das zweite hinzu: Wir erleben innerlich dasjenige, was sich nun fortsetzt aus dem Atemprozeß in das flüssige Element des Organismus hinein. Wir erfahren dasjenige, was in dem Sprachorganismus eine Richtung bedeutet. Beim Arm würde es bedeuten ein Ausstrecken des Armes. Das nehmen wir wahr in dem i. Da also nehmen wir die von Gedankenluft ausgehende Fortsetzung in das wäßrige Element hinein wahr, gewissermaßen die Streckbewegung. Wir schauen durch Imagination den Übergang von der Atembewegung in die Streckbewegung. Und dann wird diese Streckbewegung geformt im r. Würde ich nur sagen «hie», so würde ich das aufzeichnen müssen: 1. Atemvorgang 5, 2. Streckbewegung ie (es wird die Horizontale gezeichnet). Soll ich aber jetzt die Streckbewegung so aufzeichnen, wie sie erlebt wird unbewußst, wenn ich «hier» ausspreche, so muß ich so zeichnen: Ich nehme den Atemvorgang wahr, nehme die Richtung des Streckens wahr, die wird nicht ausgeführt, sondern die rollt dahin im r. Und dann habe ich dasjenige wirklich innerlich erkennend erlebt, was als Willensimpuls vorhanden ist beim Aussprechen des Wortes «hier». So können wir diejenigen Willensimpulse, die in der Sprache sich ausleben, durchaus verfolgen, wenn wir mit der Imagination hineinschauen in das ganze Weben und Walten desjenigen, was als Seelisches den physischen Leib und den Äther- oder Bildekräfteleib durchzieht.
[ 8 ] Mit der Imagination können wir also zunächst solche Dinge überblicken, wie ich sie hier beschrieben habe. Wenn die Inspiration dazukommt, so schauen wir, wie das Seelische da drinnen spielt; wie gewissermaßen der physische Leib und der Ätherleib etwas sind, was äußerlich räumlich-zeitlich vorhanden ist, und wie auf diesem, ja, ich kann nicht gut sagen: wie auf einem Instrument, weil dieses ja fortwährend wiederum geschaffen wird durch die seelischen Vorgänge, aber wie auf einer Stütze, einem Boden, der fortwährend bearbeitet wird, das Seelische spielt. Durch Inspiration rücken wir also vor zu dem wirklichen Erschauen der Arbeit des Seelischen in einem physischen Organismus.
[ 9 ] Wenn wir dann zur Intuition aufsteigen, dann gewahren wir noch etwas anderes. Dann gewahren wir: Da ist eine Gesetzmäßigkeit in der Welt, die nichts mehr zu tun hat mit der physischen Gesetzmäßigkeit, aber eine Gesetzmäßigkeit, die durchaus den Menschen ergreift. Ich kann mich vielleicht über diesen Tatbestand in der folgenden Weise am besten aussprechen: Wenn man im späteren Lebensalter zurücksieht auf die Weise, wie das Erdenleben verflossen ist, dann findet man ja, man ist eigentlich - wenn man ehrlich ist gegen sich selbst, muß man es gestehen — nichts anderes als dasjenige, zu dem man hier im physischen Erdendasein geworden ist durch die Erlebnisse. Bedenken Sie nur: einzig aus diesem Leben heraus. Bedenken Sie, wie Sie denken gelernt, wie Sie fühlen gelernt haben, wie Sie vielleicht zu dem oder jenem angeregt worden sind dadurch, daß Sie mit einem bestimmten Menschen in einem bestimmten Lebenszeitpunkte zusammengetroffen sind, was wiederum zurückgewirkt hat vielleicht bis in Ihre Charakterbeschaffenheit. Fügen Sie zueinander alle diese einzelnen Erlebnisse, die Sie durchgemacht haben, und fragen Sie sich, ob Sie nicht in bezug auf das, was Sie zunächst für die äußere Welt sind, etwas anderes geworden wären, wenn andere Erlebnisse in Ihr Dasein eingetreten wären. Wenn Sie diesen Gedankengang ordentlich durchmachen, dann werden Sie sehr bald sehen, wie von Anfang an in Ihnen etwas gelebt hat, das Sie unbewußt hingezogen hat zu demjenigen, was so wichtig geworden ist in Ihrem Leben. Es ist interessant, wie manchmal Menschen, die ein gewisses Lebensalter erreicht haben, und die ihr Leben nicht dazu verwandt haben, es zu verträumen, sondern um die Tatsachen des Lebens, die an sie herangetreten sind, in einem tieferen Sinne zu erfassen, wie solche Menschen, wenn sie zurückblicken auf ihr Leben, dazu kamen - Goethes Freund Knebel war zum Beispiel ein solcher Mensch -, sich zu sagen: Blicke ich da zurück auf mein Leben, so ist ja alles wie planvoll geordnet. Das kleinste Ereignis könnte eigentlich nicht darin fehlen, wenn ich genau derselbe in meinem Erdendasein sein sollte, der ich eben heute bin. Würde das kleinste Ereignis fehlen, so würde eben eine vielleicht geringe Veränderung da sein, aber eine Veränderung. Man denke nur einmal, was, sagen wir, der sechzigjährige Goethe gewesen wäre, wenn er nicht die italienischen Erlebnisse durchgemacht hätte. Bei Goethe kann man es geradezu mit Händen greifen. Er ist Ja nicht nach Italien gezogen aus Laune, sondern weil eine tiefe Sehnsucht in ihm vorhanden war. Aber diese tiefen Sehnsuchten sind nicht nur so, wenn wir sie genau analysieren wollen, daß wir sie immer erklären können, das Folgende aus dem Früheren, sondern sie werden mit uns geboren. Wir finden wirklich etwas Planvolles im Leben. Darüber könnte man sich natürlich zunächst täuschen. Ich habe das nur angeführt, weil man schließlich sich durch die gewöhnlichste Betrachtung nähern kann demjenigen, was nun die intuitive Erkenntnis gibt. Die intuitive Erkenntnis gibt wirklich eine volle Einsicht nicht nur in dasjenige, was da nun seelisch waltet in unserem Organismus, sondern sie gibt eine Einsicht auch in dasjenige, was als das Zentrum, das Ich, das eigentliche Selbstwesen in uns arbeitet. Und dieses Selbstwesen, das zeigt sich eben dann vor der intuitiven Anschauung auf der dritten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis. Es zeigt sich so, daß wir wirklich nicht passiv den Tatsachen der Außenwelt gegenüberstehen, sondern daß wir zu ihnen hingezogen werden durch dasjenige, was in uns veranlagt ist und zwar jetzt nicht durch Vererbung, sondern aus dem tiefsten Zentralseelenwesen heraus, das in uns aus einer geistig-seelischen Welt hereingezogen ist bei der Geburt und einen physischen Erdenleib angenommen hat. Durch intuitive Erkenntnis kommt man darauf, daß dieses Ich tatsächlich nicht so in das Erdenleben tritt, daß es ganz passiv hingegeben sein müßte den zufällig an es herantretenden Tatsachen, sondern daß es von der einen Tatsache stark angezogen, von der anderen stark abgestoßen wird. Es sucht sich geradezu seine Wege in der Welt. Kurz, es wird geboren, indem es die Veranlagung zu seinem Schicksal in sich trägt.
[ 10 ] Und wenn man dann diese intuitive Einsicht in das eigene Selbstwesen des Menschen weiter ausbildet, dann kommt man dazu, einzusehen, daß dieses Ich wiederholte Erdenleben durchgemacht hat. Allerdings haben die wiederholten Erdenleben einmal einen Anfang genommen von einem Zeitpunkte an, vor dem das Ich von seiner Umgebung noch so wenig verschieden war in uralter Daseinsform, daß solch ein Wechsel zwischen Erdenleben und geistig-seelischem Leben nicht gegeben war. Die wiederholten Erdenleben werden weiterhin durchgemacht werden bis zu einem Zeitpunkte, wo das Ich dann wiederum in seiner ganzen inneren Gestaltung so ähnlich sein wird der geistigen Welt, daß es Erdenleben nicht mehr nötig haben wird.
[ 11 ] So blicken wir, wenn wir das Ich voll erkennen, auf die wiederholten Erdenleben. Wir blicken, mit anderen Worten, auf das Gesamtleben des Menschen als so verlaufend, daß wir Teile dieses Lebens haben zwischen Geburt und Tod oder Empfängnis und Tod, andere Teile zwischen dem T'od und einer neuen Geburt; daß also der Mensch in wiederholten Erdenleben sein volles Dasein auslebt.
[ 12 ] Es wird gewöhnlich der Einwand gemacht, daß sich der Mensch nicht erinnere an diese wiederholten Erdenleben. Das betrifft nur das gewöhnliche Bewußtsein. In dem Moment, wo die Intuition eintritt, wird eben dasjenige, was durch die wiederholten Erdenleben abläuft, genau ebenso innere Seelenanschauung, wie sonst die Erinnerung innerhalb des einen Erdenlebens. So ist es auch hier so, daß Anthroposophie nicht wie die gewöhnliche Philosophie durch abstrakte Beweise zu ihren Ergebnissen kommt, sondern dadurch, daß sie die Seele erst vorbereitet zur höheren Erkenntnis und dann diese Dinge durch Anschauung erkennt. Dadurch aber erweist sich eben diese anthroposophische Erkenntnis zwar als eine Fortsetzung derjenigen Erkenntnis, die wir heute in der Naturwissenschaft haben, aber doch eben als eine Fortsetzung, die wiederum in ganz anderer Weise arbeiten muß als die bloße naturwissenschaftliche Erkenntnis, die heute anerkannt ist.
[ 13 ] Oftmals fragt man ja wohl auch: Ja, woher beweist Anthroposophie dasjenige, was sie behauptet? Derjenige, der so fragt und der deshalb, weil die gewöhnliche Beweisart in der Anthroposophie nicht vorliegt, der Anthroposophie die Wissenschaftlichkeit abspricht, der bedenkt nicht das Folgende - ich kann diese Dinge nur annäherungsweise ausführen, aber sie gelten im allergenauesten, exaktesten Sinn -: Derjenige, der zum Beweise schreitet, zeigt dadurch, daß er zum Beweise schreitet, daß für ihn dasjenige nicht in der Anschauung da ist, was bewiesen werden muß. Wir beweisen eigentlich überall da, wo wir keine Anschauung haben. Soll ich beweisen, daß gestern hier ein Mensch in diesem Raume war, so werde ich einen Beweis nur dann benötigen, wenn ich den Menschen nicht selbst hier gesehen habe. So ist es im Grunde mit allen Beweisen, so ist es auch in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit mit den Beweisen. Als in älterer, instinktiver Erkenntnis die Menschen eine Anschauung von dem hatten, was sie das göttliche Wesen nannten, da brauchten sie keine Beweise. Die Beweise für das Dasein Gottes begannen ihr Leben in der geschichtlichen Entwickelung erst dann, als die Anschauung verloren war. Beweise beginnen überall dann, wenn keine Anschauung da ist.
[ 14 ] Die anthroposophische Methode besteht aber darin, daß man zuerst die Menschenseele so vorbereitet, daß sie dann zur Anschauung kommt. Wenn diese dann geschildert wird — das ist das Eigentümliche der Anthroposophie -, dann kann sie in die Formen des gesunden Menschenverstandes gebracht und ebenso begriffen werden, wie ein Nichtkünstler ein Kunstwerk verstehen kann, trotzdem er es nicht machen kann. Man kann daher nicht einwenden, daß Anthroposophie mit dem gesunden Menschenverstand nicht begriffen werden könne, Erforscht kann sie nur werden von demjenigen, der anthroposophischer Forscher selber ist. Verstanden kann sie von jedermann werden, der seinen gesunden Menschenverstand ohne Vorurteil anwenden will.
[ 15 ] So sehen wir, daß es insbesondere Menschenerkenntnis zunächst ist, Selbsterkenntnis, Erkenntnis desjenigen, was das Ich nun wirklich ist, während wir sonst mit dem gewöhnlichen Bewußtsein von dem Ich nur eine Leere haben, eine Dunkelheit, eine Finsternis, daß also eine Erkenntnis vermittelt wird von dem wirklichen Ich, daß aber dann dieses Ich eben in seiner Ewigkeit, und in dieser Ewigkeit als durchgehend durch wiederholte Erdenleben, geschaut werden kann. So wie ich Ihnen dargestellt habe, daß bis auf das Wollen hin der menschliche Organismus seelisch durchsichtig wird, so wird ja darüber habe ich schon Andeutungen gemacht an den vorangehenden Tagen - auch die Außenwelt durchsichtig gemacht. Es wird das SeelischGeistige der Außenwelt durch Imagination, Inspiration und Intuition erkannt.
[ 16 ] Viele Menschen, die heute oberflächlich dasjenige kennenlernen, vielleicht sogar nur aus Schriften der Gegner, was durch die Anthroposophie vorgebracht wird, sagen dann sehr häufig, diese Anthroposophie sei eine Aufwärmung alter Weltanschauungen, zum Beispiel der Gnosis, die ja noch in den ersten christlichen Jahrhunderten geherrscht hat bei sehr vielen Menschen. Man habe es daher zu tun mit etwas, was ja durch die Zeitentwickelung der Menschheit im Grunde genommen widerlegt sei, wenigstens überwunden sei. Derjenige, der nun wirklich eingeht bloß auf das, was in diesen Vorträgen geboten worden ist, der wird gar nicht in die Versuchung kommen, wenn er andererseits die Gnosis auch kennt, diese Anthroposophie, die durchaus mit neuen Erkenntnismitteln und Erkenntnismethoden auftritt und mit dem Bewußtsein der Menschheit der Gegenwart rechnet, irgendwie zusammenzuwerfen mit der Gnosis. Diese Anthroposophie arbeitet ja so, daß sie voraussetzt die naturwissenschaftliche Entwickelung der letzten Jahrhunderte. Die Gnosis rechnete natürlich nicht damit, denn ihr Dasein ging der naturwissenschaftlichen Entwickelung voraus. Aber noch etwas anderes könnte in die Versuchung führen, Anthroposophie zusammenzuwerfen mit der Gnosis. Nur dann wird man das nicht tun, wenn man wirklich auf das Wesen der Anthroposophie eingeht. Das also, was Anthroposophie noch vielleicht zusammenwerfen läßt mit der Gnosis, das ist, daß sie nun allerdings auch in einer gewissen Weise rechnet mit dem, was in unserer Zeit eine tonangebende Weltanschauung ist, und das ist der Agnostizismus, der in einer gewissen Beziehung das Gegenbild der Gnosis ist und der auch das Gegenbild ist der Anthroposophie, aber in einer anderen Beziehung.
[ 17 ] Diesen Agnostizismus kann man zunächst in bezug auf seinen theoretischen Aspekt charakterisieren. Er ist dann da, wenn ein Mensch so spricht, wie zum Beispiel Herbert Spencer spricht. Viele andere sind ihm gefolgt, machen es sich aber nicht voll bewußt, daß sie Agnostiker sind, sind es aber eigentlich ihrer ganzen Denkgesinnung nach. Er hat gesagt: Wir sehen die Sinneswelt um uns herum. Wir haben den Verstand, der aus Beobachtung und Experiment sich erhebt zur Anschauung der Gesetzmäßigkeiten in dieser Welt. - Man fügt dazu noch dasjenige, was man vom gewöhnlichen Bewußtsein aus als seelische Erscheinungen überblicken kann. Man sucht auch dadrinnen notdürftig, denn es geschieht nur notdürftig, irgendwelche Gesetzmäßigkeiten. Dann aber wird von denjenigen, die nicht jedes Übersinnliche einfach ablehnen, indem sie sich begnügen mit dem intellektuellen Auffassen der Sinneswahrnehmungen und der inneren Seelenerlebnisse, wie sie sich zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein ergeben, gesagt: Ja, aber man kann nicht zu dem, was nun als irgendein Urgrund oder viele Urgründe hinter diesen Erscheinungen liegt, mit menschlichen Fähigkeiten vordringen,; man kann nicht eine wirkliche Gnosis, einen wirklichen Gnostizismus erringen, keine Erkenntnis. Man ist gerade dadurch ein aufgeklärter Mensch, daß man zugesteht, die Urgründe der Dinge können nicht erkannt, nicht erforscht werden. — Der Agnostizismus hat gerade in dieser Form weite Kreise ergriffen. Das ist auch in verschiedenen Variationen vorhanden. Dieser Agnostizismus ist nun allerdings, wenn er philosophisch auftritt, eine Art Gegensatz zur Anthroposophie, und ich könnte ja, wenn es mich danach gelüsten würde, von diesem Zeitpunkte an anfangen, mich polemisch kritisierend, schimpfend meinetwegen, je nach Temperament, gegen den zeitgenössischen Agnostizismus zu wenden. Dasjenige, was über ihn zu sagen ist, sofern er wirklich Verderbnis bringt den menschlichen Fortschrittskräften der Zivilisation, das wird man demnächst in der Zeitschrift «Die Drei» lesen können. Ich habe es ausgeführt in einem Vortrage, den ich bei einem Stuttgarter Hochschulkursus gehalten habe. Wie gesagt, man könnte auch von dieser Seite die Sache anfassen. Aber das möchte ich heute nicht, Ich möchte in diesem Agnostizismus doch auch aufzeigen etwas, was notwendigerweise einmal heraufkommen mußte in der geistigen Menschheitsentwickelung.
[ 18 ] Gewiß, auf den einzelnen Gebieten des Daseins können Irrtümer aufkommen. Dann werden wir zu Kritikern dieser Irrtümer. Wir müssen diese Irrtümer und Illusionen ausrotten. Wenn aber etwas mit einer solch weiten Verbreitung auftritt wie der Agnostizismus, dann können wir ihn allerdings bekämpfen, die Bekämpfung kann ihr Recht haben, aber wir müssen doch auch fragen: Ja, wie kommt es denn, daß innerhalb der Geistesentwickelung der Menschheit sich so etwas wie dieser Agnostizismus ergeben hat.
[ 19 ] Nun, derjenige, der in diesen Dingen tiefer sieht, der muß sich das Folgende sagen: Wir mußten einmal zu dem vorrücken in der Menschheitsentwickelung, was ich an einem der letzten Vortragsabende für die äußere Naturwissenschaft, insbesondere die anorganische Naturwissenschaft, streng verteidigt habe, wir mußten vorrücken zu dem reinen Phänomenalismus, wie ihn ja auch Goethe gefordert hat. Zu jenem reinen Phänomenalismus, der das Denken nicht mehr dazu gebraucht, um hinter den Sinneswahrnehmungen allerlei atomistische Welten, die nicht mehr wahrgenommen werden können, zu konstruieren; der das Denken lediglich dazu gebraucht, um in den Sinneswahrnehmungen zu lesen, um innerhalb der phänomenalen Welt stehen zu bleiben, die Phänomene so zu ordnen, daß sie uns als Urphänomene im Goetheschen Sinne erscheinen. Das alles ist ja in den verschiedensten Variationen in diesen Tagen hier ausgeführt worden. Ich möchte auch gar nicht sagen, daß nicht in einer großen Anzahl von Menschen der Gegenwart so etwas lebt. Trotzdem ist auf der einen Seite durchaus ein gewisses Theoretisieren vorhanden, wo wir gewissermaßen, weil wir einmal im Denken darinnen sind, den Sinnesteppich durchstoßen und mit dem Denken noch eine Weile fortrollen hinter den Sinneswahrnehmungen, wo für das Denken nichts mehr zu schaffen ist. Da statuieren wir dann Atome und allerlei anderes. Das entspricht einer Art Gesetz der Trägheit. Das Denken wird gemäß unserer gegenwärtigen Stellung, unserem gegenwärtigen Verhältnis zur Welt, eigentlich nur so anwendbar sein, daß wir es im Dienste der Gruppierung, der gegenseitigen Interpretation der Phänomene anwenden können, also innerhalb der phänomenalen Welt bleiben, gewissermaßen die Phänomen ablesen und nicht den Dingen allerlei Erklärendes unterlegen.
[ 20 ] Wenn jemand aufschreibt das Wort «Tisch», so hat er Einzelheiten. Er bemüht sich, die einzelnen Buchstaben zum Wort zusammenzusetzen. Er liest. Er würde eine verkehrte Tätigkeit beginnen, wenn er sagen würde: T, darunter muß ich Vorgänge annehmen, die mir das T zusammensetzen. Dann das i. - So nimmt sich derjenige aus, der mit dem Denken, einem inneren Gesetz der Trägheit folgend, den Sinnesteppich durchstößst, statt zu lesen in der Sinneswelt. Man durchstößt die Sinneswelt und stellt Hypothesen auf, womit nichts gegen den phänomenalen Atomismus gesagt werden soll. Manche Menschen haben in der Gegenwart durchaus das Bewußtsein, es müsse zu einem reinen Phänomenalismus kommen. Dahin tendiert einfach die Naturwissenschaft. Die Naturwissenschafter selbst, die üben ja mehr eine Experimentier- und Beobachtungspraxis und denken weniger nach über die Methoden. Daher kann man es ihnen auch nicht besonders übelnehmen, wenn allerlei Konstruktionen hinzugefügt werden zu den Phänomenen. Dann glauben sie, in diesen Konstruktionen Tatsachen zu haben. Aber gewisse philosophische Geister fühlen, es muß zum reinen Phänomenalismus kommen. Insbesondere haben wir unter den westlichen Denkern - im Osten ist es ja ganz anders - öfter solche Persönlichkeiten, die genau einsehen, die Wissenschaft der äußeren Welt muß zuletzt dahin kommen, die Phänomene rein zu erfassen und das Denken nur zu brauchen, um die Phänomene gegenseitig sich selber interpretieren zu lassen. «Alles Faktische ist schon Theorie», sagt Goethe. Und in William James, dem Amerikaner, der den Pragmatismus aufgestellt hat, ist ein philosophischer Interpret erstanden nach dem Pragmatismus hin. In Europa ist er etwas krasser hervorgetreten in der sogenannten «Als-ob-Philosophie», wo man sagt, man solle nichts hineininterpretieren in die Erscheinung. Aber man muß doch zu etwas aufsteigen, was nicht mehr Erscheinung ist, also sagt man von dem, was da aufsteigt, nicht: es ist da, sondern man tut so, als ob es da wäre. Viel klarer als diese «Als-ob-Philosophie» ist diejenige des William James, der eigentlich aufgibt jedes substantielle Wirken der Denkkraft. Er ist sich klar darüber, mit dem Denken kann man nur äußere Tatsachen gruppieren und zu etwas kommen, wodurch man diese äußeren Tatsachen dann praktisch im Dienste der Menschheitsentwickelung, der Zivilisation beherrschen kann. So daß er eigentlich in allen Gesetzmäßigkeiten, zu denen der Mensch vordringt, nichts anderes sieht als gewissermaßen praktische Richtlinien, um mit der Welt zurechtzukommen.
[ 21 ] Im Grunde genommen ist das etwas, wohin durchaus der Phänomenalismus tendiert. Wenn man ihn in seiner Reinheit bei Goethe studiert, wo er in ganz wunderbarer Weise mit seiner vollen Berechtigung auftritt, so erkennt man, er mußte eben entstehen, er muß da sein. Denn nur dadurch kann der Mensch voll sich aufklären über dasjenige, was eigentlich in seiner Umgebung ist, daß er zum reinen Phänomenalismus kommt. Aber dann ist alles dasjenige, was über das Phänomen hinausgeht, zunächst etwas, womit der Mensch nicht zurechtkommt. Weiß man nichts von Erkenntnismethoden, die in die übersinnlichen Welten aufsteigen, die also von den Phänomenen als Tatsachen zu anderen, aber jetzt übersinnlichen Tatsachen aufsteigen, so muß man, indem man zum Phänomenalismus tendiert, sich zuletzt sagen: Es sind überhaupt nur Phänomene gegeben. Wenn ich sie mit dem Denken bearbeite, erfahre ich ja nichts, was hinter ihnen weiter lebt, als die Phänomene selber. Denn die Urphänomene sind zuletzt ja auch nur Phänomene. So daß ich eigentlich nichts herausbekommae als praktische Grundsätze, die Phänomene zu brauchen, zu verwenden im Dienste der Menschen.
[ 22 ] Gesetzt, das wäre schon ganz ausgebildet; dieser Phänomenalismus wäre da, und das Denken wäre nur in regulativen Prinzipien bestehend, welche die Phänomene anordnen, so haben wir da etwas, das wir jetzt im Sinne der älteren Erkenntnisbegriffe, zum Beispiel der Gnosis, nicht mehr Erkenntnis nennen könnten. Denn worin bestand dasjenige, was man früher aus instinktiver menschlicher Weltanschauung immer Erkenntnis genannt hat? In meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» können Sie das Nähere für die griechische Zeit nachlesen: Erkenntnis bestand darin, daß man ja überhaupt, wenn man die Welt angesehen hat, nicht bloß die Sinneswahrnehmungen - Töne, Farben, Wärmequalitäten empfunden hat, sondern daß man den Gedanken objektiv draußen, außer sich wahrgenommen hat wie eine Farbe. Goethe nimmt noch für sich in Anspruch, so seine Ideen in der Welt zu sehen, wie die Griechen die Ideen in der Welt gesehen haben, nämlich wie Sinneswahrnehmungen. Aber nun stellen Sie sich einen Menschen in dieser seelisch-sinnlichen Tätigkeit vor. Er schaut etwas an, nicht nur die Farben, sondern die Gedanken. Indem er die Gedanken schaut, da fühlt er in sich, erlebt er in sich nicht etwas Passives wie heute, wo wir das bloß Sinnenfällige vor uns haben, sondern Aktivität fühlte er in sich. Darauf ist es zurückzuführen bei Plato, daß in dem Sehen etwas Aktives liege, etwas wie ein Greifen. Etwas wie Aktivität fühlte er, etwas, was ihn als Mensch verband mit demjenigen, was er als Objekt draußen sah. Und dieses war Erkennen, dieses Fühlen, dieses Erleben einer Tätigkeit, war nicht bloß das Hinnehmen eines Passiven. Diese Art, die Erkenntnis zu erleben, ist heute nur bei einigen zurückgeblieben, bei einigen mehr in ihrem Instinkt als in ihrem Intellekt lebenden Menschen, oder neu erworben bei denjenigen, die sich eben auf anthroposophische Art wiederum, aber jetzt vollbewußt und nicht instinktiv, wie auch bei der Gnosis noch, in höhere Erkenntnisse hinaufarbeiten. Das gewöhnliche Bewußtsein nähert sich aber heute mehr und mehr dem Punkte, wo es passiv den äußeren Phänomenen hingegeben ist, wo das Denken nicht mehr gerechnet wird zu den Phänomenen, wo es nur darinnen lebt als richtunggebendes Prinzip, um die Phänomene immer praktischer zu ordnen und in den Dienst der Menschheit zu stellen.
[ 23 ] Das, was man da vollbringt mit der äußeren phänomenalen Welt, das führt zu keiner Erkenntnis im alten Sinne. Diejenigen, die zum Beispiel den religiösen Inhalt mit dem Gottesimpuls aus alten Traditionen noch haben, wie Spencer zum Beispiel, und dann auf das sehen, was man heute Erkennen nennt, was aber nicht mehr Erkennen, Gnosis ist, die bekennen sich dazu, daß sie sagen: Man kommt eigentlich nicht zu dem Urgrund in diesem phänomenalen Dasein. — Agnostizismus! Und im Grunde genommen hat dieser Agnostizismus schon zwei Seiten. Auf der einen Seite nimmt er uns alles dasjenige, was uns als ganze Menschen kraftvoll macht, wenn wir im Erkennen eine Aktivität haben. Auf der anderen Seite aber müssen wir diese Phase menschlicher Entwickelung durchmachen, den Phänomenen rein passiv hingegeben zu sein. Es gehört zu der Gesamtentwickelung des menschlichen Geschlechts, diesen Phänomenalismus im Goetheschen Sinne auszubilden, weil er uns eine Wahrheitsstufe überliefert, die für die menschliche Gesamtentwickelung notwendig ist.
[ 24 ] Denn was folgt daraus, daß wir zu den Phänomenen kommen und damit, wenn wir nichts anderes kennen als die äußeren Phänomene, in den Agnostizismus hineingerissen werden? Es folgt daraus, daß, wenn wir Menschen bleiben wollen, wir nach der geistigen Welt auf eine andere Weise als durch Interpretation der äußeren Sinneswelt hinmüssen. Und für denjenigen Teil der äußeren Welt, der der Sinneswelt zugrunde liegt, muß man sagen: Wir finden ihn nicht innerhalb der Sinneswelt. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich bekannt mit einer Anzahl von sogenannten Teleologen. Die Leute kamen und sagten, die mechanistische Weltanschauung, der reine Phänomenalismus für die äußere Welt, genügten nicht. Einer von diesen Leuten hat sogar ein Buch geschrieben, das von vielen bewundert worden ist, über «Empirische Teleologie». Er versucht nachzuweisen, daß man mit der bloßen Kausalität nicht auskommt, daß man eine gewisse Zielsetzung auch in den Naturerscheinungen rein empirisch feststellen könne. Man fühlte sich über den bloßen Mechanismus, der seine gewisse Berechtigung hat in der äußeren Naturwissenschaft, sehr erhaben, indem man auf diese Weise wiederum eine Art Teleologie einführte.
[ 25 ] Ich sagte dazumal zu den Leuten, auch zu diesem Nikolaus Cossmann: Betrachtet Euch einmal eine Uhr. Diese Uhr ist restlos mechanistisch zu erklären, wenn sie vor Euch liegt. Nichts ist da, was uns veranlaßt, da drinnen kleine Dämonen anzunehmen, die die Räder kreisen machen oder dergleichen. Jede nebulose Mystik ist ausgeschlossen, wenn man nur die Sache anschaut. Ich vertrat streng die Anschauung: Die Erscheinungswelt muß aus sich selber erklärt werden. Alles Hineininterpretieren und Hineintragen von Teleologie und dergleichen ist von Übel. Aber, die Uhr hat ein Uhrmacher gemacht. Ich werde aus der Uhr den Uhrmacher nicht kennenlernen, aber ich kann mich mit ihm bekannt machen als Mensch. Ich wähle andere Methoden als die Analyse der Uhr, um mit dem Uhrmacher bekannt zu werden. Ich suche ihn auf, vielleicht im sozialen Zusammenhang, anderswo als in seinem Laden. - In dem Augenblick, wo man sich klar ist darüber, daß die äußere Welt phänomenalistisch zu erfassen ist, in dem Augenblick hat man sie nicht etwa entgeistigt, aber man hat die Notwendigkeit gezeigt, diesen Geist, dieses Übersinnliche auf anderen Wegen zu suchen, durch andere Erkenntnismittel und andere Erkenntnismethoden. Und das sind eben diejenigen, die ich geschildert habe. Die müssen hinzukommen zu den phänomenalistischen Erkenntnismethoden.
[ 26 ] Sie sehen, Anthroposophie ist gerade bemüht, den Phänomenalismus voll zu begründen, voll gelten zu lassen, weil sie sich klar ist darüber, daß dasjenige, was zu geistigen Welten führt, eben mit diesen anderen Erkenntnismethoden erreicht werden muß. Also auch das, was der äußeren Sinneswelt als Geistiges zugrunde liegt.
[ 27 ] Sie sehen also, ich hätte auf der einen Seite nunmehr auch dasjenige vorbringen können, was ich in Stuttgart vorgebracht habe, wie ich vorher sagte. Ich hätte sagen können: Die Vorstellungen werden schwach innerhalb des Agnostizismus, denn sie sind nur passiv hingegeben der äußeren Welt. Dadurch aber, daß wir schwache Vorstellungen haben, haben wir auch schwache Gefühle. Die Gefühle leben im Menschen so, daß er sie selber aufpeitschen muß. Da werden sie sentimental, oder aber sie bleiben stumpf, so daß sie unwahrhaftig werden. Die Gefühle werden also nebulos, sentimental oder aber stumpf. Dadurch ist ein Zug von Naturalismus oder Unwahrhaftigkeit in unsere Kunst hineingekommen, weil die Kunst von der Gefühlswelt besonders ausgeht. Dadurch fehlt es uns aber heute, weil die Vorstellungen nicht als starke Kräfte in die Willensimpulse hineingehen, an richtiger Entschlossenheit. Namentlich an Entschlossenheit gegenüber der Aufnahme von etwas Neuem. Wir lassen das, was uns ungewohnt anmutet, als Sensation an uns vorübergehen. So geht es im Grunde genommen seit zwanzig Jahren mit der Anthroposophie. Viele Menschen haben sie gehört, aber sie können sich nicht entschließen, aus gewohnten Seelenerlebnissen heraus, es mehr sein zu lassen als eine Sensation. Der Agnostizismus macht uns bis in den Willen hinein schwach. Er macht uns sogar dem religiösen Erleben gegenüber heute schwach. So kommt es, daß viele Menschen, die lange Zeit gestrebt haben, ein elementares religiöses Erleben zu haben, doch wiederum untertauchen in die traditionellen Religionsbekenntnisse. Wie viele ehrlich strebende Menschen sind in letzter Zeit zum Katholizismus zurückgekehrt. Oder man kehrt zur orientalischen Mystik zurück. Weil der Agnostizismus unsere Vorstellungen schwach macht, fühlt man sich nicht stark genug zu elementaren religiösen Erlebnissen.
[ 28 ] Die Anthroposophie fügt zu dem passiven Verarbeiten der Welt im Phänomenalismus den Aufschwung durch Imagination, Inspiration, Intuition dazu und kommt dadurch sogar zu einer wirklichen Erfassung desjenigen, was als Übersinnliches sich hereinlebt in unser geschichtliches Dasein. Sie kommt zu einer wirklichen Erfassung des Mysteriums von Golgatha. Sie kommt zu der Erfassung des Mysteriums von Golgatha so, daß sie schauen kann, wie das reine, göttliche Wesen, das Christus-Wesen, Besitz ergriffen hat von dem Leibe des Jesus von Nazareth. Dadurch gewinnen wiederum die Vorstellungen von der Auferstehung, vom Verbundensein des lebendigen Christus mit unserer menschlichen Erdenentwickelung, eine reale Bedeutung, während im Grunde genommen es ein tief Bezeichnendes ist, daß Theologen, die als aufgeklärt gelten in der neuesten Zeit, gesagt haben: Ja, man müsse eben betrachten das Leben des Jesus. Die Auferstehung, die sei als ein Glaube zwar entstanden, aber man könne eben nur von einem entstandenen Glauben sprechen. Was da eigentlich geschehen sei im Garten von Gethsemane, davon könne man eigentlich nicht sprechen. - Anthroposophie wird wiederum reden von diesen Dingen, die als übersinnliche nur erfaßt werden können, die eben nicht erfaßt werden, wenn man sie mit den gewöhnlichen, der Sinneswelt entnommenen, historischen Methoden erfassen will. So könnte ich lange sprechen über die Abstumpfung unseres religiösen Lebens durch den heute verbreiteten Agnostizismus. Das will ich aber nur andeuten. Es ist schon an anderer Stelle ausgeführt worden.
[ 29 ] Aber ein jegliches Ding hat zwei Seiten. Man kann von dem Agnostizismus auch so sprechen, daß er als notwendige Entwickelungsphase in der neueren Menschheitsgeschichte aufgetreten ist; daß er gewissermaßen die Begleiterscheinung ist des reinen Phänomenalismus, zu dem wir uns durcharbeiten müssen. Aber wenn auch dieser reine Phänomenalismus uns, indem wir uns in ihn hineinarbeiten, außerordentlich interessiert, können wir aus ihm nicht dasjenige gewinnen, was uns für unser innerstes Menschentum vor allen Dingen wichtig ist. Wir müssen das auf eine andere Art gewinnen.
[ 30 ] Nun lassen Sie mich noch einmal, nicht aus Albernheit oder Eitelkeit, sondern weil es zur Sache gehört, etwas Persönliches einfügen. Ich habe schon erwähnt, daß ich im Jahre 1894 meine «Philosophie der Freiheit» abgeschlossen habe. Ich bin überzeugt davon, diese «Philosophie der Freiheit» hätte keiner schreiben können, der nicht reiner Phänomenalist in bezug auf Naturwissenschaft ist. Denn wozu war ich genötigt, um die moralische Wahrheit zu fundieren, trotzdem ich auf dem Gebiete der Naturwissenschaft reiner Phänomenalist bin? Ich war genötigt, in dieser «Philosophie der Freiheit» die moralische Intuition, die ich hier schon als etwas durchaus Übersinnlich-Geistiges charakterisiert habe, einzuführen. Besonders übelgenommen hat man mir den ethischen Individualismus. Aber das war notwendig. Ich mußte zeigen, daß im einzelnen Menschen auf individualistische Art der moralische Impuls intuitiv erlebt werden kann durch das gewöhnliche Bewußtsein schon, während sonst die Intuition nur durch höhere Übungen erlangt werden könne. So mußte gehandelt werden, um der moralischen Welt ein Fundament zu geben, wenn man reiner Phänomenalist war, der aufstieg in die geistige Welt schon dazumal. Denn gegenüber dem reinen Phänomenalismus entfällt der moralische Impuls, wenn der Mensch nur ganz ehrlich gegen sich ist. Wenn er unehrlich ist, kommt er zu allerlei Illusionen.
[ 31 ] Aber wer Menschen kennengelernt hat, die nicht in Theorien, sondern in jeder Faser ihres seelischen Lebens mit Weltanschauungen gerungen haben, der weiß, was die Hinneigung zum Phänomenalismus, der den Agnostizismus im Gefolge hat, für den heutigen Menschen bedeuten kann. Ich habe schon Menschen kennengelernt, die sich sagten: Fassen wir mit den heutigen naturwissenschaftlichen Mitteln die Welt, sehen wir in ihr nur Naturvorgänge. Wir können hypothetisch verfolgen bis zu einem Urnebel oder sonst etwas, was das Geschehen unserer Erde ist. Wir können es bis zum Ende verfolgen, bis zum Wärmetod oder etwas Ähnlichem. Aber da sehen wir, wie wir uns lange in unserem Inneren ausbilden können die moralische Welt - sie ist doch nur Dunst und Nebel, der aufsteigt über dem einzig Realen, das mit dem Urnebel beginnt, mit dem Wärmetod endet. Und nach dem Wärmetod wird da sein das große Leichenfeld für alles dasjenige nicht nur, was auf der Erde gelebt hat, sondern auch was dort gestrebt hat nach moralischen Impulsen, nach religiöser Innerlichkeit. Das alles wird begraben sein. - Gewiß, nicht viele Menschen fühlen für ihr eigenes seelisches Leben diese Diskrepanz, aber es gibt Menschen, die das fühlen. Ich habe sie kennengelernt mit all der inneren Tragik, die sie zweifeln ließ an der Realität nicht nur eines religiös Erfaßbaren, an der Realität auch einer moralischen Weltordnung. Dunst und Nebel sind sie, aufsteigend aus den bloß äußerlich phänomenalistisch erfaßbaren Tatsachen.
[ 32 ] Nun lassen Sie mich noch einmal, nicht aus Albernheit oder Eitelkeit, sondern weil es zur Sache gehört, etwas Persönliches einfügen. Ich habe schon erwähnt, daß ich im Jahre 1894 meine «Philosophie der Freiheit» abgeschlossen habe. Ich bin überzeugt davon, diese «Philosophie der Freiheit» hätte keiner schreiben können, der nicht reiner Phänomenalist in bezug auf Naturwissenschaft ist. Denn wozu war ich genötigt, um die moralische Wahrheit zu fundieren, trotzdem ich auf dem Gebiete der Naturwissenschaft reiner Phänomenalist bin? Ich war genötigt, in dieser «Philosophie der Freiheit» die moralische Intuition, die ich hier schon als etwas durchaus Übersinnlich-Geistiges charakterisiert habe, einzuführen. Besonders übelgenommen hat man mir den ethischen Individualismus. Aber das war notwendig. Ich mußte zeigen, daß im einzelnen Menschen auf individualistische Art der moralische Impuls intuitiv erlebt werden kann durch das gewöhnliche Bewußtsein schon, während sonst die Intuition nur durch höhere Übungen erlangt werden könne. So mußte gehandelt werden, um der moralischen Welt ein Fundament zu geben, wenn man reiner Phänomenalist war, der aufstieg in die geistige Welt schon dazumal. Denn gegenüber dem reinen Phänomenalismus entfällt der moralische Impuls, wenn der Mensch nur ganz ehrlich gegen sich ist. Wenn er unehrlich ist, kommt er zu allerlei Illusionen. Aber wer Menschen kennengelernt hat, die nicht in Theorien, sondern in jeder Faser ihres seelischen Lebens mit Weltanschauungen gerungen haben, der weiß, was die Hinneigung zum Phänomenalismus, der den Agnostizismus im Gefolge hat, für den heutigen Menschen bedeuten kann. Ich habe schon Menschen kennengelernt, die sich sagten: Fassen wir mit den heutigen naturwissenschaftlichen Mitteln die Welt, sehen wir in ihr nur Naturvorgänge. Wir können hypothetisch verfolgen bis zu einem Urnebel oder sonst etwas, was das Geschehen unserer Erde ist. Wir können es bis zum Ende verfolgen, bis zum Wärmetod oder etwas Ähnlichem. Aber da sehen wir, wie wir uns lange in unserem Inneren ausbilden können die moralische Welt - sie ist doch nur Dunst und Nebel, der aufsteigt über dem einzig Realen, das mit dem Urnebel beginnt, mit dem Wärmetod endet. Und nach dem Wärmetod wird da sein das große Leichenfeld für alles dasjenige nicht nur, was auf der Erde gelebt hat, sondern auch was dort gestrebt hat nach moralischen Impulsen, nach religiöser Innerlichkeit. Das alles wird begraben sein. - Gewiß, nicht viele Menschen fühlen für ihr eigenes seelisches Leben diese Diskrepanz, aber es gibt Menschen, die das fühlen. Ich habe sie kennengelernt mit all der inneren Tragik, die sie zweifeln ließ an der Realität nicht nur eines religiös Erfaßbaren, an der Realität auch einer moralischen Weltordnung. Dunst und Nebel sind sie, aufsteigend aus den bloß äußerlich phänomenalistisch erfaßbaren Tatsachen.
[ 33 ] Im Grunde genommen liegt das in unserer gegenwärtigen sozialen Weltgestaltung. Millionen und Abermillionen von Menschen, namentlich der Proletarierkreise, sehen die Wirklichkeit nur noch in den äußeren, wirtschaftlichen Phänomenen. Dasjenige, was geistig ist — Recht, Sittlichkeit, Kunst -, es ist nichts, wie sie sagen, als ein ideologischer Überbau, etwas, was bloß wie ein Scheingebilde, eine Ideologie aufsteigt. Und so sind wir denn fortgeschritten in der agnostizistischen Richtung bis zu dem, wo man von Ideologie spricht. Ich, der ich viel tätig war gerade innerhalb proletarischer Kreise, ich habe es erlebt, in welchem Sinne da von Ideologie gesprochen wird, was ja im Grunde genommen wiederum nur die Schuld ist derjenigen, die heute auch aus der Wissenschaftsrichtung heraus von allem Geistigen, zwar nicht ganz klar, nicht ganz ehrlich, aber doch eigentlich im Sinne einer Ideologie sprechen. Wir sind am entgegengesetzten Pol der Menschheitsentwickelung angelangt im Vergleich zu dem, bei dem einstmals die orientalische Weltanschauung war. Die sprach von Maja und von der wahren Wesenheit. Alles dasjenige, was nur für die Sinne zugänglich und erreichbar ist, war ihr Maja, war die Illusion. Und das Reale, das wahrhaft Wirkliche war dasjenige, was nun über dem Sinnlichen für den Menschen erfaßbar ist. Heute stehen wir in einer Weltanschauung drinnen, die genau das Umgekehrte darstellt. Für diejenigen, die Agnostiker sind, ist die Sinneswelt das einzig Reale. Sie könnten zu demjenigen, was über die Sinneswelt hinaus erfaßbar ist, ebenso gut Maja wie Ideologie sagen. Wir sollten dieses Wort so übersetzen. Unsere Maja ist das Geistige; einstmals war die Maja die Summe der Sinneserscheinungen.
[ 34 ] Damit aber sind wir gezwungen, gerade weil wir ankommen mußten an diesem Punkte, nach der anderen Seite unsere Erkenntnispfade zu nehmen. Denn steigen wir Jetzt auf durch Imagination, Inspiration, Intuition in die geistige Welt, dann erkennen wir eben dasjenige, was uns erst zum eigentlichen Menschenwesen führt. Und wir finden den starken Impuls, in diese Welten aufzusteigen, wenn wir eben ganz gewahr werden, daß die Sinneswelt nur aus sich selber erklärt werden darf, mit ihren eigenen Methoden. Das gibt uns den Anstoß. Dann aber, wenn die Sinneswelt nur aus ihren eigenen Methoden erklärt werden kann, dann dient in ihr das Denken nur als ein Werkzeug der Erklärung. Dann hat das Denken für die Sinneswelt nur als Diener eine Bedeutung, für die gegenseitige Interpretation der Erscheinungen, um die Erscheinungen so zusammenzubringen, daß sie sich gegenseitig erklären. Dann ist das Denken, wie wir es haben im reinen Phänomenalismus beziehungsweise Agnostizismus, bloß Bild. Dann enthält es keine Realität mehr. Der Gnostiker fühlte die Realität des Denkens, indem er anschaute. Unser Denken hat ein bloßes Bilddasein.
[ 35 ] Was folgt daraus, wenn wir wirklich zu diesem reinen Denken aufsteigen und in ihm unsere moralischen Impulse fassen? Nun, wenn ich hier einen Spiegel habe, darinnen Bilder, so können die Spiegelbilder mich nicht durch Kausalität zu irgend etwas zwingen. Will ich mich durch Spiegelbilder zu irgend etwas veranlassen lassen, ist mein Denken in der Weltenentwickelung der Menschheit so weit fortgeschritten, daß es wirklich nur Bildcharakter hat, dann enthält es für mich nicht mehr Kausalität. Dann wird das reine Denken, wenn ich moralische Impulse habe, gebildet zu Impulsen der menschlichen Freiheit. Dadurch, daß wir zum Phänomenalismus gekommen sind, damit aber zum reinen Bilddenken, und dadurch, daß wir aus der Kraft des reinen Bilddenkens moralische Impulse fassen können, gehen wir auch durch das Stadium der Freiheit. Wir erziehen uns die Freiheit in unser Menschenwesen ein, indem wir diese Phase menschlicher Entwickelung durchmachen. Das wollte ich darstellen in meiner «Philosophie der Freiheit». Wir werden aber nur frei, wenn wir ein Denken haben, das Bilddenken ist, das ganz im physischen Leibe verläuft, wie ich es beschrieben habe. In dem Augenblick, wo wir weiter zurückschauen, blicken wir nicht auf Freiheit, sondern auf Schicksal. Sie sehen, hier findet sich die Möglichkeit, zu erkennen dasjenige, was wir menschliches Schicksal nennen, weil es im Unbewußten waltet, weil wir erst auf sein Walten kommen, wenn wir zur Intuition aufsteigen. Weil wir in diesem Schicksal geistige Gesetze finden, die durch die wiederholten Erdenleben wirken, haben wir in ihm ein geistig Notwendiges. Aber indem wir in das Erdenleben hiineinsteigen, heben wir uns für gewisse Handlungen heraus aus der Notwendigkeit, richten uns nur nach dem bildenthaltenden Denken und werden in der gegenwärtigen Epoche der Menschheit dadurch zur Freiheit erzogen. Es ist kein Widerspruch, wenn man in die Sache richtig hineinsieht, zwischen Schicksalsmäßigkeit und Freiheit. Allerdings, um den Schicksalsbegriff später vor die Welt richtig hinstellen zu können, dazu war notwendig, daß zuerst in der «Philosophie der Freiheit» der Freiheitsbegriff hingestellt worden ist.
[ 36 ] Sie sehen, dasjenige, was getan werden muß, ist nicht ein blindes Schimpfen auf den Agnostizismus, denn er ist in einer gewissen Beziehung nur die andere Seite des Phänomenalismus. Wir lesen in den Naturerscheinungen, aber wir finden in ihnen, wenn wir bloß lesen, nicht dasjenige, was wir suchen müssen auf den höheren Erkenntnispfaden. Aber eben deshalb brauchen wir sie voll erst dann, wenn wir nicht mehr instinktiv aus unserer Menschennatur dasjenige herausbringen, was die Impulse unseres Denkens sind. In älteren Zeiten, auch noch in den Zeiten der Gnosis, hat der Mensch, wie er Hunger und Durst aus sich hervorbrachte, auch das aktive Denken aus seinem Inneren herausgeboren. Da war er auch noch nicht im modernen Sinne ein Techniker. Das wird man erst dann, wenn man äußerlich in der Materie den reinen Gedanken verkörpert. Ich bin sogar - verzeihen Sie, daß ich das sehr Persönliche noch vorbringe -, ich bin sogar überzeugt: Würde ich im gewöhnlichen Sinne Philosophie studiert haben, statt daß ich an einer technischen Hochschule erzogen worden bin und mich hineingefunden habe gerade in dieses technische Leben der Gegenwart, so würde ich nicht die «Philosophie der Freiheit» geschrieben haben, denn die ist eben der Gegenpol zu dem Erleben der reinen Tatsache. Und die reine Tatsache, die im äußerlich Mechanistischen erlebt wird, die dann auch zum Phänomenalismus führt, ist durchaus das, was auf der anderen Seite erst den vollen Gegenpol hervorruft. Sonst bringt man immer aus sich heraus auf instinktive Art etwas, was doch kleine Dämonen in die Uhr hineinträumt. Das wirklich Geistige, das sucht man erst durch innerliche Erkenntniskräfte, die man sich erst erringen muß, wenn man nicht mehr durch instinktive Kräfte herantreten kann an unsere physische Umgebung und da hineinbringt dasjenige, was sich eben aus der instinktiven Anschauung ergibt. So ist das Zeitalter der Technik mit seinen Maschinen auf der einen Seite gerade der fruchtbare Boden für eine geistgemäße, eine anthroposophische Weltanschauung. Und in diesem Sinne muß gerade aus einer recht unmystischen Anschauungsweise der Welt auf der anderen Seite die klare Geisterkenntnis durch Anthroposophie hervorgerufen werden. Es muß hinzugefunden werden nicht eine neue Gnosis — die wäre etwas, was auf instinktivem aktivem Denken beruht -, sondern es muß ein Suchen nach der wirklichen Geistigkeit im äußeren Sinnlichen und im inneren Menschlichen auf einem nun durch Übungen zu erlangenden Erkenntnispfade hinzutreten.
[ 37 ] Wir müssen ja diesen Kursus einmal schließen, und indem ich noch vor Sie hinstellen wollte heute dasjenige, was Anthroposophie ist gegenüber dem heute herrschenden Agnostizismus, sind wir, die wir Teilnehmer waren an diesem Kursus, genötigt, auseinanderzugehen.
[ 38 ] Anthroposophie ist, wie ich schon erwähnt habe, durchaus aus dem Wissenschaftsgeist der neueren Zeit entsprungen. Das kann jeder einsehen, der meine ursprünglichen, meine ersten Schriften mit den späteren sinngemäß vergleicht. Dann hat sie diejenige Form angenommen, in welcher sich zunächst schlichte Menschengemüter gefunden haben, die gewisse religiöse Bedürfnisse innerhalb dieser Anthroposophie zu befriedigen versuchten. Man darf schon sagen, es haben sich recht viele - man weiß es nur nicht - solche schlichte Menschenseelen gefunden, die ein eigentlichstes, ein für den Menschen unbedingt notwendiges inneres Seelisches schon in dieser Anthroposophie gefunden haben.
[ 39 ] Mit den Wissenschaftern selbst ist es immer auf eigentümliche Art gegangen. Ich sehe noch manchen vor mir sitzen - ich spreche gerne konkret -, sehe zum Beispiel einen Botaniker vor mir sitzen. Er war in jenem Sinne, der Ihnen vielleicht auch bekannt ist, in dem Sinne des orientalisierenden Mystizismus, wie er zum Beispiel in theosophischen Gesellschaften herrscht, Theosoph. Ich hatte einen der gelehrtesten Botaniker vor mir, da lag es mir nahe, mit dem Herrn über Botanik zu sprechen. Für mich war es etwas Natürliches. Aber davon wollte er nichts hören. Nein, nein, Botanik muß bleiben, was sie ist im Universitäts-Kabinett, nicht nur bei ihm, sondern auch bei anderen Botanikern. Sie soll bleiben eben in der Art und Weise, wie man durch die Botanisiertrommel sich die praktischen Kenntnisse erwirbt und mit dem Mikroskop arbeitet. Da soll mir der nicht dreinreden! Sofort, wenn ich angefangen habe ein botanisches Thema, redete er von Ätherleib, Astralleib und noch höheren Leibern. Es war in dieser theosophischen Bewegung ja die Regel, daß man zunächst von allen möglichen Leibern redete, bis weit hinauf, da wurden sie immer nebliger und nebliger. Man charakterisierte die Dinge nicht so, wie ich es hier getan habe, indem ich darauf aufmerksam machte, daß der Ätherleib ein Zeitorganismus ist, indem ich versuchte, konkret die Sache hinzustellen, indem ich den Astralleib charakterisierte als dasjenige, was aus dem Geistig-Seelischen hereinkommt und den Leib innerlich ausgestaltet. Nicht wahr, ich habe auf die Charakteristik des Schlafes hinzuweisen versucht, wenn auch noch unvollkommen. Ich habe immer Konkretes zu charakterisieren versucht. Aber bei solchen Leuten, wie ich sie jetzt meine, interessierte man sich nicht dafür. Wenn man nur die Worte hatte dafür: Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, dann weiter Kama Manas, und dann ging es in die höchsten Regionen hinein, die wurden immer dünner und dünner, blieben aber immer materiell. Es war ein merkwürdiger theosophischer Materialismus, der mir besonders einmal kraß entgegentrat, als ich bei einem theosophischen Kongreß war in Paris. Da wurden verschiedene Vorträge gehalten. Ich frug eine Persönlichkeit, die eigentlich sehr advanced war, sehr vorgerückt, wie ihr die Vorträge gefallen hätten. Sie sagte: Ja, das hat wunderbare Vibrationen zurückgelassen, wunderbare Schwingungen. - Ich kam mir vor, als hätte sie gesagt: Man riecht nach diesen Vorträgen in diesem Raume außerordentlich Gutes. — Es war alles ins Materielle übertragen. Vom wirklichen Geiste wußte man nichts. Und der Mann, von dem ich eben sprach, ging auch immer auf dasjenige aus, was in dieser Richtung gelegen war. Ich immer los auf irgend etwas anderes, zum Beispiel die Geheimnisse der Wurzelbildung, der Stengelbildung, der Blütenbildung, die Spiraltendenz der Pflanzen, ihre Keimbildung oder dergleichen. Nichts, nichts - da darf Anthroposophie nicht hinein, weg damit! Da kam immer wieder gleich der Astralleib und Buddhi und Atma, und die Runden und die Globen und alles das, was da in der Welt sich herumwälzt in diesem Sinne. Kurz - ich führe dies nur als konkrete Beispiele an -, es war eigentlich ziemlich vergebens, an die Wissenschafter in ihrer eigenen Wissenschaftlichkeit heranzukommen.
[ 40 ] Dann aber fanden sich, allerdings außer einigen Wenigen, die ja von Anfang an gerade auch mehr auf philosophischem Gebiet mitgearbeitet haben, wie Herr Dr. Unger, immer mehr jüngere Kräfte. Und wir hätten ja niemals die Freie Waldorfschule in Stuttgart begründen können, wenn nicht aus anthroposophischem Geiste heraus wirklich von einer Anzahl Persönlichkeiten ergriffen worden wären die einzelnen Fächer der Wissenschaften im anthroposophischen Sinne. Denn nur dadurch konnte das auch in Pädagogik und Didaktik übergehen. Dadurch ist es ja auch möglich geworden, immer mehr und mehr auszudehnen dasjenige, was früher nur für einzelne schlichte Gemüter da war, und wirklich in einer gewissen Weise nun wiederum zur Wissenschaft zurückzukehren. Heute können wir schon auf ein weiteres Feld sehen. Und es hat Ihnen ja eine Probe gegeben werden sollen von diesem weiteren Felde, auf dem wir heute schon arbeiten können, dank einer ganzen Anzahl von jüngeren Kräften, die mit außerordentlich großer Hingabe arbeiten an der Ausgestaltung des anthroposophischen Geistes in den einzelnen konkreten Wissenschaften. Man darf ja sagen, manches wäre auch nach anderer Richtung noch zu wünschen. Es ist ja auch noch im Beginn das Arbeiten auf therapeutisch-medizinischem Gebiet. Wir haben auch allerlei Versuche zu verzeichnen zum Beispiel auf wirtschaftlichem Gebiet. Allein gerade auf letzterem zeigt sich ja - das wird man vielleicht auch aus Vorgängen der letzten Wochen ersehen können -, wie da durchaus noch nicht die Möglichkeit vorhanden ist, daß im konkreten Wirtschaftsleben auch schon voll gearbeitet wird. Nun, hoffentlich werden diejenigen Dinge, die wir begonnen haben, ihren Fortgang nehmen, und es wird einmal auch in derselben Weise auf diesem Gebiet gearbeitet werden können, wie zum Beispiel heute gearbeitet wird auf manchem Gebiete der Wissenschaft selber und wie gearbeitet werden kann in einer durchaus zukunftsicheren Weise in der Pädagogik und Didaktik durch die Freie Waldorfschule.
[ 41 ] Anschließend an das habe ich jetzt wirklich aus einem tief dankbaren Herzen heraus den herzlichsten Dank denjenigen zu sagen, die hier in Holland als Freunde der anthroposophischen Bewegung diese Hochschulkurse zustande gebracht haben. Es ist gewiß kein Leichtes, eine solche Veranstaltung zu machen, und vor allen Dingen gehört, um diejenige Arbeit aufzubringen, die nötig ist in einem solchen Falle, schon durchaus ein tieferes Verständnis der Sache dazu. Daß dieses hier zustande gekommen ist, das erfüllt uns - und ich bin überzeugt davon, daß ich auch aus den Herzen und Seelen all derer heraus spreche, die hier reden durften während dieser Kursuswoche — mit einem tiefen Dankesgefühl, und dieses möchte ich Ihnen zum Ausdruck bringen; Ihnen zunächst, die Sie die Veranstalter sind dieses Kursus. Und ich möchte dieses Dankesgefühl wiederum verbinden mit der Hoffnung, daß diejenigen, die nun in einer schönen Weise ihre Aufmerksamkeit dem zugewendet haben, was in diesen Tagen hier verhandelt worden ist, das Gefühl haben, daß doch einige Anregungen für sie gegeben worden sind mit dem wenigen, was hier hat geleistet werden können in so kurzer Zeit. Mehr können wir ja zunächst nicht tun, als solche einzelne Anregungen zu geben. Wenn Sie die Möglichkeit haben, diese Anregungen auszugestalten, daß Sie weiter einzudringen versuchen in das, was ja schon erarbeitet ist, was immerhin aber der Welt noch wenig bekannt ist, was erarbeitet ist durch die anthroposophische Bewegung, die anthroposophische Arbeit, dann werden Sie sehen, daß diese anthroposophische Bewegung nicht nur das nicht ist, als was sie ihre Feinde, ihre Gegner hinstellen möchten, die ja meist, weil sie nicht sachlich sein können, persönlich werden, sondern daß die anthroposophische Bewegung zum mindesten getragen ist von einem wirklich auch wissenschaftlich ernsten Geiste.
[ 42 ] Und auf der anderen Seite darf ich vielleicht mich der Hoffnung hingeben, daß gerade die Vorträge, die ich hier an den Abenden zu formulieren versuchte, einiges dazu beitragen möchten, zu zeigen, wie in unserer Zeit unbewußte Sehnsuchten in einem großen Teil der zivilisierten Menschheit leben, welche, wenn sie zum Bewußtsein gebracht werden, eben nichts anderes darstellen als das Verlangen nach so etwas, wie Anthroposophie ist. Daß aber ein solches Verlangen vorhanden ist, es kann auch aus allerlei negativen Instanzen gesehen werden.
[ 43 ] Es gibt in unserer Zeit eine Persönlichkeit, sie dürfte auch hier bekannt geworden sein in Holland, Oswald Spengler, der ja geschrieben hat das Buch über den notwendigen Untergang des Abendlandes. Ich habe es miterlebt, wie namentlich in der Jugend Mitteleuropas dieses Buch vom «Untergang des Abendlandes» einen tiefen, einen niederschmetternden Eindruck gemacht hat. Wir haben es allerdings gerade in diesem Buche mit dem Werke eines Menschen zu tun, der in zwölf bis fünfzehn Wissenschaften voll zu Hause ist, der wahrhaftig nicht aus leichtgeschürzten Erkenntnissen heraus redet, der aber eben doch nur aus den in unserer Zeit wirkenden negativen Instanzen redet.
[ 44 ] Eine solche negative Instanz ist zum Beispiel der Agnostizismus, wenn er die andere Seite des Phänomenalismus darstellt und man nur bei diesem Phänomenalismus stehen bleiben will. Es gehört dazu das andere, das Positive. Dieses Positive sucht auf Geisteswegen der Erkenntnis Anthroposophie zu erreichen. In diesem Sinne möchte ich, daß in ihrem Ernste wenigstens ein wenig Anthroposophie zu Ihren Seelen gesprochen hätte. Man hat ja oftmals das Gefühl, indem man Anthroposophie vertritt: Sie ist jetzt schon Jahrzehnte lang da, aber man ist immer im Anfang. Und eigentlich jetzt nach Jahrzehnten spricht man ja wiederum von dem allerersten Anfang, trotzdem zu Tausenden und Abertausenden von Menschen im Laufe der Jahrzehnte gesprochen worden ist. Man empfindet dieses — nicht wegen der Anthroposophie, die kann warten -, man empfindet es wegen der Sehnsüchte der Zeit als etwas ungeheuer Bedrückendes. Daher aber auch wiederum die tiefe Befriedigung, die man hat, wenn sich dann doch Menschen zusammenfinden, die nun wissen wollen, was an der Anthroposophie ist, und die aus einem gewissen ernsten Erfassen des Lebens durch Studium auch in einem gewissen Sinne urteilsfähig sind. Denn Urteilsfähigkeit hat Anthroposophie nicht zu scheuen. Das kann ich Ihnen aus dem Geiste der Anthroposophie heraus versichern. Urteilsfähige Kritiker werden dieser Anthroposophie immer höchst willkommen sein. Bisher sind sie zumeist Bekenner derselben geworden, nachdem sie sie eben kennengelernt haben. Je sachlicher man sich einläßt, auch kritisierend, auf Anthroposophie, desto besser für diese Anthroposophie. So ist Anthroposophie nicht etwas, was auf blinden Autoritätsglauben hin arbeitet oder mit Kritiklosigkeit rechnet. Ihr sind diejenigen Zuhörer und diejenigen Leser und Mitarbeiter am liebsten, die ihr volles urteilsfähiges Seelenwesen ihr entgegenbringen, allerdings nicht dasjenige, was oftmals aus dem Agnostizismus der Gegenwart großgezogen wird, sondern was aus dem wirklich unbefangenen Menscheninneren herauskommt.
[ 45 ] Wenn man dazu das Gefühl haben kann, daß, wenn es zunächst auch wiederum.ein Anfang war, solche Anfänge doch zuletzt zu etwas führen müssen, das mit den tiefsten Sehnsüchten und Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung zusammenhängt, dann darf man sagen, man geht doch mit einer gewissen Befriedigung von einem solchen Kursus wieder weg. Und so glaube ich, daß aus dem, was sich hier abgespielt hat, diejenigen, die gesprochen haben, mit einer gewissen Befriedigung und vor allen Dingen mit dankbarem Herzen hinweggehen. Sie möchten sich aber der Hoffnung hingeben, daß einiges Anregende auch für die verehrten Zuhörer sich abgespielt haben möge.
[ 46 ] In diesem Sinne gestatten Sie, daß ich diesen Kursus beschließe, indem ich Ihnen aus diesem anthroposophischen Geiste heraus in herzlichster Weise sage: Haben wir uns vielleicht durch einige Gedanken verbunden, so suchen wir die Wege, um weiter in geistiger Arbeit zusammenzusein, zusammenzuwirken. In diesem Sinne sage ich Ihnen für heute Lebewohl.
Fragenbeantwortung
Frage über den mehrdimensionalen Raum.
[ 47 ] Rudolf Steiner: Nicht wahr, wenn ich das gewöhnliche Koordinatenachsensystem habe, so habe ich den dreidimensionalen Raum charakterisiert. Nun geht man ja wir wollen es nur schematisch besprechen - aus gewissen algebraischen Voraussetzungen heraus weiter, indem man denselben Prozeß, der von der Ebene in den dreidimensionalen Raum hineinführt, abstrakt fortsetzt, und man kommt da in die vierte Dimension, in die fünfte und so weiter hinein, in einen n-dimensionalen Raum. Und es ist dann sogar möglich, sagen wir, Körper zu konstruieren — Hinton hat das getan -, den Tessarakt zu konstruieren, aber das ist ja kein wirklicher Körper, sondern die Projizierung des wirklichen Tessarakts in den dreidimensionalen Raum hinein. Nun ist die Sache so: Rein theoretisch-abstrakt ist ja natürlich gegen solche Ableitungen nichts einzuwenden. Man kann theoretisch auch übergehen, sagen wir, von dem dreidimensionalen Raum zur vierten Dimension in der Zeit, wenn man dabei innerhalb der Rechnungsformeln so verfährt, daß man den Sprung berücksichtigt, der ja doch vollzogen wird denn es ist ja doch ein anderes, wenn man übergeht von der ersten in die zweite Dimension und in die dritte Raumesdimension, als wenn man in Zeit übergeht. Aber wenn man das verfeinert, ... dann kann man in die Zeit übergehen. So bekommt man einen abstrakten vierdimensionalen Raum. Wenn man abstrakt bleibt, kann man das so lange machen, als man im rein Intellektualistischen stecken bleibt, so lange man nicht genötigt ist, die Sachen anschaulich zu verfolgen. Dann aber hat man es zu tun mit einem Problem, das, während der rein abstrakte Gedankengang in einen regressus ad infinitum führt, anschaulich zu einem Elastizitäts-Problem wird. Wir könnten auch beim Pendel zunächst denken, es schlage immerfort weiter aus. Aber im Dynamischen werden wir einen Schwingungszustand bekommen. So ist es in Wirklichkeit. Wenn man in die imaginative Anschauung hinaufkommt, so kann man einfach den Prozeß nicht mehr vollziehen in infinitum, daß man cine vierte und so weiter Dimension annimmt. Dann ist man genötigt, wenn ich die erste Dimension + a, die zweite + b, die dritte + c bezeichne, wenn ich den realen Raum nehme, nicht die vierte + d zu schreiben, sondern durch die Natur der Sache bin ich genötigt, - c zu schreiben. So daß die vierte Dimension einfach Stück für Stück die dritte aufhebt und es bleiben nur zwei übrig. Statt vier bekomme ich also am Ende des Prozesses zwei Dimensionen. Und so bin ich auch genötigt, wenn ich die fünfte annehme, — b zu setzen, und bei der sechsten - a. Das heißt, ich komme zum Punkt zurück. Die Elastizität hat zurückgeschlagen in den Ausgangspunkt. Und das ist nicht wiederum etwas, was zum Beispiel nur in der Imagination vorliegt, also ein subjektives Experiment ist, sondern das realisiert sich dann in der Art, wie ich es vorgestern dargestellt habe. Man hat es wirklich zu tun, so lange man, sagen wir, hier die Erde hat und die Wurzel der Pflanze ins Auge faßt, man hat es zu tun mit einer besonderen Ausbildung der Schwerkraft. Da steht man drinnen in der gewöhnlichen Raumes-Dimensionalität. Will man aber die Form der Blüte erklären, dann kommt man damit nicht aus. Dann muß man, statt den Koordinatenanfangspunkt zu nehmen, den unendlichen Raum nehmen, der ja nur die andere Form ist für den Punkt. Und dann kommt man dazu, statt hinauszugehen zentrifugal, zentripetal hineinzugehen. Man kommt zu dieser Wellenfläche. Statt daß die Sache versprüht, drückt es von außen herein, und man bekommt dann jene Bewegungen, die gleitende oder schabende Bewegungen sind oder Druckbewegungen, bei denen man falsch gehen würde, wenn man Koordinatenachsen vom Koordinatenmittelpunkt aus nehmen würde, sondern man muß die unendliche Sphäre als Koordinatenmittelpunkt nehmen und dann lauter nach dem Zentrum hingehende Koordinaten. Also, man bekommt das auch qualitativ gegensätzliche Koordinatenachsensystem, sobald man ins Ätherische kommt. Daß man das nicht berücksichtigt, das ist der Fehler bei der gewöhnlichen Äthertheorie. Hierin liegt die Schwierigkeit der Definition des Äthers. Bald sieht man ihn als flüssig, bald als Gas an. Da liegt der Fehler vor, daß man ausgeht von dem Koordinatensystem, das vom Mittelpunkt aus gesehen ist. Sobald man aber in den Äther kommt, muß man die Sphäre nehmen, und das gesamte System statt von innen nach außen, umgekehrt konstruieren.
[ 48 ] Die Dinge werden, wenn sie mathematisch verfolgt werden und ins Physikalische hinüberkommen, interessant, und manches würde gerade zur Lösung von Grenzproblemen auch noch beigetragen werden können, wenn man einmal diese Theorien, die hier anfangen sehr real zu werden, ausbilden würde. Allein, dafür ist noch furchtbar wenig Verständnis vorhanden, Ich habe zum Beispiel einmal in einer mathematischen Universitätsgesellschaft einen Vortrag gehalten, wo ich versuchte, an diese Dinge heranzuführen. Ich habe ausgeführt, daß, wenn man hier die Asymptoten einer Hyperbel hat und hier die Hyperbeläste, man sich dasjenige, was man sich hier rechts vorzustellen hat, und zwar auseinandersprühend, hier links vorzustellen hat zusammensprühend, so daß eine völlige Umkehr stattfindet. Diese Dinge führen allmählich hinaus in eine konkretere Behandlung des Raumes. Aber man findet dafür heute wenig Verständnis. Man findet vielfach sogar bei reinen Analytikern eine gewisse Abneigung gegen die synthetische Geometrie. Und diese neuere synthetische Geometrie ist einmal der Weg, aus dem rein formalen Mathematischen herauszukommen zu dem Problem, wo man das Empirische fassen muß. Solange man mit der bloßen analytischen Geometrie rechnet, kommt man nicht an die Gebiete der Wirklichkeit heran. Da hat man nur die Endpunkte der Koordinaten ausgebildet, den geometrischen Ort der Koordinaten und so weiter. Bleibt man beim Konstruieren beim Linearen und bei Kreisen, dann steht man in Linien darinnen, ist aber genötigt, eine gewisse Anschaulichkeit zu Hilfe zu nehmen. Das ist das, was synthetische Geometrie so wohltätig macht, um herauszukommen aus dem Formalen und zu zeigen, wie man das Mathematische in der Natur darinnen zu denken hat.
[ 49 ] Frage: Was meint Herr Dr. Steiner, wenn er sagt, daß der physische Leib ein Raumleib ist, der Bildekräfteleib ein Zeitleib? Der physische Leib lebt doch auch in der Zeit, indem er aufwächst und zerfällt.
[ 50 ] Rudolf Steiner: Ja, das ist nur ungenau gedacht, wenn ich so sagen darf. Um dieses auf ein genaues Denken zurückzuführen, müßten Sie erst eine Analyse des Zeitbegriffes einmal vornehmen. Bedenken Sie nur: Wie die gewöhnlich gemeinte Wirklichkeit vor uns steht, ist ja Raum und Zeit ineinander verwoben. Man kann solche Dinge erst dann denken, wenn man auseinanderhält Raum und Zeit. Im gewöhnlichen gegenständlichen Erkennen haben Sie ja die Zeit überhaupt nicht gegeben. Sie messen ja die Zeit durch lauter Raumgrößen, und Veränderungen in den Raumgrößen sind die Erkennungsmittel für dasjenige, was dann als Zeit gilt. Denken Sie sich doch nur eine andere Zeitmessung. Sie messen sonst immer die Zeit nach dem Raum. Das ist nicht der Fall in dem Augenblick, wo Sie zum wirklichen Erleben der Zeit übergehen. Das tun die Menschen zumeist unbewußt. Eigentlich wird das Denken durch die imaginative Erkenntnis ins Bewußtsein heraufgehoben. Ein wirklich zeitliches Erleben aber haben Sie, wenn Sie zum Beispiel, sagen wir, am 12. April 1922 um 4 Uhr 4 Minuten und soundsoviel Sekunden ihr Seelenleben nehmen.
[ 51 ] Wenn Sie dieses Ihr Seelenleben in diesem Augenblick nehmen, so hat es einen zeitlichen Querschnitt. Sie können nicht davon sprechen, daß da irgendein Raumesquerschnitt innerhalb dieses zeitlichen Querschnittes ist. Innerhalb dieses zeitlichen Querschnittes liegt nun aber Ihre ganze zunächst irdische Vergangenheit drinnen, und Sie müssen, wenn Sie schematisch zeichnen wollen, wenn das der Strom Ihres Erlebens ist von a nach b, den Querschnitt A bis B zeichnen. Sie können nicht anders, als Ihr gesamtes Erleben in diesen Querschnitt hinein verlegen, und dennoch gibt es darin eine Perspektive. Sie können sagen, zeitlich weiter zurückliegende Erlebnisse bilden sich in geringerer Intensität ab als zeitlich nähere. Das wirkt aber alles in dem einen Querschnitt drinnen. So daß Sie andere Beziehungen herausbekommen, wenn Sie die Zeit wirklich analysieren. Die Zeit können wir überhaupt nur zu einer Vorstellung erheben, wenn wir nicht die Analyse nehmen, die wir in der Physik gewohnt sind, nach Raum-Erkenntnismitteln, sondern nur, indem wir auf unser Seelenleben selbst reflektieren. In Ihrem Seelenleben stecken Sie aber, wenn Sie auch nur abstrakte Gedanken haben, in dem Zeitleib drinnen. Das ist das Wichtige, daß man nun wirklich diesen Zeitleib als einen Organismus aufzufassen in der Lage ist. Sehen Sie, wenn Sie irgendwelche Indispositionen, sagen wir durch diese oder jene Verdauungsstörung, im Magen verspüren, so können Sie unter Umständen sehen, daß auch ganz andere Gebiete Ihres Raumesorganismus dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Raumesorganismus ist so, daß die einzelnen Gebiete räumlich voneinander abhängig sind. Beim Zeitorganismus ist das so, daß, trotzdem wir ein Später und ein Früher haben, Später und Früher in organischer Weise zusammenhängen. Ich drücke das manchmal so aus, daß ich sage: Nehmen wir an, wir haben einen sehr alten Menschen. Wir finden, wenn solch ein alter Mensch zu jüngeren Leuten, zum Beispiel zu Kindern spricht, daß sein Zusprechen an den Kindern abprallt, daß seine Worte gar nichts für die Kinder sind. Und wir finden einen anderen Menschen. Wenn der zu Kindern spricht, ist es etwas ganz anderes. Seine Worte fließen von selbst in die kindlichen Seelen ein. Wenn Sie nun studieren — man studiert nur diese Dinge nicht, weil man sehr selten den ganzen Menschen ins Auge faßt, man hält sozusagen nicht so lange mit der Aufmerksamkeit still, daß man zum Beispiel das beobachtet -, worauf das Segnende der Kraft eines älteren Mannes oder einer alten Frau beruht, so muß man manchmal zurückgehen in die erste Kindheit. Soweit dehnt man die Beobachtung heute nicht aus. Das muß die Anthroposophie machen. Da gehen Sie zurück und werden finden: Wer im Alter segnen kann, wer im Alter diese eigentümliche geistige Kraft in sich hat, daß seine Worte wie Segen in jugendliche Menschen einfließen, der hat in der Jugend beten gelernt. Ich drücke das bildlich so aus: Gefaltete Hände in der Jugend werden zu segnenden Händen im Alter.
[ 52 ] Da haben Sie einen Zusammenhang zwischen demjenigen, was als Einfluß auf andere Menschen im späteren Alter wirkt und was in der ersten Kindheit, sagen wir, an frommen Gefühlen und dergleichen in dem Leben vorhanden war. Da ist ein organischer Zusammenhang zwischen dem Früheren und dem Späteren. Und nur wenn man den ganzen Menschen kennt, sieht man, wie er unendlich viele solcher Zusammenhänge hat. Heute stecken wir eben mit unserem ganzen Leben außerhalb dieser Wirklichkeit. Wir bilden uns ein, daß wir ganz strotzen von Wirklichkeit, aber wir sind Abstraktlinge in unserer Lebenskultur. Wir achten nicht auf die wahre Wirklichkeit. So achten wir zum Beispiel auf solche Dinge nicht. Wir achten auch nicht darauf, daß wir, wenn wir einem Kinde etwas beibringen, möglichst vermeiden müssen, namentlich im Volksschulalter, ihm scharfkonturierte Begriffe zu geben. Die sind wirklich so für das spätere Alter, als wenn man die Glieder einschnüren würde und sie nicht größer wachsen ließe. Was wir dem Kinde überliefern, muß ein Organismus sein, muß beweglich sein. Da kommen Sie nun allmählich an das heran, was ich mit einem Organismus meine. Natürlich, vollständig ist es nur möglich innerhalb der Imagination. Aber man kommt trotzdem zu einer Vorstellung von einem Organismus, wenn man sich nur klar darüber ist, daß eben dasjenige, was im Menschen zeitlich verläuft, sich nicht bezieht auf den Raumesorganismus, sondern auf den Zeitorganismus. Nun sehen Sie, daß in der Zeit eine Realität liegt. Sie können es wiederum aus der Mathematik heraus entnehmen. Da hat es einmal eine ganz nette Diskussion gegeben. Ich glaube, Ostwald war es, der darauf aufmerksam gemacht hat - also kein Anhänger der Geisteswissenschaft, sondern ein Mensch, der nur nicht gerade Materialist ist —, daß die organischen Prozesse, die in der Zeit verlaufen, nicht mit dem mechanischen Prozeß umkehrbar sind. Nun ist es aber so, daß man mit der gewöhnlichen Rechnung überhaupt an die Zeitprozesse gar nicht herankommt. Sie bleiben mit der gewöhnlichen Rechnung eigentlich immer außerhalb der Zeitprozesse. Sie verfolgen nicht die Prozesse als solche. Wenn Sie zum Beispiel in einer Formel für die Mondfinsternis negative Größen einsetzen, so kriegen Sie die weiter zurückliegenden Dinge, aber Sie bewegen sich nicht mit den Dingen weg. Sie bewegen sich nur in der Raumessphäre. Und so bekommt man auch nur einen richtigen Begriff von dem, was eigentlich physischer Leib des Menschen ist, wenn man trennen kann vom Zeitlichen das Räumliche. Beim Menschen ist es von fundamentaler Bedeutung, weil man überhaupt zu keinem Verständnis kommt, wenn man nicht weiß, daß bei ihm alles Zeitliche als Entität für sich verläuft, und das Räumliche von dem Zeitlichen als von etwas Dynamischem beherrscht wird, während bei einer Maschine das Zeitliche nur eine Funktion ist desjenigen, was räumlich wirkt. Das ist der Unterschied. Beim Menschen ist das Zeitliche ein Reales, während beim Mechanismus das Zeitliche nur eine Funktion des Raumes ist. Darauf kommt es zuletzt hinaus.
