On the Astral World and Devachan
GA 88
18 August 1903, Berlin
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On the Astral World and Devachan, tr. SOL
12. Die Bhagavad Gita
12. The Bhagavad Gita
[ 1 ] Die Bhagavad Gita, welche in poetischem Gewande die erhabenste Tugendlehre der indischen Weltanschauung enthält, bildet eine in sich abgeschlossene Episode aus einem der berühmtesten und ältesten der beiden großen Heldenepen der Inder, dem Mahabharata, das heißt der große Krieg.
[ 1 ] The Bhagavad Gita, which presents the most sublime teachings on virtue in the Indian worldview in poetic form, constitutes a self-contained episode from one of the two great Indian heroic epics—the Mahabharata, meaning “the great war”—which is both the oldest and most famous of the two.
[ 2 ] Was den Griechen die homerischen Gesänge, den germanischen Völkern die Nibelungensage, das ist dem Sanskritvolke das Mahabharata. Ihren Kern bilden die uralten Kriegsgesänge und Heldensagen aus der Zeit der großen Wanderung und der Eroberungskämpfe am Ganges. Die Anfänge dieser Dichtung reichen hinauf bis ins 10. und 11. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und geben ein treues Sittengemälde dieser ältesten indischen Heldenzeit. Historische Tatsachen und Persönlichkeiten in poetischer Umhüllung liegen diesen Schilderungen gewiß ebenso zugrunde wie den anderen Volksgesängen.
[ 2 ] What the Homeric epics are to the Greeks, and the Nibelungen saga to the Germanic peoples, the Mahabharata is to the Sanskrit-speaking peoples. At its core lie the ancient war chants and heroic sagas from the time of the Great Migration and the conquest battles along the Ganges. The origins of this epic date back to the 10th and 11th centuries B.C. and provide a faithful portrait of the customs of this oldest Indian heroic age. Historical facts and personalities, cloaked in poetic form, certainly underlie these descriptions just as much as they do the other folk songs.
[ 3 ] Im Mittelpunkt stehen die Kämpfe der beiden verwandten Geschlechter der Kurus und Pandus, die mit dem Untergange des Heldengeschlechtes der Kurus enden. Die Bhagavad Gita hat zum Inhalt ein wundervolles religionsphilosophisches Gespräch zwischen dem Helden Arjuna und Krishna, dem fleischgewordenen, inkarnierten Gotte. Die lichtvollen und erhabenen Weisheitslehren und das überaus fein differenzierte Empfindungs- und Unterscheidungsvermögen in den subtilsten ethischen Fragen lassen nicht nur auf eine noch unerreichte Kultur unserer Stammeseltern auf diesem Gebiete schließen, nein, sie wirken auch wie unmittelbare Offenbarungen des göttlichen Geistes. Wilhelm von Humboldt war so erschüttert von der unvergleichlichen Schönheit und Tiefe dieser Dichtung, daß er begeistert ausrief: Es lohnt, so lange zu leben, um ein solches Gedicht kennenzulernen. Im Beginn stehen sich die beiden feindlichen Heere kampfbereit gegenüber. Arjuna der Held läßt seinen goldenen, mit weißen Rossen bespannten Wagen in die Mitte des Kriegsfeldes lenken, um sich die kampfbegierigen Feinde näher zu betrachten. Als er aber in ihren Reihen Blutsverwandte entdeckt, Väter, Söhne, Enkel, Vettern und Brüder, die wutentbrannt sich gegenseitig morden wollen, da erbebt sein edles Herz in wildem Weh, und von Mitleid überwältigt, entfällt ihm der schon gespannte Bogen. Er schaudert vor dem Gedanken einer Blutschuld zurück, lieber will er auf Ruhm und Herrschertum verzichten, als diese Sünde auf sich laden; lieber möchte er von ihrer Hand sterben, als den Tod eines seiner Verwandten verschulden. Doch Krishna naht sich dem Verzagten und schlichtet den Kampf in seinem Innern, indem er ihn über seine Pflichten als Krieger, über sein Dharma aufklärt. Arjuna der Held ist der Mensch, und sein Inneres ist das Schlachtfeld, auf dem die harten Kämpfe der Seele ausgefochten werden. Schwankend zwischen dem irdischen und dem himmlischen Teile unseres Gemütslebens, im Widerstreit der Gefühle, von bangen Zweifeln geplagt, wissen wir oft nicht, wohin wir uns wenden sollen, was unsere Pflicht ist. Denn jedes Sonderwesen hat seine eigene besondere Pflicht, sein Dharma, das er erkennen muß.
[ 3 ] The story centers on the conflicts between the two related clans of the Kurus and the Pandavas, which culminate in the downfall of the heroic Kuru dynasty. The Bhagavad Gita features a magnificent religious-philosophical dialogue between the hero Arjuna and Krishna, the god incarnate. The luminous and sublime teachings of wisdom, along with the exceedingly refined sensitivity and discernment in the most subtle ethical questions, not only point to a culture of our ancestral forebears in this realm that remains unmatched to this day, but they also appear as direct revelations of the divine spirit. Wilhelm von Humboldt was so moved by the incomparable beauty and depth of this poem that he exclaimed with enthusiasm: “It is worth living this long just to encounter such a poem.” At the beginning, the two hostile armies face each other, ready for battle. Arjuna, the hero, has his golden chariot, drawn by white horses, steered into the center of the battlefield to take a closer look at the battle-hungry enemies. But when he discovers blood relatives in their ranks—fathers, sons, grandsons, cousins, and brothers—who, consumed by rage, are about to kill one another, his noble heart trembles with wild sorrow, and, overwhelmed by compassion, the bow he has already drawn slips from his hand. He shudders at the thought of shedding blood; he would rather renounce glory and dominion than bear this sin; he would rather die by their hand than be responsible for the death of one of his kin. But Krishna approaches the despondent warrior and settles the conflict within him by enlightening him about his duties as a warrior, about his dharma. Arjuna the hero is man, and his inner self is the battlefield where the soul’s fierce struggles are fought. Wavering between the earthly and the heavenly aspects of our inner life, caught in a conflict of emotions, plagued by anxious doubts, we often do not know where to turn or what our duty is. For every individual being has his own special duty, his dharma, which he must recognize.
[ 4 ] Was versteht der Inder unter «Dharma»? Dharma hat viele Bedeutungen, die sich aber gegenseitig ergänzen und alle zueinander in Beziehung stehen. Dharma ist mit Karma eng verknüpft; sie verhalten sich zueinander wie Frucht und Samen. Dharma ist das Gewordene, das Resultat des vergangenen Karmas, der vergangenen Tätigkeit, und Dharma ist das gegenwärtige schaffende Prinzip in uns und erzeugt wieder das Karma der Zukunft. Dharma ist die Richtkraft unseres eigenen Denkens und Handelns, unsere eigene, persönliche Wahrheit. Es bezeichnet unsere innere Natur, charakterisiert durch den erreichten Grad der Entwicklung; es ist das Gesetz, welches das Wachstum für die zukünftige Entwicklungsperiode bestimmt, der fortlaufende Lebensfaden. Wie Ring an Ring reiht sich Inkarnation an Inkarnation, eine kontinuierliche Kette. Dharma ist unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich und wirkt in uns als Vater, Mutter und Sohn. Der Vater als Übersein, als höheres Selbst, als seine Wahrheit und sein Gesetz; die Mutter als das sich entwickelnde Wesen und der Sohn als das Künftige. Eine Inkarnation ist wertlos und verloren, die nicht durch Tätigkeit eine Übergangsstufe zur höheren Entwicklung wird; ebenso zwecklos ist das Streben, der Wunsch nach einer Vervollkommnung, die nicht durch vorangegangene Tätigkeit erworben ist. Es gibt in der Entwicklung keinen Sprung; geduldig weben wir uns Kleid auf Kleid auf dem Webstuhl der Zeit. Was auf einer vergangenen Stufe geübt wurde, wird Anlage auf einer künftigen, und Tätigkeit in einer früheren Periode wird Fertigkeit in einer späteren.
[ 4 ] What do Indians mean by “Dharma”? Dharma has many meanings, but they complement one another and are all interconnected. Dharma is closely linked to karma; they relate to one another like fruit and seed. Dharma is what has come to be, the result of past karma, of past activity, and Dharma is the present creative principle within us that in turn generates the karma of the future. Dharma is the guiding force of our own thoughts and actions, our own personal truth. It denotes our inner nature, characterized by the degree of development attained; it is the law that determines growth for the future period of development, the continuous thread of life. Like ring upon ring, incarnation follows incarnation, a continuous chain. Dharma is our past, present, and future all at once and acts within us as father, mother, and son. The father as the transcendent being, as the higher self, as its truth and its law; the mother as the developing being, and the son as the future. An incarnation is worthless and lost if it does not, through activity, become a transitional stage toward higher development; equally futile is the striving, the desire for perfection, that is not acquired through prior activity. There is no leap in development; patiently we weave garment upon garment on the loom of time. What was practiced at a past stage becomes a predisposition at a future one, and activity in an earlier period becomes skill in a later one.
[ 5 ] Schwer ist es für uns immer, unser eigenes Dharma, das Gesetz unseres persönlichen Daseins zu finden, das Gebot «Erkenne dich selbst» zu erfüllen. Man muß sich lange gewöhnen, um unbeeinflußt von den Dingen der Sinnenwelt, von unseren eigenen Wünschen und bewunderten Vorbildern, sich still in sich selbst versenken zu können und auf die innere Stimme zu horchen, die uns den Weg unserer Pflicht weist, die unsere Stellung, unsere Beziehungen, der Kreis, in den wir hineingeboren sind, uns auferlegen. Wenn wir die Stufe unseres Seins, unseren Unvollkommenheitsgrad richtig erkennen, wenn wir uns über das, was Wahrheit und Pflicht auf unserer Entwicklungstufe ist, recht klarwerden, dann dient Selbsterkenntnis nicht dem Egoismus, sondern das ist Dharma, denn Dharma ist die Befolgung des Gesetzes im Sinne wahrer Selbsterkenntnis. Wir finden dann unsere persönliche Note und können sie in der ewigen Weltharmonie zum kräftigen Mittönen bringen. Wir müssen unseren innigen Zusammenhang mit dem Kosmos, als einen Teil desselben, begreifen lernen; unsere Schwingungen müssen harmonisch zu der rhythmischen Bewegung des Kosmos stimmen. Unrecht und Sünde ist ja nichts anderes als Disharmonie, wenn unsere unregelmäßigen Schwingungen Stockungen und Störungen in dem gesetzmäßigen Gang des kosmischen Geschehens verursachen. Je mehr wir uns eins mit dem Kosmos fühlen, je mehr wird er uns offenbaren. Nur der Geist spricht zu uns, den zu verstehen wir gelernt haben. Nach dem Maße unserer Erkenntnis wird uns göttliche Inspiration zuteil, offenbart sich uns das höhere Selbst, das göttlicher Natur ist.
[ 5 ] It is always difficult for us to find our own Dharma, the law of our personal existence, and to fulfill the commandment “Know thyself.” It takes a long time to get used to being able to immerse oneself quietly within, uninfluenced by the things of the sensory world, by our own desires, and by the role models we admire, and to listen to the inner voice that shows us the path of our duty—the duty imposed on us by our position, our relationships, and the circle into which we were born. When we correctly recognize the stage of our being, our degree of imperfection, when we become truly clear about what truth and duty are at our stage of development, then self-knowledge does not serve egoism, but is Dharma, for Dharma is the observance of the law in the sense of true self-knowledge. We then find our personal touch and can bring it to resound powerfully within the eternal harmony of the world. We must learn to comprehend our intimate connection with the cosmos, as a part of it; our vibrations must harmonize with the rhythmic movement of the cosmos. Injustice and sin are, after all, nothing other than disharmony, when our irregular vibrations cause blockages and disturbances in the lawful course of cosmic events. The more we feel at one with the cosmos, the more it will reveal itself to us. Only the Spirit speaks to us, which we have learned to understand. To the extent of our knowledge, divine inspiration is bestowed upon us, and the higher Self, which is of a divine nature, reveals itself to us.
[ 6 ] Wir können ja nur einen Teil jener großen, ewigen Wahrheit erkennen, in dem Umfange und der Größe, als wir durch unsere eigene Tätigkeit, durch unser Karma, in uns zur Offenbarung gebracht haben. Leben für Leben steigert sich in unserem Entwicklungsgang dieser Umfang, wir schreiten in Wissen und Erkenntnis fort, denn unsere Bestimmung ist es, den ganzen Ideeninhalt unserer Welt, unseres Kosmos, nach und nach in uns aufzunehmen. Wir können das nie, ohne stufenweise in uns den ganzen Reichtum der Erscheinungswelt als Erfahrung zu durchleben. Die Natur lebt in uns, wenn wir sie ganz erfassen. Ruhe, Friede und Zufriedenheit mit seinem Lebenslose muß jeden überkommen, der klar erkennt, daß er in den Kreis hineingeboren ist, für den er sich durch sein vergangenes Karma selbst vorbereitet hatte und den er nun mit der ganzen Treue auszufüllen und dessen ganzen Umfang er durch seine Tätigkeit zu erschöpfen hat. Damit hat er durch eigenes Frleben ein Wissensgebiet sich errungen und arbeitet nun in seiner eigenen Linie an der Erweiterung desselben, um sich höhere und bessere Daseinsbedingungen für künftig zu schaffen. So wird er auch dem Bruder, der unter ihm auf der Stufenleiter der Wesen emporzuklimmen versucht, in liebevollem Verständnis die Hand reichen, um ihm zu helfen, denn er selbst stand ja vor kurzem noch auf derselben Sprosse und rang sich mühsam empor, die Hände ausstreckend nach den Brüdern, die ihm voraus emporgeschritten waren.
[ 6 ] We can only perceive a part of that great, eternal truth to the extent and degree that we have brought it to revelation within ourselves through our own actions, through our karma. Life after life, this scope expands in our course of development; we advance in knowledge and understanding, for it is our destiny to gradually absorb within ourselves the entire conceptual content of our world, of our cosmos. We can never do this without gradually experiencing within ourselves the full richness of the phenomenal world. Nature lives within us when we fully grasp it. Calm, peace, and contentment with one’s lot in life must come over everyone who clearly recognizes that they have been born into the circle for which they had prepared themselves through their past karma, and which they must now fulfill with complete fidelity, exhausting its full scope through their own activity. In this way, through his own experience, he has gained a field of knowledge and now works within his own line to expand it, in order to create higher and better conditions of existence for himself in the future. Thus, he will also extend a hand in loving understanding to the brother who is attempting to climb the ladder of beings below him, to help him, for he himself stood on the same rung only a short time ago and struggled laboriously upward, reaching out his hands to the brothers who had advanced ahead of him.
[ 7 ] So sehen wir, wie jeder verschieden von dem anderen seine eigenen Pflichten hat, wie klar wir unterscheiden lernen müssen, um nicht uns aus unserer Bahn lenken zu lassen, um unser Gleichgewicht zu bewahren, unser Gesetz zu befolgen. Mit weiser Voraussicht hatten die hohen Führer und erleuchteten Könige das indische Volk in Kasten geteilt. So grausam das uns an Freiheit und uneingeschränkte Wahl gewöhnte Abendländer auch erscheinen mag, so liegt doch diesem strengen Zwange ein tiefer Sinn zugrunde. Die Kasteneinteilung der alten Inder entspricht ganz der natürlichen Einteilung des Menschengeschlechts. Jeder wird durch sein eigenes Karma in die ihm gemäße Kaste hineingeboren, er hat erst den ganzen Umkreis der Pflichten innerhalb derselben zu erfüllen, ehe er für eine neue Inkarnation in die nächsthöhere Kaste reif wird. Solange auf einer niederen Stufe das eigene Urteil noch unentwickelt ist, muß der Mensch Gehorsam lernen, er muß im Dienen die Tugenden der Treue und Ergebenheit erwerben, und so bildet die Kaste der Sudra die Schule für unbedingten Gehorsam und Unterordnung - diese geübten Tugenden, die erst für Selbstbezwingung, Selbstbestimmung und eine liebevolle und milde Herrschaft befähigt machen.
[ 7 ] Thus we see how each person, distinct from the other, has his own duties; how clearly we must learn to distinguish between them so as not to be led astray, to maintain our balance, and to obey our law. With wise foresight, the high leaders and enlightened kings had divided the Indian people into castes. As cruel as this may seem to us Westerners, who are accustomed to freedom and unrestricted choice, there is nevertheless a deeper meaning underlying this strict constraint. The caste system of the ancient Indians corresponds entirely to the natural division of the human race. Each person is born into the caste appropriate to them by their own karma; they must first fulfill the full range of duties within that caste before they become ready for a new incarnation in the next higher caste. As long as one’s own judgment is still undeveloped at a lower level, one must learn obedience; he must acquire the virtues of loyalty and devotion through service, and thus the Sudra caste serves as a school for unconditional obedience and subordination—these practiced virtues are what first enable self-mastery, self-determination, and a loving and gentle rule.
[ 8 ] In der zweiten Kaste, den Vaisya, wird der Mensch, Ackerbau und Viehzucht treibend, in innigsten Zusammenhang mit der umgebenden Natur treten. Er wird im Schweiße seines Angesichts den Mutterboden bearbeiten lernen, er wird säen und ernten und so die Nahrung für seine Mitbrüder erzeugen; er wird alle Tugenden eines Ackerbauers üben. Sodann wird er als Kaufmann Handel und Gewerbe treiben, Reichtümer sammeln und viele Untugenden seines Standes durchmachen müssen. Durch Selbstsucht und Geiz wird er oft erst weise Ökonomie erlernen und die richtige Verwendung seines Reichtums zum Nutzen und Frommen seiner Mitbürger. Hat er bis zur Vollkommenheit seine Lektion auf dieser Stufe erlernt, so wird er in der folgenden Inkarnation ein Kshatriya und in die Kriegerkaste hineingeboren. Hier muß er seine Kräfte zum Schutze und zur Verteidigung seines Vaterlandes einsetzen; durch Mut und Tapferkeit und Selbstverleugnung Stärke gewinnen, um jeder Gefahr gewachsen zu sein. Das kann er nur, wenn er jeden Augenblick bereit ist, sein Leben der Pflicht zum Opfer zu bringen. Der Krieger muß das physische Leben hingeben, dann erwirkt seine Seele den Geist der Selbstentäußerung und ist Schöpfer eines Ideals. Der Körper ist einzig dazu bestimmt, der Entwicklung des inneren Lebens zu helfen; er muß verschwinden, wenn die Seele einen neuen Körper braucht, das heißt ein passenderes Kleid für ihre fortgeschrittene Entwicklung. Der Krieg ist die Schule, die durchgemacht werden muß, um in jene höchste Kaste der Brahmanen zu gelangen, für die — auf ihrer Stufe der Entwicklung und Erkenntnis - Kampf und Tötung eine Todsünde ist. «Töte deinen Feind» ist dem Kshatriya geboten, er weiß aber, daß er niemals in Wahrheit einen seiner Brüder töten noch von ihm getötet werden kann, wie Krishna tröstend zu Arjuna sagt.
[ 8 ] In the second caste, the Vaisya, a person will engage in agriculture and animal husbandry, entering into the closest connection with the surrounding natural world. He will learn to till the soil by the sweat of his brow; he will sow and reap, thereby producing food for his fellow men; he will practice all the virtues of a farmer. Then, as a merchant, he will engage in trade and commerce, amass wealth, and must endure many of the vices of his station. It is often through selfishness and greed that he will first learn wise economy and the proper use of his wealth for the benefit and welfare of his fellow citizens. If he has learned his lesson to perfection at this stage, he will become a Kshatriya in his next incarnation and be born into the warrior caste. Here he must use his strength to protect and defend his fatherland; through courage, bravery, and self-denial, he gains the strength to face any danger. He can do this only if he is ready at every moment to sacrifice his life to duty. The warrior must give up physical life; then his soul attains the spirit of self-sacrifice and becomes the creator of an ideal. The body is intended solely to aid the development of the inner life; it must disappear when the soul needs a new body—that is, a more suitable garment for its advanced development. War is the school that must be endured in order to attain that highest caste of the Brahmins, for whom—at their stage of development and knowledge—fighting and killing are a mortal sin. “Kill your enemy” is commanded of the Kshatriya, but he knows that in truth he can never kill one of his brothers nor be killed by him, as Krishna says comfortingly to Arjuna.
[ 9 ] Nur die Erreichung der höchsten Vollkommenheit in allen Pflichten der anderen Kasten gibt die Befähigung, in den Brahmanen- oder Priesterstand zu kommen. Der Brahmane hat sich von Kampf und Streit fernzuhalten, er sammelt und bewacht die höchsten Güter der Menschheit, er ist ihr geistiger Führer und Lehrer. Friede und Weisheit und Erkenntnis teilt er seinen schwachen Brüdern mit, in ihm ruhen alle die Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte als Befähigung, die Menschheit zu ihrer ewigen Bestimmung hinzuleiten.
[ 9 ] Only by attaining the highest perfection in all the duties of the other castes does one qualify to enter the Brahmin or priestly class. The Brahmin must keep himself aloof from strife and conflict; he gathers and safeguards the highest goods of humanity; he is its spiritual guide and teacher. He imparts peace, wisdom, and knowledge to his weaker brothers; within him rest all the experiences of past centuries as the capacity to guide humanity toward its eternal destiny.
[ 10 ] So sehen wir, wie jede Entwicklungsstufe ihr eigenes Dharma erfüllen muß. Was auf der einen Stufe als gut gilt, hat die andere als böse zu meiden. Gut und Böse hat in der ewigen Weltordnung seinen Platz; in ihr verlieren sie jene Bedeutung, welche wir ihnen beilegen. Sie sind notwendig, denn sie sind die Pole der Entwicklung, sie sind aus einem Ursprung hervorgegangen. Gut und Böse, Wirkung und Gegenwirkung, bedingen und ergänzen sich wie Schlaf und Wachen, wie Ruhe und Tätigkeit, wie Licht und Schatten, wie Hell und Dunkel, und sie gehören zueinander wie Geist und Materie. Es ist Atma als reinstes Licht, Urquell alles Seins, und Aima als Spiegelbild, dunkelster Punkt und Keimkraft in der dichtesten Materie, welches den Anstoß zur Entwicklung und Verfeinerung der Materie in ewigem Wechsel der Formengebilde gibt, bis sich die Gegensätzlichkeit zur Lichtquelle des Geistes emporgerungen hat und in Nirwana sich mit seinem Ausganspunkt wieder vereinigt. Aus der ursprünglichen Einheit der Weltharmonie, des ewigen Grundes aller Dinge, des Seins, löst sich die Gegensätzlichkeit los - das ewige Werden der Materie, die sich in zahllosen wechselnden Formen aus sich heraus und hinauf entwickelt zur Erfüllung, um aus der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, dem Vielen, wieder zu einer Einheit zu verschmelzen, bereichert mit den unzähligen Erfahrungen der getrennten Einheiten. Mit Nirwana schließt sich der Kreis: Ausgang und Rückkehr zum ewigen Urgeist.
[ 10 ] Thus we see how each stage of development must fulfill its own dharma. What is considered good at one stage must be avoided as evil at the next. Good and evil have their place in the eternal world order; within it, they lose the meaning we ascribe to them. They are necessary, for they are the poles of development; they have emerged from a single source. Good and evil, action and reaction, condition and complement one another like sleep and waking, like rest and activity, like light and shadow, like brightness and darkness, and they belong together like spirit and matter. It is Atma as the purest light, the primal source of all being, and Aima as the mirror image, the darkest point and the germinal force within the densest matter, which provides the impetus for the development and refinement of matter in the eternal alternation of forms, until the opposition has risen up to the light source of the spirit and, in Nirvana, reunites with its point of origin. From the original unity of world harmony, the eternal ground of all things, of being, the opposition breaks free —the eternal becoming of matter, which develops from within itself and upward in countless changing forms toward fulfillment, so that from the manifold of phenomena, the many, it may merge once more into unity, enriched by the countless experiences of the separate units. With Nirvana, the circle is complete: departure and return to the eternal Primordial Spirit.
[ 11 ] Für die abendländische Weltanschauung, welche in der Entwicklung des gegenwärtigen Seins ihr höchstes Ziel sieht, bedeutet Nirwana das Nichts. Von dem, was ihr als vollkommenes Sein gilt, ist in Nirwana allerdings nichts vorhanden. Nirwana ist das Nichts von Karma; es kann kein Karma mehr entstehen, weil Dharma offenbar geworden ist.
[ 11 ] For the Western worldview, which sees the development of present existence as its highest goal, Nirvana signifies nothingness. Indeed, nothing of what it regards as perfect existence is present in Nirvana. Nirvana is the nothingness of karma; no more karma can arise because Dharma has become manifest.
[ 12 ] Vergangene Weltanschauungen sahen auf das, was noch nicht ist, und das gegenwärtige Sein war ihnen ein unvollkommener Übergang zu Höherem. Jeden Tätigkeitszustand sahen sie als Zwischenglied zwischen der Unvollkommenheit und der absoluten Vollkommenheit in Nirwana an. Das Ziel und das Ideal für sie war der Zustand einer Wesenheit, die ihr ganzes Dharma offenbart und damit ihr Karma verbrannt hat und in Nirwana eingeht.
[ 12 ] Past worldviews looked toward what is not yet, and present existence was, to them, an imperfect transition toward something higher. They viewed every state of activity as an intermediate link between imperfection and the absolute perfection of Nirvana. The goal and ideal for them was the state of a being who has revealed their entire Dharma, thereby burned away their karma, and entered Nirvana.
