Über die astrale Welt und das Devachan
GA 88
27 October 1903, Berlin
18. Physische Krankheiten und Kosmologische Gesetzmässigkeiten
[ 1 ] Es wurden die Fragen gestellt: Warum gibt es im karmischen Zusammenhang das Unvollkommene, das Übel, den Schmerz und die Krankheit? Wird nicht auch durch den Gedanken eines wohlwollenden Menschengeistes der karmische Ausgleich bewirkt? Der Gedanke an einen verzeihenden Gott liegt doch näher als der an einen streng-gerechten.
[ 2 ] Auf diese Fragen kann folgendes geantwortet werden: Unsere Gottes-Idee, [so wie sie sich vom theosophischen Gesichtspunkt darstellt], schließt die Vorstellung ein, daß die einzelnen Individualitäten im Laufe der Zeit zu ihrer höchsten Vollkommenheit geführt werden, und zwar nicht auf irgendeine unbestimmte Weise, sondern so, daß sie auf einem bestimmten Entwicklungswege das göttliche Endziel erreichen.
[ 3 ] In unserem Kosmos haben wir es mit sieben planetarischen Entwicklungszuständen zu tun: Saturn, Sonne, Mond, dann kommt die Erde, später wird diese in den nächsten Entwicklungszustand übergehen, in den fünften, dann in den sechsten und schließlich in den siebenten. Von drei dieser sieben planetarischen Zustände, das heißt von dem Mond, von der Erde und dem künftigen Planeten Jupiter, können wir eine gewisse Vorstellung gewinnen. Unseren Planeten, die Erde, nennen wir den Kosmos der Liebe, und den nächstfolgenden, den Jupiter, den Kosmos des Feuers. In dem vorangegangenen planetarischen Zustand, dem Mondenzustand, haben wir den Kosmos der Weisheit zu sehen.
[ 4 ] Die höchstentwickelten Wesen des gegenwärtigen Erdenzustandes nennen wir die «Meister der Liebe und des Mitleids». Die «Meister der Weisheit» waren die höchstentwickelten Wesen der Mondentwicklung; sie haben den weisen Aufbau der menschlichen Organe aus den kosmischen Karmakräften so geleitet, daß zum Beispiel zur richtigen Zeit Hunger und Durst auftreten. Treten nun diese «Meister der Weisheit» in unserer Zeit auf, so kommen sie mit zuviel Weisheit herüber. Nicht wahr, ein Klavierbauer muß seine Tätigkeit in der Werkstatt ausführen; im Konzertsaal würde seine Tätigkeit nur Unheil anrichten. So kann ein und dieselbe Tätigkeit an einem Orte gut, am anderen Orte schlecht sein. Dies gilt eben auch für diese «Meister der Weisheit»; da sie zuviel Weisheit haben, würden sie infolgedessen hier auf der Erde Unheil anrichten, so wie der Klavierbauer im Musiksaal Unheil anrichten würde. Wenn die «Meister der Liebe und des Mitleids» zuviel von unserer Erde mit herübernehmen in den nächsten planetarischen Entwicklungszustand, so würden sie eine Art «Brüder des Schattens» werden, denn diese nächste Epoche wird die Aufgabe haben, das Manas-Element auf die Ebene von Budhi herauf zu läutern. Alle diese gereinigten Karmagefühle werden dann zusammenfließen zu einer einzigen Macht, die zustreben wird dem Urgeist, der unseren Planeten durchströmt und durchflutet. Alles, was der heutige Mensch fühlt, wird im nächsten Zustand in geläuterter Form wie Flammen zusammenströmen, und diese vielen einzelnen Flammen werden sich verbinden zu einem Gesamtfeuer. Und so nennt man diesen Planeten den Kosmos des Feuers, der gebildet wird aus den geläuterten Gefühlen der menschlichen Herzen, indem sie harmonisch ineinanderklingen.
[ 5 ] Dieser Kosmos des Feuers verhält sich zu unserem irdischen Kosmos so wie dieser zu seinem Vorgänger. Das Wesenhafte muß erst durch die Weisheit hindurchgegangen sein, dann durch die Liebe, und endlich muß es im Feuer aufgehen. Das ist das Ziel, welches der Urgeist, der den Kosmos durchströmt, anstrebt. Er will die Menschheit alle Zwischenstadien durchleben lassen. Der Mensch soll nicht nur einfach zur Vollkommenheit gelangen, sondern es gilt auch, ihn alle einzelnen Stadien durchlaufen zu lassen, um ihn den Reichtum des Daseins erleben zu lassen. Diese Zwischenziele könnten nicht erreicht werden, wenn nicht Mannigfaltigkeit in der Zeit und im Raum vorhanden wäre. Im Raume sind verschiedene Daseinsstufen nebeneinander. Aber auch hintereinander in der Zeit leben die Wesen und machen verschiedene Epochen, verschiedene Stufen durch. So erstrebt der Urgeist die Mannigfaltigkeit in der Zeit und im Raume. Er läßt die Wesen durch sich selbst zur Vollkommenbheit schreiten. Er läßt die Wesen die einzelnen Lektionen wirklich durchmachen.
[ 6 ] Karma kann also nur so wirken, daß das eine, das Vollkommene, dem anderen, dem Unvollkommenen, entspricht. Denken Sie sich, ein Kind soll sich entwickeln, um sich im Hinblick auf sein späteres Erwachsensein zu vervollkommnen. Da muß es alles erst lernen. Es muß stehen und gehen lernen, es muß lernen, sich selbst im Gleichgewicht zu halten; dabei wird es auch öfters hinfallen. Wenn mit dem Hinfallen kein Schmerz verknüpft wäre, so würde das Hinfallen keine Wirkung in der Richtung der Vervollkommnung der Fähigkeiten haben. Um sich zu vervollkommnen, muß eben Unvollkommenes im Leben vorhanden sein. Mit jeder Tatsache muß eine andere so verbunden sein, daß diese erste Tatsache uns zu einer Lektion wird, daß sie uns etwas lehrt. Das zeigt uns die Theosophie. Alle Zwischenstadien unseres Planeten sind ein Lernen, durch das wir aufsteigen bis zu dem höchsten Grade. Wir haben deshalb das Leben aufzufassen als ein Lernen. Der göttliche Urgeist gibt uns die Gelegenheit, daß wir aus dem Leben so viel wie möglich lernen. Ein nur verzeihender Gott würde uns verhindern zu lernen.
[ 7 ] Jede Tat wird zum Quell einer Erkenntnis. Das würde sie nicht, wenn nicht mit dem Pendeln nach der einen Seite das Ausschlagen des Pendels nach der anderen Seite verknüpft wäre. Es ist notwendig, daß das Pendel nach zwei Seiten ausschlagen kann, damit wir nicht an der Hand eines Schöpfers wie Marionetten gelenkt werden. Weil in bestimmten Stadien unserer Entwicklung nicht die ganze Mannigfaltigkeit des menschlichen Lebens auftritt, muß in anderen Stadien etwas auftreten, was sich ausnimmt wie das Ausschlagen des Pendels nach der anderen Seite.
[ 8 ] Nun gibt es physische Krankheiten. Den Ursprung der physischen Krankheiten können wir im Grunde genommen nicht begreifen. Begreifen können wir nur, daß uns Unfälle passieren; daß aber unser Körper einfach aus sich selbst heraus krank wird, ohne daß ihm ein Unfall geschieht, das ist etwas, was wir nicht so ohne weiteres begreifen können. Im Okkultismus werden die «Brüder des Schattens» auch als die Träger von bösen, von innen heraus wirkenden Krankheiten angesehen; und wir können den kosmischkarmischen Ursprung der ohne äußere Veranlassung auftretenden physischen Erkrankungen in der gleichen Richtung suchen. Durch das Zuviel an Weisheit am falschen Platz geschieht das Abirren ins Böse. Das bedeutet im Physischen ein zu starkes Eingreifen in die Organe durch die Meister der Weisheit. Diese sollen sich aber nur mit Weisheit beschäftigen und sich im jetzigen Erdenzustand nicht in die physische Sphäre der Organe vertiefen. Genau so werden die Meister der Weisheit, wenn sie hier dasselbe tun, was sie in einer früheren Stufe mit Recht getan haben, zu Erzeugern von physischen Krankheiten. Dieses sich gleichsam selbst überschlagende Weisheitsprinzip ist der Ursprung des physischen Übels.
[ 9 ] Unserem Kosmos der Liebe, des Mitleids und des Wohlwollens ging der Kosmos der Weisheit voran, in welchem die Wesen ihre Tätigkeit dem Ausbau des physischen Leibes gewidmet haben. Daß sie ihre Tätigkeit noch in unseren Kosmos hineinerstrecken, das bewirkt die Krankheiten. Die Krankheiten, die physischen und die moralischen Übel, sind auf diesen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen. Dies ist eine Tatsache, die sich uns aus der okkulten Geschichtsforschung ergibt.
[ 10 ] Ich habe gezeigt, wie unsere Zeit durch die äußere Forschung dahin gekommen ist, daß eine Vergeistigung durch die Theosophie notwendig wird. Bis vor das Tor der Theosophie kommt die abendländische Wissenschaft und klopft nun an, denn aus sich selbst heraus kann sie befriedigende Lösungen nicht finden.
[ 11 ] Lombrosos Forschungen zum Beispiel sind an sich berechtigt; bei ihm erscheinen das Physische und das Seelische nahe aneinander gerückt. Wie nahe rückt er beim Verbrecher Krankheit und physische Abnormität zueinander. Rein physische Abnormitäten und Unregelmäßigkeiten der Physis hat Lombroso bei Verbrechern gefunden; er mißt die Schädel, sucht Asymmetrien und Abnormitäten auf und sagt, daß da, wo eine moralische Verfehlung vorliegt, auch eine physische Disharmonie zu finden sei. Auf diese Weise rückt er moralisches und physisches Kranksein sehr nahe aneinander. So kommt die physische Wissenschaft zu Überzeugungen, zu denen auch der Okkultismus führt. Aber die Theosophie weiß, daß es sich im Falle von moralischen und physischen Krankheiten um ein karmisches Hereinragen der lunarischen Epoche in unsere irdische handelt; es sind kosmisch-karmische Wirkungen, die in diesem zu tiefen Vordringen in die Physis zum Vorschein kommen.
[ 12 ] Nun werden Sie sehen, warum diejenigen, welche die Fähigkeit zum astralen Schauen haben, ganz andere Ärzte sein können als die, welche dieses Schauen nicht haben. Während der lunarischen Epoche war alles, was damals geschehen ist, viel näher dem Astralen als heute; die astralen Kräfte waren viel reger, viel flüssiger, sie waren viel mächtiger. Der astrale Seher kann daher den Zusammenhang verfolgen, der zwischen unserer Welt und der lunarischen besteht. Er muß von den physischen Wirkungen in die astralen Ursachen hineinschauen. Man muß versuchen, sich dies in einem Bilde vorzustellen. Stellen wir uns vor, das Astrale wäre Wasser gewesen und wäre nun gefroren, so daß man in dem Eis alles sehen kann, was früher da war. Ein Arzt wie Paracelsus, der dieses Schauen hatte, war imstande, eine ganze Menge von Heilensprozessen zu finden, die dem gewöhnlichen Arzte nicht verständlich sind. Er war imstande, die Ursachen für die Krankheiten im Physischen durch sein Schauen zu ermitteln, das heißt die Ursachen der Krankheiten in den vorhergegangenen Entwicklungsepochen zu sehen. Er sagte, man müsse nicht bloß den irdischen, sondern auch den siderischen Menschen kurieren; das heißt in unseren Worten: man muß auch das Astralische des Menschen kurieren. Paracelsus sieht das Verhältnis zwischen der Wirkung des von ihm benutzten physischen Heilmittels und der Ursache der Krankheit, und er sieht auch die Wirkung dieses Heilmittels. Der gewöhnliche Arzt findet die Wirkung nur durch das Experiment.
[ 13 ] Sie sehen also, wie dasjenige, was auf der Erde als Unvollkommenheit erscheint, für uns nicht mehr unvollkommen ist, wenn wir es auffassen als verschuldet durch das Hereinwirken der früher berechtigten Weisheit in unsere Epoche. Was in unserer Epoche vollkommen ist, kann in einer früheren oder späteren unvollkommen sein. Jesus sagt: Warum nennt ihr mich vollkommen? Nur der Vater im Himmel ist vollkommen. -— Kein einzelnes Wesen ist vollkommen; es ist nur unvollkommen - an dem Ort und zu der Zeit, wo es sich befindet.
