Über die astrale Welt und das Devachan
GA 88
18 October 1903, Berlin
17. Okkulte Geschichtsforschung
Autoreferat Rudolf Steiners
[ 1 ] Über dieses Thema sprach Dr. Rudolf Steiner am 18. Oktober 1903 auf der Jahresversammlung der deutschen Sektion der «Theosophischen Gesellschaft». Es soll hier eine ganz kurze Inhaltsangabe der Ausführungen gegeben werden.
[ 2 ] Durch die Begründerin der «Theosophischen Gesellschaft» ist uns die «Geheimlehre» geschenkt worden, in welcher nach zwei Seiten hin die Grundlage gelegt wird für eine Lösung der großen Rätselfragen des Daseins. In einer umfassenden Weltentstehungslehre (Kosmogenesis) wird der Plan gezeigt, nach dem sich aus den geistigen Urmächten des Universums heraus der Schauplatz entwickelt hat, auf dem der Mensch seinem irdischen Wandel obliegt. Aus einem zweiten Bande (Anthropogenesis) ersehen wir, welche Stufen der Mensch selbst durchgemacht hat, bis er zu einem Gliede der gegenwärtigen Rasse geworden ist. Es wird von der Entwicklung der theosophischen Bewegung abhängen, davon, wann sie einen gewissen Zustand der Reife erlangt haben wird, in welcher Zeit uns dieselben geistigen Kräfte, die uns die großen Wahrheiten der beiden ersten Bände beschert haben, uns auch den dritten geben werden. Dieser wird die tieferen Gesetze für das enthalten, was uns, der Außenseite nach, die sogenannte «Weltgeschichte» bietet. Er wird sich mit der «okkulten Geschichtsforschung» beschäftigen. Er wird zeigen, wie sich im wahren Sinne die Geschicke der Völker erfüllen, wie im großen Menschheitsleben sich Schuld und Sühne verketten, wie die führenden Persönlichkeiten der Geschichte zu ihrer Mission gelangen, und wie sie dieselbe erfüllen.
[ 3 ] Nur derjenige, welcher weiß, wie die große Dreiheit: Körper, Seele und Geist eingreift in das Rad des Werdens, der kann die Entwicklung der Menschheit durchschauen. Da hat man, vor allem, einzusehen, wie das körperliche Dasein im weitesten Sinne bedingt wird von den großen kosmischen Naturkräften, die in Rassen- und Völkercharakteren und in dem, was man den «Geist» eines Zeitalters nennt, eine bestimmte Gestalt annehmen. Man wird einsehen, wie die materielle Grundlage zustande kommt, welche sich dadurch ausdrückt, daß die Menschen bestimmte Typen (Völker, Zeitalter) darstellen, in denen sie sich gleichen. Es werden hier die Gattungscharaktere ihre hellere Beleuchtung erfahren, die sie nicht erhalten können durch die auf das bloß Äußerliche gerichtete Kulturgeschichte. Man wird begreifen, wie die Einwirkung des Bodens, des Klimas, der wirtschaftlichen Verhältnisse und so weiter in Wirklichkeit auf die Menschen stattfindet.
[ 4 ] Dann wird auseinandergesetzt werden, welche Rolle das im eigentlichen Sinne persönliche Element in der Geschichte spielt. Die Triebe, Instinkte, die Gefühle, die Leidenschaften kommen aus diesem persönlichen Element. Und sie kann man wieder nur verstehen, wenn man das Hereinwirken derjenigen Welt, die man astral oder psychisch (seelisch) nennt, in diejenige kennt, die sich vor unseren physischen Sinnen und unserem Verstande abspielt. Ein Verständnis wird durch diesen Teil der okkulten Geschichte darüber aufgehen, was man gewöhnlich der Willkür der einzelnen Persönlichkeiten zuschreibt. Und man wird das Zusammenwirken verstehen von Einzelpersönlichkeit, Volk und Zeitalter. In die Weltgeschichte wird von dem astralen Felde herein das aufklärende Licht geworfen werden.
[ 5 ] Zum dritten wird man erfahren, wie der Gesamtgeist des Universums eingreift in die Menschengeschicke, wie in das höhere Selbst eines großen Menschheitsführers sich das Leben dieses Gesamtgeistes ergießt und auf diese Weise durch Kanäle dieses höhere Leben sich der ganzen Menschheit mitteilt. Denn das ist der Weg, den dieses höhere Leben nimmt: es fließt in die höheren Selbste der führenden Geister, und diese teilen es ihren Brüdern mit. Von Verkörperung zu Verkörperung entwickeln sich die höheren Selbste der Menschen und da lernen sie immer mehr und mehr, ihr eigenes Selbst zum Missionar des göttlichen Weltplanes zu machen. Durch die okkulte Geschichtsforschung wird man erkennen, wie sich ein Menschheitsführer zu der Höhe entwickelt, auf der er eine göttliche Mission übernehmen kann. Man wird einsehen, wie Buddha, Zarathustra, Christus zu ihren Missionen gekommen sind. Diese allgemeinen Sätze erläuterte der Vortragende durch Andeutungen über einige Beispiele, wie man sich die Entwickelung großer Führer der Menschheit durch ihre Wiederverkörperung hindurch zu denken hat.
Bericht (vermutlich von Richard Bresch)
[ 6 ] Um halb sechs Uhr hielt Herr Dr. Steiner den angekündigten Vortrag über okkulte Geschichtsforschung, zu dem sich eine Zuhörerschaft von 40-50 Personen eingefunden hatte. Redner führte ungefähr folgendes aus:
[ 7 ] Nachdem im Jahre 1875 die Gründung der Theosophischen Gesellschaft erfolgt war, begann H. P. Blavatsky mit Hilfe ihrer Lehrer an dem mächtigen Werke zu arbeiten, das wir unter dem Titel «Die Geheimlehre» kennen und in welchem uns ein Schatz von tiefstem Wissen hinterlassen ist. Dieses Werk besteht aus zwei Teilen, dem kosmologischen und dem anthropologischen, von denen der erste die Entwicklung des Weltalls, der zweite die des Menschen behandelt. Im Laufe der Zeit nun wird diese Arbeit eine Ergänzung erfahren, und zwar in einem dritten Teile, der sich mit dem beschäftigen wird, was die profane Wissenschaft «Geschichte» nennt. Die Geschichtsforschung muß sich wohl oder übel mit den Tatsachen begnügen, die sich auf der physischen Ebene abspielen; die Theosophie dahingegen, die direkt auf die Ursachen zurückgeht, findet die Anwort auf alle jene Fragen, mit deren Lösung sich die profane Wissenschaft so oft und so vergeblich geplagt hat.
[ 8 ] Wenn wir die geschichtlichen Tatsachen verfolgen, tritt uns dreierlei entgegen: Geradeso wie der handelnde Mensch in ein dreiteiliges System eingehüllt ist — die physische, die seelische und die geistige Wesenheit -—, so unterliegen auch die geschichtlichen Tatsachen einer solchen Dreiteilung. Die äußeren Handlungen, die sich vor unseren Sinnen abspielen, sind im Physischen; im Seeliischen liegt das Zentrum, wo Lust und Unlust, Sympathie und Antipathie herrschen, und im Geistigen finden wir das Gebiet, wo die Ereignisse der Geschichte entstehen. Hier haben wir die wahren Ursachen für alles Geschehen auf Erden zu suchen, hier beraten sich die leitenden Personen der Geschichte Aug’ in Auge mit den großen und unsichtbaren Führern der Menschheit. Erst wenn wir die Absicht erforschen, die jene zum Handeln trieb, begreifen wir die oft unerklärlichen Tatsachen der Geschichte.
[ 9 ] So zum Beispiel lebte im 15. Jahrhundert ein Kardinal Nikolaus von Cusa (Cusanus), der tiefe wissenschaftliche Einsichten hatte. Lange vor Kopernikus hatte er die doppelte Bewegung der Erde erkannt und gelehrt, ohne daß er von seinen Zeitgenossen verstanden wurde. Es war eine Art der Vorbereitung zu dem, was Kopernikus (geb. 1473) einer einsichtsvolleren Generation (16. Jahrhundert) mitteilen konnte. Die okkulten Forscher lehren nun übereinstimmend (und auch H. P. Blavatsky hat es offen ausgesprochen und im III. Band der «Geheimlehre angedeutet), daß Kopernikus niemand anders war als der wiederinkarnierte Kardinal Cusa, der auf diese Weise sein Werk zur Vollendung brachte. So werden Aufgaben gestellt und gelöst; die Seele, die etwas Großes vorbereitet, kommt später wieder, um ihre Mission zu erfüllen und zu beenden.
[ 10 ] Noch zwei andere Beispiele führte der Redner aus, um darzutun, auf welche Art die okkulte Geschichtsforschung auf ihrem schwierigen Gebiete arbeitet, wie sie uns die scheinbar zusammenhanglosen Tatsachen erklärend verbindet; und mit diesen Beispielen gab er gleichzeitig ein Bild von dem einst zu erwartenden Ergänzungswerke der Geheimlehre: Runden und Rassen waren die Gegenstände der bis jetzt erschienenen Teile; der dritte Teil, die okkulte Geschichtsforschung, wird sich mit der Reinkarnation beschäftigen.
[ 11 ] Zum Schluß kam Dr. Steiner eingehend auf die theosophische Bewegung zu sprechen. Dieselbe, betonte er, sei auch im okkulten Sinne eine gewaltige Notwendigkeit; dafür ließen sich vielfache Gründe anführen, von denen einer der wichtigsten folgender sei:
[ 12 ] Jeder Menschenrasse wird ein Geheimnis ausgehändigt; wir sind in der fünften Rasse und bei dem fünften Geheimnis, und zwar kann letzteres heute noch nicht ausgesprochen werden, wir sind aber dabei, uns allmählich in dasselbe hineinzuleben. Welcher Art es ist, deutet schon Paulus, der ein Initiierter war, an - kundgegeben wird es erst im Laufe der Entwicklung unserer Rasse. Ein vorzeitiges Erraten dieses Geheimnisses durch rein intellektuelle Fähigkeiten würde eine unbeschreibliche Gefahr für die Menschheit bedeuten. Da nun schon zweimal ein solches Erraten beinahe erfolgt ist und in absehbarer Zeit wieder bevorsteht, haben die großen Lehrer der Menschheit die theosophische Bewegung herbeigeführt. Die Menschheit soll vorbereitet werden auf die große Wahrheit. Die Theosophie arbeitet auf einen gewissen Zeitpunkt hin; ein Kern soll gebildet werden, der diese Wahrheit versteht, wenn sie dereinst unverhüllt hervortritt — ein Kern, der sie richtig erfaßt und nicht zum Fluche, sondern zum Segen der Menschheit verwendet. Die früheren Rassen wurden aus einer schon bestehenden, durch Auswahl geeigneter Individuen oder Familien und Fortführung derselben durch den Manu in geeignete menschenleere Landschaften gebildet. Dies Verfahren sei bei dem heute über den ganzen Erdball gehenden Verkehr nicht mehr tunlich, aber auch nicht mehr notwendig; an seine Stelle trete heute die Erziehung durch die kosmopolitische internationale Theosophische Gesellschaft, welche diesen Kern bilde.
Nachbemerkung der Heransgeber:
[ 13 ] Am 14. November 1903 schrieb Günther Wagner aus Lugano, der diesen Vortrag gehört hatte, an Rudolf Steiner folgendes:
[ 14 ] «... Lieb wäre es mir, wenn Sie mir eine spezielle Auskunft geben möchten: Die Andeutung über ein Rätsel, das jede Rasse zu lösen habe, war mir vollständig neu; in der «Secret Doctrine» habe ich nichts darüber gefunden. Würden Sie mir die vier Rätsel nennen können, die die vier ersten Rassen (anscheinend doch) gelöst haben? Auch H. P. B.s Andeutung darüber würde ich gern lesen, vielleicht geben Sie mir die genaue Stelle an.»
[ 15 ] Rudolf Steiner antwortete ihm am 24. Dezember 1903:
[ 16 ] Verehrter lieber Herr Wagner! Seite 73 der (deutschen Ausgabe) «Geheimlehre» steht mit Bezug auf Strophe 1,6 (Dzyan): «Von den sieben Wahrheiten oder Offenbarungen sind uns bloß vier ausgehändigt, da wir noch in der vierten Runde sind.» — Ich habe nun — als Sie in Berlin waren - im Sinne einer gewissen okkulten Tradition darauf hingedeutet, daß die vierte der oben gemeinten sieben Wahrheiten zurückgeht auf sieben esoterische Wurzelwahrheiten, und daß von diesen sieben Teilwahrheiten (die vierte als das Ganze betrachtet) jeder Rasse eine - in der Regel - ausgeliefert wird. Die fünfte wird ganz offenbart werden, wenn die fünfte Rasse ihr Entwickelungsziel erreicht haben wird. Nun möchte ich Ihrer Frage entsprechen, so gut ich es kann. Gegenwärtig liegt die Sache so, daß die vier ersten Teilwahrheiten Meditationssätze für die Aspiiranten der Mysterien bilden und daß nichts weiter gegeben werden kann als diese (symbolischen) Meditationssätze. Aus ihnen geht dann für den Meditierenden auf okkultem Wege manches Höhere hervor. Ich setze also die vier Meditationssätze - in deutsche Sprache aus der symbolischen Zeichensprache übertragen - hierher:
[ 17 ] I. Sinne nach: wie der Punkt zur Sphäre wird und doch er selbst bleibt. Hast du erfaßt, wie die unendliche Sphäre doch nur Punkt ist, dann komme wieder, denn dann wird dir Unendliches in Endliches scheinen.
[ 18 ] ll. Sinne nach: wie das Samenkorn zur Ähre wird, und dann komme wieder, denn dann hast du erfaßt, wie das Lebendige n der Zahl lebt.
[ 19 ] III. Sinne nach: wie das Licht sich nach der Dunkelheit, die Hitze nach der Kälte, wie das Männliche nach dem Weiblichen sich sehnt, dann komme wiieder, denn dann hast du erfaßt, welches Antlitz dir der große Drache an der Schwelle weisen wird.
[ 20 ] IV. Sinne nach: wie man in fremdem Hause die Gastfreundschaft genießt, dann komme wieder, denn dann hast du erfaßt, was dem bevorsteht, der die Sonne um Mitternacht sieht.
[ 21 ] Nun ergibt sich, wenn die Meditation fruchtbar war, aus den vier Geheimnissen das fünfte. Lassen Sie mich vorläufig nur so viel sagen, daß die Theosophie - die Teil-Theosophie, die etwa in der «Geheimlehre» und ihrer Esoterik liegt - eine Summe von Teilwahrheiten des fünften ist. Eine Andeutung, wie man darüber hinauskommt, finden Sie in dem von Sinnett angeführten Briefe des Meisters K.H. [Kuthumi], der mit folgenden Worten beginnt: «Ich habe jedes Wort zu lesen ...». In der ersten (deutschen) Ausgabe der «Okkulten Welt» steht er auf Seite 126 und 127.
[ 22 ] Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, in dem Satze K.H.s (Seite 127) «Wenn die Wissenschaft gelernt haben wird, wie Eindrücke von Blättern ursprünglich auf Steinen zustande kommen ...», in diesem Satze liegt fast das ganze fünfte Geheimnis auf okkulte Weise verborgen.
[ 23 ] Das ist alles, was ich zunächst über Ihre Fragen zu sagen vermag. Weiteres vielleicht auf weitere Fragen.
[ 24 ] Die vier obigen Sätze sind das, was man lebendige Sätze nennt, d.h. sie keimen während der Meditation und es wachsen aus ihnen Sprossen der Erkenntnis.
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