Über die astrale Welt und das Devachan
GA 88
4 November 1903, Berlin
2. Die höheren Welten und der Anteil des Menschen an Ihnen
[ 1 ] Nachdenkliche Menschen könnten vielleicht ein Ereignis,. das in den letzten Tagen ganz überraschend eingetreten ist, als einen Beweis dafür nehmen, daß vieles Unbekannte in dem Raume sein kann, in dem wir uns alle befinden, von dem wir plötzlich Wirkungen wahrnehmen, ohne daß wir vorher von seinem Vorhandensein eine Ahnung gehabt haben. Sie werden ja schon erraten, daß ich damit auf ein Ereignis hinweise, das letzte Woche stattgefunden hat: An einem schönen Mittag, es war letzten Sonnabend, hörten in Frankreich plötzlich alle Telegrafenleitungen auf zu funktionieren; man konnte nach keinem Orte in Frankreich telegrafieren oder telefonieren und kein Physiker konnte sich eine Vorstellung machen, wovon das kam. Abends ging der Strom wieder wie vorher. Diese Störung war auf der ganzen Erde zu spüren. Man hatte vorher keine Ahnung, daß etwas derartiges auf unserer Erde vorgehen könnte, daß plötzlich alle telegrafischen Leitungen stillestehen. Die Wissenschaft wird die Ursache schon finden. Aber man wird sich klar sein müssen, daß fortwährend in der Welt eine Kraft wirken kann, von der wir uns keine Vorstellung machen können — Zusammenhänge, von denen wir nichts wissen, deren Wirkungsweise wir nicht im voraus kennen.
[ 2 ] Wir Menschen gehören der astralen Welt ebenso an, wie wir der physischen Welt angehören. Wir gehören auch noch anderen Welten an, aber das Dasein dieser Welten verstehen wir erst, wenn wir sehen, was für Kräfte aus dem höheren Dasein hereinspielen. Demjenigen, dessen Augen für die astrale Welt geöffnet werden, geht ein neues Dasein auf: die Welt, in der wir alle Triebe und Instinkte, alle Leidenschaften und Temperamente so vor uns sehen, wie wir die Dinge um uns herum in der physischen Welt sehen. Diese astrale Welt ist aber nicht die höchste. Sie ist diejenige, welche um eine Stufe höher liegt als unsere physische Welt, sie ist eine feinere Welt, die unsere ganze Welt durchdringt. Dann ist unsere Welt auch durchdrungen von einer noch höheren Welt, der eigentlichen geistigen Welt, die wir in der Theosophie die devachanische oder die mentale Welt nennen und die, wenn wir den Blick dafür geöffnet haben, es uns möglich macht, die Gedanken, welche nicht von Gefühlen und Wünschen durchzogen sind, die also reine Gedanken sind, wie Dinge zu sehen. Das sind die drei Welten, welchen der Mensch angehört, das sind die drei Welten, welche er durchläuft in seinen Leben von Verkörperung zu Verkörperung. Also nicht die höchste Welt ist es, mit der wir es bei der Astralwelt zu tun haben. Der geistigen Welt soll ein besonderer Vortrag gewidmet werden.
[ 3 ] Wir betrachten nun also diese Zwischenwelt, die aber, weil sie unserer physischen Welt zunächstliegt, für uns von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Demjenigen, dessen Auge geöffnet ist für diese Sphäre, sprechen wir ein sogenanntes psychisches Sehen zu. Es erscheinen ihm nicht nur physische Dinge, sondern es erscheint ihm auch alles, was in den Menschen als Triebe, Wünsche und Leidenschaften lebt, als Dinge. Diese astrale Welt ist abgestuft. Sie ist so großartig, daß sich unsere physische Welt nicht damit vergleichen läßt. Nur eine skizzenhafte Schilderung kann ich davon geben. Wer das Auge dafür geöffnet hat, der sieht Dinge, die der gewöhnliche Mensch zwar wahrnimmt, die er aber sich noch nicht enträtseln kann. Das ist psychisches Sehen.
[ 4 ] Aber es gibt ein noch höheres Sehen, das spirituelle Sehen. Dieses verhält sich zum psychischen Sehen etwa so wie der Blick von der Spitze eines Berges, also von einem erhabenen Standpunkte oder doch von dem Abhange eines Berges aus auf die im Tale liegenden Orte und Gegenstände. Denken Sie sich ein Dorf, eine Stadt, ihre Umgebung, aber von unten gesehen, vom Boden aus, auf dem Sie stehen, so können Sie das vergleichen mit dem physischen Sehen des gewöhnlichen Durchschnittsmenschen. Steigen Sie den Berg hinan und bleiben etwa in der Mitte des Berges stehen, dann können Sie den Überblick, den Sie da erhalten, mit dem psychischen Sehen vergleichen. Steigen Sie ganz auf den Berg hinauf, dann können Sie den Überblick vergleichen mit dem spirituellen Sehen. Dieses spirituelle Sehen haben nur wenige Menschen in unserem Zeitalter. Später werden es mehr Menschen sein. Diejenigen Menschen haben es, welche es sich durch frühere Verkörperungen erworben haben, indem sie ein reines, mentales Leben geführt haben, diejenigen, welche auf dem Gebiete des Denkens die Wege des reinen, kristallklaren Erkennens der Welt gesucht haben. Derjenige Mensch, für den das Verfolgen der reinen moralischen Tat so selbstverständlich war, wie für den gewöhnlichen Menschen das Verfolgen seiner alltäglichen Beschäftigungen, Vergnügungen, Leidenschaften und Triebe, derjenige, für den das Leben in reinen Gedanken selbstverständlich war, der bringt dann im nächsten Leben die Fähigkeit mit, diese Dinge, denen er sich in den früheren Leben hingegeben hat, so um sich zu sehen, wie andere Menschen die physischen Dinge sehen. Er durchschaut die Welt, er blickt gleichsam von oben her nicht nur in die physische Welt hinein, sondern auch in diejenige, welche ich als die astrale Welt beschrieben habe. Er kann diese beschreiben, in großen Zügen allerdings, so wie sie sich von oben ausnimmt, aber er kann sie klarer beschreiben als derjenige, welcher bloß das psychische Schauen hat.
[ 5 ] Teile des psychischen Schauens sind das, was wir durch Hypnotismus und Magnetismus haben. Teil des psychischen Schauens ist auch das somnambule Schauen. Aber dennoch, wenn wir auf der psychischen Ebene stehenbleiben, stehen wir nicht auf dem Gipfel. Da wird auch noch Irrtum möglich sein. Nur der, welcher das spirituelle Schauen hat, kann die Welt nach allen Seiten hin überschauen. Nur der, welcher die Dinge von oben sieht, hat einen freien Ausblick über die Dinge der psychischen Welt. Derjenige, der in diese psychische Welt hineinzuschauen vermag, weiß als Tatsache, daß des Menschen Ursprung, sein Anfang, nicht innerhalb der physischen Welt liegt. Er weiß, daß dasjenige, was sich an dem Menschen als physischer Körper findet, auserwählt worden ist von einem höheren Körper, von etwas, das früher da war als der physische Körper.
[ 6 ] Zweierlei Ansichten sind möglich, die materialistische und die geistige. Die materialistische Ansicht ist die, welche glaubt, daß der Mensch sich sein physisches Dasein aus physischen Stoffen bestehend schafft und daß dann, so glaubt diese Anschauung, diese materiellen Stoffe das Geistige erzeugen. Diese Anschauung verfolgt dann irgendeine materielle Erscheinung, indem sie zum Beispiel fragt: Was geht vor im Organismus, was geht vor in den feinen Funktionen, die sich im Gehirn abspielen, wenn ein Gefühl, wenn eine Vorstellung in uns ist? Derjenige, welcher das psychische Sehen hat, weiß, daß dieser Körper sich nicht selbst auferbaut hat; er weiß, daß der Körper von seinem eigenen höheren Menschen, welcher in ihm wohnt, ausgewählt worden ist. «Schaffen» bedeutet nicht das, was wir heute schaffen nennen, sondern es bedeutet Wählen. Das heißt: die Seele des Menschen, die Psyche, welche aus anderen Regionen kommt, hat sich diesen Körper erwählt, so daß er ihr ein Instrument sein kann zur Verfolgung derjenigen Ziele, die aus einer höheren Welt stammen.
[ 7 ] Nachdem ich dies vorausgeschickt habe, lassen Sie mich in kurzen Zügen darstellen, wie der Mensch seine Erdenpilgerschaft vorbereitet. Lassen Sie mich jetzt zeigen, wie der Mensch zustandekommt, und in einer anderen Stunde wollen wir seinen kosmischen Ursprung zeigen. Heute nur das, was zum Dasein des Menschen in unserer Zeitepoche führt. Ich sage Tatsachen, denn ich sagte schon, daß derjenige, der über die astrale Welt vorträgt, jedes Wort abwägen muß, daß er es nicht einmal, sondern viele Male prüfen muß. Nehmen Sie meine Worte nicht als zufällig gesprochen an, sondern so, daß ich mich vollständig verantwortlich fühle für das, was ich sage. Was ich als Tatsachen hinstelle, können Sie ebenso nehmen wie das, was der Naturforscher als Tatsachen hinstellt, die er mit dem Teleskop, mit dem Fernrohr und so weiter sehen kann.
[ 8 ] Der Mensch ist ein Wesen, das nicht einmal lebt, sondern das in vielen, vielen Verkörperungen immer und immer wieder lebt. Der Mensch nimmt die physische Hülle oft an. Diese physische Hülle ist die äußerste der Hüllen, in welche der eigentliche Mensch eingehüllt ist. Dieser eigentliche Mensch, der von Inkarnation zu Inkarnation geht, der Schuld und Sühne von einer Inkarnation zur anderen hinüberträgt, wird als das höhere Selbst bezeichnet. Bei der Geburt tritt dieses höhere Selbst in unseren Körper ein. Nach dem Tode verläßt dieses höhere Selbst den Körper, um wiederum in eineinhalb bis zwei Jahrtausenden in einer neuen Verkörperung in der Welt zu erscheinen. In der Zwischenzeit hält sich dieses höhere Selbst in den höheren Welten auf, und, nachdem dieses Selbst in eine Art von Reifezustand übergegangen ist, sucht es sich wieder zu verkörpern. Es lebt in ihm gleichsam der Wunsch, wiederum innerhalb des materiellen, irdischen Daseins tätig zu sein, wiederum eine Lektion zu erlernen innerhalb des irdischen Daseins.
[ 9 ] Nun müssen wir ein zweifaches, ein doppeltes Entstehen des Menschen betrachten. Diese Betrachtung liefert uns zwei Tatsachenreihen: die eine, welche abläuft innerhalb unserer physischen Welt, die andere, welche abläuft in der höheren Welt. Ich werde vorläufig nur diese höhere Welt skizzieren.
[ 10 ] In der Zwischenzeit, [zwischen dem Tode und einer neuen Geburt], ist der Mensch in der rein geistigen Welt — in der mentalen Welt oder dem Devachan —, in einer Welt, welche zwei Regionen hat, eine rein geistige, höhere Welt und eine niedere. Die höhere geistige Welt, welche wir auch als die «Arupa-Sphäre» bezeichnen, betritt der Mensch zwischen zwei Verkörperungen immer. Der Unentwickelte hält sich kürzere, der Entwickelte längere Zeit darin auf. Jeder Mensch muß durch diese Region hindurchgehen. Wir werden später sehen, warum. Aus dieser Region muß er in die untere Region, in diejenige, in welcher für uns der subjektive Gedanke ist, der Gedankenstoff. In dieser Region nimmt das Selbst einen Gedankenkörper an. Es umgibt sich mit Gedankenstoff, so daß wir dieses Selbst verfolgen können, wie es aus der höheren Region nun in die Gedankenstoffwelt eintritt. Diese Sphären sind eigentlich nicht übereinander, sondern ineinander geschoben. Es ist wie ein lebendiger Organismus, nur ist dieser tätiger als unser physischer Organismus. Nachdem das Selbst in diese Gedankenregion eingetreten ist und dort einen Organismus aus Gedankenstoff gebildet hat, treibt es ein Wunsch weiter herunter. Es umgibt sich mit Stoff aus der astralen oder psychischen Welt, so daß das höhere Selbst, bevor es in den physischen Organismus einzieht, bereits ein höherer Organismus ist. Jeder von uns war in den höheren Regionen ein höherer Organismus. Er war Gedankenstoff, und dieser war wiederum eingewebt in den Astralstoff. Ein solcher Organismus waren wir, bevor wir den physischen Leib betraten. Diese astrale Welt ist für den Seher, der in der psychischen Sphäre forschen kann, ebenso klar und durchsichtig, wie die physische Welt für die Augen des physischen Forschers.
[ 11 ] In der physischen Welt unterscheiden wir dreierlei Arten des Daseins, dreierlei Aggregatzustände: fest, flüssig und gasförmig; außerdem noch den sogenannten Äther, die ätherische Stofflichkeit, die der Grund ist, warum Licht durch den Raum geht, Wärme und so weiter. Dieses ist der feinste Zustand auf dem physischen Plan. Genau ebenso hinsichtlich der Einteilung, aber ganz anders hinsichtlich der Qualität, hinsichtlich der Eigenschaften, ist es in der astralen Welt. In der astralen Welt haben wir es mit verschiedener astraler Stofflichkeit zu tun. Etwas dringt herein in unsere Welt, die wir kennen, etwas durchdringt uns Menschen alle, und wir nennen es die astrale Welt. In der astralen Welt sehen wir, ohne daß wir es recht fassen können, die Astralstoffe. Noch im Mittelalter haben die Leute, die davon etwas wußten, von Stoffen gesprochen, durch welche das Hereinziehen des Selbstes [in das Physische] sich vollzieht, und sie haben diese Stoffe «Humores» genannt. Was in unserer physischen Welt diese verschiedenen Stoffzustände sind, fest, flüssig, gasförmig und ätherisch, das sind in der psychischen Welt die vier Humores, aber wir können diese nur benennen nach ihrem Abglanz, wie sie in uns sind, wie sie in uns leben. Den physischen Stoffzuständen fest, flüssig, gasförmig, ätherisch entspricht in der Astralwelt das, was wir die vier Temperamente nennen. Das, was in uns verursacht, daß wir dieses oder jenes Temperament haben, dem entspricht ein ganz bestimmter Stoffzustand. Wer im Astralkörper ein cholerisches Temperament hat, bei dem findet sich derjenige der Humores besonders ausgebildet, welcher dem Stoffzustande des Cholerischen entspricht — cholae. So haben wir in der astralen Welt die Temperamente als Entsprechung für die vier Stoffzustände. Wie die Alten von Erde, Wasser, Luft, Feuer sprachen, so sprachen sie auch von vier Stoffzuständen im Astralischen, und diese bestehen aus Astralstoffen. Je nachdem der eine oder der andere Astralstoff überwiegt, je nachdem trägt der Mensch das eine oder das andere Temperament.
[ 12 ] So wie unserem physischen Dasein der Raum mit seinen drei Dimensionen eigen ist, so gibt es auch einen Astralraum, der aber anders geartet ist als unser physischer Raum. Und weil er anders geartet ist, wird es dem Anfänger schwer, sich dort zurechtzufinden. Etwas den physischen Dimensionen Entsprechendes gibt es auch im Astralen. So wie unser physischer Raum Höhe, Breite und Tiefe hat, so gibt es auch auf dem astralischen Felde bestimmte Dimensionen. Und nun besteht ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen den Dimensionen auf astralen Felde und dem, was wir im physischen Leben «Zeit» nennen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Physischen sind nur Projektionen, schattenhafte Bilder derjenigen Dimensionen, welche die Dimensionen in der Astralwelt sind. Es gibt auch in der astralen Welt etwas wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Dimensionen. Aber das unterscheidet die astrale Welt von unserer physischen, daß es noch eine für unser physisches Dasein unvorstellbare Dimension gibt, welche außer Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft besteht, welche oftmals als vierte Dimension gezählt wird. Es ist dies ein bildlicher, aber nicht ganz ungeeigneter Ausdruck. Es sollte niemand von der vierten Dimension sprechen, der keinen Blick dafür hat.
[ 13 ] Die astrale Welt ist verwirrend für den, der zum erstenmal einen Blick in sie tut. Sie unterscheidet sich auch dadurch von der physischen Welt, daß die Dinge nicht fest sind, sondern durchlässig. Wir nennen sie daher auch die Region der Durchlässigkeit. Es gibt da für das astralische Auge keine Grenzen des Körpers wie in der physischen Welt; von jedem Körper ist seine Rückseite ebenso sichtbar wie die Vorderseite. Wir sehen im Grunde genommen in der Astralwelt gar nicht von außen wie im Physischen. Sie wissen, im Physischen sehen wir die Dinge so, wie sie sich sozusagen vor uns hinstellen, zum Beispiel sehen wir in einer von uns abgehenden Allee die Bäume perspektivisch. Der Raum bietet uns ein perspektivisches Schauen. Die entfernteren Bäume scheinen einander nähergerückt zu sein, die näheren Bäume scheinen weiter voneinander entfernt. Diese Art zu schauen hört vollständig auf im Astralen. Dort schauen wir die Dinge von innen. Wenn Sie einen Würfel von außen anschauen, so erscheinen Ihnen die Seiten des Würfels perspektivisch. Das astrale Schauen ist gleichsam so, als wenn Sie in der Mitte des Würfels stehen würden und ihn nach allen Seiten von innen beschauen könnten. Das hat ja auch Leadbeater in seiner «Astralebene» gesagt. Wir können davon nur eine Art Sinnbild, eine Art Projektion geben. Unsere Worte beziehen sich nur auf die physische Ebene; wir müssen daher das, was wir astral schauen, erst in die physische Sprache übertragen. Wenn wir sagen, wir sehen im Astralen die Dinge von innen an, so ist das nur eine Übersetzung dessen, was im Astralen vorhanden ist, in die physische Projektion hinein. Für den Anfänger wird dadurch eine Art Verwirrung geschaffen, daß er die Dinge von einer anderen Seite sieht [als von der gewohnten]. Sein Gesichtspunkt ändert sich vollständig. Allen Anfängern ist diese Erfahrung gemeinsam. Wenn Sie zum Beispiel eine Zahl im Astralen schauen, zum Beispiel 265, dann sehen Sie sie nach alter Gewohnheit so, wie Sie sie im Physischen von außen sehen. Im Astralen haben Sie aber den Standpunkt, die Dinge von innen zu sehen. Die Zahl muß im Astralen 562 gelesen werden, weil der Standpunkt von innen ist, also von der anderen Seite symmetrisch umgekehrt gelesen werden muß. Das sind die Gründe für das Verwirrende, das bei Anfängern zunächst auftritt, denen das Auge geöffnet wird. Es ist jedoch ein theosophischer Grundsatz, daß niemandem das Auge geöffnet werden darf, wenn es nicht an der Hand eines Adepten geschieht, wie wir die Kenner auf diesem Gebiete nennen. Wer geführt wird von Meistern, der kann unmöglich solchen Irrtümern ausgesetzt sein.
[ 14 ] Diese Welt ist es, in der der Mensch vor seiner physischen Verkörperung sich befindet, bevor sein physischer Körper sich gebildet hat. Wir wollen nun das betrachten, was von der physischen Welt dem astralen Organismus entgegeneilt, des Menschen physische Körperlichkeit, die durch physische, durch physiologische Kräfte geboren wird. Ich mache Sie auf eine Tatsache aufmerksam, die zugleich das Mysterium von Geburt und Tod betrifft. Dadurch, daß der Mensch einzieht in die physische Welt, dadurch, daß er von der physischen Welt Besitz ergreift und sich physische Materie einwebt, dadurch unterliegt er den Gesetzen der Fortpflanzung, den Gesetzen derjenigen Geburt und desjenigen Todes, wie wir sie in der physischen Welt heute kennen. Zwar gibt es noch eine andere Geburt und einen anderen Tod.; aber die Geburt und der Tod, welche wir kennen, gibt es erst in unserer Menschheitsepoche innerhalb der atlantischen Zeit und eines Teiles der lemurischen Zeit. Diesen drei Menschheitsepochen [Wurzelrassen] gingen zwei andere voran, in denen die Menschen keinen so dichten Körper hatten wie wir. Sie hatten einen feinen, noch nicht grobstofflichen Körper, und mit diesem Körper war noch nicht das verbunden, was wir jetzt als physischen Fortpflanzungsvorgang kennen. Dieser tritt erst innerhalb der dritten Wurzelrasse, [in der lemurischen Zeit], ein. Vorher gab es eine Art der Fortpflanzung innerhalb der Lebewesen, an die uns heute noch die niedersten Naturwesen erinnern, die sich einfach durch Zellteilung fortpflanzen. Eine Zelle schnürt sich ein und teilt sich; das ist eine ungeschlechtliche Fortpflanzung. Die Menschen pflanzten sich während der ersten und zweiten Wurzelrasse, [in der polarischen und hyperboräischen Zeit], durch eine solche Teilung des ätherischen Körpers fort. Diese beiden Menschenrassen, welche der dritten vorangingen, pflanzten sich so fort, daß der eine Körper den anderen aus sich heraustreten ließ. Diese Art der Fortpflanzung bildet nur noch ein Erinnerungsstück an diese ältesten Zeitepochen.
[ 15 ] Sie wissen vielleicht, daß die älteste Zeit die Verehrung des Adam Kadmon hatte. Sie wissen das aus der indischen Geheimlehre, und Sie kennen auch aus der Bibel die doppelte Schöpfungsgeschichte. In der ersten Schöpfungsgeschichte wird erzählt: Gott schuf den Menschen, und — wie es dort wörtlich heißt — er schuf den Menschen männlich-weiblich. — Die geschlechtliche Fortpflanzung war nicht die erste. Das, was man oftmals bei einer äußerlichen Betrachtung der Bibel als Widerspruch empfindet, die doppelte Schöpfungsgeschichte, ist kein Widerspruch, denn die erste Schöpfungsgeschichte erzählt von jenen Menschenrassen, bei denen es noch keine Geschlechtlichkeit gab, welche noch männlich-weiblich waren. Erst in der dritten Wurzelrasse, in der lemurischen Zeit, trat die Spaltung der Geschlechter auf und das, was wir im heutigen Sinne im Physischen Geburt und Tod nennen. Es trat [in dieser Zeit] aber auch etwas anderes auf, was früher noch nicht da war: Die Menschen hatten noch nicht das Vorstellungsvermögen [im heutigen Sinne]. Daß wir heute einen Gegenstand uns vorstellen können, das ist etwas, was erst in der fünften Zeitepoche so geworden ist. Ich kann mir ein Gedankenbild schaffen, zum Beispiel von einer Flasche. Das konnten die [früheren Menschen] noch nicht. Gleichzeitig mit der physischen Stofflichkeit entwickelte sich die Fähigkeit des Vorstellens.
[ 16 ] Nun treffen wir hier merkwürdigerweise auf eine jener wichtigen historischen Tatsachen, die dann in der Gegenwart zur Gründung der theosophischen Bewegung geführt haben. Die Naturwissenschaft ist in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts dazu gekommen, über die geschlechtliche Fortpflanzung und über Geburt und Tod sich Vorstellungen zu machen, die die Theosophen schon vor Jahrhunderten gehabt haben. Die letzte Zeit, die wir alle miterlebt haben, hat Licht hineingebracht in die physische Fortpflanzung des Menschen und damit auch der höheren Tiere. Heute steht die Naturforschung nicht mehr auf demselben Standpunkt wie vor zwanzig Jahren, daß die Zweigeschlechtlichkeit notwendig sei. Sie können das heute in naturwissenschaftlichen Werken lesen. Sichere und maßgebende Forschungen haben ergeben, daß die heutige Fortpflanzungsart einen ganz anderen Sinn hat als den, welchen man ihr bisher gegeben hat. Denn die Natur hätte ausreichen können auch mit der Eingeschlechtlichkeit. Es ist heute durchaus naturwissenschaftlich erwiesen, daß zwei Geschlechter nicht notwendig sind zur Fortpflanzung, daß etwas anderes beabsichtigt war mit der Zweigeschlechtlichkeit, denn es wäre ja zur Fortpflanzung das eine Geschlecht genügend gewesen. Was hat die Zweigeschlechtlichkeit also für einen Sinn? Da sagt uns die Naturwissenschaft: Die Zweigeschlechtlichkeit ist eingetreten, damit eine Qualitätenmischung stattfindet. Es würde sonst eine viel geringere Mannigfaltigkeit in dem physischen Körperlichen vorhanden sein; die späteren Nachkommen würden immer denselben Typus zeigen wie die frühesten Vorfahren. Um möglichst viele Stoffe zu mischen, um die Eigenschaftsmischung herbeizuführen, hat die Natur zwei Geschlechter entstehen lassen. Eine Mannigfaltigkeit sollte hervorgebracht werden in der dritten Menschheitsrasse. Und da sind auch die ersten Tiere entstanden. Es hat die Natur den Zweck verfolgt, möglichst mannigfaltige Wesen hervorzubringen, damit die aus dem Geistigen und dem Astralischen herunterkommenden Wesenheiten möglichst mannigfaltige Körper finden. Der Mensch sollte einen neuen Körper finden, der durch die mannigfaltigste Mischung hindurchgegangen ist, um nicht der alte Typus zu bleiben. Sie sehen, von der Naturwissenschaft ist hier das erforscht worden, was auch die Theosophie seit alten Zeiten gelehrt hat.
[ 17 ] Nachdem wir nun beides gesehen haben, das Herabsteigen des Geistigen und wie das Physische dem herabssteigenden Geistigen entgegenkommt, wollen wir nochmals den Vorgang betrachten. Was ich sage, sind Tatsachen, es ist durchaus sicher. Ich werde von beiden Seiten die Elemente darstellen, welche bei der Menschwerdung vorhanden sind. Zuerst haben wir es bei der Menschwerdung zu tun mit der Entwicklung des Keimes, der in den ersten Tagen einem kleinen Fischchen ähnlich sieht. Diesen Keim brauche ich nur skizzenhaft anzudeuten; er ist etwa so. (Es wurde an die Tafel gezeichnet; die Zeichnung ist nicht erhalten). Diesem kommt etwa am siebzehnten Tag das Astralwesen entgegen; und dieses Astralwesen kennt der psychische Forscher so gut wie der physische Forscher das Physische. Der Seher sieht im Astralen viele trichterförmige Gestalten. Das sind die werdenden Menschen; das sind die Wesenheiten, die ihre physische Verkörperung suchen. Von dem dringenden Wunsche beseelt, sich zu verkörpern, durcheilen diese Gebilde mit großer Geschwindigkeit den Astralraum und suchen nach physischer Stofflichkeit. Wer den zweiten Teil des «Faust» gelesen hat und sich an die Szene mit dem Homunculus erinnert, der wird sie nur verstehen, wenn er weiß, daß Goethe diesen Vorgang hat darstellen wollen. Diese astralen Gebilde haben die verschiedensten Färbungen, von denen wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Innerhalb dieses Astralkörpers befindet sich ein Streifen, der sich ins Unbestimmte verliert. Er ist von hellgelber Farbe. Dieser Astralkörper verbindet sich mit dem von ihm selbst gewählten physischen Körper, wenn der Embryo ungefähr die Gestalt eines Fischchens hat. Dann tritt eine Veränderung ein. Es spaltet sich der Lichtstrahl in zwei Teile, in zwei hellleuchtende Strahlenstreifen. Das ist bei der Mehrzahl der Menschen der Fall, und so würde Ihnen das erscheinen, wenn Sie die Menschen bei ihrer Entstehung verfolgen könnten. Nur bei wenigen Menschen zeigt sich ein etwas anderer Vorgang. Nur wenige Menschen zeigen einen bleibenden hellen Streifen, der allerdings etwas verblaßt in dem Augenblick, wo er bei anderen Menschen ganz verschwindet, aber er bleibt doch. Das sind diejenigen Menschen, welche ein spirituelles Schauen haben.
[ 18 ] Wir halten zunächst fest an dem gewöhnlichen Vorgang, wo das Lichtstreifchen sich teilt. Nun vereinigt sich das astrale Gebilde mit dem physischen Menschenkeim. Von dem einen Tröpfchen wird alles durchströmt, gleichsam von einer hellgelben Flüssigkeit. Dieses wächst später zu dem sogenannten sympathischen Nervengeflecht aus, welches das physische Nervensystem des Menschen versorgt. Wir haben ja außer dem Gehirn- und Rückenmarksystem ein anderes Nervensystem, das sympathische, das die niederen Funktionen dirigiert. Der eine Tropfen durchströmt das sympathische Nervensystem, der andere Gehirn- und Rückenmarksystem. So wird der Mensch beseelt. Gesetzmäßig gehen die beiden Lichtkegel in das Physische über und durchgeistigen es. Bei jedem Menschen tritt erneut dieser Lichtschein auf, der das Gehirn im besonderen durchzieht. Wenn der Moment eingetreten ist, dann ist tatsächlich das, was der Mensch mitgebracht hat aus dem früheren Leben, und das, was er aus der physischen Welt hat, miteinander vereinigt. So kommen die beiden Wesenheiten zusammen, welche den vollen Menschen ausmachen.
[ 19 ] Wir haben gelebt in früheren Inkarnationen; wir sind durch die geistige Welt hindurchgegangen; da waren wir Geist. Der Geist geht herunter durch die astrale Welt und umgibt sich mit dem Astralstoff. Das ist das, was der Mensch mitbringt aus dem früheren Leben und was er anzieht aus der astralen Sphäre. Diese beiden Dinge sind es, die der Mensch mitbringt, das Geistige und das Astrale. Der Lichtschein, das sind die Fähigkeiten, die wir mitbrachten aus früheren Leben. Diese ziehen ein, nachdem das Wesen den brennenden Wunsch gestillt hat, mit einem astralen Organismus verbunden zu sein. Von jetzt ab wächst der Menschenkeim nicht nur durch die physische Kraft, sondern auch von innen heraus. Was er in früheren Leben gewonnen hat, das arbeitet jetzt von innen heraus an der Herstellung des Körpers. Nicht Ihr Organismus baut Ihre Seele auf, sondern Ihre Seele baut Ihren Organismus auf. Der Menschenkeim ist erst wenige Tage alt, wenn er mit der Seele vereinigt wird. Er ist das einzige, was uns von außen gegeben wird. Er wird uns durch ganz bestimmte Gesetze gegeben. Wir werden sie noch genauer besprechen.
[ 20 ] Tatsächlich verstehen wir des Menschen Geburt und seinen Tod nur dann, wenn wir wissen, aus welchen zwei Wesenheiten er besteht und wie diese zwei Wesenheiten zusammengeströmt sind, welche den ganzen Menschen bilden. Es ist also so, daß wir selbst an unseren äußeren Organen arbeiten; sie sind nicht ein Produkt der äußeren Welt, sie sind ein Abbild dessen, was wir mitgebracht haben.
