Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
16 November 1903, Berlin
4. Woher Mannigfaltigkeit? — Aus Der Einheit
[ 1 ] Der Mensch besteht aus Körper, Seele, Geist, aus drei Epochen des Kosmos: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
[ 2 ] Unsere heutige Runde: Gegenwart; die vorhergegangene Vergangenheit; was kommen wird, die nachfolgenden Runden: Zukunft. [...]
[ 3 ] ‹Vergangenheit› als Ausdruck des Urgeistes. Man denke sich den Urgeist als Wasser; alles Körperliche ist der erstarrte Zustand des Wassers. ‹Gegenwart› ist die Seele; die ‹Zukunft› liegt in uns als Keim. Noch können wir die Seele nicht sehen, doch gehen wir der Zeit entgegen, da auch die Seele zu sehen ist. Die Vergangenheit ist gleich der Zukunft —, der Inhalt beider ist die Gegenwart. Verschieden und mannigfaltig ist der Inhalt —, vom Einen ausgegangen —, die Vielheit zur Einheit zurück. — Der Urgeist als Schöpferkraft gedacht als Zentrum.
[ 4 ] Nun gibt die Schöpferkraft Gedanken von sich als Strahlen vom Zentrum ausgehend. Ein jeder solcher Strahl ist eine Seele. Nun ist nicht jede Seele [...] die Schöpferkraft, wohl aber ein Teil davon —, betätigt sich und strebt dem Ganzen wieder zu. Könnten wir die Seele selbst mit dieser Schöpferkraft vergleichen: Die Seele produziert fortwährend Gedanken und entsendet sie in den Raum; aber nicht jeder Gedanke ist selbstständig und kann als Wesen selbstständig wirken wie die Seele als Gottesgedanken. Die Bahn der Entwicklung ist zweierlei: Urquell als Schöpferkraft — und Gedanken.
[ 5 ] Wir können den Grund der Hingabe Gottes nicht erforschen. Von einer Maschine können wir durch Studium derselben wissen, wie sie arbeitet. Bei einer Pflanze, obgleich wir auch hier die Gesetze studieren können, ist es schon schwieriger, ihre Gestaltung und ihr Werden zu bestimmen. Beim Tier ist es noch schwieriger. Beim niederen Menschen können wir noch durch Beobachtung bestimmen, was er tut, was beim höher Entwickelten nicht mehr möglich ist. Da ist es ein Akt der Freiheit. So ist der höchste Akt der Freiheit des Schöpfers diese grundlose Hingabe an die Welt aus Liebe. Kein Zwang. Es ist also kein logischer Grund für uns beim großen Geist da. Platon als Initiierter — wie auch andere Weise — nannten die Liebe den Grund des Weltalls.
[ 6 ] Gegenwart als Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft ist die Kraft in uns als Astralkörper.
[ 7 ] Dritter Logos Weisheit. Deshalb Verzicht auf Warum? Weil Gott als Schöpfer im Akt seiner höchsten Freiheit die Welt erschaffen:
[ 8 ] Gott, Urquell, Einheit, von sich durch Hingabe an die Welt aus Liebe eine Vielheit. — Beispiel: Wasser versprengt in lauter Tropfen; der Tropfen ist doch dasselbe Wasser —, dann Annie Besant: Feuer, und aussprengend — Funken.
[ 9 ] Da wir nun Gedanken — Tropfen, Funken — des Höchsten sind, erinnern wir uns unseres Ursprunges. Erinnerung = Gedächtnis — Platon.
[ 10 ] Im Anfang war das Wort — unaussprechlich! Spreche ich aus, so besteht es aus Buchstaben; jeder Buchstabe hat einen andern Laut. Wir sind — jedes Wesen — ein solcher Buchstabe zum Wort. Deshalb die Verschiedenheit der Wesen, weil, um ein Wort zu sprechen, verschiedene Laute notwendig sind.
[ 11 ] Wort — Mannigfaltigkeit —, das bist Du — es bin ich — ich bin ich!
[ 12 ] I. Logos Allmacht — II. Logos Kraft — III. Logos Weisheit
