Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
11 March 1904, Berlin
20. Über den Sattva-Zustand
[ 1 ] Nur auf geometrischer und mathematischer Grundlage kann man die Menschheit zum Sattva-Zustand erheben. Deshalb hat Platon auch verlangt, dass jeder Schüler eine mathematische Vorbereitung haben müsse. Denn nur in der Mathematik ist der Sattva-Zustand erreicht. Alle anderen Sachen werden in einer Art von Selbstsucht erforscht.
[ 2 ] Wenn die Menschen sich einmal durchgerungen haben werden, werden sie allem Übrigen auch so objektiv gegenüberstehen, wie man heute den mathematischen Wahrheiten gegenübersteht. Durch die Art, wie die abendländische Wissenschaft zur Mathematik steht, wie sie studiert, kann sie nicht zu den tieferen Wahrheiten gelangen. Unsere Wissenschaft hat es nur in der Mathematik so weit gebracht, objektive Wahrheiten zu erlangen. Deshalb ist es eine Art Idealzustand.
[ 3 ] Erinnern Sie sich der Einleitung, die ich einmal gegeben habe, als ich über die Unsterblichkeit der Seele sprach? Da sagte ich, dass in den Mysterien erst die Schüler vorbereitet wurden und dass sie weder das eine noch das andere wollten. Heute kann man finden, dass man sagt: «Ich will nicht reinkarniert werden!» oder «Ich will reinkarniert werden!» Diese durften nicht in die Mysterien aufgenommen werden, weil sie unfähig erachtet wurden, die höheren Wahrheiten objektiv zu erfassen. Die Menschen mussten sich erst abgewöhnen zu wünschen. Ebenso ist es auch mit dem Kamaloka. Wir dürfen keine Wünsche haben, denn dadurch wird ein objektives Anschauen nicht möglich.
[ 4 ] Und jetzt noch einige Worte darüber, wie der Buddhismus aufzufassen ist in Bezug auf seine Weltstellung. Als der Buddhismus gegründet wurde durch Buddha, da war es keine neue Religion, und es sollte auch keine neue Religion sein. Der Buddha wollte, dass die Religion, die damals nur Priesterweisheit war, allem Volke zugänglich gemacht werde; er sollte sie populär machen. Er wollte, dass auch die, welche nicht eingeweiht werden konnten, nicht einem bloßen Bilderdienst verfallen, sondern dass sie eingeführt werden sollen in gewisse Heilswahrheiten, damit sie durch die Teilnahme an den Heilswahrheiten nicht so verloren gehen, wie wenn es sich um bloßen Bilderdienst handelt.
[ 5 ] Die Brahmanen waren damals im Besitze ganz hoher Weisheiten, die dem Volke zu verkündigen ganz unmöglich gewesen wäre. Niemand hätte sie verstanden. Nach und nach hatte das Volk dann die Bilder für Wirklichkeiten genommen, geradeso wie im Katholizismus. Wir können das bemerken, wenn wir nach Tirol kommen, wo die Heiligenbilder wie eine Art Fetisch angebetet werden. Der Buddhist sagte sich: Es ist ein zu großer Abstand zwischen dem Bilderdienst des Volkes und der hohen Weisheit der Brahmanen. Nehmen wir nur die zwei höchsten Sätze der brahmanischen Weisheit.
[ 6 ] Der eine ist: «Das bist Du!» Das heißt: Es ist nur eine Wesenheit, und mein Körper und diese Schiefertafel sind genau in demselben Grade außer mir. Ebenso fremd wie mein eigener Körper ist mir diese Tafel von Schiefer. Die ganze sinnliche Welt ist ein Ganzes. Jedes Stück darin soll uns nicht näher stehen. Das Stück Fleisch, das ich herumtrage, steht mir nicht näher als irgendein anderer Gegenstand.
[ 7 ] Der zweite Satz heißt: «Ich bin Brahman!» Ich bin das wirkliche göttliche Wesen, ein Funke der Gottheit.
[ 8 ] Ich muss mich so erheben, dass ich alles als ‹Du› erkenne und das göttliche Brahman als ‹Ich›. Das sind die zwei Leitsätze. Alles Übrige sind Erklärungen dazu. Das Brahman wird abgeschlossen durch eine Hülle, es wird mein Brahma oder Atma - das sind Ausführungen der zwei Sätze.
[ 9 ] Die ganzen theosophischen Lehren, die wir kennen, waren im Wesentlichen von den unteren Lehren. Karma und Reinkarnation waren Brahmanen-Lehren. Von dieser Brahmanen-Lehre, die viele Jahrtausende vor Christi Geburt zurückgeht, ist es nicht verwunderlich, dass sie etwas Eigentümliches hat. Und was ist das, was die Brahmanen-Lehre Eigentümliches hat? Denken Sie sich, Sie lernen Theosophie bis zu einem gewissen Grade. Wenn Sie dann in die Brahmanen-Lehre eindringen, so werden Sie finden, dass alles, was die Theosophie hat, schon in der Brahmanen-Lehre zu finden ist. Das, was Jakob Böhme gesagt hat, ist schon eher eine Stufe höher. Gehen Sie aber wieder zur Brahmanen-Lehre, so werden Sie finden: Auch das war schon da. Sie gehen weiter, sie bekommen die ChelaSchaft, gehen wieder zur Brahmanen-Lehre und finden, dass auch das schon darinnen steht. Wir kommen schließlich darauf, dass wir gar nicht ausmachen können, wie tief die Brahmanen-Weisheit ist. Und wenn uns noch tiefere Weisheiten aufgehen werden, so ist es wahrscheinlich, dass wir noch tiefere darin finden.
[ 10 ] Nun sagte sich aber Buddha: Es muss so viel wie möglich die Brahmanen-Lehre populär gemacht werden. Die Weisheit zu popularisieren geht aber nur bei Einzelnen - durch die Einweihung. Das geht nicht, dass man Weisheit durch Forschen herbeiführt. Wir sollen sie vielmehr durch das Leben gestalten. Und nun denken Sie sich, es gäbe eine Methode, um dem Menschen zu sagen, wie er leben soll, so würde das ein Ersatz sein dafür, ihn einzuweihen. Ich kann jeden als Schüler annehmen und ihn nach und nach einweihen. Dadurch wirke ich auf den Intellekt, auf die Intuition und nach und nach auf die höheren Gebiete des Geisteslebens. Ich kann es aber auch anders machen. Ich kann sein Leben so einrichten, dass sein Leben immer besser und besser wird. Dann wird er ganz von selbst dem Weisheitsschatze entgegenleben. Er wird auf halbem Wege der Weisheit entgegenkommen. Wie man beim Bau des Gotthardtunnels von zwei Seiten gebohrt hat und zusammengetroffen ist, so will es auch Buddha. Daher gibt er keine Aufschlüsse über die Weisheitsschätze. Er will nicht reden über den Weisheitsschatz, er will das Volk lehren. Das Volk soll über die beste Art zu leben belehrt werden. Um den Weisheitsschatz wollen wir uns gar nicht kümmern. Buddha unterscheidet sich nur durch die Methode. Keinen Satz der alten Lehre hat er nicht anerkannt. Aber er sagt: Es ist zunächst nutzlos, das Volk mit Lehren zu behelligen. Wir müssen das Volk dahin bringen, dass es durch das Leben verstehen lernt. Er sagt nicht: Lehre den Satz «Du bist Brahma», sondern er sagt: «Hafte nicht an der Materie!» Erlebt man den Satz «Hafte nicht an der Materie», dann wird einem leicht das Verständnis für den Satz aufgehen: «Ich bin Brahma.»
[ 11 ] Das sehen wir auch aus dem Folgenden: Der Buddha hat einmal ein Gespräch geführt, in dem er ungefähr sagte: «Hier ist ein Wagen. Der Wagen besteht aus den Rädern, dem Sitz, der Deichsel und so weiter. Die Räder sind nicht der Wagen, der Sitz ist nicht der Wagen, die Deichsel ist nicht der Wagen. Jeder einzelne Teil ist nicht der Wagen und doch besteht der Wagen aus den einzelnen Teilen. Siehe, wie in keinem einzelnen Teile der Wagen ist, so ist auch in keinem einzelnen Teile beim Menschen die Seele. Nicht dein physischer Körper, nicht dein Kleid des physischen Körpers, nicht deine Begierden, nicht dein Vorstellen sind deine Seele!» Wenn also Buddha sagt, was nicht die Seele ist, so wollte er damit die Menschen dahin bringen, zu erleben, was Seele ist. Deshalb sagte er nicht: «Ich bin Brahma», sondern er sagte: «Tod, Geburt, Begehren und so weiter ist Passivität.»
[ 12 ] Wer den Satz erkennt: «Ich bin Brahma», der weiß das alles. Buddha sagt also: «Macht euch so viel wie möglich frei von alledem, was der Geburt, dem Tod, dem Alter, der Krankheit unterworfen ist!» Der alte Brahmane hat den Leuten gesagt, was das Bleibende ist. Deshalb sagt er auch nicht: «Sucht euer höheres Selbst!», sondern er sagt: «Befreit euch von dem niederen Selbst, legt ab die Fessel des niederen Selbst!» Und deren gibt es zehn. Wie der Brahmane gesagt hat: «Ich bin Brahma», so sagt der Buddha: «Ich zähle dir die zehn Fesseln auf, und dann wird das höhere Selbst aus dir schon hervorgehen.»
[ 13 ] Die erste Fessel ist die Täuschung durch das niedere Selbstbewusstsein. Buddha sagt nicht: «Erkenne das höhere Selbst», sondern er sagt: Das niedere Selbst ist eine Täuschung, eine Zusammensetzung aus vorübergehenden Prinzipien:
[ 14 ] 1. Körperlichkeit, 2. Wahrnehmung, 3. Gefühl, 4. Begierde, 5. Bewusstsein.
[ 15 ] Diese fünf Dinge setzen das niedere Selbst zusammen. Das höhere Selbst steckt da drinnen, aber vom höheren Selbst spricht Buddha nicht. Er sagt nur, diese fünf Dinge sind Illusionen; das müsst ihr erkennen! Und er ist überzeugt, wenn er den Leuten sagt: «Das ist die Scheide des Schwertes», dass sie auch gewahr werden, was darinnen steckt.
[ 16 ] Die zweite Fessel ist die, dass man glauben könnte, es gäbe keine moralische Weltordnung, also Unglaube an eine moralische Weltordnung. Buddha hat nicht gesagt: «Glaubt an göttliche Wesen!» Er sagte sich: «Davon hat der Mensch nichts. Er soll an eine moralische Weltordnung glauben und sich frei machen von dem Glauben, als ob irgendetwas ungerecht sein könnte, was uns treffen kann. Es scheint uns nur ungerecht, weil wir es nicht durchschauen können. Es kann mir zum Beispiel ein Ziegelstein auf den Kopf fallen. Habe ich in früherer Zeit dies nicht verdient, so werde ich in einer späteren Zeit einen Ausgleich erleben.»
[ 17 ] Die dritte Fessel ist der Glaube, dass unsere Riten und Zeremonien eine Bedeutung haben können, etwas anderes sein können als Gleichnisse. Wer das Symbol für die Wirklichkeit nimmt, der leidet unter der dritten Fessel des Daseins. Symbolik ist schön und hoch erhaben — aber man darf sie nicht als Wirklichkeit nehmen.
[ 18 ] Die vierte Fessel ist der Glaube an die Sinnlichkeit, die Meinung, dass das Sinnliche ein Wirkliches ist. Denken Sie sich dieses Buch! In dem Augenblicke, wo die Temperatur hundert Grad höher ist, sind wir und auch dieses Buch nicht mehr da. In dem Momente, wo diese unsere Temperatur nicht mehr da ist, ist die ganze physische Welt nicht mehr möglich.
[ 19 ] Die fünfte Fessel ist dasjenige, was uns selbst in unsere Sinnlichkeit bannt, was uns den Glauben beibringt, dass wir Sonderwesen sein dürfen, dass wir anderen Wesen mit Antipathie begegnen, sie hassen dürfen. Antipathie gegenüber anderen Wesen ist diese Fessel. Dadurch dass wir Antipathie mit anderen Wesen haben, geben wir uns der Illusion der Absonderung hin. Das ist die fünfte Fessel.
[ 20 ] Die sechste Fessel ist die Liebe zur sinnlichen Persönlichkeit.
[ 21 ] Die siebente Fessel ist die Sehnsucht nach einer Erhaltung des persönlichen Daseins. Das ist das, was besonders im Christentum stark ausgeprägt ist, die Sehnsucht nach der Erhaltung des persönlichen Daseins in der irdischen Persönlichkeit. Das ist nach Buddha die siebente Fessel. [...]
[ 22 ] Die achte Fessel ist der Stolz, der Kampf um die Erhöhung des persönlichen Daseins.
[ 23 ] Die neunte Fessel ist der Glaube, dass man ohne Karma, durch Selbstgerechtigkeit etwas in der Welt erreichen kann. Der Buddha bezieht sich in allem auf Karma. Er sagt: «Niemand kann ohne Karma etwas erreichen.»
[ 24 ] Die zehnte Fessel ist etwas, was nur der Buddhismus ausgebildet hat, und durch Betonung der zehnten Fessel deutet der Buddhismus darauf hin, dass er eine der erhabensten Religionen ist, die je gelehrt worden sind. Der Buddha bezeichnet nämlich als die zehnte Fessel die religiöse Unwissenheit.
[ 25 ] Das Christentum hat in der Bergpredigt den ersten Satz gründlich missverstanden: «Selig sind die Armen im Geiste». «Selig sind die Unwissenden», übersetzt der Christ. Buddha jedoch sagt: «Es gibt viele Arten des Schmutzes. Der größte Schmutz aber der einem anhaften kann, ist die Unwissenheit!» Vom Christentum werden diejenigen, welche wissen wollen, als von Dämonen besessen angesehen. Der Protestant begnügt sich damit, im Glauben mit Gott vereint zu sein. Der Weise aber ist in Weisheit mit Gott vereinigt.
[ 26 ] So also hat Buddha gelehrt. Die Brahmanen-Religion bleibt ganz bestehen, sie ist das Höchste. Aber wir können sie zunächst nicht dem Volke bringen. Deshalb lehren wir dem Volke, wie es sich befreien soll aus den Banden des vergänglichen Daseins. Die Brahmanen lehrten: «Wie kann man das Ewige erkennen?» Buddha wollte lehren: «Wie kann man das Vergängliche überwinden?» Buddha hat nur die Methode geändert. Wir wollen nicht das Ewige lehren, sondern wir wollen lehren, wie man leben soll, um das Vergängliche zu überwinden.
[ 27 ] Die zweite Wahrheit ist: Erkenne, dass im Vergänglichen die Ursache der Passivität ist! Die dritte Wahrheit ist: Ertöte das Haften am Vergänglichen! Dadurch kommt das Ewige von selbst zum Durchbruch.
[ 28 ] Was ich heute gesagt habe, bezieht sich auf die vier großen Wahrheiten und auf die Lehre von den zehn Fesseln und darauf, dass die Ursache von allen Leiden nur im Nichtwissen liegt. Dieses nennt man alles zusammen ‹Die Herbeiführung einer göttlichen Zukunft›. Wissen, Erkennen, nennt man die Herbeiführung einer göttlichen Zukunft. Der Buddhist lebt um dessen willen, was der Mensch wird. Und das Leben und seine Anwendung in diesem Sinne, das nennt er ‹Dharma›.
[ 29 ] Und nun ist er von Folgendem überzeugt:
[ 30 ] Erstens: Dass Buddha kein Gott ist, sondern dass er erleuchtet ist, dass in ihm Budhi, die Erkenntnis aufgegangen ist, denn auch Buddha ist ein Vergängliches. Den Buddha anzuschen für etwas Ewiges, wäre Aberglaube im Sinne des Buddhismus. Der Buddhist sagt also: «Ich glaube an die Erleuchtung des Buddha!»
[ 31 ] Das Zweite ist: «Ich glaube an Dharma».
[ 32 ] Und das Dritte ist: «Ich glaube an die Bruderschaft», an «Sangha», an die Bruderschaft derer, welche soweit sind, dass sie das Sondersein überwunden haben, das heißt: Ich glaube an die Möglichkeit, dass sie das Sondersein überwunden haben.
[ 33 ] Ich glaube an: erstens eine Ursache - Karma; zweitens an das Leben - Dharma; drittens an das, was erreicht ist- Bruderschaft Sangha; gleich: «Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.»
