Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
3 March 1904, Berlin
19. Mikrokosmos und Makrokosmos
[ 1 ] Ich möchte im Zusammenhang mit dem uralten okkultistischen Satze zeigen, wie die ganze Rundenlehre noch in einer ganz bestimmten Weise zusammenhängt mit den Gedanken, die wir das letzte Mal geäußert haben. Zunächst möchte ich das Folgende betonen: Jeder große Religionsstifter, auch wenn er kein Religionsstifter ist, sondern nur teilgenommen hat an den Arbeiten der Menschheit, geht von den Leitsätzen aus. Und einer der Leitsätze heißt: Der Mensch entspricht den Vorgängen in der großen Welt, dem Makrokosmos.
[ 2 ] Nun bitte ich Sie einmal zu bedenken, dass, wenn wir die Entwicklung innerhalb der Runden betrachten, wenn wir die sieben Runden betrachten, wir während der drei ersten Runden eine Art absteigender Entwicklung haben, denn die ganze Erde und auch der Mensch entfernen sich gleichsam von der Gottheit. Der Mensch war anfangs der Gottheit nahe, in einem kindlichen, unschuldsvollen Zustand. Während der irdischen Entwicklung macht er seine Erfahrung und erreicht seinen tiefsten Standpunkt während der vierten Runde, um in den folgenden drei Runden, in der fünften, sechsten, siebenten Runde, wieder aufzusteigen. Es wird immer gefragt, ob es einen Zweck hat, sich von der Gottheit zu entfernen und sich ihr wieder zu nähern. Darüber möchte ich, wenn es einen Zweck hat, in einem späteren Vortrage einmal sprechen.
[ 3 ] Betrachten wir das erste Stadium, dann alle mittleren und dann die letzten Stadien der /Lücke in der Mitschrift]). Während der drei ersten Stadien wird sozusagen der Mensch von außen hereingeformt. Es wird der Mensch aufgebaut so, dass er während der vierten Runde so weit ist, dass sein ganzer physischer Körper aufgebaut ist. Dieser physische Körper ist um das Selbst herumgelagert. Das Selbst ist im Inneren, und der physische Körper ist darum herumgelagert. Es brauchte die ersten drei und die Hälfte der vierten Runde, damit der Körper um das Selbst herum aufgebaut werden konnte. Denken Sie, was der Mensch vorher war. Er war vorher ein rein tätiges Wesen. Er war vorher ein Wesen, welches nicht darauf eingerichtet war, von außen Eindrücke zu empfangen, sondern ein Wesen das ganz auf sich angewiesen war, so fremdartig auch das klingen mag. Wenn der Mensch im Gang seiner irdischen Entwicklung einen Gegenstand hat haben wollen, so hat er ihn selbst gemacht. Er war aktiv, tätig. Das ist auch heute noch immer bei den höheren Stufen des Daseins der Fall. Die Einweihung geschieht heute so, dass der Betreffende zuerst lernt, den sogenannten «Mayavi-Rupa-Körper zu bilden. Das ist kein Körper, der sich um uns herum lagert, sondern, wenn das Selbst aus dem Körper entschlüpft, so muss es den MayaviRupa-Körper bilden können. Man muss ihn selbst bilden können, während der andere Körper um uns herumgelagert wird, wobei wir passiv bleiben. Diese Passivität kommt beim Menschen in Betracht, wenn der Körper von uns nicht geformt wird. Das ist das, was jeder zuerst im Abstieg hat tun müssen. Das hat er nicht selbst getan, sondern die sind ihm gebildet worden.
[ 4 ] Der Schüler muss lernen, das, was mit ihm getan worden ist, jetzt selbst zu tun. Den Mayavi-Rupa-Körper bilden wir selbst. Wir legen ihn um uns herum. Der Schüler lernt zuerst diesen Körper bilden. In der zweiten Hälfte arbeitet sich das Selbst wieder heraus und lernt allmählich diesen Körper bilden. Der Stoff vom Devachan gibt den Stoff für den Mayavi-Rupa-Körper ab. Wenn der Mensch schläft, verlässt das Selbst seinen Körper. Aber der Mayavi-Rupa-Körper ist nicht gebildet. Der Stoff ist da. Man nennt ihn den Mentalkörper, wenn er im Devachan auftritt. In dem Falle, wo er durchorganisiert wird, nennt man ihn Mayavi-Rupa-Körper.
[ 5 ] Es ist so, dass wir Folgendes haben: Wir haben während der drei ersten Stadien und während der Hälfte des vierten Stadiums die drei Körper aufgebaut. Dann fühlt sich das Selbst in diesen Körper eingeschlossen. Es ist passiv, wird aber immer aktiver und aktiver. Will man sich in würdiger Weise auf diesen Standpunkt der Aktivität vorbereiten, dann muss man erkennen, dass man jetzt passiv ist und dass man immer aktiver werden muss.
[ 6 ] Eingeschlossensein in seinen Körper heißt: passiv sein. Das ist der Sinn der buddhistischen Lehren. Leiden heißt bei Buddha nicht Schmerz empfinden, sondern passiv sein. Geboren-Werden und Sterben ist Passivsein. Kranksein kann man nur im Körper. Der Geist kann nicht krank sein. Der Astralkörper und der Mayavi-RupaKörper können sogar noch krank sein. Von Geliebtem getrennt sein, mit Unliebem vereint sein, heißt passiv sein. Begehren, was man nicht erlangen kann, kann man auch nur, wenn man im Körper ist.
[ 7 ] Sie sehen also, dass der Buddhismus durchaus keine Religion ist, die das Leiden in seinem tiefsten Sinne /Lücke in der Mitschrift], sondern das Leiden ist ein Vehikel. Schmerz oder Leiden erkennt er durchaus nicht als das Wesen der Welt. Es gibt ein Verbot im Buddhismus, das zeigt, wie weit der Buddhismus davon entfernt ist, Leid und Leben als leidvoll zu betrachten. Ein Gebot heißt da: Wenn ein Mönch mordet oder zum Morde verleitet oder wenn er öffentlich davon predigt, dass Sterben besser sei als das Leben, so ist er nicht wert ein buddhistischer Mönch zu sein. Ein Mörder, oder der zum Morde verleitet, der predigt, dass das Leiden nicht lebenswert sei, der ist nicht wert, buddhistischer Mönch zu sein. Strebet danach, tätig zu sein, sagt Buddha. Auch das hat Buddha aus dem esoterischen Buddhismus herausgenommen, den Menschen zu einem Abbild der ganzen Evolution zu machen.
[ 8 ] Das erste Stadium ist, wenn die erste Evolutionswelle vorgebildet wird, wenn der Gedanke da ist, bevor das Dasein beginnt. In dem ersten Zustande liegt der Gedanke, wie das Dasein werden soll, das im Begriffe ist, zu verwirklichen den Satz: Der Mensch soll sich versetzen in den Zustand, in dem die Gottheit war, wenn sie sagt: Es soll Licht werden.
[ 9 ] Der zweite Zustand ist der, dass herausgeboren wird der ganze Wille. Zuerst war der Gedanke, dann das Entlassen des Gedankens, dann das Hinuntersinken[lassen] in [Lücke in der Mitschrift].
[ 10 ] Das dritte ist das, was man nennt: Die Stimme erschallt. Nicht bloß der Gedanke wird herausgelassen, sondern der Gedanke fängt an zu tönen. Das vierte Stadium ist, wo nicht bloß Stimme da ist, sondern wo wirkliche Tätigkeit beginnt, wo das Tun beginnt. [Fünftens:] Nach dem Tun kommt das Leben; der mittlere Zustand [sechstens]. Und wenn das erreicht ist, geht es wieder aufwärts. [Siebtens: Das Hinaufstreben.]
[ 11 ] Nach der siebenten Runde ist der Übergang in das Nirwana, nach der sechsten [Lücke in der Mitschrift]. [Das Zurückblicken auf die ganze vorhergehende Illusion.] Du sollst nachstreben dieser kosmischen Entwicklung. Dies ist dein Pfad, dein achtteiliger Pfad. So sollst du leben wie der Kosmos. Es kommt darauf an, dass du pflegst das richtige Denken; dann zweitens das richtige Entschließen und drittens das richtige Wort; viertens das richtige Tun; fünftens das richtige Leben; sechstens das richtige Streben; siebtens richtiges Erinnern, achtens richtiges Versenken. Da haben Sie die ganze kosmische Entwicklung, die der Schüler in seinem Pfad nachzubilden sich bemühen soll. Der achtteilige Pfad ist die Wiederholung der kosmischen Entwicklung.
[ 12 ] Als Buddha heranging, eine Religion zu stiften, da sagte er sich: «Ich muss kosmische Wahrheiten zum Strebens-Ziele machen.» Wodurch wird ein Mensch Religionsstifter? Dass er kosmische Wahrheiten zu Vorschriften macht. Der Stifter liest im Kosmos, was er sieht. Deshalb sagt er: «Ich und der Vater sind eins.» Was er gibt, ist dasselbe, was in den Sternen geschrieben ist. Dieser Gedanke, diese Zusammenstimmung gibt dem Buddhismus einen tieferen Charakter. Ich zweifle, dass der Singhalese das erkennt. Es kommt aber auch nicht darauf an. Die Buddhisten erkennen die Berechtigung des Esoterischen an. Der Buddhist strebt den achtteiligen Pfad an. Er tut alles, um das zu erfüllen.
[ 13 ] Der Priester, der Mönch, der die Leitung der Religionsgemeinschaft hat, der weiß es, und es ist nicht Usus, dass man dort alles nach außen mitteilt. Es ist wie im Katholizismus. Der Katholizismus ist eine Religion des Opfers. Der Priester, der weiß es. Er weiß die Esoterik. Der Gläubige tut nur die Vorschriften. Es kann auch einer Hohepriester sein oder Verwaltungsbeamter, ohne Esoteriker zu sein. Dies ist mehr bewusst ein Dominikaner- und Franziskanerorden, daher auch gebaut in gewissen [Breitengraden]. Was können Sie einfließen lassen?
[ 14 ] Es wird ein Moral-Kodex approbiert von einem scheinbar untergeordneten Mönch. Er hat ein Buch verfasst. Der Bischof hat es approbiert, seinen Namen daruntergesetzt. Dieses Buch wird nun in allen Schulen verwendet. Wer hat nun den wahren geistigen Einfluss? Es kommt darauf an, dass der Richtige das Buch schreibt, der sich dazu berufen fühlt. Der Bischof schreibt nicht selbst ein Buch. Der Mönch, warum wird er nicht Bischof? Er will keine Ablenkung, keine äußere Stellung, er will sich dem inneren Leben widmen.
[ 15 ] Und der Papst, der kennt die Esoterik. Es kann vorkommen, dass keiner da ist. Leo war Esoteriker, Pius IX nicht. Der jetzige ist wohl ganz harmlos.
[ 16 ] Die Übereinstimmung des achtteiligen Pfades mit dem kosmischen Gesetze - wenn sie durchgeführt wird, wird die Evolution wahrgenommen. Wenn sich der Mensch zum Mikrokosmos macht, nimmt er auch den Makrokosmos wahr. Es ist dies nicht bloß eine Bußübung, es ist eine Erweiterung des Wesens des ganzen Menschen. Die Nachbildung des Menschen bringt ihn mit dem Makrokosmos wieder zusammen.
[ 17 ] Nun noch etwas: Wir haben den Zustand beschrieben, wo der Mensch am weitesten von der Gottheit entfernt ist. Das ist der Zustand, wo einer den anderen von außen sieht. Wenn der eine einen anderen von außen sieht, dann ist das Selbst immer durch eine Hülle abgeschlossen. Dieses Anschauen nennt man das «Anschauen in Tamas, in Finsternis. So sieht man, in vollständiger Passivität um sich herum «in Tamas.
[ 18 ] Wenn wir anfangen, miteinander zu fühlen, dann geht uns von dem Selbst des anderen etwas auf, indem wir fühlen. Auch indem wir begehren, suchen wir unser Selbst über uns hinaus zu verbreiten. Indem ich einen Teller dicke Bohnen begehre, strebe ich schon über mich hinaus. Dieses über sich Hinausgehen im bloßen Fühlen, Begehren, was bloß den Astralkörper betrifft, das nennt man das «Leben in Rajas.
[ 19 ] Und der nächsthöhere Zustand ist der, wo man nicht bloß mit dem Fühlen und Empfinden aus sich herausgeht, sondern mit dem Gedanken. Da fallen wirklich auch schon im Leben die Schranken, wenn man in Gedanken herausgeht. Wir werden durch Gedanken ruhig. Es hört auf das Getäuschtsein durch die Begierden. Wenn ich bis zum Gedanken aufsteige, bin ich nicht mehr durch Begierden getäuscht. Ich denke nach dem höheren Sinn. Das ist das «Leben in Sattva». Dies ist der Zustand, den man erreichen kann durch Denken.
[ 20 ] Dann kommt der Zustand durch Intuition. Das sind die, in denen leitend die Weisheit zieht durch die Welt, in Weisheit. Das ist der höhere Zustand. Das ist der Durga-Zustand. Das «Leben im DurgaZustand» ist der Lebenszustand, den der Chela anstrebt: zu allen seinen Handlungen einen göttlichen Auftrag zu haben. Der Mensch frägt sich gewöhnlich immer: Ist es gut oder böse? Man hat verschiedene solche logischen Antriebe angestellt. Aber der, welcher Schüler werden soll, der muss nicht mehr nach logischen und sittlichen Antrieben handeln, sondern er muss sich auch fragen, ob eine göttliche Sendung für ihn vorliegt. Denken Sie sich einen Mönch. Richtiges Handeln ist sehr viel. Nehmen Sie an, er soll ein Buch schreiben, niemand kann es ihm schlecht anrechnen, wenn er kein Buch schreibt. Er schreibt das Buch, weil er den göttlichen Auftrag zum Buch ausführt. Das ist das Handeln im Durga-Zustand. Es ist ein innerer Drang dazu da.
