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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a

12 June 1904, Berlin

28. Das Prinzip der Korrelation

[ 1 ] Denken wir uns ein Tier, das eine besondere Organgruppe stark ausgebildet hätte. Das ist nicht möglich, ohne dass ein anderes weniger ausgebildet wäre. Überall in der Natur sehen wir dies Prinzip der Korrelation. Die mannigfaltigsten Dinge kommen dabei in Betracht, nicht Raumverhältnisse zum Beispiel, wie man beim Elefanten einwenden könnte. Goethe sagt das gut: Keinem Teile kann etwas zugelegt werden, ohne dass einem andern etwas abgelegt wird.

[ 2 ] Die ganze Sieben-Runden-Bildung des irdischen Planeten hat den Sinn, das menschliche Wesen dazu zu bringen, sich selbst in der Außenwelt zu erkennen. Wir haben die Aufgabe, durch Sinne, Verstand und andere Tätigkeit erkennend in Wechselverkehr mit der Außenwelt zu treten.

[ 3 ] Wir brauchen dazu ein Nervensystem, das aufnimmt und eine Zentralstelle bildet: das Rückenmark. Nicht aufgrund der Wahrnehmung allein könnte man Lust und Schmerz empfinden, nicht durch Wechselverkehr mit der Außenwelt. Zu Lust und Unlust muss noch die Erkenntnis hinzutreten. Erkenntnis des Grundes von Lust und Unlust ist ohne Nervensystem unmöglich. Das Nervensystem gab es nicht in der lunarischen Epoche, obgleich Lust und Unlust noch feiner empfunden wurden. Die lunarische Epoche hat das ausgebildet, was das Bett des Nervensystems wurde: das Knochengerüst. Schmerzen lebten dumpf im Astralbewusstsein ohne Wahrnehmung. Die Natur bildet in der lunarischen Epoche vollkommener, ohne die Kraft ihres Budgets auf das Nervensystem zu verwenden. Nun tritt das Gesetz der Korrelation hier ein.

[ 4 ] Der Sinn der irdischen Epoche ist, das Nervensystem zu bilden, und die dadurch vermittelte Erkenntnis der Außenwelt soll hinübergeführt werden auf die andere Epoche. Zu diesem Zweck der Bildung des Nervensystems müssen die Organe so ausgebildet werden, dass sie dienstbar werden, hingeordnet darauf; die Bildung muss umgebaut werden. Drei Runden mussten dazu verwendet werden, um noch einmal zu wiederholen, was früher gewesen war. Kama muss hinuntergedrängt werden, um Erkenntnis, Wahrnehmung auszubilden. Lunge und Herz waren so ausgebildet, dass Lust und Schmerz in einer raffinierten Weise empfunden werden konnten; subjektiv auf die höchstmögliche Stufe gestellt. Jetzt mussten sie so hinuntergedrängt werden, dass Wahrnehmung und Erkenntnis ausgebildet werden —, gewisse Partien herausgedrängt werden, um die andern in den Dienst zu stellen. Diese herausgenommenen Partien bildeten in der ersten Runde das Mineralreich. - Vollkommener auch in der lunarischen Epoche waren Wachstum und Fortpflanzungstrieb, das Pflanzliche; das wurde herausexpediert in der zweiten Runde. Wir hatten das früher in uns, könnten es aber jetzt nicht bewältigen und haben es aus uns herausgesetzt, den Elementargeistern überlassend.

[ 5 ] Dann mussten wir das Tierreich heraussetzen und sich selbst überlassen, um jetzt imstande zu sein, das Menschenreich zu bilden. Um unsere Nervenkraft herauszubilden, musste mit anderer Kraft an dem Material gearbeitet werden, das er im Überschuss hatte - der Überschuss des astralischen Lebens, an Lust und Unlust, das er in der lunarischen Epoche noch haben durfte. Der Mensch musste etwas von der Wut des Löwen zum Beispiel heraussetzen, damit die Kraft, die sie bewältigt, zurückbleibt zu anderen Zwecken - kosmische Schuld! Wir haben die bändigende Kraft entzogen, um erkenntnisfähige Kraft zu bilden; verdanken also unsere menschliche Höhe dem Zurückziehen einer Kraft, welche sonst Kama organisiert hätte. Sodass dieses Kama unorganisiert bleibt, deswegen wäre es, beim wütenden Kampf ums Dasein der Tiere von Schuld zu sprechen, ein Unsinn. - Setzen wir den Gedanken fort in der irdischen Entwicklung; der Asket muss geben und dadurch ersetzen, was er entzieht.

[ 6 ] Die dhyanische Natur des Menschen konnte also in der lunarischen Epoche nicht heraustreten - die Reiche waren in ganz anderer Art vorhanden -, das unterste wurde achte Sphäre, die nun zerstiebt.

[ 7 ] Der Mensch hat an sich jetzt das Spirituelle des Tiers, das damals noch in ihm war, sodass wir uns in der lunarischen Epoche den Menschen nicht direkt als Tier vorstellen müssen. Es war die höchste Blüte der Leidenschaft, während jetzt ihre Degeneration im Tier erscheint. Damals gab es also kein «Gut und Böse für die Leidenschaft, die ist erst ein Kennzeichen unserer Epoche. Nur jetzt kann sie böse werden, weil eine Kraft ihr entzogen ist und sie hinuntergedrängt ist.

[ 8 ] Jetzt fängt der Verstand, der früher geleitet war, an, sich selbst überlassen zu sein und verfällt manchmal in Atavismus; bei den Atlantiern war die Entwicklung in ihrer Mitte. In unserer fünften Rasse haben wir den Tiefpunkt etwas überschritten, und es kommen die Rückfälle vor: ein unbewusstes Erinnern von Gut und Böse, das jenseits des Bewusstseins lag. Zum Beispiel Nietzsches Philosophie. Sie war richtig in einer Zeit, wo es kein Philosophieren gab, sondern diese Kraft zur Leitung der Leidenschaft war —, deswegen tritt das Böse als ein versetztes Gutes auf. Es ist disharmonisch, weil es im Moment nicht am Platz ist. Jetzt ist das deplaziert, was damals Bildungstrieb gehabt hatte. «Wer behauptet, es gibt ein an sich Böses, der lästert Got - sagt die Bibel. «Warum nennt Ihr mich vollkommen, vollkommen ist nur der Vater.»

[ 9 ] Es gibt also kein an sich Böses, Böses ist nur das deplazierte Gute. - Nur der darf Herrscher sein, der die Kraft zum Herrschen dadurch nimmt, dass er überwindet.