Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
12 June 1904, Berlin
29. Der Begriff des Objektiv-Vorhanden-Seins und des Subjektiv-Erfassens
[ 1 ] Das Auge ist berufen, wahrzunehmen. Empfindung — Wahrnehmung - kann erst entstehen, wenn ein Nervensystem sich zu entwickeln beginnt. Das Auge ist zur Hälfte ein lebendiger physikalischer Apparat, zur andern Hälfte ist es vom Nervensystem durchzogen. Der Sehnerv würde niemals wahrnehmen, wenn nicht das Physikalische in einer bestimmten Weise gebaut wäre; bei gleichen physikalischen Gesetzen; wie ein lebloser Apparat, plus Leben.
[ 2 ] Diese zwei Dinge sind also zu bilden beim Menschen: ein Apparat, um aufzunehmen, und einer, um zu vermitteln. Draußen in der Natur haben wir das Mineralreich, und das Mineralreich hat uns den Apparat aufgegeben, aus den Bestandteilen desselben Reiches wird das gebildet, womit wir dies Reich aufnehmen. Alles was in der Außenwelt ist, haben wir auch; nach und nach müssen wir das ganze Mineralreich aufnehmen.
[ 3 ] In der vierten Runde assimilieren wir das Mineralreich, und am Ende der vierten Runde werden wir das ganze Reich verzehrt, aufgesogen haben. Während der ersten Runde haben wir das Mineral ausgesetzt, während der vierten saugen wir es auf. Während der zweiten geschieht dasselbe mit den Pflanzen, während der dritten dasselbe mit dem Tier.
[ 4 ] Während der siebten ist der Mensch in sich selbst; er hat alle Reiche aufgesogen. Wie geschieht das? Man hat im neunzehnten Jahrhundert, dem materialistischen, angefangen, die Lebenskraft ganz zu leugnen. Zum Beispiel wurde der Harnstoff im Laboratorium produziert, von dem man früher annahm, dass nur der Organismus ihn produziert. Die Forscher meinten, dass, wenn sie nun chemisch darstellen könnten, was früher vom Lebendigen zu stammen geglaubt wurde, sei kein Unterschied zwischen Lebendigem und Leblosem nur ein komplizierterer Organismus. Sie hätten sagen müssen: Auch im Mineralischen ist Leben.
[ 5 ] Der Mensch ist zuerst fähig, das Unorganische zu erkennen, erst später wird man das Pflanzen- und Tierleben begreifen. - Der Sinn, indem sich der Nerv ausbreitet, nimmt von Außen den mineralischen Vorgang wahr. Der Nerv wird aber darauf das im Auge enthaltene Leben erfassen, das einströmende Prana so erfassen, wie heute das Licht. Das Auge wird so weit fortgeschritten sein, dass das Pflanzliche unmittelbar einströmt. Das Mineralische hat aufgehört zu existieren. - Das Mineral ist zu seiner größten Dichtigkeit in der vierten Runde gelangt und wird als Weltenstaub demnächst zerstieben. — Der Stein ist deshalb das Bild des Vollkommenen innerhalb unserer Runde -, das Blatt die nächstliegende Hülle. Das Bild des Juwels inmitten der Lotosblume ist das Symbol der Tendenz des heutigen menschlichen Strebens. Buddha in der Lotusblume sitzend ist ein solches Symbol. - Der Mensch nimmt heute so stark mineralisch wahr, dass der Forscher sogar alles andere leugnet. Aber in ihm ist das Leben - Prana -, das nun alles Assimilierte mit sich durchs Pralaya hinübernimmt und das Verarbeitete nun als geistiges Innenleben, als in ihm Absorbiertes besitzt. - So in jeder Runde, bis der Mensch — alles absorbierend - nur in Gott bleibt.
[ 6 ] Während der ersten Runde hatte also der Mensch sein Physikalisches ausgebildet, es entstand das Knochensystem in der Anlage; in der zweiten wurde es belebt, der Mensch wurde eine Pflanze. Er ist hohl, die Pflanze als Umriss.
[ 7 ] In der fünften Runde wird er den Kern in sich haben. Der Mensch als Pflanzenmensch in der zweiten Runde pflanzt sich fort, Leben bringt Leben. In der ersten Runde herrschte die Einheit -, in der zweiten die Zahl, das Hervorgehen des einen aus dem andern. Es herrscht auch die Form — Gestalt —, weil sich die Zahl zusammentut.
[ 8 ] In der dritten fangen die Wesen an, im Innern zu leben. Wechselwirkung herrscht - Lust und Unlust.
[ 9 ] In der vierten Runde beginnt etwas Neues. Bis jetzt war überall noch die Schale. Das Mineralreich fängt an, als Kern sich anzusetzen. Wir haben erst jetzt zwischen Schale und Kern zu unterscheiden. Der Kern kann sich trennen und immer neue Schalen beherrschen. Es herrschen Geburt und Tod. Der Kern kann einen Keim behalten, der alle Hüllen überdauert, und wir bekommen Geburt und Tod.
[ 10 ] In den drei ersten Runden bis zur Mitte der vierten ist ein Herausgeben des Tochterwesens aus dem Mutterwesen, es schnürt sich ab. Alles war da, solange die Runde dauert, erst mit der vierten Runde ist Geburt und Tod möglich.
[ 11 ] Dass Oberste ist die Einheit, sie beherrscht die erste Runde. Das Zweite ist die Zahl, sie beherrscht die zweite Runde, das Dritte ist die Wechselwirkung, sie beherrscht die dritte Runde. Das Vierte sind Geburt und Tod, sie beherrschen die vierte Runde.
[ 12 ] Die Vereinigung der Pitri mit den Dhyan Chohan ist der Kern. [...]
