Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
12 August 1904, Berlin
51. Woher kommt das Böse?
[ 1 ] Die Frage nach dem Ursprung des Bösen muss jede Religion beschäftigen. Woher kommt das Böse, das Unvollkommene? Eine Frage, mit der sich die Lehrer aller großen Religionen immer wieder beschäftigt haben und die sie beantwortet haben. Sie muss gestellt werden, weil man sich vorstellt, dass der göttliche Ursprung der vollkommene sein muss. Wenn nun die Welt aus dem Göttlichen hervorkommt, ist natürlich die Frage: Wie kann aus ursprünglich Gutem etwas Böses entstehen? Warum lässt das Vollkommene etwas Unvollkommenes zu?
[ 2 ] Man muss das Wesen des Bösen in richtiger Weise erfassen und dann die Notwendigkeit einschen. Ein Bild: Klavierwerkstätte, darin ein vollkommener Klavierbauer, der nicht nur höchste technische Fertigkeit hat, sondern auch mit Liebe an der Verfertigung der Klaviere arbeitet. Innerhalb der Werkstätte werden wir nichts Unvollkommenes finden. Wenn wir ein Klavier in den Konzertsaal bringen, und ein Virtuose sich dran setzt, wird wieder etwas Vollkommenes kommen. Jeder an seinem Platz leistet Vollkommenes. Nehmen wir aber an, der Klavierbauer wäre zu enthusiastisch und hämmerte weiter, während der Virtuose spielt, so würde diese am unrechten Orte verrichtete Tätigkeit etwas Unvollkommenes hervorbringen. Wir werden finden, dass sich dieses Bild überall anwenden lässt, wenn wir etwas tiefer gehen.
[ 3 ] Denken wir uns die Aufgabe auf dem Monde - ähnlich, aber etwas anderes als die irdische Entwicklung. Das Vorstellungsvermögen war nicht, ebenso all die in den Menschen sich ausbildenden Geistigkeiten. Ein Traumbewusstsein war vorhanden, es hatte die Aufgabe, an den tierischen Organen des Menschen zu bauen. Die tierische Körperlichkeit war gebildet, ging in Samen über. Aber veranlagt waren sie auf dem Mond und so ausgebildet, wie sie sein müssen, wenn sie nicht Träger eines Rückenmarks und eines Gehirns sind. Darin lag der Unterschied in der Bildung der Organe. Ein Knochenbau kann anders sein, wenn er sich nicht zuzuspitzen braucht zu Rückenmark und Schädelkapsel. Damit das alles ausgebildet würde in sieben Runden mit je sieben Globen, musste das Traumbewusstsein sein, der Regulator aller tierischen Organe. Es musste, wenn er seine Aufgabe vollends erfüllte, besondere Sorgfalt verwendet werden, die unter der Sphäre der Gehirnbildung liegende Bildung auszuführen. Große Weisheit war nötig, aber kein helles Bewusstsein, Gattungsweisheit. Diese ungeheure Weisheit musste auf die plastische Ausbildung eines jeden Organes große Sorgfalt legen. Alles was damals geleistet worden war, war geleistet und ebenso überwunden. Wie aber verschiedengradig war die Ausbildung der Pitris?
[ 4 ] Denken wir uns einen Zurückgebliebenen jetzt versetzt in die irdische Laufbahn. Er hat die Tendenz nachzuholen, was damals versäumt wurde und würde große Sorgfalt verwenden, alles auf die Befriedigung niederer Organe anzuwenden. Solche Pitri-Naturen sind teils im menschlichen Organismus, teils als Verführer im Astralen, sie wollen der Menschen Organe zurückhalten. Sie haben nicht den richtigen Anschluss gefunden, sie können nicht hineinschlüpfen in die irdische Hülle und umschwirren die Menschen, verführen sie, wollen sie erhalten in dem niederen Dienst, der auf dem Monde höherer Dienst war. Der irdischen Tätigkeit widerspricht diese zurückgebliebene Tätigkeit; und durch diese an den falschen Ort versetzte Vollkommenheit ist das Böse entstanden.
[ 5 ] Die Entwicklung verläuft so, dass Lektionen gelernt werden müssen, dass man nicht automatisch in die Bahn geschoben werden kann; das kann zur Sonderheit führen. Dadurch, dass die Weltentwicklung in Raum und Zeit vorgeht, entsteht durch die versetzte Vollkommenheit das Unvollkommene.
[ 6 ] Verfolgen wir den großen Strom der Bewusstseinsentwicklung, so ist dieser der klare, vollkommene; aber nun muss er sich in Raum und Zeit ausleben und wird nun in Sonderheit verflochten, das heißt, verschiedene Entwicklungsströmungen schieben sich ineinander und stehen dann auf verschiedenen Entwicklungsstufen nebeneinander; so wirken Dinge aufeinander, die an sich am rechten Orte vollkommen wären, und doch im Zusammenwirken ein Unvollkommenes erzeugen.
[ 7 ] Deshalb darf kein in Raum und Zeit vorhandenes Wesen von sich die Vollkommenheit behaupten, sondern nur der göttliche Ursprung ist vollkommen.
[ 8 ] Die christliche Esoterik nennt nun diesen vollkommenen Ursprung aller Wesen den «Vater». «Nennt mich nicht gut, denn niemand ist gut außer dem Vater.» Seid vollkommen, wie euer Vater vollkommen ist, strebet danach, euer Ideal im Vater, das heißt im Raum- und Zeitlosen zu suchen.
[ 9 ] Ist es aber nicht widersprechend dem Begriff der Gottheit, trotz Raum und Zeit das Böse zu lassen? Wenn wir denken, dass alle anderen Wesen unseretwegen da sind, dass wir die Reiche aus uns ausgesondert haben, werden wir sagen: Eigentlich kommt es nur auf des Menschen Entwicklung an, denn unseretwegen sind sie da. Wir müssen mit in den Kauf nehmen /Lücke in der Mitschrift]
[ 10 ] Ein Böses in dem Sinne, wie wir es kennen, gibt es nur in der irdischen Entwicklung. Wie weit ist es in dem göttlichen Urgesetz berechtigt? Könnte die Menschenwelt ohne das Böse sein? Es fragt sich, wie sich die leitende Wesenheit zum Menschen verhält. Er könnte ihm die gebundene Marschroute für das Leben geben, dann wäre die Gottheit allmächtig, aber die Geschöpfe ohnmächtig. Dies ist unmöglich, wenn die Gottheit solche Geschöpfe wollte, die ihr Ebenbild sind. Wollte die Gottheit sich selbst entäußern, so musste sie Spiegelbilder schaffen, den Geschöpfen die Möglichkeit geben, aus sich heraus die Freiheit ihres Seins /Lücke in der Mitschrift] In der Liebe Gottes liegt die völlige Entäußerung Gottes.
[ 11 ] Zuerst haben wir die leitende Gottheit, dann die Spiegelbilder und das Leben darin - Sat; noch in der Fülle, nicht entäußert; die Hingabe - Ananda - und das Aufgehen im Geschöpf — Chit. Das ist das Verhältnis der göttlichen Wesenheit zu den Geschöpfen.
[ 12 ] Ohne Freiheit sind keine gottebenbildlichen Wesen möglich; mit der Freiheit ist aber die Notwendigkeit gegeben, dass Wesen auch irren können.
[ 13 ] In der irdischen Entwicklung ist den Wesen dadurch eine der höchsten Kräfte gegeben, die der Liebe. Ein Wesen, dem eine gebundene Marschroute vorgezeichnet ist, könnte das Gute nicht aus sich heraus, frei aus Liebe tun. Ein freies Wesen tut es aus Liebe. Also hat Gott die Wesen in hingebender Liebe gebildet und ihnen die Möglichkeit gegeben, das Leben in freier Liebe zu erwidern. Deshalb nennt man den Kosmos der Erde im Unterschied zu allen anderen den der Liebe. Das Handeln aus Liebe ist seine Aufgabe.
