Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
1 November 1904, Berlin
66. Zusammenfassung der vorhergehenden Vorträge
[ 1 ] Wir können die Apokalypse nur dann verstehen, wenn wir das Grundwesen des Christentums als mystische Tatsache nehmen. Dieses Grundwesen liegt enthalten in den Worten: «Selig sind, die da glauben und nicht schauen.» Was einst sich in dem Innern der Krypten abgespielt hat, das wurde nun hinausgetragen auf den Schauplatz der Weltgeschichte selbst. Das alte Mysterium wurde im Christentum enthüllt: Das, was zu einer Zeit Mysterium ist, wird offenbar zu andern [Zeiten]. In den Evangelien ist der Inhalt alter Mysterienbücher wiedergegeben; die Aufzeichnung der Zukunftsereignisse ist enthalten in der Apokalypse des Johannes.
[ 2 ] Wer den Geist solcher Schriften verstehen will, muss vor allen Dingen wissen, wie Religionen wirken.
[ 3 ] Es ist heute der Glaube sehr verbreitet, dass das schlichte Wort die Wahrheit enthält, und es gibt eine Abneigung gegen die Erhöhung des Geistes. Nichts soll gesagt werden gegen die Einfachheit des Wortes: Aber die innere Kraft, aus der solches Sprechen fließt, entspringt den höchsten Höhen des Geistes. Nicht jeder konnte sprechen von den Offenbarungen der höchsten Regionen. Der Kirchenvater besaß die Kraft, die Gewalt des [Lücke im Text]
[ 4 ] Ein im Mysterium erschautes Schicksal wird uns geschildert in der Apokalypse. Eine niedere Initiation genügt, um über eine Wurzelrasse hinwegzuschen, eine höhere ist notwendig, um über viele zu sehen. Um eine Apokalypse zu gestalten, ist der dritte Grad der Chelaschaft notwendig. In der Region eines hochentwickelten astralen Sehens entrollt sich uns das Schicksal einer Wurzelrasse. Vom vierten Kapitel an ist die Apokalypse devachanisches Schauen. Der, welcher die Apokalypse schrieb, übersah den Zeitraum bis in die Mitte der lemurischen Rasse und die Zukunft so weit, bis wo die Geschlechtlichkeit aufgehört hat. Die höheren Erfahrungen sind nicht voneinander verschieden. Niemals berichten zwei Eingeweihte in verschiedener Art. So wie der Apokalyptiker sprachen die Eingeweihten aller Zeiten. In der Apokalypse spricht der Verfasser von dem christlichen Gesichtspunkt aus.
[ 5 ] Blicken wir zurück auf die Gestaltung der Rassen.
[ 6 ] Vor der lemurischen Rasse liegt eine Ausgestaltung der Menschheit, die sich ganz anders ausnahm. Der Ätherkörper hatte sich noch nicht verdichtet; er wandelte nicht auf dem Boden, sondern durchschwebte die selbst ätherhafte Erde. Seine Organe waren leuchtend. - In feurigen Wolken inkarnierte sich der Mensch im Anfang der lemurischen Rasse. - Jenen Übergang von feiner zu physischer Materie, jene Wesen, die sich entwickelten zu physischer Dichtigkeit, bezeichnet der Esoteriker als den Adlerzustand des Menschen. Der Adler ist also der Mensch, der sich heraufentwickelt hat aus dem Äther zu physischer Materie.
[ 7 ] Bei den Atlantiern hatte der Mensch eine verstärkte Lebenskraft, er konnte Prana beherrschen, die Samenkraft benutzen. Während der gegenwärtigen Rasse, seit ungefähr dreizehn Millionen Jahren, beherrscht er nur die Physis. Später wird er sich die Herrschaft wieder erobern über den Ätherkörper und den Astralkörper.
[ 8 ] Dieses zweite Stadium, wo der Mensch noch die Herrschaft hat über den Ätherkörper, bezeichnet der Esoteriker als den Löwenmenschen.
[ 9 ] Für den Arier, den ganz in die Physis heruntergestiegenen Menschen, gilt als Sinnbild der Stier.
[ 10 ] Drei ganz bestimmte aufeinanderfolgende Stadien der Menschheit sind damit bezeichnet.
[ 11 ] Die symbolische Sprache versteht jeder, der sie gelernt hat; er weiß, was mit den besonderen Zeichen gemeint ist.
[ 12 ] Ein häufig gebrauchtes Schriftzeichen sind zwei ineinandergehende Dreiecke: oben ein Adler, links ein Löwe, rechts ein Stier; in der Mitte ein Menschenantlitz. Das bedeutet, dass hier unten ein Dreieck liegt, das vergangene Zustände charakterisiert. Die drei Winkel bleiben daher zunächst [Lücke im Text]
[ 13 ] In der Mitte ist der innere Mensch, die eigentlich bleibende Wesenheit. Es sind die vier Wesensarten, durch die der Mensch eigentlich Mensch ist, zu sehen in den zwei ineinandergeschlungenen Dreiecken.
[ 14 ] Diese drei Tiere treten überall da auf, wo über die Entwicklung des Menschen gesprochen wird. Aber in der Apokalypse des Johannes wird noch auf besondere Weise gesprochen. Der Apokalyptiker überwindet jene Hüllen, die ihn von den früheren Stadien trennen. Damit er sich sehend zurückversetzen kann, müssen die früheren Organe belebt werden. Sehende, schauende Tiere muss er schen. Auge, ganz Auge.
[ 15 ] Die zukünftigen Stadien begreift nur derjenige, welcher einen Blick hat für das Aufsteigen, den Gebrauch der höheren Körper. Jetzt sind wir im Stadium des rein physischen Verstandes. Dieser Verstand bedingt eine bestimmte Sittenlehre und bestimmte Religion. Der Einzelne muss im Wesentlichen sein Glück auf Kosten des Andern suchen. Schon, wer das Höhere erstrebt, muss über den andern hinaus. In der okkulten Schule hat man drei Worte, die das neue Zeitalter bezeichnen. Es sind:
[ 16 ] Bruderliebe: die Gemeinsamkeitsliebe als sittliches Ideal.
[ 17 ] Pneumatologie: die Lehre vom Geist und Geistigem als das Ausschlaggebende: wissenschaftliches Ideal.
[ 18 ] Freies Religionsprinzip: Selbstautorität in religiösen Dingen.
[ 19 ] Dieses wird die sechste Rasse sein.
[ 20 ] Ein bekanntes okkultes Gesetz ist, dass in gewissen Zeitläufen das wiederholt wird, was sich vorher abgespielt hat. Adler, Stier und Löwe wurden in den ersten drei Unterrassen wiederholt. Die vierte Unterrasse wird bezeichnet mit «Mensch». In ihr ging das Christentum auf.
[ 21 ] Das Volk der ersten Unterrasse, das indische Volk, hatte die Denkkultur zum Ausdruck gebracht, die höchste Vergöttlichung des Gedankens. Es musste in Kürze wiederholen, was der Lemurier erlebt hatte. Der Lemurier war Empfindungsmensch, der Inder dachte in Empfindungen; was der Gedanke ausströmt in Empfindungen, finden wir in der alten Veden-Kultur - der Gedanke ergreift beim Inder die Empfindungen. In den Kulturen, die dem Gedanken mehr mit dem Gedächtnis dienen, haben wir die Heroenkultur, die langen Kataloge, die zum Gedächtnis geführt haben. Es wurde viel notiert. Und aus den Notierungen der alten Perser, der Magier, der Chaldäer, sind die Kalenderbücher entstanden. Aus ihnen entwickelten sich Astronomie, Astrologie, Technik, Mathematik und so fort.
[ 22 ] So kam der Mensch zu der Rasse, wo er verstanden hat, was es heißt: Im Menschen selbst ist der Gott lebendig geworden.
[ 23 ] Die erste Rasse konnte am allerleichtesten verfallen. Die Empfindung ist noch nicht stark genug, dass der Gedanke sich wirklich verinnerlichen könnte.
[ 24 ] Jeder Tag, in dem man neu eindringt in die Vedantalchre, ist ein Quell neuer Bewunderung. Auf der anderen Seite tritt uns der wüsteste Götzendienst entgegen, in den das Volk verfallen ist. Die großen Tugenden der Menschen haben aber auch immer neben sich die größten Schattenseiten. Diese Erscheinung sucht uns der Apokalyptiker begreiflich zu machen an der Gemeinde von Ephesus, versinnbildlicht durch die Sekte der Nikolaiten; sie soll uns zeigen, wie in der fünften Wurzelrasse neben dem Höchsten das Äußerlichste lebt.
[ 25 ] Vergegenwärtigen wir uns, wie der Christ der ersten Zeit sein Christentum angesehen hat.
[ 26 ] «Drei sind es, die da zeugeten auf Erden, und drei im Himmel.» Atma, Buddhi, Manas. Vater, Sohn und Geist.
[ 27 ] Über den Vater zu sprechen, hätte der Christ der ersten Zeit abgelehnt. Den Vater glaubte er nicht anders erkennen zu können, als durch den Sohn, durch das Wort: «Niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.»
[ 28 ] Das Höchste, wozu sich der Mensch erheben kann, ist der Gedanke, das Mentale. Es ist für den irdischen Menschen charakteristisch, dass er zugleich in drei Welten lebt: der geistigen, der seelischen, der physischen - bewusst aber nur in der physischen.
[ 29 ] Das Höchste für alle Religionen war der weltschöpferische Wille. Wenn der Mensch durch den Willen den Gedanken zum Ausdruck bringen will, so ist es zunächst durch das Wort. Das Wort ist der Ausdruck des Geistes durch den Willen. So sagte denn der Christ: Der Vater brachte seinen Geist durch die Kraft des Wortes in der Welt zum Ausdruck. Das ist die zweite Person der Dreieinigkeit, die dritte ist der heilige Geist, und der kommt in dem Wort zum Ausdruck. Die Welt ist die Verkörperung des Geistes und ist entstanden durch das Gotteswort, wie die Luftschwingung durch das menschliche Sprechen. Dieses Wort ist als zweite Person zu denken, als höchstes Wesen, viel persönlicher, als Menschenindividualität. Dieses höchste Wesen ist für den ersten Christen Mensch geworden in Demjenigen, den er als den Verkünder des Evangeliums erkannte. Wer das nicht versteht, deuteln will an dem Fleisch gewordenen Wort, kann sich nicht in die Denkweise der ersten Christen zurückversetzen. Dass der Christ zum devachanischen Schauen emporgestiegen ist, ist klar für denjenigen, der das Evangelium zu lesen versteht.
[ 30 ] Das Christusleben hat noch etwas wesentlich anderes als das Buddhaleben, und das verstanden die ersten Initiierten. Die Zeit ist aufgehoben, das Vergangene ist gegenwärtig: So ist es im Devachan. Bei der Verklärung Christi sind die drei Jünger emporgehoben zu devachanischem Schauen. —
[ 31 ] Wir haben hier etwas, was wir im Buddhaleben nicht haben. Buddha wurde leuchtend ... hier schließt es. Das Christusleben beginnt seine bedeutsamste Epoche mit dieser Tatsache. So sagten die ersten Christen: Wohl verstehen wir die Vorverkündigung dieses, was gegenwärug erfüllt ist, durch die alten Relgionen ... Selig sind aber die da glauben, nicht schauen.
[ 32 ] Was früher erreicht worden ist durch das Schauen der großen Weltenwahrheiten im Innern der Krypten, das könnten jetzt auch die nur Glaubenden erleben. Das Mysterium wurde herausgerückt auf den offenen Weltenschauplatz. Das Kreuz von Golgatha ist dieselbe Handlung, vor allen Augen aufgerichtet. In populärer Form musste die alte Mysterienlehre vor die Welt getragen werden. Ein Schritt ist getan, der weiter hinausführt als die alten Religionen.
