Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
7 November 1904, Berlin
67. Apokalypse VI
Sehr verehrte Anwesende!
[ 1 ] Wir sind an einem wichtigen Punkte in der Betrachtung der Apokalypse angelangt. Was weiter darüber zu sagen sein wird, soll uns noch tiefer in gewisse verborgene Wahrheiten hineinführen. Wir werden sehen, wie dieses schwer verständliche Werk die theosophischen Wahrheiten in einer großartigen Gestalt wiedergibt. Wenn wir zurückblicken auf das, was hier schon ausgesprochen worden ist, so müssen wir die Apokalypse als die «geheime Offenbarung» dessen bezeichnen, was der Menschengeist in seiner zukünftigen Entwicklung erleben soll. Aber es wäre ganz unrichtig, wenn jemand denken wollte, dass ja durch eine solche Vorherbestimmung aller Wille des Menschen unterdrückt werde, wenn man glauben wollte: Es muss ja doch alles so und so kommen, was auch der Mensch tue. Nein, das ist durchaus nicht der Fall. Die großen Weltgesetze des Geistes werden nicht so gegeben, dass sie von außen her über den Menschen verhängt werden, sondern zu dem Zwecke, dass sie der Mensch innerlich aufnehme, und sich selbst in ihrem Sinne entwickele. Nach einem ganz bestimmten Naturgesetze müssen sich Sauerstoff und Wasserstoff zu Wasser vereinigen; aber der menschliche Wille kann die Bedingungen herbeiführen, dass sie sich vereinigen, und er kann also der Grund sein, dass die Gesetze in Wirksamkeit treten. Wenn er sich in die Naturgesetze vertieft, so wird er selbst zum Ausführer dieser Gesetze. Er nimmt sie in seinen Geist auf, und wird so selbst zum Mitschöpfer der Natur. Nicht anders ist es mit den geistigen Gesetzen. Es ist in der Welt bestimmt, dass sie sich in geistiger Gesetzmäßigkeit entwickele, wie es in der Natur begründet ist, dass sie sich nach natürlichen Gesetzen gestalte. Und wie der Mensch nur dadurch ein würdiger Mitschöpfer der Natur wird, dass er sich ein Wissen von den Naturgesetzen erwirbt, so kann er auch im Geistesleben nur tätig sein, wenn er die geistigen Gesetze zu seinem Wissen macht. Wissen wir nichts von den Gesetzen des Sauerstoffes und Wasserstoffes, so können wir keinen Anteil nehmen an der Art, wie sich diese zusammensetzen. Wir erfüllen unsere menschliche Aufgabe durch das Wissen, die Erkenntnis der Naturgesetze. Diese wären vorhanden und gültig auch ohne unsere Erkenntnis. Aber ohne diese unsere Erkenntnis würde die Natur über uns hinwegschreiten. Wir verblieben in unserer Dumpfheit und könnten nur willenlose Werkzeuge ihres Schaffens sein.
[ 2 ] Auch die großen Geistesgesetze wären ohne unsere Erkenntnis für die Welt tätig. Was in der Apokalypse gesagt ist, wäre wahr, auch wenn es niemals ein Mensch begriffe, so wie das Gesetz von der Verbindung der chemischen Stoffe wahr wäre, auch wenn nie ein Mensch davon etwas wüsste. In die Hand des Menschen aber ist es gelegt, sich durch Beobachtung dieser Gesetze seinem göttlichen Ziele zu nähern. In seine Seele muss das Licht hineinleuchten, das sich durch göttliche Kraft in der Welt offenbart. In diesem höchsten Sinne muss die «Kindschaft Gottes» von Seiten des Menschen aufgefasst werden. Ein Vater behält sein Wissen nicht für sich, sondern teilt es dem Kinde mit, damit es sich im Sinne dieses Wissens selbst entwickele. Gewiss, das Kind würde auch älter, wenn es sich um die Gesetze nicht kümmerte, und untätig zusähe, wie der Vater handelt. Aber das Kind bliebe unentwickelt. Die Liebe des Vaters aber besteht darinnen, dass er es zur Entwicklung bringe. Und die Liebe Gottes zu dem Menschen besteht darinnen, dass sich sein Wille in der Menschenseele offenbare. Gott hat den Menschen dazu berufen, dass dieser vollkommen werde. Gott schafft nicht nur, sondern er offenbart sich; und des Menschen Wille muss die Offenbarungen der Gottheit zu Antrieben seines Willens machen. Was geschehen soll, ist allerdings vom Anfange an bestimmt; aber es ist ebenso bestimmt, dass der Mensch selbst die Offenbarungen der Gottheit ausführe. Gott hat eben das Handeln des Menschen nicht ausgeschlossen von seinem Weltenplane, sondern von Anfang an in denselben einbezogen. Gewiss geschähe alles, was notwendig ist, durch den Vater, wenn das Kind untätig wäre. Aber dann wäre das Kind ohne Anteil an allem.
[ 3 ] Zum Evangelium wurde die Apokalypse hinzugefügt. Das Evangelium stellt für den Christen die frohe Botschaft von der Menschwerdung Gottes oder des göttlichen Wortes dar. Dieses «Wort» ist Fleisch geworden, auf dass es unter den Menschen wohne. Dieses Opfer Gottes bedeutet die Befreiung des Menschen aus den Banden der Materie. Der Mensch soll durch den Christus im Geiste vereint sein mit seinem Gotte. Indem er sich an Christus hält, trägt er den Gottesgeist im Herzen. Aber dieser Gottesgeist ist der Führer zu dem Willen des «Vaters. Und der Wille des Vaters offenbart sich in den heiligen Schriften, wie die Apokalypse eine ist. Aus Christus soll dem Christen die Kraft fließen, zu verstehen, was der Vater vom Anbeginne an mit der Welt beschlossen hat. Christus ist gestorben, auf dass der Mensch lebe, im Geiste lebe. In der Apokalypse liegt der Geisteswille des Vaters. Wer durch Christus im Glauben eingeweiht wird, der erhält die Kraft, durch Christus zum Vater zu gelangen. «Niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.» Aber der Christ soll auch zum Vater gelangen, das heißt, er soll in der Offenbarung den Willen des Vaters erkennen. Das Evangelium ist die frohe Botschaft von der Opferung Christi um des Menschen willen; die Apokalypse ist die Offenbarung des göttlichen Vaterwillens. Christus hat gesagt, dass er nach seinem Tode den ‹Geist› sende. Und der Theologe Johannes hat nur getreulich aufgeschrieben, was ihm der von Christus verheißene Geist geoffenbart hat.
[ 4 ] Sieht der Christ auf Christus, fühlt er sich mit ihm vereinigt, so empfängt er die Kraft und das Leben zum Verständnis des Geistwillens; sieht er auf die Offenbarung, so weiß er, in welchem Sinne er die von Christo empfangene Kraft anwenden soll. Die Apokalypse ist ein Buch. Und jedes Buch hat nur einen Wert, wenn man die Kraft hat, es zu verstehen. Das Leben in Christo soll dem Christen die Kraft geben, die geheime Offenbarung zu verstehen. Die Kraft wird verliehen durch Gnade, wie alle geistige Kraft eine Gnadengabe ist. Diese Kraft aber muss entwickelt werden. Christus wollte die Menschen zu einer Gemeinschaft von Gotteskindern vereinigen; der Geist der Offenbarung aber soll die Gotteskinder zur reifen Entwicklung bringen.
[ 5 ] Von diesem Punkte ausgehend, wollen wir das nächste Mal noch tiefer in die Apokalypse eindringen. —
