Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
12 November 1904, Berlin
69. Über die Wanderungen der Rassen
[ 1 ] Wenn wir uns die Wanderungen der fünften nachatlantischen Rassen klar machen wollen, müssen wir uns vor allem bewusst sein, dass es schwer ist, in diesem Chaos klar zu sehen. Es haben sich bei uns Nachkommen von allen früheren Rassen verpflanzt, und wir arbeiten schon in der vierten [Wurzel-]Rasse mit einer gleichsam strahlenartig sich ausbreitenden Bevölkerung, die selbst durchmischt ist mit Nachkommen anderer Rassen. In der fünften Rasse liegt die Sache am kompliziertesten. Überall finden wir Bevölkerungsreste, die einst schon eine Kultur hatten. Soweit wir die Völker des südlich-asiatischen Kontinents betrachten, haben wir Überreste der alten lemurischen Bevölkerung. Im Inneren Australiens findet man noch ihre Abkömmlinge. In West- und Nordasien, in Mittelasien und Südeuropa finden wir Reste der vierten atlantischen Epoche. Das ist der Boden, in den sich die Zweige der fünften nachatlantischen Epoche hineinsenken. So haben wir hier das Ergebnis von zwei Strömungen: Der lemurischarischen einerseits, der atlantisch-arischen andererseits. Alle diese Kulturen aber haben eine noch ältere in sich aufgenommen; Sibirien, Skandinavien, Nordrussland, China haben sogar Reste der hyperboreischen Kultur. Diese Mischungen sind schwer zu enträtseln. Suchen wir den Gang des arischen Kultureinschlages zu verfolgen.
[ 2 ] Von einem Punkt in Mittelasien, etwa in der Nähe der Gobi- und Chamo-Wüste, breitete sich diese Kultivierung radienartig aus. Es war eine entschiedene Priesterkultur, die eine spirituell hochgebildete Rasse dazu vorbereitete, in das Völkerchaos hineinzusteigen, Kolonien zu entsenden, aus denen neue Zivilisationen entstehen sollten. Hervorgegangen war dieses kleine Stammvolk aus der fünften Unterrasse, den Ursemiten der vierten atlantischen Epoche. Wir müssen bedenken, dass diese Ursemiten ihre bestimmte Aufgabe bekamen, die im Gesetze des Manu ausgedrückt sind, im weitesten Umfange den Menschen das zu bieten, was im Jesu-Wort ausgedrückt ist: ‹Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Gebärden, sondern das Reich Gottes ist unter Euch.› Alles Frühere war nur Vorbereitung auf diesen Zeitpunkt hin. Es war das, was die Geleittendenz des Christentums wurde: Die Heiligung der Persönlichkeit, das volle Hinuntersteigen auf den physischen Plan. Diese Mission musste erst sorgsam vorbereitet werden.
[ 3 ] Von Anfang an legte nun der Manu in der Stammrasse sehr geringen Wert auf das, was über Geburt und Tod beim Menschen hinausgeht. Diese Lehren hatten früher eine große Rolle gespielt und glommen nun langsam ab, um allmählich zu verschwinden. Der Manu der fünften nachatlantischen Epoche wollte die Menschen auf den physischen Plan hinunterführen, um sie in Stand zu setzen, das physische Herz, Gehirn, Lunge zu verstehen. So glommen denn diese über Geburt und Tod hinausgehenden Lehren in den ersten drei nachatlantischen Kulturen langsam ab. Denn auch ein Manu kann nicht Geschicke und Ereignisse lenken, wie er will, sondern er muss alles den großen Naturgesetzen gemäß vollbringen. Zwei Dinge lagen für ihn vor: Die Kultur, die noch aus der lemurischen Bevölkerung vorhanden war im südlichen Asien, und die Reste der atlantischen Kultur in Afrika. Dahin entsandte er seine Kolonien mit eingeweihten Priestern. Die einen nach Indien, die andern nach Afrika. Er gab ihnen mit die Lehre von der Non-Reinkarnation, die Lehre [über das Leben] zwischen Geburt und Tod. In den ältesten Veden ist in der Tat nichts enthalten von dem, was über Geburt und Tod hinausgeht. Er sagte sich: Da kommen Völker zusammen, die nichts wissen von der Reinkarnation, mit solchen, die eine genaue Kenntnis davon haben. Das Ergebnis wird das Richtige sein.
[ 4 ] In Ägypten kamen sie mit den Atlantiern zusammen, die keine so scharfe Reinkarnationslehre hatten. Denn während die letzten Lemurier sie im höchsten Maße ausgebildet hatten, war sie bei den Atlantiern schon verbildet; bei ihnen hatte sich alles aufs Gedächtnis zugespitzt; das Gedächtnis war bei den Atlantiern so scharf, dass es alles andere überwog, dass alles Physische durch Vererbung in ihm lebte. So haben wir denn in diesem ersten Auszug zwei Zweige: die Indo-Arier und die Hamiten.
[ 5 ] In Indien nahmen die einwandernden Indo-Arier, die mit der alten Lehre des von Gott geoffenbarten Wortes - Veda-Wort - kamen, die Reinkarnationslehre auf, und im Brahmanentum haben wir das, was so schön herauskommt als Reinkarnationslehre. Das hat der Manu bewirkt. Aus den unterjochten Lemuriern wurden indessen die Paria, aus den Indern die vier Kasten. Es ist das Prinzip der Eingeweihten: Die Vermischung des neu Hinzugekommenen mit dem, was schon da ist, hier der mächtigen manasischen Spiritualität mit der Reinkarnationslehre.
[ 6 ] Bei dem hamitischen Zweig — drei Söhne des Noah: Sem, Ham und Japhet - trat die Reinkarnationslehre etwas mehr zurück. Sie war äußerlich weniger klar. Die Ägypter haben mehr Gewicht auf die Konservierung der Leichen gelegt. Das Vererbungssystem war mehr betont, welches auf die physische Kontinuität den Hauptwert legt. Der Wert des einzelnen Lebens fand Betonung und bildete schon die alte Rishi-Lehre um. Eine weniger entschiedene Reinkarnationslehre vermischte sich hier mit der Persönlichkeitslehre.
[ 7 ] Die zweite Wanderung besteht darin, dass gleichsam ein neuer Zweig ausgeschickt wurde. Wir können ihn verfolgen, wenn wir zunächst nach Osten hin die Meder und Perser betrachten und dann den Stamm, welcher durch Chaldäa geht und seinen historischen Ausdruck in den Wanderungen des Abraham gefunden hat - aus Ur in Chaldäa. Auf der einen Seite kam der Stamm, der nach Westen ging, auch in Berührung mit den Überresten der atlantischen Kultur, und zwar mit der vierten Unterrasse der Atlantier, der turanischen Bevölkerung, die sich mit Ackerbau beschäftigt hatte.
[ 8 ] Es entsteht so ein eigentümliches Gemisch. Aufgepfropft wird auf jenen turanischen Zweig, der früher Magie getrieben - und zwar muss kräftig aufgepfropft werden! Von hier aus ging die Lehre der Meder und Baktrer. Hier wirkten die ersten Zarathustras, bemüht, im Dienst der äußeren Kultur die äußeren Handgriffe der magischen Zeit zu verwenden. Das Ergebnis ist ein mächtiges Aufblühen des Ackerbaues und der Weinkultur; in ihnen haben wir das Wiederaufleben der alten magischen Fertigkeiten.
[ 9 ] Ein Kolonistenzweig geht weiter nach Westen und stieß auf Überreste der nicht ausgelosten Ursemiten der atlantischen Rasse, und diese bilden, was man den alten semitischen Stamm nennt: Chaldäer, Babylonier, Phönizier, Araber. Sie bilden eine neue semitische Kultur.
[ 10 ] Die bedeutsamsten Ereignisse haben wir zuerst bei den Medern und Persern. Sie sind in einer alten Sage enthalten, die viele Neugestaltungen erlebt und uns zuletzt bei Cyrus entgegentritt: Der König Astyages hatte eine Tochter, Mandane, die sich nicht mit einem Meder, sondern mit einem Perser vermählte. Dem Vater träumte, dass ein Baum dem Schoße seiner Tochter entsteige. Der Traum wurde so gedeutet, dass der persische Stamm den medischen überschatten würde. Die alte Sage des Cyrus hat eine uresoterische Bedeutung. Cyrus ist der Repräsentant des ackerbautreibenden Persers gegenüber dem nicht ackerbautreibenden Meder, und der [Bauer] bedeutet, dass die Ackerbaukultur den Sieg gewinnt: Die alte Kultur geht über zu den Ackerbauern.
[ 11 ] Wie die Sache sich vollzog, können wir aus der Einrichtung des persischen Wesens sehen. Physisch stark sollten sie werden. Lemurier gab es hier nicht; die Atlantier hatten das vorbereitet, was zur Entfaltung der Persönlichkeit führt. Bei den Persern wurden persönliche Tugenden vor allem betont. Es ist ein bemerkenswerter Zug, dass sie Unterricht im Wahrheit-Sagen hatten; dies war ein Hauptgegenstand für die Knaben neben den gymnastischen Übungen. Und das ist sehr wichtig. Es bereitet sich vor, was dazu führte, dass persönliche Tüchtigkeit zum Höhepunkt kommen konnte.
[ 12 ] Nun kommen wir dahin, wo das ursprüngliche semitische Element sich mit dem Neuen vermischte. Priester-Rishis wanderten hinüber und fanden dekadente Alt-Semiten und ebenfalls dekadente Akkadier. So bildete der Manu einen neuen Zweig dadurch, dass er seine Einwanderer verband mit den dekadenten Semiten, denjenigen, die während ihrer atlantischen Blütezeit die Rechenkunst ausgebildet hatten. Was daraus hervorging, war die chaldäische Weisheit. [...] Es entstanden Astrologie, Astronomie, die Sternwarten, der Kalender, Maß und Gewicht. Diejenigen Einwanderer, die auf die Akkadier, das alte Handelsvolk, gestoßen waren, wurden benutzt, um in dieser Mischung neue Kolonien zu schaffen. Es waren die Phönizier.
[ 13 ] Ein weiterer Auszug folgte: Eine Rishi-Kolonie mit Anhängern ging nach Europa hinüber. Hier fand er das alte hyperboreische Element vor, und im Süden das atlantische. Die Hyperboreer hatten sich schon mit den Atlantiern vermischt; es war also nur noch ein kleiner Anklang an sie geblieben. Im Süden war Hyperboreisches fast gar nicht mehr vorhanden. Hier, auf dem Boden des alten Griechenlands entsteht nun die pelasgische Bevölkerung mit einer Art von Naturdienst, der vielfach an Ägyptisches erinnert; nur ist er hier mehr Lokalkultus, statt Ahnenkultus: Heilige Bäume, Heilige Höhlen finden wir vor; er knüpft sich mehr an die Natur. Es war der Glaube da, dass sich das Heilige mehr an den Ort als an den Stamm knüpft - Zeus von Dodona und andere. Der physische Ort wird heilig. Das war die Neubildung.
[ 14 ] Auch in Italien wird wieder eine Mischung von alter atlantischer und Rishi-Kultur auf den physischen Plan gebracht. Hier drang das durch, was sich bei den Atlantiern als soziales Wesen und als ein Hängen an technischer Kultur ausgebildet hatte: in der sozialen Gesetzgebung und technischen Fertigkeit der Etrusker.
[ 15 ] Im Norden gibt die Mischung von hyperboreischer- und RishiKultur die Neubildung der keltischen Kultur. Vorgefunden ist ein Atlantisch-Hyperboreisches, mit dem wenig anzufangen war. Es musste ein neuer Einschlag gegeben werden, und das Ergebnis ist die keltische Mischung mit der Druiden-Kultur. Diese hat so viel Geistiges, weil sie noch das Hochspirituelle, das über das Spirituelle des Atlantischen und Lemurischen hinausging, aufnahm. Weil es das hyperboreische Element in sich hatte, konnte das Keltische nicht recht standhalten und ging auf in den späteren Kulturen.
[ 16 ] Wir kommen nun zu der dritten Aussendung. Sie ist sehr kompliziert. Sie geht zum Teil hinein in das, was früher von den zwei ersten vorbereitet war. Wir haben sie in den Darstellungen der verschiedenen Völker erhalten. Überall da, wo in den Traditionen die starken kräftigen Menschen schon im Vordergrund stehen. So ging vor allen Dingen eine Gruppe von Initiierten nach Westen und befruchtete das schon einmal befruchtete ursemitische Element noch einmal. Denn es handelt sich darum, zusammenzufassen alles, was ursprünglich hineingegossen war zu der großen Idee der Staatenbildung. Das Ergebnis dieser dritten Aussendung nach dieser Dichtung hin ist die Genesis, das Alte Testament.
[ 17 ] Eine weitere Aussendung war diejenige, welche nach Kleinasien hinüberging und dort das bildete, was erhalten ist in der trojanischen Kultur sowie in ihren Tochterkulturen, von denen die eine die albalongische ist. Diese Initiierten hatten die Aufgabe, die Staatenbildung zu übernehmen, sowie es zu den verschiedenen Völkern passte.
[ 18 ] Wir haben also drei Gruppen von Initiierten kennengelernt, von denen die erste die Aufgabe hatte, die religiöse Kultur zu schaffen, die zweite, die materielle Kulturgrundlage zu schaffen - Persien —, die dritte den Staat zu bilden, die Leidenschaften zu konsolidieren. Dies geschieht in den Formen, die den verschiedenen Völkern angepasst sind, wie in Troja also oder Alba Longa oder dem theokratischen Gottesstaat Palästina. Im Wesentlichen waren das aber nur Vorbereitungen, bei Völkern gemacht, die zur Staatenbildung gar nicht berufen waren. Bei dem Volk, das am meisten dazu berufen war, durch seine Kultur das Geistige auf den physischen Plan hinauszutragen, gelingt die Staatenbildung am wenigsten: Die Griechen sind vor allem das Kunstvolk. Das höchste Persönliche, auf den physischen Plan herausgebracht: Das ist die Kunst. Der Initiierte der dritten Gruppe — bei den Griechen - ist der Heros, der starke Mensch.
[ 19 ] Drüben in Asien sind die Völker schon wiederholt gemischt. Und diejenigen, welche die höchste Gesetzgebung bekommen hatten, die Juden, waren so gemischt, dass sie schon hypertrophiert waren. Dagegen war in Europa, in Mittelitalien, eine einfachere Mischung gewesen. Wir finden dort ein sehr starkes atlantisches Element. Die Etruskische Kolonie hatte mit Alba Longa, dem Priesterstaat, zusammengewirkt und Rom zustande gebracht. Hier war einfache Rassenbildung und sehr viel Atlantisches darin. Die zwei Züge hatten hingereicht, um das zu begründen, was man die etruskisch-römische Kultur nennt, mit dem Priester-Einschlag, der zur Institution des Pontifex Maximus führen musste. Die Verhältnisse lagen einfach, und so ging aus ihnen das Volk der römischen Republik hervor, das persönliche Tapferkeit rein für sich ausbildete. Der römische Bürger, der Cives, war der vollwertige Mensch, der sich ganz als Persönlichkeit fühlte. Die Griechen mussten sich vor allem als Weise und Künstler fühlen. Als sie das pflegten, was am meisten aus der Persönlichkeit hervorgeht, die Redekunst und das Recht, mussten sie untergehen. Privatrecht und Redekunst, Eloquenz, werden erst in Rom zur Vollendung ausgebildet. Der Grieche hat erst geahnt [...] und dann die vollkommene Persönlichkeit ausgebildet, indem er sie in seinen Göttern darstellte. Der Römer stellt in seiner Person die in sich vollendete Persönlichkeit als Bürger dar, als wirklicher Mensch. Die Werke der griechischen Bildner stehen gleichsam in den Römern auf und werden Leben.
[ 20 ] In Rom bereitete sich also etwas vor, was die Loge der Initiierten benützen konnte, um einen weiteren Einschlag zu geben. Die höchste Spitze des Geisteslebens musste dazu genommen werden. Die war nur da zu finden, wo die meisten geistigen Einschläge gegeben waren, nämlich in Vorderasien. Dort war Geist auf Geist gepfropft:
1. Der Selbsteinschlag: die fünfte Unterrasse der Atlantier Ursemiten auf die erste Unterrasse der arischen Bevölkerung.
2. Der Einzug in die Gegend des Euphrat und Tigris.
3. Die patriarchalische Zeit - die Zeit der Heroen.
4. Der Gottesstaat.
[ 21 ] Diese wunderbare Mischung drückt sich in allen Zweigen des Geisteslebens aus. Der neue Einschlag dort konnte nur kommen von einer Persönlichkeit, die fernab, nicht aus dem eigenen Lande kam.
[ 22 ] Es wurde von der Loge sorgfältig die Familie ausgesucht, aus der ein Initiierter hervorgehen sollte. Durch die alte Rishi-Kultur war vorbereitet, vorverkündet der Initiierte, der jetzt kommen musste. In den Sibyllinischen Büchern war es niedergeschrieben.
[ 23 ] So wird im Verborgenen, abseits vom Judentum, in Galiläa, der Messias der vierten Unterrasse vorbereitet. Dort in Galiläa hatte das Judentum nie festen Fuß gefasst; es war dort nicht hineingedrungen. Die Galiläer sind dem Rassencharakter nach sehr gemischt. Es handelte sich darum, dass er auch nichts vom Galiläer habe, dass er wie aus dem Verborgenen komme. Daher erzählen die Apokryphen von ihm, dass er ein Muttersohn sei, sprachen von seiner unchelichen Erzeugung. Dies war Jesus von Nazareth, der Galiläer. Er war bis zum dritten Grade eines Schülers initiiert. Nun handelte es sich darum, ihn zum höchsten Initiierten für alles zu machen, was überhaupt auf dem physischen Plan verwirklicht werden sollte. Das geschah dadurch, dass die ganze Persönlichkeit von einem anderen in Besitz genommen wurde, der die ganze fünfte Wurzelrasse darstellt, von dem Christus. In der griechisch-lateinischen Kultur kam die ganze fünfte nachatlantische Epoche heraus, und das ist symbolisch dargestellt in dem Herabkommen der Taube. Wollte man die Wahrheiten ausdrücken, um die es sich hier handelt, konnte man nur die höchste Form wählen.
[ 24 ] Der Manu sagte sich, ich will die vierte Unterrasse zu einem Wesenszusammenschluss aller früheren Einschläge machen und sie mit dem Geist der ganzen fünften Wurzelrasse begaben. Das kann der Christus tun, der der eigentliche Einschlag der ganzen fünften Wurzelrasse ist. Der Manu hat es vorbereitet, Christus sich gleichsam in das Vorbereitete hineinbegeben. Es sollte die Offenbarung des eigentlichen Geheimnisses der vierten Rasse vor sich gehen. Früher war es nur vorbereitet worden, die höchsten Initiierten hatten es gesehen, die anderen vorbereitet. Das war die Finsternis, in die das Licht kam.
[ 25 ] Überblicken wir den Werdegang, so haben wir Ergebnisse, die dadurch vorbereitet sind, dass die drei ersten Unterrassen stufenweise zur Persönlichkeit erzogen werden - bis in der vierten das Tiefinnerlichste der Persönlichkeit ergriffen wird, als Gleichheit aller Menschen vor Gott.
[ 26 ] Initiierte, die ausgesandt wurden, waren nicht von Vater und Mutter der betreffenden Rasse gezeugt. Sie waren überall geschlechtslos.
[ 27 ] Das ist im Johannes-Evangelium wirklich gesagt:
Zu den Einzelnen kam er, und die Seinen nahmen ihn nicht auf, die ihn aber aufnahmen, denen hat er die Macht verliehen, Gottessöhne zu werden, und die auf seinen Namen vertrauten, waren nicht aus Fleisch und Menschenwillen, sondern aus Gott erzeugt. [Joh 1,11-13]
[ 28 ] Christus ist das innerlich göttliche Prinzip; er muss sich in die Formen gießen und nimmt die Gesetzesform aus dem theokratischen Staat auf, aus dem Judentum. Diese, die Juden, konnten die neuen Formen nicht annehmen, sie hatten schon die ihren; das war die Höchste. Er musste sie aber annehmen, stufenweise musste er heraustreten auf den physischen Plan. Er sprach also seine Weisheit aus durch die Weisheit des alten Judentums. Nun musste diese Weisheit verstanden werden. Verstehen konnte man diese Weisheit da, wo man den physischen Plan schon erobert hatte, wo man Philosophie hatte. Daher stammten die ersten Kirchenväter von den Griechen. Diese hatten in ihrer Philosophie die Möglichkeit ausgebildet, das was auf den physischen Plan heraustrat, zu verstehen. Sie konnten, als in der Persönlichkeit der Wille heraustrat, auch diese Persönlichkeit verstehen.
[ 29 ] Das Volk, das einen Zeus gebildet, einen Gott selbst in seiner Bildhauerkunst inkarniert hatte, konnte auch die Idee des inkarnierten Gottes verstehen. Leben konnte diese Idee zunächst nur durch das, was aus dem römischen Volke heraustrat. Der Mensch, der die Persönlichkeit herausgebildet hatte, konnte diese Idee haben. Das war der Römer.
[ 30 ] Der Christus selbst wird im jüdischen Volke gebildet, er wird verstanden durch die griechische Gnosis und die griechischen Apostel: Paulus und der Griechen-Evangelist Johannes. Das alles hätte aber nicht zur Ausbreitung des Christentums auf dem physischen Plan führen können, sondern höchstens zu einem Verständnis. Die Römer, die sich griechische Bildung aneignen, Jerusalem zerstören, nach Asien gehen, werden Christen.
Also:
Die Juden bilden Christus.
Die Griechen verstehen Christus.
Die Römer werden Christen.
[ 31 ] Daher breitete sich das Christentum auch erst nach der Zerstörung Jerusalems aus und hat eine spezifisch römische Form. In Rom war schon vorbereitet das physische Gefäß für den Christus, und zwar der Staat, der schon das Weltreich begründet, und der Priester, der es verwalten konnte, der Pontifex Maximus. Damit haben wir die vierte Unterrasse. Wir haben gesehen, dass sie sorgfältig vorbereitet war. Die fünfte Unterrasse ist ja noch im Werden.
[ 32 ] Wir sind auf dem Gipfel oder in dem Zentrum angelangt. Die folgenden Lehrer sind daher solche, die zu bewahren haben, was entstanden ist, um es auf dem besonderen Physischen wieder anzuwenden. Es handelt sich darum, dass einige Initiierte diese erstiegenen Gipfel für die Einzelnen spezifizieren. So haben wir die christliche Tradition bewahrt in der Bruderschaft vom Heiligen Gral. Fortwährend verkommt und degeneriert das Christentum. Es handelt sich also darum, fortwährend neue Einschläge zu geben aus dem, was man den Berg Montsalvatsch, den Gral nennt. Diese Einschläge nehmen einen anderen Charakter an. Wiederum sind es Rishis, die die eigentliche Unterweisung auf christliche Art erleben und nur immer das ursprüngliche Christentum schützen wollen gegen die Degeneration.
[ 33 ] Auf diese Weise sind die verschiedensten Regenerationsversuche gemacht worden. Der erste Versuch führt zurück auf einen In ten, der geschichtlich noch keine Rolle spielen kann, weil auf diesem Boden noch Vorgeschichte ist. Er wird aber in der Sage genannt. Der deutsche Apostel Bonifatius ist es. Von ihm stammt die ursprüngliche Form, in welcher das Christentum von Irland nach Deutschland kam, mit einem Gemisch von Druidenkultur, indischem Einfluss, Einschlag des Dionysius Areopagita.
[ 34 ] Ein neuer Einschlag war gegeben und eine neue Möglichkeit geschaffen durch den Initiierten, den man als Lohengrin bezeichnet. Diese Initiation ging unter einem sehr komplizierten Gesichtspunkt vor sich; wie auch alle Initiationen kompliziert werden. Denn es war zu verbinden das ursprüngliche Christentum, welches sich kontinuierlich ausgebildet hatte von Dionysius dem Areopagiten an durch Scotus Eriugena bis herauf zu der Scholastik und Mystik. Es konnte diese Strömung zwar auf die Völker durch Predigt wirken; allmählich aber war sie dem Volke verlorengegangen, weil sie zu den höchsten Höhen des Gedankens ging. Daher musste eine Befruchtung von dem ursprünglichen spirituellen Element geholt werden. Es war ein Höhepunkt erreicht worden, der aber zugleich eine Sackgasse war, und um auf den Initiierten Lohengrin zu wirken, musste eine neue Befruchtung aus dem Orient, und zwar durch die Kreuzzüge bewirkt werden. Das Wesentliche, was daraus hervorgegangen ist, sind die Tempelritter, die eigentlichen Sendboten des Heiligen Gral. Die bauen am Orte des Salomonischen Tempels eine Weisheitsstätte und nachdem sie dort vorbereitet sind, werden sie Diener des Heiligen Gral, werden dort vom Gral eingeweiht. Dies geschieht um die Wende des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts und wird vorbereitet im elften und zwölften Jahrhundert.
[ 35 ] Nun sind wir im Vorbereitungsstadium der fünften Unterrasse, der germanisch-englischen. Aus dem Tempeldienst können wir ersehen, dass es sich um die Anwendung des Christentums auf eine neue Rasse handelt. Der Tempelherrendienst bereitet vor das Überschlagen des Christentums zur vollen Äußerlichkeit [...] im Christentum, die später zum Protestantismus führt. Dadurch verstehen wir das eigentliche Bekenntnis der Tempelherren und ihren Geheimkultus. Sie sagten sich: Der Christus, den die Abendländische Kirche vertritt, ist uns nichts, denn dieser ist der Christus am Kreuz. Wir aber verkündigen den Christus, der in Jerusalem gewandelt ist und vom Täufer die Initiation empfangen hat; unsere Lehrer über Christus sind daher nicht Kirchenlehrer und Kirchenväter, sondern Johannes der Täufer, der Initiator selber. Daher bestand die Hauptzeremonie darin, dass sie das Kruzifix-Symbol des abendländischen Gottesdienstes und die Hostie, die nicht geweihte, ausspien. Darinnen war symbolisch ausgedrückt die ganze Verachtung des römischen Christentums, desjenigen, das sich als Katholizismus ausgebildet hatte, und es war vorbereitet das: Zurück vom katholischen Christus zum evangelischen Christus. Das war ein Grundsatz. Ein anderer war:
1. Wir nehmen wieder an den Glauben an die Elementarkräfte der Welt.
2. Wir glauben, dass die Schicksale der Menschen ein Ergebnis der Gestirnzusammenhänge sind und dass der Mensch selbst herausgeboren ist aus den großen Gestirnzusammenhängen, den Naturgesetzen.
[ 36 ] Aus diesen zwei Grundsätzen ist die Kultur der germanisch-englischen Rasse herausgewachsen: Die religiös-protestantische einerseits, die wissenschaftliche der physischen Welt anderseits.
[ 37 ] Dies war aber nur das Gefäß. Der Inhalt kam auf dem Umwege
[ 38 ] durch die Mauren. Wiederum haben wir also hier einen semitischen Einschlag. Fünf semitische Einschläge waren es, die den Inhalt gaben. Vorbereitet wurde immer die Form.
[ 39 ] Die Rosenkreuzer bewachten den gemeinsamen Grundstock dessen, was auseinanderging in einer rein weltlichen Wissenschaft und einer materialistischen Religion. Sie waren es, die zusammenhalten wollten. Die Rosenkreuzer pflegten im Wesentlichen das Studium der Evolution im Konkreten innerhalb der fünften Unterrasse, bereiteten die sozialen Gesetzgebungen vor und werden die eigentlichen Führer der sechsten Unterrasse sein.
