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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a

14 November 1904, Berlin

70. Apokalypse VII

[ 1 ] Die Apokalypse muss betrachtet werden als ein Dokument, durch welches einer der christlichen Eingeweihten - welche ihren Unterricht erhalten haben nach der Verkündigung durch die Tat — das Tiefste gesagt hat, was als Geheimnis erst später offenbar werden soll. Es tritt uns in dieser Lehre eine Übereinstimmung mit der Urweisheit entgegen: die Darstellung der Menschheitsentwicklung in der Apokalypse. Diese tiefe Übereinstimmung mit den großen anderen Weisheitsreligionen übersehen wir an diesem Dokument.

[ 2 ] Das andere, was aus ihr hervorgeht ist, dass sie einen esoterischen und einen exoterischen Gehalt hat- einen Gehalt für jedermann; das er auch demjenigen bietet, der durch Vorbereitung zu einer solchen Gestalt kommt.

[ 3 ] Durch die Apokalypse sind die alten Lehren bestätigt, verfasst im Sinne des Spruches: «Selig sind die da glauben»; aber auch für die, die schauen. Verstehen kann nur der die Apokalypse, der tiefer in sich selbst eindringen kann. Sie führt uns hinaus, dass sie die großen Welträtsel löst, durch die wir wieder hineinblicken in das eigene Innere. Zwar sieht das Auge hinaus - will es aber sich unterrichten von dem, was da draußen vorgeht, muss es sich umwenden und in sich blicken. Wie kommt das?

[ 4 ] Es liegt dem zugrunde, dass der Mensch Geist des allgemeinen Gottesgeistes ist, er schafft immer von vorher und auch in fernen Jahren. Wenn aber der Menschengeist ein Teil des Gottesgeistes ist — das ist er in sich -, so sieh in dich — du bist etwas, das verwandt ist mit allem Schaffen. «Ich und die Gottheit sind eins.»

[ 5 ] Der Mensch lebt für sich, aber er versetzt sich in die fernste Vergangenheit, und in die Zukunft. Was in mir lebt da bin ich dabei gewesen. Nicht nur abstrakt die Gedanken zu denken, sondern unser Gefühl damit zu durchdrücken; und wenn dieser Gedanke in uns lebt, dann sind wir auch solche Kraft, wir müssen unser Gefühl entflammen.

[ 6 ] Der Materialist sagt: Das Auge wird vom Licht berührt und das Auge empfindet es; der Mystiker sagt: Indem ich das Licht wahrnehme, weiß ich, es kommt von außen; aber wie kommt es, dass mein Auge es wahrnimmt? Da müssen wir uns sagen, dass der Mensch Organe an sich selbst herangebildet hat. Im Keimzustande wiederholt der Mensch alles, was er früher durchgemacht. Tiere, die in eine dunkle Höhle kriechen, verlieren das Augefnlicht], sodass die Nachkommen augenlos zur Welt kommen. Das Licht hat also einstmals gewirkt, dass wir Organe haben. Eine Kraft ist das Licht, welche uns das Auge geschaffen. Das Licht ist auch von innen - und schafft das geistige Auge. «Wäre nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken.» In uns ist das Licht hinein.

[ 7 ] Das schaffende Licht können wir in uns erleben. Platon hat gesprochen vom Lichte in uns. Um Platon zu verstehen, muss man sich tief in ihn hineinleben, man muss ihn nicht so schülerhaft kritisieren. Er sagt: Das Auge sendet Strahlen aus, wie wenn das Auge das Tätige wäre. Platon wusste es noch, lebte es noch, das helle Licht, das das Auge gebildet. Dies Licht, von dem die Mysterien sagen, ist ein Licht innen. Von hier strömt das Licht, Äonenlicht, Astrallicht, in dem wir leben; es erscheint uns nur von außen, wir erleuchten damit die Welt. Wir leuchten hinein in die Undurchsichtigen [...]

[ 8 ] Wer das schaffende Licht in sich selbst erlebt, der erlebt die Mysterien; der Mystiker erlebt von solchem Schauen; der wird ein Schauender, wie Johannes einer war — eine Wirklichkeit, an der der Materialist zweifelt.

[ 9 ] Wenn wir diese Wirklichkeit erfassen, wenn wir uns so stellen dem Mystischen gegenüber, kommen wir in die Stimmung hinein, die Apokalypse zu verstehen. Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Aber Funken sprühen aus dem Buchstaben heraus, wenn wir sie durch den Geist lesen.

[ 10 ] Nun versteht man, was es heißt «das Erkennen der Wirklichkeit der Symbole. Die sieben Gemeinden durch sieben Leuchter benannt. Sieben Sterne sind die sieben Engel. Fassen wir diesen Begriff näher ins Auge.

[ 11 ] Es ist doch aber von sieben Gemeinden in Asien die Rede? Alles was in der Zeit ist, hat seine Darstellung. Die sieben Unterrassen sind so vorzustellen, dass die eine fortdauert, während die andere anfängt.

I - Unterrasse Inder. Es lebt noch diese alte Rishikultur.
II - Persische Rasse
III - Chaldäer, Babylonier
IV

[ 12 ] Es lebten schon Weisheitsschulen, welche das Geheime erst der Zukunft bewahrten.

[ 13 ] Die sieben Repräsentanten der sieben Unterrassen waren damals schon vorhanden. Solche sieben Bruderlogen werden die sieben Gemeinden genannt, es sind die sieben Leuchter der sieben Unterrassen, die sieben Führenden der sieben Unterrassen. Sie haben nichts zu tun mit dem Äußerlichen, aber mit einer realisti /Lücke in der Mitschrift]

[ 14 ] Aber was bedeuten solche Bruderlogen? Wenn ein Mensch sich vor uns darlegt, so hat er Organe, die in Gesamtheit ihn ausmachen, und in diesem Menschen kann die Seele nur innerhalb ihr Dasein führen, sie wohnt in diesem Tempel - Körper. Wollte die Hand ihren eigenen Weg gehen, so wäre die Persönlichkeit nicht möglich. Eine selbstlose Hingabe eines jeden Organs. Der Mensch muss so werden, wie seine Organe es ihm zeigen.

[ 15 ] Das Auge macht keine Ansprüche auf eigenes Leben, es gibt sich hin. Das Ohr ist komplizierter als das Klavier. Der Mensch ist nicht so weit. Als wenn das Auge die Farbe in sich selbst erleben möchte, es gibt sich hin - stellt sich in den Dienst der anderen Organe. Die Organe des Menschen also leben viel höher als er selbst. [...] Der Mensch könnte durch das Ohr nicht hören, wenn es selbst empfinden möchte. Er aber muss so werden. Er muss sich hingeben den anderen Menschen, als Organ sich hingeben, um einen Geistesmenschen zu ergeben.

[ 16 ] Diejenigen, die sich so hingeben — das nennt man eine Bruderloge. Wie die Seele sich in den Organismus hineinsenken kann, so kann sich eine höhere Wesenheit in eine Bruderloge hineinsenken. Wenn Menschen so vereinigt sind, dass ihrer mehrere die Organe sind, senkt eine hohe Wesenheit sich hinein; sodass also eine höhere Seelenwesenheit sich verkörpern kann. Weil sie - die Menschen — wie Organe geworden sind, kann innerhalb der Gemeinschaft ein höheres Wesen sich hineinsenken, um sich zu verkörpern.

[ 17 ] Pythagoreische Schule auch so.

[ 18 ] Da, wo alle gleichsam empfinden, wo jeder, was er hat, hinlegt auf den Altar der Gemeinschaft, da senkt sich das Höhere hinein.

[ 19 ] Wem Erfahrungen von solchem Herabkommen geworden sind, weiß es: Dann sind solche höheren Wesen Leuchter, dann sind sie Führer geworden, welche aus dieser Gemeinschaft den Stoff nehmen, um sich zu materialisieren.

[ 20 ] Das sind die sieben Engel: Das liegt einem christlichen Spruch zugrunde. Er sprach: «Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt.» - Dazu gehört noch: «Wenn zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind.» —

[ 21 ] Ohne die Gemeinschaft kann kein höheres Wesen sich verkörpern, einzeln sind wir nichts. «Wenn zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind, dann bin ich mitten unter ihnen.»

[ 22 ] Durch alle Zeiten war diese Wirksamkeit — die davon erzählen, waren Eingeweihte. Johannes erzählt, dass er auf der Insel Patmos war. Diese Insel ist die Mysterienschule; «ein Engel verkündete heißt: mystische Darstellung einer Tatsache; lebendiger Bezug zur Wurzelrasse. Es wird die Bruderhand hinübergereicht zu allen Unterrassen.

[ 23 ] An die Gemeinde zu Ephesus:

Dem Engel der Gemeinde zu Ephesus schreibe: Das sagt; der da hält die sie ben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben golde nen Leuchtern: Ich weiß deine Werke und deine Arbeit und deine Geduld und dass du die Bösen nicht tragen kannst; und hast versucht die, so da sagen, sie seien Apostel, und sind’s nicht, und hast sie als Lügner erfunden; und verträgst und hast Geduld, und um meines Namens willen arbeitest du und bist nicht müde geworden. Aber ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässest. (Off 2,14)

[ 24 ] Die erste Liebe verlassen - da sind die Rishis gemeint.

[ 25 ] Die zweite Rasse, die persische, musste sich mehr auf das Praktische hinneigen: Sei getreu bis in den Tod und so weiter. Hier wird schon vom Teufel gesprochen, davon die Teufelsvorstellung — die Asuras. Und dem Engel der Gemeinde zu Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich weiß deine Werke und deine Trübsal und deine Armut (du bist aber reich) und die Lästerung von denen, die da sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind des Satans Schule. Fürchte dich vor der keinem, das du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird etliche von euch ins Gefängnis werfen, auf dass ihr versucht werdet, und werdet Trübsal haben zehn Tage. Sei getrost bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. [Off 2,8-10]

[ 26 ] Bei der dritten Rasse, vorasiatische Religion, wird die Gerechtigkeit ausgebildet.

Und dem Engel der Gemeinde zu Pergamus schreibe: Das sagt, der da hat das scharfe, zweischneidige Schwert: Ich weiß, was du tust und wo du wohnst, da des Satans Stuhl ist; und hältst an meinem Namen und hast meinen Glauben nicht verleugnet auch in den Tagen, in welchen Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet ist, da der Satan wohnt. Aber ich habe ein Kleines wider dich, dass du daselbst hast, die an der Lehre Bileams halten, welcher lehrte den Balak ein Ärgernis aufrichten vor den Kindern Israel, zu essen Götzenopfer und Hurerei zu treiben. Also hast du auch, die an der Lehre der Nikolaiten halten: das hasse ich. Tue Buße; wo aber nicht, so werde ich dir bald kommen und mit ihnen kriegen durch das Schwert meines Mundes. [Off 2, 12-16]

[ 27 ] Vierte Rasse, die unmittelbare Verehrung des Christentums:

Und dem Engel der Gemeinde zu Thyatira schreibe: Das sagt der Sohn Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen, und seine Füße sind gleichwie Messing: Ich weiß deine Werke und deine Liebe und deinen Dienst und deinen Glauben und deine Geduld und dass du je länger, je mehr tust. Aber ich habe wider dich, dass du lässest das Weib Isebel, die da spricht, sie sei eine Prophetin, lehren und verführen meine Knechte, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen. Und ich habe ihr Zeit gegeben, dass sie sollte Buße tun für ihre Hurerei; und sie tut nicht Buße. Siehe, ich werfe sie in ein Bett, und die mit ihr die Ehe gebrochen haben, in große Trübsal, wo sie nicht Buße tun für ihre Werke, und ihre Kinder will ich zu Tode schlagen. Und alle Gemeinden sollen erkennen, dass ich es bin, der die Nieren und Herzen erforscht; und ich werde geben einem jeglichen unter euch nach euren Werken. Euch aber sage ich, den andern, die zu Thyatira sind, die nicht haben solche Lehre und die nicht erkannt haben die Tiefen des Satans (wie sie sagen): Ich will nicht auf euch werfen eine andere Last: doch was ihr habt, das haltet, bis dass ich komme. [Off 2,18-25]

[ 28 ] Dann die folgenden in der Zukunft: [Gemeinde zu Sardes, Gemeinde zu Philadelphia, Gemeinde zu Laodizea]. Man versteht so die führenden Wesenheiten, wenn es mit dem ganzen Menschen studiert wird, es kann nicht mit dem Verstande allein begriffen werden, dann wird es bezweifelt, aber es sind reale Wirklichkeiten. Man wird nun fragen: Warum wurde solches nicht sogleich verkündet? Weil die Stifter des Christentums die Wahrheit erlebten [Lücke in der Mitschrift]

[ 29 ] Die erste Art, die Apokalypse zu lesen, ist, in naiver Gläubigkeit das Wort hinnehmen. Die zweite Art ist die, in ihr den allegorischen Sinn zu suchen; das ist gut, weil das hinführt zur dritten höchsten Art zu lesen, das ist: alles wörtlich zu nehmen.

[ 30 ] Wir müssen Bekenner der Reinkarnationslehre sein, wir müssen sagen: Der Mensch, der vor mir steht, ist da gewesen und wird wiederkommen; die Wahrheit in ihm anzunehmen als das Samsara - die Welt, in der wir leben, die Welt des ewigen Wechsels, des Kreislaufes der Wiedergeburten. An die Wiederverkörperung glauben - ich erlebe dann die Wiederverkörperung. Sie lehrten sie und lebten in diesem Sinne. Sie ist gelehrt worden zu allen Zeiten; was vor vielen Jahrhunderten gelehrt worden, es wächst der Gemeinschaftsglauben heraus aus diesem Glauben. Das ist der tiefste Wesenskern der Theosophie. Indem wir dieses erklären, fühlen wir aufleuchten, was damals geschehen. Derjenige, der war, sitzt neben uns, wir fühlen uns vereint mit dem, der nach uns kommt. So erheben wir uns, so können wir das höhere Geistige herunterbannen. Ich wollte zeigen, was das Gemeinschaftsleben ist - aus jeder Zeile der Apokalypse kann so etwas tief hervorgeholt werden, die ganze theosophische Bewegung kann daraus erklärt werden.