Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
28 Dezember 1904, Berlin
77. Vorgänge in der zweiten Hälfte der lemurischen Rassenentwicklung
[ 1 ] Die lunarische Epoche nennt man auch die der ‹kosmischen Weisheit›. Sie wurde abgelöst auf der Erde von der «kosmischen Liebe. In Bezug auf seine Liebe ist der Mensch ebenso abhängig von Wesen, die über ihm sind, wie damals in Bezug auf Weisheit. Die Weisheit, die involviert ist, tritt als Manas auf, und die Fähigkeit, die hereingegossen wird, ist Liebe. Daher sagt man esoterisch, dass der Gott der Weisheit abgelöst wird von dem Gott der Liebe.
[ 2 ] Die Errungenschaft, in die Wesen Sexualität eingießen zu können, haben sich die Mächte erworben durch die in Weisheit erlernte Lektion auf dem Monde. Was sie dem Menschen nun bringen konnten, war der Funke von Manas, und von außen mussten sie arbeiten in der Durchglühung des menschlichen Körpers mit Liebe. Insbesondere zeigt es sich so klar, dass Jehovah in Verbindung stand mit der menschlichen Liebe durch den Menschen.
[ 3 ] Es ist möglich geworden, von oben zu befruchten, dadurch dass gewisse Wesen vorangeeilt waren in der Entwicklung. Sie waren die guten Führer des menschlichen Manas, die ersten Eingeweihten Arhats. In einer kühlen Offenbarung von oben würde die Weisheit an ihn getreten sein. Es gab andere Wesen, die, was sie auf dem Mond noch nicht erreicht hatten, mit menschlichem Kama, jetzt weiter erwirkten: Sie begabten ihn mit Leidenschaft für die Weisheit. Diese Wesenheiten mussten mit den Menschen, ihr Schicksal teilend, zu dem aufsteigen, was sie noch nicht auf dem Monde erreicht hatten. Sie wurden zugleich des Menschen bester Freund. Damit haben wir das luziferische Prinzip.
[ 4 ] Mit der göttlichen Liebe in dem Christusprinzip ist das luziferische Prinzip ein anderes geworden. Dieses wird uns den Schlüssel geben zu der Erzählung des Sündenfalls im Paradiese. Dass nun der Luzifer sozusagen der Gegensatz zu Christus ist, das war vor Christi Menschwerdung allen Religionen eine selbstverständliche Wahrheit. Und dass der Zeitpunkt kommen würde, an dem der Mensch in sich Luzifer erlösen würde, ist ein schöner Prozess, der noch nicht zu Ende gekommen ist. Und das Ganze liegt auch dem Christentum zugrunde. Am allerbesten ist es ausgedrückt in der Sage und in der Bedeutung vom Christfest. Den für die Menschheit kämpfenden Lichtgeist, den Paraklet, sendet Christus. In den vatikanischen Archiven findet sich die Erklärung des luziferischen Prinzips.
[ 5 ] Wenn Sie das zusammenfassen mit dem, wovon ich ausgegangen bin, werden Sie sehen, dass Luzifer noch eine andere Bedeutung hat. Er macht eine Entwicklung durch, die er eigentlich auf der lunarischen Epoche hätte durchmachen müssen. Daher ist mit der großen Gabe der menschlichen Freiheit etwas gekommen, was deplaziert ist— und das moralisch Böse hat hier seinen Ursprung. Der Fähigkeit, das Böse zu tun, verdankt der Mensch seine weitere Entwicklungsstufe.
[ 6 ] Auf einer noch höheren Stufe haben wir das Mysterium noch einmal vor uns, dass eine höhere Entwicklung nur dadurch zu erreichen ist, dass etwas anderes auf einer niedrigeren Stufe zurückbleibt. Die höheren Dhyan Cohans mussten aus sich heraus das luziferische Prinzip stellen, um die Fähigkeit zu erlangen, mit Manas begabte Wesen zu gestalten. Luzifer ist zurückgeblieben, damit die Gottheit höher steigen konnte. Sodass ihm die Gottheit ihre Stufe in dem jetzigen Rundkreis verdankt.
[ 7 ] Der Mensch ist da, damit er ein Ebenbild Gottes werden kann. Die Gottheit musste aber etwas zurücklassen, um weiter zu kommen. Wenn das luziferische Prinzip in der Menschheit erlöst sein wird, wird die Gottheit erlöst sein davon, dass es Luzifer herausgesetzt hat. Der Mensch ist nicht um seiner selbst willen da, sondern dass er zur Herrlichkeit Gottes beitrage - so der Apostel Paulus. Ein guter Gott würde als solcher nie freie Menschen schaffen können; dazu musste er ein Gott sein, der nur von der einen Seite den Menschen mit Impulsen begabte, und musste ein Wesen zurücklassen, das von der andern Seite den Menschen mit Impulsen begabte.
[ 8 ] Die pythagoreischen Schüler mussten erst sich die Vorbedingungen zu den höchsten Fragen schaffen, bevor sie sie stellten.
[ 9 ] Nun werden Sie auch begreifen, dass es verschiedene Stufen des luziferischen Prinzips gibt in diesen zurückgebliebenen Wesen. Die Weisheit kann um ihrer selbst gesucht werden, aber auch in den Dienst von Kama gestellt werden.
[ 10 ] Das luziferische Prinzip hat daher auch die Künste und Wissenschaften geschaffen, die auch in den Dienst der sinnlichen Befriedigung gestellt werden können.
