Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b
21 April 1905, Berlin
10. Ostern und die Theosophie
[ 1 ] Alle Feste haben in der Theosophie eine lebendige Bedeutung, welche auch für die materialistische Weltanschauung wiedergewonnen wird. Die Menschen heute haben sich gewöhnt an Konventionelles. Doch können wir erkennen, dass uralte Weisheit die theosophische Weltanschauung genannt hat.
[ 2 ] Unsere Vorfahren waren mit anderen Gaben ausgestattet, es bestand noch ein lebendiger Zusammenhang mit den Quellen des Daseins, aus denen wir selbst sind und zu denen wir wieder zurückkehren. Das Osterfest hatte eine neue Form bekommen durch das Christentum. Es ist das ehrwürdigste Fest bei allen Völkern. Das Osterfest ist aber nicht erst ein Fest seit den Zeiten der Christenheit, sondern es hat schon früher bestanden. Das Ziel, welches angestrebt ist, konnte man in den Mysterien erreichen; das, was zum Bewusstsein kommen sollte, war zusammengesetzt im Auferstehen des Glaubens. Empedokles bezeichnet es mit den Worten: «Wenn du den Leib verlassend, dich zum freien Äther schwingst - zum Auferstehungsglauben —, wirst ein unsterblicher Geist du sein, dem Tode entronnen'
[ 3 ] [Das, was als gemeinschaftliches Bewusstsein durch die ganze Menschheit geht und in ihren größten Vertretern zum Ausdruck kommt, hat sich zusammengefasst im Christen-, im Auferstehungsglauben.)
[ 4 ] Am Prägnantesten, am Geheimnisvollsten ist dieses im Osterglauben zu finden in den geheimnisvollen Stätten [der Mysterien. Wo die Sonne die Kraft gewinnt, Sieg gewinnt über alle Hemmnisse der Natur, dorthin muss ich Sie führen. Wir werden hingeführt in die alten Pyramiden] der Ägypter, [in die Stätten der Rishis]. Es hat wirklich keinen bedeutenden Geist gegeben, der nicht den Auferstehungsglauben hatte. Platon, Pythagoras, Giordano Bruno, Nikolaus Cusanus haben geschöpft aus diesem Auferstehungsglauben, das hat ihnen die Kraft gegeben. Der Sieg des Geistes über die Materie an den Niederungen des Leibes? Das ist der Glaube aus dem Opferkultus alter Mysterien. Die Seele ist die Besiegerin des Leibes. Im Frühling erhält die Sonne neue Kraft, dann trägt sie den Sieg davon über alle Hindernisse in der Natur. Die alten indischen Rishis haben nicht belehrt, sondern sie haben neue Menschen gemacht. Nur derjenige, welcher durch hervorragende Eigenschaften Geist in der Außenwelt bezeugte, wurde zugelassen zum Osterfest. Der Mensch musste Tugend üben, die intellektuellen Kräfte, die Klarheit des Verstandes ausbilden. Er musste so rein werden, sich in der Tugend üben, dass man sagen konnte, er habe sich so vergeistigt. Die da wurden für gut befunden von den Priestern, die wurden zugelassen zum Osterfest, das das Erkenntnis- und Verwandlungsfest der Natur des Menschen ist. Es sollte ihnen vor Augen geführt werden, was mit Mysten geschah.
[ 5 ] Wir betrachten den Leib des Menschen, nur ein Teil von ihm kann mit Augen wahrgenommen werden. Wir haben aber noch den Ätherleib, der nicht so ganz dem physischen Leib gleicht. Wenn wir den physischen Leib absuggerieren, so ist der Raum ausgefüllt mit dem zweiten Leib, dem Ätherleib, und dem dritten, dem Astralleib, [der wie ein Nebelwirbel den physischen Leib umgibt und durchdringt]. Sie beide umgeben den physischen Leib, und darinnen wohnt als viertes der [das Ich des] Mensch[en).
[ 6 ] Betrachten wir den Menschen. Er hat es nur zu tun mit seiner Selbsterkenntnis und seinem Astralleib, der aber geläutert werden kann. - Wenn wir einen unentwickelten Menschen betrachten, so drückt sein Äther- und Astralleib das niedere Leid aus, es durchwühlt ihn. Der Mensch, der sich der moralischen Pflicht bewusst ist, bei dem tritt das Mitgefühl mit den Menschen auf; bei diesem zeigen sich die Farben Grün, Bläulich, Violett, Rötlich. Grün ist die Denktätigkeit. Bläulich-Violett ist ein Zeichen der Hingebung und allen [ähnlichen] Gefühlen. Durch die rote Färbung kennzeichnet sich die Begierde. Orangegelb bedeutet Ehrgeiz.
[ 7 ] Der Hellseher kann die Stufe erkennen, welche der Mensch erreicht hat. Wenn der unentwickelte Mensch mit der Läuterung seiner Gedanken anfängt, dann zeigen sich zuckend rote Farbentöne. Durch viele Inkarnationen wird der Mensch in seinem Innern selbst astral, er kultiviert und veredelt sich. Wenn der Mensch der Schöpfer seines Astralkörpers ist, dann hat er über den Tod den Sieg davon getragen. Wenn der Mensch noch nicht Herrscher seines Astralkörpers ist, dann lösen sich der physische und der Astralkörper im Weltennebel auf. Beim Tode wird die Seele wieder aufgelöst im Weltenall. Der Ätherleib löst sich auch auf. - Warum lösen sich die Körper auf? Weil der Mensch noch keine Macht über seine Körper hat. Das, was sich der Mensch erarbeitet hat am Astralkörper, das ist ewig. Was er an Läuterung erfahren hat während des physischen Daseins, das nimmt er mit, und bei der neuen Verkörperung bringt er diese Erfahrungen wiederum mit. Der Ätherleib ist der Träger des Lebens; während des Lebens im Physischen ist der physische Leib Herrscher. Der Herrscher über das Lebensprinzip kann der Mensch so ohne Weiteres nicht werden. Was sich an Gesetzen abspielt am Leib - Blut, Nieren -, von denen weiß der Mensch nichts. Alle diese Prozesse bedingen das Leben. Alle Prozesse des Physischen wirken auf den Ätherleib. Erst wenn der Mensch befreit ist von den Körpern, dann tritt er den Lebensweg an.
[ 8 ] Anders ist es für den Chela: Welcher eine Verwandlung erfahren hat durch die Mysterien, dessen Ätherleib verschwindet nicht. Der Chela lernt, an seinem Ätherleib zu arbeiten. Wer anfängt, an seinem Ätherleib zu arbeiten, wer die Einweihung erfahren hat, der wird die Herrschaft über seien Ätherleib erringen. Der Mensch muss an seinem Ätherleib ebenso arbeiten, wie vordem an seinem physischen Leib und an seinem Astralkörper. Wenn in den Geheimschulen der Schüler das «Stirb und Werde» erlebte, dann hat er die Herrschaft über seinen Astralkörper errungen. Der Chela wird den Sieg erringen über den Tod, weil er sich unterworfen hat den Mysterien. Der Chela wird unempfindlich gemacht an seinem physischen Körper - der übt dann keine Herrschaft mehr über den Chela; der Körper ist dann weich und biegsam geworden.
[ 9 ] Es ist ein Symbol, dass der Myste einen neuen Namen bekommt, weil er den höheren Welten angehört. So trat der Myste vor seinen Mitmenschen als ein Bote, was nun draußen ihm entgegentrat war ein Abbild dessen, was in ihm wogte.
[ 10 ] Die Sphärenmusik vernahm der Chela mit den Schwingungen des Weltenalls, es war seine eigene Wahrnehmung. Er hatte die Unsterblichkeit erlebt. Drei Tage hatte der Chela an sich zu arbeiten, dann konnte er als ein Bote, ein Prophet vor die Menschen treten. Dann hatte er an sich erfahren das geheimnisvolle Leben, das große Wort des Logos, das geistige Tönen, Klingen und Schwingen des Weltenalls: «Wenn du den Leib verlassend, dich zum freien Äther schwingst, wirst ein unsterblicher Geist du sein, dem Tode entronnen!», Empedokles.
[ 11 ] Solche Mysten hatten während der drei Tage im Sarge gelebt vom lebendigen Geist der Unsterblichkeit. Sie hatten den Tod überwunden, weil sie ihren Ätherleib belebt hatten. Nicht umsonst spricht man vom Sonnenhelden, es sind solche, welche ihren Ätherleib beherrschen. Sonnenhelden gibt es in allen Religionsbekenntnissen. Die Sonne, welche wir sehen, ist nur ein Teil der Gesamtsonne. Man spricht von der Sonne als von der «tönenden», die uns Leben zusendet, es ist der Sieg über die Finsternis, der Sieg über die Materie. Wenn der Chela ein Sonnenheld geworden ist, dann sagt er: «Ich habe die Sonne um Mitternacht glänzen sehen.» Er sieht die Sonne durch die feste Materie der Erde. Das ist nicht nur bildlich aufzufassen, die Sonne ist ein Vorbild für den Helden, der seinen Ätherleib beherrschen gelernt hat.
[ 12 ] Goethes «Faust» I, Prolog im Himmel: «Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang.» Und in «Faust» II: «Horchet, horcht dem Sturm der Horen, tönend wird für Geistes-Ohren schon der neue Tag geboren.» Überall, wo Einweihung stattgefunden hat, spricht man von «Tönen.
[ 13 ] Das Wort, welches das Christentum uns gibt: «Selig sind die da glauben, auch wenn sie nicht schauen», will uns die Weise betonen, in welcher der Mensch die Einweihung erlebt hat. Aristides, nachdem er die Einweihung erlebt hatte, sagt: «Ich fühle das Nahen der Gottheit, meine Hand hat sie berührt.» - Sophokles: «Die Wahrheit der Unsterblichkeit erkennen nur die, die eingeweiht sind.» Wer noch nicht eingeweiht werden konnte, der hoffte auf das künftige Leben. Es wäre dem Sklaven undenkbar, das Schwere seines Loses zu ertragen, als dass er sich sagen konnte: Heute bin ich ein Sklave, im nächsten Leben werde ich ein König sein.
[ 14 ] Allen Menschen ist die Einweihung beschert, aus diesem Bewusstsein heraus bildet sich ein Charakter. Man nennt einen solchen Menschen auch einen «armen Menschen, weil er das Leben nicht mehr besitzt; das Reich Gottes war in seinem Innern aufgegangen. Selig sollten die sein, die da glauben, auch wenn sie nicht schauen. Dies Wort wird uns klar werden, wenn wir in dem Ostermysterium einen Zeitpunkt erkennen, der vor dem Erscheinen Christi noch nicht da war. Das war, was sich in Damaskus zugetragen hat: Saulus wurde zu Paulus. Wer hätte das erlebt, bevor Christus-Jesus da war! Niemand hätte es erleben können - er hätte denn in die Mysterienschulen gehen müssen. Alle Lehren haben dasselbe gelehrt. Aber nicht darauf kommt es an, sondern darauf, dass Christus auf Erden war.
[ 15 ] [Krishna,] Hermes, Moses, Zarathustra, Buddha und alle anderen [ehrwürdigen Lehrer] konnten von sich sagen «Ich bin der Weg und die Wahrheit.» Christus aber konnte sagen «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.»
[ 16 ] Deshalb ist keine Lehre hinterblieben. Bedeutungsvoll ist, dass Christus gelebt hat. Er war wirklich erschienen. Was den Mysten durchdrang, wenn er den Sieg über den Tod errungen hatte, das war Fleisch geworden. Der Logos war Fleisch geworden und hatte unter uns gelebt - gewohnt. Das Wort, welches sonst nur dem Eingeweihten erklungen, es war Fleisch geworden. Bisher hatten nur die Priester in den Mysterientempeln erlebt. Was später allen Menschen klar werden sollte. Dass Christus lebt, musste sich abspielen in der Welt.
[ 17 ] Draußen in der Welt, auf dem historischen Plan, hat sich etwas zugetragen, was sich in den Tiefen der Mysterien und Kulte abspielte; das, was der Einzelne nur hatte schauen dürfen, wurde nun Ereignis, welches sich vor aller Augen abspielte. Das Wort, das da erklungen, kannte der Eingeweihte.
[ 18 ] Was als ein geschichtliches Ereignis sich abspielte, war vorher prophetisch angezeigt. Das Prophetische stimmte mit dem überein, was sich zugetragen, es war nun ein Beweis der Unsterblichkeit, es war [nicht] nur Glaube. Das Kreuz, welches früher nur der Schüler geschaut hatte, war nun vor aller Augen aufgerichtet. In Saulus entstand der Glaube, ohne dass er in die Mysterienschulen stieg. Es entstand in ihm das, was der Mysterienschüler sich durch Schulung hatte erringen müssen.
[ 19 ] Der Simplon-, der St. Gotthard-Durchstich wären nicht möglich gewesen, wenn vorher nicht ein Leibniz, ein Newton gelebt hätten.
[ 20 ] Alle begrenzen den Glauben mystischer Tatsachen - nun inkarnierte sich die Gottheit selbst. So musste das Leben des ChristusJesus sich als Tatsache abspielen, wenn ein solches Ereignis, welches den Paulus umwandeln sollte, stattfinden konnte. - Deshalb nannte ich mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache».
[ 21 ] Das ist der Anblick des Ostergeheimnisses - es ist nicht nur, dass man spricht vom «schlichten Mann aus Nazareth», sondern es kommt darauf an, dass Christus Jesus gelebt hat, dass er im Fleisch erschienen ist. Es ist dasselbe, was allen Menschen zugrunde lag, bevor die Menschheit herunterstieg in die Dichtigkeit. Das war der Sündenfall damals, als die Welt gegründet wurde. Dann liegt das Wort zugrunde, was da war, ehe denn die Welt war, und was da sein wird, wenn alle äußere Weisheit zugrundegegangen ist. Paulus spricht zuerst das Wort
[ 22 ] Das war das Erlebnis in den Mysterienschulen, der Myste drang durch die Sinnlichkeit, er erlebte, dass der Logos da war, ehe denn die Welt gegründet war. Er erblickte den tönenden Logos, er erblickte das Leben, er hatte den freien Äther errungen. Was er auflas in den Mysterien, was ihn durchdrang, das war das Wort, welches da war, ehe denn die Welt gegründet war. [Dieser ganzen Welt liegt eben das Wort, der göttliche Logos zugrunde. Dieses Wort war da, ehe die Welt war.] Wenn der Myste unsterblich, so durchheiligt war, da lebte in ihm das Wort.
[ 23 ] «Mein Vater hat mich geliebet, ehe denn die Welt gegründet war ...», «Mir ist alle Gewalt gegeben, im Himmel und auf Erden.»
[ 24 ] Zusammensetzung der Sonne und des Mondes. Astralkörper — Mondkörper.
[ 25 ] Der Osterglaube soll uns die Kraft geben, dass wir dem großen Osterfest entgegenleben, welches aus der tiefsten Weisheit herausgeboren ist. Es sind Ereignisse, welche das finstre Dasein besiegen, welche Inhalt haben für alle, die davon durchdrungen werden. Wenn der Mensch bestrahlt ist vom [Lücke in der Mitschrift]
[ 26 ] Die Sonne erlangt neue Kraft im Frühling, Wiederbeleber im Menschen, Sieg über den Mondenkörper.
