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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b

19 Juni 1905, Berlin

11. Die Bergpredigt

[ 1 ] Derjenige, der die Zeichen der Zeit zu deuten weiß, der weiß auch, dass wir in der nächsten Zeit großen Ereignissen entgegengehen. In einer solchen Zeit ist es notwendig, dass man über den Standpunkt des niederen Verstandes hinausgeht. Der Gedanke und die Idee sollen leuchten. Von einem solchen Gesichtspunkt aus wollen wir jetzt ein wichtiges Kapitel der Bibel betrachten — die Bergpredigt.

[ 2 ] Ohne die Bergpredigt zu kennen, kann man auch das Christentum nicht verstehen. Nicht umsonst steht gerade die Bergpredigt am Anfang des Evangeliums. Aber auch sie ist, wie so vieles andere, nicht nur missverstanden worden, sondern überhaupt nicht gekannt. Diese Unkenntnis eines solch wichtigen Kapitels rührt davon her, dass weder bei Gelehrten noch auf kirchlicher Seite auch nur eine Spur von geistiger Erfassung der tieferen christlichen Wahrheiten zu finden ist. Wenn wir so etwas verstehen wollen wie die Bergpredigt, müssen wir uns darüber klar sein, dass die heutige hausbackene, philiströse Auffassung durchaus nicht dem wahren Christentum entspricht. Eine solche Auffassung, wie sie nicht ein Christ, sondern wohl der Verfechter der sogenannten französischen Staatsmoral haben konnte — l’état c’est moi —, würde niemals die Kraft gehabt haben, die das Christentum hatte — eine solche Kraft, die in einer solchen Weise durch die Jahrhunderte hindurch wirkt, hat nie hausbackene Quellen, sondern sie hat geistig—okkulte Quellen. Und die wollen wir einmal in Bezug auf die Bergpredigt bloßlegen.

[ 3 ] Dieses Unverständnis der Bibel und der Bergpredigt rührt davon her, dass wir eigentlich gar keine ordentliche Bibelübersetzung haben, dass dabei nicht die elementarsten Bedingungen erfüllt sind. Die Leute können sagen, der Buchstabe ist tot, der Geist aber macht lebendig. — Dabei tut sich jeder etwas darauf zugute, dass er aus einer «phantastischen» Phantasie heraus so etwas auslegen könnte wie die Bergpredigt; doch dabei sind eine Menge Willkürlichkeiten zu finden. Man muss zuerst den Buchstaben kennen; man muss wissen, was da geschrieben steht, damit man nicht die eigene Banalität des Geistes höher schätzt als den toten Buchstaben. Erst wenn man den Buchstaben verstanden hat, dann kann man sich vermessen, den Geist zu erklären. Es wird sich daher heute darum handeln, zunächst den Buchstaben zu verstehen, und dann diesen Buchstaben im richtigen Geiste zu deuten.

[ 4 ] Von der theologischen Auffassung der Bergpredigt zu erzählen, ist nicht nötig. Jeder kennt sie aus den gangbaren Predigten. Wir würden nicht weit kommen, wenn wir auch nur einiges aus diesen Predigten verzeichnen wollten. Neben dieser theologischen Auffassung gibt es noch eine liberale Auffassung, die aus einer philiströsen Ethik und Sittenlehre hervorgeht. Eine solche Auffassung finden Sie in dem Buche «Was lehrte Jesus?» von Wolfgang Kirchbach. Dieser Schriftsteller, der zwar das Verdienst hat, etwas richtiger übersetzt zu haben, als es in der lutherischen Bibel geschieht, ist so erfüllt von der Höhensichtigkeit seiner Auffassung und so unverständig gegenüber jeder okkulten geistigen Vertiefung, dass Irrtümer auf Irrtümer gehäuft werden können, wenn man sich dem Studium dieser liberalen Bibelauffassung überlassen wollte. Man muss die elementaren Begriffe kennen, welche solch ein Buch wie die Bibel verständlich machen, wenn man tiefer eindringen will in die Sache.

[ 5 ] Die Bibel ist ein durchaus okkultes Werk. Wenn ich Ihnen nächstens auseinandersetzen werde, welche Tiefen im dreizehnten Kapitel des Johannes—Evangeliums zu finden sind, dann werden Sie noch viel mehr gewahr werden, welch tiefes Buch wir in der Bibel vor uns haben. Es ist durchaus ungehörig, wenn heute diejenigen, die ein paar Begriffe aus der sogenannten liberalen Weltanschauung aufgelesen haben — auch wenn sie Theologen sind — und uns alles mögliche erzählen über solche Sätze, wie sie in der Bergpredigt stehen. Dabei bedenken diese Leute gar nicht, dass sie etwas ganz Hausbackenes haben, wenn sie sich mit ihren Voraussetzungen an diese erhabenen Wahrheiten heranmachen.

[ 6 ] Sie wissen, dass gewöhnlich der erste Satz der Bergpredigt übersetzt wird:

Selig sind, die geistig Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. [Mt 5,3]

[ 7 ] Jeder tieferen, sinnigeren Auffassung müssen diejenigen Auseinandersetzungen, die gewöhnlich an diese Sätze der Bergpredigt angeschlossen werden, geradezu ins Gesicht schlagen: Ein «allgemeiner Lohn» würde die Auffassung sein für die, welche geistig arm sind. Und wenn wir die Sätze so an uns herankommen lassen, als ob es sich darum handeln könne, Lohn zu erhalten für die geistige Armut, für die Barmherzigkeit und so weiter, wenn wir glauben, der Stifter der christlichen Religion habe sagen wollen: «Seid barmherzig, so werdet ihr zum Lohne selig werden!», so müsste er alles Schachern um Lohn selig preisen. Das pfeifen aber die ethischen Spatzen vom Dache, dazu bedarf es keiner ethischen Lehre wie die der Bergpredigt. Solche Lehren wie die der Bergpredigt, die von einem Eingeweihten selbst gegeben worden sind, machen selbst zum Eingeweihten.

[ 8 ] Schon am Anfang der Bergpredigt wird es hinlänglich angedeutet, dass wir es mit einer okkulten Anweisung zu tun haben. In den meisten okkulten Schriften kommt der Ausdruck vor: «Der Meister führte seine Schüler auf den Berg.» — Das heißt nichts anderes, als über intimste Angelegenheiten zu sprechen, über Wahrheiten, die sich der Alltäglichkeit entziehen. Es ist keine Volkspredigt, die hier gehalten wird.

[ 9 ] Wer aufmerksam lesen will, kann selbst aus der lutherschen Bibelübersetzung finden, dass es sich nicht um eine Volkspredigt handelt:

Da er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg. [Mt 5,1]

[ 10 ] Im Grundtext heißt es: Er ging von dem Volke weg, abseits von dem Volke und da vertrat er dann die tiefere Lehre, die nur die Eingeweihten, die tiefer mit ihm vereinigt waren, verstehen können. Das «Auf-den—Berg—Führen» können Sie in allen Mysterienschriften verfolgen. Es heißt: sich dahin zurückziehen, wo man die intimsten Wahrheiten der Seele besprechen kann.

[ 11 ] Nun, wollen wir uns einmal auf den Standpunkt stellen, dass der Christus Jesus in intimster Weise tiefe Wahrheiten [aussprach], die nicht für die Menge waren, sondern für die Herzen der Eingeweihten, um ihren Worten Kraft zu verleihen, damit sie hintreten können vor die Menge und ihre Worte wieder tief hineindringen in die Herzen der anderen. Stellen wir uns auf diesen Standpunkt ganz ohne Fanatismus, ganz objektiv, aufgrund derjenigen Lehre, die wir in der ganzen Reihe von Vorträgen in der letzten Zeit gehört haben. Da muss ich zunächst einmal eines wiederholen, das diejenigen, die meine Vorträge über die Astralwelt und über den vierdimensionalen Raum gehört haben, in gewisser Beziehung schon kennen. Wir wollen aber diese wichtigen Wahrheiten noch einmal an unserem Geiste vorüberziehen lassen. Wir haben da gesprochen von dem Betreten einer höheren Welt, in der die Ursachen zu den Wirkungen vorhanden sind, die wir mit den Sinnen gewahren können. In dieser Welt liegt auch unser eigenes höheres Selbst. Das niedere Selbst gehört der Sinnenwelt, der Alltäglichkeit an. Durch diesen Satz wird uns auseinandergesetzt, was wir innerhalb unserer unmittelbarer Arbeit, aber auch innerhalb unseres Zeitalters, unseres Volkes und so weiter zu leisten haben. Auch in dem, was das Christentum die geistige Welt, den «Himmel» nennt, können wir dasselbe schen, was die Theosophie die geistige Welt nennt. In diesem Reiche der Himmel ruht auch unser höheres Selbst. Dieses höhere Selbst müssen wir kennenlernen, zu dem müssen wir uns erheben. Und dieses höhere Selbst, wenn wir es kennenlernen, indem wir den Astralraum oder einen noch höheren Raum betreten, stellt uns zunächst die Dinge etwas anders dar, als sie nach den Denkgewohnheiten, nach den Vorstellungen, die wir uns in der gewöhnlichen Welt angeeignet haben, sein können.

[ 12 ] Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, dass man erst lernen muss, wenn man als Okkultist diese höhere Welt eröffnet erhält, die Dinge da zu schauen und in ihrer Wirklichkeit zu erkennen. Ein Beispiel dafür ist, dass man eine Zahl im Spiegelbilde lesen muss, dass man also, wenn man als okkulter Schüler eingeweiht wird in höhere Geheimnisse, und von dem Lehrer der okkulten Geheimnisse, der okkulten Wissenschaft die Zahl 561 gezeigt wird, man sie so zu lesen hat, wie sie der Spiegel zeigt, nämlich 165. Sie wissen auch, dass man eine Kugel oder einen Würfel so sieht, als ob man im Mittelpunkte derselben wäre und nach allen Seiten hin blicken würde. Nicht von außen, von allen Seiten, sondern von innen. Sie wissen auch, dass die Zeit in dieser höheren Welt umgekehrt verläuft. Wir sind gewohnt, uns die Welt so vorzustellen, wie sie uns durch die Sinne geboten wird. Im Astralraum ist das anders. Wir müssen uns erst daran gewöhnen, das, was wir da umgekehrt sehen, richtig zu erkennen. Wir müssen erst lesen lernen. Auch das Moralische stellt sich in diesen höheren Welten anders dar. Das können Sie am besten erfahren, wenn in einem pathologischen Fall einem Menschen plötzlich der Astralraum geöffnet wird. Es gibt viele Menschen, die sich damit beschäftigen. Dass es viele Menschen gibt, denen plötzlich der astrale Raum eröffnet wird, das kommt daher, dass der Materialismus heute alle Kreise erfasst hat. Das Bedürfnis, den Geist zu schauen, sitzt aber so tief in der menschlichen Seele, dass gerade dann, wenn der Mensch ganz umgeben ist von der materiellen Umwelt, die inneren Sinne geöffnet werden. Dann gerät er aber in den Zustand von Angst und Verzweiflung. Alles, was von uns ausströmt als Triebe, Begierden und Leidenschaften, alles, was auf dem Grunde der menschlichen Seele ruht, sei es niedrig und gemein, aber auch das, was uns erfüllt mit höherem Enthusiasmus, alles das erscheint in Bildern. Ein Spiegelbild des niederen Selbst erscheint im Astralraum. Der Mensch erblickt sein ganzes Inneres wie in einem großen Gemälde. Da bekommt er Furcht, denn es ist keine Kleinigkeit, das zu schauen, was auf dem Grunde der Seele ruht. Diese okkulte Schau spricht eine große, eine furchtbare Wahrheit aus. Und da gibt es kein Bemänteln, kein Verhüllen. Man nennt nicht mit Unrecht deshalb in der indischen Weltanschauung — die nicht die theosophische ist — unsere Sinnenwelt eine Illusion, Maja. Der Mensch täuscht sich oft hinweg über die Qualitäten seines eigenen Innern. Aber das Okkulte findet alles, was in ihm liegt. Es ist das, was dem Okkultisten den innersten Ausdruck im Gesicht gibt, wenn er einmal in diese Welt eingetreten ist. Man spricht von dem Ernst und der Würde, die unzertrennlich sind von einer okkulten Weltauffassung. Sie wissen, da ist nichts von Phantastischem. Die strengsten Prüfungen werden dem Schüler auferlegt.

[ 13 ] Sie wissen, dass man zuvor den nüchternen Verstand entwickelt, sodass der Mensch weit über alles Träumerische und Phantastische hinweg ist.

[ 14 ] Wenn man plötzlich in die astrale Welt hinein kommt, so versteht man sie nicht. Es kann aber pathologisch vorkommen. Aus dieser Charakteristik des Astralraumes, der geistigen Welt, sehen Sie, dass man zunächst die Form eines Spiegelbildes hat. Wie positiv und negativ, wie warm und kalt verhält sich das, was wir in der höheren, geistigen Welt erleben, zu dem, was wir hier in der sinnlichen Welt haben. Das ist kein willkürlicher Zusammenhang, sondern ein notwendiger, wie der eines Naturgesetzes. Jeder Mensch, der den Zusammenhang dieser zwei Welten aus eigener Erfahrung kennt, weiß zu sagen, dass ein Glied in der einen Welt notwendig den entgegengesetzten Pol in der anderen Welt nach sich zieht. Sehnsucht [im Physischen] ist der eine Pol, Erfüllung [im Geistigen] ist der andere Pol. Barmherzigkeit ist der eine Pol, Barmherzigkeit ist auch der andere Pol. Reinheit des Herzens ist der eine Pol, göttliche Schau ist der andere Pol. So könnte ich Ihnen noch eine große Anzahl dieser sogenannten pathologischen Pole anführen, aus denen Sie ersehen könnten, dass alles, was in unserer Seele ruht, im Spiegelbild erscheint in der anderen Welt.

[ 15 ] Bin ich in diesem niederen Selbst ein Mensch, der bedürftig ist der Wahrheit, der Aufklärung, so habe ich Sehnsucht nach der Wahrheit, und dann spiegelt sich für den okkulten Betrachter diese meine Sehnsucht als eine Erfüllung im höheren Selbst. Was das niedere Selbst ersehnt, zeigt notwendigerweise den Gegenpol in der geistigen Welt an. Ob in diesem oder in einem anderen Leben die Erfüllung kommt, das ist eine andere Frage. Aber was hier Sehnsucht für das niedere Selbst ist, das ist Erfüllung für das höhere Selbst. Und was sich hier aus dem niederen Selbst als Erfüllung hinaufschwingt in das höhere Selbst, das wird Sehnsucht auf der höheren Ebene. Dass dies so ist, das war die tiefe Weisheit, welche der Christus Jesus seinen intimen Schülern vorgetragen hat in der Bergpredigt, in dieser Einweihungspredigt.

[ 16 ] Wir müssen bei einem Buch, wie die Bibel es ist, die Worte viel genauer nehmen, als das gewöhnlich der Fall ist. «Selig sein» — was heißt das eigentlich? Leute, die ein okkultes Wissen gehabt haben, haben das immer gewusst. Und Goethe, der, wie Sie wissen, als einer der richtigen und wahren Okkultisten aufzufassen ist, hat sehr gut gewusst, um was es sich bei diesen Worten handelt. Darum hat er gerade die Erweckung des höheren Selbst, wenn auch nicht im höchsten Sinne des Wortes, im zweiten Teil des «Wilhelm Meister» bei einer Persönlichkeit unter dem Namen ‹Makarie›, ‹die Selige›, gezeichnet. Goethe schildert uns das Innenleben dieser ‹seligen Persönlichkeit› in einer Weise, die er durchaus ernst genommen haben will, obwohl Goethe mit einem gewissen Humor diese Dinge vorgetragen hat. Aber wer bekannt ist mit diesen Dingen, weiß, wie ernst das fünfzehnte Kapitel von «Wilhelm Meisters Wanderjahren» gelesen werden muss. Möchten die Goethe—Gelehrten sich doch nur einmal dazu entschlieRen, dasjenige ernst zu nehmen, was Goethe an so vielen Stellen recht ernst ausgesprochen hat. Das fünfzehnte Kapitel beginnt wie folgt:

Makarie befindet sich zu unserem Sonnensystem in einem Verhältnis, welches man auszusprechen kaum wagen darf. Im Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben; sie sieht sich in jene himmlischen Kreise mit fortgezogen, aber auf eine ganz eigene Art. Sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkt entfernend und nach den äußeren Regionen hin kreisend.

Wenn man annehmen darf, dass die Wesen, insofern sie körperlich sind, nach dem Zentrum, insofern sie geistig sind, nach der Peripherie streben, so gehört unsere Freundin zu den geistigsten; sie scheint nur geboren, um sich von dem Irdischen zu entbinden, um die nächsten und fernsten Räume des Daseins zu durchdringen. Diese Eigenschaft, so herrlich sie ist, ward ihr doch seit den frühesten Jahren als eine schwere Aufgabe verliehen. Sie erinnert sich von klein auf ihr innerstes Selbst als von leuchtenden Wesen durchdrungen, von einem Licht erhellt, welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte. Oft sah sie zwei Sonnen, eine innere nämlich und eine außen am Himmel, zwei Monde, wovon der äußere in seiner Größe bei allen Phasen sich gleich blieb, der innere sich immer mehr und mehr verminderte.

[ 17 ] Das ist natürlich so gesprochen, wie es exoterisch nicht anders möglich war. Aber jeder Sachkenner weiß, dass Goethe das Okkulte kannte und dass er wusste, was eine «selige Persönlichkeiv genannt werden konnte, eine Persönlichkeit, die etwas anfangen konnte mit den Worten: inneres, höheres, geistiges Selbst und so weiter. Wenn wir dieses geistige Selbst aufgeben als das Spiegelbild in der Welt der Spiegelungen, dann zeigt es uns die Gegensätze der polarischen Eigenschaften. So können wir uns sagen: Weil unser höheres Selbst in den Reichen der Himmel ist, deshalb können wir uns das Leben in den Reichen der Himmel einrichten, weil wir uns das Leben hier zu gestalten vermögen.

[ 18 ] Nun kommen wir zum Text. Ich habe versucht, die Seligpreisungen richtig zu übersetzen, wort— und sinngemäß. Sie werden schen, wie diese Übersetzung stimmt.

I) Selig sind die Bettler um Geist, denn in ihrem Selbst sind die Königreiche der Himmel. [Mt 5,3]

[ 19 ] Dieses «Selbst», das steht auch im griechischen Text da. Es steht nicht da «die geistig Armen», sondern «die Bettler um Geist», also die, welche bedürftig sind nach Geist. In dem höheren Selbst findet der Bettler um Geist die Reiche der Himmel auf Erden, [nach denen er sich im niederen Selbst gesehnt hat]. Der Christus Jesus hat auch noch an anderen Stellen von den Reichen der Himmel oder dem Reich Gottes gesprochen. Auch diese Stellen übersetzt man gewöhnlich ganz falsch. Ich möchte sie so übersetzen, wie sie sinngemäß übersetzt werden müssen, wenn man alles heranzieht, was man zwar nicht aus dem Lexikon, aber aus dem Geist und einer tieferen Sachkenntnis herausholen kann. Jesus Christus wurde gefragt von den Pharisäern, wann das Reich Gottes kommt. Da antwortete er: «Es kommt das Reich Gottes nicht in einer [äußeren] Wahrnehmung — und damit ist eine sinnliche Wahrnehmung gemeint. Man wird auch nicht sagen: Siehe, hier! oder: Da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist unter euch. Das Reich Gottes ist um uns herum, wirklich genau ebenso wie das Physisch—Sinnliche. Hätten wir keine Augen, so würden wir keine Farben und keine Formen sehen. Hätten wir keine Ohren, so würden wir keine Töne hören. Ebenso ist es für den, dessen höhere, geistige Sinnenwelt aufgegangen ist: Da ist diese Umgebung nicht mehr sinnlich allein, sie ist voll von geistigen Wesenheiten, die um uns herum sind. Den Geist lehrte der Christus Jesus. Deshalb sagt er: Nicht mit den Augen, mit denen ihr [seht], nicht mit den Ohren, mit denen ihr hört, werdet ihr das Reich Gottes wahrnehmen, sondern mit den Augen und Ohren des Geistes, so wie wir auch das Reich des Devachan sehen.

[ 20 ] Ob wir ein Reich sehen oder nicht, das hängt davon ab, ob wir Sinnesorgane dafür haben. Dasselbe Reich, das wir Devachan nennen, meint auch der Christus Jesus in der Bergpredigt [mit den Himmeln].

II) Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden in ihrem höheren Selbst die Erde besitzen. [Mt 5,5]

[ 21 ] Durch die Sanftmut ihres niederen Ich werden sie in ihrem höheren Ich eine Kraft erzeugen, welche diese Erde zum Besitz macht, das heißt, die Kraft, die Erde im Sinne der Menschlichkeit, der Humanität zu gestalten. Nicht durch Zorn, nicht durch wilde Leidenschaften des niederen Selbst, sondern durch die Sanftmut des niederen Selbst werden die gegenpoligen Eigenschaften im höheren Selbst erzeugt, in Kräften, die sich auf der Erde in einem friedlichen Dasein, in einem Reich der Humanität äußern.

III) Selig sind die Leidtragenden, denn sie werden in sich selbst Trost finden. [Mt 5,4]

[ 22 ] Denjenigen, welche geduldig ihr Leid tragen in ihrem niederen Selbst, denen wird ein höheres Selbst aufgehen im Reiche der Himmel, in dem sie Trost finden werden. Das ist die bedeutsame Lehre des Okkultismus, dass im höheren Selbst aufgeht, was im niederen Selbst gesät wird.

IV) Selig sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Denn sie werden in sich selbst gesättigt werden. [Mt 5,6]

[ 23 ] [Aber es besteht hier nicht eine notwendige Verknüpfung. Nicht gemeint ist daher, dass die Seligen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, in sich selbst gesättigt werden.] Hunger und Durst nach Gerechtigkeit im niederen Selbst ist Stärkung der Gerechtigkeit im höheren Selbst.

V) Selig sind die Mitleidigen, denn ihnen wird durch sich selbst auch Mitleid sein. [Mt 5,7]

[ 24 ] Das heißt, wenn wir verstehen, was unter dem Ausdruck «Mitleid» gemeint ist, werden wir Sinn für den Zusammenklang der Menschheit haben und diesen Zusammenklang ausstrahlen in die höheren Welten.

VI) Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. [Mt 5,8]

[ 25 ] Das ist ein Ausspruch, der als Grundspruch aller Theosophie und alles Okkultismus gelten könnte. Derjenige, welcher nicht rein im Herzen ist, der Vorurteile intellektueller oder moralischer Art hat, der ist wie einer, dessen Auge oder Kristall—Linse durchdrungen ist von falschen Kräften. Wer indessen ein reines Herz hat, der wird aussenden die Strahlen des reinen Herzens, der wird Gott schauen. — Sie sehen wieder die zwei Pole. [Wie sich die Sehkraft des Auges nur entwickeln kann, wenn die Kristall—Linse rein ist.] Wie nur bei reiner Sehkraft die äußere Welt bewusst werden kann, so kann auch nur dem reinen Herzen Gott bewusst werden.

VII) Selig sind die Friedenstiftenden, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. [Mt 5,9]

[ 26 ] Sie wissen, wir haben in den letzten Vorträgen die erhabene Zukunft des Christentums geschildert. Daraus ist klar geworden, dass das Christentum die Christus—Kraft der Zukunft hat, dass es immer reiner und größer und edler werden wird, und dass dann dasjenige, was dieses Christentum in die Völker der Erde ausgießen wird, Friede sein wird. Dieser Friede kann nur Gott werden, wenn von dem niederen Selbst aus die Friedfertigkeit hinaufschlägt nach der Höhe. Die Menschen, die sich vorbereiten durch die Friedfertigkeit, sie werden zu dem höheren Selbst aufsteigen und als solche «Kinder Gottes» genannt werden.

VIII) Selig sind die, welche man um der Gerechtigkeit willen verfolgt, denn in ihnen selbst wird das [Reich] des Himmels sein. [Mt 5,10]

[ 27 ] Verfolgung bedeutet Zuflucht, das ist ein Gegenpol. Werde ich heute verfolgt im niederen Selbst, so werde ich Zuflucht finden in dem höheren, denn das ist der andere Gegenpol.

[ 28 ] So hat man im theosophischen Sinne diese erhabenen Wahrheiten zu lesen. Es ist heute notwendig, dieses Wesentliche der Bergpredigt zu betonen aus dem Grunde, weil wir in einer Zeit leben, in der wieder ein Kern der Menschheit auf dieses höhere Selbst, auf dieses Reich der Himmel aufmerksam gemacht werden muss, um ihm bewusst zustreben zu können. Ein Teil der Menschheit muss wieder zu echten, wahren Christen werden. Sie wissen, man nennt oft mit dem missverstandenen Goethe Selbstlosigkeit die Überwindung des Sonderseins. In Wahrheit ist es aber die Aufsperrung des geistigen Selbst.

[ 29 ] Diejenigen, welche meine Wagner—Vorträge gehört haben, wissen, was wir in der Theosophie den hebräischen Geist nennen. Sie werden auch wissen, dass vom okkulten Gesichtspunkte aus, vom Gesichtspunkte der Geheimlehre aus, dieser hebräische Geist zu den bedeutenden gehört. So wahr dies ist, ebenso wahr ist es auch, dass nur dann die Zukunft eine geistige Menschheit bringen kann, wenn der ganz reine, freie, christliche Geist wiedergefunden wird. Wir brauchen die ursprüngliche Kraft, denn das höhere Selbst muss aus etwas Ursprünglichem heraus kommen. Halten Sie sich einmal vor Augen, was geschehen ist. Gewöhnlich betrachtet man die Seiten der Weltgeschichte gar nicht tief genug. Es ist richtig — denn alles Geschichtliche ist notwendig —, dass in den verflossenen Zeiten auch die Welle des Materialismus hochgestiegen ist, dass der Geist heraufgekommen ist, der sich bloß auf die äußere Sinneswelt beschränkt. Dieser Geist ist der Geist des Materialismus. Aber dieser Materialismus hat seine Bedeutung für die Menschheit verloren. Für den Einsichtigen ist der Materialismus heute ein Götzendienst; für den Einsichtigen ist es so, dass der Spiritualismus den Materialismus ablösen muss.

[ 30 ] Wenn wir die Sache so betrachten, dann werden wir sehen, dass in gewisser Weise schon das Gefäß da ist für den Geist, der hineingegossen werden soll. Wir brauchen nur ins Auge zu fassen, was ich einmal die «nördliche Strömung» und die «südliche Strömung in unserem Kulturleben genannt habe, die von Osten nach Westen gehen. Die eine ist die, welche die indisch—persisch—germanische Kulturströmung genannt wird. Die andere ist jene Strömung, welche über die chaldäischen, babylonischen, ägyptischen und südeuropäischen griechisch—römischen Länder geht. Diese zwei Strömungen müssen wir unterscheiden. Dem okkulten Beobachter stellen sie sich ganz klar dar, sodass die eine, die über Spanien herüberkommt und dem Mittelalter den letzten Einschlag gegeben hat, abgelöst werden muss von der Sanskrit—persischen—germanischen Strömung. Die sechste Unterrasse wird ganz beherrscht sein von der nördlichen Strömung. Wir können aber das, was wir erreichen sollen, nur erreichen als selbstbewusste Wesenheiten, wenn wir es also bewusst erkennen. Die Theosophen sind ja am wenigsten diejenigen, welche sagen, dass das, was geschehen soll, schon von selbst geschehen wird, denn der Mensch muss es herbeiführen. Daher müssen wir uns vertiefen in das, welche Aufgabe uns die Weltgeschichte stellt. Wir müssen erkennen, was im Niedergange ist und was im Aufgange ist, was im Aufgange der Sonne steht.

[ 31 ] Karma ist kein fatalistisches Naturbuch. Wir müssen erkennen, was es heißt, im Sinne des Christentums in die Zukunft zu wirken. Das Gefäß ist uns noch übergeben aus der Vergangenheit.

[ 32 ] Aber ebenso wenig wie aus Wasserstoff und Sauerstoff Wasser wird, wenn es der Chemiker nicht mischt, [wird Karma nicht neues Karma erzeugen], wenn der Mensch nicht handelt. Das niedere, persönliche Ich hat eine große Rolle gespielt in der materialistischen Epoche, die eben abgelaufen ist. Aus diesem Element heraus wird sich das Höhere der Menschheit erheben und sich dann zeigen in seiner Glorie.

[ 33 ] Ich sagte, die Menschen betrachten nicht tief genug die Zeitgeschichte; wir haben das mit dem Materialismus verlernt. Aber der Materialismus hat seinen äußersten Punkt erreicht. Wenn Sie im Kleinen beobachten können, so werden Sie das sehen. Nur einige kleine Symptome möchte ich dafür angeben; sie sind für den, der in die Zusammenhänge tiefer hineinzusehen vermag, ausschlaggebend. Als ich einige Stunden vor dem Vortrag in einer Zeitung über den abgegangenen [ungarischen] Minister Stephan [Tisza] las, da las ich auch einen Satz in einem Leitartikel der «Neuen Freien Presse» in Wien, der eine tiefe Ironie über unsere ganze Zeit ausspricht. Wenn es möglich ist, dass Denkgewohnheiten eines Menschen sind, dass er solche Sätze hinzuschreiben wagt, dann ist dieses Innere des Menschen schal. Der Satz heißt ungefähr: «Was ich aus diesem Menschen zu seiner Zeit herausgehört habe, da niemand wissen konnte, dass mit seinem Sturz eine Entwicklung zu Ende war, das ist der vollständige Ernst seiner Ziele.» — Es ist also möglich, dass eines großen Staatsmannes Ziele nicht ernst sind. Die Zeit ist also da, in der man den Menschen schon einen Großen nennt, der ernsthafte Ziele hat.

[ 34 ] Der Materialismus musste da sein; er hat unsere Naturwissenschaft, unsere ganze äußere Kultur geschaffen. Wir wollen auch zugeben, dass die auf das Sinnliche gerichtete Denkweise unsere Industrie und Technik hervorgebracht hat. Aber es ist jetzt wieder die Zeit des Aufstieges. Über die niedere Persönlichkeit hinaus muss der Mensch dringen zu dem, was das höhere Selbst im Sinne der Bergpredigt ist. Den Zusammenhang der niederen und höheren Welt muss er also kennen. Er muss über den Geist der fünften Wurzelrasse hinauskommen. Auch in der Schalheit ist viel Unpersönliches. Das hat sich auch auf eine unpersönliche, naturnotwendige Art vollzogen.

[ 35 ] Es liegt einem Theosophen vollständig fern, anders als objektiv die Dinge anzuschauen. Daher soll auch das, was ich jetzt sagen werde, objektiv gemeint sein. Keine Persönlichkeit soll verunglimpft werden. Es handelt sich mit diesen Persönlichkeiten um ein Symptom des Materialismus, der sich selbst eigentlich schon überwunden hat.

[ 36 ] Zwei Menschen [der Familie Rothschild] sind in der letzten Zeit kurz hintereinander gestorben. Es wäre heute nicht mehr möglich, dass jenes Symbol, welches für das Rothschildsche Welthaus das maßgebende war — es ist ein Fünfpfeil — Bedeutung gewinnen könnte. Dieser Fünfpfeil — was bedeutet er? Er bedeutet, dass bis vor einiger Zeit des verflossenen neunzehnten Jahrhunderts dieses Welthaus an fünf verschiedenen Orten Europas, dass dessen Geist an diesen fünf Orten zusammenwirkte. Das rein persönliche Selbst wirkte da, und es wirkte viel mehr die letzte Zeit aufbauend als irgendjemand, der nur äußerlich die Geschichte kennt, ahnt, der auch etwas sagen kann von dem, was verborgen ist hinter der Achtbarkeit mancher Bankhäuser, der weiß, welche Herrschaft ausgegangen ist von diesem materialistischen Geist, dass er auf unserem Staate gelastet hat und dass unsere Staatsgeschichte nicht mehr verstanden werden kann ohne Berücksichtigung dieses materialistischen Geistes. Hier ein bedeutsames Charakteristikum:

[ 37 ] Rothschild bekam einmal Besuch von einem Staatsmann. Er saß an seinem Schreibtisch, bemerkte den Besuch, schrieb aber weiter. Als das einige Zeit lang dauerte, da sagte der Staatsmann: «Ich bin Graf Soundso.» — Darauf antwortete Rothschild: «Bitte setzen Sie sich, nehmen Sie sich einen Stuhl.» — Der Staatsmann war ganz verblüfft und wiederholte noch einmal: «Ich bin Graf Soundso und komme im Auftrag des Königs.» — Und darauf antwortete Rothschild: «Bitte nehmen Sie zwei Stühle.»

[ 38 ] Dieses fünfblättrige Kleeblatt [der Rothschilds] hatte einen so gewaltigen Einfluss bekommen. Der Materialismus aber ist jetzt unpersönlich geworden; er ist mächtiger noch, als solche fünf Einzelpersönlichkeiten heute sind. Vor der unpersönlichen Aktie, wenn sie sich zusammenschließt, wären selbst diese Persönlichkeiten machtlos. Die unpersönliche Aktie, wie sie heute die Welt beherrscht, ist das äußere Symbol unserer ganz äußerlich gewordenen Welt. International, kosmopolitisch stark, ohne jede individuelle Kraft, ist heute der unpersönliche, materialistische Geist. Ihn besiegen wird nur der höher geartete, spirituelle Geist, der dann aus den Menschen strömen wird, wenn diese Menschen ihr höheres Selbst gefunden haben.

[ 39 ] Wenn sich nicht die theosophische Bewegung erweisen sollte als eine solche, die den Kernpunkt von Menschen erzieht, dann könnte

[ 40 ] noch manches sehr Bösartige im Gefolge kommen. Die Theosophische Gesellschaft ist geschaffen worden aus der Notwendigkeit unserer Zeit heraus, und jeder, der nur dadurch mitwirkt, welcher sich hie und da einmal einen theosophischen Vortrag anhört, um sich zu durchdringen mit den theosophischen Gedanken und ihn im kleinsten Kreise reproduziert —, der trägt wirklich etwas bei zu einer Erhöhung der menschlichen Spiritualität. Nur derjenige, der keine Ahnung hat von den Aufgaben unserer Zeit oder dem die Aufgaben unser Zeit völlig gleichgültig sind, könnte vorübergehen an dem theosophischen Geist, an der theosophischen Gesinnung.

[ 41 ] Tiefernst müssen wir das Christentum erfassen. Paulus ist der erste gewesen, der das Wort Theosophie gebraucht hat. Er hat es schon in unserem Sinne gebraucht. Worauf es ankommt, ist: hinauszuwachsen über den heute so viel verbreiteten sogenannten Geist des Liberalismus — der nichts anderes ist als der Chorgeist des Egoismus —, hinauszuwachsen über ihn in den Gemeinschaftsgeist aus heller, lichter Erkenntnis, nicht aus dem bloßen Gefühl heraus — denn das ist nicht das echte. So müssen wir die Theosophie auffassen und leben. Dann wird sich uns zeigen, dass wir jedes Wort in einem neuen Licht, in einem neuen Glanze sehen werden. Lassen Sie sich nicht irreführen von denen, die von der Theosophie sprechen als von einem «Neubuddhismus, die so davon sprechen, als ob sie eine ganz neue Weltanschauung nach Europa hineintrage. Ein echter Theosoph wird die Wahrheit da suchen, wo sie in der Wurzel des Volkstums zu finden ist. Deshalb habe ich mich auch bemüht, [in meinem Buche «Theosophie»] die indischen Ausdrücke durch gute deutsche Ausdrücke zu ersetzen. Das haben viele missverstanden. Das ist aber nicht so gemeint, wie Sie es auffassen. Der wahre Theosoph sagt nicht: «Ich bringe jedem etwas Fremdes», sondern er sagt sich: «Jeder Mensch und jedes Volk ist aus dem Geist geboren, und erkennen wir den Geist, so erkennen wir auch die tiefste Seele des Volkes.»

[ 42 ] So haben die großen Lehrer der Weltreligionen gewirkt. Der Buddha ist nicht hingegangen und hat seine Schüler in Indien etwas gelehrt, was in Europa heimisch war. Alle haben sie aus derselben Quelle, der Gottweisheit heraus geschöpft; aber jeder hat die Weisheit so vorgetragen, wie es sich seinem Volke geziemt hat. Vereint sind die großen Weisen in der weißen Bruderloge. Ein jeder spricht aber in der Sprache seines Volkes, seines Zeitalters und seiner Bildung, sodass ihn die Menschen verstehen können.

[ 43 ] So ist auch der Christus unter die Menschen getreten. Nicht eine Weisheit predigte er, die aus einer anderen Substanz genommen war. Nehmen wir diesen Geist, dann werden wir wieder den spirituellen Geist finden. Wir werden finden, dass es sich uns nicht ziemt, beim Alten stehenzubleiben und dass wir auch nicht in den materialistischen Geist verfallen sollen. Wir sollen uns erfüllen mit vom Materialismus freien Seelen, die zu dem höheren Selbst hinaufführen. Dann werden wir den inneren Sinn etwas fühlen, was in der Bergpredigt mit «selig» gemeint ist. Werden wir so Bettler um Geist, dann werden wir in der Zukunft teilhaftig werden der Reiche im Himmel.