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Kosmologie und menschliche Evolution
Zur Farben- und Lichtlehre
GA 91

10 August 1903, Berlin

Farben- und Lichtlehre VII

[ 1 ] Die Materie ist nichts Totes, sondern etwas in sich Lebendiges, und man wird dieses Lebendige erst dann bemerken, wenn man sie tätig, in Wechselwirkung mit einer anderen Materie sieht. Wenn man einen Kalkspat-Kristall betrachtet, so wird man seine eigentliche Natur ebenso wenig erkennen als die eines vorübergehenden Menschen. Beide müssen in Zuständen beurteilt werden, wo sich ihre innerste Natur in ihren Wirkungen zeigt. So wird der Kalkspat zwischen zwei Turmalinblättchen gebracht - wovon das eine in paralleler Stellung mit dem Lichte schwingt und es widerspiegelt, und das andere in senkrechter [Stellung] es auslöscht -, die Lichtschwingungen durch seine eigenen Vibrationen wiederum so beeinflussen, dass in dem Kalkspat regelmäßige Figuren in den schönsten Farbenspielen hervorgerufen werden. Das beruht auf dem Gesetz, dass Hell durch Dunkel gesehen gelb erscheint und Dunkel durch Hell blau. Wenn nun Hell und Dunkel sich abwechselnd decken durch Vibrationen nach verschiedenen Richtungen und an ihren Grenzen zusammentreffen, so kommen die Farben und Figuren zustande, die man beobachtet hat.

[ 2 ] Auf dasselbe Gesetz sind die Beugungserscheinungen des Lichtes zurückzuführen. Das Licht flutet durch den Raum, und alles, was wir in demselben wahrnehmen, empfängt Licht und wirft es wieder zurück. Nur dadurch können wir die einzelnen Objekte wahrnehmen. Wir sehen nur das, was Licht zurückstrahlt; und diese Strahlen empfängt unser Auge und wirft sie wiederum zurück auf das Objekt, das seinen Schatten wirft, der oft gelbe und blaue Nuancen zeigt, weil das Licht von allen Seiten sich überstrahlt.

[ 3 ] Wenn das Licht durch eine Öffnung in die Dunkelkammer fällt, so entsteht erst eine weiße Scheibe auf der gegenüberliegenden Wand und im Halbschatten rings umher Farbenringe. Das kommt daher, weil an den beiden Punkten der Öffnung die Strahlen aufgefangen und zurückgeworfen werden und Überstrahlungen stattfinden. Auf die dunklen Schattenumgebungen wird helles Licht fallen und Dunkel durch Hell farbig durchscheinen lassen. Und ebenso werden da, wo Strahlen auf Strahlen fallen, die helleren Lichtstrahlen durch die dunkleren polarisierten Überstrahlungen durchleuchten und auch Farben erzeugen.

[ 4 ] Die Materie hat auch die Eigenschaft, Licht zu verändern, und Licht in Wechselspiel mit der Materie erzeugt die Farben. Der Kalkspat hat die Eigenschaft, das Licht, das durch ihn hindurchgeht, in doppelte Strahlen zu spalten und diese Strahlen zu verändern und verschieden zu polarisieren. Der eine Strahl wird senkrecht zu den parallelen Schwingungen des andern schwingen, und ein durch den Feldspat gesehener Punkt wird dem Auge doppelt erscheinen.

[ 5 ] Geht das Licht durch einen Körper mit parallelen Wänden, so entstehen keine Farben. Geht es durch einen Körper mit geneigten Wänden, so entstehen Farben. Zum Beispiel ein Prisma, das sich oben verjüngt, wird die Strahlen kürzere oder längere Zeit aufhalten, und immer verhältnismäßig nach den verschiedenen Breiten des Prismas wird der eine Strahl früher als der andere durchkommen. Durch die verschiedenen Zeiträume bei der Brechung wird auch Hell durch Dunkel und Dunkel durch Hell wechseln und die Abwechslung von Blau und Gelb in verschiedenen Nuancen das Farbenspiel geben. So hat wiederum das Anilin die Eigenschaft, die prismatischen Farben in einer anderen Reihenfolge erscheinen zu lassen. Diese gegenseitige Beeinflussung der Materie in ihren Wirkungen beweist das lebendige Leben im Stoff. Die verschiedensten Ätherschwingungen bringen in ihm eine unaufhörliche Bewegung hervor, und Anziehen und Abstoßen bestimmen sein Verhalten.